Busch im Vordergrund, dahinter Tilmann mit Fahrrad

der sturz 🇦🇪

Unfall während unserer Radreise

Tag 228 bis 237 (16.11.22 bis 25.11.22)
Distanz: 40 km
Höchster Punkt: 420 m
Tiefster Punkt: 30 m
Rauf: 340 m
Runter: 310 m

Eine ruhige kaum befahrene Straße, ein kurzer Blick aufs Handy und plötzlich steht er vor ihm, wie aus dem Nichts ist er aufgetaucht und was hat er überhaupt hier zu suchen, mitten auf dem Seitenstreifen: Der Dornenbusch. Er greift nach Tilmann, hält sich an seinem Hemd fest, zerkratzt ihm die Arme und bringt sein Rad aus dem Gleichgewicht.

Als Julia hinzukommt liegt Tilmann am Boden, begraben unter seinem Fahrrad und den schweren Taschen, das Vorderrad dreht sich noch in der Luft, wie in einer tausendfach kopierten Einstellung aus einem Actionfilm. Sie eilt herbei und befreit ihn von seiner Last. Die Kleidung ist zerstört, der Lenker verdreht, es tropft Blut zu Boden.

Ein bisschen Dramatik muss sein. Doch tatsächlich sollten die Folgen dieses Unfalls unsere nächsten Tage bestimmen. Wir wurden von reichen Arabern abgewiesen und von armen Bangladeshis aufgenommen, wir legten das erste Mal einen Teil unserer Strecke mit einem Auto zurück, mit den Fahrrädern auf der Ladefläche. Wir blieben doppelt so lange in Dubai als geplant und fühlten uns hier in der Vorweihnachtszeit fast wie zuhause.

Doch zurück zum auf der Straße liegenden Tilmann. Schnell war klar, dass vor allem das rechte Handgelenk einen Schaden genommen hatte. Er konnte nicht mehr weiter fahren, es schmerzte zu sehr. Wir mussten aber noch zumindest ein paar Meter weiterfahren, um Wasser, Eis zum Kühlen und einen Platz zum Bleiben zu finden. Nicht weit entfernt sahen wir eine Moschee und beschlossen diese anzufahren. Noch vor der Moschee war der Weg von großen Villen gesäumt. Wir beschlossen es gleich dort zu versuchen. Wir klopften und nach einer halben Ewigkeit kam ein scheues Mädchen zum Nebeneingang heraus, die schon kurz davor war wieder wegzulaufen als sie uns erblickte. Nachdem wir ihr versuchten begreiflich zu machen sie möge einen Erwachsenen herbeirufen, kam ein halbwüchsiger Junge zur Tür. Wir erklärten, dass wir Eis zum Kühlen bräuchten und einen Platz für die Nacht, zum Beispiel in dem großzügigen Vor-Vorhof in unserem Zelt. Er sagte, er müsse seine Mutter fragen, schloss die Tür und wir konnten durch die abgetönte Scheibe erkennen, dass die Mutter direkt hinter der Tür stand, sich aber nicht zeigen wollte. Schließlich kam der Jugendliche erneut hinaus, wies uns an den Hof zu verlassen und fragte vor dem Tor erneut, was wir bräuchten. Wir beschränkten uns nun auf unsere Bitte nach Eis, welches er uns dann in Form von Eiswürfeln in einer Schale brachte und sich dann beeilte, wieder in der riesigen Villa zu verschwinden. Uns wurde kein Wasser und kein Schlafplatz angeboten, stattdessen war sehr deutlich, dass unsere Anwesenheit Unbehagen auslöste.

Wir hatten die losen Eiswürfel nun notdürftig in eines unserer Handtücher und dann um Tilmanns Handgelenk gewickelt. Julia fuhr nun ein Stück voraus, sie hatte von Weitem einen Laden entdeckt. Als sie eintrat, schauten sie 5 freundliche Inder an. „We had an accident with the bicycle and we now searching for a place where we can stay. Is here a place nearby where we can sleep in our tent?“ – „Yes, no problem“ – „OK, perfect. And where exactly is this place?“ – „Yes, no problem.“ Ein des Englischen mächtigen Kunde kam hinzu und wollte helfen. Er schlug vor noch 3 Kilometer weiterzufahren bis zu einem Staudamm. Doch Tilmann konnte nicht mehr. Immer mehr Menschen kamen hinzu, wollten helfen, schenkten uns aber nur Wasser und waren ansonsten ratlos. Schließlich kam ein Mann mit vernarbtem Gesicht und blutigem Zahnfleisch um die Ecke, klemmt sich Tilmann unter den Arm und setzte ihn ohne viel Gerede in einen Aufenthaltsraum neben seiner Car Wash-Anlage. Der Raum war mit alten durchgesessenen Polstermöbeln eingerichtet und für Tilmann wurde sogleich die Klimaanlage angeschmissen. Die no-problem-Inder vom Grocery steuerten noch neue Eiswürfel bei.

Unsere Retter vom Car Wash

Der Car Wash wurde von zwei Brüdern aus Bangladesh betrieben, die sicherlich noch nie beim Zahnarzt waren. Unterstützt wurden sie von 4 weiteren Bangladeshis. Während 2 die Autos mit bloßen Händen schrubbten, führte einer Buch, ein anderer kochte für alle essen und zwei hatten eigentlich nichts zu tun. Alle schliefen und aßen gemeinsam in einem Raum, der an den nun uns zugewiesenen Raum grenzte. Küche und Bad gingen direkt in die Waschanlage über. Zum Abendessen wurden Hühner zerlegt, das Blut floss die Wasserrinnen der Waschanlage hinunter, der Geruch von rohem Fleisch und Seifenlauge lag in der Luft.

Natürlich wollte uns das herzensgute Team vollumfänglich umsorgen. Wir erklärten, dass wir kein Fleisch aßen und wollten sowieso niemand aus so bescheidenen Verhältnisse etwas wegessen. Tilmann war froh, dass er hier sitzen und sein Gelenk kühlen konnte, mehr wollte er nicht. Doch schließlich ließen wir uns von unserem Gastgeber überreden, doch noch ins Krankenhaus zu fahren.

Das kleine Krankenhaus von Al Muniai war modern und sehr sauber, das Krankenhauskollegium dagegen wirkt desorientiert und unorganisiert. Der kleine Rezeptionist mit Oberlippenflaum wollte Tilmann eigentlich gleich wieder wegschicken, da Röntgen nur zwischen 7:30 und 14:00 Uhr möglich war, als wie aus dem Nichts ein Arzt auftauchte, der sich etwas unbegeistert Tilmanns Hand direkt in der Lobby ansah und zu dem Urteil kam, es sollte tatsächlich geröngt werden. Während Tilmann dann noch von einer Schwester an den falschen Stellen mit zu viel Stoff verbunden wurde, wurde Julia nun vom Rezeptionist und einem baumlangen Security-Mann in viel zu enger Uniform zu unserer Reise befragt. Fasziniert hörten beide zu, bis der Rezeptionist plötzlich bemerkte: „I am a wrestler and my father has two wifes.“ Als der verbundene Tilmann wieder auftauchte, war sie froh, dieses Gespräch nun zu beenden. Wir beschlossen am nächsten Tag noch einmal zu kommen, sollte es noch weh tun.

Zurück im Car Wash wurde Julia nun angeboten zu duschen und etwas zu kochen. Beides wurde genutzt, wenn sie sich heute daran erinnert, stellen sich ihr jedoch die Nackenhaare hoch. Das Essen wurde unter Benutzung der vorhandenen Gewürze allerdings sehr lecker. Der zweizahnige Bruder wollte uns nun nicht mehr von der Seite weichen. Als wir uns zum Schlafen verabschiedeten, konnten wir ihn noch eine Weile durch die nach außen verspiegelten Scheiben beobachten, wie er vor unserem Zimmer auf und ab tigerte.

Bei uns drehte sich nun alles um die Frage, wie wir diesen Ort wieder verlassen konnten. Die Autoputzer hätten sicher gerne noch ein paar Tage mit uns verbracht, aber das ging uns nun wirklich etwas zu weit. Wir fragten Einheimische und andere Radreisende nach Möglichkeiten mit dem Bus zu fahren. Mohammed vom Hatta Wadi Hub antwortete uns sofort, er würde seinen Fahrer umgehend schicken uns dieser könnte uns und die Räder nach Dubai fahren.

Hatta Wadi Hub: Paradies für Radreisende

Doch Momente, ihr wisst ja noch gar nicht, wer Mohammed ist. Wir lernten den vorbildlichen Moslem und innovativen Geschäftsmann zwei Tage vorher kennen. Er ist der Chef des Hatta Wadi Hub, eines modernen und hippen Outdoor-Spaẞparks für Erwachsene und Kinder. Neben Kamel- und Pferdereiten, Klettern und Wasserrutschen, kann man dort auch Mountainbikes leihen und auf markierten Trails durchs Wadi fahren. In Dubai geht es einfach nicht ohne Halli Galli.

Abgesehen von der zahlenden Kundschaft bietet Mohammed auch Zeltplätze und Duschen für Radreisende an, denn mit dem Mountainbiketrail hatte der ganze Wahnsinn in Hatta vor nur 5 Jahren angefangen. Als ob das nicht schon genug wäre, um Radreisende glücklich zu machen, konnten wir dort auch Wäsche waschen und unsere Fahrräder wurden jeweils 3 Stunden von Rex und seinem Team nigerianischer Fahrradschrauber geputzt und poliert. Das hatte nicht nur uns angelockt, sondern auch zwei weitere Cyclists aus Frankreich, die sich ebenfalls sehr wohl fühlten. Sie fuhren aber in die andere Richtung weiter und so war es nur ein kurzes nettes Zusammentreffen.

Wir wollten ja nun wie gesagt nach Dubai Stadt, wurden dann jäh von dem Dornenbusche gestoppt und schließlich von Mohammeds Fahrer sehr komfortabel die restlichen 90 Kilometer gefahren. Im übrigen sind das die ersten 90 Kilometer, die wir und unsere Fahrräder nicht selbst auf der Straße zurückgelegt haben. Bis auf die Fährfahrten über Wasser sind wir ansonsten alles selbst gefahren. (Ausflüge an Pausentagen nicht eingerechnet, da haben wir natürlich auch mal Metro, Bus oder Taxi genutzt). Das ist tatsächlich etwas besonderes, denn viele Radreisenden nutzen häufig andere Verkehrsmittel, um weiterzukommen, wir haben zumindest noch niemanden getroffen, der ebenfalls eine solche Mission hat, die wir nur aufgrund Tilmanns Verstauchung kurzzeitig unterbrechen mussten. Natürlich wären wir viel lieber selbst gefahren. Die Landschaft flog viel zu schnell vorbei, eine Stunde, die für uns ein ganzer Tag gewesen wäre. Keine Stopps an Wasserhähnen und Läden, kein Winken aus vorbeifahrenden SUVs.

So waren wir bereits Mittags in Mirdif, einem Stadtteil von Dubai, der 15 Kilometer entfernt von der letzten Metro-Station und hinter dem Flughafen liegt. Trotzdem gibt es auch dort natürlich eine riesige Mall, in der wir uns mehr als einmal verirrten.

Wieser in Dubai

Warum wir eigentlich schon wieder nach Dubai fuhren? Zum einen hatte uns unser erster Aufenthalt dort durchaus gefallen. So kritisch man diesen als Stadt getarnten in die Wüste gepflanzten Turbokapitalismus auch sehen kann, auch wir konnten, wie die verschiedensten Menschen aller Herren Länder, uns ihrem besonderen Reiz nicht entziehen. Doch der zweite Grund war wohl entscheidender: Kathrin war in der Stadt und wir hatten sowieso schon gehofft, sie noch einmal auf unserer Reise zu treffen. Wir trafen uns gleich am nächsten Tag mit ihr und verbrachten den ganzen Vormittag und Mittag am Strand sitzend, uns gegenseitig von unseren Abenteuern berichtend und unsere Zukunftspläne diskutierend. Abends besuchten wir noch zusammen die Altstadt von Dubai, die wirklich sehenswert und ganz anders als der Rest der Stadt war. Neben auf altgemachten neuen Altstadtgebäuden findet man dort einen Souq, mit den wohl nervigsten Händlern, die wir bisher erlebt hatten, weshalb wir nur schnell hindurch liefen. Urplötzlich befand man sich dann in Indien, alle strebten zum Tempel oder wahlweise zu einer Essensausgabe, bei der ein Linsengericht mit Toast verteilt wurde, überall konnte man Opfergaben und Blumenketten erwerben.

Wer sich noch an unseren Beitrag Filmrollenwechsel erinnert, der erinnert sich villeicht auch noch daran, dass es sogar noch einen dritten Grund gab erneut nach Dubai zu fahren: Wolfi’s schuldete uns noch eine Shimano-Kette. Wir hatten über WhatsApp unsere Rückkehr angekündigt und gefragt, ob die gewünschte Kette vorrätig sei. Dies wurde bejaht. Auf unsere Frage hin, ob wir den Kettenwechsel auch in der zweiten Filiale am Al Khawaneej Walk durchführen lassen könnten, bekamen wir jedoch keine Antwort mehr. Als wir in Dubai angekommen diesbezüglich noch einmal telefonisch nachfragten, wurde uns bestätigt, dass wir jederzeit auch am Al Khawaneej Walk (der nicht weit von Mirdif entfernt liegt) mit unserem Anliegen aufschlagen könnten. Als Tilmann am Montag, 21. November, dann dort vorstellig wurde, wusste der Mitarbeiter von nichts. Nach einigen Telefonaten hatte er dann herausgefunden, dass es die gewünschte Kette auch in der anderen Filiale nicht gab. Wer uns per WhatsApp die falsche Info gegeben hatte und die Kommunikation dann eingestellt hatte, ließ sich natürlich nicht klären. So bekam Tilmann erneut eine KMC-Kette und als Entschädigung für den ganzen Ärger lediglich tausend Entschuldigungen und eine Tube Energy-Gel. Auf einen Satz neuer Bremsbeläge wollte der Mitarbeiter nur 10 % Rabatt anbieten, was natürlich ein Witz ist, wenn man schon einmal was von Controlling gehört hat. Ein ziemlicher Saftladen also leider.

Diesmal kamen wir in Dubai bei E., ihrem Mann J. und ihrer Tochter K. unter. E. ist die Schwester, einer Freundin von Tilmanns Schwester und wir freuten uns sehr, dass sie unsere Selbsteinladung akzeptierte. In dem weihnachtlich dekorierten Haus, mit 5 Katzen und einem mit Bougonville bewachsenen Garten fühlten wir uns fast wie zuhause und wollten gar nicht mehr weg. Hinzu kam, dass der Heilungsprozess des verstauchten Handgelenks nur sehr schleppend verlief. Die großzügige E. schmiss uns nicht raus, sondern ließ uns so lange bleiben, bis wir bereit waren, wieder Fahrrad zu fahren. Bis dahin genossen wir netten Gespräche in der Küche, die gemeinsamen Abendessen und das gemeinsame gucken des ersten Deutschlandspiels. Vielleicht lohnt es sich noch zu erwähnen, dass wir tatsächlich einen Nachmittag mit Regen erlebten, am 22. November. Zuletzt war uns das am 10. August in Tavush, Armenien vergönnt gewesen.

Nachdem wir nun wieder über eine Woche in Dubai verbracht hatten, die wie im Flug verging, traten wir wieder halbwegs genesen und motiviert die Weiterfahrt an. Doch bereits nach 10 Kilometern begann das Desaster und eine Katastrophe sollte die nächste jagen. Doch dazu mehr, wenn es wieder heißt appi dappi Vollgas!

Wenn euch Beiträge gefallen und ihr der Meinung seid, dass diese auch andere interessieren könnten, könnt ihr diese übrigens ab sofort über die Social Media Buttons oberhalb der Kommentare teilen 🙂

Außerdem gibt es neue Rubriken (im Aufbau) im Menü!


Hier könnt ihr unsere bisher zurück gelegte Route und (meistens) unseren aktuellen Standort sehen.

Diesen Blog kostenlos abonnieren, um per E-Mail über neue Beiträge informiert zu werden:

9 Gedanken zu “der sturz 🇦🇪

  1. Zum Glück ist beim Sturz nichts schlimmeres passiert! Passt auf Euch auf!

    Hebt Euch den Absturz für den hohen Norden auf, hier liegt er nahe an Ekstase, Eskalation und Aberglauben – nachdem man mal so richtig geil steil gegangen ist.

  2. Gut, das bei dem Sturz nichts schlimmeres passiert ist. Bei den vielen Kilometern die ihr jetzt schon geradelt seid, war das für die Statistik ja fast dran. Damit habt ihr das sicher für die nächsten 10.000 km abgehakt.
    Weiter gute Fahrt
    Markus V

    1. Ja, das ist noch einmal gut gegangen, auch wenn das Handgelenk noch erstaunlich lange rumgezickt hat. Ist erst seit 2, 3 Tagen wieder gänzlich schmerzfrei.
      Liebe Grüße ins vorweihnachtliche Wiesbaden

  3. Das ist echt frech, jetzt Mal im Ernst Leute!! Straßen sind für etwas anderes da! Außerdem sehe ich keine Warnweste, nichtmal einen Helm!! Wann lernen es diese Büsche endlich!?!!1elf

  4. Die da in denWolfis-Filialen in der Region machen echt was sie wollen. Die denken sich bestimmt sowas wie „Russland ist groß und der Zar ist weit“ oder so. Mit denen muss ich wohl Mal ein Hühnchen rupfen!

    10% Rabatt ist doch aber ein super Angebot! Was glaubt ihr denn, was das Ganze ewig lange ziellos in der Gegend herum telefonieren kostet? 😅

Hinterlasse eine Antwort zu 304dioramen Antwort abbrechen