der versuch eines fazits oder vorerst letzte worte

Tag 1 bis 503 (3.04.22. bis 18.08.23)
Distanz: 28.757 km
Höchster Punkt: 3.150 m
Tiefster Punkt: 0 m
Rauf: 251.880 m
Runter: 252.006 m

Julia: Wir haben es ja versprochen, dieser Blog soll weiterleben. Doch wie schwer ist es uns in den letzten Wochen gefallen, das Erlebte zu verarbeiten, unsere Gedanken zu sortieren und dann auch noch in eine Form zu bringen, die uns gefällt. Nun sind wir bereits über einen Monat zurück und können noch immer nicht einschätzen, in wieweit uns die Erfahrungen dieser Reise langfristig begleiten werden. Trotzdem wollen wir neben einem persönlichen Fazit, welches bezüglich einiger Aspekte nicht unser gemeinsames sondern unser jeweils individuelles ist, auf diesem Weg ein paar allgemeine Gedanken mit euch teilen. Gerade hierzu freuen wir uns wie immer über eure Kommentare oder auch eine direkte Nachricht an uns. Wenn sich über den einen oder anderen Aspekt auf diesem Weg sogar eine Diskussion entfacht, wären wir natürlich äußerst entzückt.

Tilmann: Vielleicht fangen wir mal so an, wie man eigentlich nicht anfangen sollte, weil wir damit die ganze Spannung mit der finalen großen Auflösung vorweg nehmen. Viele Menschen fragen, ob es schwierig sei jetzt wieder „stationär“ zu leben, nicht mehr Fahrrad fahren zu „dürfen“ und ob es schwer sei, wieder mit den unfreundlichen Deutschen zurecht zu kommen. All dies ist für mich tatsächlich Teil der Wiedereingliederungsschwierigkeiten, aber sekundär. Das größte Problem ist in diesem Zusammenhang, dass das Leben unterwegs so unglaublich einfach war. Heidewitzka, ihr macht euch ja keine Vorstellung, wie easy das Leben auf dem Rad im Vergleich zum „normalen“ Leben ist. Worum musste man sich schon kümmern? Genug Essen und Trinken für ein oder zwei Tage auftreiben und einen Schlafplatz finden. Hin und wieder mal das Fahrrad oder noch viel seltener das andere Equipment warten, das war’s!

Was steht hingegen in Deutschland an? Arbeitssuchend melden, arbeitslos melden, Arbeitslosengeld beantragen, zur Meldebehörde, Wohnung suchen, Job suchen, Haus suchen, zum Notar um eine Grundschuld zu löschen, bei Foodsharing anmelden, sich ein sinnvolles Tagewerk überlegen, Infoabende fürs Geburtshaus besuchen, Anschreiben der Krankenkasse beantworten, Steuererklärung machen und jeden Morgen aufwachen mit dem Gefühl heute bezüglich einer dieser ganzen Pflichten einen signifikanten Schritt weiter kommen zu müssen. Ich stelle nun auch fest, wie unbelastend es war, keine langfristigen Kontrakte, wie Miet-, Versicherungs-, Mobilfunk und Energieversorgungsverträge gehabt zu haben. Vielleicht ist es grundsätzlich einfacher, relative Freiheit im Vergleich zu relativer Unfreiheit wahrzunehmen und dies sogar erst retrospektiv, wenn man sich in Zweiterer befindet und auf einen Zeitraum ersterer zurückblicken kann.

Julia: Dabei hatten wir uns unterwegs immer ein wenig amüsiert über den Mythos der Freiheit, der einer Reise wie unserer anhaftet. Viele haben uns beneidet, für die Freiheit, die wir auf unserer Reise erleben würden. Endlich frei sein, keine Verpflichtungen, jeden Tag machen, was man will. Ein Bild der grenzenlosen Weite entsteht in allen Köpfen. Viele Selbst-Reportagen über Weltreisen zeichnen auch genau dieses Bild und bedienen damit die Erwartungen ihres Publikums. Anfangs warteten wir darauf, dass uns das Gefühl der Freiheit tatsächlich übermannen würde, doch eigentlich geschah das nie so richtig. Natürlich mussten wir nicht jeden Tag zur Arbeit, vergaßen schnell, welcher Wochentag war und waren hauptsächlich uns selbst gegenüber verpflichtet. Aber dafür steigt der Aufwand sich um sich selbst zu kümmern immens: Wo können wir einkaufen, wann sollten wir das tun, bekommen wir genug Wasser, finden wir einen Platz zum Schlafen, wo können wir wieder duschen und unsere Wäsche waschen? Dinge, über die man sich im Alltag zuhause nicht den Kopf zerbrechen muss und die deshalb nur die Zeit kosten, sie umzusetzen, nicht sie zunächst zu organisieren bzw. sich darüber Gedanken zu machen. Das schränkt die gefühlte Freiheit ein. Hinzu kommen Umstände, die einen nicht belasten, wenn man einen festen Wohnsitz hat: Regen, Wind, Kälte, Hitze. Das bedeutet: Schutz gegen das Wetter finden und mit den eigenen Kräften haushalten. Ebenfalls gilt es einige Termine einzuhalten z.B. im Sommer nicht im Iran zu landen und im Winter nicht in der Türkei zu sein, das hört sich vielleicht langfristig und dadurch flexibel an, wer mit dem Fahrrad unterwegs ist, muss sich dafür an einen guten Plan halten und sehr sehr vielen Radreisenden gelingt das nicht…

Tilmann (der Julia immer gerne ins Wort fällt): Tatsächlich waren wir erstaunt, wie reichlich unintelligent viele andere Radreisende sich bezüglich wann/wo verhielten. Wir konnten über Social Media viele verfolgen, wie sie sich im Winter in den türkischen Bergen durch den Schnee kämpften und sich dann im Sommer um 2 Uhr morgens bei 35 Grad im Oman aufs Fahrrad schwangen, um der Tageshitze (50 °C) zu entgehen.

Julia: …Die eigene Freiheit wird auch dadurch eingeschränkt, dass man auf Grund seinen Lebens als quasi Obdachloser immer wieder auf die Unterstützung von anderen Menschen angewiesen ist, beispielsweise der Gastgeber, die einen während der Reise privat beherbergen. Das ist einerseits eine sehr bereichernde Erfahrung, selbstverständlich ist aber auch ein hohes Maß an Höflichkeit und Rücksichtnahme gegenüber diesen Menschen, die ihre Wohnung mit uns teilten gefordert. Viele Absprachen sind nötig und gelegentlich unternahmen wir aus Höflichkeit gemeinsame Aktivitäten, auf die wir eigentlich gerade nicht wirklich Lust hatten.

Tilmann: Dies kann man natürlich umgehen, indem man weitestgehend auf gewerbliche Beherbergung anstatt auf gastfreundliche setzt, die finanzielle Freiheit dazu hätten wir eigentlich gehabt. Man könnte also fast so weit gehen zu sagen, dass der Freiheit unterwegs genauso viele, wenn auch andere Grenzen gesetzt sind, wie dem stationären Leben mit all seinen Verpflichtungen. Was stimmt, ist das Bild der endlosen Weite, die einen wirklich einmal tief durchatmen lässt, bevor man sich wieder den alltäglichen Verpflichtungen des Reisealltags zuwendet. Wenn man (Aspekte der) Freiheit als einen weitestgehenden Wegfall von Verpflichtungen und damit einhergehenden um sie kreisenden Gedanken sieht, so waren wir unterwegs doch um einiges freier als wir es vorher waren und jetzt wieder sind. Und auch wenn die unterwegs aufgetretenen Scherereien uns ein ums andere mal auf Trab hielten und auch mal Sorge bereiteten, so bleibt doch festzuhalten, dass wir uns in den 1,5 Jahren meist viel unbeschwerter fühlte als in Deutschland.

Und um noch einmal auf das Thema Finanzen zurück zu kommen: Die Reise war unglaublich kostengünstig. Finanziell hätten wir durchaus die Freiheit gehabt noch viele Jahre auf diese Weise weiter zu machen, auch wenn wir uns wesentlich mehr Luxus in Form von Hotel- und Restaurantbesuchen gegönnt hätten.
Die vermeintliche ultimative, denn finanziell nachhaltige Freiheit hätten wir uns zumindest in der Theorie durch die Vermarktung der Reise erkaufen können. Sicherlich gibt es eine Handvoll Reisender, die das geschafft haben, aber unserer Einschätzung nach bedeutet das nicht Freiheit sonder sehr viel Arbeit. Nur guter Content (wenn überhaupt) wird auch mit Followern belohnt. Ein guter Videoschnitt ist ein zeitintensives Unterfangen und erbringt pro Video weniger al ein Cent pro Click und das natürlich nur bei einer Mindest-Followerzahl im unteren bis mittleren vierstelligen Bereich. Ab ca. 50.000 Follower hat man eine gewisse Chance einen Verlag zu finden, der das eigene Buch veröffentlicht (diese Eckdaten wurden uns unterwegs von Reisenden berichtet). Zur Erinnerung: Wir hatten nach 1,5 Jahren gut 500 Follower. Und wie bekommt man an mehr Follower? Ehrlich gesagt: Grundsätzlich wissen wir, warum wir nicht mehr haben, aber ob unser Erfolg mit mehr Fleiß, besserem Equipment und den am derzeitigen Trend orientierten Inhalten durch die Decke geschossen wäre, wer weiß? Selbst wenn man diese Wünsche bedient, heißt das noch nicht, dass es klappen wird. Das brasilianisch-portugiesische Pärchen das wir in Eilat getroffen haben, hatte große Pläne, die weitere Reise durch Selbst-Vermarktung zu finanzieren. Sie gingen davon aus ihren 5.000-Follower-starken Instagram-Kanal durch das entsprechende Investment selbstverständlich vergrößern zu können. „You know, at the moment sometimes we are not paying enough attention to our followers or just forget what is necassary. When we enjoy a sunddown at a beach we need to go live to share those moments with our community!“ Hört sich irgendwie nicht nach Freiheit an. An einem Punkt unserer Reise entschieden wir deshalb, nicht diesen Weg zu gehen.

Julia: Einer Freiheit haben wir uns ganz bewusst selbst beraubt. Interessanterweise ist das genau jene speziell dem Radreisen zugesprochene Freiheit auf die insbesondere Reisende zu Van oder Motorrad manchmal ein wenig neidisch sind: Die Möglichkeit jederzeit ins Flugzeug zu steigen, wenn es vermeintlich anders nicht weiter geht, oder, so ist es wohl aufrichtiger, wenn man den entsprechenden Wunsch verspürt. Für uns endete jedoch an diesem Punkt unsere eigene Freiheit, wo wir das Verhältnis zwischen der eigenen hedonistischen Lebensabschnittsgestaltung und dem damit angerichteten Schaden aus dem Lot geraten sahen.

Tilmann: Und damit kommen wir mal weg von dieser ins küchenphilosophische hineinragenden Thematik um das Freiheitsgefühl zu einer ganz bodenständigen Angelegenheit. Das hat jetzt auch weniger mit einem persönlichen Fazit, als viel mehr damit zu tun, dass uns das Thema schon seit einer Weile sehr wichtig ist und uns auf und nach unserer Reise sehr beschäftigt hat. Bringen wir es zunächst einmal auf den Punkt, denn das ist wichtig für unsere anschließend noch einmal erläuterte Sicht zum Thema Fliegen: Unserer Reise hat einzig und allein den Zweck erfüllt, uns Spaß zu machen. Wir waren in dieser Zeit 100 % unproduktiv und daher konnte dieses Unterfangen keiner Gesellschaft und niemandem außer uns selbst irgendeinen Mehrwert bescheren, außer vielleicht euch, unseren treuen Leser*innen, denen die Lektüre hoffentlich zumindest ein wenig Zerstreuung bieten konnte.

Für uns war deshalb klar, dass wir dann aber auch nur den kleinstmöglichen Schaden anrichten wollen. Und auf Reisen macht man das nun mal indem man die umweltfreundlichsten Transportmittel nutzt und verdammt noch mal unter keinen Umständen in ein Flugzeug steigt.

Julia: Ehrlich gesagt war das Thema während der Reise ziemlich präsent, das hatten wir so nicht erwartet. Wir beide hatten schon vor Jahren unabhängig voneinander entschieden, nicht mehr zu fliegen, sprich wir haben uns das nicht extra für diese Reise vorgenommen. Tja, aber unterwegs wurde dann ziemlich schnell klar, (ehrlich gesagt, war das sogar schon bei der Abfahrt klar) dass Hanoi nicht ausschließlich über Straßen zu erreichen ist, weshalb wir dann die Route ab dem Iran ja komplett geändert haben. Und dabei wurden dann auch schnell klar, dass unser Ziel gar nicht ein bestimmter Ort war, sondern eben so viel und so weit wie möglich Fahrrad zu fahren. So simpel kann es sein. Günstiger Nebeneffekt dieser Entscheidung war, dass wir dort landeten, wo wir ansonsten wohl nie hingekommen wären. Und das ist doch wohl auch etwas Besonderes.

Tilmann: Bis auf ganz wenige Ausnahmen sind eigentlich alle anderen Reisenden, die wir getroffen haben, ganz selbstverständlich und häufig ins Flugzeug gestiegen. Lustigerweise haben viele trotzdem behauptet, dass sie ja eigentlich aufs Fliegen verzichten wollten. Aber dann standen sie halt am Flughafen von Dubai und wollten halt unbedingt nach Delhi und da ging es halt leider nicht anders. Das ist ungefähr so überzeugend wie zu sagen: „Ich wollte mich ja gerne vegan ernähren, aber dann hatte ich halt Lust auf ein blutiges Steak und dann ging es halt nicht anders, Bro’.“

Julia: Meine Bemühungen in dieser Radreisenden-WhatsApp-Gruppe von der wir an dieser Stelle schon berichteten, liefen ja auch komplett ins Leere. Nicht eine*r war auf meiner Seite. Insbesondere Gruppenmitglieder aus Lateinamerika verstanden noch nicht einmal den Grund, weswegen man überhaupt darüber diskutieren sollte. Sie vermuteten lange es ginge um das Finanzielle. Flugscham existiert dort nicht, die meisten können sich das Fliegen aber auch nicht leisten, da sie weniger wohlhabend sind und keine Billigairlines auf ihrem Kontinent operieren. Ja und wir selbst fanden uns auch immer wieder in echten Gesprächen von Angesicht zu Angesicht wieder, in denen unsere Aussage, wir würden nicht fliegen, einfach nicht verstanden oder ignoriert wurde. Das krasseste Beispiel hierfür war sicherlich Israel. Dieses Land können seine Einwohner*innen ja praktisch nur auf dem Luftweg verlassen, sobald sie Ägypten und Jordanien überdrüssig sind. Unter den meisten Fahrradreisenden ist zumindest das Konzept des Nicht-Fliegens angekommen, allerdings wird es kaum in die Tat umgesetzt.

Tilmann: Zwei Ausreden werden dabei besonders gerne bemüht: Es beginnt meist mit dem Hinweis darauf, dass man sich ja nun einen lang gehegten Traum erfülle und das heilige ja alle Mittel. Wieso das so sein soll, erschließt sich zwar eigentlich nicht, aber nun gut. Steigt man jetzt wirklich einmal in die weitere Diskussion ein und weist auf die mit dem Flugverkehr verbundenen Problematiken hin, endet die Argumentationskette meist mit dem Hinweis, auf den eigenen Beitrag zur Völkerverständigung. Hier sind wir bei dem Argument angekommen, dass wir schon weiter oben, bei unserer Beteuerung der absoluten Nutzlosigkeit (außer für unseres Hedonismus) dieser Reise nicht weiter beleuchtet haben und möchten euch bitten euch bis zu seiner Entkräftung erneut noch ein wenig zu gedulden.

Julia: So fanden wir uns also während unserer Reise immer wieder in der Situation unsere Position zu überdenken und zu schärfen. Eigentlich gibt es daran wenig zu rütteln: Wer ins Flugzeug steigt ist für dessen im Vergleich zu anderen Transportmitteln sehr hohen CO2-Ausstoß mit verantwortlich. CO2-Ausstoß schadet dem Klima. Wer dem Klima zum Privatvergnügen nicht unnötig schaden will, sollte Fahrrad fahren. Das tolle daran ist, dass es wunderbar funktioniert. Wie man an uns sieht, kommt man unfassbar weit mit dem Fahrrad, sieht wunderschöne Landschaften, trifft tolle Menschen und erlebt verrückte Dinge, also alles, was man von einer Reise erwartet, oder nicht? Und obacht! Wir wären ja theoretisch noch viel weiter gekommen mit dem Rad. Hätten wir uns nach Pakistan gewagt und uns noch mehr Zeit gelassen, dann hätten wir es vielleicht mit ein wenig Warten und Beharrlichkeit noch wer weiß wo hin schaffen können.

Tilmann: Na ja, vielen hat unsere Meinung nicht gefallen und abgesehen davon haben wir uns häufig zurückgehalten. Oder wir haben halt einfach unsere Haltung bzw. unsere Art zu Reisen dargestellt und das so stehen lassen. Das blieb dann auch regelmäßig unkommentiert und ungekontert. Seien wir mal ehrlich: Reisen ist vielleicht mehr ein Statussymbol als dass es wirklich dem persönlichen Glück dient (vielleicht trifft das auch eher oder deutlicher auf Urlaub zu) und das allgemein verbreitete Phänomen wird bisher kaum generell in Frage gestellt. Fliegen gehört immer noch wie selbstverständlich dazu. Dabei gibt es bekanntermaßen ja auch in Deutschland oder selbst in der eigenen Region viele interessante Dinge zu entdecken. Jeder kennt doch den Klassiker, dass man genau dort, wo man lebt die relevanten Sehenswürdigkeiten nie besucht hat, was man realisiert, wenn man wegzieht.

Wir sind bald durch mit diesem Thema, aber ein letzter Schwenker noch: In bereits oben angesprochener WhatsApp-Gruppe war sich eine radfahrende Flugreisende mal nicht zu schade, die Frage aufzuwerfen, wieso man sich jetzt unbedingt auf den Aspekt des Nicht-Fliegens bzw. Fliegens kapriziere. Man könne ja genauso gut anfangen, den Müll aufzusammeln, der überall herumliege, um etwas für die Umwelt zu tun. Reichlich fadenscheinig dieses Argument, was soll das? Das könnte man vielleicht in einer Chatgruppe einwerfen, wo es um den Verzicht auf den Erwerb verpackter Waren ginge, ein im direkten Zusammenhang stehendes Thema. Beim Reisen geht es aber ums Reisen und daher ist die Frage naheliegend, welches Mittel man dazu wählt. Wenn man Müll sammeln will, kann man auch da am besten vor oder zumindest in der Nähe der eigenen Haustür anfangen.

Übrigens haben wir gerade erst im Radio die Einschätzung der nach wie vor sehr selbstbewussten Luftfahrtindustrie gehört, dass von Flugscham wohl kaum die Rede sein könne, denn die Leute würden ja offenkundig fliegen. Das stimmt und die Tendenz ist weiter steigend.

Julia: Natürlich ist an uns nicht gänzlich vorbeigegangen, was so in Deutschland besprochen wurde in unserer Abwesenheit. So wurde in den letzten 1,5 Jahren in Bezug auf die Verantwortung und klimaschutzangepassten Verhaltens jeder und jedes einzelnen auch viel über Verzicht gestritten. Vermutlich wird der eine oder die andere unseren Reise-Style (also nicht nur unsere No-Flight-Policy sondern auch die Durchquerung der unattraktivsten Einöden mit Rad und nicht Zug/Bus) als einen solchen Verzicht interpretieren. So wahr wir hier schreiben, wir sehen das nicht so, würden unseren Way of Cycle sogar als Bereicherung einordnen. Auf jeden Fall hat es unseren persönlich Horizont erweitert, denn es gibt auf der Welt eben nicht nur touristische Highlights zu entdecken, sondern viel viel mehr. Wir konnten auch unsere Grenzen austesten und ohne Not im Elend Probe liegen. Das sind auch wertvolle Erfahrungen, denn bekanntermaßen beginnt das Leben erst hinter der eigenen Komfortzone.

Julia: Also noch einmal etwas detaillierter: Da wir hauptsächlich im Zelt wohnten, den Winter in südlichen Ländern, den Sommer in nördlichen Ländern verbrachten, entfallen auf unser Konto nur wenig Energie für Heizen, Kühlen und Strom. Nur gelegentlich, wenn wir bei Gastgebern oder in Hotels waren, stiegen unsere Verbräuche kurzfristig auf Normalwerte. Natürlich haben wir einige elektrische Geräte, die geladen werden mussten, nutzten dafür aber auch viel unsere Solarzelle und unseren Dynamo (Anker / Appcon3000).

Natürlich mussten wir während unserer Reise auch Essen (signifikant mehr als sonst, da wir mehr Kalorien verbrauchten). Tatsächlich konnten wir während unserer Reise nicht so nachhaltig Lebensmittel konsumieren, wie in Deutschland. Aufgrund des vorhandenen Produktangebots, haben wir beispielsweise sehr viel in Plastik verpackte Ware gekauft, wir haben versucht uns gegen Plastiktüten und Plastikbecher zu wehren, was nicht immer gelang. Ob wir regionale Produkte kauften oder nicht, wussten wir oft nicht.

Und wir haben unsere vegane Ernährung für die Reise bald aufgegeben und sind aus pragmatischen Gründen zur vegetarischen gewechselt, zumindest für einige Situationen: Wenn es ansonsten nur Gemüse und Brot gab, wenn wir die Produktinhalte nicht klären konnten, wenn wir eingeladen wurden und es schon schwer genug war, zu erklären, dass wir kein Fleisch essen.

Unterm Strich haben wir aber unseren ökologischen Fußabdruck im Vergleich zum Leben davor (und danach) massiv reduziert und irgendwie ist das auch ganz geil sich deswegen ein bisschen selbst auf die Schulter zu klopfen. Vielleicht können wir ja sogar doch ein bisschen influencen und als gutes Beispiel vorangehen. Die Hoffnung, dass uns andere Radreisende nacheifern stirbt zuletzt. Also wenigstens sollte es uns doch gelungen sein zu zeigen, dass auch eine Reise ohne Flugzeug eine schöne und aufregende Reise sein kann.

Tilmann: Und selbst wenn nicht: Wir sind Fans des kategorischen Imperativs. Sonst könnte man sich ja bei jedem Handeln, das man für grundsätzlich richtig hält, dessen eigentliche Wirkung aber vom Mitmachen der Mehrheit abhängt, einreden, die eigene Anstrengung sei der Mühe nicht wert, denn was kann ein Mensch schon ausrichten. Ist euch allen bekannt, darauf müssen wir ja nicht noch weiter eingehen. Vielleicht noch ein letztes zum Thema Verzicht: Das Gefühl, auf etwas verzichten zu müssen, ist aus unserer Sicht eine Emotion, die einen nur so lange triggert, bis man damit beginnt. Denn dann merkt man schnell, dass es gar nicht so schlimm ist, wie man vorher dachte. Und glaubt uns, wir haben das nicht nur beim Thema Fliegen am eigenen Leib ausprobiert, sondern auch bei den Themen In-einem-Bett-Schlafen, Jeden-Tag-Duschen, Saubere-Kleidung-Tragen, Unbeobachtet-Auf-Toilette-Gehen, Essen-Worauf-Man-Lust-Hat-Und-Nicht-Das-Was-Es-Eben-Gibt uvm. Es war nicht schlimm auf diese Annehmlichkeiten zu verzichten, auch wenn sich das manche kaum vorstellen können.

Julia: Jetzt wollen wir aber endlich das „Versprechen der Völkerverständigung durch Reisen“ entzaubern. Wir fragen uns, ob das eigentlich wirklich Menschen ernst meinen, aber es scheint tatsächlich so zu sein: Menschen bilden sich ein, mit ihrem Durch-die-Welt gejette zur Völkerverständigung beizutragen. Wir haben selbstverständlich die Erfahrung gemacht, dass dies in nur sehr begrenztem Umfang stattfinden kann. Auch wenn wir in einigen Ländern viel Zeit verbracht haben und bei vielen Menschen zu Gast waren, natürlich viel gesehen und auch einiges gelernt haben, denken wir nicht, dass durch unsere Reise die Welt näher zusammengerückt ist und damit dem Weltfrieden der Weg geebnet wird.

Tilmann: Aber Moment, mag man da sagen! Oben habt ihr doch gesagt, dass es mit dem eigenen Verhalten und dem Einfluss auf die großen Zahnräder ohnehin nicht weit her ist. Wenn man selbst nicht einsteigt, fliegt das Flugzeug ja trotzdem und wenn man das Schnitzel im Supermarkt liegen lässt, ist das Schwein ja schon geschlachtet und auch das nächste wird es wie geplant. Was ist mit dem Kategorischen Imperativ? Im Gegensatz zu Fliegen und Verzehren, wo nur genug mitmachen müssten, damit es im großen Maßstab gelingt, funktioniert das mit der Völkerverständigung auf einer ganz grundsätzlichen Ebene nicht durch Reisen im Allgemeinen. Im Übrigen reisen gefühlt schon genug Menschen (Deutsche), doch der behauptete Effekt des kulturellen Austauschs gelingt nicht. Wieso ich das meine? Guckt euch doch um in der Welt. Ein Zuwachs an Reisenden würde die Stimmung vielleicht sogar ins Gegenteil kippen (oh Gott, nicht noch mehr Touristen!)

Julia: Das größte Problem ist wohl, dass häufig enorme Sprachbarrieren einen tiefgehenden Austausch verhindern. Die meisten Gespräche gingen also darum, die Namen des anderen zu erlernen, zu erfahren, wie viele Kinder die Familie hat und ob sie schon immer in diesem Dorf lebt (was meistens der Fall war). Wir wiederum wurden ebenfalls gefragt, ob wir Kinder hätten und welchem Job wir nachgingen, was sich aus unserer Sicht eigentlich von selbst beantwortete. Dass man in solchen Situationen nicht über die Unterschiedlichkeit und Gemeinsamkeit unserer Kulturen spricht und versucht Vorurteile abzubauen, ist klar. Doch auch, wenn wir Menschen trafen, mit denen wir eine gemeinsame Sprache sprachen, die uns dann verständlich erklären konnten, dass Hitler ja nicht alles falsch gemacht hätte und wir als höfliche Gäste im freundlichen Ton versuchten zu erklären, dass wir dem keinesfalls zustimmen konnten, denken wir nicht, dass diese Begegnung und unsere Widerrede zu einem Umdenken bei unserem Gesprächspartner geführt hätte.

Selbstkritisch haben wir auch festgestellt, dass wir so viel mit unseren eigenen Angelegenheiten beschäftigt waren, dass viel zu wenig Zeit blieb, uns mit der Lebenswirklichkeit der Menschen, die wir besucht haben, tatsächlich auseinanderzusetzen. Wir hätten gerne die Zeit gefunden, mehr über die Geschichte, Politik und Sprache der verschiedenen Länder zu lernen, um dann mit den Menschen, die wir getroffen haben, anregende Gespräche führen zu können und Fragen zu stellen, mit denen wir unser Wissen erweitern hätten können. Doch das ist uns nur selten gelungen. Meistens war es eben doch nur Small Talk. Häufig haben wir nur beobachtet und dabei wahrscheinlich oft Schlüsse gezogen, die auf unseren Lebenserfahrungen beruhen und damit nicht erfuhren, was wirklich dahinter steckt.

Tilmann: Völkerverständigung braucht viel Zeit, viel Geduld, viel Verständnis. Das alles haben wir nicht mitgebracht. Wir haben neue Bilder in unseren Köpfen von den Ländern, die wir bereist haben, einige Vorurteile haben wir abgebaut (nicht alle Albaner sind Gangster 😉 andere sind jedoch erst während der Reise entstanden (die meisten Iraner sind aufdringlich und überdreht ;-). Und zugegebenermaßen haben wir nicht den Eindruck, zu sehr von uns auf andere zu schließen, wenn wir diese Erfahrung verallgemeinern. Wir haben Reisende getroffen, die nach 40 Tagen in der Türkei noch nicht einmal „Afiyet olsun!“ (Guten Appetit!) verstanden, obwohl einem diese Wunschformel dort von allen Seiten um die Ohren fliegt, sobald man in der Öffentlichkeit zu Speise oder Getränk greift (übrigens wird sie auch am Ende einer Mahlzeit noch einmal wiederholt). Wir haben Reisende getroffen, die nach vier Wochen im Iran nicht eine Einladung zum Essen oder zur Übernachtung angenommen hatten. Wir haben Reisende getroffen, die Israel vollkommen indiskutabel und nach ihrer regelrechten Flucht über den Jordan als keines Besuches wert abgehakt haben. Und jetzt mal ehrlich: Wer sich wirklich nicht von dem Gedanken verabschieden möchte, während seines Urlaubs den Weltfrieden zu fördern, der sollte da vielleicht doch in unserer direkten Nachbarschaft mit anfangen. Polen, Franzosen und Österreicher haben im Durchschnitt wohl ein viel schlechteres Bild von uns als Armenier, Iraner und Indonesier. Da ist wirklich immer noch Verständnisförderung untereinander erforderlich.

Julia: Was uns wirklich beeindruckt und verändert hat, ist die Unterstützung, Hilfeleistung oder himmlischer ausgedrückt die Nächstenliebe, die wir erfahren haben. Das ist keinesfalls auf bestimmte Kulturkreise beschränkt, auch wenn Unterschiede auszumachen sind. In muslimischen Ländern wurden wir signifikant reichlicher beschenkt, häufig eingeladen und unzählige Male willkommen geheißen. (Ihr erinnert euch sicher, dass uns das im Iran schnell zu viel wurde und zu unserer Wortneuschöpfung der Gastfreudigkeit führte.) In christlich geprägten Ländern, waren die Menschen zurückhaltender, doch sobald man um eine kleine Hilfestellung bat (beispielsweise Wasser), wurde man auch dort mit großer Herzlichkeit zu viel viel mehr eingeladen. Auch über die einschlägigen Online-Vermittlungen von Übernachtungsmöglichkeiten (warmshowers und couchsurfing) haben wir Gastgeber kennengelernt, die uns empfangen haben, als wären wir Teil der Familie. Niemals wurde eine Gegenleistung erwartet, die Menschen haben das einfach gerne gemacht, sie empfinden Freude dabei, anderen zu helfen. Ehrlich gesagt, kennen wir diese Art der Großzügigkeit, Gastfreundlichkeit und Hilfsbereitschaft gegenüber Fremden aus Deutschland nicht.

Tilmann: Wie zum Beweis wurde mir die Zucchini, die ich am ersten Tag der Rückkehr nach Deutschland im Kreis Schleswig-Flensburg geschenkt bekam, von einem Türken überreicht.

Natürlich hat der auf unserem Trip erlebte Support auch viel mit der Religiosität in diesen Ländern zu tun. In islamischen Ländern hängt der ausgeprägte Drang Reisende zu beschenken sicher mit dem Zakāt zusammen, also einer der Grundsäulen dieser Religion, denn Reisende, noch dazu so offenkundig arme, dass sie mit dem Fahrrad reisen müssen, gelten offenbar grundsätzlich als hilfsbedürftig. Ob hingegen in christlichen Ländern eine Korrelation zwischen allgemeiner Gläubigkeit und Bereitschaft zum Geben besteht, können wir aufgrund unserer Erfahrung nicht sagen. Vielleicht kann man solche Tendenzen in Polen, Griechenland oder Armenien erkennen, vielleicht aber auch nicht. Wie ja eigentlich allgemein bekannt ist, vertreten alle großen Religionen im Prinzip die gleichen Leitideen von Nächstenliebe und Frieden. Dabei ist natürlich grundsätzlich klar, dass man auch ohne religiöse Anleitung Sinn darin finden kann, andere Menschen zu unterstützen, ohne einen (direkten) Nutzen zu erwarten. Wobei die Dankbarkeit, die man erfährt ja eigentlich auch als direkter Nutzen interpretiert werden kann, denn schließlich kann das eigene Selbstwertgefühl dadurch einen Höhenflug erleben. Und ansonsten greift hier ja wieder der Kategorische Imperativ bzw. das gute Beispiel und es gibt einen berechtigten Grund zur Hoffnung, dass gute Taten auf irgendeinem Weg durch das Universum honoriert werden.

So sehr wir diese Einstellung zwischen den Menschen auch schätzen gelernt haben und uns davon einige Scheiben abschneiden werden, müssen wir doch auch hier ein bisschen Lebertran auf die Leberwurstsemmel träufeln: Die vor Gastfreudigkeit hyperventilierenden Iranerinnen und Iraner überhäuften uns regelmäßig mit Bergen an Früchten, die wir bald nicht mehr schleppen konnten und sie teilweise wie ein Heißluftballon seine Ballastsäcke wieder abwerfen mussten. Gleichzeitig ist der Iran das einzige islamische Land gewesen, in dem wir Menschen im Müll nach Essen wühlen sahen. Warum gerade wir, als solvente und bereits übermäßig privilegierte weiße Europäer so sehr beschenkt wurden, hat die Offenkundigkeit der weltweiten Ungerechtigkeit erneut bestärkt.

Und damit wären wir bei unserer Erkenntnis, dass man diese sprichwörtliche, außerhalb Mitteleuropas weltweit verbreitete Gastfreundlichkeit, von der ja jeder (Welt-)Reisende schwärmt, auch nicht überbewerten sollte. Dass sich Individuen einer Säugetierspezies gegenseitig unterstützen, ist eigentlich eher die Regel als eine Besonderheit. Ja, einzelne Schimpansengruppen führen Kriege gegeneinander, aber das gelingt Menschen ja auch recht regelmäßig und effizienter. Dabei bleibt die Nächstenliebe aber häufig, so unsere Erfahrung, auf die eine aktive und temporäre Entscheidung begrenzt, einer Person oder Gruppe in einem bestimmten Moment Unterstützung zukommen zu lassen. In unserem Fall war das nebenbei bemerkt ja oft überhaupt nicht besonders Notwendig, weil wir so gut wie nie in akut hilfsbedürftigem Zustand waren. Gleichzeitig entscheiden sich diese Unterstützerinnen und Unterstützer während ihrer Alltagsbewältigung aber zum Vordrängeln an der Kasse, zum rücksichtslosen Verhalten im Straßenverkehr, zum Konsum von Produkten in deren Herstellung mitunter viel menschliches Leid fließt, zu einem ressourcenintensiven Lebensstil der Umwelt und Klima schädigt, kurzum die meiste Zeit ist das Leben dominiert von Verhalten, was Fremden eher schadet als sie begünstigt.

Von dem Verhalten gegenüber nicht menschlichen Tieren ganz zu schweigen. Während wir, wie gesagt, vielerorts viel Hilfestellung erhielten, scherten sich die gleichen Menschen offenkundig nicht im Geringsten um das Wohlergehen der Tiere in ihrer Umgebung, sei es Schlacht-oder Milchvieh, seien es die geliebten Kamelen mit ihren von Stricken verursachten offenen Wunden, Pferde mit deformierten Hufen oder verwahrloste Straßenhunde und Katzen, die ein jämmerliches Dasein fristen und sich kein Mitleid erhoffen dürfen.

Julia: Und, um noch einen weiteren Bogen um dieses Thema zu spannen, erfahren gerade Flüchtlinge nicht die gastfreundliche Hilfestellung wie Reisende, obwohl diese sie bitter nötig hätten. Zu drei Gelegenheiten trafen wir Flüchtlinge, die es gerade über die Grenze nach Europa geschafft hatten: In Österreich, in Griechenland und in Polen. Alle drei Begegnungen berührten uns sehr und werden uns lange in Erinnerung bleiben. Alle diese Männer waren in offensichtlich schlechtem Zustand und baten um Wasser und Essen. Wir erfuhren (nicht von ihnen selbst, sondern durch Gespräche mit Menschen, die dort lebten), dass sie von der ansässigen Bevölkerung größtenteils nicht freundlich empfangen wurden, es herrschte eher Misstrauen, Angst, Ablehnung oder Ignoranz. Wir erlebten diese Menschen hingegen als zurückhaltend und hilflos, nicht als gefährlich oder aggressiv. So vielschichtig das Thema Flucht und Asyl auch ist, für uns ist klar, dass sich kein Mensch erlauben kann, Flüchtlinge abzulehnen, wenn er/sie weiterhin dazu beträgt, den Planeten aufzuheizen. Denn auch Flucht ist und wird immer mehr eine Folge des Klimawandels sein.


Julia: Doch jetzt gehen wir endlich mal weg von diesen schweren gesellschaftlichen Themen und beschäftigen uns endlich einmal ganz hedonistisch mit uns selbst und der Frage bzw. Annahme, ob wir uns denn nun selbst gefunden haben auf dieser Reise. Vielleicht haben wir das und falls ja, dann da wo wir vorher auch waren. Wir sind jedenfalls nicht zu besseren Menschen geworden, allerdings auch nicht zu schlechteren. Trotz der oben beschriebenen Leichtigkeit des Radreiselebens im Vergleich zum Leben im Hamsterrad haben wir uns, wie ihr ja in den vergangenen 1,5 Jahren hier mitlesen konntet, selbst in der ein oder anderen schwierigen Situationen wiedergefunden. Wir sind damit zugegebenermaßen nicht immer souverän umgegangen. Zu oft haben wir stattdessen zu viel gestritten, ich habe häufig geweint, wir waren beide wütend und traurig oder einfach nur erschöpft und niedergeschlagen. In solchen Situationen waren wir auch nicht immer Vorzeige-Gäste. In der jeweiligen Situation hat uns dieses Handling nicht wirklich gestärkt, eher geschwächt. Immerhin können wir das aber im Rückblick reflektieren und sind für das nächste Abenteuer mit mehr Achtsamkeit ausgestattet.

Als erleuchtete Menschen sind wir dadurch dennoch nicht zurückgekehrt. Eigentlich sind wir so wenig verändert zurückgekehrt, wie es bei den banalen Gedanken, die einem während eines Tages im Sattel durch den Kopf schwirren (wann machen wir Pause, wann Wasser auffüllen, wo können wir schlafen?) erwarten lassen. Selbstverständlich haben wir auch Dinge gelernt: Zum Beispiel war der Trip ein sehr verdichteter Beweis für den Umstand, dass im Leben nichts so kommt, wie man es plant und dass alle Erfahrungen sehr individuell sind, da sie von so vielen Zufällen abhängen. Es ist und bleibt so: Man muss alle Erfahrungen selber machen und kann nichts lernen aus den Erfahrungen anderer. Letztendlich hängt das auch von jeder einzelnen Begegnung ab oder einfach auch davon, durch welche Brille man die Welt betrachten möchte. Wir haben gelernt und uns daran gewöhnt ohne Luxus bzw. die Annehmlichkeiten der Wohlstandszivilisation auszukommen: Kein Bett, keine Dusche, keine Toilette, kein Tisch, kein Stuhl, keine Küche mit Spülmaschine. Um lange Reisen zu können und auch noch ein Finanzpolster nach der Rückkehr zu haben, waren wir sparsam unterwegs: Nur selten ins Hotel, nur selten Essen gehen, Konsumgüter wären sowieso zu viel Ballast gewesen, fielen also auch weg. Es war eine Umstellung, ist uns aber nicht schwer gefallen. Sicher, über eine warme Dusche freut man sich nach einigen Tagen draußen trotzdem und weiß sie umso mehr zu schätzen. Ganz so spartanisch wollen wir tatsächlich nicht immer leben, aber wir haben doch gemerkt, dass wir viele Dinge nicht brauchen, um zufrieden und glücklich zu sein.

Tilmann: Wir haben natürlich nicht nur Dinge über uns sondern auch über die Welt gelernt. Auch wenn wir das oben massiv relativiert haben, ist natürlich einiges hängen geblieben. Ich will das an der Stelle nicht noch einmal detailliert beleuchten, es steht ja vieles zwischen den Zeilen. Eine Erkenntnis, die mir aber ganz wichtig ist, möchte ich hier jetzt doch noch ein wenig random an dieser Stelle einstreuen: Über den von einigen Menschen in unserer Heimat-Bubble gescholtenen westlichen Kulturimperialismus sollten wir uns nicht so viel Sorgen machen. Der mittlere Osten und auch die dort lebenden Südasiaten haben aber so etwas von keine Ahnung bzw. interessieren sich nicht den Hauch welche Kleidungs-, Design-, Musik- oder Meinungsmoden des Westens versucht werden der Welt überzustülpen. Die fahren alle komplett ihren eigenen Film. Höchstens von Hollywood kann man feststellen, dass das inzwischen auch in den funkelnagelneuen Multiplex-Kinos in den saudischen Malls Einzug gehalten hat. Gleichzeitig werden dort aber auch in selbem Umfang Bollywood und arabische Filme gezeigt. Ach und westliche Medien, nur das ihr es wisst: Es hat nicht die ganze Welt getrauert als die Queen gestorben ist. Hätte diese Nachricht die ganze Welt erreicht hätten zwei Drittel vermutlich „wer?“ gefragt. Als der westlich-christliche Jahreswechsel anstatt, passierte in der zweitgrößten Stadt in Saudi Arabien…gar nichts, vermutlich wussten die meisten dort auch nicht, dass nun in vielen Ländern der Erde gefeiert wird.

Aber wir wollten uns jetzt ja mal mit uns und unserem Seelenleben befassen: Die Art der Fragen, die während und nach der Reise an uns herangetragen wurden, müssen wir so verstehen, dass viele Freunde und Bekannte einen tieferen Sinn in dieser Unternehmung erwarten. Einfach so einen sehr langen Urlaub zu unternehmen nur um des unterwegs-sein-Willens, das scheint entweder nicht akzeptabel zu sein oder enttäuschend. Und wenn Einfach-So-Reisen ohne eine fundamentale Bedeutung für irgendetwas nicht in das eigene Wertegerüst oder die eigene Weltvorstellung passt, dann ist der beliebteste hineininterpretierte Zweck dann eben doch der Austausch mit den vielen Menschen, die einem auf einer solchen Reise begegnen. Dieser soll dann, wenn er schon nicht wesentlich zur Völkerverständigung beiträgt, wenigstens den eigenen Horizont signifikant erweitern. Aber so leid es uns tut, wir haben nicht das Gefühl, dass das in außerordentlicher Manier geschehen wäre. Wir haben unsere Gedanken dazu bereits oben beleuchtet. So können wir einfach nur sagen: Was war das eine tolle Zeit auf dem Rad. So viel Zeit, in der man etwas tut und gleichzeitig die Gedanken frei schweifen lassen kann. Wir sind dem Radfahren nie überdrüssig geworden!

Was ist das für ein erhabenes Gefühl im iranischen Kurdistan auf die sich in unzähligen Schleifen vor uns ins Tal herabschlängelde Straße herabzublicken, wie stolz haben wir uns gefühlt als wir nach 53 Tagen Radfahren in Istanbul an der Grenze zwischen Europa und Asien angelangt waren, was für ein surreales Gefühl stellte sich, ein als wir durch die nicht enden wollenden Hochhausschluchten von Dubai rollten, was sind uns die Augen vor Schönheit übergegangen, als wir durch das türkisblaue Tal der Neretva fuhren, was haben wir den Augenblick genossen, als wir vor Sonnenaufgang den Gipfel des Azhdahak bezwungen hatten und den über der Dunstglocke Jerewan schwebenden Ararat bestaunten, wie stolz waren wir, als wir mit dem Rad das entlegene Gebirgsdörfchen Ushguli erreicht hatten und wie groß war der Lohn für diese Mühe mit dem Blick auf das majestätische Schchara-Massiv, wie lieblich und friedlich empfing uns die grüne Landschaft auf unseren Schleifen durch das rumänische Siebenbürgen, wie fühlten wir uns im Paradies angekommen in den omanischen Wadis, wie bizarr mutete das Zusammenleben von Hunden und Pavianen in den Bergen vor Mekka an, wie faszinierte das Spiel aus ultramarinblauem Nordmeer, schroffen Granitklippen und überbordender Blütenpracht von Norwegens Fjorden, wie reizte es unsere Fantasie, als wir zwischen den steinernen Pilzen und Feen-Kaminen in Kappadokien hindurch rollten, wie genossen wir den himmlischen Frieden am Ufer des Prespasees?

Tilmann: Wir könnten diese Auflistung noch lange weiterführen. Fest steht für uns: All diese Momente und Erlebnisse wären für uns nicht halb so schön gewesen, wenn wir sie nicht in den Satteln unserer treuen Räder hätten erleben dürfen, die uns an all diese Orte getragen haben. Vermutlich sind diese Lobpreisungen unseres Abenteuers in den rund 90 vorangegangenen Blog-Artikeln ein wenig zu kurz gekommen, sodass bei vielen Leser*innen ein Bild einer überwiegend entbehrungsreichen und beschwerlichen Reise entstanden ist. Es macht nun einmal mehr Spaß und es erscheint einem selbst interessanter über die weniger glatt verlaufenden Begebenheiten zu berichten.

Wir sind mit ein paar amüsanten, erkenntnisreichen, frustrierenden, stolzmachenden und überraschenden Erfahrungen im Gepäck zurückgekehrt. Die Reise war eine Zeit die wir nicht missen möchten, denn es war eine Zeit mit überwiegend angenehmen Begegnungen, sportlichen Herausforderungen, interessanten Eindrücken und relativer Unbekümmertheit, die uns unendlich viel besser gefallen hat, als wenn wir die selbe Zeit in Wiesbaden in unseren Jobs geblieben wären. Daher gilt in jedem Fall: Wir würden es jederzeit wieder machen, aber so’was von!

Julia: Episch. Ja das war sie unsere Reise. So wie es der Journalist in dem Artikel über uns in Saudi Arabien schrieb. Wir können es selbst kaum glauben, noch vor einem Jahr im Iran gewesen zu sein, als Mahsa Amini im Gefängnis starb und die Proteste dort aufflammten. Wir können es kaum glauben, fast ausschließlich mit dem Fahrrad den Oman erreicht zu haben, ein Land, von dem manche gar nicht wissen, wo es genau liegt und die Saudische Wüste durchquert zu haben, was sich noch weniger Menschen vorstellen können, dass das überhaupt geht. Fast jeden Tag woanders, niemals wissen was passiert, sich von seinen Erwartungen verabschieden, sich darauf einlassen wohin einen das Leben bzw. das Fahrrad trägt. Für viele ist es eine unangenehme Vorstellung, doch für uns war es wunderbar, jeden Morgen eine Vorfreude, welche Überraschungen dieser Tag bereit hält. Pläne waren nur eine Richtschnur und wurden ständig verändert. Neue Eindrücke, neue Bilder, neue Menschen. Den Zauber darin kann man nur entdecken, wenn man sich darauf einlässt.

Ob es auch ein Abenteuer war? Ja, für uns hat sich diese Reise wie ein großes Abenteuer angefühlt. Aber seien wir mal ehrlich: Wir sind die meiste Zeit durch Dörfer, Städte, Gegenden gefahren, wo Menschen leben und ihrem ganz normalen Alltag nachgehen. Keiner würde sagen, wenn man mit dem Fahrrad durch Deutschland führe und sagen wir mal in Waldhilsbach vorbeikäme, dort im Wald sein Zelt aufschlüge und von netten Anwohnern in der Nähe des Waldrandes Wasser bekäme und auf einen Kaffee eingeladen würde, vielleicht in der Abenddämmerung noch ein Wildschwein sähe, man hätte ein großes Abenteuer erlebt.

Tilmann: Vertu dich da nicht! Auch solche eine Unternehmung wäre für viele schon ein, sagen wir mal gewisses Abenteuer.

Julia: Siehst du! Von wegen bewusstseinserweiterndes Reisen. Die eigene Bubble reist immer mit und passt halt hier und da mal die Inneneinrichtung an. Wie dem auch sei. Wenn wir jetzt davon berichten, dass wir durch die Wüste von Saudi Arabien gefahren sind, neben halb verwesten und halb von Sand bedeckten Ziegenkadavern unser Zelt aufgeschlagen haben, während Kojoten in der Nähe heulten, einen Beduinen um Wasser gebeten haben und von ihm zu einer Tee-Zeremonie mit einem Sheik eingeladen wurden, dann würde fast jeder Zustimmen dass das ein großes Abenteuer sei. Für die Menschen dort allerdings eine relativ normale Situationen, außer, dass zwei Radfahrer aus Deutschland anwesend waren. Mehr muss dazu eigentlich auch nicht gesagt werden.

Tilmann: Jetzt sind wieder hier, finden es doch recht normal einem normalen Leben nachzugehen, das hauptsächlich in einer Wohnung stattfindet. Vor einigen Monaten waren wir jedoch noch andere Menschen, aber eben doch die gleichen. Uns beschäftigten ganz andere Dinge und wir waren fast festgewachsen an unseren Fahrradsätteln. Wir beklagten uns über andere Umstände, kämpften mit anderen Sorgen, litten unter anderen Entbehrungen. In einem Epos passiert natürlich nicht nur Schönes, sondern auch Tragisches, die Geschichte besteht aus vielen Herausforderungen, aber eben auch oder gerade deswegen aus großen Momenten und den ganz großen Gefühlen. Gerade waren wir noch am Boden zerstört, dann wieder die Könige der Welt. Das ist der große Unterschied zum sesshaften, geregelten Leben und das ist es, was für uns diese Reise zu einer unserer außergewöhnlichsten Lebensphasen gemacht hat und immer bleiben wird.

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4 Gedanken zu “der versuch eines fazits oder vorerst letzte worte

  1. Ich gebe zu, ich habe nicht alles gelesen. Das ist mir nun doch zu lang geworden.

    Einen Kommentar kann ich mir aber nicht verkneifen: Wieso um alles in der Welt habt ihr euch künstlich arm gemacht und seid ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass andere euch (zwischendurch) kostenlose Unterkunft gewähren und was zu essen geben? Und das meist in Ländern, wo die Leute nun wahrlich wenig Geld haben. Die Empörung von Tilmann, dass die Menschen in Skandinavien ihm nicht ohne Weiteres vertraut haben, ist mir ein Rätsel. Ich hätte ihn wahrscheinlich auch nicht reingelassen.
    Kann sein, dass ihr dafür kein Verständnis habt, aber wenn Menschen aus reichen Ländern in arme Länder reisen und so tun, als hätten sie kein Geld und daher die Gastfreundschaft ausnutzen, finde ich nicht in Ordnung.

    Was ich auch nicht verstanden habe: Ich hatte beim Lesen der Reiseberichte immer das Gefühl, ihr hattet es eilig und seid gehetzt. Wenn ihr mal eine Pause machtet, habt ihr es begründet und erklärt als müsstet ihr euch rechtfertigen. Ging es darum Kilometer zu sammeln wie Geld? Ich dachte, wenn man schon auf so eine Reise geht, dann lässt man sich eben nicht hetzen. Und wenn es regnet, fahre ich nicht. Oder muss man ein Held oder eine Heldin sein und alle Widrigkeiten auf sich nehmen?

    Was hättet ihr getan, wenn ihr ernsthaft krank geworden wärt oder euch verletzt hättet? Darüber habt ihr doch bestimmt nachgedacht.
    Ich kümmere mich lieber um meine Mobilfunkrechnung und Altersvorsorge und habe dafür ein Bett zum Schlafen und muss nicht betteln. Länger als 2 Wochen mag ich mich nicht täglich mich um meine Übernachtung sorgen und bei Gegenwind und Regen mit dem Rad rumfahren. Spannende Erlebnisse und Begegnungen gehen mit der bequemen Lebensweise natürlich verloren. Das räume ich schon ein.

    Ihr wolltet eine Diskussion? Oder nur Bewunderung?

    Viele Grüße
    Maria

    1. Holla, der Auftakt zur Diskussion als Frontalangriff!

      Nagut, gehen wir’s mal an und beginnen am Ende: Natürlich wollen wir bewundert werden, wer will das nicht 😉 Allerdings nicht nur!

      Gegen den Vorwurf, uns künstlich arm gemacht zu haben, möchten wir uns aber wehren. Ja, wir waren sparsam, denn wir wollten unser Geld sinnvoll nutzen und sind froh, es nicht verprasst zu haben. Wozu Hotels, wenn es uns draußen viel besser gefallen hat? Wozu essen gehen, wenn die Camping-Küche so gut schmeckt? Dass der ein oder andere annahmen, wir seien arm, weil wir mit dem Fahrrad reisten, dafür können wir nichts.
      Gastfreundschaft hatten wir weniger oft erwartet, als sie uns aufgedrängt wurde. Wir sollten uns als mit der deutschen Mentalität Sozialisierte eingestehen, dass wir alle mehr davon hätten, wenn wir großzügiger gegenüber anderen wären. Nur mit dieser deutschen Mentalität kann man denken, dass Gastfreundschaft ausgenutzt werden kann, denn wir neigen dazu, alles auf eine Waage zu legen und fürchten ständig mehr zu geben als andere. Dabei ist es so: Gastfreundschaft wird immer freiwillig verteilt und niemals danach bemessen, ob der andere einem jemals etwas zurück gibt. Deshalb ist es eigentlich auch egal, ob der Eingeladene nun reicher ist als der Einladende oder umgekehrt. Wobei wir, wie erwähnt, auch lieber gesehen hätten, dass Bettler, Geflüchtete oder Tiere die Aufmerksamkeit erhalten hätten, die uns entgegen gebracht wurde. Viele Einladungen waren auch anstrengend für uns und wir wären manchmal lieber alleine gewesen, doch unterm Strich ist es immer eine Bereicherung sich mit Menschen auseinanderzusetzen. Wie viek weniger hätten wir zu erzählen gehabt, wären wir immer ins Hotel und Restaurant gegangen? In Skandinavien sind die Menschen bekanntermaßen nicht ärmer. Trotzdem hat Tilmann die Hilfestellung nicht erwartet, sondern war sich durchaus bewusst, sich selbst in diese missliche Lage gebracht zu haben, die er nun auch ausbaden musste. Ja, dass bei Sturm und Regen keiner nach seinem Wohlbefinden fragte, enttäuschte ihn und wäre einfach ein feiner Zug der Vorbeifahrenden gewesen. Eine ausgedrückte Empörung können wir auch nach nochmaligem Lesen des Artikels jedoch nicht erkennen, denn an dem Abend als er sich irgendwo einladen wollte hat er ja selbst eingeräumt, dass dies durchaus frech war. Im übrigen glauben wir nicht, dass es ein mangel an Vertrauen war, dass die Schweden keine Lust hatten Tilmann in ihrer GArage schlafen zu lassen. Was hätte er da schon schlimmes anstellen können?

      Wir haben nicht darüber nachgedacht, was gewesen wäre, wenn… das hätten wir dann getan, wenn es gewesen wäre. Auch das ist eine Moral dieser Geschichte. Wenn du den Text zu Ende gelesen hättest, hättest du auch erfahren, dass wir beide es liebten, nicht zu wissen, was der Tag für uns bereit hält. Deshalb störte es uns niemals, uns jeden Tag um einen Schlafplatz zu kümmern. Wir glauben natürlich nicht, dass das jedem gefallen könnte, aber auch Julia dachte noch vor der Reise, es wäre schrecklich, so selten in einem Bett zu schlafen. Das war es nicht. Manchmal lohnt sich eine Überwindung, um herauszufinden, was das Leben noch für einen bereit hält. Doch auch wir können so auf Dauer nicht leben, zumindest Julia nicht, da es eine körperliche und mentale Belastung ist. Für Tilmann hingegen ist auf einem Stuhl sitzen und Anträge ausfüllen eine körperliche und mentale Belastung.

      Ja, wahrscheinlich stimmt es, dass wir oft gehetzt waren oder es zumindest so wirkte. Manchmal hat man einfach keine Wahl, sondern muss sich vor unterschiedlichen Wetterkapriolen in Schutz bringen, da kann man auch nicht mitten im Nirgendwo stehen bleiben und sagen, jetzt habe ich keine Lust mehr. Da wären wir wieder bei der eingeschränkten Freiheit. Trotzdem war die Geschwindigkeit des Reisens auch immer eine Diskussion innerhalb von appi dappi, die schwierig aufzulösen war, wenn ein Teil des Teams es einfach liebte, jeden Tag viel Fahrrad zu fahren und die Grenzen auszuloten. Natürlich geben wir auch gerne an mit unserer sportlichen Leistungen, darauf sind wir schon stolz und machen keinen Hehl daraus. Ebenfalls haben wir uns ganz bewusst dazu entschieden, uns durchzubeißen und nicht immer den bequemsten Weg zu wählen, nicht um Held und Heldin zu sein, sondern um unsere Grenzen und unseren Horizont zu erweitern.

    2. Dass Leute, die moralische Überlegenheit demonstrieren immer gleich angegriffen werden, ist ungerecht.
      Einer Biobäuerin aus meinem Dorf, die mal eine Coke trank, wurde sogleich von so einem CDU-Wähler vorgeworfen, keine Integrität zu haben: „Jaja, hier Bio-Gemüse anbauen aber dann Cola trinken…“ Wahrscheinlich nutzte der Einfallspinsel dieses Ereignis als Rechtfertigung, mit scheinbar gutem Gewissen nie wieder Biogemüse zu kaufen.

  2. Hallo Appidppi,

    es reizt mich, zu jedem Aspekt Eures Fazits einen umfangreichen Sermon abzulassen. Das ist mir aber zu aufwändig darum mache ich es lieber bei Gelegenheit mündlich. Ganz seinlassen, kann ich es allerdings auch nicht. Nur ganz knapp und unzureichend erläutert:

    Thema Freiheit: da muss ich ein gewisses Veto aussprechen, aber nicht jetzt.

    Thema Umwelt, Nachhaltigkeit: 100% d’accord! fette Probs, Ihr seid Endgegner im vorbildlichen Reisen!

    Thema Völkerverständigung: Haha geil, wie ihr den von naiven Touristen kolportierten Bullshit richtigstellt, topp!!!

    Thema Gastfreundlichkeit: das Phänomen Gastfreundschaft ist wie alles multikausal: etwas angeborener Altruismus aber auch viel Selbstdarstellung – also Eitelkeit – der Gastgeber, nehme ich an. Habt ihr gut durchschaut und mich mit euren Erfahrungsberichten bereichert.

    Thema Selbstfindung: Da war ich wohl auch was naiv und habe mir Hoffnung/Ängste gemacht. Allerdings ist das, was ihr schreibt, auch nur von eurem präfrontalen Cortex gefilterte Selbstwahrnehmung… Vielleicht ist unterbewusst mehr passiert als ihr Euch eingesteht?

    Thema Abenteuer: völlig richtig erkannt, sehr subjektiv.

    Zu guter Letzt zu den Vorwürfen des ersten Kommentars: Bzgl. Der Almosen habe ich mich schon negativ geäußert. Zu dem “gehetzt” Wirken kann ich aus eigener Erfahrung sprechen. Ich lasse mich auch immer von Zahlen und Statistiken zu sportlichen Leistungen anspornen, um mein Selbstwertgefühl aufzubessern. Da geht viel Muße flöten. Ob das jetzt Hetzerei ist, dumm oder schlau ist, weiß ich allerdings auch nicht.

    Mein Eindruck der Reise ist übrigens der, dass die Begegnungen mit Menschen absolut im Vordergrund stehen. Danach kommt irgendwann Erlebnisse der Landschaft und sportliche Herausforderungen, Partnerschaft usw. Das finde ich schon wieder bedenklich, denn die Menschen sind anscheinend so krass präsent auf dem Planeten, dass man zwangsläufig ständig mit ihnen konfrontiert ist. Schade.

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