unter beobachtung 🇸🇦

Fahrradtour am Golf von Aqaba

Tag 298 bis 300 (25.1.23 bis 27.1.23)
Distanz: 173 km
Höchster Punkt: 1.080 m
Tiefster Punkt: 10 m
Rauf: 1.590 m
Runter: 2.080 m

Was für ein Tag! Wir kamen nun wirklich überhaupt nicht vom Fleck. Schuld daran hatten unsere ungeliebten alten Bekannten Bergauf und Gegenwind. Nach 16 Kilometern gaben wir bereits fürs erste auf und suchten in einer Welblechhütten-Moschee Schutz vor dem Wind. Wir hatten schon frohlockt, denn der uns seit dem Vortag beschattende weiße Geländewagen war gerade vor uns hinter der Kurve verschwunden und hatte unser Ausweichmanöver daher nicht bemerken können. Half aber nichts, denn nachdem wir vielleicht eine halbe Stunde in dem wenig charmanten Verschlag verbracht hatten, stand plötzlich ein Polizist am Eingang (er hatte uns bereits am Morgen begrüßt als wir unsere Räder aus dem Wadi heraus auf die Straße geschoben hatten) und fragte: „are you late?“

Wir erklärten ihm, dass wir wegen des Windes gedachten hier zu bleiben und er versprach uns, in einer Stunde nochmal nach uns zu schauen. Langsam wurde uns die Aufmerksamkeit der Staatsmacht wieder etwas lästig, wir erhielten auch keine Erklärung, warum wir nun doppelt überwacht wurden. Etwas unheimlich war das schon mit dem Geheimpolizist im weißen Geländewagen, der übrigens nicht der Polizist in Uniform war, der uns in der Moschee angesprochen hatte. Der im verborgenen agierende Undercover-Agent fuhr uns mal voraus, dann tauchte er wieder hinter uns auf und plötzlich stand er irgendwo im Gelände. Im Gegensatz zu den anderen Polizisten grüßte er uns nie und ließ seine verdunkelten Scheiben nicht herunter. Ein wenig tat er uns aber auch leid, da er ja einer unglaublich langweiligen Aufgabe nachging.

Nach drei Stunden in der Wellblech-Moschee wurde es auch uns zu langweilig und wir stiegen trotz Wind wieder aufs Rad, kamen aber weiterhin kaum vom Fleck. Nachdem wir dem Wind nochmal 15 Kilometer abgerungen hatten, sahen wir ein Stück von der Straße entfernt im Wadi einen Bretterverschlag, der Windschutz versprach. Mit dem schlimmsten rechnend schoben wir die Räder durch den Wadi-Kies und waren erleichtert, als sich der Verschlag bei näherer Betrachtung nicht als Ziegenstall sondern als Fun-Hütte mit Feuerstelle heraus stellte. Der Vermüllungsgrad war überschaubar und wir hatten uns schnell für die Nacht eingerichtet.

Unseren Spion hatten wir zu diesem Zeitpunkt bereits eine Weile nicht mehr gesehen und dachten schon, er wäre vor Langeweile eingeschlafen und von der Straße abgekommen, doch am nächsten Morgen wartete er wieder in sicherer Entfernung auf uns.

Unsere Wasserreserven waren aufgebraucht, so blieben wir nach 5 Kilometern wieder stehen, als wir eine Station des Roten Halbmond entdeckten. Wir liefen in den Hof und grüßten in alle Richtungen, doch trotz der zahlreichen Autos die hier parkten und all der offenen Türen, war keine Menschenseele zu finden. Den Geheimpolizist schien diese Aktion wohl etwas wachgerüttelt zu haben, denn ganz und gar nicht seiner Marnier entsprechend fuhr er zu uns zurück und ließ im Vorbeifahren sogar kurz die Scheibe runter. Wir hätten auch ihn gerne nach Wasser gefragt, doch schon war er wieder verschwunden.

Wir hatten nun den Gipfel unserer neuerlichen Bergetappe erreicht und nach einem kurzen Plausch mit Zwillingen aus Pakistan, die uns zwar kein Wasser geben konnten, dafür Dosen-Ananas (immerhin ist darin ja auch etwas Flüssigkeit), konnten wir nun endlich entspannt rollen lassen.

Schon bald erblickten wir den Abzweig zu der neuen Straße, die wir nehmen wollten, die im Kartenmaterial aber noch nicht vorhanden ist und uns von anderen Radreisenden empfohlen worden war. Wasser bekamen wir von einem Lkw-Fahrer und die Straße brachte uns trotz der 30 Kilometer aufgrund des starken Gefälles in Windeseile zurück ans Rote Meer.

Giorgios G Schiffswrack

Einen kleinen Doppelwege in Kauf nehmend, bogen wir an der Küste angekommen noch einmal nach Süden ab, um ein gestrandeten Schiffswrack in Augenschein zu nehmen. Doch die große Überraschung war, dass wir dort „alte“ Bekannte wieder trafen. Andi und Claudia, die beiden Österreicher, die wir kurz vor Al Ula getroffen hatten, standen bereits mit ihrem Reisetruck am Strand und kamen nun in unsere Richtung gefahren.

Natürlich luden sie uns wieder zum Kaffee ein und wir verplauderten den ganzen Mittag. Unterbrochen wurden wir nur von einer arabischen Fotosession und einmal Passkontrolle, diesmal durch die Küstenwache, die sich auch noch einmal erkundigte, wo wir hin führen.

Nachdem sich Andi und Claudia verabschiedet hatten, schwamm Julia im glasklaren Wasser noch zum Wrack, sah Korallen unter der Wasseroberfläche und kleine Fische flogen an ihr vorbei. Auf der anderen Seite des Roten Meeres konnten wir deutlich die Berge von Ägypten erkennen. Da wir von anderen Radreisenden erfahren hatten, dass die ägyptische Polizei Radfahrer nicht fahren lässt, sondern sie zwingt den Bus zu nehmen, blickten wir keinesfalls traurig ans andere Ufer. Ebenfalls etwaige Trübsal vertrieb der Gedanke an den Trubel, der auf der gegenüberliegenden Seite des Golf von Aqaba herrschen musste, wo doch das weltberühmte Sharm El-Sheikh nicht fern war. Hier herrschte doch fast himmlische Ruhe.

Diese garantierte auch das unaufdringliche Verhalten unseres persönlichen Spions, der nun wieder 4 Stunden am anderen Ende des Strandes auf uns gewartet hatte und unsere Freiheit ansonsten nicht einschränkte. Gegen Abend schoben wir unsere Fahrräder zu einer verlassenen Farm, die zwar etwas vermüllt war, aber mit einer Palmwedel-Hütte Windschutz bot. Über den Müll hinwegblickend genossen wir den Sonnenuntergang über dem Sinai, den vermutlich auch unser Wächter betrachtete, doch wahrscheinlich telefonierte er mit seiner Frau und beschwerte sich über die unendlich langsamen Radfahrer, die immer noch nicht das Land verlassen hatten. Doch am nächsten Tag wollten auch wir uns endlich von ihm trennen.

Und so verließen wir nach 55 Tagen am 27. Januar Saudi Arabien (es war der 300. Tag unserer Reise) und werden wohl so schnell nicht mehr zurück kommen, auch wenn uns brennend interessiert, wie sich dieses Land weiter entwickeln wird. Kurz vor dem Grenzübertritt bestiegen wir noch einmal einen kleinen Landvorsprung von dem aus wir hier an dem (nahezu) Vier-Länder-Eck die Staaten Ägypten, Israel, Jordanien und Saudi Arabien auf einmal im Blick hatten. Als wir zurück zu unseren Rädern kletterten machten wir noch eine kuriose und schaurige Entdeckung, denn plötzlich hielt Tilmann einen menschlichen Unterkieferknochen in den Händen. Irgendwie hatten wir aber inzwischen zu viel gesehen, um uns davon ernsthaft aus der Ruhe bringen zu lassen.

Trotz vieler solcher zwiespältiger Momente haben wir uns wohl gefühlt in diesem Land und besonders die letzten Wochen im Norden sehr genossen. Erst als wir die Grenze zu Jordanien übertraten und der touristischen Stadt Aqaba näher kamen, wurde uns bewusst, wie angenehm ruhig und entspannt es in Saudi Arabien war (abseits der großen Städte).

Abschied von Saudi Arabien

Die Weite der Wüste hat uns viel Zeit zum Nachdenken gegeben, die Endlosigkeit hat uns zusammen geschweißt. Es war als müssten wir an den Nullpunkt der Landschaft ankommen und uns anschließend wieder die Schönheit der Umgebung zurück erarbeiten. Vielleicht haben wir dabei ein bisschen mehr uns selbst und auch den anderen zu verstehen gelernt. Zugegebenermaßen habe wir aber auf diesem Abschnitt der Reise uns aber auch erstmalig sehr ausführlich dem Konsum von Hörbüchern gewidmet, die uns über die eine oder andere reizarme Durststrecke geholfen haben.

Eigentlich wollten wir ja nicht in dieses Land reisen, doch eine Verkettung diverser Umstände hat uns dazu gebracht, diese Route zu wählen. Letztendlich hing es auch damit zusammen, dass wir nicht fliegen wollten. Unsere Wochen in Saudi Arabien haben uns bestätigt, dass dies die richtige Entscheidung war, denn überall gibt es etwas zu entdecken und überall passieren gute und spannende Dinge. Eigentlich ist es egal wohin man reist, jede Reise trägt zur eigenen Weiterentwicklung und zur Völkerverständigung bei. Doch wie man reist, hat einen großen Einfluss auf unsere Umwelt. Nur wenige Fahrradreisende denken so wie wir. In der Chatgruppe entbrannte in den vergangenen Tagen noch einmal eine Diskussion zu diesem Thema und im Endeffekt müssen wir leider feststellen, dass unter den Reisenden niemand unsere Einstellung teilt. Auch haben wir unterwegs niemanden kennengelernt, der gänzlich aufs Fliegen verzichten wollte. Zwar sagen viele, dass sie versuchen wollen darauf zu verzichten, aber wenn es darauf ankommt sich zu entscheiden einen Flug zu nehmen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen oder alternativ auf dem Landweg weiter zu reisen in ein Land das eigentlich nicht auf der Liste stand, so haben bisher alle von denen wir hörten den Weg durch die Luft gewählt.

Zugegebenermaßen haben wir eine gewisse Hoffnung, dass sich die Zeiten doch noch einmal ändern werden, hoffentlich bald. Denn unsere Einstellung ist, dass eine solche Unternehmung nun einmal eine vollkommen hedonistischer und unproduktiver Akt der Selbstverwirklichung ist. Daraus entsteht unseres Erachtens eine gewisse Verantwortung dabei so wenig Schaden wie möglich anzurichten. Andere Radreisende argumentierten hingegen mit dem Fehler im System und wiesen eigene Verantwortung von sich. Daher möchten wir auch euch liebe Leserinnen und Leser dazu motivieren, eure für die Zukunft geplanten Flugreisen zu überdenken. Nehmt euch ein Jahr Auszeit und radelt um die Welt, wenn ihr sie sehen wollt. Schaut uns an: Wir sind der Beweis, dass es geht 😀

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Hier könnt ihr unsere bisher zurück gelegte Route und (meistens) unseren aktuellen Standort sehen.

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7 Gedanken zu “unter beobachtung 🇸🇦

  1. Tolle Bilder. Vielleicht liest euer Spion ja auch euren Blog.
    Ich möchte mich ja nicht beschweren, aber warum nur ein Unterwasserbild? Walla, ihr seid am roten Meer (gewesen)…Tauchparadies Nr.1 🙂

  2. 1,Wer versorgt die Hündchen?
    2,Jetzt kriegt man wieder Flugscham aufgedrückt, ok zu recht, Also sollen alte Leute besser nicht mehr weit reisen und lieber im Schwarzwald bleiben.
    Und leider kann man ja gerade nicht mit dem Fahrrad um die Welt, dazwischen liegen Meere und/oder Kriege , leider.
    3, Die Fotos sind überzeugend

      1. Zu 2.: Da kann ich auch noch hin, wenn ich 90 bin, trotzdem danke für den Tipp

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