und dazwischen das rote meer 🇸🇦

Fahrradfahren in Jeddah

Tag 271 bis 277 (29.12.22 bis 4.1.23)
Distanz: 112 km
Höchster Punkt: 30 m
Tiefster Punkt: 3 m
Rauf: 560 m
Runter: 540 m

Wir hatten es geschafft! Die saudische Wüste lag nun hinter uns. Wir wussten, dieser Teil von unserer Reise würde uns noch einmal einiges abverlangen, wir hatten uns wacker durch Wassermassen, Sandsturm und endlose Weiten geschlagen. Das Jahr neigte sich dem Ende entgegen und das Rote Meer lag nun vor uns. Ob wir es nun überqueren würden oder an seinem Ufer nordwärts radeln, wussten wir immer noch nicht, wollten dies aber in den nächsten Tagen entscheiden.

In Jeddah angekommen, waren wir erstmal ziemlich erledigt und anstelle uns gleich an die Strandpromenade zu begeben, schmissen wir uns in unser Hotelbett und verließen nicht mehr das Haus. Unser Hotel war praktisch und gemütlich. Wir hatten ein kleines, günstiges Apartment gebucht, dass hübsch und geräumig war und eine kleine Küche mit alten teilweise maroden Geräten sowie einer Waschmaschine enthielt, die kaum mehr Vorteil gegenüber dem Handwaschen bot, da man das Wasser selbst hineinfüllen und ablassen musste, sowie alle 15 Minuten das entsprechende Programm (Waschen, Abpumpen, Schleudern) starten musste. Zum Schleudern musste die Wäsche händisch von der Wasch- in die Schleudertrommel verfrachtet werden.

Erst am zweiten Tag bemerkten wir, dass wir direkt neben einer der Hauptsehenswürdigkeiten von Jeddah wohnten, dem zweithöchsten Fahnenmast der Welt. Dass uns dies erst am 2. Tag auffiel, lag nun weniger an unserem Erschöpfungszustand nach der Reise durch die Wüste und auch nicht daran, dass wir beim Umrunden des Flaggenmast im 4-spurigen Kreisverkehr kämpfen mussten nicht abgedrängt oder überfahren zu werden, sondern daran, dass am 171 Meter hohen Mast leider keine Fahne wehte. Immerhin wurde diese am Tag unserer Abreise doch noch gehisst. Zu schlechtes Wetter macht der 1.635 m² großen und 115 kg schweren Fahne zu sehr zu schaffen.

Unser Hotel lag recht praktisch zwischen zwei Gebieten, die man in gewisser Weise als Zentren ausmachen konnte. Das eine, die Strandpromenade rund um das Ritz Carlton besuchten wir am Abend des zweiten Tages und wollten dort auch gleich eine weitere Sehenswürdigkeit bestaunen: Die welthöchste Wasserfontäne! Doch sie war kaputt. Flaggenmast ohne Flagge und Fontäne ohne Wasser. Etwas enttäuscht spazierten wir an der Corniche, der Uferpromenande, entlang, die gesäumt war von modernen Restaurants, Cafés und teuren Hotels und bestaunten das herannahende Gewitter, das über dem Roten Meer blitzte. Als es zu regnen begann waren wir gerade auf unsere Räder gesprungen und hatten die Heimreise angetreten.

Am nächsten Tag standen nun auch in Jeddah einige Straßen unter Wasser, die mit dem Fahrrad dann teilweise nur schwer zu befahren waren. Wassertanker standen schon bereit, um die großen Pfützen mit ihrem Rüssel leer zu saugen. Wir statteten zunächst dem Fischmarkt einen Besuch ab und wurden erwartungsgemäß Zeuge eines ziemlich gnadenlosen Umgangs mit den zum Verkauf feilgebotenen Tieren. An einem Stand wurden regelmäßig Fische per Kescher aus einem großen Aquarium auf den Verkaufstisch geschaufelt und dort dem Erstickungstod überlassen. Einigermaßen schnell das Weite suchend erkundeten wir im Anschluss die Altstadt Al Balad, von der wir eigentlich nicht viel erwarteten, dann aber sehr begeistert waren. Für uns war es die erste interessante Innenstadt, die wir in Saudi Arabien sahen. Die Häuser aus dem 19. Jahrhundert schienen zwar teilweise kurz vor dem Zusammenbruch zu stehen, aber eine umfassende Restaurierung hatte an anderen bereits begonnen. Der Charme in den engen Gassen war noch sehr authentisch: das Treiben auf dem Souk, die Domino-Spieler auf den Plätzen, die Katzen, die auf den unmöglichsten Eckchen ein Nickerchen machten oder sich in den Mülltonnen gütlich taten.

Wir lauschten kurz einer Stadtführung und erfuhren, dass die Häuser früher von reichen Kaufmannsleuten bewohnt und pro Generation um ein Stockwerk erweitert wurden. In den 80er Jahren boten sie wohl nicht mehr genug Komfort und wurden größtenteils verlassen oder werden heute teilweise von Arbeitsmigranten bewohnt. Seit 2014 jedoch steht die Altstadt auf der UNESCO-Weltkulturerbeliste, seitdem werden die Häuser vom Staat nach und nach renoviert.

Nicht nur in der Altstadt verändert sich vieles: mehrere riesige Areale in der Stadt waren dem Erdboden gleich gemacht. Wo vorher wohl einfach Wohnhäuser standen, soll nun Neues entstehen. An Bauzäunen wurden teilweise die neuen Projekte beworben: Malls, schicke Wohngebiete, riesige Parks mit hübschen Cafés. Alles sieht natürlich top aus, wer dem Glauben schenken will, sieht einer perfekten Zukunft entgegen. Auch diese rasanten Veränderungen sind Teil der Vision 2030 und werden hier offenbar ohne viel Rücksichtnahme vorangetrieben.

Kaum erkennbar ist bisher jedoch eine Änderung der Mobilität in der Stadt. Auch wenn Jeddah um einiges angenehmer war als Riyadh, so war die Stadt doch ebenfalls komplett auf das Auto ausgelegt. Riesige Highways durchschneiden die Stadt und sind für Fußgänger und Radfahrer nicht überwindbar. An einer Fußgängerbrücke, dem einzigen Übergang innerhalb von 10 Kilometern, war der Aufzug ausgefallen, den 8-spurigen viel- und schnellbefahrenen Highway konnten wir nicht überwinden, und so trugen wir die Fahrräder mit Gepäck über die Treppe der Fußgängerbrücke. Einmal versuchten wir den Bus zu nutzen, suchten verzweifelt nach der richtigen Bushaltestelle und gaben dann wieder auf um stattdessen ein gerade haltendes informelles Taxi zu nutzen.

Zumindest einmal mussten wir jedoch eine große Entfernung innerhalb der Stadt zurücklegen, da wir bei der sudanesischen Botschaft unser Visum für die Weiterreise beantragen wollten. Wir griffen schließlich auf ein Taxi zurück. Der Botschaftsbesuch entpuppte sich schließlich zunächst als relativ erfolgreich: Wir hatten uns fest vorgenommen, uns nicht so schnell abwimmeln zu lassen. Als wir unser Anliegen schilderten, wurden wir zu einem netten Herren in eine Kabuff gesetzt und dieser drückte uns ein laminiertes Papier mit 8 Punkten in die Hand, die die erforderlichen Unterlagen für ein Visum auf Englisch auflisteten. Der Beamte konnte kein Englisch und auch derjenige, der das Papier verfasst hatte, hätte besser noch einmal ein Lektorat konsultiert, denn jedes einzelne Wort war falsch geschrieben. Die Rechtschreibfehler waren gepaart mit den grammatikalischen Fehlern derart gravierend, dass einige Punkte vollkommen sinnentleert waren. Im Endeffekt spielte dieses Dokument und die dort benannten Punkte aber auch nicht wirklich eine Rolle.

Mithilfe eines Kollegen, der Englisch sprach, wurde uns dann nämlich mündlich erklärt, dass wir nur ein Visum beantragen könnten, wenn wir einen Wohnsitz in Saudi Arabien hätten. Wir fragten drei Mal nach, ob es wirklich keine Möglichkeit gäbe, als Touristen einzureisen. Schließlich wurde uns erklärt, dass wir doch als Touristen einreisen könnten, aber nur für eine Woche. Wir fragten drei Mal nach, ob es wirklich keine Möglichkeit gäbe, ein längeres Visum zu bekommen. Schließlich wurde uns zugesagt, dass wir auch ein Visum für 16 Tage bekommen könnten. Und als wir noch einmal nachhakten, ob im Sudan angekommen eine Verlängerung drin sei, verloren die beiden wahrscheinlich langsam die Geduld mit uns. Als Reaktion sicherten sie uns dann doch einen ganzen Monat zu. So viel zum zunächst errungenen Sieg!

Es blieb jedoch eine Sache, die wir nicht wegdiskutieren konnten: Wie bereits in Riyadh auf der Botschaft angeklungen war, verlangten die Beamten eine „Permission“, die vom sudanesischen Innenministerium ausgestellt wird und dort persönlich von unserer dortigen Kontaktperson beantragt werden müsse. Das sei aber kein Problem, eine Sache von wenigen Stunden bis maximal zwei Tagen. Wir hatten ja bereits eine sudanesische Privatperson an der Hand, verließen das Konsulat beschwingt und leiteten ihr eine Sprachnachricht des Konsulatsbeamten weiter, die seine Erklärung des Prozesses beinhaltete. Sie meldete sich daraufhin umgehend bei uns und verlangte noch einmal mit dem Beamten zu sprechen. Dieser musste daraufhin erst einmal bei seinen Kollegen Klinken putzen, um ein Telefon zu finden mit dem er in den Sudan telefonieren konnte.

Das Ergebnis des Ferngesprächs war ernüchternd. Plötzlich musste die Permission doch zwingend durch ein Unternehmen im Sudan beantragt werden. Wir hatten in den vergangenen beiden Wochen bereits sudanesische Unternehmen, Fahrradclubs und sogar das Olympische Komitee angeschrieben, jedoch keine Rückmeldung bekommen.

Wir beschlossen nun noch eine Offensive zu starten und fragten einige Reiseagenturen an, ob sie diesen Service für uns übernehmen könnten. Die nächsten Tage plätscherten die Antworten mit einer Rückmeldequote von ca. 15 % herein und es stellte sich heraus, dass dafür 300 Dollar verlangt würden. Dies käme zusätzlich zu dem Visum von 150 Dollar hinzu. Das fanden wir nicht angemessen und beschlossen am 1. Januar weiterzufahren, um unsere Reise durch Saudi Arabien fortzusetzen. Ganz beerdigt hatten wir die Idee allerdings noch nicht und schlossen nicht aus, noch einmal umzukehren, sollte sich noch ein besseres Angebot finden. Denn unsere nächste warmshower lag nur gut 100 km nördlich von Jeddah und wir hatten bereits vereinbart dort ein wenig länger bleiben zu können, was eine Rückfahrt nicht ausschloss. Wir hatten nämlich an Silvester noch einen Sudanese kennengelernt, der seine Bubble noch einmal mit unserem Anliegen füttern wollte.

Ja, unser Jahreswechsel soll nicht unerwähnt bleiben. Doch wie Weihnachten reihte sich dies als äußerst unspektakuläres Ereignis ein. Über couchsurfing hatten wir ein Event für den 31. Dezember gefunden und saßen dem Irrtum auf, dass nun einige Reisende sich zumindest für den Jahreswechsel treffen und dies in kleiner Runde in einem Café feiern wollten. In Saudi Arabien befinden wir uns derzeit im Jahr 1444 und der Jahreswechsel hatte im Juli stattgefunden. Zum Jahreswechsel des gregorianischen Kalenders gab es in Jeddah lediglich ein paar Menü-Angebote und Live-Musik in teuren Restaurants. Alkohol ist hier gar nicht käuflich zu erwerben, auch nicht in internationalen Hotels, und wir hatten im Gegensatz zum Iran auch bisher nicht erlebt, dass hier Alkohol illegal konsumiert wurde.

Unser couchsurfing-Event führte uns in ein recht normales authentisches Shisha-Café am Rande der Stadt. Wir wurden zum Glück von einem Teilnehmer aus Jeddah mit dem Auto abgeholt. Die Gruppe bestand indes hauptsächlich aus Einheimischen. Ein weiterer Almán hatte sich ebenfalls hierhin verirrt und wir drei waren die einzigen, die gerne bis 12 ausgeharrt hätten, um wenigstens mit unseren Saft-Bechern aus Plastik anzustoßen. Doch der Rest der Gruppe zückte um halb 11 die Kreditkarten und um halb 12 wurden wir wieder vor unserem Hotel abgesetzt. Jetzt aufs Zimmer zu gehen, erschien uns doch etwas zu langweilig und so setzten wir uns noch in ein Waffel-Café am Meer (wobei man nur die große Straße vor dem Meer, nicht aber das Meer sehen konnte) und aßen noch Chapati und Waffeln, während um uns herum viele Leute Kaffee tranken und einfach gar nichts passierte, als der Zeiger die 12 überschritt. So war ein für uns sehr spektakuläres Jahr sehr unspektakulär zu Ende gegangen. Wir blickten über die Straße und wussten, dass dahinter das Rote Meer war und fragten uns, ob wir vielleicht doch noch im nächsten Jahr ans andere Ufer kommen sollten und welche neuen Abenteuer uns bevorstünden.

Ebenfalls nicht unerwähnt bleiben sollte unser Kinobesuch. Bemerkenswert ist dies nicht nur weil Kinos bis vor 5 Jahren in Saudi Arabien verboten waren. Jetzt gibt es mindestens eins in jeder Mall und derer gibt es viele. Als wir unsere Räder vor Eingang Nr. 7 abstellen wollten (wir hatten auf dem Weg mehrfach Ausweichrouten wählen müssen, weil Straßen unter Wasser standen) passte das dem dort postierten Wachmann gar nicht, er konnte uns aber auch keinen alternativen Abstellplatz nennen. Tilmann war natürlich direkt auf 180, da es natürlich keinerlei Veranlassung für diese spontan ersonnene Regel gab, Platz war überall genug. Tatsächlich gehen wir davon aus, dass das ganze sinnlos abkommandierte Sicherheitspersonal im Land aufgrund der allgemein extrem ungefährlichen Lage extrem gelangweilt ist. Da so selten jemand aus der Reihe tanzt, bietet sich noch nicht einmal gelegentlich die Möglichkeit jemanden zu maßregeln. Da sind zwei Fahrräder oder auch nur deren Teile immer eine willkommene Abwechselung.

An der Strand-Promenade sollten wir unsere Räder nicht vor dem großlettrigen Jeddah-Schriftzug für ein Foto abstellen. Erst als wir beteuerten nur 30 Sekunden zu benötigen, willigte der dortige Wachmann mürrisch ein und verlängerte unseren Aufenthalt dadurch, dass er nicht aus dem Bild ging oder durch es hindurch lief. Als Tilmann mit seinem ausgebauten Hinterrad (dazu später mehr) eine Mall betrat um zu Decathlon zu gehen, passte das auch diesem Wachmann nicht, er bemerkte dann aber doch dass er zu faul war, jetzt irgendetwas zu unternehmen. Als wir den gated Campus unserer warmshower-Gastgeberin in Thuwal verlassen wollten, hielten uns die dortigen Wachmänner auf, da wir den Campus aufgrund von Sicherheitsrisiken nicht mit Fahrrädern verlassen dürften. Wir benötigten die Zustimmung unserer Gastgeberin, die das Risiko dem wir uns preisgaben auf ihre Kappe nehmen sollte. Da wir relativ lange warten mussten, fingen wir bald eine Diskussion an (schließlich war die Argumentation der Wachleute fadenscheinig und widersprüchlich) bis der Supervisor nach 10 Minuten dazu stieß. Nach kurzem Gespräch mit ihm hieß es, ohne dass jemand auf sein Handy geblickt hätte, die Freigabe durch Rose sei soeben erfolgt. Später erfuhren wir von ihr, dass sie ihr Telefon gar nicht dabei gehabt hatte.

Vor der Kino-Mall hatte der Wachmann zur Unterstützung nun Englisch sprechende Passanten um sich gescharrt. So erfuhren wir, dass die Räder hier nicht stehen könnten wegen Sicherheitsbedenken, sie also drohten gestohlen zu werden. Tilmann: „In fucking Saudi-Arabia, one of the fucking safest countries in the world?“. Nachdem der Dolmetscher dies überaus belustigt übersetzt hatte, erklärte der Sicherheitsexperte, dass in Saudi Arabien schließlich nicht nur Saudis lebten. Sein Konstrukt aus Schein-Argumenten kollabierte jedoch als wir unsere Schlösser präsentierten und plötzlich waren alle wieder glücklich, friedlich und versöhnt, was durch gegenseitige „Shukran, Shukran“ Aussprüche besiegelt wurde.

Im Kino ging es erwartungsgemäß recht undiszipliniert zu. Rechts hinter uns saß ein Kind, dass das Geschehen auf der Leinwand in einem fort kommentierte. Viele Gäste kamen zu spät und suchten dann geräuschvoll und unter Einsatz ihrer Taschenlampen-App ihre Plätze, insgesamt wurde viel kommuniziert, auch mit Menschen außerhalb des Saals. Da der actionreiche Film aber die meiste Zeit ohrenbetäubend vor sich hindröhnte, vermochte er das meiste Störfeuer aus dem Auditorium mühelos zu überstimmen.

Nach vier Nächten in Jeddah, wir hatten für die Silvesterfeier, nein eigentlich aus Trägheit eine Nacht verlängert, fuhren wir nach Norden weiter, um wie schon erwähnt in Thuwal einen erneuten Stopp einzulegen. Der Weg führte uns zunächst durch die bereits aufpolierte neue Standpromenade und vorbei an der Formel 1 Strecke, bis wir schließlich aus der Ferne die Baustelle des Kingdom-Towers entdeckten, der einmal das höchste Bauwerk aller Zeiten werden sollte oder vielleicht auch noch soll. Momentan bzw. schon seit fünf Jahren liegen die Bauarbeiten allerdings auf Eis, was offenbar irgendwie auf Korruption und die Verhaftung des Bauherren zurück zu führen ist.

Nach Jeddah blieb uns wieder einmal nur der Highway für die Weiterfahrt und dieser begann bald wieder zu nerven. Daher waren wir froh als wir endlich am KAUST-Campus (King Abdullah University of Technology) hinter Thuwal ankamen, auf dem Rose mit ihrer Familie lebte. Wir staunten nicht schlecht über die erheblichen Sicherheitsvorkehrungen die hier getroffen wurden. Das Gelände war nur über eine Brücke zu erreichen, die über die doppelte Mauer auf das Gelände führte. An beiden Brückenköpfen waren Checkpoints, wobei bei unserer Ankunft nur der zweite besetzt war. Hier mussten wir ein Passwort nennen, dass uns Rose mitgeteilt hatte, die uns anmelden musste. Die Wachleute wollten sogar einen Blick in unsere Taschen werfen. Warren, Rose’ Ehemann, erklärte uns später, dass KAUST die erste Universität in Saudi Arabien gewesen sei, in der Männer und Frauen gemeinsam lehren und studieren konnten. Man hatte daher zu Beginn extremistische Anschläge für möglich gehalten.

Rose hieß uns jedenfalls herzlich willkommen, war extrem freundlich und wir bekamen ein eigens Zimmer mit Bad. Sie hatten gerade Besuch zu dem wir uns nach der Dusche gesellten. Später lernten wir auch noch die philippinische Haushälterin Gigi kennen. Das waren wir ja inzwischen fast gewohnt.

Der Campus mit dem auf ihm befindlichen Wohnanlagen war riesig, aber zum Glück war der örtliche Fahrradladen nicht weit. Tilmann wollte dort seine Hinterradnabe checken lassen, da diese seit dem Aufbruch in Riyadh Sorgen bereitete. Schon kurz nachdem wir wieder zurück in Rose’ Haus waren, kamen schon die bad news per Whatsapp.

Die Nabe war bei Decathlon in Riyad falsch zusammengebaut worden bzw. dort waren die beiden Konusse, die bei der FH-M6000 leicht unterschiedlich sind, vertauscht worden. In der Folge waren diese nun offenbar beschädigt. Der Fahrradschrauber hatte das Rad bei unserer Ankunft allerdings schon wieder zusammengeschraubt, meinte jedoch er hätte die Konusse so stramm an das Kugellager packen müssen, um den Schaden „auszugleichen“. Ersatzteile hätte er nicht, diese könnten wir allerdings in Jeddah beschaffen. Schon ärgerten wir uns, das Problem nicht in Jeddah angegangen zu sein, allerdings sollten wir später feststellen, dass dies auch nicht wirklich problemlos möglich sein sollte. Er beteuerte das Fahrrad sei trotzdem fahrbar, jedoch war auch der Freilauf nun so schwergängig, dass die Kette durchhing sobald man nach hinten trat bzw. immer wenn man zu treten aufhörte. Wir bekamen nun ernsthafte Zweifel an der Kompetenz dieses Schraubers und da er auch kein Geld sehen wollte, suchten wir schnell das Weite.

Rose kannte zum Glück einen ukrainischen Studenten, der als Nebenjob die Räder auf dem Campus reparierte. Alex kam noch am selben Abend vorbei und wir öffneten gemeinsam die Nabe. Tatsächlich war der eine Konus stark, der andere leicht beschädigt und wir stellten fest, dass hier Ersatz beschafft werden müsste.

Warren erklärte sich daher bereit, mit Tilmann am nächsten Tag zurück nach Jeddah zu fahren. Wir dachten eigentlich, dass er ohnehin dort etwas zu erledigen hatte, es stellte sich aber heraus, dass er extra für uns die sehr nervige Fahrt unternehmen sollte. Vorangegangene Telefonate mit Fahrradläden klangen zwar wenig vielversprechend, aber wir hatten uns mit Warren und Rose auf die Interpretation verständigt, dass die Mitarbeiter am Telefon Kommunikationsschwierigkeiten womöglich durch eine Absage bezüglich der erfragten Leistung umgehen wollten.

Leider stellte es sich jedoch anders dar. Der erste Laden existierte nicht mehr und der zweite war gerade in Auflösung begriffen (denn er war nahe des Ufers gelegen, wo die Abrissbagger schon anrollten, um bald alles neu, schöner und glänzender erscheinen zu lassen). Die (ehemaligen) Mitarbeiter schmissen gerade haufenweise alte Räder ab und suchten freundlicherweise sogar ein paar alte Naben heraus, die allerdings allesamt nicht mit Shimano kompatibel waren. Laden drei hatte wahrheitsgemäß am Telefon geäußert keine Konusse zu verwenden und Laden vier war eine richtige Klitsche, die einen Achsenwechsel vorschlug. Das überzeugte insgesamt nicht wirklich und zudem sagte er, er benötige das ganze Rad für die Operation und nicht bloß den Hinterreifen. Laden fünf war Decathlon, wo nichts zu machen war und im sechsten Laden versprach man, sich einmal umzuhören und tauschte Whatsapp-Nummern aus. Laden sieben war von 12 – 16:30 Uhr geschlossen und Tilmann wollte Warren nicht abverlangen bis dahin zu warten. Er hatte sich ohnehin schon extra freigenommen für dieses Hornberger Schießen. Frustriert traten wir die Heimreise an.

Alex kam also erneut vorbei und wir bauten das Hinterrad wieder zusammen und ein. Hoffentlich hält es so lange, bis wir die inzwischen nach Jordanien bestellten Ersatzteile einbauen lassen können. Als Gage, er wollte kein Geld für seine Hilfe, gaben wir ihm ein Paar unsere alten Marathon Mäntel, die ja eigentlich noch gut waren und wir aber einigermaßen sinnlos nun schon seit fast 5.000 km mitschleppten.

Der Campus stellte jedenfalls einen gewaltigen Kontrast zum sonstigen Land dar. So akkurat aufgeräumt und sauber und jedes Haus sah dem anderen zum verwechseln ähnlich. Wir fragten uns, ob wir wirklich in der Butterfly Lane lebten, oder nicht versehentlich doch in die Wisteria Lane abgebogen waren. Julia konnte den Tag, den Tilmann in Jeddah verschwendet hatte mit Poolbesuch und Entspannen jedenfalls wesentlich angenehmer gestalten.

Am letzten Tag erkundeten wir noch einmal gemeinsam die ein oder andere kleine Sehenswürdigkeit, nachdem wir hier und da noch ein wenig an unseren Rädern herumgeschraubt hatten.

Tja und dann bekamen wir eine Rückmeldung von unserer sudanesischen Bekanntschaft von Silvester, die uns allerdings auch nur von kommerziellen Angeboten zu einer Gebühr von 300 € zu berichten wusste. Ein letzter Strohalm knickte dann schließlich auch ab, als ein über drei Ecken erhaltener Kontakt (ein Unternehmer aus dem Sudan) zunächst postwendend seine (kostenlose) Unterstützung zugesagt hatte, dann aber ebenso schnell auf absolute Funkstille geschaltet hatte. Wir hatten zudem über diverse Kanäle erfahren, dass man sich mit dem Fahrrad in Ägypten nicht frei bewegen könne. Die Polizei würde Radreisende schikanieren und drangsalieren und zu Busfahrten zwingen. Nicht mit uns, dachten wir und entschieden uns den Afrikanischen Kontinent ein weiteres mal westlich liegen zu lassen und nun Kurs auf Jordanien zu nehmen.

Wenn euch Beiträge gefallen und ihr der Meinung seid, dass diese auch andere interessieren könnten, könnt ihr diese übrigens ab sofort über die Social Media Buttons oberhalb der Kommentare teilen 🙂

Hier könnt ihr unsere bisher zurück gelegte Route und (meistens) unseren aktuellen Standort sehen.

Diesen Blog kostenlos abonnieren, um per E-Mail über neue Beiträge informiert zu werden:

6 Gedanken zu “und dazwischen das rote meer 🇸🇦

  1. Auch gut für ein Ranking wäre: Situationen in denen Tilmann am heftigsten der kragen geplatzt ist.
    Scheiß Rumgeflicke! Es gibt auch so Leute, die mit einem Defender durch Afrika tuckern und zuhause dann beiläufig von Elefanten und Massai erzählen aber in allen Einzelheiten über die kniffligen Reparaturen und improvisierten Ersatzteile berichten können (soll bei Landcruiserfahrern weniger ausgeprägt sein). Für mich spricht so einiges per Pedes, vielleicht maximal ein Hackenporsche.

    1. So wie Christoph Rehage. Der hat sich in China einen Hackenporsche konstruieren lassen und sich erzählen lassen er sei aus Aluminium. In Bulgarien hat er sich dann von Max (vgl. unseren Beitrag „Kontinentenwechsel“) darüber aufklären lassen, dass es sich um ein Zuggerät aus Stahl handelte, was am rostroten Rost zu erkennen war.

Hinterlasse eine Antwort zu 304dioramen Antwort abbrechen