#juliaontour – Gemütliche Radtour durch Schweden
Tag 463 bis 483 (09.07. bis 29.07.23)
Distanz: 433 km (∑ 23.395 km)
Höchster Punkt: 100 m
Tiefster Punkt: 0 m
Rauf: 3.360 m
Runter: 3.380 m
Es gefiel mir alleine unterwegs zu sein. Ich hatte eine so übertriebene Langsamkeit und Gemütlichkeit erreicht, die Tilmann niemals ertragen hätte können. Und obwohl ich ihn vermisste, genoss ich es auch mal mit diesem Tempo unterwegs zu sein. Ich kostete die Entschleunigung in vollen Zügen aus, es gab ja auch keinen Grund zur Eile. Ich fuhr immer noch kurze Strecken, mit maximal 10 km/h, machte mehrere Pausen, manchmal mit Nickerchen, fuhr überhaupt erst spät los und kam früh an. So blieb viel Zeit für Yoga, lesen, Hörbücher hören, schreiben und schlafen. Manchmal guckte ich auch einfach aufs Meer, in die Bäume oder den Himmel. Mir war nie langweilig!
Ab und an quatschte ich mal mit anderen Reisenden, aber eigentlich fand ich es ganz erfrischend mich nicht ständig mit neuen Menschen unterhalten zu müssen. Ich war nicht einsam, ich hätte sogar noch mehr Ruhe ertragen können. Ich las in meiner Schwangerschafts-App, dass sich das Kind bereits im Bauch an die Stimme der Mutter gewöhnt, da machte ich mir dann schon etwas Gedanken, ob mein Kind nun annähme, dass die Stimme der Hörbuch-Leserin wohl seine Mutter sei, da es diese häufiger hörte, als meine Stimme.
In Naantali stieg ich auf die Fähre nach Langnäs auf Ahland. Die Insel war wirklich wunderschön und ich verbrachte drei Tage fahrradfahrend und einen Tag ausruhend dort. Dann ging es weiter mit dem Schiff von Marienhamn nach Stockholm.













Obwohl Stockholm eine wirklich sehenswerte Stadt ist, entschied ich mich dort nur eine Nacht zu verbringen. Lieber wollte ich draußen in der Natur sein und war auch nicht sonderlich erpicht darauf, meine Hostel-Erfahrungen derart zu erweitern, die sich schon gleich nach dem Checkin nahtlos in die Erlebnisse in Riga einreihen konnte. Auch hier betrat man Aufenthaltsräume, grüßte in die Runde und bekam keinerlei Rückmeldung. Bemerkenswert ist vielleicht noch, dass ich mit einigen Gästen ins Gespräch kam, allerdings alle deutlich über 30 und die Gäste unter 30 in ihrer verschreckten Art schnell flüchteten, wegschauten und sich vor allem intensiv ihrem Smartphone widmeten. Was ist nur mit den jungen Leuten los?
Wie gesagt, stieg ich nach einer Nacht im Dorm wieder aufs Rad und verließ Stockholm. Die Radwege in Stockholm und drum herum waren perfekt und für die Nacht entdeckte ich einen winzigen Hafen, in dem drei Schiffe lagen mit einer netten Picknick-Wiese. Da es aber recht stürmisch war, entschied ich das Zelt im angrenzenden Wald zwischen den Bäumen aufzuschlagen, wo der Wind nicht mehr so durchpfiff. Ich genoss die Ruhe, die nur vom Schnattern der Wildgänse durchbrochen wurde.







Mein aktuelles Zwischenziel war Nynäshamn, wo ich wiederum auf eine Fähre nach Visby auf Gotland steigen wollte. Vielleicht wundert ihr euch, wieso ich nun ausgerechnet auch noch diese Insel besucht habe, die zwar wirklich sehenswert ist, aber nicht wirklich auf dem Weg lag. Nun, dahinter steckt die pfiffige Lösung eines Problems: Aufgrund meiner geringen Tagesleistung und der Notwendigkeit auch ständig ganze Tage Pause vom Radfahren zu machen, war klar, dass ich die anstehende Etappe von Stockholm bis nach Kopenhagen nicht komplett mit dem Fahrrad fahren konnte. Also gedachte ich den Zug zu nehmen. Schnell stellte sich heraus, dass der schwedische Bahnverkehr äußerst kompliziert organisiert ist. Es gibt mehr als ein Dutzend verschiedene Anbieter, für Außenstehend schwer zu durchblicken, welcher eigentlich wo genau operiert. Hinzukommt, dass die meisten Bahnanbieter gar keine Fahrräder mitnehmen, außer sie werden auseinandergebaut und in eine Box gesteckt, also zu einem Gepäckstück umgebaut. Aus Stockholm bekam ich mein Fahrrad nicht mit dem Zug heraus, auch nicht mit dem Fernbus. So kam ich auf die Idee mit dem Schiff: Da Fähren zwischen Nynäshamn (50 Kilometer entfernt von Stockholm) und Gotland sowie zwischen Gotland und Oskarshamn pendelten, konnte ich so die Strecke Nynäshman – Oskarshamn überbrücken, immerhin ca. 350 Kilometer. So blieben mir nur noch ca. 150 Kilometer bis zum nächsten Bahnhof, an dem ein Zuganbieter operierte, der auch Fahrräder mitnahm. 150 Kilometer entspannt auf einige Tage mit Pausen verteilt, würde ich wohl schaffen!
Ganz nebenbei war Gotland wirklich einen Besuch Wert. Ich verbrachte meinen Tag dort allerdings kaum radfahrend, sondern am Meer sitzend und da für den nächsten Tag Regen angekündigt war, fuhr ich dann wieder zurück zum Festland, wo nun meine längere Tour von Oskarshamn bis Karlskrona begann. Ich blieb bei maximal 45 Kilometer am Tag und suchte mir schöne Shelter (schwedisch: Vindskydds) zum übernachten. Leider ist man dort nicht unbedingt alleine, besonders nicht während der Hauptreisezeit der Skandinavien-Fans, die gerade alles mit ihren Campern bevölkerten. Wie gesagt, bevorzugte ich eigentlich die Einsamkeit, aber im Monat Juli im Süden von Schweden, ist diese nicht ganz leicht zu finden.






An einem dieser Shelter kam eines Abends ein anderer Radfahrer hinzu. Ich runzelte schon die Stirn, als ich das Downhill-Fahrrad sah und den großen Rucksack, den er auf dem Rücken trug, sowie den kleinen Rucksack, den er an seinem Lenker verschnürt hatte. Nach den ersten Sätzen war schwer zu überhören, dass er aus dem Raum Karlsruhe kam. Zum Abendessen packte er seine Aufbackbrötchen (die man hier im Wald natürlich nicht aufbacken konnte), Schmelzkäse (der natürlich auch nicht geschmolzen werden konnte) und Salami aus. Wahrscheinlich wunderte wiederum er sich, wie ich zufrieden sein konnte mit meinem bunten Salat. Es stellte sich heraus, dass er ein halbes Jahr unterwegs sein wollte, aber bereits in Kopenhagen sein Auto kaputt ging, weshalb er aufs Fahrrad umgestiegen war, was das doch sehr unpraktische Set-up erklärte. Ein Zelt hatte er im Übrigen auch nicht dabei, so dass ich die kleine Hütte räumte und ihm überließ. Er hatte zwar angeboten, dort gemeinsam zu nächtigen, woraufhin ich mich erkundigte, ob er denn schnarche. Da er dies nicht sicher verneinen konnte, schlug ich mein Zelt lieber einige Meter entfernt auf und natürlich schnarchte er!
Leider regnete es am Morgen und langsam aber sicher musste ich mir eingestehen, dass mein 20-Euro-Supermarkt-Zelt wenig überraschend nicht wasserdicht war. Auch in den nächsten Tagen blieb es zwar tags trocken, fing aber nachts an zu regnen. Am Zelt gab es sozusagen Wasserbrücken, die das Wasser direkt ins Zeltinnere leiteten, ich erwachte also neben Pfützen. Hinzu kommt, dass das Zelt zwar als 2-Mann-Zelt verkauft wurde, aber selbst meine extrakurz Thermarest-Isomatte für kleine Menschen nur quer hinein passt und dann immer noch mein Kopf und meine Füße an die Zeltwand anstoßen, die bei Regen komplett durchnässt war. Also war mein Schlafsack an beiden Enden nun auch nass.






Wenn wir schon bei einer kurzen Produktkritik zu diesem Zelt sind, von dem man vielleicht auch nicht mehr hätte erwarten können, sei noch erwähnt, dass nachdem wir es in Lettland erworben hatten, es erstmals in Finnland an Karls Hütte auspackten, um es zu testen und dabei feststellten, dass die Zeltstangen lose ohne Verbindung beilagen. Zwar war auch ein Gummi beigelegt, allerdings verband es die Stangen nicht, wie man es von vielen Igluzelten gewohnt ist. Das Gummi schien auch viel zu kurz und die Löcher in den Stangen viel zu klein, um dieses aufzunehmen. Es war unmöglich die Stangen auf das Gummi aufzufädeln. Steckte man die Stangen einfach nur so zusammen, fielen sie bei der ersten Bewegung wieder auseinander. Tilmann versuchte nun eine Angelschnur hindurchzufädeln, was mit einigen Mühen auch gelang, doch die scharfkantigen Steckhülsen zerschnitt sie schon in der Testphase. Schließlich umklebte er die Stangen an den Verbindungsstellen mit Klebeband, um sie dort zu verdicken und die Klemmkraft zu erhöhen. Diese Konstruktion funktioniert bis heute leidlich: Sobald das Zelt steht, steht es, allerdings ist der Aufbau jedes Mal ein Gefrickel, da sich die Stangen immer noch gerne lösen.
Meine Kocher-Konstruktion ließ auch keine großen Sprünge bei der Essenszubereitung zu. Ich hatte nun nur den kleinen Topf, da ich Tilmann den großen überlassen hatte. Einen einfachen Gaskocheraufsatz hatte uns Karls Bruder geliehen und wir hatten noch eine der dünnen hohen Gaskartuschen. Daraus ergab sich eine äußerst wackelige Konstruktion, die Tilmann noch um einen Fuß aus einem Holzbrett mit vier Schrauben stabilisierte. Letztendlich war damit aber trotzdem nur möglich, Dinge zu erhitzen.








Neben meinem Bescheidenen Equipment plagte mich nun mehr und mehr ein weiteres Problem des allein Reisens. An der schwedischen Ostküste sah ich mich einer ungeahnten Invasion von Zecken ausgesetzt. Insgesamt musste ich 8 Stücke entfernen, von denen ich 3 nicht ganz erwischte und deren Gebisse weiterhin in mir stecken. Daneben entfernte ich zahllose weitere, die sich noch nicht festgebissen hatten. Ständig kribbelte es mich doch nur in 30 Prozent der Fällen handelte sich tatsächlich um eine Zecke, aber das genügte ja auch schon. Ich bekam Panik, dass sie sich auch an Stellen festbeißen könnte, an die ich alleine nicht ran käme, wovon ich letztendlich verschont blieb. Aber auch bei den anderen Operationen, wäre ein Chirurgie-Assistent hilfreich gewesen. Zur allgemeinen Beruhigung sei erklärt, dass unsere Zeckenimpfung immer noch wirksam sein müsste und eine mögliche Borreliose auch während der Schwangerschaft behandelt werden kann. Warum es wiederum ausgerechnet in Schweden zu solch einer Plage kam, konnte ich nicht herausfinden und vermutete, dass ich teilweise einfach in Zeckennestern gezeltet hatte.
Neben der Zeckenplage, an die ich mich nicht gewöhnen konnte, gewöhnte ich mich nach anfänglichem Ekel daran, mein Zelt und meine Taschen mit Ohrenzwickern zu teilen. Sie fanden wohl gefallen an gerolltem Kunststoff, denn sobald man das Zelt entrollte oder die gerollten Fahrradtaschen öffnete, hüpfte sie einem entgegen. So wurden sie bald zu vertrauten Begleitern. An einem Abend beförderte ich ca. 15 Exemplare sanft nach draußen, da ich doch immer noch befürchtete, sie könnte mir nicht nur ins Ohr zwicken, sondern mir, während ich schlief, gar dort hineinkrabbeln. Doch wie gesagt bevorzugten sie künstliche gegenüber organischen Schlupflöchern, wir konnten also gut koexistieren. Gewiss, einige von Ihnen reisten ein Stück mit mir und wechselten somit ihren angestammten Wohnort.
Die Strecke von Oskarshamn bis Karlskrona war wirklich sehr schön und angenehm zu fahren, man musste nur aufpassen, nicht auf der E22 zu landen, auf der sich ein Camper an den nächsten reihte. Dann fuhr man durch Wälder aller Art, an blühenden Wiesen, plätschernden Bächen und putzigen roten Häusern vorbei, genau beobachtet von Pferden, Kühen, Schafen, Rehen und Feldhasen. Auch Wasservögel aller Art konnte man an den Buchten und Stränden entdecken. Das Meer hingegen wirkte eher wie ein See, da meist Schilf am Rande stand und in der Ferne Öland zu erblicken war. Nur leichte Hügel erschwerten mein Vorankommen nicht und ich fühlte mich gut und kam wie geplant vorwärts.









Leider etwas zu schnell, denn als ich in Karlskrona war, von wo aus ich die restliche Strecke bis Helsingborg – wo Appidappi sich wieder vereinen wollte – mit dem Zug zurücklegen wollten, war Tilmann noch mehr als 600 Kilometer von unserem Treffpunkt entfernt. Ich beschloss also noch weiter zu radeln, nun parallel zur Bahnlinie. Die Strecke komplett zu fahren, wäre bei meinem jetzigen Leistungsniveau zu weit gewesen. Schließlich stieg ich in Bromölla in den Zug. Hier im Süden war die Fahrradmitnahme im Zug möglich, da es die hier operierende Zuggesellschaft (Öresundstag) erlaubte.
Sosehr ich diese Zeit alleine nun auch genossen hatte, reichte es jetzt. Das Radfahren machte aufgrund meiner Schlappheit nicht mehr allzu viel Spaß, das Zelten war eine wässrige Sache geworden, Campingplätze lösten zwar das Problem mit dem Duschen, aber nicht das undichte Zelt, außerdem nervten sie mich (zu viel Nähe mit den anderen Urlaubern für meinen Geschmack), Hotels waren zu teuer, Kochen nur begrenzt möglich, täglich Essen gehen auch zu teuer und ich wollte mich nicht mehr allein den Zecken stellen. Übergangsweise ok, hatte ich nun keine Lust mehr so weiterzumachen. Außerdem vermisste ich appi oder dappi, niemand weiß, wer wer ist. Ich hatte jetzt genug Einsamkeit und wollte wieder Zweisamkeit genießen.








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Liebe Julia, ich habe ganz großen Respekt und Hochachtung vor Ihrer Leistung! Toll!
Die Landschaft sieht wunderschön aus.
Viel Glück und Erfolg weiterhin! Alles Gute für Sie Drei!!
Vielen Dank 😊
Einige der Fotos erinnern an Astrid Lindgren 😉
Schöne Motive
gute Kamera?
Bullerbü hinter jeder Kurve. Das ist die Kamera meines neuen Handys. Trotzdem nur Mittelklasse, aber heutzutage können Handykameras einfach gute Bilder machen (sofern die Sonne scheint).
„Manchmal guckte ich auch einfach aufs Meer, in die Bäume oder den Himmel. Mir war nie langweilig!“
Beste Leben!
True. Sei aufs Fazit gespannt!