lieber selber fahren 🇸🇦

Mit dem Fahrrad ins Wadi Disha

Tag 290 bis 297 (17.1.23 bis 24.1.23)
Distanz: 595 km
Höchster Punkt: 1.110 m
Tiefster Punkt: 0 m
Rauf: 4.090 m
Runter: 4.500 m

In Al Ula hatte sich wieder einmal erwiesen, dass selber mit dem Fahrrad fahren für uns einfach die bessere Alternative war, als uns fremdbestimmt von irgendwem im Auto herumkutschieren zu lassen. Doch kaum jemand schien das zu verstehen. Auch unser nächster Host Hamoud stellte uns einen Ausflug mit dem Auto ins Wadi Al Disah in Aussicht. Unsere Erfahrung in Al Ula führte dazu, dass wir dies ablehnten allerdings später ein klein wenig bereuten. Zum Ende dieses Beitrags hin werdet ihr dann lesen können, wie uns eine Spazierfahrt mit unvergleichlich sagenhaften Überraschungen in Aussicht gestellt wurde, die wir im Endeffekt ebenfalls ausschlugen obwohl wir das Angebot bereits angenommen hatten.

Doch bis wir Hamoud auf seiner Farm trafen, sollten noch zwei Tage vergehen, in denen wir ordentlich in die Pedale traten. Nachdem wir gemächlich durch die Felsenlandschaft von Al Ula geradelt waren, hatten wir auch wieder genug Kraft in den Beinen und Lust Vollgas zu geben. Die wüstige und bergige Umgebung war sehr schön und es begegneten uns nur sporadisch Autos. Einmal mehr fiel uns auf, dass Saudi Arabien in weiten Teilen ein wirklich gutes Radreiseland ist, zumindest im Winter. Ganz im Gegensatz zum Iran, der uns einiges abverlangt hatte: Die mit rußenden Autos verstopften Straßen, die Aufdringlichkeit der Menschen, die Kompliziertheit bei den täglichen Besorgungen. In Saudi Arabien war vieles einfacher und angenehmer. Wir können bis heute nicht verstehen, dass es unter den Reisenden so viele Iran-Fans gibt und kaum jemand über Saudi Arabien spricht. Nun, warum so wenig über Saudi Arabien gesprochen wird ist klar, denn bis vor fünf Jahren war das Land schließlich noch fast so verschlossen wie Nordkorea. Landschaftlich weisen die beiden Länder übrigens viele Ähnlichkeiten auf. Anderen Radfahrern rieten wir, Saudi Arabien gegenüber dem Iran zu bevorzugen, unter anderem auch, weil wir wieder von Verhaftungen von Radfahrern im Iran gehört hatten.

Doch tatsächlich sollten wir an Tag 290 s.d.A.i.W. das erste Mal Schwierigkeiten bekommen, Wasser zu besorgen, denn alle Tanks bei den Moscheen waren leer, wir fragten Autofahrer und erhielten nur einen Spuckschluck und in den kleinen Dörfern am Wegesrand gab es keine Läden (Menschen sah man auch nicht). Gegen Abend entdeckten wir dann doch einen Tankstellen-Shop und konnten schließlich Wasser kaufen. Die Hilfsbereitschaft der Araber erschien in diesen Momenten etwas schizophren: An einem Tag wird man mit unzähligen Miniatur-Wasserfläschchen überhäuft, obwohl überall Trinkwasser zum Zapfen bereit steht und an Tagen, an denen es knapp wird, will einem keiner helfen. Wahrscheinlich hat dies ebenfalls mit den Regionen und dem Wochentag und in erster Linie Zufall zu tun. Auch wenn wir die Hilfsbereitschaft wieder einmal als, im Vergleich zu Mitteleuropa, außerordentlich empfanden, an diesem Tag spürten wir auch deutlich ihre Grenzen.

Wir flogen nur so durch die seichte Hügellandschaft vorbei an Kamelen und Schafen. Als die Sonne hinter den Bergen verschwand steuerten wir nach 122 km zwei leerstehende Gebäude etwas abseits der Straße an und stellten fest, dass die verlassene Moschee geeignet war, um darin zu schlafen. Wir waren noch sehr hoch in den Bergen und es wurde empfindlich kalt in der Nacht, dazu blies ein beißender Wind. Der Unterschlupf in der Moschee war deshalb Gold Wert. Das Gotteshaus war offensichtlich nicht mehr in Benutzung und entsprechend runtergekommen, doch keinesfalls eklig verdreckt. Wir hatten Aufgrund der Außerdienststellung keine Bedenken, dass jemand kommen und sich daran stören könnte, dass wir samt unserer Fahrräder im Gebetsraum waren, hier auch kochten und unser Zelt aufschlugen. Auch Hamoud sollte uns später bestätigen, dass wir uns deshalb keine Gedanken machen müssten, keine Moslem würde sich deshalb verletzt fühlen.

Auch am nächsten Tag machten wir ordentlich Kilometer, die Wüste mit bizarren Felsformationen inklusive eines Pilz-Steins bzw. Arból-Felsens, den wir zufällig entdeckten (der uns an Kappadokien erinnerte), gefiel uns sehr gut. Da alles so flüssig lief, war schnell klar, dass wir Hamouds Farm bereits an diesem Tag erreichen würden.

Hamoud lebt eigentlich in Duba, verbringt aber auch viel Zeit (offenbar ist er beruflich nicht allzu stark eingespannt) auf seiner Farm in der Nähe des Wadi Disah, das wir auf jeden Fall besuchen wollten. Er empfing uns gemeinsam mit Altaf, dem pakistanischen Arbeiter auf seiner Farm. Wir bekamen ein schönes Zimmer mit Bett zugewiesen, konnten heiß duschen und uns dann zum Abendessen auf der Terrasse mit Feuerschale einfinden. Alles natürlich erst nachdem wir Arabischen Kaffee getrunken hatten. Immerhin schenkte Hamoud uns diesen mit dem Kommentar ein, wir hätten sicherlich schon einmal Arabischen Kaffee getrunken und versuchte uns diesen nicht als große Überraschung zu verkaufen. Auch das Abendessen war ohne unser Zutun vegetarisch und sehr lecker: Altaf hatte frisches Brot gebacken, Kartoffeln im Feuer gegart und eine Bohnenschale zubereitet.

Mit Hamoud unterhielten wir uns angeregt über unsere und seine Reisen (er verbringt seit einigen Jahren jeden Sommer drei Monate in Norwegen), nur leider beschloss er nach dem Essen einen Flachbildschirm auf die Terrasse zu schleppen und uns mit seinen Drohnen-Aufnahmen arabischer Schluchten und norwegischer Wasserfälle einzuschläfern. Er hatte dieser unzählige auf seinem Youtube-Channel und hörte nicht auf, immer wieder das nächste zu starten, bis unsere Unterhaltung letztendlich erstarb und er dann auf Netflix wechselte.

Immerhin hatte Hamoud ohne Widerrede akzeptiert, dass wir uns nicht von ihm mit dem Auto ins Wadi Disah fahren lassen wollten, sondern selbst dorthin fahren und dort campen wollten. Gesagt, getan, starteten wir am nächsten Morgen nach dem gemeinsamen Frühstück mit Hamoud. Wir wollten nach dem Wadi-Besuch noch einmal auf die Farm zurückkehren und von dort dann weiter nach Duba fahren, um unseren Gastgeber noch einmal in seiner Heimatstadt zu treffen.

Die Fahrt zum Wadi lief gut, doch Tilmann ärgerte sich über den Weg von 50 km, den wir nun teilweise doppelt und teilweise sogar vierfach fahren mussten. Erst kurz vor dem Wadi wurde die Umgebung wirklich spektakulär, die Felswände ragten steil in atemberaubende Höhen empor. Plötzlich endete die Straße an einer riesigen Pfütze: Kein Durchkommen für uns und auch der Sandweg links daran vorbei erlaubte nicht, dass wir mit den Fahrrädern tief ins Wadi vorstoßen konnten. Wir entdeckten aber auch sofort ein gemütliches Plätzchen, dass sich zum Picknicken und auch zum Zelten eignete.

Ganz entgegen unserer normalen Verhaltensweise, beschlossen wir zuerst das Zelt aufzubauen, was sich als Fehler herausstellte: Die Wadi-Ranger entdeckten dies und teilten uns mit, dass Zelten hier nicht erlaubt sei. Hätten wir erst (wie immer) im Schutz der Dunkelheit unser Zelt aufgeschlagen, wären wir womöglich unentdeckt geblieben. Genervt packten wir also alles wieder ein. Hamoud hatte uns zwischenzeitlich geschrieben, wir könnten an der Farm seines Onkels übernachten, die nur zwei Kilometern entfernt war.

Wir wollten jetzt aber erst das Wadi erkunden, das wirklich bezaubernd schön war, mit steilen Felswänden, Palmen, hohen Binsengräsern und einem kleinen Flusslauf, den wir einige Male auf Zehenspitzen hüpfend überqueren mussten, während neben uns Geländewagen durch den Wadiboden pflügten. Das Wadi war sehr weitläufig und das Wandern im Sand beschwerlich. Die vorbei rumpelnden Jeeps wurden nach einer Weile auch etwas lästig und zudem fanden wir nicht den Einstieg zu einem Kletterpfad, den Hamoud empfohlen hatte. Trotz der fantastischen Landschaftseindrücke, die wir noch immer genießen durften, waren wir etwas enttäuscht und zudem ermattet und überlegten, ob wir am Abend nicht einfach auf die Farm von Hamoud zurückkehren und den nächsten Tag dort als kompletten Ruhetag nutzen sollten. Der Gedanke schien sehr verlockend.

Ausflug ins Wadi Disah leider etwas schief gegangen

Diese Überlegung wurde letztendlich durch zwei lästige Ereignisse in die Tat umgesetzt: Als wir zu unseren Rädern zurückkehrten, hatte Tilmann einen Platten (Schwalbe-Antiplatt wird überschätzt) und der Schlauchwechsel nahm einige Zeit in Anspruch, wurde unterbrochen durch Selfie-Anfragen und Gemüse-Geschenke, wozu wir gerade nicht in der Stimmung waren. Als wir endlich abfahrbereit waren, taucht erneut die Wadi-Polizei auf und wollte unsere Pässe sehen. Dem nicht genug, stieg der Polizist mit den Pässen in seinen Wagen und fuhr einfach los. Wir waren empört! Just in diesem Moment, die Dunkelheit war gerade hereingebrochen, kamen einige Expads in ihren SUVs aus dem Wadi gerauscht, die die Polizeiintervention beobachtet hatten und sich nun voller Fürsorge erkundigten, ob alles in Ordnung sei. Schon hielt die Polizei wieder an, denn sie war von den aufsässigen westlichen Gastarbeitern wohl genervt, prüfte unsere Pässe und gab sie uns mit dem Wort „Come“ zurück. Wir hatten schon erlebt, dass mit „Come“ eigentlich „Go“ gemeint war, waren aber dennoch unschlüssig, ob die Polizei nun erwartete, dass wir ihr auf die Wache folgten. Dort angekommen hatten wir die angebotene Farm längst hinter uns gelassen, die Polizei hatte aber offensichtlich tatsächlich mit Aushändigung unserer Pässe das Interesse an uns verloren und so fuhren wir die 50 km zurück zur Farm durch die Nacht.

Altaf hatte uns wieder Brot und Bohnen gemacht und wir konnten nach 100 km Radfahren und vier Stunden Wanderung erneut unser gemütliches Zimmer beziehen. Hamoud war zwischenzeitlich nach Duba gefahren, seinen Bruder sahen wir samt Familie noch kurz aber auch sie überließen uns bald das Feld.

Den kommenden Tag verbrachten wir wie viele unserer radfreien Tage mit ausspannen, Wäsche waschen, Blog schreiben und am Fahrrad basteln. Tilmann konnte dabei endlich ein lange bestehendes Problem lösen, das uns nun schon die Hälfte unserer Reise begleitet hatte: Der als Kühlergrillfigur angebrachte Fuchsschädel aus Georgien war der Vorderlampe im Weg. Diese strahlte ihn von hinten an, sodass man nachts zwar auf sich aufmerksam machen konnte, die Straße aber selbst nur unzureichend beleuchtete. Wir hatten die Schädel unserer beider Räder daher am Vorabend demontiert. Eine alte Zahnbürste dient nun zur Verlängerung der Stange an der die Lampe befestigt ist, sodass die Lampe nun über den Schädel hinweg strahlen kann. Altaf hatte allerdings offenbar Julias demontierten Schädel für Abfall gehalten, denn plötzlich konnten wir diesen nirgends mehr entdecken.

Er wollten uns auch den ganzen Tag mit weiteren Leckereien und natürlich dem köstlichen frischen Brot versorgen. Zum Mittagessen kochten wir aber selbst, was er auch akzeptierte. Etwas bizarr war, dass er unentwegt mit seiner Familie in Pakistan telefonierend seiner Arbeit nachging, dazu hatte er das Telefon (ein einfaches Handy, kein Smartphone) unter seine Mütze auf seinen Kopf gelegt und man hörte eine Stimme daraus quäken, während er in einer Lautstärke antwortete, dass es über die ganze Farm zu hören war. Während dem Essen, wich er uns auch nicht von der Seite, wahrscheinlich war sein Auftrag uns Tee nachzuschenken, wenn unsere Gläschen leer waren. Zumindest stand er nicht daneben, sondern lümmelte sich in eine Ecke und beobachtete uns, während er natürlich telefonierte und wenn es sein musste, auch mal einen Schleimklos hochwürgte und von der Terrasse spuckte. Ansonsten war er ein wirklich lieber Kerl und strahlte unentwegt über beide Ohren. Auch wenn es für uns ungewohnt ist, sind Hausangestellte, die sich einfach um alles kümmern, in Saudi Arabien sehr verbreitet. Seit 2021 gilt auch nicht mehr das viel kritisierte Kafalla-System, nachdem ausländische Arbeitskräfte nur das Land verlassen oder den Arbeitgeber wechseln dürfen, wenn ihr aktueller Arbeitgeber dies gestattet. Dass ausländische Arbeitskräfte trotzdem viel Willkür ausgesetzt sind, kann man sich denken, aber vielen scheint es hier auch besser zu gehen, als in ihrem Heimatland. Altaf zumindest schien nicht sonderlich viel zu tun zu haben.

Das einzige was unsere Idylle an diesem Tag störte war, dass sich in der lokalen Fliegenszene herumgesprochen hatte, dass in der Gästehütte zwei Säugetiere säßen, die man kitzeln könnte. Viele folgten dieser verheißungsvollen Gelegenheit und steuerten zielstrebig auf unsere Nasen zu.

Jetzt wurde es Zeit sich wieder zum Roten Meer aufzumachen, denn wir wollten unbedingt bei den Baustellen von Neom vorbei schauen. Zwar hatten wir (warum erwähnen wir das eigentlich noch?) mal wieder Gegenwind, aber da es nun einmal bergab ging kamen wir trotzdem rasch voran und hatten die 70 km zum Haus von Hamoud schon gegen 12 Uhr hinter uns gebracht. Leider war es auf der Küstenstraße angekommen vorbei mit dem idealen Zweiklang aus perfekter Straße und wenig Verkehr: Lkw um Lkw rauschte an uns vorbei, der Großteil vermutlich bereits auf dem Weg nach Neom. An Tilmann rauschte im Gegenverkehr ebenfalls ein Radreisender aus Deutschland vorbei, den Julia allerdings noch kurz anhalten konnte für einen kleinen Plausch. Ein paar Tage zuvor hatte eine andere Radreisende auf Instagram eine Karte mit allen derzeit auf saudischen Straßen befindlichen Radreisenden erstellt. Offenbar sind nicht alle Reisenden auf Instagram unterwegs, denn am nächsten Tag trafen wir noch einen Franzosen, der uns ebenfalls unbekannt war.

Schrecklicher Verkehr rund um Neom

Bei Hamoud angekommen waren wir überrascht von seinem Haus. Da er nicht viel arbeitete und extrem viel reiste, sowohl in Saudi Arabien als auch im Ausland, zudem eine Hobby-Farm besaß, unterstellten wir ein beträchtliches Vermögen. Um diese Unterstellung noch einmal zu unterfüttern: Er berichtete uns bereits einmal am Nordpol gewesen zu sein. Natürlich meinte er damit nicht den eigentlichen Nordpol sondern die Arktis. Jedenfalls hätte ihn dieser einwöchige Trip 11.000 Dollar gekostet. Da sein Kameraequipment jedoch im Angesicht der eisigen Temperaturen versagt hatte, wollte er in wenigen Wochen zum selben Preis noch einmal zum „Nordpol“ reisen, um Fotos zu machen. Und sein Job war es am Flughafen von Neom, wo natürlich derzeit noch ein außerordentlich geringes Fluggastaufkommen herrschte, Medizinchecks durchzuführen. Da so wenig Flüge am besagten Flughafen ankamen, musste er dort nur sporadisch erscheinen.

Verwundert waren wir nun über den bescheidenen Zustand in dem das Haus sich befand und in dem auf drei Etagen seine gesamte Familie, also Bruder mit Familie und Eltern unterkamen. Seine Wohnung im Obergeschoss war klein und spärlich ausgestattet, dafür aber, wie auch sein Zimmer auf der Farm, mit vielen lustigen Spruch-Schildern dekoriert, so in der Art: „Ich Boss, du nix“. Es erinnerte an ein deutsches Jugendzimmer eines Haushaltes unteren Bildungs- und Einkommensstandes. Im Endeffekt aber vielleicht gar nicht so dumm die Priorität auf das Reisen zu setzen und dort sparen wo man sich ohnehin nicht viel aufhält.

Da wir noch viel Tag übrig hatten, Hamoud erkältet war und wir uns fit fühlten, aßen wir mit unserer Reisebekanntschaft nur zu Mittag (er lud uns natürlich ein) und fuhren dann weiter. Hamoud hatte uns vorgewarnt und er sollte Recht behalten. Die Straße entwickelte sich zur absoluten Katastrophe, als wir in die Baustelle von Neom einfuhren. Der Asphalt war in schlechtem Zustand und einen Seitenstreifen gab es nicht. Dafür waren jetzt nur noch Busse mit Arbeitern und Lkw mit Baumaterialien auf ihr unterwegs. Es machte wenig Spaß und von Neom war auch noch nicht das allergeringste zu sehen.

Aufgrund des relativ prekären Verkehrs, tauchte schließlich auch kurz so etwas wie eine Polizeieskorte auf, die allerdings auch schnell wieder verschwunden war. Schon bekamen wir Zweifel, ob es eine gute Idee gewesen war, nicht in Duba geblieben zu sein, aber dann hätten wir diese Straße ja einfach nur am nächsten Tag fahren müssen.

Da nun rechts und links der Straße nur mit Stacheldraht abgezäunte Baustellen zu sehen waren, die wiederum nur aus verschobenem Sand bestanden, befürchteten wir entweder bis tief in die Nacht noch viele viele Kilometer weiter fahren zu müssen, um diesem Ort des Unbehagens zu entfliehen oder zwei Meter neben der Straße vor dem unendlichen Bauzaun campieren zu müssen (ein Iraner hätte mit der zweiten Option sicher keinerlei Problem gehabt), da öffnete sich der Bauzaun zum Meer hin und wir konnten die Straße unerwartet verlassen. Völlig überrascht kamen wir an einen wirklich schönen, mit Palmen bewachsenen Strand, der sich ideal zum Zelten eignete. Die vorbei fahrende Streife ermahnte uns lediglich nicht schwimmen zu gehen. Die Sonne ging gerade im roten Meer unter und die Straße war kaum noch zu hören. Glück gehabt!

Am nächsten Tag mussten wir uns weiter die kaputte Straße ohne Seitenstreifen mit den Lastern teilen. Neom soll sich komplett aus erneuerbaren Energien speisen und der MIV soll verbrennerfrei sein, doch was wir auf der Straße erlebten machte klar, dass dies für ihren Bau nicht galt: Alte Lkw (viele mit geplatzten Reifen) fuhren unentwegt Sand und Schutt durch die Gegend, Arbeiter wurden in klapprigen Bussen zur Baustelle gebracht und Bauleiter bretterten mit ihren SUVs vorbei. Von einer verheißungsvollen Zukunft war hier noch nichts zu erkennen. Die Stadt wird also mit einem deutlich Minus an Verbrauch fossiler Ressourcen und CO2-Emissionen (allein schon wegen den Unmengen an Beton) an den Start gehen (doch wahrscheinlich wird Prinz Salman so nicht rechnen).

Wir hatten uns jedenfalls im momentanen Zentrum des Geschehens mit Sedar verabredet. Der Kontakt war über unsere etwas leidvolle Bekanntschaft aus Al Ula zustande gekommen, was uns bereits hätte zu Denken geben müssen. Wir hatten Sedar informiert, dass wir nach Neom kommen würden, da er dort arbeitete, sagte er uns zu, er könne uns etwas von dem Projekt zeigen und uns auch eine Herberge besorgen. Schließlich waren wir in Sharma, wo wir verabredet waren, doch Sedar reagierte nicht mehr auf unsere Nachrichten. Wir trieben uns eine Weile an der Tankstelle herum, als er schließlich doch antwortete, er hätte etwas Stress, würde sich aber in einer halben Stunde bei uns melden. Wir warteten also noch 30 Minuten, beschlossen dann aber, nach einem etwas netteren Platz Ausschau zu halten, immerhin konnten wir uns ja auch woanders treffen.

Gegenüber der Tankstelle entdeckten wir einen Pfad der Richtung Strand führte und nach ein paar Metern, noch weit vor dem Strand, tauchte eine hübsche Ansammlung von Palmen auf einer Art Plateau auf. Wir nannten es unsere Palmeninsel. Natürlich holten wir die Hängematte raus (zum ersten mal seit dem Oman!), denn wer eine Hängematte mitführt und diese nicht zwischen zwei Palmen hängt, der kann ja nicht richtig ticken. Und ehrlich gesagt waren wir ganz froh, dass Sedar sich einfach gar nicht mehr meldete, denn es gefiel uns hier usgezeichnet. Dass er sich nicht einmal dafür entschuldigte, uns wer weiß was versprochen zu haben und es nicht einhalten zu können, war durch unserer kulturellen Brillengläser natürlich absolut unmöglich. Um die Idylle abzurunden, stellte sich, nachdem er schon einige mal an uns vorbei gefahren war, der arabische Insasse eines weißen Toyota Landcruisers als unser Garant für Sicherheit für die Nacht vor und brachte uns schließlich noch 4 Liter Wasser vorbei.

So beschlossen wir am nächsten Tag auf eigene Faust das „Experience Center“ von Neom, das wir bei googlemaps entdeckt hatten, aufzusuchen, doch eigentlich dämmerte es uns schon, dass wir nicht hinein kommen würden. Die beiden netten Wachmänner spendierten uns dafür einen Kaffee und erklärten, dass noch Ausstellung gearbeitet werde und diese erst ab 2024 für die Öffentlichkeit zugänglich werde.

Die Weiterfahrt war zwar insofern angenehmer, da die Lkw-Anzahl nun abnahm, allerdings meinte nun die Polizei uns teilweise wieder verfolgen oder uns auf den unasphaltierten Mittelstreifen verweisen zu müssen, da in unsere Fahrtrichtung kein Seitenstreifen war. Schließlich entschieden wir gegen die Fahrtrichtung auf dem Seitenstreifen zu fahren, da dies aus unserer Sicht die ungefährlichst der drei Varianten war.

Gegen Nachmittag besuchten wir die Felsengräber Mayan bei Al Bada, die uns Hamoud als genauso schön wie Hegra aber umsonst, angepriesen hatte. Umsonst waren sie wohl, aber keinesfalls so beeindruckend und gut kuratiert wie Hegra. Für den Abend hatten wir uns mit einem couchsurfing-host verabredet, den ebenfalls Hamoud empfohlen hatte.

Etwas bizarrer Couchsurfing-Aufenthalt

Amer kam leider etwas zu spät und redete dann noch eine Weile mit seinen Nachbarn. Nachdem wir uns schon ein wenig bestellt und nicht abgeholt fühlten, schloss er dann aber doch sein sehr kleines Apartment auf und lief nun hektisch plappernd durch die Gegend, äußerte ständig neue Pläne für den Abend und ließ uns kaum zu Wort kommen. Am liebsten hätte man ihn festgehalten und gebeten, nun langsam Schritt für Schritt zu erklären, was er wollte. Dies schien nicht möglich und so stellten wir klar, dass wir nun 1. Duschen 2. etwas essen und 3. dann den weiteren Verlauf des Abends sprechen könnten. Brav befolgte er nun unseren Vorschlag. Als wir bei Pizza auf dem Teppichboden saßen und im Fernseher nebenbei ein Steven Segall Film (den er gezielt auf Netflix ausgewählt hatte) lief, schien Amer sich etwas beruhigt zu haben und wir unterhielten uns über Saudi Arabien und er erklärte uns seine Sicht der Dinge, als Palästinenser, der aber bereits hier geboren war. Er erklärte uns auch worum es in dem Gespräch mit seinen Nachbarn gegangen war. Offenbar hatte sich von uns unbemerkt ein Polizist an unsere Fersen geheftet, um für unsere Sicherheit zu garantieren. Er hatte sich dann bei den Nachbarn nach uns erkundigt, aber da niemand Englisch sprach war auch niemand auf uns zugegangen.

Schließlich holte Amer wieder zum Angriff aus und erklärte, er wolle mit uns morgen einen Ausflug machen und uns viele überraschende Dinge zeigen, die er uns vorab nicht verraten würde. Leider können wir uns auf so etwas äußerst schlecht einlassen, wissen gerne was uns erwartet, versuchten zu erklären, dass wir nicht stundenlang im Auto sitzen wollten. Da Amers Wohnung auch nur ein Zimmer aufwies und er darin ständig abwechselnd Mücken-Gift und Mandarinen-Raumspray versprühte, waren wir auch der Meinung, es würde genügen, wenn wir mit ihm dort nur eine Nacht verbrächten, schlugen ihm also vor, einen Halb-Tages-Ausflug zu unternehmen und wir würden am Nachmittag weiterradeln. So oft und in allen erdenklichen Varianten wir dies auch wiederholten, er verstand es nicht, vielleicht wollte er es auch nicht verstehen. Irgendwie geriet das Gespräch aus dem Ruder und die Pause, die Amer zum Rauchen und Telefonieren einlegt, war angemessen.

Wir verständigten uns unterdessen, ihm einen Gefallen zu tun und seinen Ausflug mitzumachen und noch eine Nacht hier zu verbringen. Eigentlich hatten wir beide nicht besonders Lust darauf, doch wir wollten auch nicht immer ablehnende Stänker sein. Amer erklärte uns, er müsse am Morgen nur noch kurz zur Arbeit und sei um 9 wieder hier für den Ausflug. Später wurde aus 9 dann 10 Uhr. Dann schauten wir einfach einen Film, immerhin hatte unser Gastgeber auch den Fernseher angemacht. Als dieser zu Ende war, sprang Amer auf, raffte ein paar Sachen zusammen, sagte gute Nacht und verschwand. Hätten wir vorher geahnt, dass er uns das kleine Zimmer überlässt und die Spray-Orgie damit beendet war, hätten wir vielleicht gar nicht die unsägliche Diskussion begonnen.

Wer am nächsten Morgen um 10 Uhr nicht zum Ausflug da war, war Amer. Eine Nachricht informierte uns, dass er gedenke um 12:30 da zu sein. Wir nutzen die Zeit zum Wäsche waschen, Fahrradpflege, Blog schreiben, Einkaufen, Reise planen. Wer auch um 12:30 Uhr nicht zum Ausflug da war, war Amer. Uns war es jetzt zu blöd geworden. Wir fragten um 12:45 noch einmal nach und erhielten die Antwort, er käme in 30 Minuten, aber unsere Grenze war jetzt überschritten und wir lehnten dankend ab, packten unsere Sachen und fuhren los.

Amer erwischte uns noch auf der Straße, überhäufte uns mit Entschuldigungen, Croissants und Süßgetränken und wir versicherten ihm, dass wir keinesfalls böse waren, nun nur einfach keine Lust mehr hatten einen hektischen Ausflug zu machen. Schließlich gingen wir, uns gegenseitig wohlgesonnen, auseinander. Wir wissen zwar nicht, was wir verpasst haben, merkten aber, dass wir uns nicht gerne abhängig machten und einfach lieber selber fahren. Mit dem Fahrrad!

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5 Gedanken zu “lieber selber fahren 🇸🇦

  1. Traumhaft schön das Wadi. Freut mich, dass ihr so viel erlebt und euch nie unterkriegen lasst. Was für ein Abenteuer! Manchmal wäre ich gern dabei, aber in meinem Alter habe ich nicht mehr Lust auf so weite Strecken mit dem Rad.

    1. 😂
      Der Chef von dem Adventure Hub in Al Ula meinte auch er hàtte nichts übrig für Fahrradtracking. 4 Tage in Sri Lanka vor einem Jahr hätten ihm gereicht. Er war in etwa in deinem Alter 😉

  2. Schade um Julias Fuchsschädel. Vielleicht könnt ihr stattdesen einen Kamelschädel nehmen?

    Ich nehme mal an, dass man über die Menschenrechtsverletzungen rund um NEOM nichts vor Ort erfährt, auch nicht hinter vorgehaltener Hand?

    https://www.theguardian.com/global-development/2020/may/04/its-being-built-on-our-blood-the-true-cost-of-saudi-arabia-5bn-mega-city-neom

    https://www.alqst.org/en/post/death-sentences-for-men-who-refused-to-make-way-for-neom

    1. Julias war ein Hundeschädel.
      An der Grenze zu Jordanien haben wir gestern einen menschlichen Unterkiefer gefunden, das war uns dann aber doch zu krass und schien uns zudem zu heikel für einen Grenzübergang.
      Nein, über diese Themen sprachen wir mit niemandem. Niemanden den wir kennenlernen durften erschien uns dafür ein geeigneter Gespràchspartner zu sein.

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