hitze 🇮🇷

Mit dem Fahrrad durch Irans Süden

!Triggerwarnung! in Fotogalerie 5,6 und 7 sind Abbildungen von toten Tieren enthalten!

Tag 182 bis 191 (01.10. bis 10.10.)
Distanz: 696 km
Höchster Punkt: 1.980 m
Tiefster Punkt: 5 m
Rauf: 4.150 m
Runter: 5.710 m

Am 10. Oktober 2022 standen an der Reling am Bug der kleinen Fähre nach Dubai und blickten auf den seicht in tyrkisblau nur wenige Meter unter uns liegenden Persischen Golf. Ja, wir waren ein Stück weit erleichtert es endlich aus dem Iran heraus geschafft zu haben. Das hatte allerdings nichts mit den Unruhen zu tun, von denen wir, wie bereits berichtet, nur in Isfahan eine überschaubare Demonstration mitbekommen hatten. Nein, es war, trotz einigen Höhepunkten einfach verdammt anstrengend gewesen mit dem Fahrrad dieses Land zu bereisen. Der ausgelassenen Stimmung nach zu urteilen, die auch unter den sieben weiteren Radreisenden, die sich an Bord eingefunden hatten, breitgemacht hatte, waren auch diese erleichtert, auch wenn die Motive unterschiedlich gewesen sein mochten.

Von Shiraz aus lagen noch knapp 700 km zwischen uns und dem Persischen Golf, den wir erreichen wollten. Schon in Shiraz hatten wir den Eindruck gehabt, dass wir beim Einkaufen abgezockt worden waren und das sollte sich leider auch auf der Weiterfahrt so schnell nicht ändern. Als wir in einem Krämerladen für ein paar Kleinigkeiten 1,2 Mio Rial hinblättern sollten, hatten wir die Schnauze voll und sahen davon ab, das ausgewählte Warenangebot in einen Einkauf umzuwandeln und ließen den Ganoven mit seiner heißen Ware stehen. Wir hatten bisher nur einmal in in Kurdistan einen zu hohen Preis moniert und damals hatte sich beim „Nachrechnen“ tatsächlich ein neuer Preis ergeben.

Man könnte die Behauptung aufstellen, dass die höheren Preise, die wir ab und an bezahlten mit den ganzen Geschenken, die wir bekamen, ausgeglichen würden. Aber Geschenke solle ja Geschenke bleiben und nicht Ausgleichszahlungen sein. Nach 6 Wochen Iran können wir ein deutliches Plus auf der Geschenke-Seite verzeichnen, so dass die Freude am Beschenkt werden nicht getrübt wurde. Uns war es jedenfalls lieber in richtigen Supermärkten einzukaufen (wo es aber leider nie Obst, Gemüse oder Brot gab), wo die Waren eingescannt wurden und keine Möglichkeit (und Wahrscheinlichkeit) für Betrug gegeben war. Meistens fielen hier unsere Einkäufe günstiger aus. Kurioserweise kauften die Iraner und Iranerinnen nur selten in Supermärkten ein, wir waren häufig die einzigen Kunden. Vielleicht auch ein Indiz, dass wir in Krämerläden den Touristen-Aufpreis bekamen. „Größere“ Supermärkte (ein großer Supermarkt entspricht einem kleinen deutschen Supermarkt, die meistens ReweCity sind sogar größer) waren aber nur rar gesät.

Als wir Shiraz verließen hupte uns ein vollbesetzter weißer Saipa an, aus dem heraus uns der etwas retro anmutender Beifahrer mit Seitenscheitel, Sonnenbrille und rotem Jacket ansprach. Er und die anderen Insassen des Wagens waren offenbar bester Laune und da der Beifahrer relativ okes Englisch sprach, wurden wir nicht nur nach unserer Herkunft und unserem Wohlbefinden gefragt, sondern auch ob wir irgendetwas bräuchten, Hilfe zum Beispiel. Da wir ja soeben ein Städtchen verlassen hatten, indem es alles gab und wir uns um alles wonach es uns verlangte hätten kümmern können lehnte Tilmann freundlich dankend ab, bat dann aber doch um eine Kleinigkeit: Er bat die gut gelaunte Truppe Radreisende zukünftig nicht mehr anzuhupen, sondern nur so zu grüßen, da dies auf Dauer ziemlich anstrengend sei und man sich zudem regelmäßig regelrecht erschreckte. Der lässige retro Mitfahrer nickte zustimmend verabschiedete sich und mehrmals hupend brauste der weiße Pkw davon.

Am Nachmittag erreichten wir einen Berg, der uns steile 450 Höhenmeter abverlangte. Als Tilmann wenige Höhenmeter vorangekommen war, hupte ihn ein grüner Lkw an, den er zuvor überholt hatte und bedeutete ihn er solle sich von ihm hochziehen lassen. Da es sich um eine Premiere handelte, war das leichter gesagt als getan und nach einigen gescheiterten Versuchen entschied sich Tilmann dazu, sich am vorderen linken Blinker abzustützen. Nach einer Weile missfiel dies dem Fahrer jedoch und er deutete an, dass der Außenspiegel besser geeignet sei. An ein bloßes Dranhängen war aber nicht zu denken, dafür war das Gewicht der Kombination aus eigenem Körper und bepacktem Fahrrad viel zu schwer. Daher trat Tilmann weiterhin mit, was ebenfalls vom Fahrer missbilligt wurde. Dennoch kamen beide gemeinsam gut auf dem Gipfel an. Da es für Tilmann unmöglich war, in dieser Situation ein Foto zu machen und Julia nicht Zeuge des Ereignisses war, bleiben wir die bildliche Dokumentation dieses Ereignisses schuldig, lediglich ein Selfie als Lkw und Tilmann bereits wieder getrennter Wege fuhren können wir anbieten. Jedenfalls war Tilmann, oben angekommen, trotzdem ziemlich fertig und fragte sich deshalb, ob sich das Unterfangen eigentlich tatsächlich ausgezahlt hatte. Als er dann aber die Zeit, die er bis Julias Eintreffen auf dem Gipfel auf sich wirken ließ, stellte sich die Frage irgendwann nicht mehr.

Unser Nachtlager richteten wir auf einem Acker ein, wo gegen 22 Uhr ein Auto über den Feldweg angehoppelt kam, seine Scheinwerfer auf unser Zelt richtete und mehrfach hupte. Seine Hartnäckigkeit ließ uns zunächst vermuten, dass es einen dringlichen Grund gab, dass er uns zum Verlassen der Agrarfläche überreden wollte, z.B. eine bevorstehende Flutung oder Umpflügung vor Sonnenaufgang. Ein verständlicher Austausch war mal wieder unmöglich. Da uns am Abend bereits ein Landwirt gesehen hatte, der keine Einwände zu unserem Zeltplatz hatten und wir außerdem todmüde waren, entschieden wir uns, dieses Risiko auf uns zu nehmen und blieben. Als auch am nächsten Morgen keine Gefahr in Sicht war, wurde uns endgültig klar, dass der Störenfried uns nur aus reiner Gastfreudigkeit mitten in der Nacht in seine Käsehütte locken wollte.

Am 183 Tag unserer Reise fuhren wir weiter durch die südlichen Ausläufer des Zagros Gebirges. Morgens, kurz hinter dem Städtchen Meymand, das offenbar für den dort hergestellten Essig berühmt war, forderte uns ein verwegen dreinblickender Fahrer eines verrosteten Peugots zum Anhalten auf. Er griff zu einer 1,5 Liter Flasche mit tief roter Flüssigkeit, während er uns verschwörerisch zulächelte. Wir rechneten also mit schwarz gebranntem Schnaps oder selbst gekeltertem Wein, hatten an beidem wenig Interesse hofften aber auf zweiteres. Vielleicht zögerten wir einen Augenblick zulange, denn kurz bevor er uns die Buddel reichte, griff er noch zu einer Flasche klaren Inhalts, mit dem er dann die für uns bestimmte Flasche auffüllte. Die Geruchsprobe brachte uns zur Vermutung, dass er Wein mit Schnaps gestreckt hatte und anstatt das üble Gebräu gleich zu entsorgen schleppten wir die zusätzlichen 1,5 Liter sinnlos den ganzen Tag mit uns, nur um am Abend festzustellen, dass es wirklich ungenießbar war. Wir hatten uns sowieso vorgenommen, im Iran keinen Alkohol mehr zu trinken, da ein relatives hohes Risiko besteht, aufgrund der selbstgepanschten Säfte zu Erblinden.

Während wir nun weiter fuhren merkten wir, dass es langsam aber stetig immer heißer wurde. Wenn wir zu Anfang unseres Iranaufenthaltes von Einheimischen immer wieder darauf hingewiesen wurden, dass es an unserem Ziel Bandar Abbas wirklich heiß wäre, hatten wir das aus zweierlei Gründen nicht so ganz ernst genommen: Erstens war es ja bereits im Norden relativ heiß und der Wetterbericht zeigte für den Süden nur wenige Grad mehr an und zweitens sollten bis zu unserer Ankunft ja noch einige Wochen in Richtung Herbst vergehen. Wir begannen nun langsam zu ahnen, dass wir uns getäuscht hatten. Bei unseren Überlegungen hatten wir zwei Dinge nicht beachtet: Die viel höhere Luftfeuchtigkeit im Süden und dass es nachts nicht mehr abkühlt. Beides führt zu einer höheren gefühlten Hitze, auch wenn die Temperatur nicht wesentlich höher ist. Der Baumbestand wurde nun von Palmen dominiert, woran wir erkennen konnten, dass es in dieser Gegend auch im Winter nicht allzu kalt sein konnte.

Aufgrund dieser gefühlten Hitze waren wir abends doch reichlich erschöpft und hielten die geleisteten 110 km für mehr als ausreichend. Den Schlussstrich unter einen unaufgeregten und angenehmen Tag an einem für iranische Verhältnisse relativ guten Schlafplatz in Mitten eines Aufforstungsgebietes, setzte der geniale Plan von Tilmann zu filmen, wie wir die Schnapsflasche platzen ließen, indem wir sie aus hohem Bogen auf den Boden fallen ließen. Um nah genug mit der Kamera dran zu sein, warf er sie jedoch quasi direkt vor unsere Füße, sodass ihr Inhalt Fahrräder, Taschen und unsere Klamotten bespritzte. Dafür war das Video immerhin sehr unspektakulär und nicht zur weiteren Verwendung geeigent. Leider gab es in dieser Gegend nur selten die Möglichkeit unsere Wasservorräte aufzufüllen, weshalb wir häufig auf das Waschen von Körper und Kochgeschirr am Abend verzichten mussten. Wir schlüpften also verschwitzt und mit Wodka-Wein verklebt in unser Zelt. Auch zur Versorgung mit Trinkwasser, mussten wir in diesen Tagen auch darauf zurückgreifen, ein Auto anzuhalten und wurden von dem Fahrer freudig mit Wasser versorgt.

Wir fuhren mittlerweile auf einer kleinen Landstraße in einem langgezogenen Tal zwischen den Highways 67 und 94, die sich in Lar treffen sollten, wodurch wir in schöner Landschaft auf einer wenig befahrenen aber gut ausgebauten Straße unsere Ruhe hatten. In der Ebene lagen zwei große saisonale Seen, die in dieser Jahreszeit natürlich kein Wasser hatten und wir nur trockene weite Ebenen vorfanden. Wenn wir bergab fuhren, wehte uns, wie es nun einmal die Natur der Dinge ist, der Fahrtwind um die Ohren, allerdings ließ er keine Erfrischung zu, da er uns heiß wie aus einer Flugzeugturbine um die Ohren sauste.

Zu den Palmen gesellte sich als neues Landschaftsmerkmal nun kleine Häuschen mit spitz-gewölbter Kuppel, die als Wasserspeicher dienten und wieder einmal an die Bauweise auf Tatooine erinnerten.

Die Hitze forderte ihren Tribut und wir entschieden uns, dass es, obwohl wir das Hostel in Shiraz erst vor drei Tagen verlassen hatten, wieder Zeit für eine Dusche wäre. Da wir an diesem Tag bereits 5 Übernachtungseinladungen ausgeschlagen hatten, rechneten wir damit, dass wir ohne Probleme eine weitere Einladung herauskitzeln konnten. Wir entschieden uns in Bidshahr abschleppen zu lassen, was sich mal wieder als ein Selbstläufer herausstellte. Schon am Eingang des Ortes wurden wir angesprochen und so fragten wir scheinheilig, ob es wohl in der Moschee ein Hamam gäbe.

Selbstverständlich lud uns Sami aber gleich zu sich nach Hause ein und wir freuten uns endlich einmal einen Gastgeber zu haben, mit dem wir uns einwandfrei auf Englisch verständigen konnten und im Vergleich zu anderen Einladung auch unsere Wünsche berücksichtigt wurden. So durften wir zuerst duschen. Er erklärte uns, dass in diesem Teil der Provinz Fars fast jeder (Mann) Englisch spräche, da 90 % der hier Ansässigen, so auch er, in Dubai arbeite. Es war ein wirklich angenehmer Abend, denn neben ihm, seiner Frau und seinen beiden Kindern kam nur noch sein Cousin hinzu, der ebenfalls in Dubai arbeitete. Zudem entließ er uns bereits um halb neun ins „Bett“, obwohl er selbst noch bis drei Uhr wach blieb. In einem separaten Raum schliefen wir auf dem prachtvollsten Teppich, der uns im Iran überhaupt unterkommen sollte, wunderten uns aber auch hier warum der gesamte Innenhof die ganze Nacht über hell erleuchtet blieb.

Ebenso rätselten wir wozu die absurd hohen Mauern nötig sein sollten, die auch noch mit Stahlzinken gekrönt waren, wo er doch nach eigenen Angaben mit dem ganzen Dorf verwandt war und der Iran ohnehin sehr sicher sei. Ohnehin sollten wir trotz nicht bestehender Sprachbarrieren auch mit ihm und seinem Cousin nicht viel zur Völkerverständigung beitragen. Unsere Fragen über sein Leben zwischen Iran und Dubai wurden ebenso wenig befriedigend beantwortet wie Sami ein ernsthaftes Interesse an uns zu haben schien. Während des gemeinsamen Abendessens, ließ er sich regelmäßig vom laufenden Fernseher ablenken, sodass wir überwiegend mit seinem Cousin sprachen.

Seine Frau hatte zum Abendessen Hähnchen-Sandwiches gemacht, die wir ablehnten. Gerne wollte sie uns etwas anderes zubereiten, was wir natürlich als nicht nötig erklärten (wir hatten bereits Unmengen an Obst, Nüssen und Keksen bekommen und waren davon auch satt geworden). Als sie darauf bestand, jedoch ratlos war, was sie ohne Fleisch zubereiten könnte und wir einfach gebratenes Gemüse mit Reis vorschlugen, war sie nicht einverstanden. Es wurde dann eine Ash zubereitet, über die wir uns natürlich freuten, Sami entschuldigte sich jedoch zwei mal, dass diese mit Fleischeinlage viel besser schmecke. Die Frau von Sami (die auch seine Cousine ist), war sehr konservativ gekleidet, viel Stoff umhüllte ihren Körper, nur ihr Gesicht war sichtbar. Sie blieb im Hintergrund und ließ bei der Verabschiedung übersetzen, dass es ihr leid tue, dass sie kein Englisch spreche und nicht mehr zu Essen zubereitet habe. Wir mussten sie überreden, mit aufs Foto zu kommen, obwohl sie nach eigenen Angaben, nicht hübsch genug gekleidet sei. Ihr unterwürfiges Verhalten erschreckte uns und ließ uns trotz der netten Begegnung mit einem unguten Gefühl davon fahren. Obwohl die Männer durch ihre Arbeit in Dubai eine sehr facettenreiche Gesellschaft kennen, bleibt das Leben in ihren Dörfern im Iran offensichtlich sehr konservativ.

Am nächsten Tag kamen wir dann doch einmal mit der Polizei in Kontakt und zwar gleich mehrmals. Inwieweit das mit den Protesten im Land zu tun hatte können wir nicht beurteilen. Morgens hielt uns ein uniformierter Polizist an einem Kreisverkehr an, der unsere Pässe verlangte, uns aber dann weiterziehen ließ. Von uns sonderbaren Prüflingen angezogen, hatte sich einfach ein älterer Herr zu der Kontrolle gesellte und redete munter auf den Polizisten ein während dieser seine Arbeit verrichtete.

Am frühen Nachmittag suchten wir im Schatten eines dieser konischen Wasserhäuschens für eine Weile Schutz vor der Hitze und wurden als wir gerade im Begriff waren weiter zu fahren, erneut von uniformierten Polizisten angesprochen und zur Herausgabe unserer Pässe aufgefordert. Unsere Kühlergrillfiguren schienen ihnen nicht sonderlich zu gefallen. Sie machten insgesamt einen mürrischen Eindruck und blätterten stundenlang in unseren Pässen herum, bis wir vorschlugen unsere Visas ebenfalls vorzuzeigen (denn die iranischen Grenzbeamten waren so freundlich die Pässe frei von kritischen Stempeln zu lassen). Beide sprachen zwar kein Wort Englisch, konnten uns aber zu unserem Unmut klarmachen, dass sie gedachten die Pässe mit aufs Revier zu nehmen, dort alles zu prüfen und abzutippen, sodass wir sie anschließend dort abholen könnten.

Dies gefiel uns nun freilich überhaupt nicht und mit ein wenig Gestammel und Zeichensprache konnten wir sie überzeugen, dass das nicht nötig sei. Schließlich half einfach etwas mit ihnen nett zu „plaudern“ und sie gaben uns die Pässe zurück. Sie gestikulierten allerdings etwas, was unserer Interpretation nach bedeuten sollte, eine andere Streife würde hierher kommen und sich unserer annehmen, von einem Sahid war offenbar die Rede. Wir fuhren natürlich trotzdem weiter, sobald der Streifenwagen außer Sichtweite war und kämpften uns unter der sengenden Sonne mal wieder einen steilen Anstieg hoch. Kaum hatten wir damit begonnen hielt ein schwarzer Peugot am Straßenrand neben uns. Der Fahrer stellte sich als Sahid vor und erklärte er sei Polizist, er war in zivil. Wir wir lernten, sollte man sich vor allem vor den zivilen Polizisten in Acht nehmen, da diese vom Geheimdienst sein könnten. Wir durften jedoch weiterfahren, der Wagen folgte uns zunächst im Schneckentempo, überholte aber nach einer Weile. Hinter einer Kurve wartete er erneut, wies uns aber auf unsere Frage hin an weiter zu fahren. Auf dem Gipfel warteten sie erneut auf uns, diesmal um ein Selfie mit uns zu schießen.

Bekanntermaßen kommt es vor, dass Touristen in iranischen Gefängnissen landeten und der Spionage oder Anstifterei zu Unruhen verdächtigt wurden. Ohne die Details in diesen Fällen zu kennen, soll es vorkommen, dass der Geheimdienst nach den kleinsten Vergehen sucht, um Ausländer festzusetzen, damit die Regierung behaupten kann, es bestünde eine Bedrohung des Landes von außen. Gerade in Zeiten, wie jetzt, wenn der Machterhalt in Gefahr ist, wird gerne auf solche Mittel zurückgegriffen. Dabei kann z.B. der verbotene Konsum von Alkohol zur Verhaftung führen. Deshalb gilt für Reisende im Iran, sich immer regelkonform und möglichst unauffällig zu verhalten.

Wir waren etwas beunruhigt, fragten uns, was das alles sollte und wollten daher keinen Fehler machen. Daher fuhren wir in der nächsten Stadt angekommen brav hinter den Zivilpolizisten her, obwohl es eine Abkürzung durch die Nebengassen gegeben hätte. Schließlich hielten wir, um an einem Wasserspender unsere Vorräte aufzufüllen. Das hatte den beiden Zivilpolizisten offenbar genug Beweise geliefert, dass wir vollkommen harmlos waren und so überholten sie und verabschiedeten sich. Wir fuhren etwas irritiert weiter und kamen zu dem Schluss, dass den Polizisten wohl langweilig gewesen war, sie uns ein bisschen interessant fanden und ein bisschen Spaß daran hatten, uns ein wenig Angst zu machen. Vielleicht sind wir aber auch nur knapp einer Verhaftung entkommen.

Abends kamen wir dann nach Shahr-e Ghadim, wo wir mal wieder für mächtig Aufsehen sorgten. Das führte zwar dazu, dass wir unser Gemüse nicht bezahlen mussten, obendrein noch einige Granatäpfel geschenkt bekamen (die wir teilweise an Kinder weitergaben) und sich zwei Herren beim Brotverkauf (keine Noppenfolie) darüber stritten, wer für uns das Brot mit seiner Kreditkarte bezahlen dürfte. Brot ließ sich oft nur mit iranischer Kreditkarte bezahlen (die wir natürlich nicht hatten), was gemessen an dessen Wert (eine Lage Noppenfolie kostete 2 bis 3 Cent) besonders absurd erschien. Einer wollte dann (zu viel) Geld von uns, der andere wollte uns das Brot ausgeben und zu unserem Vorteil setzte sich zweiterer durch.

Wasser auftreiben gestaltete sich jedoch schwierig, denn plötzlich teilte uns jeder mit, dass das Leitungswasser nicht trinkbar sei, was im Iran vorher niemals Thema gewesen war. Es sollte allerdings dabei bleiben bis Bandar Abbas. Ein Ladenbesitzer füllte uns einen Liter aus eigenen Vorräten ab, verschwieg uns allerdings das nebenan eine Trinkwasserabfüllanlage war von wo aus per Pickup das Wasser ausgeliefert wurde. Glücklicherweise fanden wir das auch selber raus und konnten uns so endlich auf Schlafplatzsuche machen. Abseits der Hauptstraße war es nicht schön, allerdings bereits dunkel und wir machten erstmals Bekanntschaft mit Sandflöhen, als wir uns erschöpft in den Schlaf schwitzten. Übrigens mussten wir uns in diesen Tagen unseren Durst fast ausschließlich mit heißem Wasser stillen, da selbst wenn gekühltes Wasser aufzutreiben war, dieses einmal in unsere Flaschen abgefüllt binnen Minuten annähernd Siedetemperatur erreichte.

Der 186. Tag sollte uns wieder in sehr dünn besiedeltes Wüstengebiet führen. Nach etwa 50 km war es dann soweit, wir überschritten die 10.000 km Marke unserer Reise. (Hierzu ist allerdings zu erwähnen, dass wir insgesamt schon mehr Kilometer gemacht haben, aber wir zählen für diese „Statistik“ weitestgehend nur jene Distanzen, die wir tatsächlich „vorwärts“ reisen. Wenn wir einige Tage in Städten bleiben und dort mit dem Fahrrad hin und her fahren, zählen wir das ebenso wenig mit, wie viele Abstecher von der eigentlichen Reiseroute.) Die 10.000-Marke war nun leider, aber da wir im Iran waren, nicht sonderlich überraschend, vollkommen unspektakulär und sogar unschön. Irgendwo am Highway 94 donnerte ein 40 Tonner nach dem anderen an uns vorbei, während wir für das Fotoshooting aus Steinen eine 10.000 formten. Die LKWs waren so schnell unterwegs, dass schließlich Julias Fahrrad von der zur Seite geschleuderten Luft umgeschmissen wurde. Spätestens da reichte es uns und wir sahen zu, dass wir schnell ein paar Bilder und ein Video machen konnten und machten uns davon. Im Anschluss mussten wir uns nach wenigen hundert Metern unter einem der spärlich vorhandenen Bäume erst einmal eine Pause gönnen. Hier nervte nicht mehr nur das Dröhnen des Verkehrs, sondern auch unzählige Fliegen, die uns von nun an bei eigentlich jeder Rast die Erholung erschweren sollten.

Wenig motiviert in der Sonne und Hitze durch die Wüste und auch noch bergauf weiterzufahren, wurden wir dann aber überraschend mit spektakulären Aussichten belohnt. Auf Fotos kaum in seiner schroffen Schönheit abbildbar, sind die hügeligen Wüstenlandschaften, die in verschiedenen Farben und Formen viel Abwechslung bieten, wirklich beeindruckend und das Radeln machte bergab dann doch richtig Spaß. Da es nun deutlich runter ging, merkten wir aber auch, dass die Hitze mit Verlust der Höhenmeter weiter zunahm.

Da wir dem Meer nun so nah waren, blieb es nicht bei der Hitze, es wurde nun extrem schwül. Am frühen Morgen erreichten wir eine Art Autobahnraststätte, wo wir uns wuschen und Tilmann auch sein heiß geliebtes McKINLEY Hemd (das er im Iran fast ausschließlich trug) auswusch, auch um es zwecks Erfrischung nass wieder anzuziehen. Der dünne Stoff aus Polyester trocknet aber davon abgesehen ohnehin binnen Sekunden, dazu reicht es eigentlich, wenn der Träge an einen Moment denkt, indem die Sonne unvermittelt durch eine Wolkendecke bricht. An diesem Tag sollte es jedoch nicht mehr trocknen, denn von innen wie von außen setzte ihm die Luftfeuchtigkeit erheblich zu.

Wir brausten nun dem Perischen Golf entgegen und sahen unser erstes Kamel auf unserer Reise (mal abgesehen von den zur Verzierung vor Persepolis drapierten Kamele), das jedoch leider tot am Straßenrand lag. Unsere Wasservorräte gingen langsam zur Neige und wir ärgerten uns über die ignoranten Autofahrer, die plötzlich nicht ein einziges Mal mehr ausgebremsten, um uns mit Eiswasser zu versorgen. Tilmann hatte die Hitze der vergangenen Tage ziemlich zu schaffen gemacht und so schleppte er sich nur mühsam bis nach Bandar-e-Pol, von wo wir die Fähre auf die Insel Qeshm nehmen wollten. Wir schrieben Donnerstag, den 6. Oktober und die nächste Fähre nach Dubai sollte unseres Wissens erst am kommenden Dienstag, 11. Oktober fahren. So lange wollten wir nicht in der Stadt Bandar Abbas verbringen, von der wir uns nicht sonderlich viel versprachen. So war der Plan die letzten Tage im Iran auf der mit knapp 1.500 km² größten Insel in der Straße von Hormus auszuharren und ggf. noch einen Abstecher auf die Insel Hormus zu machen.

Die kurze Fahrt mit der Fähre war für uns umsonst und schnell hatten wir das iranische Festland fürs erste verlassen. Mittlerweile war das Klima unerträglich geworden: Stellt euch vor im Winter mit dickem Mantel, Schal und Stiefeln ein Hallenbad zu betreten. Leider konnten wir dieses Hallenbad nicht mehr so schnell verlassen und auch die Klamotten abwerfen war keine Option. Die Klamotten hingen wie nasse Lappen an uns, durchdrängt von unserem Schweiß und der Luftfeuchtigkeit. Nichts trocknete mehr. In Bandar-e-Laft wollten wir deshalb in einem Hotel absteigen. Dieses war auf Googlemaps verzeichnet, dort angekommen wusste aber niemand von einem solchen.

Irgendwann fand Julia aber doch einen Kundigen, der Ladenbesitzer dessen Geschäft das Nachbarhaus zum Hotel war, war sich seiner Existenz jedoch nicht bewusst gewesen. Nun, es gab auch kein Schild, dass darauf hinwies, was sich hinter diesem Tor befand, das nun von einem per Telefon Herbeigerufenen für uns aufgesperrt wurde. Inzwischen waren drei Männer in das Unterfangen einbezogen worden.

Der Innenhof, an den offenbar einige Gästezimmer angrenzten war auch ganz hübsch und hatte sogar eine Bar zu bieten. Allerdings waren offensichtlich gerade keine Gäste anwesend und auch kein Personal, weshalb wir auf ein gutes Geschäft hofften. Da sich die beiden anwesenden Parteien jedoch nicht auf eine gemeinsame Geschäftssprache einigen konnten, musste die Eigentümerin des Etablissements ans Telefon bemüht werden. Sie teilte uns den saftigen Preis von 40 € pro Nacht mit. Wir ließen uns daraufhin zunächst das Zimmer zeigen und waren einigermaßen entsetzt, um was für eine dunkle, feucht-kühle Gruft von zweifelhafter Sauberkeit es sich handelte. Erneut ließen wir uns zu der Besitzerin verbinden und erklärten, dass wir den Preis für zu hoch hielten. Mit dem Hinweis darauf, dass sie so viele Gäste hätte, lehnte sie es jedoch ab uns ihre Herberge auch zu einem günstigeren Preis zur Verfügung zu stellen. So wurde das Hotel wieder abgeschlossen und blieb für heute und wahrscheinlich auf für die Zukunft komplett ohne Gäste.

Entnervt verließen wir das gottlose Kaff, nachdem uns die vor der Moschee herumlungernden Jugendlich schon wieder ordentlich auf die Nerven zu gehen begannen. Ein gescheiter Wildzeltplatz sollte sich aber auch nicht so ohne weiteres finden und so kamen wir schließlich neben einer Werft bei einbrechender Dunkelheit zwischen Bauschutt und Holzabfällen zur Ruhe. Immerhin waren aufgrund der Dunkelheit die Fliegen bereits verschwunden, hatten den Sandflöhen allerdings das Parkett überlassen. Auch ein seltsames Meereslebewesen, eine Art Assel von etwa drei Zentimeter Länge mit Fühlern und Schwanz, die eher von einem anderen Stern zu stammen schien und sich wohl während der Flut zwischen den Bauschutt verirrt hatte, krabbelte über Tilmanns Bauch.

Wir fühlten uns nicht nur körperlich komplett ausgelaugt und brauchten nun dringend Abkühlung, eine Dusche und mal wieder ein richtiges Bett. Daher fuhren wir Schnur stracks gen Osten auf den Hauptort der Insel, ebenfalls Qeshm benannt, zu. Die 50 km auf dem Highway verlangten uns aufgrund unserer schlechten Verfassung und des Gegenwindes einiges ab und so waren wir heilfroh, als wir ziemlich ermattet die angenehm klimatisierte Lobby des Hotel Arta betraten. Der Boden war so glatt poliert, dass wir auf dem Weg zur Rezeption eine kleine schlitternde Showeinlage zur allgemeinen Belustigung abliefern konnten. Dort trafen wir erneut auf Iris und Jan, die den größten Teil des Wegs von Shiraz hierher mit dem Bus hinter sich gebracht hatten. Nun erfuhren wir auch, dass die Fähre nach Dubai bereits am Montag, 10. Oktober fuhr und die Tickets auf jeden Fall einen Tag vorher zu besorgen seien. Ferner erfuhren wir, dass Lars (den wir ebenfalls in Shiraz wiedergetroffen hatten) derzeit auf Hormus sei und ebenfalls am Montag auszureisen gedachte. Wir planten daher um und entschieden bereits am morgigen Samstag nach Bandar Abbas zu fahren und damit die iranischen Golf-Inseln nicht weiter zu beradeln, auch wenn wir nun vermutlich nur die unattraktiven Seiten gesehen hatten. Wir hatten genug von diesem Land und unsere Entdeckerlust war auf dem Nullpunkt.

Am Abend wollten wir uns zur Abwechselung mal wieder etwas gönnen und gedachten uns in der nahegelegenen Mall eine Pizza zu genehmigen. Dort angekommen stellten wir fest, dass der vorher ausgekundschaftete Pizza-Imbiss jedoch nicht mehr ansässig war, obwohl sämtliche Beschilderung noch vorhanden war. In der Mall wimmelte es vor allem von Jugendlichen, die sich besonders gerne um die lautstark piependen und trällernden Spielautomaten scharten. Zwar gab es auch an einigen anderen Imbiss-Restaurants Pizza, wir waren aber nicht überzeugt, dass wir es schaffen würden, unsere speziellen Wünsche (kein Fleisch) zu vermitteln, da sämtliche Karten ausschließlich auf Farsi waren und die angesprochene Bedienung auch kein einziges Wort Englisch sprach. Schon waren wir auf dem Rückzug, als wir es nun doch versuchen wollten und noch einmal umkehrten.

Tatsächlich zog einer der Mitarbeiter eines anderen Ladens auch ein englisches Menü aus irgendeiner Schublade. Zunächst erfreut, waren wir schon wenige Augenblicke später wieder genervt, da es sich offensichtlich um eine vollständig andere Karte handelte, Preise und Anzahl der Gerichte waren mit der Farsi-Karte nicht in Einklang zu bringen. Plötzlich erschien eine Kollegin hinter der Theke, die uns die Karte, mit deren Studium wir offensichtlich noch beschäftigt waren, einfach wegriss, diese kurz ansah und dann mit der Rückseite und nicht in unsere Richtung gedreht wieder auf den Tresen zurück legte. Tja, leider leider riss Tilmann dann auch schon wieder der Geduldsfaden und wir suchten hungrig und genervt das Weite.

Vor der Mall fanden wir dann einen Straßenverkauf, der sich City-Falafel nannte. Mit Falafel-Sandwiches hatten wir relativ gute Erfahrung gemacht und wir bestellten zwei. Der Mitarbeiter bestätigte „Falafel“ und zeigte dann auf einen Eintrag der Karte, dessen Preis zwar dreifach oberhalb des normalen Preises lag, aber geschenkt. Nun mussten wir erstaunlich lange warten und bissen nach etwa 20 Minuten gierig in die prall gefüllten Baguette-Brötchen. Schon beim ersten Bissen stellten wir fest, dass wir unsere Zähne in irgendeine Hackfleisch-Frikadelle geschlagen hatten und reklamierten natürlich umgehend. Da wir aber keine Lust mehr hatten erneut 20 Minuten zu warten und uns zurück in unser klimatisiertes Hotelzimmer sehnten, verzichteten wir auf Ersatz, kauften beim nächsten Krämerladen ein, was diese halt so hergab und bereiteten uns zurück in der angenehmen Kühle einen 3D-Salat. Unsere ohnehin strapazierten Nerven hatte dieser abendliche Ausflug nicht gut getan.

Das Hotel war immerhin gut, besonders das reichhaltige und abwechslungsreiche Frühstücksbuffet. Wir reizten unseren Aufenthalt daher aufs Maximum aus und fuhren erst am Nachmittag mit der Fähre nach Bandar Abbas. Obwohl wir ein Ticket am offiziellen Schalter gelöst hatten, wobei wir auf unsere Fahrräder hingewiesen hatten, verlangte das Bordpersonal nach dem Verladen zusätzliches Geld für den Transport der Fahrräder. Wir blieben allerdings standhaft und entginge so den zusätzlichen Kosten, hatten aber in der Folge während der ganzen Überfahrt Sorge bezüglich des weiteren Umgangs der Crew mit unserer kostbaren Fracht. Bei dem Wellengang sahen wir unsere Räder auch schon auf dem Grund des Persischen Golfs liegen.

Die Räder blieben allerdings heil (fürs erste, dazu aber später mehr im kommenden Beitrag) und wir erreichten in Bandar Abbas angekommen schnell das richtige Reisebüro, um das Fährticket nach Dubai zu erwerben. Danach genehmigten wir uns jeweils zwei Falafel-Sandwiche (diesmal fleischlos) an einem stilechten Straßenverkauf und beobachteten die merkwürdigen hexenhaft anmutenden alten Damen mit Schleier und goldener Maske, vor denen wir bereits gewarnt wurden, da sie lange Finger hätten. Und ja, sie waren uns nicht geheuer, als sie nah an unsere Räder herankamen, um diese zu betasten.

Eine nette Begegnung hatte allerdings Julia mit zwei aufgeweckten afghanischen Jungs, die sich nachts mit Autoscheibenputzen über Wasser hielten, während Tilmann sich für 66 Cent seinen gerissenen Schuh (eigentlich wollte er sich schon in Tbilisi ein neues Paar besorgt haben) von einem pakistanischen Straßenschuster nähen ließ. Bandar Abbas, die als Hafenstadt viele verschiedene Menschen aus aller Herrenländer versammelte, gefiel uns tatsächlich besser als befürchtet!

Den letzten vollständigen Tag verbrachten wir zur Hälfte in dem Park, in welchem wir auch schon die Nacht verbrachten. Nach den Strapazen der letzten sechs Wochen, wollten wir uns in Dubai mal so richtig gönnen und suchten ein entsprechendes Hotel, was aufgrund der gehemmten Internetverbindung und unserer Entscheidungsunfähigkeit etwa sechs Stunden in Anspruch nahm und wir am Ende die Buchung nicht mal abschließen konnten. Dankenswerterweise sprang einmal wieder Christoph ein und übernahm (bis auf weiteres) auch gleich die Rechnung, da er der Meinung war, dass wir uns nicht genug gönnten. Ehrenmann!

Wir machten uns dann auf den Weg in Richtung Hafen, der weit außerhalb westlich der Stadt lag. Auf dem Weg dorthin fanden wir zu unserem maßlosen Erstaunen (zwar über Googlemaps, aber dennoch nicht minder erstaunlich) ein veganes Restaurant, das wir natürlich noch aufsuchten und sehr zufrieden wieder verließen. Nach einigen Einkäufen, bei denen wir nun jedes mal sobald kein Barcode-Scanner im Spiel war das Gefühl hatten beschissen zu werden, waren wir bis auf ein paar Krümel unser gesamtes iranisches Geld los.

Nach der bereits im Beitrag Akklimatisierung angesprochenen unerfreulichen Begegnung mit dem hitlerverehrenden Soldaten, trafen wir Lars in einem Park unweit des Hafens direkt am Meer, wo wir gemeinsam die letzte Nacht verbringen wollten. Hier machten wir noch einmal ausgiebig Bekanntschaft mit den unzähligen auf und ab durch das gesamte Land knatternden Motorrädern, mit denen insbesondere junge Iraner jede Strecke zu absolvieren scheinen. Anstatt eines Spaziergangs wird eine Spazierfahrt auf dem Motorrad unternommen.

Dank Oropax konnten wir aber auch diese letzte Nacht überstehen und brachen am nächsten Morgen früh und beschwingt zum Hafen auf. Unterwegs stießen bereits auf der Straße weitere Radreisende zu uns und zwar eine vierköpfige französische Familie, die wir zuletzt kurz bei einem Fahrradladen in Kutaesi, Georgien getroffen hatten.

Am Hafen angekommen stieß noch ein holländischer Radfahrer zu uns und schließlich noch Moritz, der am exakt selben Tag wie wir von Mainz aus losgefahren war, wobei er sogleich eine andere Route eingeschlagen hatte als wir, da er zunächst Rhein und Neckar folgte. Es hatte 191 Tage und über 10.000 km gedauert bis wir uns über den Weg radeln sollten.

Während wir uns am Hafenkiosk ein letztes mal abzocken ließen und so auch unsere letzten Lappen los waren, war Lars ein wenig in Sorge, ob wir ungehindert ausreisen dürften oder die iranischen Sicherheitskräfte vielleicht unsere Telefone untersuchen oder uns ins Kreuzverhör nehmen würden. Moritz und wir waren da jedoch unbedarft und wir konnten schließlich die Ausreisekontrolle alle unspektakulär einfach hinter uns lassen. Wir bestiegen die kleine Fähre, die ausschließlich dem Passagierverkehr vorbehalten war und bald stach das Schiff in See. Wir hatten es geschafft!

Wo wir am Anfang so viele schlechte Worte über dieses Land verloren haben, das so viele Reisende vor uns in seinen Bann gezogen hatte, wäre es an dieser Stelle vielleicht angebracht eine Bilanz zu ziehen. Nun, viele Worte wollen wir jedoch nicht verlieren, denn vieles haben wir ja schon gesagt. Zwar ging es nach dem Schock der ersten zwei Wochen zwischendrin deutlich bergauf, jedoch zuletzt auch wieder etwas bergab.

Der Iran ist wohl einfach nicht das richtige Land für uns gewesen. Zum einen ist es objektiv etwas schwierig mit dem Fahrrad zu reisen, zum anderen sind wir, und das ist ja nun einmal hochgradig subjektiv, mit der Mentalität der Menschen bis zuletzt nicht wirklich zurecht gekommen. Die Landschaft empfanden wir als überwiegend eintönig und die Städte nur selten und wenn dann nur punktuell sehenswert.

Jan und Iris waren genau wie Sonja und Alex auch ziemlich genervt und sind daher ja fast ausschließlich mit dem Bus gereist, was aber natürlich nicht bedeutete, dass sie auch hier viele anstrengende Momente erlebten. Lars war unserem Eindruck nach etwas hin und her gerissen und Moritz hatte es, wie einem anderen Pärchen mit dem wir uns über Instagram ausgetauscht hatten, wohl relativ gut gefallen, er hatte sogar das Essen genossen. Die französische Familie von der Fähre hatte das Land auf dringendes Anraten der französischen Botschaft verlassen.

Auch wenn wir mit den Iranern irgendwie nicht so richtig auf einer Frequenz lagen, hoffen wir natürlich, dass sich im Zuge der andauernden Proteste etwas im Land tut und das Mullah Regime sich um 180 Grad dreht oder abdankt ohne weiteres Blutvergießen. So wie wir das Land erlebt haben, können wir uns einen Sturz von unten kaum vorstellen. Viele Familien sind sehr konservativ, viele kritische Menschen halten sich (wahrscheinlich aus Angst) zurück, jemand der sich an den Protesten beteiligt hätte, haben wir nicht kennengelernt. Natürlich ist das auch nur ein subjektiver Eindruck, den wir durch unsere punktuellen Begegnungen bekommen haben. Wir können uns also keineswegs anmaßen den Iran irgendwie verstanden zu haben. Klar ist allerdings, dass die Proteste keineswegs das ganze Land erfasst haben, eine Umbruchstimmung haben wir leider niemals gespürt.

Hier könnt ihr unsere bisher zurück gelegte Route und (meistens) unseren aktuellen Standort sehen.

Diesen Blog abonnieren, um per E-Mail über neue Beiträge informiert zu werden:


11 Gedanken zu “hitze 🇮🇷

  1. War mir erst nicht sicher, ob das Popcorn oder weiße Blüten sind, die da aus der riesigen, roten Straßentasse „fallen“.

  2. Ihr Abenteurer! Wieder ein Land abgehakt. Mach doch mal ein paar Rankings:
    – gruseligste Kollisionsopfer: 1. Iran, 2. Griechenland, 3. Türkei
    – beste Fruchtqualität: 1. Iran, 2. Bosnien, 3. Georg…
    – beste Brotqualität: 1. Österreich, 2. Türkei, letzte Platz Iran
    – schönste Landschft: 1. Georgien, 2. Armenien, 3. Montenegro
    etc.
    Oder lasst es besser. Am Ende meckern wieder alle.

Hinterlasse eine Antwort zu Wolfgang der Sfogliatelle - Vernichter Antwort abbrechen