Schwanger auf Fahrradweltreise – #juliaontour
Tag 449 bis 462 (25.06. bis 08.07.23)
Distanz: 150 km (∑ 22.961 km)
Höchster Punkt: 220 m
Tiefster Punkt: 20 m
Rauf: 1.310 m
Runter: 1.370 m
Was, ich höre doch nicht auf Fahrrad zu fahren, nur weil ich schwanger bin! Zunächst lief das ja auch noch prima, wir wussten es ja gar nicht, als wir beispielsweise in der Türkei so richtig Gas gaben und eigentlich täglich 100 Kilometer fuhren, mit ordentlichen Steigungen, Gegenwind, bei Regen. Und auch als wir es in Bulgarien schon ahnten und es letztendlich bestätigt wurde, fuhren wir noch immer in diesem Tempo weiter. Doch in Rumänien fing es dann an beschwerlicher zu werden, ich begann Abkürzungen zu nehmen und Tilmann fuhr oft vor, wir verabredeten uns für den Abend. Trotzdem lief es noch gut: An manchen Tagen waren auch lange Strecken kein Problem. Der richtige Leistungseinbruch begann dann in Polen: Ich war völlig am Ende nach nur 30 Kilometern, dabei waren nun nicht mal mehr Berge zu fahren. Ich konnte meine Leistungsfähigkeit auch nicht mehr gut einschätzen, mein Körper war plötzlich ein anderer. Und auf Dauer machte es so auch keinen Spaß mehr, sondern war nur noch eine Qual.
Ich klammerte mich an die Aussagen, nach dem 3. Monat würde man wieder fitter. Was ich so nicht bestätigen kann: Ja, ich fühlte mich besser, aber ich war nicht wieder fit, wie gewohnt. 100 Kilometer zu fahren war für mich unvorstellbar geworden. Zumindest wollte ich es noch nach Neu Planig schaffen, doch auch das schaffte ich nicht mehr aus eigener Kraft. Dabei ging es mir unterm Strich nicht besonders schlecht, klar manchmal fühlte ich mich etwas elend, was schon nervte, aber mich – abgesehen von den Einbußen das Radfahren betreffend – nicht besonders einschränkte.
Dass ich mich und mein Fahrrad sozusagen trotzdem noch nach Neu Planig „schleppte“, war jedenfalls die richtige Entscheidung. Ich wollte jetzt nicht plötzlich aufhören und unbedingt dieses Ziel noch erreichen. Dort unseren „Sommerurlaub“ verbracht zu haben, würde ich auch nicht missen wollen. Wir hatten eine schöne gemeinsame Zeit dort mit Karl und ich blieb einfach ein paar Tage länger, als Tilmann zum Nordkapp aufbrach.
Bestätigt wurde meine Schwangerschaft übrigens durch einen herkömmlichen Schwangerschaftstest in Burgas in Bulgarien. Vielleicht erinnert ihr euch, dass wir dort im Hug Hostel abstiegen, das halb abgebrannt war und von äußerst skurrilen Charakteren bevölkert wurde (zum Beitrag). Nicht gerade das angenehmste Umfeld, wenn man nun den Beweis in der Hand hält, dass das eigene Leben sich bald drastisch ändern wird. So konnten wir auch nur wenig Anteilnahme für die spirituellen Grenzerfahrungen der Brandüberlebenden und ihre ausführlichen Erläuterungen über den Wiederaufbau (es wurde mehr darüber geredet, als umgesetzt) aufbringen. Wir bitten nun auch im Nachhinein um Nachsicht, dass wir diesen bizarren Ort nicht ausführlich abgelichtet haben, was auf jeden Fall sehenswert gewesen wäre, allerdings fehlte uns komplett die Muße dazu: Wir wollten eigentlich nur von diesem Ort schnellstmöglich flüchten.
Zurück in die Zukunft nach Neu Planig: Am 454. Tag unserer Reise stieg auch ich wieder aufs Fahrrad: Richtung Süd-Westen. Ich fuhr los mit dem Gedanken im Kopf: Jetzt mache ich mich wirklich auf den Heimweg. Was irgendwie schön, aber auch befremdlich war. Na immerhin hatte ich ja noch genug Zeit mich daran zu gewöhnen, ebenso mich an den Gedanken zu gewöhnen, bald ein Kind zu bekommen. Doch der nächste Monat sollte nun nur mir alleine gehören. Nun könnte ich wirklich einmal tun, wonach es mir war. Ich hatte genug Zeit und wollte auch nicht mehr so knausrig sein mit dem Geld.
Ich war total euphorisch, als ich wieder im Sattel saß: Ja, vielleicht war ich nach der langen Pause doch wieder zurückgekehrt zu meiner alten Form! Doch die von mir geplanten 40 Kilometer für diesen Tag waren dann auch genug: Schlapp, Kopfweh, Müde. Ein schöner Schlafplatz am See war schnell gefunden. Die Mücken nervten zwar, deshalb freute ich mich, als der Wind einsetzte und sie wegblies, bis mir gewahr wurde, dass dieser Wind ein Gewitter ankündigte. Mein Zelt stand nun zwischen bekanntermaßen flachwurzelnden Fichten und auch wenn Tilmann mich im Falle eines Baumumsturzes vor dem Erschlagen nicht hätte retten können, hatte ich doch alleine noch mehr Angst vor dem Gewitter, als wenn er da gewesen wäre. Klar, die Wahrscheinlichkeit, dass nun einer dieser hohen Bäume, die sich bereits ächzend im Wind krümmten umfiele, war gering, aber mir war auch klar, dass mich die Angst davor die ganze Nacht nicht schlafen lassen würde. Also wurde das Zelt wieder eingepackt. Der Gasthof ein paar 100 Meter weiter beschied mein Ansinnen neben dem Haus zu zelten jedoch abschlägig und verwies mich an einen kostenfreien Zeltplatz, wiederum ein paar 100 Meter weiter. Zerknirscht zog ich ab, da ja eigentlich klar war, dass neben diesem Zeltplatz auch diese hohen dünnen Fichten stehen würden. Freudig entdeckte ich dort aber eine kleine Schutzhütte und, dass zwei Camper ebenfalls dort nächtigten, beruhigte mich zusätzlich. Sollte ich vom Blitz getroffen werden, könnte so wenigstens noch jemand den Notarzt rufen. So schlief ich friedlich und die Donnerschläge in der Nacht weckten mich zwar, aber jagten mir keinen Schrecken ein.




Auch in der nächsten Nacht, vermisste ich einen mich beschützenden Reisepartner. Ich zeltete auf einer Wiese neben einem Badestrand am See. Eigentlich war das Wetter ja nun durchwachsen, weshalb ich nicht mit vielen Besuchern des Strandes rechnete, doch noch gegen 9 Uhr abends kam eine Schar Kinder und ging bei unter 15 Grad fröhlich ins Wasser, während ich schon mit allen meinen Pullis bekleidet im Schlafsack lag, da es mir draußen zu kalt war. Kaum waren die Kinder weg, kamen Jugendliche, die in dezenter Lautstärke finnische Rockmusik hörten. Auch das hätte mich weiter nicht gestört, hätten sich die Jungs nicht an mein Zelt angeschlichen, um daneben dann auf Grashalme zu Pusten, um so richtig Lärm zu machen. Kaum schaute ich aus dem Zelt, sprangen sie in alle Richtungen weg, wie Kakerlaken in einer Wiesbadener Küche, wenn man nachts um 2 das Licht anknipst. Alleine im Zelt befürchtete ich schon, sie führten Schlimmeres im Schilde als mich nur zu Ärgern. Wer weiß zu welchen Ideen sie der Alkohol treiben würde.
Als ich den nächsten Anschleicher an mein Zelt bemerkte, sprang ich schnell heraus und stellte sie wutentbrannt zur Rede, was das solle und was sie von mir wollten und, dass sie das bleiben lassen sollten. Als Antwort kam: „But we are Fins“. Das wiederum fand ich so absurd und auch etwas belustigend, dass mir nun nichts mehr einfiel. Es wurde sich umfassend entschuldigt und erklärt, sie seien ja nur neugierig gewesen, wer im Zelt wäre, was wiederum keinen Sinn ergab, da sie ja flüchteten, als ich heraus kam und mich nicht freundlich ansprachen. Es war also klar, sie machten sich einen Spaß daraus, mich zu ärgern, doch als ich sie vor mir stehen sah, wurde mir auch klar, dass sie harmlos waren. So winkte ich ab und kroch wieder in mein Zelt, hörte mir noch ihr Gelächter an und las einfach mein Buch fertig bis sie irgendwann von Dannen zogen.
Ich blieb bei 40 Kilometern täglich, doch bereits am 3. Tag dachte ich nach 15 Kilometern aufgeben zu müssen. Hinzu kam, dass es nun kühl und regnerisch war. Ich war am Ende, selbst überrascht, wie viel Energie der Körper offensichtlich für das Wachstum eines neuen Menschen bereitstellt und nichts mehr fürs Radfahren übrig lässt. Irgendwie schaffte ich es doch noch zu meiner warmshowers-Gastgeberin in Jyväskylä, bei der ich 2 Nächte auf der Couch bleiben konnte.






Für den nächsten Tag stand ein Arztbesuch an. Meine Schwangerschaft wurde betreut von rumänischen, polnischen, lettischen, finnischen (und wahrscheinlich dänischen) Ärzten. Die Terminvergabe lief immer sehr unkompliziert und ich fühlte mich überall gut versorgt. Da mir jede Ärztin mitteilte, alles sei gut, entschied ich nach den anfänglichen Terminen, dass eine längere Arzt-Pause auch vertretbar wäre und keine monatliche Überwachung nötig ist. Leider stellte sich außerdem erst nach mehrmaligem Nachfragen heraus, dass unsere Auslandskrankenkasse (Hanse Merkur) nur insgesamt 250 Euro von den Untersuchungen übernahm. Dieser Betrag war bereits nach dem 2. Termin erreicht. Besonders enttäuschend dabei war der Service der Hanse Merkur. Auf zahlreiche E-Mails bekam ich keine Rückmeldung, bei einem Anruf in der Hotline, wurde mir gesagt, die Kosten würden übernommen, bei einem weiteren Anruf, kam nach mehrmaligen Nachfragen und nach zwei Mal Durchstellen dann doch heraus, dass die Kosten nicht übernommen werden. Nun kann man vielleicht nicht erwarten, dass eine Reiseversicherung sich um Schwangerschaft kümmert, aber einen besseren Service kann man schon erwarten. Deshalb klares Abraten von dieser Versicherung, die im Übrigen überall Testsieger ist und uns auch bei einer persönlichen Beratung von der Verbraucherzentrale empfohlen wurde.
Meine Gastgeberin in Jyväskylä war jedenfalls eine nette, wenn auch etwas wenig gesprächige Person, die allerdings auf Instagram ein ganz anderes Bild zu vermitteln schien. Mit ihrem Freund plante sie ebenfalls eine Weltreise mit Fahrrad, wobei man sagen muss, dass bei ihrer Planung eigentlich das Flugzeug das Hauptverkehrsmittel war, weshalb die Reise auch zunächst mit einem Flug beginnen sollte, passend zu der Aussage des Freundes, Europa würde ihn kein bisschen interessieren. Leider bin ich nicht mutig genug Menschen, denen ich zum Dank verpflichtet bin, mal so richtig die Meinung zu geigen, weshalb mir nach diesem Aufenthalt die Lust auf weitere warmshower-Unterbringungen verging. Es war ja häufig so, dass reisefreudige Menschen, zu denen die meisten warmshower-hosts gehören, ohne Flugscharm das Flugzeug besteigen und behaupten, sie hätten eine Weltreise mit dem Fahrrad gemacht, obwohl der Großteil der Kilometer in der Luft zurück gelegt wurden.
Die nächsten Tage regnete es wie aus Kübeln, deshalb und auch weil die weitere Strecke Richtung Turku an einer vielbefahrenen Straße entlang führt, entschied ich mich den Zug zu nehmen und mir in Turku ein Hostel zu gönnen, um mich nicht mit flugbegeisterten Gastgebern zu beschäftigen, sondern einfach mal meine Ruhe zu haben. Das Hostel in Turku war in einem alten Kreuzfahrtschiff untergebracht (das nicht mehr fährt, sondern nur noch im Kanal liegt), hatte eine Sauna und ein reichhaltiges Frühstücksbuffet (im Restaurant Kristina – das konnte ja nur ein kleiner Simulations-Gruß sein), sodass mir der Aufenthalt dort recht gut gefiel. Trotzdem wechselte ich tagsdrauf auf einen Campingplatz, da mir, solange es nicht regnete, draußen sein doch besser gefällt. Da ich noch nicht weiter fahren wollte, blieb ich 3 Tage auf diesem Platz in Naantali.










Auch in den nächsten Wochen ging ich öfter Mal auf Campingplätze, da sich mein Bedürfnis nach Hygiene ebenfalls gesteigert hatte. Ich versuchte zwar teilweise noch warmshower-hosts zu finden, jedoch ohne Erfolg. Hotels und selbst Hostels sind in Skandinavien natürlich sehr teuer. Das große Problem an Campingplätzen ist jedoch, dass man nachts nicht ohne weiteres neben das Zelt pinkeln kann, was beim Wildzelten natürlich kein Problem ist und man die anderen Urlauber auch ertragen muss, die teilweise doch etwas nervig sein können. So vermisste ich auch das Wildzelten und beschloss es trotz meiner beiden letzten Erfahrungen wieder zu praktizieren. Doch zunächst musste ich ein Stück das Meer überqueren.



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Das ist ja sensationell …. habe nun aus aktuellem Anlass nochmal und etwas gewissenhafter Eure Beiträge zu den letzten 3 Monaten studiert und bin nun noch mal mehr voller Bewunderung für Euch…. und schreibe nun auch zum ersten Mal zurück, um Euch (ALLEN) weiterhin Alles Gute für die letzten Etappen Eures tollen Abenteuers zu wünschen …. Herzlichen Glückwunsch !!!!
Lieben Dank!
Grüße nach Wiesbaden ❤️
Das ist echter Frauenpower, Hut ab, welche Leistung, welcher Mut
Danke 🙂
Ich finde deinen Mut auch beeindruckend. Das hätte ich mich so nicht getraut.
Auch Steinzeitfrauen waren schwanger und mussten ihren abenteuerlichen Alltag irgendwie bewältigen ฅ^•ﻌ•^ฅ
na ja ich kann nur für mich sprechen. 🙂