der charme bröckelnder fassaden 🇧🇬🇷🇴

Bulgarien streifen wir auf unserer Fahrrad-Reise durch Europa und den Mittleren Osten nur auf dem Weg nach Rumänien

Tag 386 bis 390 (23.04.23 bis 27.04.23)
Distanz: 341 km
Höchster Punkt: 480 m
Tiefster Punkt: 10 m
Rauf: 3.170 m
Runter: 3.400 m

Mit unserer Stippvisite haben wir dem relativ dünn besiedelten Land im Osten der Balkanhalbinsel sicher ein wenig unrecht getan. Hätten wir hier nicht den mehr oder weniger direkten Weg ins nördlich angrenzende Rumänien gewählt, sondern auch einmal ein paar Schleifen noch Westen oder am Schwarzen Meer entlang riskiert, hätten wir natürlich auch einen besseren Eindruck bekommen. So können wir nicht viel mehr feststellen, als dass es viel Wald gibt und die vielen halbverlassen Dörfer wohl ein klares Zeugnis des Trends sind, dass insbesondere viele junge Bulgaren ihr Glück inzwischen im Ausland suchen. Als Wiedergutmachung für unsere stiefmütterliche Behandlung spendieren wir unserem dortigen Aufenthalt nun einen unnötig langen Bericht, gewissermaßen als Kompensation. Ok, zweieinhalb durchaus erzählenswerte Annekdötchen haben wir schon auch erlebt.

Als EU Bürger*innen war die Einreise nach Bulgarien für uns natürlich ein Kinderspiel. Der Grenzübergang in dem bewaldeten Mittelgebirge liegt beidseitig mitten im Nirgendwo, es gibt also weder in der Türkei noch in Bulgarien einen Grenzort. Dennoch war hier mächtig Betrieb, sodass sich die Schlange, der aus Bulgarien Ausreisewilligen mindestens zwei Kilometer den Berg hinab zog. Und wie wir an dieser vorbei sausten, sahen wir aus den Augenwinkeln, wie uns der eine oder andere hochgereckte Daumen entgegengestreckt wurde.

So wie wir offenbar noch immer im Stande waren motorisiert reisende zu beeindrucken hatte uns die bulgarische Seite der Grenzanlage beeindruckt. Allerdings weder mit Glanz und Gloria oder hingeprozten Monumentalbauten sondern mit ihrem abbröckelndem Sozialismus-Charme den die heruntergekommenen Bauwerke noch immer versprühten. Wieder einmal hatte das überschreiten einer im Grunde imaginären Linie in Form eines Grenzübergangs ausgereicht, um sich im Handumdrehen gewahr zu werden, dass die Uhren hier anders zu ticken versprachen.

Wir rollten jedenfalls in aller Seelenruhe den Berg hinab, während links und rechts der im frischen Grün der jungen Blätter erstrahlende Wald an uns vorbei flog. Nach 9 km verließen wir die Hauptstraße, da wir den Dokuzak-Wasserfall ansteuerten, den wir uns als Schlafplatz vorgemerkt hatten.

Dort angekommen mussten wir feststellen, dass der wirklich ansehnliche Wasserfall durchaus kein Geheimtipp war. Die daneben gelegene Grillhütte war bereits belegt und während wir an den Bank-Tisch-Kombinationen auf dem Rasen davor Platz nahmen, war um uns herum ein ständiges Kommen und Gehen. Die Grillhütte war für uns eigentlich von hoher Attraktivität, ließ doch der näher rückende Abend schon erahnen, dass wir uns auf tiefe Temperaturen würden einstellen können. Allerdings war sie ansonsten nicht sehr gemütlich und das rauschen des herabstürzenden Wassers versprach uns auf Dauer ohnehin auf die Nerven zu gehen.

Daher entschieden wir uns die Straße wieder ein Stück zurück zu fahren, um nach einem ruhigeren Ort Ausschau zu halten. In einem kleinen Waldstück gab es einige Hütten, die zwar verschlossen waren, deren Verandas aber zum Verweilen einluden. Sie waren allesamt leer, doch wir beschlossen, dass die äußeren Umstände in Form von etwas ungemütlichen Temperaturen keine ausreichende Rechtfertigung für Land- oder Hausfriedensbruch darstellen würden, wenn sich doch noch ein rechtmäßiger Eigentümer blicken lassen würde.

Schließlich fanden wir eine kleine Wiese in einer Biegung eines kristallklaren Flusses mit der wir zufrieden waren. Es war nun wirklich schon recht frisch und so entfachten wir wieder einmal ein Feuer, was wir weite Teile der Reise abgelehnt hatten. Die Idee in unserem Wassersack Waschwasser zu erwärmen, indem wir ihn in dessen Nähe stellten, erwies sich als große Torheit, was wir feststellten, als dieser begann eine große Blase auszubilden. Er war zwar noch nicht undicht aber wir waren gar nicht so unglücklich dass wir ihn dennoch bald aussortieren werden müssten, da er immer schon recht unpraktisch gewesen war. Immerhin hatten die beiden Hatta-Flaschen das Wärmebad neben dem Feuer überstanden und wir konnten uns, nachdem wir uns mit dem eiskalten Waschlappen abgerieben hatten noch einmal heiß abduschen.

Der Morgen begann kalt und ein Blick in unsere Trinkflaschen verriet, dass die Temperatur in der Nacht unter 0 °C gefallen war. Es war tatsächlich bitter kalt, aber wenigstens hatte die Sonne unser Zelt einigermaßen früh erreicht, sodass wir nicht allzu lange in der Kälte ausharren mussten.

Im ersten Örtchen Zvezdets stellten wir fest, dass Bulgarien offenbar nicht zu den Ländern gehört, wo man drauf zählen kann, dass am Straßenrand regelmäßig Trinkwasserzapfstellen zu finden sind. Kaufen wollten wir Wasser ungern, da wir mit unserem Abfallaufkommen durch das kaufen praktisch verpackter Supermarkt Artikel sowieso nicht richtig zufrieden sind. Nur wenige Male, gewissermaßen in Notfällen, hatten wir auf unserer Reise bisher Wasser gekauft. Einzig im Iran, möchten wir behaupten, war es, auch wegen des oftmals unerträglichen Geschmack des Wassers, öfters erforderlich gewesen.

Am Ende des Ortes entdeckten wir in einer Kurve dann ein Haus mit offen stehende Tür hinter der zwei ältere Damen (genau, gebrechliche Mütterchen mit Kopftuch) saßen und sich lautstark miteinander unterhielten. Wir waren uns nicht sicher, ob es sich um eine privates Haus oder eine (semi-)öffentliche Einrichtung handelte, fragten aber dennoch von außen in die Stube hinein nach „Woda“. Gerne wurde uns ausgeholfen, wozu einfach der Wasserhahn in der Küche bedient wurde. Nun, dass grundsätzlich in der gesamten EU das Leitungswasser Trinkwasserqualität haben muss, ist uns natürlich bekannt. Das Problem liegt ja nun an den oft noch uralten Hausleitungen. Dennoch gehen die Einheimischen aller Länder unserem Eindruck nach oft mit dem rechten Maß an gesundem Menschenverstand mit der Wasser-Thematik um, und so gingen wir davon aus, dass es schon passen müsste.

Unser Tagesziel war die am Schwarzen Meer gelegene viertgrößte Stadt des Landes, Burgas. Auf Empfehlung von Lauren und Laurien vom Team @lolotandemadventures sowie dem Manager der Fahrrad-Akademie von Lüleburgaz wollten wir bei einem (weiteren) sogenannten Superhost (so nennt man unter Radreisenden eben jene Gastgeber, die auf der Vagabundenwunschliste keine unabgehakte Zeile übrig lassen) unterkommen. Jevgeni betreibt in der Stadt das „Hug Hostel“, bei dem Radreisende umsonst unterkommen konnten. Erst Wochen später, als wir zufällig Kontakt mit Max hatten, den wir vor einem Jahr in Lüleburgaz getroffen hatten, fiel uns ein, dass er damals auch berichtet hatte, dort gewesen zu sein und den weltberühmten zu Fuß reisenden Christoph Rehage getroffen hatte (Christoph hatte ihm damals seinen „Aluminium-Karren“ gezeigt, den er sich in China hatte konstruieren lassen, wobei Max ihn auf den orange-roten Rost an eben jenem hingewiesen hatte, was bei ihm offenbar bisher keine Fragen über das tatsächlich verwendete Material aufgeworfen hatte.)

Auf dem Weg nach Burgas fuhren wir weiter durch eine Reihe recht trostlos erscheinender Ortschaften mit maroder alter Bausubstanz, maroden Plattenbauten und viel Leerstand. Aber immerhin gab es in jedem noch so kleinen Örtchen ein zentrales Plätzchen, an dem ein vermutlich ehemaliges Verwaltungsgebäude lag und das mit Bänken neben Rabatten zu Verweilen einlud. Ein bisschen Leben war dort immer zu finden. Hin und wieder sah man auch eine Moschee, denn immerhin knapp 9 % der Bevölkerung in Bulgarien sind Türken.

Ebenfalls auf dem Weg nach Burgas vernahm Tilmann ein nerviges Fiepen, das wohl von der Bremsscheibe seines Hinterrades herrührte. Er hatte das Geräusch schon am Vortag wahrgenommen, es bei einem schnellen Service am Wasserfall aber nicht beheben können. Dem Problemchen sollte nun in Burgas ausführlich auf den Grund gegangen werden.

Das Hug Hostel lag gegenüber einem Park hinter einem blickdichten Bretterzaun. Wir nutzten ordnungsgemäß die Klingel, stellten dann aber fest, dass die Tür offen war. Hinter jener wurden wir von Jerry in Empfang genommen, der uns zwar bald fragte, wo wir herkämen, uns seine Herkunft aber nicht preisgeben wollte. Neben dem ein wenig verlottert anmutenden Jerry konnten wir nun also auch dass Innere sogenannten Hostels in Augenschein nehmen und unser erster Gedanke war: „Dieser Ort kann nicht nur für Radreisende kostenlos sein, wer würde hierfür schon Geld bezahlen?“

Nicht nur herrschte ein ziemliches Chaos, auch war das gesamte Areal, dass sich aus vielen eingeschossigen Gebäuden, kreuz und quer auf einem asphaltierten Hof zusammensetzte nicht sehr gemütlich, wirkte lieblos unterhalten und die Bausubstanz war überwiegend mehr als angegriffen. Im selben Moment, wie wir es wahrnahmen wurden wir aber auch darauf hingewiesen, dass sich vor nicht allzu langer Zeit ein Brand ereignet hatte, zwei Wochen war dies nun her. Vermutlich war eine fehlerhafte Elektrik die Ursache, berichtete man uns. Natürlich hatte dieser Umstand der Gesamterscheinung des Hostels erheblich zusätzlich geschadet, wirklich schön konnte es aber vorher auch nicht gewesen sein.

Schließlich tauchte auch Jevgeni auf, stellte sich kurz vor und hieß uns willkommen, war aber insgesamt ziemlich beschäftigt mit dem Wiederaufbau des Hug Hostles und hatte nicht viel Zeit für uns. Als wir dann auch nach und nach einige der anderen Gäste oder Bewohner der, nennen wir es mal Einrichtung kennenlernten, war uns klar, dass es sich weniger um ein Hostel im klassischen Sinn, als um ein Auffangbecken für Menschen am Rande der Gesellschaft handelte. Da war die Niederländerin mittleren Alters, der stets ein weißer Kragenlatz im Stil einer mittelalterlichen Amme um den Hals hing und die salbungsvoll von der Schönheit dieses besonderen Ortes berichtete; Der langhaarige bärtige Brite vorangeschrittenen Alters war sichtlich unzufrieden damit von Jevgni Aufgaben zu geschustert zu bekommen und konnte keinen Satz ohne das Füllwort „fuck“ bzw. „fucking“ bilden. Wir fragten uns, warum ihm Elektroinstallations-Aufgabe übertragen wurden, weil er doch tatsächlich von plus und minus sprach, so als hätte in Bulgarien tatsächlich dereinst der Eddinsonsche Gleichstrom seinen Siegeszug angetreten. Wohlgemerkt war es vor zwei Wochen, vermutlich wegen eines Kurzschlusses, zu einem Brand gekommen. Ein junger spitzbärtiger Slawe, der sich uns als Motorradfahrer vorgestellt hatte, hüpfte unentwegt Marihuana rauchend über den Hof und schnatterte mal auf diesen mal auf jenen Menschen ein, der ihm über den Weg lief. Am nächsten Morgen traf ihn Tilmann um sieben Uhr in der Outdoor-Küche und bekam verraten, dass er seit drei Tagen keinen Schlaf fände. Auf Tilmanns Nachfrage hin schwor er jedoch, dass dies ausschließlich körpereigene Energie sei und nichts mit wie auch immer gearteter Substanzeinahme zu tun hätte. Als Julia zum Frühstück dazustieß schnappte er sich eine Gitarre und begann zu spielen. Es war aber ganz manierlich, was er da so aus den Saiten herausholte und wir fühlten uns glücklicherweise nicht wie bei einem Restaurantbesuch bei dem man im Außenreich auf seinem Salat herumkauend von einem Straßenmusiker bedrängt wird, bis man genervt und beschämt nachgibt und zahlt während man sich gegenseitig peinlich berührte Blicke zuwirft. Jerry schließlich verriet uns doch noch, dass er Belgier war und nun bereits seit einem halben Jahr aus „verschiedenen Gründen“ im Hug Hostel lebte.

Tilmann wollte ja nun seiner quietschenden Bremse zu Leibe rücken und beschloss hierzu die Beläge zu wechseln (diese waren zwar noch nicht runter aber ziemlich verrostet und wirkten einfach in die Jahre gekommen) aber vorher den gesamten Bremssattel und die Bolzen einmal ordentlich mit einer WD40 Dusche zu säubern. Dabei geschah es nun jedoch leider, dass ein Bolzen herausrutschte und dadurch Bremsöl verloren ging. Ok, das war dumm gelaufen, aber da gab es nun nichts mehr zu machen ohne eine Fahrradwerkstatt. Jevgeni empfahl uns eine und bat Tilmann bei der Gelegenheit noch darum, sich mal zwei drei teilweise Defekte Gästeräder anzuschauen und eine Reparaturbedarfsdiagnose abzugeben.

Der empfohlene Laden konnte leider nicht helfen und der wiederum vom empfohlenen Laden empfohlene Laden verwies auf die Rückkehr des Mechanikers nächste Woche. Gleich nebenan war aber ein weiterer Laden und dort versprach man das Problem am kommenden Tag um 9:30 Uhr ohne weiteres lösen zu können.

Wir nutzten dann noch die Waschmaschine, die unsere Wäsche etwa drei Stunden malträtierte und dabei beunruhigende Geräusche von sich gab. Schließlich entledigte sie sich noch ihres Wasserabflussschlauches und spie das Abwasser auf den Innenhof, was wir mit dem Unterstellen eines Eimers zu kompensieren versuchten. Dann bestand noch die große Schwierigkeit einen geeigneten Platz zum Aufhängen zu finden, da alle Plätze schon belegt waren. Dessen ungeachtet dröhnte die Maschine aber schon wieder vor sich hin, nachdem wir alle quer über das Gelände verteilt aufgespannten Schnüre bis zum letzten Zentimeter beladen hatten.

Nach einer halbwegs erholsamen Nacht in einem dem Charme des gesamten Hostels entsprechenden Suterrain-Zimmers, das aber immerhin nicht etwa feucht war, zum Duschen der Hahn aber etwa 100 Mal umdreht werden musste, bevor Wasser kam, machte sich Tilmann also erneut zum Fahrradladen auf, wo das Problem tatsächlich innerhalb von 20 Minuten behoben werden konnte.

Tilmann kam dann noch der Bitte nach, sich die Räder anzuschauen und stellte trotz seiner bescheidenen Manövrierfähigkeiten schnell fest, dass es sich um verbogene Schaltaugen, gebrochene Achsen und auseinanderfallende V-Brakes handelte. Eigentlich wollte er Jevgeni fast dazu raten, einfach ein paar neue Second-Hand-Räder zu besorgen, denn solche Reparaturen konnten sich bei dieser Grundsubstanz auch in Bulgarien nicht lohnen. Dieser nahm die Mängel aber akribisch auf und erklärte mit diesen wertvollen Erkenntnissen nun gut vorbereitet den Mechaniker seines Vertrauens aufsuchen zu wollen.

Unsere Wäsche war in der Zwischenzeit zwar noch nicht getrocknet, aber nach einem Mittagssnack wollten wir dann doch langsam weiter, denn so richtig Lust uns auf diese bizarre Gesellschaft einzulassen hatten wir nicht so recht. Die Wäsche packten wir also in Plastiktüten und machten uns wieder auf den Weg in Richtung Nordwesten.

Kurz hinter Burgas, wir hatten uns gerade eine Pizza und einen Automatenkaffee (Kaffeeautomaten stehen in Bulgarien buchstäblich an jeder Ecke) gegönnt mussten wir einen zwar relativ hohen, aber moderat ansteigenden Berg erklimmen. Auf dem Weg nach oben zog sich der Himmel bedrohlich zu und kurz vor dem Gipfel begann es leicht zu tröpfeln. Wir zogen daher vorsichtshalber unsere Regensachen an, wobei Julia davon absah auch ihre Regenhose überzustreifen, da es ja nur leicht tröpfelte.

Dann bei der Abfahrt brach unvermittelt die Hölle über uns und um uns herum herein. Es blitzte und donnerte in kurzer Abfolge und Sturzbäche von zunächst Wasser und wenige Augenblicke später Hagel prasselten auf uns nieder. Ein Hagelkorn traf Tilmann so hart an der Nase, dass sich tatsächlich ein paar Tröpfchen Blut in den eiskalten Niederschlag mischten.

Zunächst versuchten wir dem Inferno durch Vollgas zu entkommen, stellten aber schnell fest, dass Regen und Hagel uns so hart ins Gesicht schlugen und gleichzeitig die Sicht nahmen, dass wir meinten kaum weiterfahren zu können. Aber links und rechts der Straße bot nichts auch nur den geringsten Schutz und so gab es nur einen Weg: Weiter geradeaus. Bald konnten wir auch eine Tankstelle ausmachen und uns unter deren Dach flüchten, erleichtert aber auch ziemlich mitgenommen.

Da sich der Regen noch eine Weile hielt gingen wir schließlich noch auf einen Kaffee in das Häuschen und warteten ab. Nach einer guten halben Stunde war der Spuk vorbei und wir konnten weiter und wie es so oft ist nach einem Gewitter, wurde es noch ein wunderschöner Nachmittag. Wir folgten dem Verlauf des Luda Kamchiya durch liebliche grüne Landschaften und es herrschte kaum Verkehr auf der Straße 208.

Als wir schließlich nach einem Schlafplatz Ausschau hielten, war uns dann aber doch an einem Dach über dem Kopf gelegen, da sich am Horizont schon neues Unheil anzubahnen drohte. Das leere Lagerhaus wirkte jedoch nicht einladend in einem offenbar türkisch dominierten Örtchen mit gewaltiger Moschee rieten uns die vier Frauen im Alter von 20 bis 80 uns ein Hotel in Asparuhovo, dem nächsten Ort zu suchen und der Holz hackende Bulgare mit einem Cousin in Frankfurt, wollte uns nicht unter dem Dach auf einem Hügel, unter dem er selbst eine Hütte errichtet hatte zelten lassen.

Als der Tag sich schon langsam der Dämmerung zuneigte, entdeckten wir gegenüber einer hübschen Felsformation, auf Googlemaps schlicht als „Wonderful Rocks“ bezeichnet, einen ungenutzten Pavillon unter den unser Zelt passte. In der Not gaben wir uns damit zufrieden. Allerdings entdeckten wir am Hang darüber ein zwar geschlossenes Hotel, vor dem aber ein Auto parkte und Licht brannte. Wir spekulierten auf eine Einladung durch einen gelangweilten Nachtwächter, der auf diese Weise etwas Abwechselung in seinen tristen Job bringen wollte, aber so lange wir auch um das Gebäude herumstrichen, klopften und riefen, es rührte sich nichts. So blieb es das Shelter-Campen und da nachts wieder der Regen einsetzte waren wir damit zufrieden, auch wenn die Geräusche der Straße und nächtlicher Geschäftstreffen am Parkplatz den Schlaf etwas unruhig ausfallen ließen.

Wir hatten über Nacht die noch immer feuchte Wäsche aus Burgas aufgehängt, aber wenig überraschend. war sie in der feucht-kalten Witterung nicht getrocknet, hatte aber wenigstens auch nicht angefangen zu müffeln. Wir nahmen jetzt zunächst Kurs auf die Stadt Schumen, in deren Peripherie das Erste Bulgarische Reich gegründet wurde. Wir hatten allerdings nicht auf dem Schirm, dass dort ganz in der Nähe die UNESCO-Welterbestätte „Der Reiter von Madara“, ein monumentales Felsrelief, bestaunt werden kann, das Teil der Hauptkultstätte des Ersten Bulgarischen Reiches war. Wir fuhren daher einfach stur weiter, da wir als Tagesziel die Stadt Kamen auserkoren hatten.

Dort hatten wir einmal mehr eine warmshowers-Unterkunft ergattern können, was angesichts der nassen und kalten Witterung ein Lichtstreifen am Horizont war. Dies war zunächst gar nicht geplant gewesen. Nach den vielen Regentagen in der Türkei hatte Tilmann einmal mehr feststellen müssen, dass seine Btwin Taschen am Vorderreifen nicht wirklich wasserdicht waren, was einfach nervte. Außerdem hatte er wohl auch einfach mal Lust auf ein wenig Konsum und wollte daher standesgemäße Ortlieb-Sportroller erwerben. Zu diesem Zweck hatte er verschiedene warmshower-Mitglieder zwischen Burgas und Bukarest angeschrieben, ob diese einen bulgarischen bzw. rumänischen Online-Händler mit entsprechendem Angebot kannten. Unser Kamener-Host Mitko hatte prompt reagiert, eine Annahme des Paketes in Aussicht gestellt und zudem angeboten uns zu beherbergen und entsprechend auch schon Telefonnummer und Adresse mitgeschickt. Tilmann hatte sich zwar für einen rumänischen Shop entschieden, die Unterbringung für eine Nacht wollten wir dann aber doch gerne mitnehmen.

Mitko wollte uns gerne empfangen und kündigte auch die Zubereitung eines vegetarischen Abendessens in Aussicht. Da wir am Vortag wegen des Gewitters und der späten Abreise in Burgas aber nicht so weit gekommen waren wie eigentlich geplant, mussten wir nun noch über 100 km hinter uns bringen und kamen relativ erschöpft in Rasgrad an.

Dort stellten wir fest, dass Googlemaps unter der angegebenen Adresse nicht Mitkos Haus vermutete und mussten daher bei ihm nachfragen. Er schickte uns daraufhin einen Karten-Screenshot seines genauen Wohnortes (keinen Standort) in den er ein gelbes „X“ zur genauen Lokalisierung gemalt hatte. Dies war nun wieder nicht sehr leicht in unsere eigene Karte zu übertragen, aber schließlich gelange es uns die richtige Straße zu finden. An der Stellte des gelben „X“ war allerdings kein Haus zu finden, aber inzwischen war er auf den Balkon getreten und kam zu uns herunter.

Da er im obersten Stock wohnte hatten wir einiges zu schleppen, aber er und seine Freundin packten bereitwillig mit an. Die Fahrräder konnten wir gegenüber im Garten seiner Mutter anschließen. In der Wohnung angekommen sahen wir schon einen Salat auf dem Tisch stehen und freuten uns entsprechend schon auf eine Vorspeise. Als wir geduscht hatten, hatte Mitko bereits gegessen, aber nicht vor Ungeduld, sondern da die beiden nur drei Stühle besaßen und so Platz für uns beide und seine Freundin geschaffen werden sollte.

Nachdem wir Platz genommen hatten stellten wir dann mit verhaltenem Entsetzen fest, dass der Eisberg-Kapern-Salat nicht als Hauptspeise, sondern als das vegetarische Abendessen zu verstehen waren. Dazu gab es eine Scheibe Brot, die sich Julia schnell schnappte. Eine zweite wurde erst fünfzehn Minuten später gereicht, als der Salat bereits fast aufgegessen war. Einen Grappa hatten wir allerdings zu aller erst angeboten bekommen, während die beiden zu einem sommerlichen Weißwein gegriffen hatten.

Zuvor hatte sich aber schon die Freundin unseres Gastgebers beschwert, dass wir, wie sie Mitko bereits versucht habe klarzumachen, sicher von einem Salat nach 100 km Fahrradfahren nicht satt seien. Mitko erklärte daraufhin, dass ein Freund einen Lieferdienst habe, wo er uns gerne noch eine Pizza bestellen würde. Wir willigten natürlich ein.

Während wir auf die Pizza warteten versuchten wir der Freundin klarzumachen, dass wir zwischen Nord-Mazzedonien und Bulgarien noch in Griechenland, der Türkei, Georgien, Armenien und so weiter gewesen waren, aber so recht begreifen wollte sie das nicht und beharrte darauf dass man im Winter doch wohl nicht im Zelt schlafen könne. Bevor das Gespräch auf Rammstein fiel, erzählte sie uns noch dass sie bereits in Mexiko, Singapur und den USA aber noch nie in Deutschland gewesen war. Wir fragten uns warum es heute eigentlich ein so weit verbreitetes Phänomen ist, dass die Neugier nicht mehr in der eigenen Nachbarschaft beginnt und ob es nicht interessant sein könnte sich in dem Land umzuschauen, dass durch seine schwergewichtige Rolle in der Europa-Politik die Geschicke des eigenen Heimatlandes maßgeblich mitbestimmt und in dem so viele Landsleute ihr Glück suchen.

Als die Pizza fast da war, erklärte Mitko, dass diese nur bar bezahlt werden könnte und ob wir über entsprechende Mittel verfügen würden. Wir waren nun einigermaßen überrascht, waren wir davon ausgegangen waren, dass wir es mit einer Einladung zu tun gehabt hätten. Ja, unser langer Aufenthalt unter den Moslems des mittleren Osten mag uns in dieser Hinsicht sicher etwas verdorben haben, aber die Art und Weise wie es zu der Pizza-Lieferung gekommen war (uns war ungefragt ein Abendessen in Aussicht gestellt worden, das Restaurant gehörte einem Freund, er wolle uns gerne eine Pizza bestellen) hätte sicher auch einige von euch in dem Glauben gelassen es mit einer Einladung zu tun zu haben.

Doch damit nicht genug. Jetzt erklärte uns unser Gastgeber, dass er noch ein Dessert bestellt habe, selber aber gar kein Bargeld habe und ob wir ihm aushelfen könnten. Das wollte er uns aber am nächsten Morgen immerhin zurück geben. Konnten wir aber tatsächlich nicht, denn wir hatten nur wenig Geld getauscht und solche Sonderausgaben nicht eingeplant. So mussten die beiden ein großes Glas mit Kleingeld auf dem Tisch ausleeren und die notwendigen Münzen mühsam zusammen sammeln.

Doch damit noch immer nicht genug. Als nächstes hieß es, dass unser Host den Lieferanten nicht mögen würde und daher möge doch bitte einer von uns die Lieferung in Empfang nehmen. Nun ja, das Essen wurde ja immerhin für uns gebracht, also machte sich Julia auf den Weg, hatte aber Schwierigkeiten den Lichtschalter zu finden und zudem den anderen Eingang zum Haus, der uns nicht in diese immer skurriler werdende Situation gebracht hatte.

Zunächst sah es so aus als seien nur Desserts für die beiden Bulgaren im Raum bestellt worden. Als wir jeweils unsere halbe Pizza verspeist hatten (ja es war nur eine bestellt und geliefert worden, was uns Fresssäcken so gerade reichte) wurde erst ein weiteres, wir rechneten nun damit uns diesen teilen zu sollen, und dann etwas verzögert doch noch ein zweites auf den Tisch befördert.

Nun baten wir um ein Wäschereck, denn unsere Burgas-Wäsche war ja noch immer feucht in ihren Plastiktüten. Das bekamen wir ohne Umschweife, doch als wir gerade begonnen hatten dieses zu bestücken kam Mitko auf eine weiter Idee uns zu überraschen. Jetzt stellte er fest, dass die Couch ja nur für eine Person ausreichend wäre und daher hielt er es für besser, wenn er uns in dem Hotel seiner Mutter unterbrächte, was fußläufig nur 10 Minuten entfernt sei. Ohnehin sei das ja viel praktischer, denn dann könnten wir schließlich aufstehen und gehen wann wir wollten usw. Wir vergewisserte uns zunächst, ob es sich um eine kostenpflichtige Unterbringung handeln würde, was immerhin verneint wurde. Dann fragten wir uns aber immer noch, warum er damit erst jetzt herausrückte, wo wir doch all unsere Taschen in den fünften Stock geschleppt hatten und gerade unsere Wäsche zum Trocknen aufgehängt hatten.

Zum Glück konnten wir ihn aber überzeugen, dass wir ganz zufrieden seien mit dem Wohnzimmer, ja noch eine Luftmatratze dabei hatten und überdies morgen auch früh weiter wollten. Wir durften schließlich bleiben und das Paar zog sich bald zurück.

Am nächsten Morgen bekamen wir sogar nach einem etwas schleppenden Anlauf ein Frühstück serviert und stellten fest, dass durchaus einige Lebensmittel (Brot und Aufschnitt bzw. -strich) im Haushalt vorhanden waren und fragten uns, warum diese nicht einfach gestern als Ergänzung zu der eigenwilligen Salat-Kreation gereicht worden waren. Das Mitko einen Deal mit seinem befreundeten Gastronomen am Laufen hatte, bei dem er diesem unter der Vorspieglung falscher Tatsachen leichtgläubige Fahrradreisende als Kunden zuschusterte, um selbst Vorteile bei seinen eigenen Bestellungen zu erlangen erschien uns abwegig, da uns das Kosten-Nutzen-Verhältnis doch recht unausgewogen erschien.

Bei der Verabschiedung nahm Mitko noch unsere Räder unter die Lupe und fragte uns, warum wir nicht fanciere Räder mit allerlei Federungen und E-Antrieb hätten. Wir erläuterten ihm, dass die Räder deutlich fancier waren als er glaubte und nannten ihm auch den Preis, was ihn überrascht verstummen ließ. Eigentlich war es ein insgesamt ganz angenehmer Besuch gewesen, die beiden waren nett und interessiert, aber wir fanden die Begegnung dennoch etwas speziell.

Wir nahmen nun vollen Kurs auf die Rumänische Grenze, die wir am frühen Nachmittag in Russe an der Donau erreichten. Die Umgehungsstraße, die uns zur Giurgiu-Russe-Freundschaftsbrücke von 1954 führte war der reinste Albtraum, und so waren wir erleichtert, als diese vorbei war und wir bei strahlendem Sonnenschein die Rampe hinauffuhren. In der Mitte der Donau hatten wir Rumänien erreicht, das 22. Land auf unserem Trip.

Die Einreiseprozedur auf der nördlichen Seite der Donau war natürlich schnell erledigt und wir erreichten bald das rumänische Grenzstädtchen Giurgiu. Hier wirkte gleich alles bunter, freundlicher und lebendiger als im südlichen Nachbarland und wir konnten für einige Kilometer sogar auf einem Fahrradstreifen weiter fahren. In Bulgarien hatten wir einen solchen bzw. einen Seitenstreifen meistens vermisst.

Dann aber kehrte eine erste Ernüchterung ein, denn an der Schnurgeraden Schnellstraße 5 in Richtung Bukarest wollte sich, wie wir es auch erwarten hatten, kein geeigneter Schlafplatz finden. Selbst wenn sich ein grundsätzlich geeigneter hätte finden sollen, so wäre es bei dem Verkehrslärm undenkbar gewesen auch nur ein Auge zuzumachen. Im Quadrat-Dorf Daia fuhren wir daher von der Schnellstraße ab und entschieden uns schließlich für eine Stück Wiese am Rande des Dorfes.

Es war noch relativ früh und so wollten wir erst einmal abwarten, ob uns noch jemand ansprechen, d.h. verjagen oder einladen würde, bevor wir den Platz durch aufschlagen des Zeltes temporär in Besitz nähmen. Wir klappten also unsere Hocker aus und saßen einfach herum. Die nächsten Nachbarn, die uns bald entdeckt hatten, interessierten sich nicht für uns.

Als es schließlich Abend wurde begannen wir mit dem Zeltaufbau als eine ältere Dame mit ihrem Hund und ein paar Ziegen des Weges kam. Der Hund kläffte ein wenig unfreundlich, doch die Dame schien uns wohl gesonnen. Bei der Suche nach einer gemeinsamen Sprache schlug sie Französisch vor und so radebrechte Tilmann ein paar Sätze seines schon damals nicht sehr weit entwickelten Schulenglisch vor sich hin. Irgendwie hatten wir aber den Eindruck, dass sie selber noch schlechter Französisch sprach, denn ihre Erwiderungen klangen für uns doch stark nach Rumänisch. Auf unsere Frage hin ob es OK sei hier zu zelten, verneinte sie zunächst zu unserem Missmut. Schnell stellte sich aber heraus, dass sie lediglich der Meinung war, es sei hier nachts doch noch viel zu kalt. Wir winkten ab und verwiesen auf unsere gute Ausrüstung und so zog sie schließlich Schulterzuckend von Dannen.

Wenig später kam sie jedoch noch einmal zurück, um uns eine Tüte mit Lebensmitteln zu überreichen. Eine nette Geste zweifelsohne, aber deren Inhalt konnte uns nur teilweise überzeugen. Marmelade und Frühlingszwiebeln waren natürlich fein, bei hartgekochten Eiern und einem Liter Milch wollten wir mal wieder ein Auge zudrücken, aber die beiden Dosen Konservenfleisch mit EU und rumänischem Wappen drauf wollten wir nicht anrühren und fragten uns vor allem was es mit der Tüte frittierter Würfel auf sich haben mochte, wobei wir euphemistisch zunächst auf Croûtons tippten. Es stellte sich aber heraus, dass wir es mit patiniertem Speck oder ähnlichem zu tun hatten und sortierten das Carepaket daher wie einst Aschenputtel die Linsen.

Die Nacht wurde tatsächlich ziemlich kalt, aber damit hatten wir ja wirklich kein Problem. Den Schlaf raubten uns vielmehr die Hunde, die sich immer wieder unserem Zelt näherten, um es dann ohne Unterlass anzukleffen. Wenn Julia nur den Reißverschluss öffnete nahmen sie schon reißaus und bellten aus sicherer Distanz weiter bis sie es gegen ein Uhr irgendwann aufgaben. Wir sollten in Rumänien noch viel mit bellenden Hunden konfrontiert werden, doch es sei schon verraten, dass diese in Wirklichkeit ebensolche Hasenfüße wie eigentlich überall auf der Welt waren. Eine wirkliche Gefahr stellten sie auch in Rumänien und auch in großer Überzahl nicht dar. Aber sie sollten nicht die einzigen großen Karnivoren bleiben die sich nachts unserem Zelt näherten.

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5 Gedanken zu “der charme bröckelnder fassaden 🇧🇬🇷🇴

  1. Hallo Tilmann, du könntest eigentlich auch demnächst Kolumnen zu gottweißwas für Themen schreiben, vielleicht als Tipp für eine interessante Berufswahl

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