macht 🇮🇷

Tag 175 bis 181 (24.09. bis 30.09.)
Distanz: 429,2 km
Höchster Punkt: 2.640 m
Tiefster Punkt: 1.450 m
Rauf: 3.380 m
Runter: 4.180 m

Unsere Tage in teilweise nahezu absoluter Ruhe klangen nun aus und wir fuhren weiter durch schroffe Landschaften. Kaum vom Verkehr belästigt, waren wir guter Dinge, als wir uns gegen Mittag auf einer Parkbank (sowas gibt es im Iran eigentlich nicht, da auch in Parks lieber auf dem Boden gesessen wird, Picknick-Häuschen z. B. sind immer ohne Möbel) in einem kleinen Dorf einlegten. Sogleich entdeckte uns ein älterer Herr, der uns zu einem Cay einlud. Wie unsere treuen Leserinnen und Leser wissen, passiert dies im Iran mindestens drei Mal täglich und ist deshalb eigentlich keiner Erwähnung mehr wert. Doch von diesem besonders übertrieben Akt, darf noch einmal berichtet werden: Wir lehnten dankend ab, da wir heute keine Lust auf Einladungen hatten und lieber etwas mehr Strecke schaffen wollten. Daraufhin brachte uns der Herr zwei Kilo Äpfel, wohlgemerkt fuhr er die 20 Meter von seiner Haustür bis zu der Bank mit dem Moped.

Jeglicher Versuch, ihm zu erklären, dass dies zu viel für uns sei, nicht mehr in unsere Taschen passe und außerdem zu schwer, immerhin stand uns nun ein ordentlicher Anstieg bevor, scheiterte. Auch bei der abgelehnten Einladung wollte er noch nicht aufgeben und beschrieb alle Vorzüge, die seine Behausung vorweise: Wir könnten dort essen, duschen, schlafen. Nach allem verlangte es uns gerade nicht und wir lehnten unter vielem Dank noch drei mal ab. Der Herr knatterte sichtlich enttäuscht die 20 Meter zurück zu seinem Tor. Doch 2 Minuten später erschien an diesem seine Frau, die nun zu uns herüber kam (immerhin zu Fuß) und das ganze Spielchen fing von vorne an. Es hätte nicht viel gefehlt und die beiden hätten uns in ihre Hütte gezerrt, doch diesmal blieben wir standhaft und schließlich hatten wir nun 9 Äpfel, die wir im Verteidigungsfall auch als Wurfgeschosse hätten einsetzen können.

Ohne auf die aufgenötigte Einladung eingegangen zu sein, wollten wir nun weiter fahren, bekamen aber vorher noch ein paar Granatäpfel von einem anderen Nachbar zugesteckt. Unter Überschreitung der zulässigen Maximalbeladung und aus Angst noch mehr Obst zu bekommen, flüchteten wir aus diesem gastfreundlichen Dorf und kamen durch eine Art Oasen-Stadt. Da es die erste auf unserer Reise war, waren wir sehr beeindruckt, sollten aber noch viele sehen. Nach den unendlichen trockenen Weiten wirkte dieser Ort paradiesisch. Wasser floss durch Bewässerungskanäle, überall standen große üppige Bäume und um den Ort herum waren viele fruchtbare Felder. Endlich wieder so viel Grün zu sehen war eine Wohltat für unsere Augen.

Doch dann mussten wir schon wieder die trockenen schroffen Berge hochradeln und die Abfahrt führte uns in eine noch größere Wüstenfläche, als die vorigen. Bei der Annahme die 45 Kilometer bis zur nächsten Stadt auf dieser geraden leicht abschüssigen Straße am Nachmittag noch abradeln zu können, hatten wir nicht mit dem Wind gerechnet, der uns hier ohne Hindernis heftig entgegen blies. Da unterwegs nichts war außer flachem Sandboden bis zum Horizont, also auch kein Wasser für uns, mussten wir es zumindest bis zum nächsten Trinkbrunnen schaffen. Den fanden wir in einem Vorort von Abarkuh und kauften auch noch eine Dose Bohnen und ein Glas Saure Gurken, was der ortsansässige Laden eben hergab, jedoch nicht für ein gescheites Abendessen reichte.

Hinter dem Ort fanden wir auf einem Feldweg einen passablen Schlafplatz und improvisierten aus dem was wir noch hatten (Linsen, Rosinen, Feigen) ein Abendessen, dass erstaunlich wohl mundete. Natürlich blieben wir nicht unentdeckt: Ein Bauer kam mit seinem reisigbeladenen Pick-up vorbei, grüßte aber nur höflich. Als wir gerade im Begriff waren unser Abendmahl zu beenden, kam er nochmal mit seinem Moped und drückte uns fast wortlos einen großen Becher mit warmen Ash (iranischer Eintopf in diversen Varianten, hier mit Linsen und Nudeln) in die Hand und verschwand schnell wieder. Wir freuten uns über die nette Geste, die auch ganz ohne unangenehme Aufdringlichkeit vonstatten ging. Doch natürlich hatten wir auch hier wieder etwas auszusetzen, so kritisch wie wir sind: unser eigenes Essen schmeckte, trotz aus der Not geboren, einfach viel besser und ein weiteres mal vermochte die iranische Küche uns nicht zu überzeugen! Natürlich aßen wir das Geschenk trotzdem, da wir nun sehr viel hatten, blieb auch noch etwas für den nächsten Tag übrig.

Dieser führte uns zunächst nach Abarkuh, das sich selbst auf dem Straßenschild anpries mit „the historic city with the best attractions choice in the country“. In der Tat fanden wir davon einige und konnten die alte Wüstenstadt gemütlich mit dem Fahrrad erkunden. Viel war nicht los und wir schlängelten uns durch die engen Gassen, als plötzlich ein Auto hinter uns auftauchte, das eigentlich gar nicht durch diese Gassen zu passen schien. Hupend wollte es uns auch noch überholen, was nun wirklich nicht möglich war und prompt tuschierte der Fahrer Tilmanns Fordertasche, was dieser lautstark schimpfend anmerkte. Der Fahrer gab aber trotzdem Gas und verfolgte die vorrausfahrende Julia. Diese flüchtete aus der engen Gasse auf einen Vorplatz und obwohl sie dort ans äußere Ende fuhr und dem Auto genug Platz für die Kurve gab, rückte er ihr unnötig nah auf die Pelle. Schließlich nahm er doch die Kurve, fuhr in Richtung eines kleinen Abhangs, erwischte diesen nicht richtig, musste zurück setzen und fuhr mit ordentlich Schwung an die nächste Hauswand, eines der alten Lehmhäuser.

Immerhin bewies dies, dass die Lehmhäuser stabiler sind, als sie auf uns wirkten. Die Wand gab nicht nach, dafür war der Kofferraum nun vermutlich nicht mehr benutzbar. Der verrückte Fahrer schien sich jedenfalls keiner Schuld bewusst und fuhr jetzt im richtigen Einschlagwinkel davon und winkte uns nochmal freundlich (nicht höhnisch) zum Abschied zu. Vielleicht hatte er zuvor ein illegales Rauschmittel getrunken.

Froh, dass wir heil aus dieser Nummer rausgekommen waren, besuchten wir nun noch die mehr als 4.000 Jahre alte Zypresse und wollten außerdem unserem Internetproblem auf den Grund gehen. Der hippe vollbärtige Café-Inhaber an der alten Zypresse erklärte uns in seinem bruchstückhaften Englisch, dass es sich um ein generelles Problem handele. Als wir fragten, ob wir eine E-Mail von seinem Handy aus verschicken könnten, lehnte er dies ab, mit der Begründung, seine Regierung würde dann folgendes mit ihm machen und er führte seinen Zeigefinger an seiner Kehle entlang.

Damit war, was wir schon vermutet hatten, bestätigt: Sie Führungsriege in Teheran fürchtete um ihre Macht und hatte das Internet weitestgehend lahmgelegt, um die Proteste im Iran im Keim zu ersticken. Um ganz sicher zu sein, dass es nicht an unserem Gerät lag, ließen wir uns diesen Umstand auch noch von einem Paar bestätigen, das uns gerade zwecks Hilfsangebot angesprochen hatte. Als wir fragten, wie lange die Internetblockade der Mächtigen in Teheran wohl andauern sollte, antwortete sie: „I prefer not talking about politics“ und er: „You have to be patient“. Sie erklärten uns, dass einige Dienste nutzbar seien.

So fanden wir heraus, dass wir über Googlemail noch kommunizieren konnten und schrieben nun endlich Kristina, die sich ja um unsere Ersatzteilebestellung kümmerte und sich schon Sorgen machte, weil wir uns zu ihren Fragen nicht mehr gemeldet hatten. Da wir nun digital eingeschränkt waren, musste sie auch einiges mehr übernehmen, weil wir wirklich nur noch E-Mails über den Googlemail-Account schicken konnten, unsere VPNs waren ebenfalls machtlos. Warum ausgerechnet das ging und sonst nichts, wissen wir nicht. Jedenfalls hatten wir dadurch natürlich auch keinen Zugriff auf Nachrichten-Dienste und hatten so (wie schon berichtet) keinen Schimmer was in Sachen Proteste eigentlich wirklich los war. Später in Shiraz fanden wir mit der Unterstützung von anderen Reisenden heraus, dass man viele verschiedene VPNs auf dem Handy haben muss, diese nacheinander durchprobiert und meistens einen findet, der alle Internet-Dienste wieder ermöglicht. Allerdings funktionierte das niemals abends. Über Tag sollte die Wirtschaft noch halbwegs arbeitsfähig sein und um nicht die ganze Bevölkerung zu verärgern, ließ die Regierung immer mal wieder den Datenaustausch zu.

Über die Zwangsmaßnahmen des Regimes grübelnd fuhren wir weiter über diesen Wüstenplanet und kamen gegen Nachmittag schlapp in Eqlid an. Da wir mal wieder eine Dusche nötig hatten und uns von unseren vorherigen Einladungen mittlerweile erholt hatten, wollten wir mal wieder ein paar Iranern eine Freude machen und ihre Gäste sein. Zunächst wurden uns Hotels und der Park zum übernachten angeboten, doch als wir den Ort schon fast wieder verließen, winkte uns eine fröhliche Herrenrunde herbei, die uns natürlich gleich einkassierten. Unsere Räder kamen in einen kleinen Vorhof und dann wurden wir alle (6 Personen) in einen kleinen weißen Saipa verfrachtet, um zu einem Picknick zu fahren.

Dieses fand in einem mit Wallnussbäumen bestandenen Garten statt. Auf der Veranda der dazugehörigen Datscha wurden zwei Teppiche ausgerollt und die Runde nahm Platz. Atumize Masha, ein großer Mann mit schlauen Augen, war der Älteste. In seinem Hof hatten wir die Räder gelassen und bei ihm sollten wir schlafen. Soviel hatten wir verstanden, auch wenn hier mal wieder niemand Englisch sprach. Zwischen ihn und Tilmann hatte sich ein kleiner untersetzter Mann mit verschmitztem Grinsen aufs halbhohe Mäuerchen gesetzt, von dem er im Laufe des Abends noch mehrmals herunterfallen sollte. Uns gegenüber saßen die Jungspunde. Drei Männer, wahrscheinlich eher etwas jünger als wir und ein vierter sehr höflicher in den späten 30ern. Die drei jungen sahen aus wie metrosexuelle Hipster, einer hätte auch als deutscher Hipster-Nerd durchgehen können. Der Grund der Versammlung wurde jedenfalls schnell klar: Der Schnaps wurde noch vor dem Essen und anderen Getränken gereicht. Atumize sorgte außerdem dafür, dass immer eine Tüte am glimmen war. Irgendwas zu essen bekamen wir auch hingestellt, aber hauptsächlich aßen wir uns an Chips und Flips satt. Atumize machte uns, bekräftigt durch alle anderen, mit Gesten deutlich, dass er gar nichts von den Mullahs hielt. Diese wurden mit einer Kreisbewegung über dem Kopf symbolisiert, was wir im ersten Augenblick als Heiligenschein anstatt als Turban missinterpretierten. Mit Hitler schienen sie allerdings zu sympathisieren, wir verstanden es nicht genau, gingen aber auch nicht weiter darauf ein.

Der kleine Glazköpfige nahm bei jeder Schnapsrunde einen Doppelten und begann bald erst Tilmann, später Julia im Minutentackt in den Arm zu puffen, um mit einer wegwerfenden Geste zu erklären, dass die anderen alle verrückt seien. Dieses nervige Gepuffe wurde nur unterbrochen durch die bereits angesprochenen Vondermauerstürtze, die jedem Lachanfall folgten. Anfangs belustigt von der heiteren Runde, (ungewöhlicherweise) lauter Musik, sonderbarer, von uns nicht reproduzierbarer Schnipseinlagen und dem einfachen Umstand bei solchen teilweise illegalen Aktivitäten dabei sein zu können, hatten wir doch etwas verdrängt, das Betrunkene überall auf der Welt sehr anstrengend werden können. Zum Glück waren alle verständig, als wir erklärten, dass wir sehr müde seien und wir wurden von einem Betrunkenen (zum Glück nicht von dem Mauerstürtzer) gemeinsam mit Atumize zu ihm nachhause gefahren.

Dort mussten wir nach dem Duschen noch ein äußerst stark gesüßtes Süßgetränk zu uns nehmen, mit dem Hinweis, dass müsse man eben nach dem Hammam (bedeutet entgegen mitteleuropäischer Vorstellung einfach nur Dusche, wir bekamen leider keine Massage) trinken und durften uns dann in einem kleinen Nebenzimmer auf dem Boden in Polyesterdecken rollen. Im Flur wurde ein Flutlicht angelassen, dass durch das Fenster über der Tür schien, von draußen hörten wir noch eine Weile religiöse Reden, die über Lautsprecher kundgetan wurden. Also alles wie es die Iraner mögen: laut, hell, ungemütlich.

Unerholt lagen wir am Morgen noch in unseren Decken, als Atumize ohne zu Klopfen den Raum betrat, um sich aus seinen Vorräten, die hier lagerten mit Gras zu versorgen, für die Tüte nach dem Aufstehen. Wir rappelten uns also auch auf und neben Lavash, Käse und Tomaten erhielten wir zum Frühstück noch eine kleine Unterrichtung im Farsi (was wir leider gleich alles wieder vergaßen) und warnende Wort: Atumize betonte mehrfach, wir sollten kein Alkohol trinken, nicht kiffen und in Shiraz nicht im Park campen. Er nahm dabei natürlich auf die aktuellen Proteste Bezug und deutete den Einsatz von Schusswaffen durch die Polizei an. Die Mullahs versuchten seiner Einschätzung nach also mit allen Mittel ihre Macht zu erhalten und nahmen, wie in Deutschland ja über die Medien auch berichtet wurde, dafür auch Tote in Kauf. Als wir uns schließlich von ihm verabschiedeten und Tilmann ihm zum Dank noch eine Plastikblume von seinem Lenker schenkte (was wir regelmäßig tun, daher brauchen wir nun dringend einen neuen Strauß), stand ihm eine kleine Träne im Auge.

Uns trieb es aber weiter Richtung Süden. Leider brachte dieser Tag keine besonderen Fahrrad-Highlights. Einzig erwähnenswert ist, dass wir durch einen langen Tunnel fuhren und wir wären wahrscheinlich erstickt, wenn dieser auch nur 200 Meter länger gewesen wäre. Offensichtlich ohne Frischluftzufuhr waren darin die Abgaskonzentration so ätzend, dass uns die Tränen in die Augen schossen.

Was am 177. Tag an Highlights gefehlt hatte, bekamen wir am 178. Tag doppelt und dreifach zurück. Beim Kaffee am Morgen konnten wir den Sonnenaufgang über den Wüstenbergen beobachten. Nachdem wir uns zwei kurze und schmerzhafte Serpentinen hochgekämpft hatten, wurde es dann plötzlich wieder grün. Ein trockenes Wadi gesäumt von Bäumen, Dörfer umringt von Weinreben (offiziell natürlich nicht zur Vergärung vorgesehen), dahinter wieder schroffe Felshänge. Dazu ging es gemächlich bergab und der Verkehr war erträglich. Einzig die mopedfahrenden Jugendbanden rückten uns heute etwas mehr zu Leibe.

Falls wir darüber noch kein Wort verloren haben: Im Iran sieht man hauptsächlich Kinder auf Mopeds, manche kommen kaum mit ihren Füßen auf die Pedale. Sie fahren ohne Sinn und Zweck in der Gegend herum, es ist sozusagen ihr Hobby und ersetzt damit leider sportliche Betätigungen. Denn obwohl die Iraner große Fußballfans sind, haben wir nie Jungs irgendwo kicken gesehen. Uns wurde auch bestätigt, dass dies nur in größeren Städten in richtigen Vereinen üblich sei. Meistens traten die Moped-Jungs in Gruppen auf, jeweils mehrere Mopeds mit mehreren Reitern. Da sie für gewöhnlich eher gelangweilt umherstreifen, erwachen sie aus ihrer Lethargie, wenn sie etwas Außergewöhnliches sehen, z. B. zwei fremdländisch anmutende Fahrradfahrer. Dann lassen sie die Motoren aufheulen und rasen, ihr Können beweisend, nah an den unmotorisierten und unbeeindruckten sondern ausschließlich genervten Radfahrern vorbei. Dieses Manöver wiederholen sie so oft, wie sich die Eindringlinge innerhalb der Grenzen ihres Revier befinden. Manche winken und grüßen nett, aber andere schreien oder kreischen in aggressivem Ton, einmal wurde uns auch unverhohlen der Mittelfinger entgegengestreckt.

Gegen Mittag wollten wir uns mit der Historie des Landes beschäftigen und erreichten die UNESCO-Welterbestätte Naqsch-e Rostam: Dabei handelt es sich um eine Galerie von vier gigantischen Felsgräbern, die in die senkrecht aufragenden Felsen hineingemeißelt wurden. Selbstverständlich sind solch aufwändige Grabanlagen nur den mächtigsten Monarchen vorbehalten und so haben dort die altpersischen Könige Dareios I. (522–485 v. Chr.), Xerxes I. (485–465 v. Chr.), Artaxerxes I. (464–425 v. Chr.) und Dareios II. (425–405 v. Chr.) ihre letzte Ruhestätte gefunden.

Anschließend ging es weiter nach Persepolis, das zusammen mit Naqsch-e Rostam die UNESCO-Welterbestätte bildet, wobei Persepolis der weitaus bedeutendere Teil ist. Auch hier hatte Darius der Große und sein Sohn Xerxes sich nicht Lumpen lassen. Von hier aus wurde das mächtige altpersische Reich regiert, dass zur Zeit der Achämeniden vom heutigen Griechenland bis Tadschikistan und vom Kaukasus bis nach Libyen und Ägypten reichte. Sicher haben die alten Herrscher ihre Untertanen nicht mit Internetblockaden drangsaliert, um ihre Macht zu erhalten, waren aber sicher auch nicht zimperlich bei der Wahl ihrer Mittel.

Die Überreste des gigantischen Palastes beeindrucken noch heute und lassen die Macht seiner einstigen Herrscher erahnen. Sie sind wohl die wichtigste historische Sehenswürdigkeit im Iran und ein wichtiges Monument des kulturellen Erbes der Perser. Wir bestaunten die über 2.500 Jahre alten Säulen und die Reliefs, wobei zweitgenannte teilweise noch wie frisch aus dem Stein gehauen anmuteten. Der gute Erhaltungszustand rührt paradoxerweise daher, dass die auf einer Terrasse angelegten mächtigen Mauern schon 200 Jahre nach ihrer Gründung von Alexander dem Großen niedergebrannt wurde. Dabei wurde auch die Bewässerungsanlage zerstört, sodass der gesamte Komplex schnell und für rund 2.000 Jahre unter Sand begraben und so konserviert wurde. Damals wurden die Mächtigen also von Außen gestürzt. Ob die aktuellen Proteste zu einem Machtwechsel im heutigen Iran führen, wird sich zeigen, manche prophezeien es, viele hoffen es.

Da wir in den Ruinen der altpersischen Residenzstadt eine Einladung ausgeschlagen hatten, blieb uns am Abend mal wieder nichts anderes übrig, als in einem Park nahe der Hauptstraße zu campen. Dieser war aber wieder einmal sehr hübsch und wir suchten uns ein ruhiges und dunkles Plätzchen am der Straße weitest entfernten Punkt hinter einer Mauer. Mal wieder wurden wir bedrängt doch besser vorne an der Straße, im Licht und auf dem Asphalt zu zelten. Auch wenn manche Iraner auf die tiefe Verbundenheit zwischen Deutschen und Iranern bestehen (Stichwort: Arier), beim Thema campen liegen unsere Vorlieben diametral auseinander.

Der nächste Tag bescherte uns mal wieder den von uns so gehassten Verkehrsterror. Um nach Shiraz zu kommen (wo wir hauptsächlich hin wollten, um unser Visum zu verlängern und weil es sich nicht sinnvoll umfahren lässt) mussten wir aber die Hauptverkehrsader nutzen und reihten uns in die dröhnende, hupende und rußende Schlange aus Trucks, Transportern und PKW ein. Nach zwei langen und steilen Anstiegen ging es die letzten Meter in die Stadt flott bergab und wir kamen doch etwas erstaunt darüber an, dass wir mittlerweile diesen krassen Stress einigermaßen ertragen konnten. Wir steuerten direkt das Immigrations-Amt an, da heute Mittwoch war, also ab morgen Wochenende und wir die Öffnungszeiten nicht kannten.

Als wir uns vor dem Amt gerade in einer unserer vielen sinnlosen Zankereien befanden, kamen zwei andere Radreisende an, auf die wir wohl keinen so gutgelaunten Eindruck machten. Iris und Jan ignorierten dies aber zum Glück und schnell waren wir im Gespräch über das Visa-Verlängerungs-Prozedere. Die beiden waren schon am frühen Morgen da gewesen und wussten daher besser Bescheid. Es stellte sich heraus – und wir ließen uns dies auch noch einmal von einem sehr freundlichen Beamten bestätigen – dass das Visum nur kurz vor Ablauf (max. 3 Tage vorher) verlängert werden kann. Da wir noch 14 Tage auf unserem Konto hatten, zogen wir also wieder von Dannen, wussten nun aber, dass wir das Visum zur Not auch noch in der Hafenstadt Bandar Abbas verlängern konnten. Wir waren uns aber eigentlich inzwischen sicher, dass uns dieses Zeitpolster dicke ausreichen würde und hatten außerdem wirklich Lust auf einen Tapetenwechsel.

Jan und Iris schleppten uns mit in ihr Hostel, wo auch Lars abgestiegen war, den wir aus Isfahan kannte, sowie Mehmet, der mit Iris und Jan zusammen radelte, außerdem natürlich andere Reisende (ohne Fahrrad), mit denen wir über die Tage in dem familiären und sehr hübschen Haus in Kontakt kamen. Unter ihnen etwas heraus stach ein junger Franzose, der mit dem Motorrad unterwegs war. Er sprach von Wortschatz und Grammatik her nahezu perfekt Englisch, aber aufgrund seines Akzentes konnten wir ihn trotzdem kaum verstehen. Er war zu Beginn der Proteste und der Internet-Blockade in Panik mit seinem Motorrad an die pakistanische Grenze geflüchtet, hatte dann gemerkt, dass eigentlich alles ruhig blieb und war daher mit dem Bus zurück nach Shiraz gefahren. Wieso er sein Motorrad an der Grenze hatte stehen lassen, konnten wir leider nicht verstehen.

Abgesehen von dem BB Hostel, in dem wir uns sehr wohl fühlten und schließlich einen Tag länger blieben als geplant, sagte uns die Stadt mal wieder nicht so sehr zu. Dinge des täglichen Bedarfs zu besorgen war hier äußerst kompliziert und raubte uns den letzten Nerv: Wir suchten ewig nach einem Gemüseladen und fanden stattdessen wieder zahlreiche gequälte Haustiere, die zum Kauf angeboten wurden. Auf der Suche nach einem Kaffee, wurde Julia in einem „Coffee Shop“ wieder nur Cay serviert. Öl und Gewürze trieb Tilmann erst auf, nachdem er 7 Läden abgeklappert hatte und 5 km gelaufen war. Einen richtigen Supermarkt (mit Barcodescanner) suchten wir vergeblich, aber selbst die kleinen Krämer-Läden waren spärlich gesät. Zudem hatten wir bei jedem Einkauf den Eindruck über den Tisch gezogen zu werden, was im Iran bisher eigentlich kein allzu großes Problem gewesen war.

Natürlich drückten sich die Automassen durch die Stadt und erschwerten jede Straßenüberquerung. Doch ganz ohne Charme war die Stadt natürlich nicht: Das Gassengewirr, das auf keiner Stadtkarte in Gänze abgebildet war, lud ein, sich darin zu verlieren. Wie ein Labyrinthe schlängelten und umschlangen sich die schmalen Gassen und man wusste bald nicht mehr, in welche Himmelsrichtung man ging und wenn man Pech hatte, stand man plötzlich am Ende einer Gasse vor einem verschlossenen Tor und es ging nicht weiter. Hinter den hohen Mauern der Gasse verstecken sich schöne Hinterhöfe, manchmal konnte man einen Blick in diese Zufluchtsort werfen und auch unser Hostel war in einem solchen Altstadthaus mit wunderschönen Patio. So blieben wir (mal wieder) die meiste Zeit im Hostel, wo wir mal wieder ein paar wenig genutzte und daher unnötigen Ballast darstellende Ausrüstungsgegenstände aussortierten. So blieb unsere Solardusche in Shiraz und Tilmann verschenkte ein Hemd an den jungen Franzosen, der nicht nur sein Motorrad sondern auch einen Großteil seines Gepäcks in sicherer Entfernung geparkt hatte. Nicht zuletzt gibt es an Pausentagen im Hostel auch immer viel zu tun, um unsere treuen Follower zu versorgen.

Hier könnt ihr unsere bisher zurück gelegte Route und (meistens) unseren aktuellen Standort sehen.

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10 Gedanken zu “macht 🇮🇷

  1. Wieder eine fesselndes und sprachlich gelungenes Kapitel Eurer Reise. Ich wünschte, ich könnte euch mal ein paar Etappen begleiten.
    Menschen sind vielleicht die interssantesten Tiere oder sind es diese neonfarbenden Plüschkugeln in dem Käfig?

    1. Die neonfarbenen Plüschkugeln verlieren vorraussichtlich schnell ihre Farbenpracht und werden dann schnell langweilig und von den Erwerbern dann wohl sich selbst überlassen. Daher sind vielleicht wirklich Menschen die interessanteren Tiere, obwohl: sie sind so vorhersehbar. Ggf lässt sich in Punkto gemeinsamer Etappen ja etwas arrangieren!?

  2. Also landschaftlich könnte man im Iran ganz gut Western drehen.
    Kann es sein, dass der euch überholende Tanklaster ein bisschen abgenutzte Reifen hatte (für europäische Verhältnisse)?

  3. Ja, absolut geeignet zum Western drehen. Auch von den Einheimischen kann man einige dazu sicher sehr einfach und effektvoll in Szene setzen.
    😂 Das mit dem Reifen trifft absolut zu. Insbesondere LKW-Reifen werden in der Regel über das Limit gefahren. Alle Straßen sind gesäumt von gerissenen Reifen und ihren Bruchstücken, was übrigens recht gefährlich ist für Fahrräder wegen der vielen herumliegenden Drahtfetzen.
    Wir haben leider total versäumt das fotografisch zu dokumentieren.

  4. Kommen wir Mal zu den wichtigen Fragen:
    Passt ihr auch wirklich genug auf wegen der Sandwürmer auf dem Wüstenplaneten?!
    Am besten immer unrhytmisch in die Pedale treten!
    Woher bekommen die in einem Land, in welchem Alkohol verboten ist, den guten russischen Wodka?
    Ist das ein Eis oder ein Mikrofon, dass sie beiden Wandfiguren in den Ruinen der altpersischen Residenzstadt da in die Hand geben? Und warum ist die beschenkte Figur so skeptisch? War sie vielleicht auch der persischen Gastfreudigkeit überdrüssig?

    1. Wir sind nicht so wachsam und haben daher immer ein Carryall in der Nähe das uns im Notfall wegheben kann. Zum Glück mussten wir davon noch nicht gebrauch machen, denn sonst könnten wir ja nicht mehr behaupten nicht geflogen zu sein.
      Gute Frage wo die Flasche herkommt. Drinnen war jedenfalls selbstgebrannter.
      Wir gehen von Eiscreme aus. Mikrofone wurden doch wahrscheinlich erst im alten China erfunden.
      Es handelt sich ja um das Tor aller Nationen, daher hast du wohl Recht.

  5. Damit habt ihr das Fliegen ja vernünftig „outgesourced“.

    Ich dachte immer Mikrofone kommen ursprünglich aus Mikronesien…

  6. Genau. Leider hatten sie die Eiswaffel nicht erfunden und die Eiscreme schmolz ihnen immer in der Hand.
    Die Erfindung der Eiswaffel stammt nämlich aus Tibet. Die Tibeter wollten aber nicht teilen. Zum Glück hat China deswegen dann irgendwann Tibet besetzt und wir können Dank dieser weisen Entscheidung heutzutage beides zusammen genießen.

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