hyggeglück mal zwei komma fünf 🇩🇰

appidappi ist endlich wieder wieder zusammen auf Fahrradweltreise

Tag 485 bis 491 (31.07. bis 06.08.23)
Distanz: Tilmann: 586 km (∑ 27.978 km); Julia: 258 km (∑ 23.655 km)
Höchster Punkt: 130 m
Tiefster Punkt: 5 m
Rauf: 3.330 m
Runter: 3.360 m

Die letzten Tage vor unserer Wiedervereinigung zogen sich nun unnötig in die Länge. Wir wollten jetzt wieder zusammen sein, 35 Tage Entzug waren lang und wir waren immer noch süchtig nacheinander, also wurde jeder weitere Tag der Trennung nur eine größere Qual.
Tilmann der seit 21 Tagen keinen Tag Pause gemacht hatte und im Durchschnitt jeden Tag 113 Kilometer gefahren war, seit er allein unterwegs war, kam mit letzten Kräften an unserem Treffpunkt Helsingborg an. Das der fast 1.000 km lange Endspurt von Sundsvall dabei zu einem echten Härtetest wurde, haben wir bereits im letzten Beitrag eindrücklich geschildert.
Julia war vor lauter Ungeduld bereits am Vortag mit dem Zug nach Helsingborg gelangt und hatte die Nacht in einem nahe der Stadt gelegenen Shelter verbracht.
Für unser Wiedersehen gönnten wir uns ein putziges schwedisches Ferienhäuschen, in dem wir uns ungestört….von unseren Abenteuern berichten konnten. Doch auch die Zukunft nach unserer Reise beherrschte unsere Gespräche, deren Planung wir uns nun mehr und mehr widmeten und uns auch mehr und mehr darauf freuten. Denn so wenig Julias stille*r Mitfahrer*in eingeplant war und so sehr wir zu Beginn mit dieser Überraschung haderten, so sehr hatten wir uns inzwischen, jeder für sich, mit dem Gedanken angefreundet uns zurück in Deutschland in ein ganz neues Abenteuer zu stürzen.

Natürlich waren wir auch traurig, dass diese eindrucksvolle Reise bald ein Ende haben sollte, doch langsam freuten wir uns auch auf regelmäßige Duschen, frische Wäsche, Schutz vor Wind und Wetter. Am wenigsten freuten wir uns darauf, bald nicht mehr jeden Tag weite Strecken mit dem Fahrrad fahren zu müssen. Jetzt gab es aber sowieso noch einige Kilometer zurückzulegen und vor allem Tilmann wollte jetzt Schweden, das ihn in den letzten Tagen mit so schlechtem Wetter geplagt hatte, verlassen.

Die Fähre von Helsingborg nach Helsingør sollte uns am 31. Juli nach Dänemark bringen, dem letzten und 30. Land unserer Reise (für Julia nur 29). Leider ging auch auf der anderen Seite der Oresund Meerenge die Sonne nicht auf und wir fuhren bei viel Wind einem bedrohlich grauen Himmel entgegen, als wir uns an der Küste Richtung Süden bewegten.

Da wir nun beide nicht ganz fit waren, waren für diesen Tag nur 40 Kilometer und die Übernachtung in einem nördlich von Kopenhagen gelegenen Shelter eingeplant. Nicht nur in Schweden, auch in Dänemark gibt es über das ganze Land verteilt Plätze mit Schutzhütten, Picknickbank und Feuerstelle. Zwar gilt in Dänemark nicht mehr das Jedermannsrecht, wie in Finnland, Schweden und Norwegen, tatsächlich ist Wildzelten, ebenso wie in Deutschland, verboten, doch mit den Shelter-Plätzen existiert damit trotzdem eine Möglichkeit umsonst und draußen zu übernachten. Eine ziemlich komfortable Möglichkeit sogar. Die meisten dieser Shelter kann man vorab sogar reservieren unter: https://book.naturstyrelsen.de

Den Hinweis bekamen wir von einem alten Bekannten von Tilmann: Jorrit, den er noch aus Studienzeiten kannte, war nach dem Studium von Bochum nach Kopenhagen gezogen und der Kontakt zwischen den beiden war über ein Jahrzehnt eingeschlafen. Tilmann erinnerte sich jedoch noch an sein Übersiedeln in Deutschlands nördliches Nachbarland und schrieb ihm nun einige Tage bevor wir nach Kopenhagen kamen über seine dienstliche E-Mail-Adresse an, die er ergooglet hatte. Und tatsächlich trafen sich die beiden Kommilitonen nun nach 12 Jahren wieder und zwar im Wald! Jorrit war gerade aus Kopenhagen weggezogen, allerdings just zu unserem Eintreffen dort zu Besuch in der Stadt und besuchten nun wiederum uns, an unserer Shelter-Hütte im Wald, die wir dank seiner Empfehlung gebucht hatten.

So verbrachten wir einen gemeinsamen gemütlichen Abend mit Lagerfeuerkochen und natürlich blieb der Gossip über gemeinsame frühere Bekanntschaften nicht aus. Aufhorchen ließen uns Jorrits Ausführungen über die dänische Gesellschaft, über die er in unseren Ohren nicht viel Gutes zu berichten wusste: Übertriebener Patriotismus, ein nur eingebildetes bzw. behauptetes besonderes Umweltbewusstsein, relativ ausgeprägte Fremdenfeindlichkeit und die berüchtigte skandinavische Verschlossenheit.

Eine Übernachtung in Kopenhagen konnte uns Jorrit leider nicht vermitteln, jedoch eine in Svendborg, wo wir drei Tage später sein wollten. Kopenhagen wiederum besuchten wir deshalb nur im Durchfahren, wobei uns die dortige berühmtberüchtigte Fahrradinfrastruktur etwas enttäuschte. Natürlich gab es fast überall Radwege, allerdings waren diese auch nicht besonders breit (und damit beispielsweise weniger komfortabel als in finnischen Städten). An Ampeln gab es Vorrichtungen, um sich als Fahrradfahrer festhalten zu können und nicht absteigen zu müssen. Am auffälligsten für uns war der Umstand, dass es eine programmierte Grüne Welle für Radfahrgeschwindigkeit gab. Viel mehr konnten wir jedoch nicht bemerken. Natürlich hatten wir aufgrund des Wetters nicht die ganze Stadt abgeradelt, aber das von uns erhoffte Fahrrad-Paradies war es nun auch nicht. Vermutlich aufgrund des Regenwetters waren auch nicht allzu viele andere Radfahrer unterwegs.

Das Regenwetter vermieste auch unseren Stadtbesuch etwas, wobei wir vom autonomen Viertel Christiania auch bei Sonnenschein nicht begeistert gewesen wären. Die Mischung aus Touristenattraktion und kaputt gekifften Menschen versprühte irgendwie keinen freiheitlichen und anarchischen Charme, den wir uns erhofft hatten. Z.B. war keiner der ca. 30 Cannabis-Verkaufsstände irgendwie kreativ oder originell gestaltet, meist handelte es sich lediglich um grob zusammengezimmerte OSB-Platten und Auslageware suchte man ebenfalls vergeblich. Ebenfalls stieß das Preisniveau übel auf, das in Dänemark zwar ohnehin deutlich höher ist als im Rest von Skandinavien, in dieser autonomen Freistadt aber noch einmal eine Schippe drauf gelegt wurde. Für einen veganen Burger ohne Beilage wurden z.B. 16 Euro aufgerufen.

An mit mehreren Lagen Graffiti, Tags und Streetart tapezierten Backsteinmauern alter Industrie und Gewerbeimmobilien hatten wir uns in Berlin, Leipzig und Wien bereits satt gesehen und fanden den hier vorherrschenden Stil keinesfalls besonders originell oder in Umfang und Aufwand bemerkenswert. Am bemerkenswertesten für uns war an unserem Aufenthalt in der dänischen Hauptstadt die Aufmerksamkeit, die wir mal wieder auf uns zogen. Allerdings nicht bei Einheimischen sondern bei anderen Touristen, insbesondere aus Italien, was wahrscheinlich ein Zufall war.

Gegen Abend verließen wir die Stadt wieder und sie reiht sich damit ein in einige Städte, die sicherlich viel zu bieten haben, aber von uns nur stiefmütterlich behandelt wurden. Das ist eben ein Fahrradtrip und kein Städtetrip, redeten wir es uns mit einer Prise schlechtem Gewissen raus.

Für die Nacht hatten wir uns einen Shelter westlich der Stadt ausgesucht, der sehr abgelegen war und in Kombination mit dem schlechten Wetter daher außer uns unbesucht. Außerdem war es zwar architektonisch ansprechend, da es sich fast unsichtbar in die Landschaft einfügte und wie eine Kultstätte für Naturreligionen wirkte: Eine Feuerstelle in der Mitte war eingebettet von zwei halbkreisförmigen hölzernen Schutzräumen, die zum Zentrum vollständig offen standen. Nach außen fielen die begrünten Dächer in einem Winkel von ca. 25° bis zum Boden ab. Bei Regen und entsprechendem Matsch wirkte das Ensemble allerdings nicht sonderlich einladend, zumal es etwas runtergekommen und vermüllt war. Kein Vergleich also zu unserem Shelter aus der vorherigen Nacht. Dort hatten gleich 7 Boxen-Hütten gestanden, alle sehr gepflegt und mit unserer waren auch 3 davon belegt gewesen. Ebenfalls gab es Trinkwasser an diesem Platz. Neben den Hütten standen auch 3 Zelte dort, deren getapten Stellen darauf schließen ließen, dass sie schon länger dort waren. Am späten Abend tauchten die 3 Bewohner dieser Zelte auf, die ganz offensichtlich ein Leben am Rande der Gesellschaft und dauerhaft im Zelt gewählt hatten.

Wie gesagt waren wir nun an diesem Abend an der etwas schmuddligen Hexenstätte alleine, was auch mal ganz angenehm war und ein Dach über dem Kopf zu haben einmal wieder Gold wert, da es kurz vor unserer Ankunft wieder zu regnen begann. Die Laune war dementsprechend trotzdem nicht berauschend, erst recht nicht, als auch das nasse Holz sich partout nicht entzünden lassen wollte und zum vorletzten Mal auf dieser Reise das Kochen mit Benzin praktiziert werden musste. Die vorgegarten Kartoffeln bescherten uns immerhin ein angenehmes Abendessen und wir verkrochen uns anschließend schnell ins Zelt, das wir in der Hütte errichtet hatten.

Am Morgen des 2. August strahlte die Sonne in unser Thing, als Tilmann den bekerzten Kuchen singend ins Zelt trug und damit zum zweiten Mal auf dieser Reise und zum 38. Mal seit dem Urknall Julias Geburtstag gefeiert werden konnte. Nach einem doppelten Geburtstagsfrühstück machten wir uns auf Richtung Süden und mussten beim allmorgentlichen Trinkwasserbeschaffungsritual feststellen, dass Dänemark sich bei der inoffiziellen Übereinkunft der skandinavischen Staaten, im Pfandrückgabebereich der Supermärkte stets ein Waschbecken anzubieten, genauso ausgeklinkt hatte, wie bei der restriktiven Alkohohlverfügbarkeitspolitik.

Julia legte heute einen Großteil der Strecke mit dem Zug zurück und gönnte sich noch einen Strandbesuch mit kalter Dusche in Hundige. Manchmal ist eine Dusche, sogar eine kalte, eines der besten Geburtstagsgeschenke (diese Formulierung mit relativiertem Superlativ hat Julia aus rein diplomatischen Erwägungen gewählt, um Tilmann mit seinem Kuchen und seinem Blumenstrauß nicht zu kränken)!

Tilmann hingegen fuhr weiter mit dem Rad, quer durch Seelands Osten auf Falster zu. Das war eine recht monotone Fahrt hauptsächlich auf stark befahrenen Hauptverkehrsstraßen, was mangels Außengeräusche abschirmender Kopfhörer ein 100 km langes zweifelhaftes Vergnügen war. Auch die künstlichen Pausen unterwegs, um in den Second-Hand-Supermärkten ein halbwegs originelles Geschenk für Julia zu finden, waren nicht nur wegen ausbleibenden Erfolglosigkeit keine geeignete Aufheiterungsquelle. Ja, auch in Dänemark erfreut sich der Handel mit Gebrauchtgegenständen, wie in Schweden, großer Beliebtheit. Die Dänen machen es aber teilweise noch cleverer als die Schweden, sie stellen einfach Regale an ihren Grundstücksgrenzen auf, wo man sich dann auf Vertrauensbasiskasse selbst bedienen kann. Da vor jedem zehnten Haus ein solches Regal zu stehen scheint, ist davon auszugehen, dass sich die Dänen ihre Porzellan-Clowns und Messing-Krüge nicht gegenseitig abkaufen, sondern sich dieses Angebot vermutlich an deutsche Touristen richtet. Rasenmäherroboter sind in Dänemark übrigens ebenfalls äußerst beliebt.
Highlight des Tages war die reichlich baufällige, 3,5 km lange Storstrømmen-Brücke, deren Bewertungssterneanzahl bei Googlemaps zufällig genau ihrer Länge in km entspricht. Jakob Elling schreibt dazu auf dem allseits beliebten Online-Kartendienst: „Die Brücke ist so baufällig, dass man fast Angst hat, darüber zu fahren. An mehreren Stellen fehlt Beton, dort sind Bewehrungsstäbe zu sehen. Aber gute Aussicht“ und vergibt gnadenlos nur einen Stern. Es wird übrigens gerade eine neue Brücke gebaut, da die aktuelle wohl nicht mehr zu retten ist und ihren 100. Geburtstag (Bj.: 1937) wohl a.D. feiern werden muss.

Wir trafen uns wieder am Abend und verbrachten den Abend mit einem leckeren Essen und Bergen von selbstgepflückten Brombeeren, die vernichtet werden wollten, unter einem Dach eines Picknickplatzes, das nach 3-stündigem Regen und Wind anfing das Wasser durchzulassen und die ganze Nacht munter weiter tropfte, weshalb das Zelt und unsere Sachen am morgen trotz Überdachung nass waren.

Nach einer Nacht auf Falster durchquerten wir nun also Lolland, das uns doch etwas trist vorkam: Auf der dünn besiedelten Insel reihte sich zwischen Weizenfeldern ein verlassenes Haus an das andere. Julia wählte für den heutigen Tag einen Verkehrsmittel-Triathlon aus Zug, Fähre und Fahrrad, wobei sie auf letzterem immerhin noch 55 Kilometern zurücklegte und damit an die Leistungsgrenze stieß. Trotz mehrfacher Pausen waren die letzten 10 Kilometer sehr anstrengend.

Die Fähre hatte zunächst sie und einige Stunden später auch Tilmann für den stolzen Preis von 13 Euro von Lolland nach Langeland gebracht, was besonders von Tilmann für die 45 minütige Überfahrt als die reinste Abzocke empfunden wurde. Wieder einmal war Norwegen die Schuld für diese Empfindung zuzuschreiben, wo sämtliche Fährfahrten auch von weitaus größeren Distanzen für Fuß- und Fahrradpassagiere grundsätzlich kostenlos waren.

Zum Glück konnten wir Langeland per Brücke nach Tåsinge verlassen, von wo wir wiederum per Brücke nach Fyn kamen (wohlgemerkt in erheblichem zeitlichen Abstand), wo in Svendborg eine heiße Dusche lockte. Weiterhin erwarteten wir ein nicht-tropfendes Dach über dem Kopf und vielleicht sogar ein gemütliches Bett, denn unsere Gastgeber hatten uns immerhin in Aussicht gestellt einen „place“ für uns zu finden. Das konnte zwar alles heißen, wir spekulierten aber auf skandinavisches Understatement. Tilmann musste an diesem Tag erneut knapp 100 Kilometer gegen den Wind absolvieren und kam entsprechend etwas später an als Julia, die mithilfe eines vorab übermittelten Codes schon in das Haus eintreten konnte, obwohl die Gastgeber noch auf einem Segel-Trip waren.

Dort fand sie ein Gästezimmer mit bezogenem Bett und einem eigenen Gästebad vor. Also ab unter die Dusche und dann aufs Bett werfen! Am liebsten wäre sie gar nicht mehr aufgestanden. Tilmann tat es ihr eine Stunde später gleich, doch der Hunger und die Höflichkeit geboten es selbstverständlich noch einmal aufzustehen und unseren mittlerweile eingetroffenen Gastgebern in die Küche nach oben zu folgen. Jeppe, Gunn und Tochter Vera empfingen uns herzlich und der Haushund etwas stürmisch, während uns wie ihm die Ohren schlackerten, als wir das Haus in seiner vollen Pracht besichtigen konnten. Die Familie hatte ein gigantisches altes Haus äußerst ansprechend renoviert und eingerichtet, es wurde von uns zum coolsten von uns besuchten Privathaus auf unserer Reise gekürt und wir wären sofort dort eingezogen, hätte es uns jemand schenken wollen.

Wir blieben dort eine weitere Nacht, da nun wirklich ein Pausentag für Tilmann mehr als überfällig war und Julia gegen Pausentage sowieso nie etwas einzuwenden hat und widmeten uns in unserer üblichen Manier unseren Internettätigkeiten anstatt die Stadt zu besuchen oder uns im Garten aufzuhalten. Einmal mehr irritierten wir mit dieser phlegmatischen Daseinsbewältigung unsere Gastgeber und sahen uns bei Gelegenheit genötigt Jeppe gegenüber eine Erklärung in unseren täglich sehr hohen Aktivität und allgemeinen Eindrucksüberreizung zu suchen. Natürlich saßen wir auch zusammen mit unseren Gastgebern und kochten gemeinsam am Abend (Jeppe hatte 1,5 kg Steinpilze gesammelt) und verbrachten so einen angenehmen Tag, der schneller rum ging, als wir es glauben konnten.

Mit neuer Kraft konnten wir uns am 490. Tag unserer Reise dann aufmachen Richtung deutsche Grenze, die nun nur noch 2 Tagesreisen entfernt von uns lag. Für diese Etappe wollten wir uns allerdings noch einmal trennen: Julia wählte den kürzen Weg mit Fährfahrt von Bojden nach Fynshav, während Tilmann die lange Route über Middelfart und Kolding wählte, damit die teure Fähre vermied und unserem Anspruch treu blieb, alles was ging mit dem Fahrrad zu fahren. Kurz vor der Grenze wollten wir uns wieder treffen, um am Morgen des 492. Tages diese gemeinsam zu überschreiten.

Zunächst ging es aber gemeinsam bis Fåborg Sogn. Wir hatten uns auf Jeepes Anraten hin dazu entschieden die Hauptstraße 44 so lange wie möglich zu meiden und folgten daher im Zick-Zack den kleinen Sträßchen nahe der malerischen Südküste Fyns.

Für die getrennte Nacht hatte Julia ein Vogelbeobachtungshaus am Bojden Nor entdeckt, dass behindertengerecht und damit auch mit dem Fahrrad beziehbar gewesen wäre und guten Schutz vor dem Wind und der Feuchtigkeit bot. Allerdings tauchten gegen Abend noch einige Menschen mit Ferngläsern auf, die sich brennend für die Enten und Reiher interessierten. Da Julia nicht warten wollte, bis diese mit Einbruch der Dunkelheit verschwinden würden, fuhr sie noch ein paar Meter weiter und schlug ihr Zelt schließlich gut versteckt neben einer Weihnachtsbaum-Plantage auf.

Tilmann hatte sich noch nicht so recht überlegt, wo er bleiben wollte, beabsichtigte aber immerhin die halbe Strecke bis Sonderburg am 490. Tag hinter sich zu bringen. Wieder einmal war es der Regen, der das Auffinden eines geeigneten Zeltplatzes besonders erschwerte zumal alle Shelter zu weit abseits des Weges schienen, als das sich der Umweg zu lohnen schien.

So wurde es wieder später und später als Tilmann schließlich Kolding hinter sich gelassen hatte und sich dann doch entschloss einen Shelter südlich der Stadt, etwa 3 km von der Hauptroute entfernt aufzusuchen. Das Jahr war vorangeschritten und wir inzwischen schon wieder südlicher als Riga, sodass es um 22 Uhr bereits reichlich dunkel war als er im Naturschutzgebiet ankam. Weder auf der detailarmen Übersichtskarte ließ sich jedoch ein Shelter finden, noch konnte er das inzwischen vertraute Piktogramm unter den vielen Wanderzeichen entdecken und befürchtete schon wieder in Richtung 170 zurück fahren zu müssen, wo er eine Art Bauhof mit überdachtem Terrassenbereich gesehen hatte. Da entdeckte er jedoch auch einen Vogelbeobachtungsposten auf der Karte, wohin es nur noch ein kurzer Fußmarsch über einen Trampelpfad war. Tatsächlich eignete sich dieser für ein Nachtlager, wenngleich natürlich die Sorge bestand, dass morgen in aller Herrgottsfrühe die ersten Vogelfans zu Studienzwecken mit ihren NL Pures (schließlich waren wir ja im reichen Dänemark) anrücken würden.

Am 7. August ließ uns der Regen vorerst in Ruhe und wir radelten uns am Tag 491 wieder voller Vorfreude entgegen. Tilmann war in aller Herrgottsfrühe aufgestanden, um einer etwaigen Konfrontation mit Hobby-Ornitologen zu entgehen und hatte aufgrund der Vorleistung vom Vortag, die noch übrigen 78 km bis zu unserem Treffpunkt bereits um 14 Uhr hinter sich gebracht. Unser letzter Übernachtungsplatz in Dänemark, direkt an der Grenze war mal wieder eine kleine Shelter-Siedlung, die wir mit sehr freundlichen Nachbarn teilten: Bestehend aus 3 jungen Deutschen, die bereits seit einigen Tagen hier hausten und das Feuer dauerhaft am Leben erhielten, wovon wir dankbar Gebrauch machten. Später kam noch eine Frau im besten Alter hinzu, die nun, da ihre Kinder das Haus verlassen hatten, mit einer Wanderung durch Dänemark einen ersten Testlauf für eine längere Auszeit erprobte und entsprechend sehr interessiert an unseren Erfahrungen schien. Unser letzter Abend im Ausland war jedenfalls ein schöner erster Abschied von dem Leben im Freien und der Natur, unter anderen Reisenden und Aussteigern. Was wäre auch ein Leben ohne Veränderungen und neuen Herausforderungen? Wir beschlossen uns jetzt mutig unserer Angst vorm Reihenhaus zu stellen. Ganz so eilig hatten wir es damit allerdings noch nicht. In Deutschland sollten wir noch einige künstliche Verzögerungen einplanen bevor wir…

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2 Gedanken zu “hyggeglück mal zwei komma fünf 🇩🇰

  1. Vielen lieben Dank für die Shelter-Berichte. Itge Swann mache ich bestimmt auch Mal ein Shelter-Tour. 🙂

    Kann man in so einem shelter eigentlich sein Zelt aufbauen oder was macht man gegen Mücken und co.?

    Und ja ich geb’s zu: Ich habe diesen Blogeintrag jetzt erst gelesen. 🙈

    1. Besser erst vor zwei Wochen als nie 🙂
      Kommt ein bisschen auf die Höhe des Schelters an ob ein (Innen-)zelt reinpasst. Aber grundsätzlich empfiehlt es sich schon z.B. wegen Mücken. Alternativ kann man z.B. auch nur ein Moskitonetz mitführen. Da spart man natürlich einiges an Gewicht und Stauraum.

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