tallinn aus zwei richtungen eingenommen 🇱🇻🇪🇪

Wir gingen zum ersten Mal getrennte Wege auf unserer Fahrradweltreise

Tag 437 bis 441 (13.06. bis 17.06.23)
Distanz: 477 km (∑23.
144 km)
Höchster Punkt: 120 m
Tiefster Punkt: 50 m
Rauf: 2.650 m
Runter: 2.660 m

Nun sollten sich nach 438 Tagen, die wir von morgens bis abends fast ausschließlich miteinander verbracht haben, erstmals unsere Wege trennen. Daran war tatsächlich keiner unserer erbitterten Streits über zu schnelles oder zu langsames Vorankommen oder über den geeigneten Schlafplatz Schuld. Wir stellten einvernehmlich fest, dass es uns beiden gut tun würde, wenn Person B mal so richtig Gas geben konnte und Person A gemütlich ein Stück mit dem Zug zurücklegte. Wer sich jeweils dahinter verbirgt, erfahrt in in diesem Beitrag.

Das Zünglein an der Waage für diese Entscheidung war der EuroVelo 13 (EV13), der uns an Tag 437 so richtig zu nerven begann. Doch die Entscheidung hatte sich schon seit einigen Wochen abgezeichnet, denn es hatte sich zwischen A und B eine wachsende Leistungsdifferenz ergeben. Diese hatte dazu geführt, dass Person B schon in Rumänien, Polen und dem bisher bereisten Baltikum Schleifen gefahren war, während A den direkteren Weg wählte. Jetzt kam noch eine außerordentlich uncharmante Routenführung hinzu, die das Fass zum Überlaufen brachte. Der EV13 verlief aus Riga heraus zwar zunächst an einem gut ausgebauten Radweg, jedoch immer parallel zur Autobahn 4 bzw. E67 und mündete schließlich auf dieser. Mit nur kleinem Seitenstreifen und viel LKW-Verkehr nicht gerade das, was man sich unter einer empfehlenswerten Radroute durch Europa vorstellt. Wie zum Hohn hingen die Auszeichnungen für den EV13 auch immer nur an Abschnitten, wo man kurz die Autobahn verlassen konnte und es etwas schöner war, sich der Umweg, der mit ein paar zusätzlichen Kilometern verbunden war, aber kaum lohnte. Ansonsten war auch die Beschilderung äußerst lückenhaft, vielleicht weil man sich selbst für diesen Radweg schämte. Die Umfahrungen der Autobahn führten dann auch gerne Mal über einen Sandweg, der laut anderer Beschilderung auch gar nicht befahren werden durfte oder führte über ein Gleisbett, was Absteigen und Schieben erforderte. Man schwankte immer zwischen Pest und Cholera. Wir trauen uns auch gar nicht mehr, in jedem Beitrag über den Gegenwind zu jammern, aber ja, er war auch wieder mit von der Partie.

So endete schon der erste Tag nach unserer Pause in Riga in völliger Erschöpfung noch bevor wir unser anvisiertes Ziel erreicht hatten. Immerhin war der Park hinter der Weißen Düne in Saulkrasti am Baltischen Meer, in dem sich Julia am Nachmittag niederließ und sogleich einschlief, hübsch und als Tilmann (der in Riga noch Fahrradläden abgeklappert hatte) hinzukam, beschlossen wir kurzerhand, dass wir dort auch, trotz zahlreicher Spaziergänger, Zelten könnten. Anstoß nahm daran niemand, wie es sich gehört!

Bei einem Spaziergang über die Dünen in der späten Nachmittagssonne, die über dem Meer schwebte, kam es dann zu einer Entscheidung. Appidappi sollte sich auftrennen, um Tallinn aus zwei verschiedenen Richtungen zu erobern. Drei Tage später wollten wir dort sein, die Fähre nach Helsinki war schon gebucht. 244 Kilometer Luftlinie lagen noch zwischen uns und Tallinn. Drei Tage Trennung standen uns nun bevor, die wir gut meisterten und jeder einmal nach seinem Gusto glücklich werden durfte.

Bestimmt platzt ihr schon vor Spannung, wer welche Variante gewählt hat? Julia beschloss nun über 100 Kilometer jeden Tag zu radeln, Tilmann wollte lieber auch mal zwischendurch einen Kaffee trinken gehen und den Müßiggang erproben. Ja, auch wir haben uns verändert auf dieser Reise und uns dabei den Bedürfnissen unseres Reisepartners angenähert. Anscheinend sind wir dabei übers Ziel hinausgeschossen: Julia wurde Tilmann und Tilmann wurde Julia oder wir wissen gar nicht mehr wer wer ist? Die Wahrheit erfahrt ihr in unserer Foto-Dokumentation.

Person A radelte jedenfalls noch weitere 30 Kilometer um den nächsten Bahnhof zu erreichen, der an der Zuglinie nach Norden lag. Tatsächlich gibt es im Baltikum nur ein sehr ausgedünntes Schienennetz. In Lettland läuft dies sternförmig in Riga zusammen, doch wehe man will irgendwo hin ohne über Riga zu fahren. Nach Estland kam man jedenfalls per Zug nur über eine Strecke, die weiter im Inland verlief, auch endete diese an der Grenze. Ganze zwei Züge fahren pro Tag in diese Richtung. Den Vormittagszug erreichte Person A nicht mehr und musste so den halben Tag in dem netten touristischen Ort Sigulda zubringen, was den Besuch der örtlichen Gastronomie ermöglichte, die erstaunlich modern (vegan), gut und günstig war.

Als gegen Abend endlich der Zug in den Ort rumpelte und keiner vorher Auskunft geben konnte, auf welchem der 4 Gleise er wohl einlaufen würde, wurde es kurz hektisch: Gleichwechsel, Fahrradabteil erspähen, Hinsprinten und dann der Schock: Uralter Zug mit drei hohen Stufen in einen engen Eingang. Kurzer Blick in die Runde: Nur Omis auf dem Gleis. Ein älterer Herr, den man eigentlich auch nicht mehr guten Gewissens darum bitten konnte, musste dann helfen das Fahrrad irgendwie in dieses Stahlmonstrum zu bugsieren. Zunächst erleichtert drin zu sein, kam schon die nächste Hürde: Das Fahrrad sollte noch in das Abteil (von Fahrradabteil konnte man eigentlich nicht sprechen, es war nur eine Lücke ohne Sitze vorhanden), doch eine Abteiltür mit zwei Schiebetüren von links und rechts, die, wenn man sie nicht mit zwei Händen auseinander stemmte sofort wieder zufielen, verhinderte, dass man hier eigenständig sein Fahrrad verstauen konnte. Beim Anblick des verzweifelten Versuchs bequemte sich dann doch ein anderer Passagier zu Helfen.

Bis nach Tallinn war es an diesem Tag nicht mehr zu schaffen, der Zug rumpelte drei Stunden lang durch Lettland und kam am Abend schnaubend im Grenzort Walk zum Stillstand. Ein Glück musste Person A nicht vorher aussteigen, so konnte sie an der letzten Station in aller Ruhe die Taschen einzeln und dann das Fahrrad raustragen. Der angesprochene Mitfahrer war nicht gerade begeistert, dass er dabei helfen sollte.

Walk liegt in Lettland und Estland zugleich. Mit dem Zug nun in Estland angekommen, radelte Person A wieder zurück in den lettischen Teil, überquerte so noch einmal die Grenze per Rad, die mitten im Ort lag, um ihren heutigen Schlafplatz zu erreichen: Kurzfristig hatte sich eine nette Frau auf unsere Anfrage über warmshowers gemeldet und erwartet Person A zu später Stunde. Dort angekommen wurde sie von weitem winkend und dann fest in den Arm nehmend von Marla begrüßt. Die hatte es eilig noch einen weiteren couchsurfing-Gast abzuholen, ein gemeinsames Abendessen wurde in Aussicht gestellt. Das Haus glich eher einer Baustelle (die nie vollendet werden würde?). Es befand sich mitten im halb leerstehenden Gewerbegebiet und war eigentlich auch kein Wohnhaus, sondern eine Art Bürogebäude, die Flure waren nicht verputzt, voll mit Krempel und Schutt auf dem Boden. Doch die einzelnen Zimmer waren zum Teil ausgebaut und recht gemütlich. Der Abend mündete in einer netten Runde, neben viel Auswahlmöglichkeiten beim Essen außerdem in einer Kwas-Verkostung, einem slawischen Getränk, das durch die Gärung von Brot hergestellt wird, jedoch unalkoholisch und leicht süß ist. Trinkbar war das schon, aber man ahnte auch, dass einen böse Blähungen heimsuchen würden, wenn man davon mehr als zwei Gläser tränke.

B folgte weiter dem Verlauf des EV13 in Richtung der estnischen Grenze. Die Erfahrung dieser Route blieb weiterhin unschön und so wurde ein weiterer, letzter Versuch gewagt, dem öden Highway zu entrinnen, aber in Liepupe steckte der Vorderreifen des Patria schon wieder im losen Schotter fest und so sollte es der letzte Versuch bleiben. Die Straße war in allen Online-Karten mit gelber Farbe als Hauptstraße kenntlich gemacht!

Manchmal tauchte unvermittelt eine parallel verlaufende Straße auf, vermutlich der ehemalige Verlauf der Autobahn. Hier hatte man sich jedoch nicht die Mühe gemacht für eine entsprechende Zufahrt zu sorgen; es lag ein Entwässerungsgraben zwischen beiden Fahrwegen. Einmal musste B dazu über eine morsche und halb verfallene Brücke schieben, was sich der Radreisende Sven, den er später traf, nicht gewagt hatte.

Sven war vor einem Monat bei Freiburg aufgebrochen und hatten noch keinen einzigen Ruhetag eingelegt. Seit seiner Abfahrt hatte er permanent gegen Nordwind gekämpft und dennoch im Schnitt 100 km am Tag gemacht. Entsprechend zermürbt war er, obwohl er eigentlich ebenfalls noch ans Nordkapp wollte. Als B ihm offenbarte, dass es von Helsinki aus noch immer mehr als 1.500 km seien, winkte er ab. Das sei ohnehin das letzte Mal, dass er eine solche Tour mache. Während dieser Unterhaltung rauschten in beide Richtungen andere Radreisende an uns vorbei. Wir waren wieder in fahrradaffinen Gefilden unterwegs.

Weiter ging es überwiegend auf dem schmalen Seitenstreifen, während Lkw um Lkw vorbei dröhnte. Ein Spaziergang im Raudu-Weiden Naturschutzgebiet ließ ein kurzes Durchatmen zu und dann weiter, die letzten 10 km bis zur Grenze.

Der Kontrast hätte nicht stärker ausfallen können. Von jetzt auf gleich herrschte absolute Ruhe, denn der Radweg verlief nun für eine ganze Weile auf dem in Estland vollkommen intakten alten Verlauf der Riga-Tallinn-Autobahn. Sanft glitten die Räder auf dem Asphalt durch den Kiefernwald, dass sich einem das Herz nur so weitete.

Langsam wurde es Zeit, sich um einen Schlafplatz zu bemühen, auch wenn es inzwischen natürlich noch ewig hell blieb. Eine kurze Internetrecherche zur Frage Wildzelten in Estland brachte dann die grandiose Erkenntnis, dass die Forstbehörde RMK überall im Land kostenlose Campingplätze zur Verfügung stellte und der nächste war auch nicht mehr weit! Leider las er bei dieser Gelegenheit auch die Nachricht eines estnischen warmshowers-host (der uns eine Absage erteilt hatte) das seit heute! wegen Waldbrandgefahr im ganzen Land ein absolutes Feuerverbot gelte.

Egal, ein umsichtiger Umgang mit einem Gaskocher konnte ebensowenig wie die Kohle-Spiralen zur Mückenabwehr damit gemeint sein. Am Platz angekommen stellte B fest, dass er nicht der einzige Gast war, ein Backpacker-Pärchen hatte bereits sein Zelt aufgebaut und sich ein Abendessen gekocht!

An Smalltalk waren sie nicht interessiert und störten sich auch nicht daran, dass B noch bis in die Puppen in dem kleinen Pavillon unweit ihres Zeltes am Laptop saß, während sie im Zelt mit ihren Luftmatratzen herumknarzten.

Am Tag 439 wollte es Person A nach Tallinn schaffen. Nun galt es sich mit dem estnischen Zugverkehr auseinanderzusetzen. Das Online-Portal informierte darüber, dass alle Fahrradplätze vergeben seien. Doch der nächste Host in Tallinn beruhigte A und meinte, er wäre noch niemals mit seinem Fahrrad aus dem Zug geschmissen worden. Trotzdem wollte A auf Nummer Sicher gehen. Mit einem Umstieg in Tartu war die Fahrradmitnahme laut Online-Auskunft noch möglich. Eine Pause von der langen Fahrt könnte man sich ja gönnen und noch einen Blick in die Stadt Tartu werfen. Dort landete A in einem coolen Maker-Space mit vielen Hipster-Cafés die Cappucino mit Hafermilch kredenzten.

Auch der Bahnhof von Tartu war schon einen Besuch Wert. Die Unterführung unter den Gleisen war sauber, ordentlich und diente auch der Ausstellung verschiedener originaler Kunstwerke, die dort ohne zusätzliche Schutzmaßnahmen einfach an der Wand hingen. Bereits in Sigulda in Lettland war die besondere Sauberkeit der Halle des alten Bahnhofgebäudes aufgefallen, in der sogar ein Klavier stand, sowie ein Kachelofen in der Ecke, beides natürlich nicht in Benutzung, jedoch konnte man sich ausmalen, dass es dafür durchaus Anlässe gäbe.

Jegliche Panik bezüglich Ticket-Kauf und Fahrradmitnahme in Estland erwies sich als unbegründet. Nicht nur die Bahnhöfe waren äußerst ansprechend und angenehm, auch der ganze Akt des Zugfahrens erwies sich als entspannt und kundenfreundlich. Wer die Deutsche Bahn gewohnt ist, sieht sich ja schon mit einem Bein im Knast, wenn er ohne Ticket und ohne gebuchten Fahrradplatz einen Zug besteigt, doch hier konnte alles noch nach Abfahrt mit der netten Schaffnerin geregelt werden. Es stellte sich auch heraus, dass selbst als der Zug bereits mit 10 Fahrrädern befüllt war, obwohl nur 4 offiziell erlaubt waren, keiner schimpfte und keiner aussteigen musste. Zum Glück handelte es sich bei diesen Zügen um den Typus, der in Deutschland als S-Bahn eingesetzt wird, in die man ein Fahrrad einfach reinschieben konnte, die Bahnhöfe waren mit komfortablen Rampen ausgestattet.

So kam Person A völlig ungestresst am Abend in Tallinn an und fuhr noch 5 Kilometer stadtauswärts zu einem weiteren warmshowers-Paar, das sie wieder einmal mit einem Abendessen versorgte.

Da B gut vorankam, war es nun möglich noch einmal ein paar Schleifen zu drehen in den kommenden drei Tagen. Jetzt ging es aber erst einmal noch straight am Golf von Riga entlang ins gut 50 km entfernte pittoreske Pärnu, wo der gleichnamige Fluss in die Ostsee mündet. Erst bei seiner Ankunft fiel B auf, dass er die bunt bemalten Holzhäuser mit den dort untergebrachten Kunsthandwerk- und Souvenirläden schon von seinem Kurzaufenthalt vier Jahre zuvor kannte, als er bei einer Reise nach Finnland per Auto hier eine Pause eingelegt hatte.

Gut, dann konnte das Sightseeing ja übersprungen werden und die beiden ortsansässigen Fahrradläden aufgesucht werden. Irgendwie schien es als könnten die Schaltröllchen mal gewechselt werden und wie sah es eigentlich mit der Kettenabnutzung aus? Im ersten Laden starrte die Verkäuferin B ab der ersten Sekunde und Begrüßung entgeistert an und als B sie nach einem Augenblick des Nichtfindens von Kette und Schaltröllchen auf die begehrten Artikel ansprach, bat sie ihn seltsam verstört das Fahrrad hereinzuschieben zum Mechaniker in die Werkstatt.

Dieser reagierte nicht auf Bs Gruß und als B fragte ob er sich das Ersatzteilsortiment anschauen dürfte, erklärte er kein Englisch zu sprechen. Immerhin nickte er, als der Wunsch in Zeichensprache wiederholt wurde. Die Kette war ziemlich überteuert und die richtigen Schaltröllchen nicht zuzuordnen. Wieder kam die Verkäuferin betreten dreinblickend hinzu und B bat sie ihren Kollegen zu bitten die Kettendehnung zu messen, da keine direkte Kommunikation möglich war.

Der Mechaniker war gerade mit einem anderen Rad beschäftigt und griff daher nur widerwillig zur Kettenlehre, hielt sie so kurz an die Kette, sodass B keine Möglichkeit hatte ebenfalls eine Blick darauf zu werfen und raunte, dass ein Wechsel fällig sei.

Wegen der Schaltröllchen nahm B aufs Geratewohl ein paar aus dem Regal, erklärte der verunsichert wirkenden Verkäuferin die Zuordnungsproblematik, die sich daraufhin wieder an den tätowierten Schrauber mit Undercut und Dutt wand. Er meinte, die könnten passen und fummelte weiter an dem eingespannten Mountainbike herum.

Ok, es reichte. B bedankte sich und verließ den Laden mit, na?, natürlich rollenden Rädern und Augen. Vermutlich heftete sich ein frustrierter bis gepeinigter Blick der Verkäuferin in seinen Rücken.

Im zweiten Laden ging es da schon seriöser zu. Zunächst war der Mitarbeiter so freundlich mit nach draußen zu kommen, damit B das voll bepackte Rad nicht durch die schmale Tür manövrieren musste. Überraschenderweise stellte sich dann heraus, dass die Kettendehnung schon bei deutlich über 75% lag! Und tatsächlich seit dem letzten Kettenwechsel in Israel waren schon weit über 5.000 km durch den Drahtesel geflossen, sodass es für einen Wechsel bei einem gleichzeitigen Kassettenalter von ca. 13.000 km wohl eigentlich zu spät war. Wir hatten in den letzten Monaten derartig Gas gegeben, dass wir gar nicht gemerkt hatten, wie die Kilometer an uns vorbei geflogen waren. Die richtigen Schaltröllchen konnte der Laden nicht zur Verfügung stellen, wie auch die drei Läden in Tallinn, die B zwei Tage später noch anfahren sollte. Für den Notfall wurde allerdings doch noch eine Ersatzkette eingepackt, denn im Falle eines Risses ist eine hüpfende immer noch besser als keine!

Anstatt nun von Pärnu aus einfach der E67 weiter bis nach Tallinn zu folgen, entschied sich B einen Schwenk nach Osten zu vollziehen und den Soomaa Nationalpark zu besuchen. Dieser beherbergt auf einer etwa der Stadt Köln entsprechenden Fläche Moore, Sümpfe, Auen und Wälder, vorwiegend im Einzugsgebiet des Flusses Pärnu. 1997 wurde der Nationalpark zu einem CORINE-Biotop und damit in den Kreis der wichtigen Naturschutzgebiete Europas aufgenommen. Seit 1998 liegt ein Vorschlag zur Aufnahme in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes vor.

Tatsächlich sollte sich der Ausflug lohnen. Auf jeder Brücke musste B inne halten, um die Schönheit der friedlich daliegenden Landschaft einzusaugen (und natürlich fotografisch zu dokumentieren.) Leider war es schon reichlich spät geworden, als B an einem über einen hölzernen Steg geführten Wanderweg durch ein Moor ankam, sodass nur noch eine kurze Stippvisite möglich war, bevor es Zeit war den nächsten RMK-Zeltplatz aufzusuchen. Dass sich der asphaltierte Weg bald in eine Schotterpiste verwandelte, tat der Euphorie keinen Abbruch. Als irgendwann der dritte und vierte RMK-Platz unter dem Motto „Ein Kilometer geht noch“ links oder rechts liegen gelassen worden war, kamen aber doch Befürchtungen auf, dass sich das vielleicht noch rächen würde.

Doch weit gefehlt: Der angepeilte Platz erwies sich als goldrichtige Entscheidung, denn er verfügte sogar über eine Hütte mit verschließbarer Tür. Das hatte gleich zwei Vorteile. Erstens konnte zur Abwechslung mal wieder der, besonders alleine vollzogen mangels Arbeitsteilung, immer recht zeitintensive Zeltaufbau entfallen. Zweitens war es in der Hütte aufgrund fehlender Fenster stockfinster, sodass dem auf die andauernde relative Helligkeit mit Schlafstörungen reagierenden B eine erholsame Nacht auf der abgerockten Couch in Aussicht stand.

Die Schotterpistenproblematik sollte sich jetzt aber auch im bisher gegenüber seinen südlichen Geschwisterstaaten so positiv aufgefallenen Estland ergeben. Zunächst musste ja noch die zur Durchquerung des Nationalparks eingeschlagene Route weiterverfolgt werden. Als diese sich nach ca. 15 km wieder in Asphalt verwandelt hatte, dauerte es nur weitere 5 km bis der direkte Weg nach Nordosten wieder zu einem unbefahrbaren Waschbrett wurde. Also war ein 12 km langer Umweg erforderlich, um über fahrradfreundlicheren Untergrund nach Suure-Jaani (ja man merkte bereits an den Ortsnamen die Verwandtschaft des Estnischen mit dem Finnischen) zu gelangen. Dort schlug der geplante Weg zunächst einen kurzen Schwenk nach Nordwesten ein bevor er bald darauf nach Norden abbiegen sollte.

Ausnahmsweise ohne Gegenwind war das Vorankommen nun so geschmeidig, dass B nach einer Weile erstaunt feststellte schon einige Kilometer an dem Abzweig nach Norden vorbei gefahren zu sein. Merkwürdig, ihm war gar keine Straße aufgefallen, was allerdings nichts heißen musste. Lohnte sich die Fahrt zurück? Im Anbetracht zur alternativen Weiterfahrt und den damit einhergehenden Zusatzkilometern schon. Also zurück. Am Abzweig angekommen stellte sich Ernüchterung ein. Es handelte sich um einen Wanderweg, der hier am Anfang zwar noch einen einigermaßen befahrbaren Eindruck machte, aber das Risiko, dass sich dies innerhalb der etwa 12 km seines Verlaufs noch ändern würde, erschien zu hoch.

Also wieder zurück und die kürzeste Umfahrung versuchen zu erwischen. Tatsächlich gab es noch eine kürzere, als aufgrund der ersten Recherche befürchtet und siehe da, diese war tatsächlich asphaltiert, sodass alles halb so wild schien. Aber wie sollte es anders sein? Natürlich endete der asphaltierte Ausbau bald, als die Straße den Verlauf des Pärnu verließ und die Qualität des losen Untergrunds nahm ständig ab. Den letzten Kilometer vor Erreichen der Nationalstraße 5 musste sogar geschoben werden.

Auch für diese Nacht war ein RMK-Platz angepeilt, der wiederum nicht an einer asphaltierten Straße lag. Aus den verschiedenen möglichen Anfahrtsrichtungen wählte B jene, auf der er am längsten auf Schotter verzichten konnte. Das führte allerdings dazu, dass das letzte Stück Weg mal wieder in besonders schlechtem Zustand war, sodass ein zweites mal an diesem Tag geschoben werden musste. 141 km standen mit den Umwegen am Ende des Tages zu Buche, was den uralt Rekord von 134 km aus der Türkei aus 2022 endlich übertraf.

Da RMK-Zeltplätze genau wie die MOK-Rastplätze in Polen grundsätzlich ohne Wasserversorgung ausgestattet werden, musste B sich in alter Tradition vorher mit Wasser eindecken. Die ältere Dame, die mit dem Schlauch gerade ihren Garten bewässerte, unterbrach ihr Werk gerne, um den Schlauch auf die Öffnung der Flaschen zu richten. Als die Flaschen gefüllt waren und sich B noch Hände und Gesicht gewaschen hatte, meinte sie noch ihm jetzt aber auch die Füße abspritzen zu müssen, denn schließlich war B aufgrund der sommerlichen Temperaturen mit Schlappen unterwegs.

Obwohl der Zeltplatz mitten im Wald mitten im Nirgendwo zu liegen schien, fand nicht weit entfernt ein Treffen ohrenscheinlich junger Leute statt, die nervigen baltischen Schlager-Techno hörten. Glücklicherweise schirmte der Windschutz in der B das Zelt aufgebaut hatte aber den Lärm intensiv genug ab, sodass mit Schlafbrille einigermaßen Schlaf zu finden war.

B hatte vor dem Erreichen Tallinns noch einmal einen Umweg eingeplant, denn schließlich war sein Ziel der vorübergehenden Trennung ja ein beliebiges Kilometerfressen gewesen und schließlich galt es noch Meilen für das Wiesbadener Stadtradeln zu sammeln. Allerdings war schnell der Speckgürtel von Tallinn erreicht und damit das Radfahren bereits bald einigermaßen unattraktiv. Nach einem kleinen Schlenker beschloss B daher doch den direkten Weg einzuschlagen und die ungarische Botschaft zwecks Dokumentenentledigung (Bibelinterpretation aus dem slowakisch-ungarischen Grenzgebiet) anzufahren. Aufgrund des Wochenendes war diese natürlich geschlossen, verfügte aber ebenfalls nicht über einen Briefkasten. Das Schriftstück unbekannten Inhalts blieb daher weiter in unserem Besitz.

Nach einem Tag Pause von der unanstrengenden Zugfahrt wollte Person A am Tag 441 Tallinn unsicher machen. Dazu gehörte zunächst ein Friseurbesuch, der in einer gestylten Mähne mündete und dann schon das freudige Wiedersehen mit Person B in einer Mall bevorstand. Während B in der Mall verblieb, um Büroarbeit zu erledigen, schlenderte A durch die Tallinner Innenstadt, die zwar hübsch aber auch vollgestopft mit Touristen war, die sich gerne mit billigem Fast-Food und Alkohol vergnügten, was den alten Mauern etwas des Charmes beraubte.

Gegen Abend bestiegen nun wiedervereint Julia und Tilmann die Fähre nach Helsinki, einige andere Radreisende hatten sich dort ebenfalls eingefunden, die sich jedoch zu cool fanden, sich mit uns auszutauschen und schnell verschwanden, nachdem wir bemängelt hatten, dass sie ihre Räder etwas ungünstig abgestellt hatten und ein Umbau erforderlich war, damit auch wir dort unsere Räder unterbringen konnten.

So begaben wir uns zu den Sitzplätzen auf der Fähre, die nur in Bars mit fürchterlicher und fürchterlich lauter Musik vorhanden waren (zuvor hatten wir noch die Darbietung eines Zauberers ertragen müssen). Die anderen Passagiere, hauptsächlich alkoholisierte Finnen, zogen Hackenporschen hinter sich her, auf denen Bierkartons ins praktischer Hackenporsche-Fähre-Verpackung gestapelt waren. Offensichtlich führte die hohe Alkoholsteuer in Finnland dazu, dass Alkoholhersteller in Estland eben dieses Verpackungsformat für ihre finnischen Kunden entwickelt haben.

Nach nur 2 ½ Stunden legten wir in Helsinki an und machten uns dann an die 15 Kilometer Fahrt zu Karl, dem wir vor unsere Abreise in Deutschland versprochen hatten, ihn während unseres Trips besuchen zu kommen, woran er immer mehr geglaubt hatte, als wir selbst, doch tatsächlich da waren wir: Mit kleinem Umweg über den Nahen Osten nach 15 Monaten in Finnland angekommen!

Auf der Fahrt zu seiner Wohnung im Nordosten der Stadt durchquerten wir die gesamte Innenstadt und staunten nicht schlecht, wie diese aus allen Nähten platzte. Überall waren Menschen unterwegs, die in Biergärten und Parks, auf Bänken und Plätzen das fantastische Wetter genossen.

Gerne hätte Karl mit uns zusammen dieses taghelle Nachtleben unsicher gemacht, aber es war bereits fast 11 als wir bei ihm eintrafen und wir waren von den vorangegangenen Reisetagen ziemlich erledigt. Außerdem waren wir Feiern und Alkohol ohnehin nicht mehr gewöhnt, das hatten wir uns seit unserer Abfahrt aus Tiblissi vor fast einem Jahr ziemlich abgewöhnt. So ganz konnten wir uns einem feucht-fröhlich eingefärbten Wiedersehen aber freilich nicht entziehen, zumal Karl einen wirklich köstlichen Gin-Tonic mit Ananas-Aromatisierung in seinem Esszimmer servierte. So kamen wir doch nicht vor zwei ins Bett.

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6 Gedanken zu “tallinn aus zwei richtungen eingenommen 🇱🇻🇪🇪

  1. Wie schön, das sein muss: Ein ganzes Schiff voller angetrunkener Alkoholssteuerflüchtlinge mitsamt „Gepäck“. 🙂

    Wo ich gerade bin gibt es lauter Prohibitionsflüchtlinge… auch interessant.

      1. Komisch, dass di6r Ampel das irgendwie angeht. Ich bezweifle bisher, dass eine vernünftige Regelung oder gar überhaupt eine Regelung dabei heraus kommt… wir werden sehen. 🤷

      2. Die Wissenschaft sagt zumindest dass sich bei Legalisierung im Konsum kaum etwas ändert. Tendenziell kiffen weniger junge dafür mehr ältere Menschen

      3. Das richtige Alter, die richtige Aufklärung, die richtige Regelung… Nur was die Wissenschaft sagt ist leider oft nicht allzu relevant, wenn Politik versucht etwas zu „regeln“. 😉

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