birkenwald blues 🇸🇪

#tilmannontour – Der Endspurt nach Helsingborg … wird zur Geduldsprobe

Tag 477 bis 484 (23.07. bis 30.07.23)
Distanz: 917 km (∑ 27.492 km)
Höchster Punkt: 270 m
Tiefster Punkt: 20 m
Rauf: 7.210 m
Runter: 7.220 m

Schon der letzte Beitrag über meinen Spurt durch Schweden sprühte nicht vor Begeisterung über diesen Abschnitte der Fahrradweltreise. Nach den fantastischen Tagen und Nächten an Norwegens Küste konnte Skandinaviens flächengrößtes und einwohnerstärkstes Land nur verlieren. Landschaftlich gibt es ohnehin nur wenige Regionen auf der Welt, die mit den markanten Felsen, den grünen Inseln, dem kristallklaren Wasser, den Fjorden und den kleinen Fischerdörfern mithalten können. Außerdem war ja das Wetter umgeschlagen und nun von nahezu täglich mehreren Regenschauern dominiert. Schließlich bestand in mir selbst ein äußerst anstrengender Interessenskonflikt aus den Wünschen einerseits so schnell wie möglich wieder bei Julia zu sein und andererseits dringend einige Tage Erholung ohne Fahrradfahren. Was neben diesem Konflikt einen oder mehrere Ruhetage verhinderte, habe ich ja schon im letzten Beitrag erläutert (Wetter/Preisniveau).

Vor diesem Hintergrund muss ich leider einräumen, dass mir Schweden in diesen Tagen insgesamt nicht wirklich ans Herz wuchs. Unterm Strich sollte es sich sogar ergeben, dass das Land der Oldtimer, Flohmärkte und Rasenmäherrobotor von allen insgesamt 31 (inkl. Palästina und Deutschland) durchquerten Ländern, die wenigsten positiven Erinnerungen bei mir hinterließ. Aber was sind das eigentlich für merkwürdige Attribute Oldtimer, Flohmärkte und Rasenmäherrobotor? Ist Schweden nicht das Land der Elche, Birkenwälder und Popikonen? Mir blieben andere Dinge im Gedächtnis. Ja, leider sind auch die im Detail betrachtet vielleicht doch gar nicht so uneingeschränkt vorbildhaften Schweden große Fans von großen, gepflegten Rasenflächen rund um ihre zugegebenermaßen meist sehr schmucken bunt bemalten Holzhäuser, gut erhaltenen Backsteinhöfe oder imposanten Jugenstilvillen. Diese werden allem Anschein nach inzwischen fast ausschließlich von Rasenmäherrobotorn gepflegt, die gewissenhaft den ganzen ganzen Tag die ihnen zugewiesenen Wiesen abrollen. Das dies zum Zeitpunkt meines Besuchs tatsächlich tagsüber geschah und nicht etwa des nachts, war dabei wohl eine Positiventwicklung der jüngeren Vergangenheit, wie mir berichtet werden sollte. Zunächst hatten die skandinavischen Gartenpflegefans diese technische Errungenschaft (ja, Errungenschaft, denn wenn schon Rasenschneiden, dann wenigstens weitestgehend geräuschlos und stromgetrieben) überwiegend nachts eingesetzt, was den Tod unzähliger mit ihr die Wege kreuzenden Igel zur Folge gehabt hatte. Immerhin konnte ich in Schweden, wie schon in den zuvor bereisten europäischen Ländern keinen einzigen der berühmt berüchtigten, lebensfeindlichen Steingärten entdecken, die sich in Deutschland ja wohl noch immer wachsender Beliebtheit erfreuen. Den einzigen derart gestalteten, so genannten Garten, sollte ich im letzten Land unserer Reise, Dänemark sehen.

Neben einer Vorliebe für weitläufige und kurz getrimmte Grasflächen, herrscht in Schweden eine mir bis dato unbekannte Retro-Faszination vor. Zwar war mir diffus bewusst, dass viele Schweden seit mindestens 20 Jahren auf dem Rockabilly-Film hängengeblieben sind, nicht aber war mir bewusst, dass offenbar das gesamte Land, zumindest was die ländlich geprägten Regionen anbetrifft, einem regelrechten Hype um Unmodernes verfallen ist. Augenfälligstes Zeugnis davon sind die unzähligen Oldtimer, überwiegend amerikanischen Fabrikats, die landauf landab die Straßen entlang dröhnen. Um den Vibe von Grease, American Graffiti und A Hard Day’s Night so richtig zu entfachen, sind viele der Fahrzeuglenker*innen darauf bedacht, den tief brummenden Sound der Motoren mit den Hoch- und Mitteltönen von altbekannten Rock’n Roll Evergreens zu überschallen. Auf den schwedischen Dörfern scheint jeder Hill Billy einen amerikanischen Straßenkreuzer, einen tiefergelegten Volvo und dazu noch einen Fuhrpark von drei bis zehn weiteren Autos verschiedener Fahrtüchtigkeitszustände zu besitzen.

Zu dieser Vorliebe für alte Musik und alte Pkws passt dann wohl auch die Vorliebe für altes im Allgemeinen. Bald schon konnte ich die vielen „Loppis“-Hinweisschilder nicht mehr übersehen, und auch recht schnell ergründen, was es damit auf sich hatte. Loppis ist das schwedische Wort für Flohmarkt und derer gibt es wirklich unzählige über das ganze Land verstreut. Allerdings handelt es sich nicht um Flohmärkte im deutschen Sinn, also regelmäßige oder auch einmalige Märkte, wo verschiedene meist Privatanbieter gebrauchte Waren anbieten. In Schweden gibt es an gefühlt jedem fünften Landhaus einen privaten Flohmarkt, wo die Eigentümerin in einer Scheune oder einem Schuppen Second-Hand-Ware anbietet. Dabei handelt es sich natürlich in erster Linie um Liebhaberei und kein knallhartes Geschäft, sodass einige auch ausschließlich am Wochenende öffnen. Daneben gibt es aber auch viele professionelle Gebrauchtwarenläden, mindestens einen in jeder größeren Ortschaft, die gewerblich oder karitativ betrieben werden.

Ich schaute mir den ein oder anderen privaten an und musste bei der überwiegenden Zahl der angebotenen Objekte unvermittelt an die „zu verschenken“ Kisten in den besseren Wohnvierteln deutscher Großstädte denken. Kaufen wollte und konnte ich freilich nichts, denn weder brauchte ich irgendetwas noch hätte ich es transportieren können. Nun, kleinere Teile vielleicht schon, schließlich hatte ich ja unterwegs z.B. in Shiraz, in Lüleburgaz, in Schässburg und in Neu-Planig einiges an Gepäck abgeworfen, das allerdings nicht um es wieder aufzufüllen! Eher wollte ich noch mehr Dinge loswerden, wie z.B. die inzwischen gänzlich nutzlos gewordene Columbia-Jacke aus Israel. Wenig verwunderlich hatten zwei Loppi-Besitzerinnen keinerlei Interesse an einem Ankauf, schließlich waren das ja keine Gebrauchtwarenhändlerinnen sondern mittelprächtig gealterte Damen, die den in ihrem und dem Leben ihrer Eltern angesammelten Plunder loswerden wollten. Meinem Eindruck nach hatten sie dabei besonders bei Tourist*innen Erfolg. Beim dritten Versuch schlug ich daher einen Tausch Jacke gegen eine Tasse Kaffee und ein Stück Kuchen vor, was aber auch abgelehnt wurde. Das empfand ich dann doch schon als ein wenig unsympatisch.

In der Gesamtbilanz wusste ich dann auch nicht so recht, was ich von einem Volk halten sollte, dass offenbar nahezu kollektiv in einer Retro-Welle schwamm und sich insbesondere an alten Fahrzeugen mit einer entsprechend katastrophalen Umweltbilanz erfreute. Reichlich unmodern schien mir die Landbevölkerung im eigentlich als sehr fortschrittlich geltenden Schweden zu sein. In Bezug auf unnötig raumgreifende und spritdurstige Straßenschlitten war hier ebenfalls der Kontrast zu Norwegen bemerkenswert, wo der Anteil ein Elektro-Pkw wie bereits berichtet schon bei rund 15% liegt. Tatsächlich kann ich hier nur von meinen Eindrücken der ländlichen Regionen berichten, denn größere Städte mied ich in der Erwartung dort nichts vorzufinden dessen Verhältnis zwischen Reiz und Erfüllungsaufwand (Erreichen, Bezahlen) sich für mich als befriedigend herausstellen würde.

So fuhr ich auch nicht nach Stockholm, was zum Glück auch bedeutete, dass ich mich dem Sog der E4 nach etwas mehr als einem Tag wieder entziehen konnte. Wie schon angeteasert, war ich bei Sundsvall ja auf die schiefe Bahn geraten und fand mich auf der E4 wieder. Diese ist allerdings durchgehend stark befahren wie eine Autobahn, weist jedoch keinen entsprechenden Ausbauzustand auf. Dort wo die beiden Fahrtrichtungen durch eine bauliche Einrichtung von einenander getrennt sind, darf man die Straße mit dem Fahrrad auch gar nicht nutzen.

Ich hatte die Route jedoch leider nicht gewissenhaft genug geplant und musste jetzt feststellen, dass es vielerorts keine wirkliche Alternative zur Umfahrung gab. Denn entweder es gab überhaupt keine einigermaßen parallel verlaufende Ausweichstrecke oder diese war auf gar keinen Fall asphaltiert. So wechselte ich insbesondere am 477. Reisetag regelmäßig zwischen der uncharmanten und viel zu schmalen Asphaltpiste und kreuz und quer in ihrem Dunstkreis durch die Wälder verlaufenden

Schotterpisten, die aufgrund der vielen Regenschauer der letzten Tage teilweise im fortgeschrittenen Maß in der Auflösung begriffen waren. Nicht nur aber vor allem an diesem Tag musste ich mehrfach zur Verbindung zweier dieser Wege vierter oder fünfter Ordnung den Weg querfeldein wählen. Regenschauer hatte es natürlich nicht nur in den vergangenen Tagen gegeben, sondern auch an diesem Tag.

Immerhin fand ich an diesem ersten Abend des hier nacherzählten Reiseabschnitts nach ein wenig Irrungen einen ziemlich guten Campspot in einem verlassenen Ausflugslokal mit Scheune in einem Wald. Es war außerordentlich schwer festzustellen, wie lange die Lokalität bereits geschlossen war. Die meisten der hinter dem Tresen herumliegenden Zeitungen datierten auf die sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, die neueste die ich fand auf die späten Siebziger. So lange konnte die Waldgaststätte aber keineswegs pächterlos sein, denn dafür war alles noch viel zu gut in Schuss. Ein gewisses unheimliches Flair versprühte natürlich auch dieser Lost Place, wie er in der Dämmerung (ja inzwischen war ich so weit im Süden und das Jahr soweit vorangeschritten, dass es nachts wieder einigermaßen dunkel wurde) von Dampfschwaden umhüllt da lag.

Ich baute nur das Innenzelt im Scheunendurchgang auf, der gerade eben genug Platz bot. Die günstige Umgebung ermöglichte es mir auch wieder einmal ein Feuer zu machen und ich hatte damit endlich noch einmal die Möglichkeit eine warme Mahlzeit zuzubereiten.

Es sollte allerdings mein letzter richtig guter wilder Schlafplatz in Schweden werden. Es wurde in den folgenden Tagen immer schwieriger einen geeigneten Flecken zu finden. Das lag in erster Linie an den vielen Regengüssen und meinem Unwillen das Zelt auf nassem Grund aufzubauen. Nach meinen Erfahrungen am Ufer des Ångermanälven hatte ich keine große Lust mehr, den Menschen mit meiner Bitte um Obdach in Scheune oder Garage auf die Nerven zu gehen und setzte daher nur auf verlassene Hütten oder Shelter. Damit sollte ich allerdings sehr wenig Glück haben und musste so fast alle Nächte unter freiem Himmel zelten, was dazu führte, dass ich das Edwin auch fast jeden Tag bei kurzen Sonnenscheinphasen während dem Rasten noch einmal zum Trocknen auspacken musste.

Mehrmals fuhr ich bis spät in den Abend, bis in die Dämmerung oder darüber hinaus, weil ich keinen geeigneten Platz finden konnte oder sich ein vermeintlich geeigneter Ort im Nachhinein als untauglich erwiesen hatte. Am Abend des 480. Tags, ich war weit westlich an Stockholm vorbeigefahren und schickte mich nun an zwischen den beiden großen Seen in Schwedens Süden, dem Vänern und dem Vättern hindurchzufahren, hatte ich eine offene Scheune links liegen lassen, da mir das Risiko zu hoch erschien, dass später noch ein Landwirt seine Maschinen hier würde parken wollen. Danach hatte ich unter in Kaufnahme eines erheblichen Umwegs ein Amphietheater mit überdachter Bühne anfahren wollen und merkte erst zu spät, dass es sich tief in einem hügellosen Wald befand, der nur über Trampelpfade zu erreichen war.

So fuhr ich weiter bis es bereits dunkel war und dicke Nebelschaden über den vor Regen schwer daliegenden Wiesen lag. Am Rande eines kleinen Dorfs fand ich dann eine Sommerhütte, vor der kein Auto parkte und die auch gänzlich unbeleuchtet war. Still streifte ich über das Grundstück und entdeckte hinter dem Haupthaus mehrere Hütten, wie es die Regel war. Von einer dieser Hütten klemmte die Tür zwar gewaltig, aber sie war tatsächlich unverschlossen. Es handelte sich offenbar um eine Art Miniatur-Ballsaal, der eben für Feiern vorgesehen war, denn es stand eine lange Tafel, umreiht mit etwa zehn Stühlen in seiner Mitte. Natürlich zögerte ich nicht lange, versteckte mein Rad hinter der Hütte und bereitete mir aus Polstern, meiner Luftmatratze und meinem Schlafsack ein bequemes Nachtlager.

Trotzdem schlief ich nicht gut, wie inzwischen die meisten Nächte, da ich aus diversen hier bereits benannten Gründen von einer inneren Unruhe geplagt war. In dieser konkreten Nacht war hinzugekommen, dass mich wohl eine gewisse Sorge vor dem Entdecktwerden umtrieb und ich, anders als in der Nacht vor etwa einer Woche, als ich vor einem wirklich gefährlichen Sturm in den Vorraum einer Hütte geflohen war, bei jetzigen Wetterbedingungen nicht unbedingt auf das Verständnis der Eigentümer oder deren Nachbarn setzen konnte.

Die beiden folgenden Nächte schlug ich das Zelt einfach nach Anbruch der Dämmerung irgendwo unweit der Straße auf. Es war zwar feucht, aber eine bessere Option schien sich nicht finden zu lassen. Am letzten Abend vor der Ankunft in Helsingborg dachte ich schon einen halbwegs passablen Platz unter dem Vordach eines verlassenen Strandcafés gefunden zu haben, bis der Regen einsetzte und mir zeigte, dass der Wind so ungünstig stand, dass er das Wasser bis in den hintersten Winkel der teilweise überdachten Holzterrasse trieb. Daher fuhr ich noch einmal etliche Kilometer weiter, musste mich mehrmals zwischendrin wegen Regenschauern unterstellten (regelmäßig waren die Regenunterstände dieser Tage lediglich Bäume mit halbwegs dichtem Laub, da oft nichts anderes in der Nähe war) bis ich lange nach Einbruch der Dunkelheit an einer verlassenen Tankstelle eine Möglichkeit fand, das Zelt von einem übergeordneten soliden Dach schützen zu lassen.

Shelter, die Julia parallel mehrfach treue Dienste erwiesen, sollte ich in den acht Nächten auf diesem Reiseabschnitt tatsächlich überhaupt nicht nutzen können. Zwar suchte ich täglich per App nach ihnen und markierte mir ihre Standorte auch in der Offline-Karte von mapsme, aber immer wenn sie näher rückten, entschied ich, dass sie doch zu weit abseits meiner Route oder zu tief im Wald lagen.

Ebenfalls negativ überraschte mich, was sich in Schweden plötzlich wieder links und rechts der Straßen an Müll finden ließ. Längst waren nicht die Verhältnisse des inzwischen bereits schon wieder rund 6.000 km zurückliegenden Rumäniens erreicht, aber für ein in allen positiv besetzten Rankinglisten derartig weit vorne platziertes Land waren besonders im dichter besiedelten Süden die Verhältnisse doch erschreckend.

Ganz besonders fiel hier auf, dass das Getränkeverpackungspfand hier überhaupt nicht funktionierte. Die Gründe hierfür sind naheliegend, denn für die allermeisten Pet-Flaschen und Dosen wird nur eine Krone Pfand erhoben. Lediglich auf den größeren Flachen ab 1,5 Liter liegt der Pfand bei zwei Kronen. Das sind also lediglich 9 oder 18 Eurocent, was angesichts der allgemein höheren Preise noch weniger ins Gewicht fällt. Entsprechend wenig Mühe geben sich die Schweden, die entleerten Behältnisse nach Durstlöschung zurück zu den Pfandautomaten zu tragen, obwohl diese hier wie auch in Norwegen und Finnland in aller Regel stets in Begleitung der für Hausierer so praktischen Waschbecken daher kommen. Ich hatte schon bei anderen Radreisenden auf Instagram gesehen, dass es offenbar üblich war, dieses Umweltsau-Verhalten zum eigenen Vorteil zu nutzen und die Reisekasse aufzubessern.

Ich selbst hatte dazu nie großartige Lust verspürt und daher lange Zeit auf diese bescheidene Einnahmequelle verzichtet. Als die Häufigkeit dieser Form der illegalen Wertstoffentsorgung allerdings mit steigender Bevölkerungsdichte zunahm, entschied ich mich am Tag 478 irgendwo zwischen Söderhamn und Sandviken schließlich selbst in das Dosenpfand-Game einzusteigen. Am ersten Abend konnte ich meine Blechsammlung immerhin schon gegen eine Packung Schoko-Cookies eintauschen. Insgesamt sollte ich es während dieses einwöchigen Ausflugs in die Welt der von der Gesellschaft gnädig und mitleidig als sinnvolle erachteten, aber unterm Strich dennoch nicht anerkannte Tätigkeit des sich was Hinzuverdienens, auf 185 Kronen bringen, also knapp 17 Euro. Da ich ja nichts besseres zu tun hatte, denn aufgrund meiner allgemeinen Erschöpfung reizte ich mein tägliches Pensum an möglicher Kilometerleistung weitestgehend aus, kann man schon behaupten, dass sich das gelohnt hat. Einmal trug ich meinen mächtigsten Tagesfang, der mir satte 61 Kronen einbringen sollte zur Pfandannahmestation des örtlichen Lidl, als mich eine vor der Schiebetür sitzende Bettlerin bat ihr meine Sammlung zu überlassen. Das sah ich nun aber gar nicht ein, denn schließlich steckte in den beiden Säcken ein Stück harte Arbeit, die mich zudem sicher einige Mikrometer Bremsbeläge und Scheibe gekostet hatte, zweitens war ich ja selbst arbeitslos und drittens war die Frau jung und wirkte körperlich nicht eingeschränkt, hätte sich also ohne weiteres selbst auf die Jagd machen können.

Ich habe es bereits hinreichend oft erwähnt. Der tägliche Regen machte mir mit Abstand am meisten zu schaffen. Besonders ungünstig schien diese Wetterlage für diese Art des Reisens nun ausgerechnet in Schweden zu sein. Denn nicht nur der Norden war im Vergleich zu den Nachbarländern sehr dünn besiedelt, auch waren in der Mitte des Landes und in seinem Süden die Siedlungsstrukturen kompakt und konzentriert. Objektiv muss man es Schweden natürlich hoch anrechnen, dass über die staatliche Siedlungspolitik der Zersiedelung der Landschaft deutlich Einhalt geboten wird. Erika hatte mir das erklärt: Die schwedische Regierung fördert fast ausschließlich das Siedeln im urbanen Raum, was den gravierenden Unterschied zu Finnland und Norwegen erklärt.

Für Radreisende ist dies in einem ins Wasser fallenden Sommer allerdings ungünstig, denn somit gibt es auch nicht viele Möglichkeiten sich irgendwo unterzustellen. Entsprechend ist es durchaus angebracht zu rügen, dass die wenigen öffentlichen Picknick Tische und Bänke selten mit Dächern ausgestattet sind. Einmal kauerte ich auf einem Klappstuhl unter dem Giebel eines Supermarktes und versuchte den dicken Regentropfen, die vom Himmel niederprasselten mit angewinkelten Beinen zu entgehen. Am unüberdachten Tisch neben dem Parkplatz saßen drei Jungs aus Deutschland (Jungs, sehr wohl, denn sie hatten gerade erst die Realschule absolviert) im Regen mit denen ich noch ein paar Worte gewechselt hatte, als der Regen noch ein wenig zaghafter auf uns eingetröpfelt war.

Ich hatte in diesen Stunden besonders schlechte Laune, denn nicht nur klarte es an diesem Tag überhaupt nicht auf, auch war ich wieder etliche Kilometer über Schotter gefahren, hatte eine Grillhütte in den fünf niederschlagslosen Minuten links liegen lassen und hatte noch immer knapp 400 km bis Helsingborg vor mir. So machte ich gegenüber den drei Freunden meinem Ärger unangemessen heftig Luft, was diese schließlich dazu veranlasste, mir gut zuzureden in der Absicht mich aufzubauen. Jetzt war ich zwar noch nicht so alt wie die drei zusammen, viel fehlte dazu allerdings auch nicht mehr. Daher erschien es mir besonders unpassend, dass diese Bübchen mir, dem Weitgereisten alten Hasen auf dem Drahtesel im Sozialarbeiter-Tonfall Durchhalteparolen zumurmelten, aber das hatte ich mir reichlich unsouverän ja nun selbst eingebrockt. Ich relativierte daher und stellte auf den Kontrast zu meinen bisherigen Reiseerfahrungen ab, konnte die Situation aber nicht mehr auf ein für mich zufriedenstellendes Verhältnis zwischen uns korrigieren.

Keinerlei Schuld trifft Schweden an dem diese Reise begleitenden Kopfhörer-Armageddon, dass ich mir vollständig selbst zuzuschreiben habe. Ich hatte in Deutschland damals ein paar billige In-Ear-Kopfhörer eingepackt, aber jene der alten Schule, die also nur lose in der Ohrmuschel liegen und sich nicht per Gummipfropfen im Gehörgang festsaugen können. Spätestens als ich in Saudi Arabien mit dem Hörbuch hören begonnen hatte, versagten diese, denn gegen den Verkehrslärm waren sie vollständig machtlos. Ich hatte mir daher nach wenigen Tagen ein ganz ordentliches Exemplar besorgt, dass mir immerhin bis Rumänien treue Dienste erwies.

Dort allerdings hatte ich sie, in einem Moment den man wohl unter Instant-Karma verbuchen muss, zerstört, als ich zwei bellenden Hunden mit der Antäuschung eines Steinwurfs Angst einjagen wollte, dabei aber lediglich mit der Schwunghand die Kopfhörerkabel erwischte und damit die Stecker aus meinen Ohren und das Handy aus seiner Lenkerhalterung riss. Das Handy überlebte, die Kopfhörer nicht. Am letzten Tag in Rumänien hatte ich mir dann für einen Euro ein neues Paar gegönnt, dass zwar dank Gummi-Nippel Außengeräusche abhielt, insgesamt aber zu trashig war, um wirklich gerne damit was auch immer zu hören.

So hatte ich mir in Riga ein weiteres Paar gekauft, diesmal ein recht hochwertiges Markenprodukt von JBL, das preisreduziert war und mit Klang- und Verarbeitungsqualität zu überzeugen wusste. Leider war die Freude hierüber nur von relativ kurzer Dauer, denn bereits in Tromsø verlor ich dieses Prachtexemplar bei einem sinnlosen Mallaufenthalt.

Eigentlich hatte ich mir nun geschworen, es bis zu meiner Rückkehr nach Deutschland mit der schwächlichen, für den Notfall noch immer mitgeführten Erstausstattung auszuhalten. Allerdings war ich wieder schwach geworden als ich, vermutlich am 478. Tag der Reise vor dem Regen in einen Hypermarkt geflohen war und dort ein Paar Skull Candy für nur etwa 5 Euro im Angebot entdeckte. Was soll ich sagen? Nur zwei Tage später war es schon wieder Geschichte, als ich es irgendwo auf dem Weg zwischen dem Wasserholen (jemand hatte mir die gefüllten Flaschen vom Balkon mit einem Seilzug herabgelassen und mir bei der Gelegenheit noch Eis und Schokoriegel spendiert) und Schlafplatz verloren haben musste. Obwohl ich die Strecke am nächsten Morgen noch einmal gewissenhaft abradelte blieben sie verschwunden.

Natürlich ist Schweden keineswegs so furchtbar wie es hier den Anschein macht. Ich war in diesen Tagen einfach nur erschöpft und überreizt und hatte Pech mit dem Wetter. Aufgrund meiner Eile und einer längst eingesetzten Übersättigung, hatte ich keinerlei Muße mir irgendeine Sehenswürdigkeit anzuschauen oder die eigentlich doch ganz reizvolle Landschaft mit ihren putzigen Dörfern auf mich wirken zu lassen. Daher lasse ich zum Schluss einfach noch einmal die Bilder sprechen, die nicht nur die Schönheit der Landschaft belegen dürften, sondern auch, dass es während meines Aufenthalts eigentlich genug Regenpausen gegeben haben muss, um diese Aufnahmen entstehen zu lassen. Ich war dennoch heilfroh, als ich am 30. Juli die (vor-)letzte Etappe in Schweden hinter mich gebracht hatte und mein Rad in den Garten des kleinen Ferienhauses in einem Vorort von Helsingborg schob. Julias Fahrrad wartete dort schon auf mich. Wir waren jeweils 35 Tage alleine unterwegs gewesen. In diesen 35 Tagen war ich seit meinem Aufbruch in Neu-Planig rund 3.960 km gefahren.

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Hier könnt ihr unsere bisher zurück gelegte Route und (meistens) unseren aktuellen Standort sehen.

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3 Gedanken zu “birkenwald blues 🇸🇪

  1. Wenn du es nicht selber so trefflich formuliert hättest, hätte ich anhand der Bilder die Schönheit Schwedens dokumentiert gesehen.

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