back to reality 🇮🇱

Eine zähe Weiterfahrt in Richtung Norden

Tag 318 bis 320 (14.2.23 bis 16.2.23)
Distanz: 195 km
Höchster Punkt: 900 m
Tiefster Punkt: 3 m
Rauf: 2.190 m
Runter: 1.690 m

Warum fahren wir eigentlich gerne Fahrrad? Diese Frage stellten wir uns, als wir nach längerer Pause mal wieder im Sattel saßen. Heftiger Wind schlug uns entgegen, so dass wir meistens unter 10 km/h fuhren und einige Pausen machen mussten. Am 2. Tag ging es Bergauf-Bergab (deutlich mehr bergauf allerdings), was in Summe 1.500 Höhenmeter Anstieg waren. Kaum hatten wir die Berge erklommen, wurde es auch wieder richtig kalt. Der Verkehr war zwar nicht schlimm, aber doch genug, um zu nerven.

Wir hatten uns die slawische Auszeit gegönnt, auch weil wir das schlechte Wetter weiter nördlich meiden wollten. Als wir nun am 14.2. Eilat verlassen wollten, hofften wir das gröbste Wetter tatsächlich umgangen zu haben. Der Plan war am Tag unseres Aufbruchs nur 50 km bis zum Kibbuz Ktora zu fahren, um dort das Avara Umweltforschungsinstitut zu besuchen, wozu uns die deutsche Honorarkonsulin eingeladen hatte. Auf die von Sergio an uns gerichtete Frage wie lange wir für diese überschaubare Strecke bräuchten, antwortete der brasilianische Gast Davi, der gerade vom Joggen zurückgekommen war an unserer statt: „with this wind at least six hours!“ Der nicht ganz ernst gemeinte Kommentar sollte sich leider bewahrheiten.

Schuld daran war allerdings unsere schlechte Planung. Bevor wir der Einladung in das Umweltforschungsinstitut gefolgt waren, hatten wir eigentlich eine andere Route wählen wollen, auch weil der nun eingeschlagene Weg genau zu jenem parallel verlief, den wir vor einer guten Woche in Jordanien auf dem Weg Richtung Süden gekommen waren. Der auf der öden Route vorherrschende Gegenwind führte nun aber zu einem derart langsamen Vorwärtskommen, dass wir eben diese Einladung ins Kibbuz Ktora aufgrund der Verspätung nicht mehr wahrnehmen konnten. Auf der Strecke dorthin waren wir bereits an anderen Kibbuzim vorbeigekommen, alle umzäunt und mit massiven Toren abgesichert. Nirgendwo konnte man ohne Weiteres ein paar Lebensmittel erwerben. Ausgehungert kamen wir am Kibbuz Ketura an und standen auch hier vor einer unüberwindbaren Schranke. Ein hilfsbereiter Mann, der gerade den Kibbuz verlassen wollte, öffnete uns das Tor und erklärte, wo wir den Laden finden würden. Dort sollten wir auch nachfragen, ob wir im Kibbuz unser Zelt aufstellen könnten. Es war inzwischen längst dunkel geworden, aber der Wind pfiff uns weiterhin unbarmherzig um die Ohren.

Der Ladenbesitzer war über diese Frage sehr erstaunt, begann dann aber rumzutelefonieren während wir einkauften. Nichts war preisausgezeichnet und nach mehrmaligen Nachfragen gaben wir auf und kauften nur das nötigste. Ein normal großes nicht besonders gehaltvolles oder schmackhaftes geschnittenes Industriebrot kostete 5 Euro. Für die Erdnussbutter bekamen wir einen Rabatt, da der Inhaber schon merkte, dass wir über die Preise erschraken, so mussten wir nur 5 und nicht 7,50 Euro für den 400 Gramm Becher bezahlen.

Nach diesem Preisschock folgte eine weitere Ernüchterung, denn der Verkäufer schickte uns mangels Entscheidungskompetenz schließlich zur Rezeption des kibbuzeigenen Gästehauses, wo man uns eiskalt abblitzen ließ. Diese Abfuhr war für uns gewissermaßen Neuland, da wir bisher fast noch nie Abgewiesen wurden, wenn wir zelten wollten. Nur in den Emiraten hatten wir ebenfalls einige Male in die Röhre geguckt.

Im Kibbutz zelten wurde uns nicht erlaubt

So mussten unser Zelt gegenüber des Kibbuz auf dem staubigen Bodens einer jungen Dattelplantage aufschlagen. Aus gewohnheitsgemäßer Bequemlichkeit zogen wir es trotz der Kälte vor, nur das Innenzelt aufzubauen und sollten auch diesbezüglich bald feststellen, dass wir einer Fehlentscheidung aufgesessen waren. Kurz nachdem uns die Augen zugefallen waren, schreckte Julia auf, denn ein merkwürdig vertrautes jedoch unerwartetes Geräusch drang in ihre Träume. Kein Zweifel möglich, es regnete. Eine vom Unwillen aus der Geborgenheit unserer Schlafsäcke zu kriechen angetriebene aber wenig realistische Hoffnung, es handele sich um ein kurzweiliges und im Grunde unbedeutsames Wetterphänomen, ließ uns zögern, uns sogleich daran zu machen das Außenzelt aufzubauen. Aber anstatt wieder aufzuhören nahm der Regen zu und wir mussten schließlich doch aktiv werden.

Am nächsten Morgen hatten wir uns vorgenommen bereits um 4 aufzustehen, da wir eine möglichst lange Zeit ohne Gegenwind (dieser war ab 9 Uhr wieder vorausgesagt) unterwegs sein wollten und zudem 100 km Strecke, aber vor allem 1.500 Höhenmeter vor uns hatten. Für die Übernachtung hatten wir in Mitzpe Ramon einen warmshowers Host ausfindig machen können. Wir schafften es schließlich um 5 aufzustehen und mussten Zelt und Greenscreen nass und dreckig in den Seesack packen.

Schon bald kam der erste steile Anstieg, der Wind blieb aber tatsächlich fürs erste aus. Die Höhenmeter machten sich dennoch bald bemerkbar und unser Vorankommen war entsprechend langsam. Bald erreichten wir einen Truppenübungsplatz, der zu beiden Seiten der Straße lag. Ein makaberes Detail, der wohl zur Simulation von Häuserkampf errichteten Siedlungskulissen war, dass diese mit Moschee-Atrappen ausgestattet waren und auch aufgrund der Wasserkanistern auf den Dächern, eindeutig als arabische Siedlungen erkennbar waren.

Auch weil wir nach der slawischen Auszeit wohl nicht mehr so richtig im Training waren, brauchten wir eine Pause nach der anderen und hatten bald nichts mehr zu Essen übrig, außer unsere 5 Euro Erdnussbutter, die wir bald begannen pur zu löffeln.

Mit voranschreitender Zeit nahm nicht nur die Höhe und der Wind zu und es wurde empfindlich kalt. Immerhin wurde zum Nachmittag hin die Landschaft wieder wirklich sehenswert. Zwar waren wir, wie mehr oder weniger unterbrochen seit Ende August, noch immer in der Wüste, aber der Negev zeigte uns kurz vor Mizpe Ramon mit recht spektakulären Felsformationen wieder einmal die schönsten Seiten dieser Landschaftsform. Wir waren in dem Erosionskrater Machtesch Ramon angekommen, auf dessen Kante das Städtchen Mizpe Ramon thront.

Die Lage unseres Tagesziels bedeutete allerdings auch, dass wir die Kraterwand nun zum Ende des Tages hin erklimmen mussten, was auf einer Strecke von 3,8 km 260 Höhenmeter bedeutete. Eine vorherige Verschnaufpause war erforderlich und wir informierten unseren Gastgeber über unsere Verspätung. Er wollte uns daraufhin abholen kommen, denn die Sonne neigte sich bereits dem Horizont zu, was wir nicht nur der Ehre wegen ablehnten. Nein, unsere Räder und Taschen in ein Auto zu verladen macht tatsächlich einfach überhaupt nicht den geringsten Spaß, da quält man lieber seine Oberschenkel, bis man nur noch Batteriesäure in den Venen hat. Tatsächlich kamen wir bei diesem letzten Anstieg gefühlt fast an unsere Grenzen. Es war wegen des Neumondes stockdunkel und zudem eiskalt, stürmisch und steil. Als wir es endlich geschafft zu haben glaubten und um die letzte Kurve bogen, die den Ortseingang markierte, blies uns als Willkommensgruß eine derartig heftige Böe entgegen, dass Julia tatsächlich absteigen und schieben musste.

Heiße Dusche nach hartem Tag

Dann aber waren wir endlich angekommen und wurden von Asaf, seiner Frau, den beiden Hunden und der Hauskatze empfangen. Wir bekamen sogleich eine dringend erforderliche heiße Dusche angeboten und aßen danach gemeinsam zu Abend. Asaf erzählte uns, dass er 2019 mit seiner Familie (3 Generationen!) eine Radtour von Berlin nach Prag unternommen hätte. Erstaunliche Leistung! Er klärte uns auch über einige Besonderheiten und Gepflogenheiten der israelischen Gesellschaft auf und wir bekamen unter anderem erklärte, dass die Israelis auch gerne das Wort „Schlepp“ für „Schlepperei“ benutzen, wohl ein dem Jiddischen entsprungenes Wort. Eine Besonderheit fiel uns gleich beim Eintreten auf, als wir explizit aufgefordert wurden, unsere Schuhe anzulassen (uns es sollte nicht das einzige Mal bleiben). Das wäre in den ganzen muslimischen Ländern, in denen wir uns vorher aufgehalten hatten, ein Unding gewesen. Und wir fragten uns, ob dies vielleicht auch dem Wunsch nach deutlicher Abgrenzung zu dieser Sitte entspringt, also eine Form der Schismogenese darstellt 😉

Am nächsten Morgen hatten wir leider kaum Zeit uns noch länger mit Asaf zu unterhalten oder den fantastischen Ausblick vom Kraterrand zu genießen, da wir noch 38 km bis zu unserem Ziel vor uns hatten und noch am Vormittag dort ankommen wollten. In Midreshet Ben-Gurion wollten wir für die nächsten zwei Wochen für Kost und Logie arbeiten. Das hatten wir in Eilat beschlossen, denn unser Segelschiff nach Zypern wird erst am 27. März ablegen. Wenn wir jede Straße in dem überschaubar großen vorderasiatischen Staat gewissenhaft abfahren würden, hätten wir diese Zeit vielleicht auch komplett mit Fahrradfahren verbringen können. Das war uns dann aber doch ein wenig zu viel des guten und so waren wir froh, dass wir mit Hilfe von Asaf recht spontan diesen Volunteer-Platz finden können.

Die Eile wäre allerdings nicht nötig gewesen, denn später sollte sich herausstellen, dass unser Chef sehr chaotisch und gleichzeitig sehr entspannt war, eine spätere Ankunft wäre kein Problem gewesen (weil er sowieso keine Zeit für uns hatte, was er uns aber nicht mitteilte) und er hätte es auch aufgrund seiner Grundentspanntheit als nicht schlimm empfunden. Mit unserer deutschen Arbeitsmoral mussten wir uns in den nächsten Tagen erst einmal mit diesen Besonderheiten anfreunden.

Jedenfalls begann nach nur drei Tagen Fahrrad fahren für uns die nächste Pause, in der wir Bekanntschaft mit Vipern, Skorpionen, offenen Haustüren, philippinischen Altenpflegerinnen, 40 Jahre alten Land Rovern, Überbrückungskabeln und hebräischen Registrierkassen machen sollten. Wir werden wie gewohnt bald an dieser Stelle berichten!

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Hier könnt ihr unsere bisher zurück gelegte Route und (meistens) unseren aktuellen Standort sehen.

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4 Gedanken zu “back to reality 🇮🇱

      1. Vielleicht hättet ihr im Kibbuz alle eure Klamotten in das Gemeingut überführen müssen und dann hättest Du kitansehen müssen, wie irgend so ein Schmock Tomatensoße auf dein Lieblingshemd kleckert. Soll schon vorgekommen sein.

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