Unsere Radreise durch Polen führte uns durch die Wälder an der Grenze zu Belarus
Tag 422 bis 430 (29.05.23 bis 6.06.23)
Distanz: 612km (∑22.210 km)
Höchster Punkt: 250 m
Tiefster Punkt: 140 m
Rauf: 3.720 m
Runter: 3.760m
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Das konnte doch nicht wahr sein! Immer noch über 100 km bis zur Grenze nach Litauen? Waren das nicht gestern noch 80 km gewesen? Unsere Reise durch den Osten und Nordosten Polens wollte kein Ende nehmen. Wir fuhren uns zunächst in den Sümpfen des polnisch-belarussischen und dann des polnisch-litauischen Grenzgebietes fest und wunderten uns wie groß Polen ist. Doch alles begann wie immer wo der letzte Beitrag endete.
Nicht zum ersten Mal geschah es, dass eine gut gemeinte Hilfeleistung uns nicht wirklich etwas brachte. Die nun beschriebene, wird uns als bizarre Episode der polnischen Gastfreundschaft in Erinnerung bleiben. Unser warmshower-host Michal aus Lublin wollte uns unbedingt dabei helfen, einen Schlafplatz für die Nacht, nachdem wir aus Lublin aufgebrochen waren zu finden. Er telefonierte mit einer Frau A, die er in der Gegend unseres Tagesziels kannte. Aus für uns nicht nachvollziehbaren Gründen, sollten wir aber nicht bei dieser Person unterkommen, sondern sie telefonierte ihrerseits herum und organisierte uns einen anderen Schlafplatz. Michal erklärte uns, wir sollten nun zu dieser Dame B fahren, die sowieso etwas einsam mit ihren Kindern im Wald lebe und sich über Besuch sicher freue. Wir rechneten also damit am Abend wieder eine Dusche zu bekommen, vielleicht auch ein Abendessen und wenn es richtig gut laufen sollte, ach was, dieses Arrangement würde doch nur Sinn ergeben, wenn wir nicht mal das Zelt aufbauen müssten, sondern ins Haus gebeten würden.
Wir radelten also durch Lublin Richtung Nordosten, was innerstädtisch noch angenehm war, aber am Rande der Stadt brauchten wir eine Weile aus dem Gewirr der Autobahnauffahrten auszubrechen und auf einem Fahrradweg, die Autobahnkreuze zu überwinden. Dann ging es recht unspektakulär durch Dörfer, die je weiter wir uns vom Ballungsraum entfernten immer kleiner wurden und entsprechend ließ auch der Verkehr nach. Am frühen Abend kamen wir an besagter Adresse an, die uns die letzten Meter an einem großen See entlang über einen etwas sandigen Weg geführt hatte und den Eingang zum Nationalpark Poleski markierte.
Das Wohnhaus war das letzte vor dem großen Wald und als wir klingelten, öffnete uns überraschend ein Mann mit Kind auf dem Arm und keine alleinstehende Frau. Dieser sprach kaum Englisch, zeigte uns aber, dass wir im Garten zelten könnten und einen Außenwasserhahn, den wir benutzen könnten, dann verschwand er wieder im Haus. Irgendwie dachten wir, dass da noch mehr gehen könnte und setzen uns erstmal auf eine Bank und wollten die Ankunft der Hausherrin abwarten. Wahrscheinlich bedarf es inzwischen nicht mehr der Erwähnung, dass in einem Garten zelten, ohne Zugang zu Duschen und Toiletten zu haben, weitaus schlechter ist, als irgendwo in der Natur zu zelten, weil wo soll man sich unbeobachtet waschen und wo das nötige Geschäft verrichten? Hinzu kam an diesem Ort, dass bereits jeweils 55 Mücken an uns rumpiekten und wir gerne ein Feuer gemacht hätten, um diese zumindest ein bisschen zu vertreiben. Eine Feuerstelle war aber nicht vorhanden.
Kurze Zeit später tauchte nun Johanna (B) auf, mit der wir uns immerhin verständigen konnten. Dessen ungeachtet merkten wir aber schnell, dass sie uns nur ungern ins Haus lassen würde. Eine Einladung wurde jedenfalls nicht ausgesprochen und die Frage noch einer Dusche sehr zurückhaltend bejaht. Schließlich meinte sie, dass nebenan ja ein Campingplatz sei und der sei ja eigentlich ein recht geeigneter Platz zum Campen. Wir waren verwundert, denn wir wussten ja nichts von einem Campingplatz und hatten einen solchen grundsätzlich nicht in Betracht gezogen, weil wir es für überflüssig hielten für die Übernachtung etwas zu zahlen. Auch heute waren bereits an 100 potentiell guten Campspots vorbeigefahren, alle unsere Elektro-Geräte waren aufgeladen, eine richtige Dusche wäre zwar schön, aber auch nicht dringend nötig gewesen. Sie erklärte, der Campingplatz würde nur 3 Zloty kosten und zählte seine Vorzüge auf zu denen auch eine geringere Mücken-Population zählte. Es war klar, dass sie uns lieber dort sah, als in ihrem Garten.
Auch wir hatten kein großes Interesse an ihrem Garten und fragten uns schon, was das Ganze hier eigentlich sollte. „But you are affraid of your stuff, therefore you prefere to stay in our garden, right?“, fragte sie schließlich. Und so stellte sich heraus, dass die Telefonkette, das Gerücht produziert hatte, wir hätten Angst des Nachts überfallen zu werden. Dabei haben wir ausgesprochen wenig Angst vor Diebstahl. Ausgenommen kurz nach dem Fahrrad-Raub damals in Georgien und unserer (vorurteilsgeprägten und vielleicht unberechtigten) Sorge von Roma in Rumänien bestohlen zu werden, waren wir auf dieser ganzen Reise im Vergleich mit anderen Radfahren und zur Überraschung der meisten Einheimischen äußerst unbesorgt. Wir schließen unserer Fahrräder beim Einkaufen nur selten ab, wir lassen grundsätzliche Nachts unsere Taschen am Fahrrad, wir lassen unsere Räder mit Taschen auch mal stundenlang irgendwo stehen, wenn wir einen Stadtbummel oder eine Wanderung machen.
Die meisten Menschen sind eben doch sehr ehrlich und keine Gauner. Wie dem auch sei, wir versicherten unserer ungewollten und unwilligen Gastgeberin, dass wir keine Angst hätten und nun führte sie uns zu besagtem Campingplatz, der kein dauerhaft bewirtschafteter Platz war, wie sich herausstellte, sondern eher ein Platz, der von Gruppen genutzt werden konnte, die sich vorher bei der Nationalparkverwaltung gegen eine kleine Gebühr anmeldeten. Dies war natürlich nicht mehr möglich für uns. Da Johanna (B) aber wusste, wo alle Schlüssel für Toiletten und Dusche (kalt) versteckt waren und irgendetwas nuschelte, dass wir vielleicht auch gar nichts bezahlen müssten, wir uns in ihrem Garten nicht wirklich willkommen fühlten und der Campingplatz eh viel besser geeignet war für uns (es gab auch eine komfortable Feuerstelle und genug gespaltenes Holz), stimmten wir zu, hier die Nacht zu verbringen.
Zwar zufrieden, aber doch etwas verwirrt, standen wir auf diesem sehr schönen Platz und schüttelten die Köpfe darüber, warum manche Menschen auf Teufel komm raus helfen wollen, wenn dies offensichtlich nicht nötig ist. Immerhin hatten wir es geschafft in den letzten 14 Monaten uns jede Nacht selbst um einen Schlafplatz zu kümmern.
Der Platz war trotzdem sehr schön, doch zu den normalen Stechmücken gesellten sich noch unangenehmere Zeitgenossen: Kriebelmücken, die sich in Horden auf uns stürzten, sodass einem permanent ein Schleier vor dem Gesicht herumschwirrte bzw. in die Augen krabbelte und unentwegt an jeder unbedeckten Hautpartie herum knabberte. Mückenspray und Mückenkohle schreckte sie nicht ab und auch der Rauch des Feuers half kaum, wir flohen also bald ins Zelt.






Mittlerweile waren wir wieder auf wenig befahrenen Straßen unterwegs, durchquerten Gegenden mit Wiesen und Wäldern und kleinen Dörfern, folgten weiter dem Green Velo Radweg, der genug Picknick-Plätze bereit hielt. Zwischendrin wurde es nochmal regnerisch und kühl, doch die meiste Zeit begleitete uns gutes Radfahrwetter. Die wenigen sanften Hügel und das ansonsten flache Gelände ermöglichten ein solides vorankommen. Trotzdem plagte uns ab und an wieder der Gegenwind, der nun beständig (mal wieder) aus Norden zu kommen schien.
Wir radelten zunächst dem Grenzfluss Bug folgend entlang der Grenze zu Belarus, mit den Geschichten von Michal im Ohr, wie schwer es Geflüchteten an dieser Grenze gemacht wurde. Am zweiten Abend nach dem Aufbruch aus Lublin befanden wir uns sehr nah an der Grenze, als wir eine zum Zelten gut geeignete Wiese entdeckten. Wir selbst blieben dort jedoch nicht lange unentdeckt: Ein Mann in einem privaten PKW kam den Feldweg entlang gefahren und versuchte uns mit Gesten verstehen zu geben, dass wir hier nicht zelten sollten. Wir ahnten gleich, dass es sich bei diesem Herr nicht etwa um den Besitzer der Wiese, sondern um vermutlich einen dieser zivilen Grenzschützer handelte, ein Hilfssherif also, der nun den Chefchef raushängen lassen wollte.
Wir verhielten uns unbekümmert, zuckten mit den Schulter, als ob wir nicht verstünden, wo das Problem sei und beschlossen erst einmal abzuwarten, was als nächstes geschehen würde. Lange mussten wir nicht warten: Kaum war der Mann verschwunden, tauchten zwei bildhübsche Beamtinnen der offiziellen Grenzpolizei auf, kontrollierten unsere Pässe und informierten sich über unser Ansinnen. Unsere Taktik war im Zweifel zu behaupten, dass es Julia sehr schlecht ginge und wir unter keinen Umständen weiter fahren könnten. Diese Geschichte gewann auch dadurch an Glaubwürdigkeit, dass sich Julia auf der Wiese liegend unter der Greenscreen verschanzt hatte, um sich den ewig attackierenden Mücken und Kriebelmücken zu entziehen.
Die Damen hatten sie so auch noch gar nicht entdeckt und fragten nach ihrem Aufenthaltsort als Tilmann ihnen ihren Pass aushändigte. Die beiden Damen waren freundlich und entspannt und wiesen uns explizit an, unseren Geschäften weiter nachzugehen (Tee kochen) während sie Funkkontakt zu ihren Vorgesetzten aufnahmen. Mit dem Segen des Höherrangigen, bekamen wir die offizielle Erlaubnis im Grenzgebiet zu Zelten, wohlgemerkt, obwohl Wildzelten in Polen eigentlich verboten (jedoch allgemein geduldet) ist. Wir frohlockten jedenfalls, dass der zivile möchtegern Grenzschützer nicht recht behalten hatte.
Wie gesagt rückten uns jedoch auch hier stechende und knabbernde Fluginsekten zu Leibe und wir beschlossen, am nächsten Tag bei einem warmshower-host die Vorzüge von Wänden und geschlossenen Fenstern zu nutzen. Uns trennten nur 90 Kilometer und eine Flussüberquerung per Fähre von ihm.












Der nächste Tag lief zäh an, mal wieder wollte der Wind unser schnelles Vorankommen verhindern. Als wir schließlich am Nachmittag dem Schild zu besagter Fähre folgten, am Bug anlangten und feststellen mussten, dass die Fähre bereits seit Jahren am anderen Ufer auf dem Trockenen lag, wurde uns jedoch klar, dass es schwer würde unsere Übernachtungs-Verabredung noch einzuhalten. Wir brachen auf zur nächsten Fähre, doch die Strecke hatte sich ja nun verlängert und als dann auch noch Julias Schlauch platze, war klar, dass wir aufgeben mussten. Tilmann bekam davon indes gar nichts mit, denn er war mal wieder vorausgeeilt. Zum Glück hatten wir einige Tage vorher entschieden, dass Julia ab sofort Flickzeug und Luftpumpe mitführen sollte.
Als ob es das Schicksal aber auch nicht anders gewollte hätte, fuhr auch die nächste Fähre nicht, zumindest an diesem Tag, angeblich aufgrund eines zu hohen Wasserstands. Tilmann war bereits im Fähr-Ort Zabuze angekommen, während Julia noch den Schlauch tauschte. Der Anblick den er beim Warten auf Julia machte, indem er neben seinem Fahrrad auf dem Boden an einen Zaun gelehnt saß, war vermutlich der entscheidende Impuls der den Abend rettete. Ein Geländewagen hielt, dem eine Frau (Karolina) und ein Mann (Darius) entstieg, die ihn ansprachen und nach etwaiger Hilfsbedürftigkeit fragten. Tilmann erklärte, er wolle zur Fähre, warte nur noch auf seine Partnerin und wurde daraufhin darüber informiert, dass die Fähre nicht führe. Sich seinem Ärger Luft machend, wirkte er wohl noch verzweifelter, weshalb die beiden ihm ein Obdach für die Nacht anboten, was er dankend annahm.
Wir wurden in der Ferienhütte untergebracht, in der derzeit ebenfalls ein anderer Radfahrer mit seiner Schäferhunddame Urlaub machte, der Fahrer des Geländewagens. Die Hütte war gemütlich und der Garten sehr hübsch. Wir wurden mit Abendbrot versorgt und unterhielten uns mit den beiden. Darius hatte vor ein paar Jahren die gesamte polnische Grenze abgefahren, immerhin rund 4.000 Kilometer. Karolina wohnte dauerhaft im angrenzenden Haus und vermietete Fahrräder und Kanus an Touristen. Englisch konnte sie nicht, das eigentliche Gespräch übernahm daher Darius, aber irgendwie hatten wir den gleichen Humor und konnten über einige Dinge gemeinsam Kichern, die keine gemeinsame Sprache erforderten.









Lustigerweise schloss uns Karolina am Morgen noch mehr in ihr Herz, als wir an unseren Fahrrädern herumschraubten und Julia zornig wurde, als unsere beiden Gastgeber ständig im Zuge ungefragter pseudo-Hilfestellungen dazwischen fummeln wollten. So bekamen wir zwei (Keramik!-)Tassen mit regionalpatriotischen Motiven und einen selbstgemachten Rosenkranz geschenkt, sie begleiteten uns noch mit dem Fahrrad zur Fähre, rief den Fährmann zurück, da die Fähre gerade gestartet war und bezahlte diesen auch für uns. Das Ganze hatte inzwischen fast arabische Züge angenommen! Zum Abschied drückte sie uns noch ganz fest und winkte uns vom Ufer aus nach.
Die Keramiktassen hatten wir eingepackt, um unsere Gastgeberin nicht zu verärgern, schenkte sie aber sozusagen an unserem nächsten Gastgeber unbekannterweise weiter. Wir nächtigten nämlich in einem nicht fertiggestellten Holzhaus bzw. daneben und nutzen das Haus zum Kochen und Essen. Die Tassen stellten wir, als kleines Dankeschön, in eine Lücke in der Holzwand.
Dass wir an diesem 6/10-in-der-Gesamtwertung-Lagerplatz den Abend und die Nacht verbrachten war dem Umstand geschuldet, dass Tilmann übersehen hatte rechtzeitig abzubiegen, um auf dem Green Velo zu bleiben. Er war Julia, wie immer seit einigen Wochen, vorausgeeilt und hatte dann keine Lust mehr umzukehren, obwohl sie einen besseren Platz an einem der offiziellen Rastplätze gefunden hatte. Zu Recht war sie bei Ankunft und Erfassen des ausgewählten Ortes etwas verärgert. Nach dem üblichen Luftmachen, kehrte aber wieder die übliche harmonische Camping-Kocher-Stimmung ein.
Kurz nach Aufbruch am nächsten Morgen ärgerten wir uns dann beide, da wenige Kilometer weiter ein ca. 9/10-Ruheplatz mit fließend Wasser auftauchte.
Doch schon vorher hatte Tilmann sich geärgert, da sich über Nacht ein platter Hinterreifen eingestellt hatte. Noch ärgerlicher daran war, dass er weder das Loch im Schlauch noch den Störkörper im Mantel hatte finden können.










In der Stadt Hajnowka wollte Tilmann eine neuen Ersatzschlauch besorgen, während Julia aufholen bzw. weiter fahren wollte. (Den mit Kreide an der entscheidenden Kreuzung im Süden der Stadt auf die Straße geschriebenen Hinweis übersah Julia natürlich.)
Der Fahrradladen am nördlichen Ende der Stadt erwies sich als Hinterhofwerkstatt und im ersten Moment sah es so aus, als ob es gar keinen Ersatzteilhandel gab. Schließlich öffnete die stoisch dreinblickende Aufpasserin (ausgeschlossen, dass es ihr Laden war so wie sie sich verhielt) aber einen Schuppen, in dem ein kleiner Laden eingerichtet war. Träge wies sie auf das Regal mit den Schläuchen, aber ein 27.5″er war nicht dabei. Ratlos sahen sich Tilmann und die Dame an und schon war er im Begriff wieder aufzubrechen, als ihm dann doch noch einfiel die benötigte Größe auf dem treseneigenen Taschenrechner einzutippen. Erst dann schien ihr einzufallen, dass hinter dem Tresen noch ein weiteres Schlauchregal schlummerte und siehe da, der richtige war dabei. Aber nun hatte sie kein Kartenlesegerät und Tilmann nicht mehr genug Zloty in Bar. Von Euros wollte sie nichts wissen, sodass sich Tilmann genervt trollte.
Jetzt wenigstens noch etwas einkaufen! Auf dem Weg zu Kaufland fiel Tilmann ein Laden auf, der Fahrräder, Motorroller und Elektronik verkaufte. Mit wenig Hoffnung im Gepäck trat er in den Laden ein und lief tatsächlich auf ein Regal mit Fahrradzubehör zu! Dieses war allerdings sehr überschaubar und der zu Hilfe eilende Verkäufer bestätigte auf Nachfrage, dass „Tubes“ in diesem Fachgeschäft nicht im Sortiment waren. Genervt wandte Tilmann sich zum Gehen, als er hinter der Kassen ein Regal mit Schläuchen erblickte. Den Richtigen fand er im Nu und hatte ihn bereits auf dem Tresen platziert, als der Fachberater noch am Suchen war. Es sollten übrigens bald weitere augenverdrehende Fahrradladenbesuche folgen.
Jetzt ging aber erst einmal die lustige Fahrt, bald wieder vereint, weiter durch dichte sumpfige Wälder, leider lief uns aber kein Wisent vor die Reifen, die hier in einer relativ großen Population leben und ihre kürzliche Querung der Wege durch eindeutige Fußspuren von großen Paarhufern bewiesen wurde. Der grüne Tunnel wusste aber auch auf der rein floralen Charmeschiene die Laune zu heben.
Als wir am Rande des Dickicht gerade gepicknickt hatten, kam es zu einem überraschenden Regenschauer. Auch wenn wir entsprechend satt waren, flohen wir ins nächste Restaurant mit sehenswerter Gemäldesammlung. Triefend nass und zerlumpt bei nur jeweils einem Kaffee eine Stunde in der guten Stube das W-Lan leer saugen? Alles kein Problem für die nette Bedienung.
Später als die Sonne wieder herausgefunden hatte, begegneten wir auch einem anderen Radreisenden, der sein Fahrrad gerade aus einem Waldweg schob und dann einige Meter hinter uns fuhr. Wir verlangsamten also, um ihm „Hallo“ zu sagen und uns kurz auszutauschen. Wir wurden immer langsamer, doch der Abstand schien und schien nicht kleiner zu werden. Dann ganz plötzlich überholte uns der Radler, den Blick stur geradeaus gerichtet, als ob wir gar nicht da wären. Eigentlich ist die Radreise-Community ja äußerst kontaktfreudig und kommunikativ, weshalb wir uns nun verdutzt anschauten.
Diese Nacht zelteten wir in einer der Hütten entlang des Green Velo, da uns der Herr mit seiner Einladung in seinem Garten zu zelten, wo es an Tisch und Bank mangelte und keine Toilettennutzung möglich schien, nicht geheuer war. Er und seine Familie waren Hillbillies der unheimlichen Sorte a la Wrong Turn. Immerhin kam er nicht herüber, um sich über unsere mangelnde Gästefreundlichkeit zu beschweren.










Der nächste Tag war eine zähe Gegenwindpartie, die sich an eine nervtötend lange Gravelpiste durch den tiefen Wald anschloss. Wir hatten den Green Velo vorübergehend verlassen, da dieser nach Bialystok abbog und damit einen Umweg einschlug.
Während Julia immerhin die Wisentspuren entdeckte, fand Tilmann auf dem Radweg am Beginn einer nicht ganz kleinen Stadt und weit entfernt vom nächsten Gewässer einen toten Otter. Dass zwischen Radweg und Straße eine Böschung lag, machte diesen Anblick noch rätselhafter.
Irgendwann an einer endlos geraden Landstraße, die sich Tilmann entlang kämpfte während ihn der Wind daran zu hindern versuchte und gerade von einer Gruppe Rennräder überholt worden war, wartete eine Dame neben ihrem VW-Caddy und grüßte freundlich in der Art, die klar machte, dass sie um ein Anhalten ersuchte.
Mit Verweis auf die Plastiktulpe, die sie am Kofferraum befestigt hatte, eröffnete sie das Gespräch mit dem Hinweis darauf, dass sie vor einigen Kilometern schon Julia getroffen hatte. Eigentlich begleitete sie das Rennrad-Team als Supporterin, doch jetzt wollte sie erstmal Tilmann, wie bereits zuvor Julia mit jeder Menge Köstlichkeiten aus Riegeln, Backwaren, Obst und Softdrinks versorgen. Tatsächlich hatte Julia Tilmann per Signal von ihrem Treffen mit Danusia, so hieß die Dame, als echten Stimmungsaufheller (Stimmungstief wegen Gegenwind) berichtet. Auch Tilmann freute sich wie immer wenn es etwas umsonst gab und schon wieder machte die polnische Gastfreundschaft Anleihen im Orient. Danusia verabschiedete sich nicht ohne, dass sie ein Selfie für Instagram aufnahm und natürlich folgten in alter Tradition ihrem Storypost mit uns und entsprechender Verlinkung unseres Kanals keine über uns hereinbrechenden Neu-Follower-Wellen.
Als es Zeit wurde einen Zeltplatz zu suchen in einer Gegend die reich an geeigneten Spots war, fragte Tilmann an einer offenen Gartenpforte, die vor dem Haus versammelte Gesellschaft nach Wasser. Heraus sprangen am Ende zwei Flaschen Mineralwasser, zwei Dosen Bier und ein wirklich nettes kurzes Gespräch mit der netten jungen Dame Izabela, die im Gegensatz zu den drei schon Recht betrunkenen Herren ganz ordentlich Englisch sprach. Beeindruckt vom destillierten Reisebericht waren zu Tilmanns Genuss aber alle 5, der ebenfalls anwesende Sohn hatte bisher keine Erwähnung gefunden. Ebenso wenig wie der unfassbar nervige Nachbarshund, der mit seinem ununterbrochenen Gebell die Verständigung erheblich erschwerte. Es war unbegreiflich, wie die lustige Runde das auf Dauer aushalten konnte. Als der Vorschlag unterbreitet wurde von Bier auf Wodka umzusteigen, sah Tilmann, mit dem Verweis auf seine im schlimmsten Falle ihn unwissend überholende Freundin zu, dass er das Weite suchte.
Er fand dann tatsächlich sehr bald ein sehr schönes und ungestörtes Plätzchen im Wald, wo sich mit einer eilig entzündeten Räucherspirale auch bald die wenigen Mücken vertreiben ließen. Als Julia eine halbe Stunde später dazu stieß, war unser liebgewonnenes Zelt „Edwin“ bereits aufgebaut. Ja unsere Zelt hat mittlerweile einen Namen: Wir haben unserem Zuhause zu Ehren Tilmanns Onkel, der uns dieses dankenswerter Weise vermacht hat, seinen Namen gegeben.













Obwohl wir doch täglich gut Strecke machten, schienen wir unserem nächsten Land Litauen einfach nicht näher kommen zu wollen. Es war bereits wieder Wochenende und wir mussten feststellen, dass in dieser dünnbesiedelten Gegend die Supermärkte sonntags nicht geöffneten hatten. Wir nutzen die Ruhe des Sonntags dann dazu, hinter den Supermärkten nach noch Verwertbarem zu suchen. Immerhin ergatterten wir so ein paar Kartoffeln und Äpfel. Eigentlich hatten wir noch genug zu essen, doch bald sollte diese Zugabe wichtig werden.
Denn an diesem Sonntag trafen wir ebenfalls den Geflüchteten aus Kamerun, von dem wir bereits im letzten Beitrag berichteten. Wir gaben ihm einige unserer Lebensmittel und da wir aufgrund der geschlossenen Läden nicht mehr einkaufen konnten, waren wir froh über die Kartoffeln, die wir nun hatten. Obwohl wir es noch einige Male versuchten, blieb dies aber für hunderte bis tausende Kilometer unser einziger (kleiner) Erfolg beim Dumpster-Diving.
Abends erreichten wir das Städtchen Sejny, wo Tilmann 1991 als Siebenjähriger mit seiner Familie den Sommerurlaub verbracht hatte. Er konnte sich jedoch überraschend an nichts erinnern.












Irgendwie schafften wir es dann nach 8 Tagen doch noch bis kurz vor die litauische Grenze, wo uns nochmals ein warmshower-host empfing. Wie sich herausstellen sollte, gehörte Vito zur litauischen Gemeinschaft, die in der Grenzregion in Polen lebt. Er empfing uns herzlich und überließ uns quasi seine Wohnung im Dachgeschoss des Wohnhauses, in dem auch seine Tante lebte.
Da Vito überzeugt und ausschließlich Fleisch aß und offensichtlich auch niemals zuhause Nahrung aufnahm, bekochte uns seine Tante, die ebenfalls Vegetarierin war. Sie gab sich wirklich viel Mühe, was sich beispielsweise damit belegen lässt, dass sie zu jeder von ihr zubereiteten Mahlzeit auch einen Nachtisch reichte. Auf Tilmanns Frage hin ob diese Fürsorge eine Reaktion auf die von uns geschilderte arabische Gastfreundschaft sei lächelte sie nur undurchschaubar und legte noch einen Löffel Suppe nach.
Denn was wir im Orient an Gastlichkeit erlebt hatten wussten beide detailliert, waren sie doch sehr interessiert an unserer Reise und vielleicht etwas enttäuscht, dass wir uns doch auch einige Zeit während unseres 2-tägigen Aufenthaltes zurückzogen. Trotzdem akzeptierten sie unser Bedürfnis und waren sehr feinfühlig.
Am zweiten Abend schlug Vito vor, gemeinsam zu seiner Schwester auf die Farm zu fahren, da er dort selbst eine mit einem Holz-Ofen beheizten kleine Pool im Garten gebaut hatte. Nachdem man eine Weile im heißen Wasser entspannte, konnte man sich in dem kleiner Weiher neben der Farm erfrischen.
Als Sahnehäubchen gab es im Anschluss daran noch ein Stelldichein mit den beiden putzigen Hof-Welpen. Die Schwester von Vito hätte wohl gerne gesehen dass wir diese mitgenommen hätten.











Entspannt und mit neuer Kraft passierten wir dann endlich am nächsten Tag die Grenze zwischen Polen und Litauen. Wir hatten uns sehr auf die baltischen Länder gefreut, doch unsere Erwartungen stellten sich zumindest im Bezug auf Litauen und Lettland als zu hoch heraus. Rückblickend bleibt also Polen, obwohl wir nicht einmal durch die schönen Masuren gefahren sind, eines unserer Highlights und eine besondere Empfehlung für Radurlauber! Ist ja auch nicht weit von Deutschland und ganz ohne Kerosininjektion zu erreichen.
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Was fü eine Sehnsuchtslandschaft! So schöne Bilder!
Kann man hoffen, dass die Natur hier noch gesünder ist: Mücken, Fliegen , Bremsen, ungeliebte Begleiter aber es gibt sie noch, während hier das große Sterben eingetreten ist.