umweltfreundlich reisen ist zum kotzen 🇮🇱🇨🇾

Mit dem =höhö= Segelboot =höhö= von Israel nach Zypern

Tag 358 bis 360 (26.03.23 bis 28.03.23)
Distanz: ca. 350km (per Schiff)
Höchster Punkt: gefühlt 100 m
Tiefster Punkt: gefühlt -100 m
Rauf: gefühlt 10.000 m
Runter: gefühlt 10.000 m

Unser Segeltörn von Ashdod nach Limasol war der reinste Horrortrip. Wir waren ab der ersten Minute seekrank und sollten es bis zur letzten bleiben. Das hatten wir nun davon, dass wir möglichst emissionsarm bzw. emissionsfrei weiter in Richtung Norden gelangen wollten. Es hätte auch ein Kreuzfahrtschiff gegeben, was uns nach Zypern gebracht hätte, dass 1. eine knappe Woche früher gefahren wäre, 2. etwas preiswerter und 3. natürlich schneller unterwegs gewesen wäre (ein Flug hätte übrigens nur etwa ein fünftel von dem gekostet, was wir uns diese zweifelhafte Vergnügen hatten kosten lassen.) Aus dem großen Vorteil unseres Katamarans im Vergleich zum Kreuzfahrtschiff in Sachen Emissionsfreiheit wurde indes nichts, denn zwar hisste die Crew der Yacht das Segel, dennoch lief der Motor dreißig Stunden lang im Dauerbetrieb und dröhnte uns um die Ohren. Kurzum: Es war ein unrühmliches Ende unseres 48-tägigen Aufenthalts in Israel. Daher raten wir jedem der auf der selben Route unterwegs ist einfach mit Mano-Cruise zu reisen. Damit wäre dieses Kapitel unserer Reise eigentlich schon erzählt, es gibt kaum mehr zu erzählen, aber da wir ja im letzten Beitrag groß angekündigt haben, diesem Martyrium einen eigenen Artikel zu widmen und wir unserem Stil der langatmigen Berichterstattung treu bleiben wollen, gehen wir im Folgenden nun doch noch etwas ins Detail.

Wir hatten am Abend des 26. März nach einer leicht nervigen Fahrt auf viel befahrenen Straßen durch unspektakuläres Flachland unser fünftes Etappenziel Ashdod erreicht (Tag 358, 17.539 km). Um 19 Uhr waren wir mit dem Skipper Simon in der Marina verabredet. Da wir nicht wussten, wie viel Zeit sich dieser für das Verladen unserer Räder nehmen würde, begannen wir gleich nach Ankunft gegen 18 Uhr unsere Räder mit den Plastikfolien einzuwickeln, da die Räder an Deck mitfahren sollten und wir sie vor Salzwasser schützen wollten. Um an geeignete Plastikfolien ranzukommen, hatte Tilmann eine geniale Idee: Wir wollten bei Matratzengeschäften fragen, ob sie nicht Verpackungen übrig hätten, die ansonsten im Müll gelandet wären. Vier Matratzengeschäfte später mussten wir jedoch einräumen, dass diese Folien zwar perfekt gewesen wären, aber die Matratzenhändler sie einfach nicht rausrücken wollten. Wir stellten allerdings fest, dass man überall am Straßenrand große Folien finden konnte, wenn man einmal danach Ausschau hielt. Dass wir uns entschieden hatten Folie zu sammeln und nicht zu kaufen, hatte diesmal weniger mit unserer berühmt berüchtigten Sparsamkeit zu tun, sondern war überwiegend dem Recycling-Gedanken geschuldet.

Als wir auf diese Weise Julias Fahrrad bereits hübsch verpackt hatten, wurden zwei Herren auf uns aufmerksam und sprachen uns an. Sie stellten sich als Mitsegler heraus. Verwundert fragten sie, warum wir die Verpackungsorgie nicht direkt am Schiff durchführten und hatten Recht damit. Julias Fahrrad mussten wir nun 400 Meter schleppen, was dann doch ziemlich nervte.

Das Boot sollte erst am nächsten Morgen in aller Herrgottsfrühe in See stechen und so gestattete uns Simon schon diese Nacht in unserer Kabine zu verbringen. Uns wurde zugesagt, dass wir den Katamaran über Nacht für uns hätten, was allerdings nur auf das schmale Zeitfenster zwischen zwei Uhr und 5 Uhr dreißig zutraf. Die Crew tüftelte bis spät in die Nacht biertrinkend, ketterauchend und russentechnohörend noch am Schiff herum.

Um kurz vor sechs wurden die Maschinen mit leichter Verspätung gestartet und wir nahmen nun zunächst Kurs auf das noch weiter südlich gelegene Aschkelon, wo das Ausreiseprozedere abgehalten werden sollte. Sobald wir das ruhige Gewässer der Marina verlassen hatten, nahm der Wellengang mächtig zu und Tilmann stellte schnell fest, dass ihm das nicht besonders behagte. Vorsichtshalber blieb er zunächst liegen. Julia wagte sich kurz nach draußen, doch als sie sich einen Kaffee zubereiten wollte und dabei kaum die Füße auf dem Boden des Schiffs halten konnte, beschloss sie sich auch nochmal in die Koje zu verkriechen.

Erst in Aschkelon angekommen wagten wir uns wieder an Deck und begrüßten kurz die anderen Mitreisenden. Offenbar waren alle außer uns bereits miteinander bekannt und russischer Herkunft, was unseres Erachtens den etwas reservierten Umgang mit uns erklärte. Da wir die einzigen nicht israelischen Staatsbürger an Bord waren, wurde uns exklusiv die Ehre der berühmt berüchtigten Ausreise-Befragung zu Teil, die ähnlich forsch ausfallen kann wie bei der Einreise. Julia und Marc vom Team @bikeandfree hatten uns berichtet, dass sie knapp zwei Wochen zuvor sehr intime und entsprechend unangenehme Fragen über sich ergehen lassen mussten. Bei uns war die Motivation der jungen Grenzbeamtin allerdings nicht besonders groß, vielleicht auch weil zehn weitere Personen belustigt zusahen. So fiel der Beamtin unsere Beschreibung der Reiseroute durch Israel offenbar viel zu langatmig aus und sie unterbrach uns schon als wir erst in Jerusalem angekommen waren mit der nächsten völlig unverfänglichen Frage. Ebenfalls mussten wir keine Ausreisegebühr zahlen, die bei Grenzübertritt auf dem Landweg erhoben wird. Das Ganze war schnell vorbei und wir konnten endlich in Richtung Zypern aufbrechen.

Gerade waren wir noch etwas aufgeregt, dass die Schiffsreise jetzt endlich los gehen sollte und freuten uns auf das Frühstück, dass einer der Crew-Mitglied zubereitete, doch dann trat schnell Ernüchterung ein. Schnell wurde es Tilmann ziemlich mulmig und ein Mitreisender riet ihm, an den Bug zu gehen und den Horizont zu fixieren. Julia stieß bald dazu, die sich ebenfalls nicht besonders wohl fühlte. Tatsächlich konnte man es dort aushalten, doch nach Frühstücken war uns nun nicht mehr zumute. Wir wollten diese Stelle nicht mehr verlassen, begannen aber im Fahrtwind zu frieren.

Da Simon uns am Vorabend dazu geraten hatte, uns im Falle von Seekrankheit einfach hinzulegen und versuchen zu schlafen, wollten wir nun diesem Rat folgen und bewegten uns wieder in Richtung Heck. Dort war gerade das Frühstück angerichtet worden, dass eigentlich sehr appetitlich u.a. aus jeder Menge Rohkost bestand und alle anderen Seefahrer beherzt zugriffen. Aber wir konnten leider mit einer Geste auf unseren Magen nur abwinken.

Nachdem wir die Stufen zu unserer Kajüte mehr herabgepurzelt als herabgestiegen waren und in den leicht stickigen und schwankenden Raum eintraten, haute es uns fast augenblicklich um. Tilmann schmiss sich schnell aufs Bett und begann lautstark zu jammern, während Julia versuchte sich irgendwie trotz des starken Wankens ins Bad zu bewegen. Julia war jedenfalls die erste, die das kleine Bad betrat und ergatterte sich so den bevorzugten Platz direkt über der Kloschüssel. Der nachfolgende Tilmann musste sich mit dem Waschbecken begnügen. Da wir nun seit einem Jahr fast alles gemeinsam machen, sollte es mit dem Übergeben nun auch so sein.

Leider – wie es bekanntermaßen häufig der Fall ist – macht die Magenentleerung in diesem Fall nichts besser und wir krabbelten mühevoll die 50 Centimeter vom Bad zurück in unser Bett und blieben dort völlig ermattet liegen. Manchmal fielen wir in einen Dämmerschlaf. Wenn wir die Augen öffneten, sahen wir durch ein kleines Bugloch den Horizont in einer Ampithude von û = 10 m auf und ab schwanken und gruben unsere Gesichter schnell wieder ins Kissen.

Und so sollten wir die kommenden 1,25 Tage verbringen. Wenige Stunden nach dem ersten Übergeben folgte bei uns beiden (diesmal im Abstand von ca. 10 Minuten) ein zweites. Es wurde Abend und Nacht und wir schafften es glücklicherweise erstaunlich viel Zeit schlafend zu verbringen. Essen konnten wir nichts bis auf eine Packung trockene Cracker. Am Morgen waren unsere Wasservorrat aufgebraucht und da sich die ganze Zeit keiner unsere Mitreisenden hatte blicken lassen, um sich nach unserem Wohlbefinden zu erkundigen, kämpfte Julia sich tapfer einmal die Stufen herauf und fragte die dort Sitzenden nach Wasser, was ihr wortlos gereicht wurde.

Nach einer Ewigkeit wurde der Motor ausgestellt und wir wussten dass wir es geschafft hatten. Wir hatten den Hafen von Limassol erreicht! Wir wankten nach oben und ernteten einige leidlich mitleidige Blicke. Die anderen blieben allerdings nach wie vor recht wortkarg. Simon riet uns lediglich uns keine Yacht zu kaufen und erklärte gönnerhaft uns für das Essen, dass eigentlich zusätzlich noch separat hätte gezahlt werden müssen, nichts zu berechnen. Wir hatten zwei Bananen und eine Flasche Wasser konsumiert! Nachdem wir die horrende Überfahrtsgebühr entrichtet hatten, gab er uns auch unsere Pässe zurück (die wir allerdings auch während der Überfahrt bei uns hatten und ihm nur für die Einreise-Formalien ausgehändigt hatten).

Uns schwirrte noch der Kopf, wir bemitleideten uns selbst für unsere Torheit, diese in jeder Hinsicht schlechteste und weniger umweltfreundlich als gedachte Option zum Verlassen Israels gewählt zu haben und standen, noch leicht schwankend, fürs erste wieder auf EU-Boden. Was nun? Na eigentlich ganz einfach. Die Fahrräder aus ihren Regenjacken befreien (diese waren sehr salzig, hatte sich also gelohnt) die Taschen wieder dran gemacht und weiter ging es mit Vollgas quer durch Zypern!

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Hier könnt ihr unsere bisher zurück gelegte Route und (meistens) unseren aktuellen Standort sehen.

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3 Gedanken zu “umweltfreundlich reisen ist zum kotzen 🇮🇱🇨🇾

  1. So ein Schlamassel! Das wäre definitiv nix für mich gewesen. Mir ist eine Kinderschaukel schon zu krass. Der Musikexpress auf der Kirmes im letzten Jahr hat bei mir ernsthaft kleinere Panikschübe ausgelöst. Rumgeschaukel immer ohne mich!
    Rechnet das mit den Schiffs- vs. Flugkosten mal ein paar pseudoambitionierten Regierungen vor und fragt die, wie man die anvisierten Klimaziele vor diesem Hintergrund zu erreichen hofft. Oder, nee! Besser: schwimmt zurück nach Israel, kauft Euch eine Flag – die haben doch genug davon – und schießt ein Passagierflugzeug ab (wie dieser Iraner, der von Russland beauftragt wurde). Der Presse erklärt Ihr dann, dass die Urlauber das selber schuld seien, wenn sie so dumm sind und freiwillig klimaschädlich reisen möchten.

  2. Deinem Großvater und deinem Onkel ging es auf der Fahrt nach Helgoland genauso, war aber kürzer und tröstet euch nach 70 Jahren auch nicht

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