winterzauber 🇸🇦

Al Ula mit dem Fahrrad entdecken

Tag 286 bis 289 (13.1.23 bis 16.1.23)
Distanz: 140 km
Höchster Punkt: 840 m
Tiefster Punkt: 490 m
Rauf: 1.050 m
Runter: 820 m

Am 14. Januar saßen wir in einem wunderschönen Palmenhain an einem hübschen Tischlein auf gemütlichen Polstern und kochten uns einen Kaffee auf unserem Gas-Kocher. Neben uns schaukelten Touristen zwischen den Palmen, die Stimmung war sehr ruhig und entspannt. So schön und angenehm kann Saudi Arabien sein.

Kein Wunder wir befanden uns nun am touristischen Top-Highlight Al Ula und auch hier wurde und wird gerade alles umgekrempelt, um das Land so richtig rauszuputzen. Teile der Altstadt sind renoviert und mit zahlreichen Cafés und Souvenierläden bestückt. Manchmal hat man das Gefühl, das ist etwas daneben, wie beispielsweise Donkin Donut im Lehmgebäude, doch es steckt auch viel Mühe im Detail: So findet man Kräutertöpfe, die Straßen säumen und viele nette Sitzgelegenheiten ohne Konsumzwang. Dennoch erschien das ganze Szenario etwas künstlich und wir konnten uns des Eindrucks nicht erwehren einen Abstecher ins Fort Fun gemacht zu haben.

Wir saßen also gerade in einer gemütlichen Sitzecke ohne Konsumzwang, mitten in der Oase von Al Ula. Wir beratschlagten über unser Programm für die nächsten Tage in dieser Stadt bzw. ihrem Umland, was wir alles sehen wollten und wie wir es verbinden sollten und schließlich kam alles ganz anders und viel besser.

Dabei war unser Start in Al Ula am 13. Januar etwas missglückt. Wie bereits in unserem letzten Beitrag angekündigt, hatten wir uns auf eine Einladung eingelassen, die uns nicht besonders gefallen sollte. Eigentlich hatte sich dies bereits durch das erstmalige Auftreten des Einladenden angekündigt: laut, gebieterisch und mit nur bruchstückhaften Englischkenntnissen. Besser war es auch am Morgen unseres 286. Reisetags nicht geworden, als er uns um 7:30 Uhr bereits 5 Mal einen Live-Standort schickte, der sich von seinem Haus nicht wegbewegt, obwohl er uns bereits am Vortrag den Standort seines Hauses geschickt hatte. Trotzdem fuhren wir zu besagter Adresse und wurden von den Brüdern Ahmed und Abdullah und ihrem bengalischen Diener (muss man leider sagen) empfangen. Natürlich mussten wir zunächst arabischen Kaffee kosten. Der Diener musste uns und den beiden Herren immer wieder die Tassen füllen und dafür neben uns stehen bleiben, während wir auf dem Boden, um die Indoor-Feuerschale saßen. Der Mann wirkte dabei leicht verstört und auch wir waren leicht verstört, da wir diese Art von Arbeitsverhältnis bisher noch nicht beobachten konnten. Später erklärte uns Ahmed, dass der Bangladeshi auch das Wochenenddomizil (in dem nur er auch unter der Woche verweilte) putze, was kaum zu glauben war, denn diese war äußerst dreckig.

Abgesehen von dem Wohnzimmer mit Feuerschale und 73 Teekannen in der Schrankwand und dem dreckigen Badezimmer, hatte sich Ahmed eine Art Junggessellen-Zimmer mit Bar und LED-Boden mit Endloseffekt eingerichtet. Abdullah hingegen schlief in einem zugrümpelten Zimmer auf dem Boden. Das dritte Zimmer blieb verschlossen, mit der Erklärung, dort wäre Kanada. Es ist davon auszugehen, dass wir dies falsch verstanden hatten, was aufgrund der kaum vorhandenen Englischkenntnisse der beiden nicht verwunderlich war. Eigentlich wohnten die beiden Brüder in Medina, hatten sich diese Bumsbude aber eingerichtet um ihrer Familien zu entfliehen.

Ahmed wollte uns nun zum Lunch ausführen und uns dann die Gegend zeigen, natürlich mit seinem weißen Lexus-SUV. Das Restaurant, in das er uns führte, hatte einen hübschen Garten und ein Buffet mit Speisequalität auf Busreisengastronomieniveau. Wir schlugen uns trotzdem die Bäuche voll (A&A nur die Teller und ließen dann alles stehen) und fanden heraus, dass die beiden Brüder nicht besonders konservativ waren, es mit dem beten nicht so genau nahmen, Alkohol tranken, kleine versteckte Parties feierten und nach Bahrain fuhren, um dort in Clubs zu gehen und die Liberalisierung des Landes begrüßten. Am Wochenende in Al Ula konnten sie tun und lassen was sie wollten, ohne von ihrem Vater oder ihren Frauen kontrolliert zu werden. So wurde bereits beim Mittagessen angekündigt, dass wir am Abend noch mit Frauenbesuch rechnen könnten.

Bis dahin sollte aber noch einiges an Zeit vergehen und Ahmed fuhr kreuz und quer durch die Stadt, zeigte uns, wo er zum Friseur ging und wo er gerne Kaffee trank, in dem er schnell an den jeweiligen Läden vorbei fuhr, schien mit seiner Stadtführung zufrieden und brachte uns wieder in seine Bumsbude.

Es passte nicht so gut mit unserem Gastgeber

Mit diesem Schicksal hätten wir uns abgefunden, wenn wir nun ein Nickerchen machen oder auf andere Weise relaxen hätten können, doch Ahmed hatte diesbezüglich kein Feingefühl, wich uns nicht von der Seite, es gelang aber auch keine sinnstiftende Unterhaltung mehr. Also schlugen wir ihm vor, noch einmal das Haus zu verlassen, um eine der tatsächlichen Sehenswürdigkeiten zu besuchen. Mit verschiedenen Erklärungen versuchte er uns zu vermitteln, warum dies und jenes nun nicht günstig wäre, verfrachtete uns dann aber doch wieder ins Auto und fuhr mit uns (überraschenderweise) zum Elephant Rock, wunderte sich, als wir vor Ort aussteigen wollten und trieb uns zur Eile an, diesen Ort schnell wieder zu verlassen. Eigentlich hatten wir ihn gebeten uns das Spiegelhaus Maraya zu zeigen, denn der Elephant Rock, so hatte uns Ahmet selbst erklärt, lohne sich wegen der Beleuchtung besonders in der Nacht.

Wir waren genervt, denn so machte es keinen Spaß. Auf dem Weg wickelte Ahmed auch noch ein paar seltsame Geschäfte ab, blieb hingegen nicht stehen, wenn wir ihn darum baten. Wir wunderten uns, warum die Brüder uns überhaupt eingeladen hatten, welche Erwartungen sie an diese Begegnung hatten. Aufgrund seines gönnerhaften Auftretens im Restaurant, konnten wir es uns eigentlich nur so erklären, dass es sehr viel mit Angeberei zu tun hatte.

Wir endeten wieder in der Bumsbude und überlegten noch, ob wir nun besser gehen sollten, als es jedoch schon dämmerte und wir keine Idee hatten, wo wir gut zelten könnten. Dann tauchte die Geliebte auf: Sie kaum vollverschleiert herein, warf sogleich den ganzen schwarzen Stoff von sich und war darunter sehr normal mit Jeans und Strickpulli gekleidet. Die beiden fingen nun an zu küssen und zu kuscheln und wir dachten, dass wir uns nun ins Wohnzimmer zurückziehen sollten, doch Ahmed wollte alle Gäste beieinander haben. Es stellte sich heraus, dass die beiden bereits seit 7 Jahren eine Beziehung pflegten (während Ahmed mit seiner Ehefrau 5 Kinder gezeugt hatte). Warum er seine Geliebte nicht heiratete, was hier ja möglich wäre, konnten wir nicht ergründen.

So richtig wohl fühlten wir uns nicht, Ahmed war nun eindeutig betrunken oder bekifft oder beides, fummelte an seiner heimlichen Liebe herum, die er uns gegenüber als „My life“ betitelte und rauchte, während er die Klimaanlage auf 32 Grad eingestellt hatte. Wir versuchten noch einmal, uns ins Wohnzimmer zu verabschieden. Doch kaum waren wir verschwunden, kam er uns hinterher und bot noch an, etwas zu Essen zu bestellen. Da wir tatsächlich Hunger hatten, willigten wir ein und waren nun abermals verpflichtet, auf das Sofa in seinem Zimmer zurückzukehren.

Anstandshalber blieben wir nach dieser abermaligen Essenseinladung dort auch noch eine Weile sitzen. Auf Teufel komm raus, wollte Ahmed nun noch eine Party heraufbeschwören, räumte den Tisch weg und forderte alle zum Tanzen auf. Sein „life“ schwang bereitwillig die ausladende Hüfte und auch wir ließen uns schließlich zum Tanzen überreden. Kurz machte dies sogar Spaß (wir hatten ewig nicht getanzt), doch es dämmerte uns, dass Ahmed eigentlich nur die Frauen tanzen sehen wollte, während er auf dem Sofa saß und dümmlich grinste. Schließlich konnten wir uns doch zum Schlafen verabschieden, doch es blieb das Gefühl, dass beide Parteien mit diesem Zusammentreffen nicht wirklich zufrieden waren.

Am nächsten Morgen verabschiedeten wir uns nur von Abdullah, der die ganze Nacht lachend telefoniert hatte und schon oder noch wach war, im Gegensatz zu seinem Bruder, und wollten nun selbst die Gegend erkunden, ohne an allem interessanten schnell vorbeizufahren. Abdullah schien mit unserer Rückkehr zu rechnen, denn er bedeutete uns, wir sollten uns melden, sobald wir alles erledigt hätten.

Wir suchten das Weite. Einmal wieder fiel uns auf, dass uns Autofahren einfach gar keinen Spaß machte und wir lieber Umwege oder Doppelwege mit dem Fahrrad in Kauf nehmen. Und gerade hier in dieser Umgebung machte das Radfahren richtig viel Spaß: Hohe, steile und markante Felsen säumten das Tal von Al Ula und schlossen die Altstadt und die dazugehörige Oase ein. Da die saudischen Landschaften außerhalb des Orients weitestgehend unbekannt sind, bemühen wir den Vergleich mit den wohl vertrauten denn viel fotografierten und publizierten Felsen von Utah.

Wir radelten langsam hindurch, hielten überall, wo wir wollten, rochen die frische Luft, knipsten jeden bizarren Felsen, spazierten durch Gemüsegärten der Oase, bestaunten die alten, sowie neu hergerichteten Lehmhäuser und verliebten uns schließlich in den gemütlichen Platz unter den Dattel-Palmen.

Auf diese Weise kamen wir erst Mittags am Winterpark an. Aufgehalten hatte uns außerdem ein Saudi, der Al Ula jedoch auch nur besuchte und mit uns ein Snapchat-Interview führen wollte. Snapchat ist in Saudi Arabien das soziale Medium Nummer 1, Instagram hingegen findet sich auf nicht allzu vielen Mobiltelefonen. Wir gewährten ihm Fotos, lehnten das Interview aber höflich ab, was er erstaunt zur Kenntnis nahm und danach ein deutlich wahrnehmbares Zittern in der Stimme hatte. Wir hatten gerade einfach keine Lust. Doch er gab nicht auf, kramte aus seinem Kofferraum Geschenke für uns und fragte erneut, nach dem Interview. Eigentlich waren es für uns wirklich unsinnige Geschenke: Zwei Hoddies vom Al-Ula-Souveniershop, für Tilmann war der Pullover sowieso zu klein, außerdem haben wir genug Klamotten und können zusätzliches Gewicht einfach nicht gebrauchen. Doch wir konnten dann einfach nicht widerstehen, da wir ja grundsätzlich nichts ausschlagen, was umsonst ist und hübsch und gemütlich sahen sie ja außerdem aus. Natürlich ließen wir uns dann auch interviewen: Ja, wir ließen uns also kaufen 😉

Ohne Plan passieren die besten Dinge

Im Winterpark befand sich der Ticketschalter für den Besuch des UNESCO-Welterbes Hegra, wo wir leider erfahren mussten, dass es erst wieder für den übernächsten Tag Eintrittskarten gab und man zudem das Gelände nicht mit dem Fahrrad befahren dürfe, wie fälschlicherweise auf der Webseite behauptet wurde. Noch nicht einmal zum Gelände dürfe man mit dem Fahrrad anreisen, stattdessen sei man verpflichtet bereits ab dem Winterpark den Bus zu nehmen.

So lange hatten wir nun eigentlich nicht geplant zu bleiben, doch da man die Tickets auch online erwerben konnte, wollten wir dies noch einmal zu überdenken. Eigentlich wollten wir diese Hauptsehenswürdigkeit nicht verpassen. Wir lungerten deshalb noch eine Weile im Winterpark herum, genossen den Ausblick auf die umliegenden Felsen und hatten noch eine kurze Begegnung mit Ali, den wir vor drei Tagen auf der Straße kennengelernt hatten, als wir die beiden Spanier getroffen hatten. Er wollte uns unbedingt in Al Ula (mit dem Auto) herumfahren und da er im Spiegelhaus Maraya arbeitete, wollte er uns jetzt abholen, um uns dorthin zu fahren. Wir hatten ihn per Whatsapp nicht davon abhalten können und mussten ihm nun von Angesicht zu Angesicht erklären, dass wir mit dem Fahrrad anreisen wollten und zwar nicht mehr heute, sondern lieber morgen. Er schlug vor, uns am nächsten Morgen um 10:00 Uhr am Eingang zu treffen.

Wir machten uns nun auf den Weg einen geeigneten Zeltplatz zu suchen und fuhren in ein Tal, das aufgrund seiner optisch besonders ansprechenden Gesteinsformationen und des wenigen in sich ergießenden Verkehrs, besonders geeignet erschien. Schon hatten wir einen geeigneten Spot entdeckt, als wir ein unscheinbares kleines Schild mit der Aufschrift „Adventure Hub 2 km“ entdeckten. Na, das sah doch viel versprechend aus, zumal noch viel Tag übrig war und die Suche nach einem Schlafplatz nun wirklich nicht pressierte.

Dort angekommen erklärte uns ein freundlicher pakistanischer Mitarbeiter welche Abenteuer man hier alle erleben konnte. Da waren ein Klettersteig mit Hochselgarten-Anleihen, eine Zipline ein Kletterfelsen und noch einiges mehr. Leider war aber für heute alles bereits ausgebucht oder bereits geschlossen und da sich für den kommenden Sonntag Mitglieder der Königsfamilie angekündigt hatten und Montag Ruhetag war, könnten wir erst am Dienstag wieder für ein Abenteuer vorbei schauen. Das war nun aber wirklich zu lang und auch wenn hier keine Preislisten aushingen, so gingen wir ohnehin davon aus, dass wir hier doch zu tief in die Tasche hätten langen müssen, um bespaßt zu werden.

Während wir noch mit den Angestellten plauderten, kam der britische Manager um die Ecke, der unsere Madmax-Sissi-Fahrräder schon entdeckt hatte und begrüßte uns begeistert. Sofort stellte er klar, dass wer mit dem Fahrrad nach Saudi Arabien gefahren sei, hier sämtlichen Spaß umsonst bekommen würde. Schnell wurde dann arrangiert, dass wir noch kurzfristig einen freien Zipline-Slot nutzen könnten.

Gesagt, getan mussten wir uns nun zuerst wiegen und bekamen dann das martialisch anmutende und bleischwere Geschirr angelegt. Dann stiegen wir in einen weißen SUV und wurden eine atemberaubend steile und haarnadelkurvenbespickte Straße hinauf gefahren, bis zur oberen Station. Als wir die quer über die Schlucht und die durch sie hinaufsteigende Straße gespannten Drahtseile entdeckten, bekamen wir den Eindruck, dass es sich wirklich um eine abenteuerliche Unternehmung handeln könnte. Das sehr professionelle und gut eingespielte Team wies uns kurz ein und dann durften wir uns bäuchlings auf die Tische unterhalb der beiden parallel verlaufenden Seile legen. Wir würden in der Superman-Position über das Tal gleiten. Dann wurde ein Countdown angestimmt und es ging los.

Im ersten Augenblick nach dem Launch schien es noch ein ziemlich wilder Ritt zu werden, zumal wir auf eine kleine Geländekante zurasten und erwarteten, dass der dahinter lauernden Abgrund uns in Angst und Schrecken versetzen würde. Doch nach einem Schrei und einer Sekunde der Gewöhnung, machte es dann richtig Spaß und Wusch waren wir schon angekommen und es war vorbei. Das Team an der Empfangsstation fing uns auf und half uns, die wir auf wackeligen Beinen standen, auf die Füße und beim Entkleiden unserer Rüstung.

Ganz aufgedreht kamen wir wieder im Adventure Hub an und weil wir uns dort so wohl fühlten, fragten wir, ob wir nicht dort zelten könnten. Natürlich durften wir und auch ebenfalls die Küche benutzen, was uns bei den wirklich kühlen Temperaturen sehr gelegen kam. Auch der geschenkte Pulli erfüllte nun seinen Zweck: Julia freute sich über den zusätzlichen Wärmegeber und Tilmann verschenkte seinen weiter an einen der netten Mitarbeiter des Hubs.

Für den nächsten Tage stand Maraya, das Spiegelhaus in der Wüste auf dem Programm. Im Ticketoffice im Winterpark hatten sie uns zwar erklärt, wir kämen nur dorthin, wenn wir eine Eintrittskarte für ein dortiges Event kaufen würden, doch das Event (irgendein Mode-Markt) interessierte uns nicht, wir wollten aber trotzdem nicht so schnell aufgeben. Ali wollte uns ja mit rein nehmen, als wir jedoch, wie verabredet, um 10 am Gate standen, war Ali nicht da und ging nicht an sein Telefon.

Das Spiegelhaus liegt in einem Tal umgeben von hohen Felsbergen, die zwei Zufahrtswege sind mit Schranken abgesperrt und bewacht. Außer Maraya, in dem sich ein Restaurant befindet und Räume für Events, gibt es in dem Tal ein paar wenige Luxushotels, die sich stilvoll in die Landschaft einfügen. Der Wachmann am ersten Gate wollte uns verlummte Gammler nicht rein lassen, der Hinweis wir hätten ein Appointment mit Ali, ließ ihn kalt, immerhin war Ali auch nur ein kleines Licht und das hier der VIP-Eingang. Er verwies uns an die nächste Zufahrt. Zunächst landeten wir auf dem Hof eines alten Ziegenhirten, fanden dann aber das zweite Gate und entschieden uns Ali (der telefonisch immer noch nicht erreichbar war) aus dem Spiel zu lassen. Stattdessen legten wir unsere liebste Miene auf und fragten voller Unterwürfigkeit und mit Begeisterung in den Augen, ob wir uns nicht kurz Maraya anschauen könnten. Der Wachmann war von unserem Charme bezirzt und ließ uns hindurch.

Maraya: Spiegelhaus in der Wüste

Was soll man sagen, es war einfach sureal fantastisch. Bereits von Weitem sah man es wie einen Fremdkörper und doch genau passend im Sand stehen. Wir kamen aus dem Staunen nicht raus und es machte so viel Freude sich die Spiegelung aus allen erdenklichen Richtungen anzuschauen. Wir freuten uns dieses künstlerische Bauwerk mit eigenen Augen sehen zu können. Andere Reisende wurden tatsächlich nicht durch die Absperrung gelassen, da dieses Tal anscheinend vor allem für liquide Gäste reserviert sein soll.

Auffallend war auch der Umstand, dass hier ein hohes Maß an Perfektion herrschte. Insofern auffällig, da weite Teile des Landes im Müll ersticken und hier wiederum Arbeiter den Sand am Wegesrand kehrten, damit er überall eine gleichförmige Oberfläche bildete. Wir ärgern uns auch täglich beim Fotografieren über die Strommasten, die überall gespannt waren und jede schöne Aussicht zerstören, hier im Ashar-Tal gab es keine sichtbaren Stromleitung, die Luxushotels werden wohl unterirdisch oder dezentral versorgt.

Als wir uns wieder losgerissen hatten (hierbei wurden wir auch von einem Polizeizentauren unterstützt, der das Spiegelhaus ständig umrundete, uns immer wieder fragte, ob alles in Ordnung sei und uns darauf hinwies, dass wir die Räder auf dem Parkplatz abstellen sollten) nahmen wir Kurs auf den Trek Bikehub. Wir spekulierten darauf, dort umsonst Julias Kette gewechselt zu bekommen und später unser Zelt aufschlagen zu können.

Auf dem Weg dorthin fuhren wir durch ein weitestgehend menschenleeres Tal an weiteren skurrilen Felsformationen vorbei und landeten schließlich auf einem Fahrradweg, den außer uns natürlich niemand nutzte. An dem Fahrradladen angekommen machten wir jedoch lange Gesichter, denn wir standen vor verschlossenen Toren. Google gab uns auch die Auskunft, dass wir es heute nicht mehr versuchen bräuchten.

Enttäuscht stemmten wir die Hände in die Hüften und stellten fest, dass der Bike Hub leider in einer ziemlich uncharmanten Gegend gelegen war. Aber was half es? Wir suchten eine verlassene Hütte mit überdachter Veranda auf, schoben den Müll ein wenig zusammen und bereiteten zunächst ein Picknick und machten uns dann an die Kettenpflege. 

Just im Moment als wir damit fertig waren, vernahmen wir Geräusche der Betriebsamkeit vom Fahrradladen. Das vermeintlich allwissende Google ist eben auch nur so allwissend, wie es mit aufrichtigen Informationen gespeist wird. Die beiden phillipinischen Angestellten waren jedenfalls heilfroh über unseren Besuch, da der Laden die meiste Zeit in einem Dornröschenschlaf vor sich hin schlummerte. Das Fahrrad hat in Saudi Arabien einfach so gut wie keine Relevanz und so auch fahrradassoziierte Geschäftsmodelle.

So bekam Julia selbstverständlich umsonst ihre neue Kette aufgezogen, die das tapfere und bald Vater werdende (Glückwunsch!) Schätzelein für uns bis nach Tbilissi gezerrt hatte. Tilmanns Kette wurde per Messlehre ein noch immer hervorragender Zustand attestiert und wir wurden ebenfalls kostenlos mit Kaffee, Orangen und Softdrinks versorgt. So verbrachten wir den restlichen Nachmittag mit den beiden auf der Veranda ihres Ladens und führten eine angenehme Unterhaltung, in die durchaus auch die eine oder andere Lästerei über die Araber einfloss. Die Unterhaltung war, obwohl wir altersmäßig ein gutes Stück auseinander lagen, derart normal und fruchtbar, dass wir uns fragten, ob die gleiche Wellenlänge daher rührte, dass leichter aufeinander einzustellen vermochten, aufgrund unserer gemeinsamen christlichen Prägung. Natürlich durften wir auch die Nacht auf der Veranda verbringen, wo es wirklich bitter kalt wurde aber wenigstens trocken blieb.

Wir hatten uns also entschieden auf den nächsten freien Termin für einen Besuch in Hegra zu warten, sodass nun Tag 4 in Al Ula anbrach. Außerdem hatten wir erwirkt zumindest bis zum Eingang mit dem Fahrrad fahren zu dürfen und nicht schon hierfür den Bus nehmen zu müssen. Als wir dort ankamen stellten wir fest, dass dies keine allzu große Errungenschaft war, denn ein großer Parkplatz lud jeden und jede dazu ein, mit dem eigenen Fahrzeug anzureisen, was freilich außer uns nur SUV-Fahrerinnen und Fahrer genutzt hatten. Allgemeine Sicherheitsbedenken im Hinblick auf das Radfahren waren der Grund gewesen, weshalb man uns beim Ticketoffice zunächst eine Abfuhr bezüglich unseres Anreisebegehrens erteilt hatte. Nachdem jedoch Julia empört erklärt hatte, dass wir die 14 Kilometer auf einer Nebenstraße sicherlich sicher radeln könnten, nachdem wir bereits knapp 2500 Kilometer durch Saudi Arabien gefahren seien, gaben die Damen im Ticketoffice nach.

Hegra war beeindruckend und entspannt

Nach Ankunft im gemütlichen Empfangsbereich durften wir uns an einzeln verpackten Dörrobststücken bedienen und wurden mit süßen Säften in Tonkrügen versorgt. Dann durften wir in einem der Reisebusse Platz nehmen, die eigentlich für eine Erkundung auf eigene Faust vorgesehenen E-Bikes gammelten unter einer Plane vor sich hin und waren offenkundig derzeit nicht zur Verwendung vorgesehen. Wir sollten später erfahren, dass das Fahrrad-Programm wegen Sicherheitsbedenken eingestellt wurde. Wir konnten es schon lange nicht mehr hören: „It´s for your safty!“ wurde uns in diesem Land ständig erklärt.

Die Reisebusse mit denen wir nun die 5 Spots abfuhren, waren vollkommen überdimensioniert. Teilweise saßen wir zu zweit in einem Bus mit 60 Plätzen! Der Personalaufwand war immens: An jedem Stopp wurde der offensichtliche Weg von jemandem gewiesen, dort war dann jeweils ein Guide und eine Sicherheitskraft. Hinzu kamen die Busfahrer, 20 Personen am Empfang usw.

Aber worum geht es in Hegra bzw. Mada’in Salih, wie der Ort heute heißt, nun eigentlich? Die antike Stadt Hegra war eine Handelsmetropole, die ursprünglich von den Nabatäern errichtet wurde und auch von den Thamud bewohnt wurde. Die Ausgrabungsstätte, die seit 2008 auf der UNESCO-Welterbeliste steht, ist für ihre über 100 während der nabatäischen Epoche entstandenen Felsengräber bekannt, die aus der Zeit vom ersten vorchristlichen bis zum ersten nachchristlichen Jahrhundert stammen. Für uns interessant war, dass anders als beispielsweise in Kappadokien, die in den Felsen gehauenen Räume nicht zu Wohnzwecken, sondern nur für die Bestattung genutzt wurden. Einzige Ausnahme bildete ein Gemeinschaftsraum, der sozialen und religiösen Zusammenkünften diente. Gelebt wurde im der Stadt zwischen den Grabfelsen, die jedoch aus „klassisch“ errichteten Häusern aus Stein und Lehm bestand. Hier haben die Ausgrabungsarbeiten gerade erst begonnen.

Wir erlebten den Ort bei perfekten Wetterbedingungen, denn auch der Himmel spielte mit pitoresken Wolkenformationen mit. Nach drei Stunden der Erkundung, die mit einem misslungenen Ausflug in die Kunst des Töpferns abgeschlossenen wurden, waren wir froh nicht ohne den Besuch dieses außergewöhnliche Ortes verfrüht aus Al Ula abgereist zu sein.

Allerdings war nun die Zeit an Tag 289 unserer Reise soweit vorangeschritten, dass sich ein Aufbruch nicht mehr lohnte. Wir fuhren daher ein weiteres Mal zum Winterpark und verbrachten hier den Rest des Tages und die Nacht. Dort hatten wir noch eine angenehme Begegnung mit einer Gruppe von Freunden aus den Emiraten, die mit ihrem RV Saudi Arabien erkundeten. Einmal mehr wurden wir mit Obst und Datteln beschenkt. Unbefriedigt fiel lediglich die Antwort auf die Frage aus, warum der Islam dem Mann ausgerechnet 4 Ehefrauen erlaubt und nicht 3 oder 5 (denn der Wortführer hatte derer 2.) Er hatte offenbar aber mit der Standardfrage gerechnet, warum der Mann hier privilegiert würde und lieferte eine wenig überzeugende Begründung mit der in fast allen Kulturen anerkannten Führungsrolle des Mannes. Schließlich habe auch der Gott der Christen seinen Sohn zur Verkündung seiner Botschaft in die Welt geschickt und nicht eine Tochter.

Wir schliefen seelig und freuten uns auf endlich wieder eine Portion Vollgas, denn für den nächsten Tag hatten wir eine Strecke von 125 km vorgesehen. Aber warum heißt dieser Beitrag eigentlich „Winterzauber“? Nun ja: Al Ula war zauberhaft und in der Nacht war es kalt wie im Winter. Außerdem hieß der letzte Beitrag Frühlingserwachen. Halleluja!

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8 Gedanken zu “winterzauber 🇸🇦

  1.       <!--@media only screen and (max-width: 800px) {table.body .container{width: 100% !important;}td &gt; h1.post-name{font-size: 28px !important;}.footer-content .footer-content-section,.footer-content .footer-content-section p{font-size: 14px !important;         line-height: 150% !important;}}@media only screen and (max-width: 620px) {body,table.body{background-color: #fff !important;}table.body .wrapper{padding: 32px 24px !important;}table.body .content{padding: 0 !important;      margin: 0 !important;}table.body .footer{padding: 0 0 32px !important;}table.body .container{padding: 0 !important;         width: 100% !important;         margin-top: 0 !important;       margin-bottom: 5px !important;}table.body .main{border-left-width: 0 !important;        border-radius: 0 !important;        border-right-width: 0 !important;}table.body .header{margin-bottom: 40px !important;}table.body p{font-size: 18px !important;}table.body .btn{float: none !important;       width: 100% !important;}table.body .btn table{width: 100% !important;}table.body .btn a{width: 100% !important;         background: #f9f9f9 !important;         font-size: 18px !important;}table.body .btn-primary a{background: #0675c4 !important;}.btn-bar-wrapper{text-align: center;}.btn-bar-wrapper td{width: 100% !important;      display: inline-block !important;}.btn-wrapper,.btn-wrapper table.btn-anchor-wrapper{width: 100% !important;}.btn-anchor-wrapper a{display: block !important;       margin-bottom: 12px !important;}.reply-nudge td,.reply-nudge img{vertical-align: top !important;}}-->          Liebe Julia, ich schicke euch beiden herzliche Grüße aus Pfalz. Heinz h
    
    1. Stimmt. Wir haben zumindest keine gesehen, aber vielleicht werden die auch immer schnell entfernt. Allzuviele Vögel schien es aber gerade in diesem Tal auch nicht zu geben.

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