Хиппи oder die slawische Auszeit 🇮🇱

Pause vom Radfahren in Eilat

Tag 309 bis 317 (5.2.23 bis 13.2.23)
Distanz: 23 km
Höchster Punkt: 165 m
Tiefster Punkt: 3 m
Rauf: – m
Runter: – m

Hallo ihr, die ihr zuhause gerade eingewickelt in Wolldecken auf dem Sofa mit dem Handy in der Hand unseren Beitrag lest oder im Büro zu unserem Blog rüberwechselt, wenn ihr den Anblick von Outlook gerade nicht ertragen könnt. Würdet ihr diesem Leben nicht manchmal gern entfliehen? Eine Hütte in den Bergen bauen, wo es immer warm ist. Jeden Tag im Meer schwimmen und beim Schnorcheln bunte Fische beobachten. Rebhühner und Berggazellen besuchen dich beim Frühstück. Du lebst ohne Verpflichtungen, machst Yoga vor dem Frühstück und gehst in die Sauna nach dem Abendessen. Wir haben diesen Ort gefunden und wären fast dort geblieben.

Wir waren am 5. Februar spät über die Grenze gekommen und hatten unser Zelt nur wenige Kilometer weiter in einem Park am Rande der Stadt aufgeschlagen. Als wir am Morgen aus dem Zelt schauten und zwei Spaziergängerinnen in Outdoor-Kleidung (ohne Kopftuch!) und mit Hunden an der Leine vorbei liefen und uns nur einen kurzen Blick zuwarfen (nicht stehen blieben, nicht fragten, wo wir herkämen oder einfach nur gafften), da merkten wir, wir waren wieder im Westen angekommen. Alles an dieser Situation war uns momentan so fremd und doch sehr vertraut. Es war eben (fast) wie zuhause.

Natürlich waren wir noch nicht wieder zuhause, sondern in Israel und vieles hier ist ganz anders als in Europa. Doch wir waren gerade nach Monaten in der arabischen bzw. muslimischen Welt, mit der wir uns vertraut gemacht hatten, uns an sie gewöhnt hatten, sie schätzen gelernt hatten ohne lange darüber nachzudenken in eine andere Welt gehüpft.

Israelische Grenzkontrolle

Wobei man eigentlich nicht sagen kann, dass wir hineinhüpfen durften in dieses Land. Von den berüchtigten israelischen Grenzkontrollen hatten wir natürlich bereits Wind bekommen und uns eine entsprechende halbgare Taktik überlegt, wie wir evtl. darum herum kommen könnten, von unserem Iran-Aufenthalt zu berichten. Als wir die ersten Kontrollen hinter uns hatten und unsere Taschen ein weiteres mal einer Röntgenstrahlen-Behandlung unterzogen worden waren, waren wir noch einigermaßen guter Dinge, durften wir doch mit überwiegend gutaussehenden relativ jungen Menschen freundlich unverfänglichen Smalltalk halten. Dann aber mussten wir (erstmals getrennt) an einem Schalter unsere Pässe vorlegen und wurden mit allerlei Fragen über unsere Reise konfrontiert, wobei die beiden Beamtinnen immer noch freundlich und höflich mit uns umgingen. Die Art der Fragen führte jedoch dazu, dass unser unausgereifter Plan der Iran-Verleumdung nach relativ kurzer Zeit scheiterte und wir wahrheitsgemäß von unserem dortigen Aufenthalt berichteten.

Tilmann musste daraufhin den Namen seines Vaters und seines Großvaters sowie sämtliche E-Mailadressen und Telefonnummern auf einem Zettel notieren (?), was Julia erspart blieb. Während Sie ihren Pass (der nicht gestempelt wurde) bald wieder ausgehändigt bekam, wurde Tilmann angewiesen zu warten, da es noch etwas zu überprüfen gäbe.

Schließlich wurde er ins Büro einer besonders toughen Beamtin gebeten, die ihn nun ganz genau unter die Lupe zu nehmen gedachte. Nun war es vorbei mit allen Höflichkeiten und das Gespräch wurde mit dem Hinweis begonnen, dass sofern man der Lüge überführen würde, wir die Einreise vergessen können (immerhin wurde nicht mit Gefängnis oder Abschiebung nach Deutschland gedroht.) Damit war der Ton gesetzt und Tilmann verspürte zugegebenermaßen eine deutliche Anspannung, wenngleich er davon ausging sich tatsächlich nichts vorwerfen lassen zu müssen. Womit ihn die blonde und stark geschminkte Grenzbeamtin dann wenig später aber doch mit finsterer Mine und strengem Ton konfrontierte traf ihn dementsprechend auch vollkommen unerwartet. Doch der Reihe nach, denn das Verhör dauerte über eine halbe Stunde.

Wenig überraschend war Tilmanns Aufenthalt im Iran nun der Anlass der Vernehmung und so musste er zunächst seine Reiseroute beschreiben und dann darüber Auskunft erteilen zu welchen Iranern wir noch Kontakt hatten. Tilmann scrollte daher durch unseren Instagram-Account und gab gewissenhaft aller Personen an mit denen wir gezungenermaßen hin und wieder Nonsens-Dialoge führen mussten. „Unterhaltungen“ mit unserer aktivsten Nervensäge Rasol laufen aller drei Wochen typischerweise so ab:

Rasol: H

Rasol: Hawarou? (Anmerkung der Redaktion: gemeint ist „How are you?“)

appidappi: 👍

Rasol: 👏

Daran verlor sie verständlicherweise schnell das Interesse, war allerdings sehr ungehalten darüber, dass sich keine Fotos vom Iran auf dem Telefon befänden und zudem WhatsApp offenbar deinstalliert worden sei. Wahrheitsgemäß berichtete Tilmann, dass sämtliche Fotos aus Speicherkapazitätsgründen regelmäßig von diesem Mobilgerät entfernt würden und WhatsApp sich aus Kompatabilitätsgründen fremdländischer Sim-Karten nur auf dem Telefon seiner Reisepartnerin installiert sei. Dort sollten sich auch Fotos aus unserer Zeit im Iran finden lassen, was die Beamtin dazu bewog, auch Julias Mobiltelefon untersuchen zu wollen.

Zwar waren auch dort keine Bilder mehr vom Iran zu finden, was allerdings zur Nichtigkeit wurde, als sie plötzlich auf eine WhatsApp-Nachricht aufmerksam wurde. Nun kam es zu der bereits oben angeteaserten Ansprache mit finsterer Mine und strengem Ton: „I see things here, that I really don’t like!“ schnarrte sie in die angespannte Stille. Worum ging es? Sie hatte offenbar eine WhatsApp-Nachricht entdeckt, in der von N***s die Rede war! Tilmann ließ sich völlig verdutzt den entsprechenden Chat zeigen und konnte in der in diesem Moment angestiegenen Aufregung nur lesen, dass eine Freundin von Julia vor wenigen Tagen geschrieben hatte, dass die momentanen Zuspitzungen in der Westbank kein Wunder seien, wenn man einen N**i zum Staatschef hätte. „What do you think about that?“ „I don’t know, I am suprised but it is not my mobile, I was not having this conversation!“ Nun ging sie lange schweigend offenbar den gesamten Dialog durch, wobei sie mit ihrem Handy, dass sie auf Julias richtete offenbar mit dem Googletranslator simultan übersetzte. Schließlich wurde Tilmann angewiesen Julia hinzuzurufen, wobei er auf keinen Fall die Tür des Verhörzimmers schließen sollte, vermutlich damit wir keine etwaigen Absprachen treffen könnten.

Gemeinsam versuchten wir uns nun ganz unwissend und unpolitisch aus der Affäre zu ziehen, wobei Julia bezüglich der verfänglichen Nachricht nicht erneut befragt wurde, sondern erläutern sollte, warum wir gedächten Yad Vashem zu besuchen. Tilmann hatte nämlich angegeben zwar nach Jerusalem zu wollen, nicht jedoch in die Westbank/Palästina, sich aber mit der Reiseplanung nicht weiter beschäftigt zu haben, denn dies sei dem Kompetenzbereich seiner Reisebegleitung zuzuordnen. Schließlich wurden wir entlassen und zum Warten aufgefordert. Alle unsere Informationen würden nun durch die Staatssicherheit überprüft, was bis zu drei Stunden dauern könnte. Wir sahen uns schon wieder zurück nach Jordanien reisen, wie sollten wir diese Beleidigung nur erklären? Wieder strickten wir mit der heißen Nadel mögliche Erklärungsversuche, während uns gegenüber nun wieder Freundlichkeit und Höflichkeit an den Tag gelegt wurde. Ein Grenzbeamter fragte uns über unsere bisherige Reise und unsere Pläne für Israel aus, bis er und eine charmante Kollegin uns schließlich noch Kaffee und Knabberspaß reichten.

Zwischendrin wechselte er immer wieder Worte mit der knallharten Ermittlungsbeamtin, wobei die Art und Weise bei uns den Eindruck erweckte, dass er uns ihr gegenüber als doch offensichtlich harmlos einstufte und dass sie uns doch nun genug Angst gemacht hätte. Schließlich kam wohl auch die Staatssicherheit zu der Einschätzung, dass die ein wenig unpassende Beleidigung Julias Berliner Bekanntschaft nicht als staatsgefährdent einzuordnen sei. Möglicherweise führt allerdings nun der Mossad in der deutschen Botschaft eine weitere Observation durch, während wir einreisen durften, wie ihr bereits ahnen konntet.

Wir waren also wieder in einem Land, wo man mehr Rentner als Kinder auf den Straßen sieht und wo es ganz normale Fahrradläden gab, die uns endlich ermöglichten die Konusse an Tilmanns Hinterradnabe auszuwechseln. Doch während wir den Tag in Eilat mit einigen Erledigungen verbrachten (darunter auch die Beglaubigung einer Unterschrift durch die deutsche Honorarkonsulin), realisiert wir auch, wie unfassbar teuer Lebensmittel, bzw. das ganze Land waren.

Wie kommen wir ohne Flugzeug über das Mittelmeer?

Und ein weiteres Problem saß uns im Nacken, dass wir nun endlich zeitnah klären wollten: Wie kommen wir übers Mittelmeer? Schon lange war uns klar, dass es keine regulären Fährverbindungen von Israel nach Zypern gibt (auch nicht in die Türkei oder nach Griechenland; ebenfalls von Ägypten gibt es keine Fähren Richtung Norden). Cargoschiffe nehmen wegen Corona nach wie vor keine Passagiere mit. Bereits in den letzten Tagen hatten wir uns damit befasst, Informationen eingeholt, Anfragen verschickt und herausgefunden, dass es möglich war, durch Syrien zu reisen, dafür einen Security-Guide zu engagieren, so in den Libanon zu gelangen und in Tripoli auf die einzige Fähre zwischen Nahem Osten und Türkei zu steigen, die drei mal wöchentlich fährt. Der Umweg über Syrien ist nötig, da es keinen Grenzübergang zwischen Israel und Libanon gibt. Erst wenige Stunden vorher hatten wir erfahren, dass eine Einreise nach Syrien nicht möglich ist, wenn man einen israelischen Stempel im Pass hat, was für uns kein Problem zu sein schien, da wir ja nur einen kleinen Zettel mit unserer Aufenthaltsbestätigung ausgehändigt bekommen hatten. Was wir hätten ahnen müssen, aber erst realisierten, als wir bereits in Israel waren, war, dass der Ausreisestempel aus Jordanien ein eindeutiger Beweis ist, dass wir nach Israel eingereist sind. Dieses Schiff war also abgefahren.

Zum Glück hatten wir noch eine andere Option: Nämlich von Israel aus mit einem Segelschiff nach Zypern zu fahren. Hört sich auch etwas verlockender als, als mit Schutzmann durch Syrien zu fahren und dann im Libanon zu laden, wo man nur noch mit Dollar zahlen kann, da die eigene Währung kaputt ist. Sicherlich wäre das nochmal ein neues Abenteuer und eine große Herausforderung gewesen, doch allzu traurig waren wir dann auch nicht, als wir die Sache mit dem Stempel realisierten.

Da das Segelboot sehr teuer ist, telefonierten wir in den nächsten Tagen Segelschulen durch und hofften noch ein günstigeres Angebot zu finden. Die Hoffnung sozusagen per Anhalter mitgenommen zu werden, mussten wir jedoch schnell begraben. Eine weitere Möglichkeit war ein Kreuzfahrtschiff zu nehmen. Und auch wenn dies unterm Strich doch deutlich günstiger gewesen wäre, entschieden wir uns nach Tagen des Hin- und Hers für den Segeltörn. Auch wenn uns die Kreuzfahrt nur von Haifa nach Limassol gebracht hätte, also quasi nur eine Überfahrt gewesen wäre, war es uns Wert für eine emissionsfreie Überfahrt etwas mehr Geld auszugeben (Hätten wir dafür Ausgleich bei atmosfair bezahlt, wäre es vielleicht sogar der gleiche Preis gewesen.) Was hier in drei überschaubaren Absätzen abgehandelt ist, war in Wirklichkeit eine außerordentlich langwierige Recherche- und schließlich Abwägungsarbeit die sich über mehrere Wochen hinzog, wobei wir die finale Entscheidung erst vor wenigen Tagen getroffen haben, einem Zeitpunkt also, der aus Sicht dieses Beitrags noch zwei Beiträge in der Zukunft gelegen haben wird!?

Zurück in die Vergangenheit, nach Eilat, der einzigen israelischen Stadt am Roten Meer mit Blick auf vier Länder: Jordanien, Saudi Arabien und Ägypten. Wir waren ja quasi schon vor einer Woche hier gewesen, als wir im auf der anderen Seite der Grenze gelegenen Aqaba auf das Paket gewartet hatten. In Eilat jedoch ging es wesentlich gemütlicher zu, vor allem aber geordneter, sauberer, teurer und sicherer. Sicherer? Die uns gegenüber auf unserem Trip durch die muslimische Welt von Einheimischen stets vorgebrachten Sicherheitsbedenken waren uns doch immer als vollkommen überzogen vorgekommen. Was veranlasst uns also, die Sicherheit dieses Ortes hervorzuheben. Nun, wir waren jetzt in Israel, dass zwar nicht mehr vollständig von Feinden umgeben ist, sich aber dennoch in permanenter Bedrohung sieht, besonders hier in der Grenzregion zu gleich drei arabischen Ländern. Zum Betreten der Post oder einer Mall mussten wir uns in Eilat mehrfach ernsthaften Sicherheits-Kontrollen unterziehen und unsere Taschenmesser am Eingang zurücklassen.

Von einem weiteren bemerkenswerten Spektakel konnten wir an diesem Tag mehrfach Zeuge werden, was auf der arabischen Halbinsel und im Iran mit Sicherheit auch bei einem noch viel längeren Aufenthalt niemals hätten beobachten können: Ein junger, sich durch seine Kleidung als eindeutig dem jüdischen Glauben anhängend kennzeichnender Mann fuhr mit seinem bunt bemalten und im Hippie-Stil mit verfetteten und geschwungenen hebräischen Buchstaben beschriebenen Kleinwagen, auf dessen Dach er einen leistungsstarken Laufsprecher befestigt hatte durch die Stadt und beschallte diese mit einer Art Happy-Goa, auf den hebräische Lyriks gelegt waren. Immer wieder stellte er den Wagen für einige Minuten ab, um auf dem Dach neben seinem mächtigen Lautsprecher zu tanzen. Ein solches Verhalten wäre nach unserer Einschätzung in den seit Ende August bereisten Ländern nicht nur kulturell bedingt grundsätzlich undenkbar, sondern würde in vielen Staaten sicherlich Konflikte mit der Staatsgewalt hervorrufen, die nicht als Bagatelldelikte abgetan werden würden.

Auch der Gang zur Post war von der anderen Art: Es ist hier tatsächlich erforderlich eine Nummer zu ziehen, wenn man die Post für egal welchen Service auch immer betritt. Da mag man nun meinen: „umso besser!“ Dann muss man wenigstens nicht die ganze Zeit in der Schlange stehen und kann entspannt auf einer Bank warten (oder sogar noch etwas anderes erledigen) bis man aufgerufen wird. Tatsächlich wurde Tilmann, der das beglaubigte Dokument nun noch auf dem schnellsten Weg nach Deutschland kriegen musste, aber erst ein Termin für den nächsten Tag zugewiesen, wohlgemerkt um einen Brief aufzugeben! Dieser kostete im Expressversand übrigens über 35 Euro!

In Eilat flanierten neben auffallend vielen Menschen russischer Herkunft (sie machen 20 % der Einwohner Israels aus) bei angenehmen Tagestemperaturen vor allem Urlauber an der Strandpromenade entlang und ließen es sich in den zahlreichen Hotels gut gehen. Doch diese waren wirklich nicht mehr bezahlbar für uns, weshalb wir uns bei dem einzigen couchsurfing-host angemeldet hatten, der uns geantwortet hatte. Etwas genervt waren wir schon, dass wir noch 7 Kilometer aus der Stadt heraus, in Richtung Ägypten fahren sollten und bereits wussten, dass man nur am Strand duschen konnte. Es war zudem bereits dunkel geworden, da der Termin mit der Konsulin auf den frühen Abend gefallen war und wir mal wieder eine Zeitzone überquert hatten. Wir ahnten noch nicht, was für angenehme Tage wir an diesem besonderen Ort mit ganz wunderbaren Menschen erleben sollten. Aus einer Übernachtung wurden so 8 und der Tag des Aufbruchs schmerzte nicht nur wegen dem starken Gegenwind, sondern weil wir auch gerne noch länger geblieben wären. Und auch jetzt fragen wir uns manchmal: Warum haben wir das nicht gemacht?

Dabei war die Ankunft im wahrsten Sinne des Wortes holprig. Sergio empfing uns am Strand, doch dann führte er uns in die Berge. Der Weg war dunkel, wurde immer schmaler und ging schließlich über große Steine steil bergauf. Wir mussten die Taschen abmachen und die Räder hoch tragen und dann noch die Taschen holen. Wir hatten seit 3 Tagen nicht geduscht, stanken und klebten, aber duschen war nur am Strand möglich und dieser war nun weit entfernt. Doch Sergio und Elena versorgten uns mit Tee und Gebäck und auch ihr anderer Gast, ein junger hochgewachsener Däne namens Daniel, strahlte uns fröhlich entgegen, sodass sich auch Tilmanns notorische Nörgelmine bald wieder aufhellte. Außer an einer Dusche sollte es uns an nichts fehlen und dem Tee folgte ein reichhaltiges Abendessen. Wo wir hier eigentlich gelandet waren, sollte sich erst nach und nach aufklären.

Sergio und Elena waren hier sozusagen gestrandet. Die beiden Weißrussen waren bereits seit vier Jahre mit dem Rucksack auf Reisen gewesen, als sie in Israel wegen Corona bleiben mussten. Erst zelteten sie am Strand, dann bauten sie sich einen festen Unterstand im Tal und schließlich bauten sie sich eine Hütte in den Bergen, in der wir jetzt saßen und die nicht nur solide sondern mit sehr viel Liebe fürs Detail gebaut war. Tilmann entdeckte natürlich sogleich einige Verbesserungsmöglichkeiten und wollte auch Sergio zur Hand gehen, der während unseres Aufenthalts im Schlafzimmer Laminatboden verlegte, doch Sergio wollte diese Hütte komplett mit eigenen Händen errichten.

Illegaler Siedlungsbau der anderen Art

So so, Laminatboden in einer illegalen Hütte in den israelischen Bergen, in der zwei Weißrussen Reisende beherbergen. Abgesehen von Sergios und Elenas Hütte waren in diesem Gebiet noch einige andere inoffizielle Behausungen zu finden, doch keine reichte qualitativ auch nur annähernd an das Häuschen heran, in dem auch wir uns nun heimisch fühlten. Interessanterweise hatte sich hier eine Gemeinschaft slawischer Aussteiger niedergelassen und in windschief zusammengenagelten Unterschlüpfen trafen wir auch „richtige“ Hippies, die in den Tag hineinlebten, die Zeit in gerauchte Joints einteilten und wenn das Geld ausging, in der Fußgängerzone in Eilat Gitarre spielten. Sergio und Elena hingegen machten jeden Morgen Gymnastik, verbesserten ihre Hütte stetig, kümmerten sich um ihre zahlreichen Gäste sowie um ihren Findlingshund Jari und die Katzen Taichi und Julio Iglesias.

Die Polizei würde wohl ab und zu nach dem Rechten sehen, hatte aber durchblicken lassen, solange man die Hütte nicht von der Straße aus sehe, würden sie ein Auge zudrücken. Trotzdem war allen Bewohnern dieser Siedlung klar, dass sie eventuell irgendwann vertrieben würden. Wir hatten ja mit illegalen Siedlungen in Israel gerechnet, doch nicht von dieser Art. Die Hippie-Siedler verdrängten jedenfalls keine anderen Menschen, jedoch siedelten sie in einem Naturschutzgebiet. Die heimischen Tiere liefen an der Hütte vorbei. Jari jagte manchmal den Berg-Gazellen hinterher (was wir natürlich nicht so toll fanden), hingegen mussten sich die Katzen vor den Füchsen in Acht nehmen.

In Sergios und Elenas Hütte war ein ständiges Kommen und Gehen, während unserer Woche bei ihnen kamen verschiedene Reisende vorbei und auch die slawische Diaspora aus den Bergen aber ebenso aus der Stadt. Während wir den ersten Abend mit Elena, Sergio und Daniel verbrachten, kamen am nächsten Abend noch zwei junge Damen aus Holland und Deutschland für eine Nacht hinzu. Wieder einige Tage später kam ein Paar aus Portugal und Brasilien hinzu, die gerade 11 Monate Afrika hinter sich hatten. Daniel kam nach einer zwischenzeitlichen Abreise noch einmal zurück, da es ihm bei den warmherzigen und fürsorglichen Weißrussen viel besser gefallen hatte als in seinem trubeligen Hostel wo er einen Tauchkurs gemacht hatte.

Ebenfalls angesiedelt in den Bergen hatte sich für den Winter ein Radreisender aus Holland. Sein Fahrrad, dass er für 20 € erworben hatte bekamen wir allerdings nicht zu Gesicht, da er es in der Türkei hatte stehen lassen und nur zum Überwintern nach Eilat geflogen war. Es gibt von dortigen Flughafen regelmäßig Flüge für 15 bis 30 € in die Türkei und nach Europa, was sicherlich zu dieser besonderen Form des Aussteiger-Tourismus beiträgt.

Um Internetempfang zu bekommen, musste man auf „Mount Internet“ steigen, von wo man auch eine wunderschöne Sicht auf den Golf von Aqaba hatte. Wenn wir alle in der Hütte waren, gab es keinen Grund aufs Handy zu schauen. Wir unterhielten uns viel und die Ruhe zwischen den Hügel trug zur Entspannung bei.

Sergio und Elena hatten sich ihr Leben so eingerichtet, dass sie mit wenig Geld auskamen. Für das Geld was sie zum Leben brauchten, putzten sie gelegentlich Villen in der Stadt und Elena verkaufte selbst kreierten Schmuck an der Promenade. Bemerkenswert waren tatsächlich ihre Schnitzereien aus Avocado-Kernen, die als Anhänger getragen werden konnten. Natürlich schenkte sie uns jedem zum Abschied ein Armband.

Um mit wenig Geld auszukommen gingen sie z.B. zu einer Essensausgabestelle, wo man fast täglich Essen, das bei den Hotels übrig geblieben war, umsonst abholen konnte. Wir gingen in den folgenden Tagen noch mehrmals hier vorbei. Offenbar hatten sie auch eine Quelle, die ihnen tonnenweise Plundergebäck zur Verfügung stellte, denn diese wurden zu jeder Gelegenheit (mal süß und mal salzig) auf den Tisch gestellt und man konnte seine Finger nur schwer zurückhalten. Zum Duschen gingen wir an den Strand, Wasser holen musste man jeden Tag an einer Zapfstelle ebenfalls am Strand und zum Wäsche waschen fuhren wir zu dem Hostel eines Freundes der beiden in die Stadt. Zeit nahm dabei eine andere Dimension ein, doch alles wurde in vollster Entspannung erledigt. Fürs Wäschewaschen hatten wir uns jedenfalls einen ganzen Tag Zeit genommen (und dabei den letzten Beitrag fertig geschrieben).

Am zweiten Abend wurde das Banja (russisch für Sauna) angefeuert. Sergio ließ es sich nicht nehmen uns mit Eichenzweigen (extra importiert) zu malträtieren während er peinlich genau darauf achtete, dass die Temperatur nicht unter 100 Grad sank. Wenn ihr übrigens meint, bei dieser selbstgebauten Sauna kann es sich ja nur um eine Schwitzhütte handeln, täuscht ihr euch. Auch diese Hütte war äußert professionell gezimmert, es waren zahlreiche Handtücher und Bademäntel für die Gäste vorhanden, in einer angrenzenden Duschkabine konnte man sich kaltes Wasser über den Kopf schütten und in einem großen Ruheraum fanden alle 7 Anwesenden nach dem Sauna-Gang genug Platz, um sich auf einer gemütlichen Liegefläche oder in Sessel zu lümmeln.

Die Tage schmolzen nur so dahin, wir schafften es gar nicht, jeden Tag schnorcheln zu gehen, obwohl die wunderschönen Fische direkt am Ufer überall zu entdecken waren. Wir quatschen stattdessen viel mit unseren Gastgebern und den anderen Gästen. Besonderen Unterhaltungswert hatten die ausschweifenden Reiseberichte von Sergio, der erstaunlicherweise (trotz des vielen Reisens) ein relativ holpriges Englisch sprach. Das verlieh seinen Erzählungen gepaart mit dem slawischen Akzent allerdings einen besonderen Charme und wir mussten uns allzu oft kräftig auf die Schenkel schlagen wenn er wieder eine Beobachtung fremder Sitten und Kulturen (z.B. „In Spain people nonestop asking questions“) zum besten gab. Wir verstanden uns alle prächtig, auch wenn wir sehr unterschiedlich waren. Das lag wahrscheinlich am Zauber des Ortes.

Wir waren für eine Nacht gekommen und blieben letztendlich 8 Nächte. Wir hatten genug Zeit und das Wetter war überall sonst in Israel viel schlechter. Doch vor allem die Ruhe des Ortes, unsere entspannten Gastgeber, die interessanten anderen Gäste und diese andere Art zu leben gefielen uns und nur schweren Herzens brachen wir am 14. Februar wieder auf. Sergio hatte uns vorgeschlagen, wir könnten auch länger bleiben (solange wir wollten) und unsere eigene Hütte errichten. Ganz abgeneigt waren wir nicht von dieser Idee. Daniel, dem die Hütte in den Bergen ebenfalls ans Herz gewachsen war, hatte es einmal so treffend formuliert: „It is so easy. You could just come here and stay, that’s all!“

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7 Gedanken zu “Хиппи oder die slawische Auszeit 🇮🇱

  1. Wie schön von eurer zauberhaften Woche zu lesen. Ein bisschen vermisst habe ich Erzählungen über Begegnungen mit Menschen der arabischen Welt aber schon!

  2. Hallo Weltenbummler, das hört sich ja zauberhaft an. Ich glaube, dass könnte mir auch gefallen. Manchmal ist weniger eindeutig mehr. Liebe Grüße und weiterhin eine gute Zeit – Sie machen alles richtig!!

  3. Die neue rot-weiße Bluse gefällt mir sehr gut, liebe Julia 🙂
    Schöne Grüße und: Halleluja! Die Konusse sind montiert!

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