der absolute tiefpunkt 🇮🇱

Wir sind wieder unterwegs

Tag 335 bis 339 (4.03.23 bis 7.03.23)
Distanz: 257 km
Höchster Punkt: 650 m
Tiefster Punkt: -400 m
Rauf: 2.790 m
Runter: 3.740 m

Im ersten Augenblick mag dem beiläufige Leser bei dieser Überschrift vor Sorge vielleicht das Lachen vergehen. Also wie passt dieser vermeintlich Unheil ankündende Titel mit diesem vergnügliche Stimmung verbreitenden Beitragsbild zusammen? Den halbwegs aufgeweckten Leser mit auch nur leidlichen Geografie-Kenntnissen wird es hingegen längst klar sein: Der Name des vorliegenden Beitrags ist nicht im übertragenen sondern im wörtlichen Sinne zu verstehen: Wir nehmen euch heute mit auf unsere Reise zum Toten Meer, dem tiefsten Punkt auf der Erdoberfläche. Und hier wurde auch das Titelbild geschossen.

Wir hatten das Radfahren wirklich vermisst und freuten uns am Morgen des 4. März loszufahren und endlich das Land richtig zu erkunden, als nach nur 15 Kilometern Fahrt auf einer ruhigen Straße Julias Fahrrad anfing ungut zu doppsen. Das Gefühl kennt man nun bereits und verbindet nur Schlechtes damit. Ein Blick nach unten bestätigte es: Der Hinterreifen war platt. Eigentlich sollten unsere Anti-Platt-Reifen sowas verhindern, aber wer immer wieder geflickte Schläuche verwendet, muss sich vermutlich auch nicht wundern. Einen anderen Täter als den alten Flicken konnten wir jedenfalls nicht ausfindig machen und tauschten den bereits geflickten gegen einen anderen geflickten Schlauch aus, da wir keine neuen mehr hatten.

Aufgrund des Shabbath waren die Straßen am Morgen noch sehr leer und die uns umgebende Wüste wurde in dieser Gegend immer mal wieder durch kleine grüne Inseln durchbrochen, dort wuchs saftiges Gras und es blühte. Gegen Mittag erreichten wir den gigantischen Erosionskrater von Yeruham, den wir erst von oben bestaunten und dann durchquerten und bei einem Picknick-Platz mit besonders hübsch gefärbtem Sandgestein und Felshaufen gemeinsam mit viele Ausflüglern eine Pause einlegten.

Dann wurde die Gegend wieder dichter besiedelte, doch die Siedlungen lagen größtenteils abseits der Straße, wir durchfuhren sie also nicht, sondern konnten nur aus der Ferne sehen, dass sich hier israelische und arabische Orte abwechselten. Eindeutig zu erkennen war dies an den Minaretten, die aus den arabischen Dörfern ragten, doch auch ohne dies gab es Hinweise: Während die israelischen Siedlung meist aus Hochhäusern sowie aufgereihten Einfamilienhäusern bestanden, waren in den arabischen Dörfern die Häuser wie auf Hügel gestreuselt oder bestanden teilweise nur aus Wellblechhütten. In regelmäßigen Abständen waren hier auch zahlreiche militärische Kasernen ausgeschildert.

Am nächsten Tag erreichten wir trotz Wind recht früh Arad, wo wir einkaufen wollten und uns schließlich auch bei einem Fahrradladen wiederfanden, da wir unser Ersatzschlauch-Repertoire auffrischen wollten. Diesmal gab es nur selbstflickende Schläuche mit Autoventil, aber das ist bei der weltweiten Tankstellendichte ja ohnehin eigentlich praktischer. Sogleich darauf nahmen wir nun die Strecke nach Masada in Angriff, eine kaum befahrene Straße, die bei eben jener Wüstenfestung auch endet und uns bis dahin teils steil bergab durch eine hügelige Wüstenlandschaft führte.

Die Temperaturen kletterten an diesem Tag auf über 30 Grad und wir konnten kaum fassen, vor einer Woche noch richtig gefroren zu haben, als wir schwitzend die westliche Belagerungsrampe nach Masada erklommen. Die von Herodes 15 vor Christus erbaute Palastfestung wurde später von jüdischen Siedlern bewohnt und schließlich über die Rampe, die wir nun hochächzten, von den Römern eingenommen.

Theoretisch hätten wir den Felsen über die Ostseite wieder verlassen können, wozu wir die Fahrräder die steile Rampe hätten heraufschieben müssen. Zwei ortskundige Israelis hatten uns dazu geraten, da wir auf diese Weise die Rückfahrt nach Arad und ca. 60 km Umweg hätten vermeiden können. Auch der etwas grummelige Herr vom Ticketschalter bot uns diese Möglichkeit an. Offenbar hatte aber niemand der Herren eine Vorstellung vom Gewicht eines voll beladenen Reiserades mit Stahlrahmen. Nicht nur war die Westrampe überwiegend sehr steil, auch waren immer wieder kleine Abschnitte mit Treppenstufen zu überbrücken und wir schüttelten nur den Kopf, ob dieser für unsere Welt weltfremden Vorschläge. Kaum vorstellbar also, wie die Römer es geschafft hatten, einen ganzen Wehrturm hier zu erbauen und die Rampe hinaufzuschieben, um dann die Festungsmauer zu durchbrechen. Der Legende nach begangen alle jüdischen Siedler infolge dessen Selbstmord, indem sie sich die Felsen Richtung totes Meer hinunterstürzten, um sich der Unterjochung durch die Römer zu entziehen.

Wir spazierten einige Stunden in den alten Festungsmauern umher und waren besonders beeindruckt von dem Wassersystem, dass Herodes installiert hatte sowie die umfangreichen Lagerhallen, um auf keinen Luxus verzichten zu müssen. Das Wasser, das nach Regenfällen die Berge hinabströmte, wurde rund um die Festung in Felsentunneln aufgefangen. Um es auf die Ebene der Festungsbewohner zur Verfügung zu stellen, waren Lasttiere dauerhaft damit beschäftigt, das Wasser von den Tunneln in oben gelegene Zisternen zu verfrachten. So konnte sich Herodes in seinem Außenpool oder seinem Dampfbad entspannen und gleichzeitig stand genug Trinkwasser für die Bewohner zur Verfügung. Die Aussicht auf das Tote Meer war damals noch anders als heute, denn mittlerweile ist dies stark zurückgewichen. Trotzdem muss es für Herodes und ist es nach wie vor für uns heute eine beeindruckende Aussicht, allerdings ließ die staubgeschwängerte Luft an diesem Tag der Landschaft keine Chance ihr Potential in dieser Hinsicht voll zu entfalten.

Wir entschieden jedenfalls die Festung nicht mit unseren Fahrrädern einzunehmen, sondern den gleichen Weg zurückzufahren, den wir gekommen waren, verbrachten aber die Nacht in der Nähe der Festung und lagen bei diesen milden Temperaturen nach langem einmal wieder bei Dunkelheit draußen, um die Sterne zu bestaunen. Schließlich entschieden wir uns, dass wir auch komplett auf das Zelt verzichten könnten und legten uns einfach in unsere Schlafsäcke. Im Laufe der Nacht pfiff uns allerdings der Wind um die Nasen, der zwar nicht besonders kalt aber doch etwas lästig war.

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Der Weg zurück nach Arad war mühsam, da wir nun die rasante Abfahrt des Vortages wieder hochklettern mussten, was 800 Höhenmetern auf einer Strecke von 20 km bedeutete. Ja, es war schon irgendwie anstrengend. Wegen eines diffusen Verdachts auf eine in Eilat falsch herum montierte Achse, suchten wir in Arad angekommen, noch einmal den Radladen auf, da die beiden Brüder am Vortag so einen sympatischen Eindruck gemacht hatten. Der Chef persönlich wurde telefonisch herbeigerufen, nachdem uns sein Bruder während der Wartezeit einen Kaffee einschenkte. Nachdem er das Rad ausgebaut, ein paar Speichen nachgespannt und sich von der perfekten Freiläufigkeit des Hinterrades überzeugt hatte, schien ihm Tilmanns Theorie nicht mehr einleuchtend und er riet uns davon ab, die ganze Achse noch einmal auseinanderzunehmen. Geld verlangte er erwartungsgemäß nicht, stattdessen war er überaus freundlich und begeistert von unserer Reise und gab uns allerlei weitere Tipps, sodass wir zufrieden weiterfuhren.

Von Arad aus ging es nun also abwärts ans Tote Meer führte, dass wir zwar schon von Masada aus bestaunt hatten, aber nun endlich auch darin schwimmen wollten. Dafür ging es erstmal über 1.000 Höhenmeter bergab, was wie ihr euch vorstellen könnt eine ziemlich rasante Abfahrt war. Nachdem wir unsere Bremsen ordentlich malträtiert hatten, waren wir am tiefsten Punkt der Erdoberfläche auf 400 Metern unter dem nicht allzuweit entfernten Meeresspiegel angekommen. Im Badeort En Bokek fanden wir bald einen öffentlichen Strand mit kostenfreien Duschen (wahrscheinlich der einzige in Israel). Der Badespaß war tatsächlich lustiger, als wir erwartet hatten. Ein ungewohntes Gefühl im Wasser immer wieder nach oben getrieben zu werden und es fast nicht zu schaffen, die Beine unter Wasser zu halten. Leider hatten wir uns nicht gut vorbereitet und für das obligatorische Foto „im Wasser liegend mit Zeitung“ keine Zeitung mitgenommen.

Viel weiter schafften wir es an diesem Tag nicht, da uns auf dem kleinen Stück Radweg am Toten Meer heftiger Gegenwind ins Gesicht blies und wir uns entschieden in einem kleinen Tal unser Lager aufzuschlagen. Wir dachten, die hohen Felswände links und rechts und die dazwischen verteilten Geröllbrocken könnten uns vor dem Wind schützen, doch dieser nahm zu und pfiff plötzlich wie ein Derwisch durch das Tal hindurch, wirbelte allerlei Staub auf und machte eine angenehmes Abendessen unmöglich. Schließlich kauerten wir uns hinter einen Felsen und hofften nur, dass es bald aufhören würde. Unsere Gebete wurden diesmal erhört, nach einer Stunde ließ der Wind nach und wir schliefen abermals ohne Zelt direkt unter dem hellen Vollmond ein.

Aufgrund des Windes, der uns nach wie vor ärgerte, unternahmen wir mittlerweile lieber Ausflugsaktivitäten anstatt Radzufahren und suchten am 339. Tag das Naturreservat Ein Gedi auf, um eine Wanderung zum Wasserfall zu unternehmen. Wir waren etwas enttäuscht, als wir dort ankamen und feststellen mussten, dass wir keinesfalls die einzige waren, die auf diese Idee kamen und außerdem auch noch Eintritt für den Wasserfall bezahlen sollten. Doch beides ließ sich zu unserer Zufriedenheit lösen: Wir starteten die Wanderung einfach verkehrt herum, entgingen so dem Besucherstrom (der größtenteils nur den kürzesten Weg hin und zurück zum Wasserfall nahm) und kamen so auch an der Bezahlschranke vorbei, ohne das Gefühl zu haben wirklich eingebrochen zu sein, denn wir bewegten uns auf normalen beschilderten Wanderwegen und wurden nicht mehr nach Ticket oder Geld gefragt. Die Wanderung führte uns zunächst zu einer Quelle umgeben von Pflanzen und dann zu Wasserbecken und Wasserfällen auf mehreren Ebenen. So viel Grün und klares fließendes Wasser hatten wir lange nicht gesehen und fühlten uns ein bisschen an die wildromantischen Wadis im Oman erinnert.

Nach diesem Ausflug mit erfrischendem Bad im Wasserbecken mussten wir (leider) wieder Fahrrad fahren und waren etwas überrascht, dass es am Rande des Toten Meeres zudem auch noch so viele Höhenmeter zu erklimmen gab. Wir passierten hier nun auch die Grenze zum Westjordanland, wobei diese allerdings weder kenntlich gemacht noch in irgendeiner Weise kontrolliert wurde. Der Rand des Toten Meeres ist kaum besiedelt, abgesehen von der Hotelansammlung bei En Bokek und ein paar wenigen Kibbutzim. So kam es auch, dass wir keinen Laden mehr fanden, um uns mit Nahrungsmitteln zu versorgen und stellten uns schon auf eine sehr spartanische Mahlzeit ein. Da uns wieder der Wind erbarmungslos um die Ohren pfiff, rechneten wir auch damit, dass diese Mahlzeit wieder ungemütlich sein würde und einen hohen Anteil von Ballaststoffen in Form von Sandkrümeln enthalten würde. Doch es kam zum Glück ganz anders.

Als wir gerade anfangen wollten nach einem Schlafplatz Ausschau zu halten – wir hatten fast das Nordende des toten Meers erreicht – entdeckten wir zwei andere Radreisenden, die uns entgegen fuhren. Tatsächlich stellte sich heraus, dass die beiden auch aus Deutschland kamen (Überraschung ;-)) und wir uns bereits auf Instagram gegenseitig folgten. Julia und Marc hatten an diesem Tag den hier ziemlich anstrengenden Grenzübergang aus Jordanien gemeistert und waren eigentlich im Begriff gen Süden zu reisen, um ein Bad im toten Meer zu nehmen. Als wir jedoch unsere Einschätzung mitteilten, dass dies erst in En Bokek zufriedenstellend möglich sei, entschieden sie sich wieder umzukehren, da sie bereits vor einigen Kilometern ein gutes Lager für die Nacht entdeckt hatten. Es handelte sich um eine verlassene Siedlung, deren Gebäude mit teils sehr gelungenen Graffiti bzw. Streetart übersät waren, zu der wir nun gemeinsam fuhren. Da die beiden gerade aus Jordanien kamen, hatten sie dort alle Speicher vollgeladen, bevor sie ins teure Israel einreisten. Uns hatte diese zufällige Begegnung also nicht nur eine angenehme neue Bekanntschaft, einen windgeschützten Schlafplatz sondern auch ein opulentes Abendessen beschert. Neben der Befriedigung unserer überlebensnotwendigen Grundbedürfnisse freuten wir uns vor allem nach langer Zeit endlich einmal wieder Radreisende zu treffen, um über die Geschichten und die Erlebnisse anderer staunen zu können und natürlich auch unsere Anekdoten zum Besten geben zu können. Die beiden waren seit vier Monaten unterwegs und hatten gerade den Norden Afrikas, soweit möglich, bereist.

Eigentlich wollten wir uns auch am nächsten Tag nur ungern wieder trennen und verabredet uns abends am Kloster Mar Saba zu treffen. Wir wären auch gemeinsam gefahren, hätten wir zwei nicht zunächst noch Lebensmittel suchen müssen und hätten Julia und Marc nicht zu früh einen Abzweig genommen, jedenfalls überholten wir die beiden ungewollt, nachdem wir in einem Restaurant Brot gekauft hatten, da es abermals keine Lebensmittelläden gab und die Tankstellen absurde Summen für Backwaren verlangten (ca. 6 Euro für einen kleinen Snack, der uns nicht gesättigt hätte).

Julia vom Team @bikeandfree hatte eine Route ausfindig gemacht, die sozusagen von der Rückseite zum Kloster führte. Das verlockende an dieser Route war, dass sie behauptete deutlich weniger Höhenmeter zu haben (wir mussten von 400 Metern unter dem Meeresspiegel in Richtung Jerusalem, das etwa 700 Meter über diesem liegt) und außerdem über eine kaum befahrene Straße führte. Allerdings war auch klar, dass die Straße ca. 8 Kilometer vor dem Kloster enden würde und in Schotter übergehen sollte, sowie steile Stellen zu überwinden wären. Wir entschieden uns trotzdem diesen Weg zu nehmen, der uns in eine mittelschwere Katastrophe führte und uns ebenfalls bangen ließ, ob wir unsere neu gewonnen Freunde jemals wieder sehen würden. Doch davon soll erst im nächsten Beitrag berichtet werden. Denn bis zu diesem Zeitpunkt hatte sich unsere Weiterreise recht gemütlich und ruhig abgespielt, in den kommenden Tagen sollten sich die Ereignisse überschlagen und die Verhältnisse, die in diesem Land herrschen, sollte uns mit voller Wucht treffen, gleichzeitig spannend und oft auch schwer verdaubar. Doch die anfängliche Ruhe unserer Weiterfahrt soll in diesem Beitrag konserviert werden.

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Hier könnt ihr unsere bisher zurück gelegte Route und (meistens) unseren aktuellen Standort sehen.

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4 Gedanken zu “der absolute tiefpunkt 🇮🇱

      1. Gut erkannt, weiß aber auch nicht genau, warum. (Mich öden die Wüstenbilder an)

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