rache ist suess, scheiden tut weh 🇫🇮

Die Auflösung in dreierlei Hinsicht

Tag 444 bis 448 (20.06. bis 24.06.23)
Distanz: 0 km (∑ 23.533 km)
Höchster Punkt: 0 m
Tiefster Punkt: 0 m
Rauf: 0 m
Runter: 0 m

Was zuletzt geschah: …. Was um alles in der Welt war in Karls Mökki passiert? Das konnte doch alles nicht wahr sein! Karl war doch unser Freund! Tilmann war doch nicht so ein elendiger Egoist! Julia wusste doch gar nicht, wie man einen Elch zubereitet! Warum musste plötzlich alles ausgehen wie in einem uralten Zelluloid-Film und wieso hatten wir mit Karl plötzlich Englisch gesprochen?

Wir waren doch überhaupt nicht nach Finnland gereist sondern saßen auf einem Dachboden in Wiesbadens Äußerem Westend! Aha! Hier musste der Fehler zu finden sein!

Wir schreckten gleichzeitig schweißgebadet aus einer tiefen nebelartigen Trance. Als wir uns die Decke vom Gesicht rissen, nahmen wir ein lichtdurchflutetes Zimmer und ein mit einem weißen Laken, verziert mit einem roten Mandala-Muster, frisch bezogenes Bett wahr, in dem wir lagen. Verwirrt sahen wir uns an und um. Das war doch nicht unser Dachboden!

Als hätte sie unsere Gedanken erraten, riss uns eine eiskalte, uns sehr vertraute Stimme in die Realität zurück:

„Nein, das ist nicht euer, oder sollte ich sagen mein, Dachboden!“

„Kristina!“ entfuhr es uns gleichzeitig.

„Aber wie…“

„Wie ich euch auf die Schliche gekommen bin? Nun, mir kamen eure Bilder auf Instagram schon von Anfang an reichlich künstlich vor. Dann war eure Reiseroute vollkommen unrealistisch und ich bemerkte, dass mein WLan ständig erstaunlich langsam war, so als ob heimlich jemand mitsurft! Hinzu kam das gelegentliche Balkenknarren vom Dachboden. Ich begann einen Verdacht zu entwickeln und beschloss euch mit meinem Besuch in Schässburg auf die Probe zu stellen. Ich rechnete fest damit, dass ihr euch mir nun endlich offenbaren würdet und hätte nie gedacht, wozu ihr fähig wart. Zugegebenermaßen, eure Rumänien-Reise-Hypnose war gar nicht übel, dass muss ich euch lassen. Eine Frechheit war es trotzdem! Schließlich habe ich einfach mal nach euren Namen gegoogelt und siehe da: Ihr habt die ganze Wahrheit auf einem Blog veröffentlicht, bei dem ich nie mitgelesen habe. Aber jetzt weiß ich Bescheid. Und jetzt habt ihr meine Rache zu spüren bekommen. Ich würde sagen wir sind jetzt quitt!“

Wir waren also enttarnt! Nun gut, die Retourekutsche hatten wir verdient. Nach einer intensiven Aussprache und unseren aufrichtigen Reuebekundungen konnten wir Kristina das Versprechen abringen, nicht noch weitere Menschen zu Mitwissern zu machen und uns vor allem nicht bei unseren Instagram-Followern auffliegen zu lassen.

Gemeinsam beschlossen wir eine andere Geschichte für euch Leserinnen und Leser unseres Blogs niederzuschreiben (wobei die leicht negativ eingefärbten Aspekte dieser Geschichte als Anspielung auf den Horror aus Kristinas-Hypnosetherapie zu verstehen sind):

Neu-Planig! Du Kleinod mitten im Nirgendwo der endlosen finnischen Landschaft aus Seen und Wald!

Das absolute Fehlen von menschengemachten Geräuschen trägt an diesem besonders schönen Fleck auf unserer Erde durchaus zur Erholung bei. Allerdings ließ ein natürliches Geräusch unseren Stresspegel regelmäßig in die Höhe schnellen: Das euch allen vertraute Geräusch einer sich nährenden Stech-Mücke. Und nun multipliziert das mal 75 und stellt euch das 24 Stunden täglich vor. Manchmal trauten wir uns nicht unter dem Mückengitter hervor, weil wir es geplagt von Piksen und Jucken einfach nicht mehr ertragen konnten. Zum Glück half unsere Mücken-Kohle-Räucher-Spirale zumindest ein Bisschen. Die Versprechen von Karl und Simon 1. regelmäßiger Sauna-Besuch lindert die Stiche 2. nach einer Woche gewöhne sich der Körper an das Gift; konnten wir nicht bestätigen.

Dies sollte nicht der einzige Wermutstropfen in einer ansonsten makellosen Chillaxe-Woche bleiben. Aus unerfindlichen Gründen verpflichtete uns Karl, uns mit der finnischen Kultur auseinanderzusetzen, weshalb wir am 23. Juni gemeinsam zu einer Mittsommer-Party im Sommer-Café aufbrachen, die zwar 2 Tage nach dem tatsächlich längsten Tag im Jahr stattfand, aber nach finnischer Tradition eben auf das Wochenende gelegt wird, damit auch dem übermäßigen Alkoholkonsum nichts im Wege steht. Die sich dort hauptsächlich versammelten Hillbillies, durchmischt mit ein paar Städtern, die Mittsommer in ihren Mökkis verbrachten, hatten sich jedenfalls am teuren Bier (wie können sich in Skandinavien so viele Menschen leisten Alkoholiker zu sein?) bereits umfassend gütlich getan. Kurz bevor die Band, die mit finnischen Hits die Party-Crowd auf die Tanzfläche lockte, begann, spielte der DJ etwa 10 Minuten lang einen recht ansprechenden elektronischen Mix, der uns Dreien recht gut gefiel, doch dem mit dem Aufspielen der Band ein jähes Ende gesetzt wurde. Die Meute bevorzugte allerdings die Band, worauf die Tanzbereitschaft und das Mitgrölen schließen ließen. Wenig überzeugt von der musikalischen Darbietung und mit seinem Bildungsauftrag wohl zufrieden (das musste seine Motivation gewesen sein, denn er selbst regte sich am meisten über die Musik auf und hatte gleichzeitig am stärksten auf den Besuch der Veranstaltung gedrängt), erklärte Karl, dass wir gemeinsam mit Simon, seinen Kindern (die offiziell nur bis 10 auf der Party erlaubt waren, allerdings noch ein bisschen länger das Süßigkeiten-Angebot leer kauften) und seiner Mutter wieder den Rückweg antreten könnten. Übrigens herrschte auch in Finnland aufgrund der Trockenheit ein absolutes Lagerfeuerverbot, sodass sowohl das private am 21. als auch jenes bei dieser Hillbilly-Party ausfiel.

Trotz der bisher beschriebenen Qualen, die uns durch Karl und die Mücken zugefügt wurden, verbrachten wir ein paar wunderbare Tage in Neu Planig. Die meiste Zeit chillaxten wir nämlich doch und genossen unsere gemeinsame Zeit. Vollkommen ungestört konnten wir entweder den Teufel voll aufdrehen oder zwischen zwei Saunagängen nackt quer durch den Wald zum See laufen. Wie schön ein mild-kühler leichter Regen sein kann, wenn man nach einem Saunagang bis zu den Knien in einem menschenleeren See steht und sich einfach nur des Lebens erfreut.

Bei einem Einkaufsausflug nach Vesanto trafen Karl und Tilmann ein belgisches Fahrradtouren-Pärchen, dass wir natürlich gleich ansprechen mussten. Natürlich waren auch sie auf dem Weg zum Nordkapp, hatten jedoch vor Lappland mit dem Zug zu überspringen. Na ja. Nach drei Tagen stiessen Karls Bruder Simon mit seinen beiden Kindern und Karls und Simons Mutter zu unserer harmonischen Runde hinzu und komplettierten traditionsgemäß die Familienbande zum Mittsommer.

Karl, der sich in den ersten drei Tagen noch dem Home-Office widmen musste, freute sich über unsere Grüße aus der Küche und wir uns über seinen Spaß daran, gemeinsam mit uns albernen kleinen Video-Projekten nachzugehen. In aller Ruhe konnten wir uns nebenbei noch der Fahrradpflege widmen und Tilmann wechselte gleich auch Bremsscheibe und Beläge. Aus der alten Bremsscheibe und einem untauglichen Rückspiegel den er für 2 Euro (komisch, dass der so wackelte) in Lettland gekauft hatte, bastelten wir einen Spiegel für die Gästehütte in der wir untergebracht waren. Wir nutzen zudem die Gunst der Stunde und sortierten noch einmal ein paar Dinge aus, die wir nicht mehr unbedingt zu brauchen meinten und die Karl dankenswerterweise bei seinem nächsten Deutschlandaufenthalt mitbringen wird. Darunter waren unsere eigentlich so lieb gewonnenen Klapphocker und das ungarisch/slowakische Bibelmanifest.

Ja und dann kam der Moment, der sich schon seit einiger Zeit angebahnt hatte. Während in den vergangenen Wochen der Abstand zwischen Julias Vorderrad und Tilmanns Hinterrad ständig angewachsen war, war unweigerlich auch der Raum zwischen uns immer größer geworden. In uns war die Erkenntnis gereift, dass wir das, was dies tatsächlich bedeutete, nun wohl leider ernst nehmen mussten. Es war ein Zeichen vor dem wir nicht länger die Augen verschließen konnten. Ein gemeinsames Weiter, so traurig das für uns und sicher auch für euch Leser*innen ist, konnte es nicht geben. Eine Trennung, wir mussten es uns eingestehen, war unumgänglich. Es ging nicht mehr. Wir hatten ja schon einige Tage der kurzen Trennung hinter uns, doch nun stand die große Trennung bevor. Wir hatten entschieden, dass Tilmann alleine unseren letzten Meilenstein, das Nordkapp, in Angriff nehmen würde (und selbstverständlich von dort aus die Rückfahrt per Rad), während Julia sich nun Richtung Süd-Westen und damit auf dem mehr oder weniger kürzesten Weg Richtung Heimat aufmachen würden.

Doch warum diese Trennung, die uns beiden natürlich schwer fiel? Natürlich kam nicht in Frage, unseren letzten Meilenstein einfach aufzugeben, doch für Julia kam es körperlich nicht mehr in Frage. Vielleicht habt ihr euch schon gewundert, warum Julias Leistung in den letzten Wochen so einknickten, dass sie, obwohl eine große Verfechterin des CO2-freien Reisens, nun auf Zug und Auto zurückgriff und jetzt auch noch die Erreichung des letzten Ziels Tilmann alleine überließ. Nun, das liegt daran, dass es nun jemanden gibt, die oder der oder * mitreist, mitisst und einen Großteil der Energie in Anspruch nimmt. Ja, für unsere Reise nach Afrika brauchen wir einen Fahrradanhänger!

In eigener Sache: Ein Fahrradanhänger wurde uns mittlerweile dankenswerterweise schon angeboten. Allerdings suchen wir noch eine günstige Wohnung in der wir ab September/Oktober zu zweit und ab Dezember/Januar zu dritt wohnen können, bis wir entschieden haben, wo wir uns endgültig niederlassen werden. Wenn ihr eine Idee habt, bitte gerne melden!

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Hier könnt ihr unsere bisher zurück gelegte Route und (meistens) unseren aktuellen Standort sehen.

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18 Gedanken zu “rache ist suess, scheiden tut weh 🇫🇮

  1. Was für ein Spaß, eure Geschichten zu lesen!
    Und was für ein schöner Grund für eure „Alleingänge“ in letzter Zeit. Herzlichen Glückwunsch! Ich drücke die Daumen, dass ihr eine nette (Zwischen)Miete finden werdet. Ihr seid so mutig!

  2. Hallo Zusammen, dass sind schöne Neuigkeiten!! Von Herzen die besten Wünsche an alle „Drei“!!
    Gutes Gelingen in jeder Hinsicht und viel Glück bei der Wohnungssuche!!
    🤩🤩🤩

  3. Unsere angehende Kleinfamilie will es zwar offiziell nicht zugeben, doch ich weiß, dass sie sich nichts sehnlicher wünscht als ein Reihenhaus in einer gutbürgerlichen Gegend.

    Dann ist das vagabundierende Lotterleben endlich vorbei und sie müssen sich nicht mehr den Kopf darüber zerbrechen, was sie als nächstes im Internet posten sollen. Dann endlich können sie wieder ihren Beitrag leisten zur Steigerung des Bruttosozialprodukts – zunächst natürlich vor allem Tilmann. Endlich wieder grillen mit den Nachbarn, unaufgeregtes Pendeln ins Büro (gerne mit Krawatte) und gelegentlichem Homeoffice.

    Tilmann, Julia und Nachwuchs Deutschland braucht euch!

    Lasset uns unseren Freunden ein schickes Reihenhaus klar machen!

    😀

  4. Auch von mir herzlichen Glückwunsch und alles erdenklich Gute für eure kleine Familie. Das ist doch der schönste Grund, um heimzukehren 🥰
    Wisst ihr auch in welchem Land euer Kleines entstanden ist? Ist doch wichtig, oder? 😊
    Waren die armenischen Hirten in der Käsehütte vielleicht doch Wahrsager🤔

  5. Jetzt werdet ihr also doch spießig…. Trotzdem alles Gute dazu und vor allem wünsche ich euch alle erdenklche Gesundheit! 🙂

  6. Da ich mich nicht verskalvt fühle und da ich auch niemandes Dachboden unabgesprochen bewohnt habe, gehe ich davon aus, in keiner von Kristina erzeugten Hypnose/Simulation zu stecken. Außerdem ist die Auflösung viel zu gut für Zelluloid und die Tonqualität ist ebenso ausgezeichnet.
    Bleibt nur noch das Problem, dass ich in der in einer Simulation an Kristina übergebenen Hängematte lag, was wohl nur schwer möglich ist, wenn man sich selber nicht in derselben Simulation befindet. 😱
    Die Frage ist also offen geblieben … 🤯

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