gelber wird’s nicht 🇷🇴

Wir erreichen auf Fahrrad-Reise den sechsten Meilenstein, Bukarest, und knacken die 20.000 km Marke

Tag 391 bis 396 (28.04.23 bis 3.05.23)
Distanz: 174 km
Höchster Punkt: 220 m
Tiefster Punkt: 70 m
Rauf: 880 m
Runter: 760 m

Es galt für uns nun die Walachei zu durchqueren, wobei wir für Bukarest einen Aufenthalt von ganzen vier Nächten eingeplant hatten. Tilmann hatte sich besonders auf die Stadt bzw. das ganze Land gefreut, da er vor 10 Jahren in der Nähe von Brasov/Kronstadt ein knappes Jahr auf einem Reiterhof gearbeitet hatte. Der direkte Weg von Bukarest nordwärts in Richtung Transilvanien/Siebenbürgen hätte uns auch über Brasov geführt, doch da wir am 12. Mai mit Kristina, auf deren Dachboden wir ja in Wirklichkeit hocken und die hier zum Glück nicht mitliest, in Sighishoara/Schässburg verabredet waren, hatten wir noch jede Menge Zeit zu vertrödeln und fuhren zunächst noch ein wenig weiter nach Osten, um die Karpaten entlang der Buzau (Fluss) zu überqueren.

Die erste Amtshandlung auf den letzten 50 km bis Bukarest war aber zunächst das nett gemeinte Speckgeschenk aus Daia loszuwerden. An der ersten Tankstelle hielten wir daher an und fanden selbstverständlich auch einen Streuner vor, der uns der geeignete Rezipient für den unsererseits verschmähten aber aus seiner Perspektive doch wohl zu recht als Leckerbissen zu bezeichnen zu sein schien. Doch dem war nicht wirklich so. Der braunbärgroße Zottel kaute lustlos auf ein paar Brocken des veritablen Haufens herum und blickte dazwischen immer wieder zu uns auf, als ob er fragen wollte: „Habt ihr noch was anderes?“, bevor er den Verzehr weitestgehend ganz einstellte. Für so übel hatten wir die frittierten Häppchen eigentlich nicht gehalten und schoben die geringe Begeisterung des langpelzigen Vierbeiners auf wohl an diesem seinem angestammten Platz sehr regelmäßig stattfindenden Fütterungen. Quasi direkt vor uns hatte ein Polizist eine Ladung Brotreste an den stattlichen Hund verfüttert und die leere Tüte dann einfach auf das angrenzende Grundstück entsorgt.

Ja, das Thema der nicht ordnungsgemäßen Abfallentsorgung sollte uns in Rumänien noch einiges an Kopfschütteln bescheren. Es handelt sich um ein doch ziemlich flächendeckendes Problem und manch ein Ort der illegalen Müllbeseitigung lässt einen recht fassungslos zurück. Anders als allerdings in der arabischen Welt, beschränkt sich das Phänomen weitestgehend auf die Bereiche außerhalb der Ortschaften, was die Sache unterm Strich natürlich keineswegs besser macht. Wohingegen die Orte selbst, wie stolze Pfauen bis zur letzten Schwanzfeder herausgeputzt waren. Besonders Hängegeranien sind hier sehr in Mode. In Bulgarien war uns noch positiv aufgefallen, wie wenig achtlos entsorgte Abfälle man beispielsweise im Vergleich zur zuvor bereisten Türkei in der Landschaft sieht, wobei dies auch mit der von uns bereisten Gegend und ihrer dünnen Besiedelung zu tun haben könnte.

Wir mussten uns jetzt jedenfalls noch den halben Tag die extrem stark befahrene Schnellstraße 5 auf dem Weg nach Bukarest entlang kämpfen und hatten nur wenige male die Möglichkeit dem Elend bei einer Ortsdurchfahrt zu entkommen. In der Stadt angekommen entspannte sich die Lage jedoch, was auch mit der sehr großzügigen und ganz und gar nicht Platz sparenden Bauweise der rumänischen Hauptstadt mit gefühlt hunderte Meter breiten Straßen zusammenhängt, wie es für Großstädte des ehemaligen Ostblocks ja recht typisch ist. Kurz bevor die 20.000 km Hürde gefallen war, hatten wir unseren 6. Meilenstein am 391. Tag unserer Reise erreicht.

Ohne an wirklich schönen oder sehenswerten Quartieren vorbei gekommen zu sein, kamen wir an unserer Ferienwohnung südöstlich der Innenstadt im 6. Bezirk an. „Quiet garden 1st floor“ nannte sich das Etablissement auf booking.com und war tatsächlich ruhig gelegen im Hinterhof eines Privathauses. Die Eigentümerin zeigte uns die in Frage kommenden Zimmer und wir wählten das, wo noch ein wenig mehr Licht hineinfiel, dass allerdings nicht im ersten Stock sondern im Erdgeschoss lag. Dies war allerdings noch nicht zu Ende geputzt, uns wurde aber die Fertigstellung in 5 Minuten in Aussicht gestellt. Da wir sehen konnten (und das auch nicht zum ersten mal erlebten), dass eine Einstellung der Reinigungsarbeiten innerhalb von fünf Minuten nicht das von uns gewünschte Maß an Sauberkeit bringen konnte, versuchten wir ihr verständlich zu machen, dass sie sich ruhig alle Zeit der Welt lassen könnte, da wir es nicht eilig hatten und ohnehin im einigermaßen gemütlichen Hof Platz hätten nehmen können. Leider erklärte sie jedoch trotzdem nach fünf Minuten das Zimmer für bezugsfertig und entsprechend war das Resultat. So putzten wir zunächst einmal nicht nur unsere Trinkflaschen und Kochutensilien gründlich, wie wir es regelmäßig bei Unterkünften in Hotels etc. taten sondern auch Teile unserer Unterkunft.

Selten haben wir in einer kommerziellen Unterkunft einen so schlechten Sauberkeitsstandard vorfinden müssen, was Tilmann verwunderte, da er das rumänische Gastgewerbe als mit besonders guten Preis-/Leistungsverhältnis und vorbildlich in Sachen Hygiene in Erinnerung hatte. Immerhin durften wir die Waschmaschine so oft wir wollten kostenlos benutzten, weshalb wir auch unsere Schlafsäcke mal wieder einer Reinigung unterzogen und konnten im Hof tun und Lassen was wir wollten und bekamen Werkzeug geliehen. Im Hof hielten wir uns in den drei Tagen ohnehin recht oft auf, da das WiFi noch nicht einmal zuverlässig bis zum einzigen Fenster neben der Kochnische reichte.

Da wir noch genug Zeit zur Erkundung der Stadt in den nächsten Tagen hatten, beließen wir es am ersten Tag dann auch bei Putzen und der Erledigung von Online-Angelegenheiten (unter anderem starte Tilmann den Download einen Films, auf dessen Beendigung in drei Tagen und damit ermöglichten Film-Abend wir uns schon freuten) und dienten uns ansonsten dem Müßiggang an.

Tilmann hatte sich, wie bereits erwähnt, sehr auf die Stadt gefreut, denn er kannte sie von seinen vorherigen Rumänien-Aufenthalten nur flüchtig, hatte aber einen guten Eindruck von ihr bekommen. Wir taten uns allerdings dann doch etwas schwer mit ihr, die, wie diverse andere Städte ebenfalls, als Paris des Ostens bezeichnet wird. Zwar weiß sie durch aus mit einigen beeindruckenden architektonischen Highlights aufzuwarten und hat auch viel Grün und Wasser (unter anderem in Form von unzähligen Springbrunnen) zu bieten, aber der Funke der Begeisterung wollte sich nicht so recht in uns entzünden.

Das ehemals als „Haus des Volkes“ bezeichnete und jetzt als Parlamentspalast bekannte Ungetüm von einem Gebäude zeugt eindrucksvoll vom Größenwahn des ehemaligen Diktators Ceausecu, der das Gebäude von 1983 bis 1989 errichten ließ. Es gilt als das schwerste Gebäude der Welt und nimmt eine Fläche von 65.000 qm ein. Aber viel mehr als es einmal von außen anzuschauen und dann versuchen es in seiner Gänze auf ein Foto zu bekommen kann man dann auch nicht wirklich damit anfangen. Die nicht weit vom Parlamentspalast im Bau befindliche „Kathedrale der Erlösung des Volkes“ ist bereits jetzt das größte orthodoxe Kirchengebäude der Welt (120 m x 70 m x 120 m) und zeugt vom Selbstbewusstsein der rumänisch orthodoxen Kirche, die sich nach wie vor großer Beliebtheit bei den Rumänen erfreut.

Vom Parlamentspalast führt der ca. 3 km lange Bulevardul Unirii schnurgerade in Richtung Stadtzentrum und macht mit seinen auf der halber Länge bis zum Piata Unirii verlaufenden Wasserspielen schon einiges her. Allerdings wirkt die ganze Prachtstraße doch etwas unbelebt, denn nicht viele Fußgänger sind in der Allee zu ihrer Seite unterwegs und die wenigen Ladenlokale bieten wenig Grund zum Verweilen. Auch die Anlage dieser Schneise geht auf Ceausecu zurück, der dabei keine Rücksicht auf die Zerstörung wertvoller Bausubstanz wie dem villenreichen Uranus-Viertel, dem Operettentheater und dem Kloster Mihai Voda genommen hatte.

Die sogenannte und im Umfang überschaubare Altstadt ist von der Bausubstanz her weniger interessant als andere Teile der Stadt und ist überwiegend von Gastronomie mit Freisitz geprägt. Zu den vielen Männerreisegruppen in kurzen Hosen, mit hochgegeelten Haaren und bierdunstigem Lachen, die an den Außentischen Platz genommen hatten, wollten wir uns nicht gesellen und nach einem Tag hatten wir fast das Gefühl alles Wesentliche schon gesehen zu haben.

Ein wirkliches In-Viertel konnten wir nicht ausmachen, auch gab es rund um die Uni keine wirkliche Gastro mit entsprechendem Angebot für junge mittellose Leute (wie wir) und die einzige echte Kneipenmeile befindet sich ebenfalls in der Altstadt, weshalb wir von einer Kneipentour absahen. Auch aus einem Clubbesuch sollte leider nichts werden, da alle uns relevant erscheinenden Techno-Clubs an diesem Wochenende (am Montag war Tag der Arbeit, also sogar ein verlängertes Wochenende) kein Programm hatten.

Bukarest scheint eine jener Städte zu sein, für die man einen szenekundigen Stadtführer auf privater Basis braucht (wie wir ihn in Tel Aviv hatten), aber alle Couchsurfer und Warmshowerer, die wir angeschrieben hatten, hatten entweder abgesagt oder nicht reagiert.

So ordnen wir Bukarest eher jenen Metropolen zu, die uns auf unserer Reise etwas enttäuscht haben, ohne aber richtig abgestunken zu haben wie etwa Riyadh. Und daher stimmen wir auch nicht der Einschätzung zu, dass die Stadt lediglich ganz nett sei und man sich lieber einmal in Baden-Württemberg umschauen solle.

Wegen der mangelnden Regenresistenz der Btwin-Fronttaschen wollte Tilmann ja auf Ortlieb-Sportroller umsteigen, wie wir bereits im letzten Artikel berichteten. Dazu hatte er mehrere bulgarische und rumänische warmshowers-Hosts angeschrieben, um einen Online-Shop zu finden. Die Wahl war schließlich auf sportguru.ro gefallen, wo es das Zweierset zu einem hervorragenden Angebotspreis von 75 € gab. Jetzt hatte er jedoch einige Mühe gehabt einen warmshower-Host in Bukarest zu finden, der bereit war, sich diese schicken zu lassen. Als das geklärt war, stellten wir fest, dass man sich die Taschen auch zu einer Bukarester-Filiale liefern lassen konnte, was wir schließlich taten. Es kostete noch einmal etwas Mühe mit der Hotline zu klären, wie lange diese in der Filiale aufbewahrt werden würden und schließlich noch, ob sie inzwischen angekommen seien, aber am Ende war alles geklärt und die Ware lag abholbereit vor Ort.

Wunderschön im hellblau, nagelneu und hochwertig lachten sie Tilmann schließlich an. Julia stellte jedoch als wir uns kurz darauf in der Stadt trafen nicht zu Unrecht fest, dass sie ziemlich klein wirkten. Sie sollte recht behalten. Zuhause angekommen nahmen wir eine Testbeladung vor und stellten fest, dass die Taschen, wie man es auch drehte und wendete, zu klein für ihren vorgesehenen Inhalt waren. Das war auch kein Wunder, denn ihr Füllvolumen wird mit 12,5 Liter angegeben und jetzt fiel Tilmann auch wieder ein, dass die Btwin Taschen mit ganzen 25 Litern Füllvolumen ausgezeichnet waren.

Da sie aber so schön waren und ihre Beschaffung wieder einmal verhältnismäßig aufwändig gewesen war, wollte Tilmann doch noch irgendeinen Weg finden sie zu behalten. Im Zuge dessen fand er sich irgendwann in einem Baumarkt wieder wo er zwei Alu-U-Profile erwarb, die er gedachte zu einer Zusatzkonstruktion für eine weitere Taschenhalterung an den Lowridern zu verwenden, doch am Ende kehrte die Erkenntnis ein, dass es keinen Zweck hatte. Die schönen neuen Vorderrad-Taschen wurden (am Tag der Arbeit!) wieder umgetauscht, und ganz ehrlich: Dramatisch wichtig waren sie nicht wegen des feuchtigkeitsunempfindlichen Inhalts des Vorderradgepäcks. Für die Alu-U-Profile sollte sich jedoch einige Tage später noch eine andere Verwendung finden lassen.

Zurück blieb Tilmann also nur mit seinen alten Taschen und zwei Fragen: 1. Wieso heißt die Lowrider-Linie bei Ortlieb Sportroller und nicht Frontroller, wo doch ihre großen Geschwister sinnvollerweise als Backroller vermarktet werden? 2. Wieso wird eigentlich davon ausgegangen, dass am Vorderreifen deutlich weniger Gepäck untergebracht werden kann/soll als am Hinterreifen, wo dort doch ohnehin schon viel mehr Gewicht hin verlagert ist, obwohl beide Felgen in der Regel selber Bauart und damit gleich robust sind?

Julia konnte sich immerhin ein paar neue Schuhe besorgen, mit denen sie sehr zufrieden ist. Dieser Kauf war auch tatsächlich nötig, denn ihre alten (Addidas Terrex) hatten nach einem Jahr Dauerbelastung eklatante Mängel, wie Wasserdurchlässigkeit und fehlende Profilierung entwickelt. Unterm Strich war jedoch deren Empfehlung einer Berliner Freunden durchaus angebracht.

Um die Zeit bis zum 12. Mai, wo wir Kristina in Sighisora/Schässburg treffen wollten, mit Fahrradfahren verbringen zu können, kam der direkte Weg von gerade einmal ca. 300 km nicht in Frage. Wir hatten daher eine ganze Weile mit dem Gedanken gespielt noch einen Abstecher nach Moldavien zu machen, um dann nach Rumänien zurück zu kehren. Nach reichlicher Bedenkzeit fiel kurz vor der Abfahrt aus Bukarest jedoch die Entscheidung von diesem Plan wieder abzurücken. Zu diesem Beschluss hatten folgende Abwägungen geführt: Zum einen wäre der Weg, hätten wir eine angemessen große Schleife im Land gedreht, um etwa noch die Hauptstadt Chisinau zu besuchen, doch wieder relativ weit geworden, was auf eine recht hohe Kilometerleistung pro Tag hinausgelaufen wäre. Insbesondere Julia wollte es nach unserem Sprint durch die Türkei aber endlich einmal wieder etwas ruhiger angehen lassen. Eine relevante Verkürzung der Schleife wäre auf einen Streifschuss im äußersten Südwesten des Landes hinausgelaufen, was ein reines Abhaken dieses Landes bedeutet hätte, nicht sehr sinnvoll also. Zum anderen wären wir so aber lange Zeit durch die Wallachei, Moldau und eben Moldavien geradelt, was uns landschaftlich deutlich weniger reizvoll als Transsylvanien/Siebenbürgen gewesen erschien. Wir hatten daher einige Schleifen im Zentrum von Rumänien eingeplant, in das wir von Südosten über die Karpaten vorstoßen wollten.

Am 2. Mai verließen wir Bukarest daher in nordöstlicher Richtung um am darauffolgenden Tag den Judetul/Kreis Buzau zu erreichen. (Nachdem wir vor der Abfahrt im Gefrierfach unseres Kühlschranks ein paar Patties entdeckt hatten, hatten wir kein schlechtes Gewissen unser Konserven-Fleisch ebenfalls dort zu lassen.) Die Fahrt durch die Stadt hindurch war erneut noch einigermaßen erträglich, aber die Ausfallstraße wurde schließlich immer schmaler ohne das der Verkehr lange Zeit nachlassen wollte.

Schließlich ließ er aber doch Stück für Stück nach und wir begannen in das strahlende Gelb der unendlichen Rapsfelder einzutauchen. Diese sollten für die nächsten Tage das Landschaftsbild prägen. Von seinen früheren Besuchen in der Walachei und Moldau hatte Tilmann noch die unendlichen Sonnenblumenfelder in Erinnerung, also hatten diese offenbar zu späteren Jahreszeiten stattgefunden. Angesichts dieser goldgelben Pracht in der das Land also lange Zeiten des Frühjahrs und Sommers erstrahlt, hätte Rumänien sich ohne Rechtfertigungsnot auch die Flagge der Ukraine geben können.

Unser Projekt Gewichtsreduzierung, das wir in Lüleburgaz aufgenommen hatten, war noch nicht beendet und als nächstes sollte Julias 1,2 Kilo Schloss weichen. Wir stoppten daher an einem der kleinen Baumärkte, von denen es in jeder noch so kleinen Ortschaft mindestens einen gibt (die Rumänen sind sehr geschäftig darin, immer irgendetwas an ihren Häusern zu bauen) und wollten zunächst einen Tauschhandel vorschlagen: Unser Abus-Keetenschloss mit gehärteten Gliedern gegen ein längeres Stück einer deutlich minderwertigen Kette (ohne Schloss) von der Rolle. Darauf wollte sich die Verkäuferin allerdings nicht einlassen und als sie den Preis von sieben Lei (1,4 €) aufrief war uns das auch egal, denn der Tausch wäre ja ohnehin ein Witz gewesen. Das alte Schloss wollten wir dennoch nicht mehr haben und konnten ihr schließlich noch eine Tube Sekundenkleber im Tausch abschwatzen. Sekundenkleber geht immer, was sich jetzt bereits zum dritten mal unter Beweis stellte und in Saudi Arabien war der Tausch sogar mal zu unseren Gunsten ausgefallen, da „unsere“ CDs ja eigentlich expired waren. Bei Abfahrt konnten wir noch im Augenwinkel beobachten, wie unser Schloss von der Verkäuferin und zwei Männern wohlwollend begutachtet wurde.

Zum Abend schlugen wir das Zelt an einem kleinen See nahe der Ortschaft Dridu auf. Die vielen Wasservögel machten das Wasser jedoch unattraktiv und die Unmengen an Plastikabfällen am Ufer taten ihr übriges. Schließlich fanden wir noch ein recht sauberes nettes Plätzchen mit dem wir zufrieden waren. Zum ersten mal auf der Reise beschlich uns aber ein latent ungutes Gefühl, ob unserer Sicherheit. Freilich nicht wegen Leib und Leben aber durchaus wegen Eigentum. Denn wir hatten in der letzten Ortschaft doch einige Zwielichtige Gestalten gesehen, die sich an ihren Bierflaschen festhielten und von denen wir uns sehr prüfend ins Visier genommen gefühlt hatten. Unsere Ankunft am See war auch nicht unentdeckt geblieben.

Da am Ufer einiges vollkommen absurd trockenes Holz zu finden war und ein unangenehm kühler Wind über uns hinwegzog, konnten wir erneut nicht widerstehen und beschlossen ein Feuer zu machen. Als wir mit dem Sammeln der Äste und Zweige beschäftigt waren fuhr ein Polizeiauto vor, aber da in Rumänien Wildcampen offiziell erlaubt ist, sahen wir diesem Annäherungsversuch relativ entspannt entgegen. So fragte der Wachmann auch lediglich, ob es Probleme gäbe und da wir verneinten machte er sich so gleich wieder auf den Weg.

Am nächsten Morgen waren Räder inkl. Felgen und aller Taschen noch vorhanden und wir konnten die Tour unbeschwert fortsetzen. Was nun allerdings langsam etwas problematisch wurde, war die Wasserbeschaffung. In Rumänien gibt es nicht wie in der Türkei oder Nordgriechenland in regelmäßigen Abständen Wasserhähne oder Quellen, an denen man sich unkompliziert gütlich tun kann. Stattdessen entdeckten wir hier und da allerdings Ziehbrunnen, waren uns ob deren Wasserqualität jedoch nicht ganz sicher, zumal wir uns ja offenkundig durch flaches Agrarland bewegten. Grundwasser müsste also normalerweise überdüngte und mit Pflanzenschutzmitteln getränkte Böden durchquert haben.

Vor einem Kloster (es gibt in Rumänien nicht nur viele Bestandskloster, es werden auch noch viele neue errichtet, da sich auch junge Menschen, wahrscheinlich aus Perspektivlosigkeit in einem nach wie vor relativ armen Land, in Religion und die ultimative Obhut der Kirche flüchten) wagten wir einen Versucht doch waren enttäuscht, was wir zu Tage förderten. Das Wasser war trüb und wir erkannten bald dass dies nicht etwa von gelöstem Gas herrührte, als wir eindeutig einen Bodensatz Sediment erkennen konnten. Einen Brunnen später, es waren zur Abwechselung mal keine Felder in direkter Nachbarschaft, waren wir mit dem Ergebnis der schweißtreibenden Kurbelei aber dann doch zufrieden und hatten das Wasser beim Umfüllen lediglich mit einem Tuch gefiltert.

Wir trödelten an diesem Tag aber ganz munter herum, hielten mal in diesem mal in jenem Dorf und erfreuten uns an deren großer Belebtheit. Nicht nur sind die Rumänen sehr eifrige Handwerker, Bauern und Gärtner, auch scheint es sie aus purer Neugier und zum Zeitvertreib aus den Stuben auf die Straße zu treiben (zu diesen Zwecken ist auch vor jedem Haus eine Bank zu finden, welche wir auch häufig für unser Picknick nutzten) oder in die Dorfkneipe herumzulümmeln. Ein besonders Hobby scheint das Putzen ihrer Gartenzäune und Tore zu sein. Allerdings sieht man überwiegend ältere Leute und viele von ihnen schlagen sich doch offenkundig mit diversen Gebrechen und körperlichen Beschwerden herum.

Irgendwann überfuhren wir dann auch noch die 20.000 km Marke und hatten daher bald das Gefühl genug für den Tag geleistet zu haben. Der ungenutzte Teil einer alten Gewerbeanlage lud mit seinen Bäumen und der Wiese versteckt hinter einer Hecke zum Verweilen ein und so war nach 69,7 km Schluss. Da Tilmann die in Bukarest zunächst sinnlos erworbenen Alu-U-Profile immer noch mitführte, diese aber in recht nerviger Weise weit hinten über das Fahrrad hinausragten, war nun Zeit diese einer sinnvollen Nutzung zuzuführen. Julia hatte seit Bratislava und damit seit knapp einem Jahr immer noch keinen nicht irgendwie störenden Ort zur Aufbewahrung ihres Helmes gefunden (was ihren Kopf mit einschloss). So formte Tilmann aus den Profile nun einen Halter für den Helm, den er an Julias Lowrider anbrachte. Es funktionierte ganz hervorragend und ehrlich gesagt ist er fast ein wenig verwundert, dass es bis heute hält und keine Anstalten macht daran zeitnah etwas zu ändern.

Wieder einmal fanden wir lächerlich trockenes Brennholz vor und fühlten uns daher genötigt schon wieder ein wärmendes Feuer zu machen. Alles war gut, aber am nächsten Morgen holte uns ein alter Bekannter namens Regen auf den Boden der Realität zurück.

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11 Gedanken zu “gelber wird’s nicht 🇷🇴

  1. Die neuen Schuhe sehen top aus👍👍👍 und krass wie durch die Adidas waren. Super vorher nachher Bild 😂

      1. Ja, denk drüber nach. Es gibt auch Wurstblinker für heiße Öfen und Tunnelzelte für lächerlich populäre Transportmaschinen, die patentiert wurden.

      2. Auf jedsten😉 dafür das gute Teil aber auf den Fotos auch immer mal im Vordergrund ablichten 😉

  2. Was ist denn jetzt aus dem drei-Tage-Download für den Film geworden?
    Welcher Film war es überhaupt? Doch wohl nicht die Fliege?

    Und warum gefällt euch Sekundenkleber so sehr? Was macht ihr denn andauernd mit Sekundenkleber auf einer Radreise? 🤔

    1. Alter wo bist du denn (noch) unterwegs? Du hinkst ja tausende Kilometer hinterher!
      Film? Vertigo und Air wenn wir es Recht erinnern. Beides sehenswert. Wir fliegen ständig auf die Fresse und müssen unsere Zähne wieder ankleben. Daher der hohe Bedarf an Sekundenkleber.

      1. Ja sorry ich bin Mal wieder mit meinem Erleben in der Vergangenheit verloren… 😔

      2. Jetzt wissen wir das ja woran das in Wirklichkeit liegt… siehe euer nächster Beitrag!

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