nächster meilenstein: dschidda 🇴🇲

Entscheidungen über den weiteren Verlauf unserer Fahrrad-Weltreise

Tag 214 bis 221 (2.11.22 bis 9.11.22)
Distanz: erstaunlich groß
Höchster Punkt: 3. Stock im Hotel
Tiefster Punkt: die Erkenntnis dass…
Rauf: …es trotzdem weiter geht
Runter: s.o.

Unser Traum war es bis nach Vietnam zu radeln und zurück. Wir wollten kein Flugzeug besteigen und nur, wenn es gar nicht anders geht ein Schiff oder einen Bus nehmen. Schon bevor wir los fuhren wussten wir, dass in Myanmar Bürgerkrieg herrscht und dass China seine Grenzen weiterhin wegen Covid geschlossen hält. Wir hatten die leise Hoffnung, an beiden Situationen könnte sich zeitnah etwas ändern. Doch so kam es nicht und Vietnam wird wirklich nur ein Traum bleiben.

Während wir schon unterwegs waren, überlegten wir durch Zentralasien zu fahren, doch auch Azerbaijan und Turkmenistan halten ihre Grenzen wegen Covid geschlossen. Wir entschieden auch, derzeit nicht nach Russland zu reisen, um uns nicht etwaiger Willkür auszusetzen.

Als wir im Iran waren und das Internet geblockt wurde, war es nicht mehr möglich ein Visum für Pakistan zu beantragen (da die pakistanische Botschaft diese angeblich nicht mehr bearbeiten konnte). In den Emiraten hätten wir dies machen können, um dann wieder in den Iran einzureisen, um nach Pakistan zu kommen, doch mittlerweile forderte die Bundesregierung alle Deutschen auf, den Iran zu verlassen.

Da im Jemen ebenfalls ein fast vergessener Bürgerkrieg herrscht, bleibt uns nun vom Oman aus nur noch der Landweg über die Emirate nach Saudi Arabien offen. Nachdem wir den Traum nach Vietnam zu reisen schon relativ früh aufgegeben hatten, war unser großer Wunsch ein Schiff nach Kenia oder ein weiter südlich gelegenes Land an der afrikanischen Ostküste zu bekommen. Von dort hätten wir nach Südafrika weiterreisen können und dann die gesamte afrikanische Atlantikküste hinauf. Auch nach acht Tagen in Muscat sind wir diesem Ziel keinen Schritt näher gekommen und mussten uns eingestehen, dass dies nicht gelingen wird.

Kein Schiff von Muscat nach Afrika

Lange überlegten wir im Oman nach Salalah im Süden zu fahren, da dort ein großer Container-Hafen ist. Um dorthin zu gelangen hätten wir 1.000 Kilometer durch die Wüste fahren müssen. Wenn wir kein Schiff bekommen hätten, hätten wir diese Strecke auch wieder zurück fahren müssen.

Auf Cargo-Schiffen mitzufahren ist schon seit Jahrzehnten ein kommerzialisiertes Geschäft: Man kann ähnlich wie bei einer Kreuzfahrt eine Kabine auch auf einem Frachter buchen, genießt auch dort viel Luxus und bezahlt ungefähr den gleichen Preis. Tilmanns Großtante ist auf diese Weise schon in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts nach Brasilien und Japan gereist. Leider wurden diese Angebote während der Pandemie eingestellt und bisher nicht wieder aufgenommen. Abgesehen davon wird die von uns gewünschte Route unserer Recherche nach sowieso von keiner im Internet vertretenen Rederei angeboten.

Die Berufe auf einem Frachtschiff sind hochspezialisiert und niemand benötigt dort eine helfende Hand um das Deck zu schrubben oder in der Kombüse Kartoffeln zu schälen. Per Anhalter auf ein Cargo zu kommen ist seit mindestens 30 Jahren äußerst schwierig und spätestens seit der Pandemie praktisch unmöglich. Häfen sind abgeriegelte Gebiete und in der muslimischen Welt findet man leider auch keine urigen Hafenkneipen, wo man einem bärtigen Kapitän mit ein paar Rum bestechen könnte. In Hamburg, Rotterdam, Shanghai oder New York geht das selbstverständlich ebenso wenig. In Ausnahmefällen mag es gelingen, dass man zufällig die richtigen Leute trifft, aber bisher haben wir darüber nur Gerüchte gehört. Die Weiterreise nach Salalah schien uns deshalb aussichtslos.

Manchmal gibt es die Möglichkeit auf einem Segelschiff mitzufahren, doch auch hier gilt, das kein Bedarf nach Deckschrubbern und Hilfssmutjes besteht. Man muss einen entsprechenden kostenpflichtigen Kurs belegen, aber auch hier galt, dass wir auf dieser exotischen Route in den einschlägigen Portalen kein Angebot fanden. Die Kosten liegen im Übrigen regelmäßig ebenfalls in etwa auf dem Niveau einer Kreuzfahrt.

In Muscat investierten wir einmal mehr viel Zeit mit Recherche und Abwägungen zu diesen Fragen. Nicht weit von unserem couchsurfing-host Luke entfernt lag die Marina von Muscat. Wissentlich, dass die Wahrscheinlichkeit praktisch gleich null war, besuchten wir diese dennoch gleich mehrmals, da es ja nicht vollkommen ausgeschlossen war, dass wir dort spontan auf einen Skipper treffen könnten, der uns spontan mit nach Afrika nehmen würde. Allerdings ging es dort sehr beschaulich zu und nach unserer Einschätzung lagen dort auch nur vier oder fünf größere Jachten vor Anker, die hochseetauglich waren. Jeden der uns in der Nähe der Marina oder auch sonst in der Stadt ansprach, erzählten wir sogleich, dass wir unbedingt versuchen wollten per Schiff nach Afrika zu kommen, aber es ergab sich nicht einmal eine Situation in der man auch nur den Hauch eines Gefühls bekam, dass dies zu irgendetwas führen würde. Meistens hatten wir ohnehin den Eindruck, dass die Menschen mit Unmut reagierten, wenn wir nicht in zwei Wörtern sagen konnten wo es als nächstes hingehen sollte.

Deshalb überlegten wir alternativ mit einer Luxus-Fähre von Muscat nach Mumbai zu fahren. Dies hätte auch geklappt, für Fahrräder sei genug Platz an Bord schrieb man uns, jedoch kommen wir von dort wohl ohne Flugzeug nicht mehr zurück, denn auch der Rückweg ist versperrt: Wir müssten wieder durch den Iran oder China oder eben Afghanistan. Im übrigen erschien auch grundsätzlich die Durchfahrt nach Pakistan nicht sehr attraktiv, in der Chatgruppe erzählte man sich von versuchten Vergewaltigungen, Raubüberfällen, masturbierenden Hotelzimmernachbarn, wöchentlichen Lebensmittelvergiftungen und nicht enden wollenden Militäreskorten. Abgesehen davon wäre dieses Schiff erst am 27. Dezember gefahren, sodass wir uns noch eine entsprechende Beschäftigung für die zu überbrückende Zeit hätten suchen müssen (streng genommen hätten wir sogar Probleme mit unserem Oman-Visa bekommen, dass man offiziell nur einmal verlängern darf.) Mit in die Waagschale legten wir auch, dass wir nicht erst von Moritz, der inzwischen mit Flugzeug nach Mumbai weitergereist war, mitbekamen, dass Radfahren in Indien aufgrund des vielen Verkehrs, des vielen Lärms und der vielen Menschen durchaus sehr anstrengend und nicht jedermanns Sache ist.

Couchsurfen in Muscat

Nach zwei Tagen beim generösen Luke, der uns bis dahin zum Abendessen und zum Frühstück eingeladen hatte (die Etablissements waren jeweils von dem Niveau, das wir einen Besuch auf eigene Rechnung niemals in Erwägung gezogen hätten) und mit uns und einer weiteren Couchsurferin aus Belarus einen abendlichen Ausflug auf den Suq nach al Seeb unternommen, wo er uns zu Kokosnuss und Eis eingeladen hatte, mussten wir diesen Traum von einem Gastgeber verlassen, da sich ein neuer Couchsurfer aus Polen angemeldet hatte. Auch von den netten Katzen, die er fürsorglich vor seinem Haus fütterte, mussten wir uns verabschieden.

Beim nächstgelegenen Fahrradladen gelang es uns tatsächlich unsere fehlbestellten Innenlager Shimano BB-MT501 zu verkaufen, die nicht passten und daher in Dubai auch nicht eingebaut worden waren. Der Besitzer von Cycleomania fand das offenbar gar nicht ungewöhnlich, dass ihm „Kunden“ Teile verkaufen wollten und wir bekamen sogar etwas mehr, als wir in Deutschland für sie bezahlt hatten. Nach einem abendlichen Besuch in der Marina, der uns bezüglich unseres eigentlichen Vorhabens nichts einbrachte, schliefen wir eine Nacht am Strand, da wir Recherche und Abwägungen noch lange nicht abgeschlossen hatten. Danach stiegen wir noch zwei Nächte im Dolphin-Hotel ab und hatten immer noch keine finale Entscheidung treffen können.

Wir quartierten uns daher noch einmal vier Nächte bei Luke ein, der inzwischen seine Spendierhosen allerdings abgestreift hatte. Das war natürlich vollkommen in Ordnung, es war uns schon bei unserem ersten Besuch etwas ,unangenehm geworden, und schließlich blieb uns ja immer noch der Pool und Netflix um uns den Aufenthalt zu versüßen (sowie ein voller Kühlschrank, aus dem wir uns das eine oder andere stibitzen). Nicht zu vergessen: Besonders Tilmann bestaunte mit Wonne seine stattliche Sammlung an 18+ Lego Modellen. Das ganze hin und her in dem weitläufigen Muscat ließ uns übrigens über 80 km in der Stadt mit dem Fahrrad bewältigen (die natürlich nicht in die offiziellen Strecken-Statistik einfließen.)

Nach acht Tagen in Muscat brachen wir schließlich wieder auf, obwohl wir nun immer noch nicht wissen, ob uns von Ägypten, Israel oder Libanon ein Schiff über das Mittelmeer bringen kann. Das hört sich unglaublich an, aber alle Fährverbindungen zwischen dem Nahen Osten und Europa bzw. der Türkei wurden im Zuge der Pandemie bzw. aufgrund der schwierigen Situationen in Nahost eingestellt.

Auch in Syrien oder Libyen herrschen weiterhin sehr unsichere Sicherheitslagen und wenn wir den Nil herauf führen, wäre spätestens im Süden vom Sudan Schluss.

Kreuzfahrtschiff nimmt keine Fahrräder mit

Aufgrund dieser ganzen versperrten Wege, erwogen wir mit einem Kreuzfahrtschiff nach Afrika zu fahren. Tatsächlich hätten wir von dort die Atlantikküste hochradeln können und es ohne Flug zurück nach Europa geschafft. (Die Grenzregion zwischen Nigeria und Kamerun hätten wir wahrscheinlich aufgrund von Reisewarnungen mit einem Bus überbrückt, aber ansonsten kann man, es klingt fast unglaublich, die rund 20.000 km durchreisen ohne von akuten Konflikten oder geschlossenen Grenzen aufgehalten zu werden.) Dabei war es bereits sehr schwierig eine Kreuzfahrt zu finden, die meisten fuhren von Dubai aus erst einmal nach Indien und dann nach Afrika, waren entsprechend lange unterwegs und teuer.

Schließlich fanden wir doch noch ein Schiff, die Norwegian Jade, die ab dem 2. Dezember in 19 Tagen von Dubai nach Kapstadt fahren sollte. Der Preis für die Reise war im Vergleich zu anderen Kreuzfahrten sogar relativ erschwinglich und so war unser Interesse ernsthaft geweckt. Aber mehrere Chats mit Mitarbeiter:innen von NCL, eine flehentliche E-Mail und ein abschließendes Telefonat hatten die Rederei nicht davon überzeugen können, dass wir unsere Fahrräder hätten mit an Bord nehmen dürfen. Nur Klappräder waren erlaubt und unsere Erklärung, dass die Räder mit demontierten Reifen in Kartons an Bord gehen würden und bis Kapstadt von uns nicht angerührt würden, vermochten kein Einlenken zu bewirken. Vielleicht war es auch besser so, denn die Entscheidung eine Kreuzfahrt zu unternehmen, hätte uns natürlich auch große Gewissensbisse beschert, da eine Kreuzfahrt dieser Art kein bisschen besser ist, als ein Flug.

Radreise ohne Flugzeug

Wir wollten zeigen, dass eine Weltreise mit dem Fahrrad möglich ist, doch wir haben nur einen kleinen Teil der Welt gesehen. Es stimmt uns traurig, dass so viele Krisen in vielen Ländern herrschen und dass das Flugzeug offenkundig ein immer noch sehr protegiertes Verkehrsmittel ist (der polnische Gast von Luke ist für 40 € von Warschau nach Abu Dhabi geflogen, unsere Fähre von Bandar Abbas nach Schardscha kostete 100 € pP; um nach Indien per Flugzeug einzureisen reicht ein eVisa, auf dem Landweg einzureisen bedarf es eines einmonatigen Aufenthalts bei der Botschaft in Islamabad; Aserbaidschan verbietet die Einreise auf dem Landweg, per Flugzeug gibt es keine Beschränkungen).

Sicherlich hätten wir mit mehr Mut und mehr Geduld weiterkommen können. Wir haben uns aber entschieden keine unnötigen Risiken einzugehen und wollen auch lieber weiterreisen anstatt viel Zeit an ein und dem selben Ort zu verbringen.

Natürlich unternehmen wir diese Reise für uns selbst, aber wir wollen damit nicht Menschen oder Umwelt belasten sondern im Gegenteil sind wir der Überzeugung, dass diese Art zu reisen die Umwelt besonders wenig belastet (wahrscheinlich ist unser derzeitiger CO2-Fußabdruck kleiner, als wenn wir zuhause geblieben wären). Wir hoffen deshalb auch andere Reisende zu motivieren nach Alternativen zu suchen. Ob unsere Reise nun als Appetithappen dienen kann, muss jeder selbst entscheiden. Wir sind nun lange Zeit im mittleren Osten unterwegs, der natürlich einerseits sehr spannend, aber in vielerlei Hinsicht auch sehr speziell ist.

Wir haben nicht nur die für unsere Verhältnisse Ewigkeit in Muscat damit verbracht, zu recherchieren, alle Möglichkeiten abzuwägen und unsere Motivation und unser Gewissen zu befragen und uns letztendlich entschieden uns durch Saudi Arabien zurück auf den Weg nach Europa zu machen. Wir werden also noch einmal für sehr lange Zeit durch die Wüste und trockene Regionen und Länder unterwegs sein. Etwas schade finden wir das schon, denn gerne wären wir noch weiter in andere, entferntere Regionen und Kulturen vorgedrungen und wären auch gerne endlich wieder in grüner Natur unterwegs. Nichts desto trotz steht uns noch immer eine lange Weiterreise bevor, die uns auch weiter wird staunen, schwitzen, lachen, fluchen und hoffentlich weitere Abenteuer erleben lassen.

Hier könnt ihr unsere bisher zurück gelegte Route und (meistens) unseren aktuellen Standort sehen.

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9 Gedanken zu “nächster meilenstein: dschidda 🇴🇲

  1. Liebe Julia, lieber Tilmann, es ist einfach genial was Ihr bisher aus eigener Kraft und mit vielen Strapazen geschafft habt. Und eure Erfahrungen sind sehr wertvoll für alle, die sich so etwas vorstellen können. Unterhaltsam noch dazu 😃 Da es euch aber gerade so schwer gemacht wird, finde ich, ihr könntet es euch auch einmal leichter machen. Es ist doch so eine bedeutende Zeit in eurem Leben. Euer Traumziel musstet ihr aufgeben. Aber wann könntet Ihr Afrika das nächste mal mit dem Fahrrad bereisen? Ihr werdet mit diesem nicht gemachten Flug nicht die Welt verändern. Ihr könnt ja dann in Afrika bei Baumpflanzaktionen helfen. Ich fliege auch nicht seit Jahren, aber ich glaube an eurer Stelle würde ich es dieses eine mal tun. LG Katja

    1. Liebe Katja,
      vielen Dank für deine Nachricht und dass du uns so die Treue hältst. Wir haben allerdings von vorne herein gesagt, dass wir nicht fliegen werden nur um irgendwo hinzukommen wo wir sonst nicht hinkommen würden, sprich nur in Notfällen (medizinisch, Krisen…). Einen Grund für eine Ausnahme kann vermutlich jeder für seinen speziellen eigenen Fall finden, wir wollen aber an dem Punkt nicht von unseren Prinzipien abweichen. Abgesehen davon kann man Afrika ja eigentlich ziemlich gut von Europa aus dem Norden erreichen 😉

  2. Hallo Ihr Beiden,
    es ist sehr schade, dass ihr durch die äußeren Umstände an der Weiterreise gehindert werdet. Ich fühle mit euch die Enttäuschung.
    Vielleicht ist es ein kleiner Trost zu hören wieviel Spaß und Freude mir bis jetzt das Lesen eures Blogs bereitet hat. Wobei ich das “bis jetzt” unterstreichen möchte. Selbst wenn ihr jetzt erstmal die Richtung ändert, steht euch ja noch ein langer weiterer Weg bevor der euch sicher noch viele interessante Erlebnisse bringen wird.
    Ich drücke euch auf jeden Fall die Daumen uns bin gespannt was da noch kommt.
    LG Markus

    1. Lieber Markus,
      schön dass du auch immer noch mit an Bord bist und dich unterhalten lässt 🙂
      Nach anfänglicher Enttäuschung sind wir inzwischen auch längst wieder guter Dinge, zurück auf der Straße. Wie du schon sagst: uns steht ja noch immer eine lange Reise bevor und wir haben noch immer die Möglichkeit viele Male nach links und nach rechts anzubiegen.

  3. Da habt ihr wohl recht. Biegt ihr eben von oben ab. Ich hab euch quasi schon auf dem Rückweg erst durch Sandstürme und dann noch Europas Schneestürme (die hoffentlich noch kommen) radeln sehen. Wie schön, dass ihr wieder Lichtblicke habt.

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