akklimatisierung 🇮🇷

Tag 163 bis 171 (12.09. bis 20.09.)
Distanz: 526,5 km
Höchster Punkt: 2.470 m
Tiefster Punkt: 1.290 m
Rauf: 3.850 m
Runter: 3.610 m

Wie schon im ersten Beitrag zum Iran angeteasert, hören wir in diesem Beitrag nun endlich auf mit dem viel zu subjektiven Iran-Bashing, das so offenkundig mit einer schwarz-rot-goldenen Brille auf der Nase und den daraus resultierenden Effizienzvorstellungen, scheinheiligen Umweltschutzgedanken und Ich-will-meine-Ruhe-Ansprüchen getippt wurde. Der Ruhetag in Bisotun brachte die lang ersehnte Wende in die bereits zwei Wochen andauernde Irrfahrt auf der hustenden Flucht vor hupend vorgetragenen Hilfsangeboten. Das Gefühl für dieses Domizil mit spektakulärem Blick auf den Bisotun-Berg ein wenig zu viel zu bezahlen, konnte nichts daran ändern, dass es die goldrichtige Entscheidung war hier einen Augenblick zu verweilen, um sich zu sammeln.

Umgeben von hohen Mauern hatte niemand die Gelegenheit unseren Frieden zu stören, sodass wir uns in aller Ruhe dem Müßiggang und der Fahrradpflege widmen konnten. Zudem gab es außerhalb dieses Schutzwalls nichts zu entdecken, das ein Verlassen dieses Safspace gerechtfertigt hätte. Abends mussten wir allerdings kurz etwas einkaufen gehen und wurden prompt von der Ehegattin unseres Vermieters zum Teetrinken eingefangen.

Da wir wieder einmal nicht kommunizieren konnten, verabschiedeten wir uns bald und erklärten per Googletranslator unser Vorhaben Abendessen kochen zu wollen. Ob dies nun falsch verstanden wurde oder falsch verstanden werden wollte, wissen wir freilich nicht, jedenfalls begann nun die Hausherrin ihrerseits ein Essen für alle vorzubereiten. An diesem Abend lernten wir das persische Wort „che“, das „was“ bedeutet, denn die zwölfjährige Tochter wiederholte dies immer wieder, wenn wir versuchten mit ihr Englisch zu sprechen und sah uns verwundert an. Weder wir noch ihre Eltern hatten ihr begreiflich machen können, dass wir kein Farsi verstanden. Wir freuten uns, dass alles aufgetischte vegetarisch und unter dem Strich das beste Essen, dass wir im Iran serviert bekommen sollten. Auch wenn wir uns anfangs geärgert hatten, dass wir ohne Not unseren teuer bezahlten Ruhetag nun wieder im Kreis einer Familie und dem Googlestranslator verbrachten, mussten wir uns am Ende eingestehen, dass der Abend ganz angenehm war. Als es an die Verabschiedung ging, kam jedoch einmal mehr das, so empfanden wir es, kindliche Gemüt der Iraner durch: Sie wollten uns unbedingt für den nächsten Tag wieder zum Mittagessen einladen, obwohl wir mehrfach erklärt hatten, früh weiterreisen zu wollen. Wir mussten diesmal sicher mehr als drei mal ablehnen. „Kommst du mit zu mir nach Hause? Magst du bei mir übernachten? Bleibst du noch?“ Natürlich wurden wir noch von der ganzen Familien nachhause gebracht, also bis zur 5 Meter entfernten Haustür des Nachbargebäudes.

Ausgeruht und mit frisch geölten Ketten machten wir uns auf, die letzten gut 500 km zu unserem kurzfristig umdefinierten zweiten Etappenziel, Isfahan, hinter uns zu bringen. Nach wenigen Kilometern auf dem Highway des Schreckens nach Teheran konnten wir kurz hinter Bisotun diesen verlassen und der Verkehr wurde endlich einmal weniger. Wir fuhren nun auf einer gut ausgebauten Hauptstraße, die aber nur über ein sehr moderates Verkehrsaufkommen verfügte und zudem einen komfortablen Seitenstreifen aufwies.

Wir fühlten uns gut, kamen auf ebener Strecke gut voran und hatten den Eindruck, dass dies ein guter Tag werden würde. Im Nu hatten wir die knapp 30 km bis nach Sahneh hinter uns gebracht, wo wir einkaufen und zum ersten mal seit dem Tag unserer Einreise Geld tauschen wollten. Als wir den Supermarkt verließen, sprachen uns zwei höfliche junge Männer Anfang 20 an, deren Ansinnen es war uns Hilfe anzubieten. Auf unsere Frage hin, wo es eine Möglichkeit zum Geld tauschen gäbe, mussten sie allerdings passen und konnten nur anbieten einen Wert von maximal 20 Euro für uns an der Bank abzuheben. Da uns das nicht reichte, lehnten wir dankend ab und die beiden verabschiedeten sich freundlich ohne aufdringlich oder nervig geworden zu sein.

Wenige Meter weiter fragten wir an einem Laden erneut nach der Möglichkeit Geld zu tauschen und verursachten kurzerhand eine ansehnliche Menschenansammlung. Während uns einer der ersten Anwesenden zum Bleiben aufforderte, forderte ein später Hinzugekommener nun auf ihm zu folgen. Unschlüssig warteten wir noch etwas ab, folgten dem bebrillten Herren mittleren Alters in braunem Hemd und Jeanshose dann aber tatsächlich zu einem nicht weit entfernten Juweliergeschäft. Dort bekamen wir einen hervorragenden Wechselkurs von über 300 Tsd. Rial pro Euro und da der Geschmeidehändler keine Lust hatte nach Kleingeld zu suchen, rundete er den Betrag sogar noch auf. Unserem Vermittler wollte es aber nicht bei dieser gelungenen Hilfestellung belassen und lud uns zu einem Cay ein, den wir aus Höflichkeit annahmen.

Er nahm uns nun mit in seinem Laden und wir stellten mit einer gewissen Überraschung fest, dass er sich als Metzger verdiente und nun ohne sich eine Schürze überzuziehen oder wenigstens die Hände zu waschen wieder begann Hähnchen zu zerlegen. Wir wurden hinter der Theke platziert, wo schon ein paar weitere Herren zwischen gepackten Tüten voll Fleisch, die auf dem Boden herumstanden und etwas Saft verloren, herumlungerten und Tee tranken. Wir „unterhielten“ uns mit Händen und Füßen, als ein weiterer Bekannter hinzukam, der uns fragte warum wir nicht eine Übersetzungsapp verwendeten. Als wir ihm daraufhin per Googletranslator erklärten, dass wir dies taten wenn es richtig kompliziert würde, aber gerne wenn möglich drauf verzichteten, weil sonst das Gehirn irgendwann den Dienst quittieren würde, gab er dies in die Runde weiter, die zustimmend raunte.

Als wir dann erklärten weiter fahren zu wollen, wiederholte sich erneut das Spielchen vom Vorabend. Natürlich wollte uns der Metzger nicht gehen lassen und uns stattdessen noch zum Mittagessen einladen. Da uns dies bei einem Metzger als besonders unpassend erschien, lehnten wir erneut unter vielfachen Dankesbekundungen ab, bis wir uns endlich aus dem Laden heraus und zurück auf die Straße gekämpft hatten, nicht ohne das allgegenwärtige schlechte Gewissen, keine guten Gäste gewesen zu sein und die angebotene Einladung nicht ausreichend gewürdigt zu haben.

Aufgrund der schlechten Erfahrungen in Sachen Luftqualität, hatten wir uns entschieden auf den Hauptstraßen mit OP-Masken weiterzufahren, die wir nun heraus gekramt hatten. Es ging verhältnismäßig gut, wenngleich diese sicher auch nur einen sehr geringen Anteil des Feinstaubs am Eindringen in unseren Atemtrakt hinderten. Julia benutzte zudem nun wieder regelmäßig ihren Helm, der zuletzt nur lästig im Kofferraum mitgeführt wurde. Allerdings kam es im Iran wenige Male vor, dass auf schmalen Straßen ohne Seitenstreifen die Lkw ohne Abstand überholten, wenn ihnen gerade ein anderer Lkw entgegenkam. Trotz größtenteils besonnener Fahrweise, hielten die Iraner wenig davon extra für uns abbremsen zu müssen. Auch etwas gewöhnungsbedürftig war, dass beim Ausparken kein Schulterblick durchgeführt wird, sondern einfach losgefahren wird. Hat man dies aber erst einmal verstanden, kann man damit gut arbeiten. Bereits in Armenien hatten wir uns auch daran gewöhnt, dass im Gegenverkehr überholt wurde, auch wenn wir genau auf Höhe des zu überholenden Fahrzeugs waren. Platz ist hierfür tatsächlich genug, aber wir rechneten nicht damit und bekamen bei den ersten Manövern dieser Art einen ordentlichen Schrecken.

Den Rest des Tages ging es bergauf, allerdings niemals so steil, dass es wirklich anstrengend wurde. Und obwohl wir nach wie vor auf Hauptstraßen fuhren, war der Verkehr wirklich auszuhalten und wir wurden verhältnismäßig selten angehupt.

Uns fielen nun regelmäßig temporär errichtete Stände am Straßenrand auf, die typischerweise mit schwarzem Stoff verhängt und mit grünen, roten und schwarzen Flaggen geschmückt waren. Offensichtlich hatten diese einen religiösen Hintergrund, den wir uns aber unserer mangelnden Bildung wegen nicht erschließen konnten. Auch sahen wir zahlreiche Händler, die aus ihren blauen Pick-Ups hinaus am Straßenrand verschiedene Feldfrüchte verkauften. Um dieses bei der vorbeifahrenden Kundschaft rechtzeitig anzukündigen, wurde jeweils ein Mann einige Meter vor dem Verkaufsstand in der knallen Sonne und direkt neben der Fahrbahn abgestellt ein entsprechendes Schild zu halten. Auf jeden Fall sollte dieser Job bei dem Top-Ten-Ranking der schlimmsten Jobs dabei sein.

Abends erreichten wir Nahavand, wo wir beim Wasserholen an einer Autowerkstatt ein einwandfreies Moritz-Bleibtreu-Double trafen. Als wir schnell ein Foto des beliebten deutschen Schauspielers gegooglet hatten, fielen seine Freunde in zustimmendes Gejole ein, sodass wir uns bestätigt fühlten. Welcher Tor war in uns geraten, dass wir kein Selfie mit dem netten Kerl machten.

Hinter der Stadt bogen wir von der Straße in ein ausgedehntes Waldstück ab, in der Hoffnung dort einen Platz zum Zelten zu finden. Das Areal stellte sich als eine Art Schrebergartensiedlung mit vielen Walnussbäumen heraus und unsere Frage nach einem Ort zum Zelten wurde zunächst mit „Hotel“ und „Town, Park“ beantwortet. Recht schnell lud uns dann jedoch ein älterer Herr in seinen Garten ein, der sogar einige Wörter Englisch hervorbrachte.

Die von uns mitgebrachte Melone wurde sogleich als untauglich ausgemustert und durch eine größere und schönere ersetzt. Zu dieser gesellten sich schnell Weintrauben, Pfirsiche, Nektarinen und Walnüsse bis ein großer Obstteller vor uns stand. Schließlich bekamen wir einen Platz im Garten gezeigt, in dem ein überdimensioniertes Bett mit Teppich darauf stand, auf dem uns angeboten wurde zu schlafen. Nicht nur da es weit weg war von der Hütte und daher Ungestörtheit versprach, nahmen wir dankend an und wurden bald in Ruhe gelassen. Für uns war es tatsächlich ein guter Tag geworden.

Die nächsten Tage plätscherten so dahin, während unsere Kilometerleistung relativ unproblematisch (wenngleich nicht ohne Anstrengung) täglich die 100er Marke überschritt. Wir konnten die Hauptstraßen einige Male vermeiden ohne dabei wüste Schlaglochpisten in Kauf nehmen zu müssen und selbst auf den Hauptstraßen blieb der Verkehr stets erträglich.

Wir hatten ja schon auf der gesamten Reise immer wieder einiges an toten Tieren am Straßenrand entdecken müssen, im Iran hatte sich das ganze aber noch einmal zunächst mengenmäßig auf ein völlig neues Level gesteigert. Kurz vor Borujerd war allerdings auch noch einmal in Hinblick auf Schaurigkeit und der Frage „wieso kümmert sich da niemand drum?“ erreicht. Wir bogen um eine Kurve, als wir bemerkten, dass wir einen Schakal von einem großen dunklen Etwas aufgeschreckt hatten. Da uns die zunächst noch eher konturlose Masse zu groß für ein überfahrenes Tier erschien, glaubten wir vielleicht einen verbrannten Müllberg zu sehen. Beim Näherkommen allerdings stellten wir zu unserem Entsetzen fest, dass es sich um ein auf der Seite liegendes totes Pferd oder Maultier handelte, das offenbar an verschiedenen Stellen versucht worden war anzuzünden. Kopfschüttelnd fuhren wir weiter während sich der Schakal hinter uns wieder an seine gegrillte Beute heranwagte.

In Dorud entschieden wir uns am Abend in einem abseits der Durchgangsstraße gelegenen Grünstreifen zu zelten, den wir auf der Karte entdeckt hatten. Dort angekommen stellte sich heraus, dass wir es mit einem Friedhof zu tun hatten, der aber, wie hier üblich überwiegend nicht grün war, da die Gräber allesamt ins Pflaster eingelassen sind. Daneben gab es aber eine durchaus schöne kleine Wiese, die uns gefiel, auch weil die einzige Gesellschaft ein schüchtern dreinblickender alter Hund war. Wir wollten aber dennoch auf Nummer Sicher gehen und versuchten bei zwei Herren zu erfragen, ob das Zelten an diesem Ort OK sei.

Schnell entfachte sich eine hitzige Diskussion und wie üblich kamen weitere Menschen kamen. Es wurde klar, dass einige den Platz für ungeeignet hielten. Dies hatte aber keineswegs mit einer etwaigen Störung der Totenruhe zu tun, sondern dass Iraner nun ganz einfach vollkommen andere Vorstellungen von geeigneten Zeltplätzen haben. Sie hätten uns lieber im an der Hauptstraße gelegenen Stadtpark zelten gesehen, denn da war es hell und jede Menge Trubel bis tief in die Nacht, etwas was die Einheimischen hier besonders schätzen. Da wir dies ablehnten, wollte man uns aber zumindest einen schönen Platz auf dem Beton anbieten, da Iraner nicht gerne auf weichem Rasen zelten. Hier auf dem Friedhof kamen dafür allerdings nur die Grabplatten der Gefallenen aus dem Iran-Irak-Krieg infrage, welche die Anwesenden uns wärmstens als Schlafplatz empfahlen. Der Friedhofswächter sprach dann aber endlich ein Machtwort und stellte fest, dass wir schon wissen würden, was wir wollen und wir bitteschön hier und auch auf dem Rasen bleiben dürften. Der Mann gefiel uns!

Als sich Julia im Toilettenhaus waschen ging und Tilmann sich ans Kochen machte, kamen zwei der gerade vom Friedhofswächter in die Schranken gewiesene Herren zurück und erklärten Tilmann, dass der eine Vater eines Märtyrers sei (per Googletranslator). So dann zerrten sie ihn von Zelt und Gaskocher weg und zeigten ihm eine Grabplatte, auf der das Konterfei des Verstorbenen vor einem Militärhelikopter eingeätzt war. Tilmann tippte ein paar hole Phrasen in das Telefon wie: „sie müssen sehr stolz auf ihn sein“ und „es ist sehr traurig, dass Menschen im Kampf sterben müssen“ bis der Alte ganz ergriffen mit dem Telefon zu seiner im Taxi wartenden Frau lief, um ihr den übersetzten Text zu präsentieren. Dann erklärte Tilmann allerdings: „ich darf mich nun entschuldigen, ich koche gerade“, woraufhin der Alte anfing zu lachen, ihn am Bart zog und einen Klaps auf die Schulter gab. Der Tag schloss damit, dass der schüchterne alte Hund den eigens für ihn erworbenen Schokoriegel verschmähte.

Als wir am Morgen Dorud verließen, fühlten wir uns bei der Wahl unsres Nachtlagers sehr bestätigt, auch wenn wir wieder Zeuge davon werden konnten, dass die Iraner diesbezüglich einfach anders ticken. Es war Donnerstag, also der erste Tag des Wochenendes und so begannen uns die Einheimischen wieder etwas mehr auf die Pelle zu rücken. Es ging jedoch weitaus entspannter zu als eine Woche zuvor in den Kurdengebieten und irgendwie hatten wir auch einfach besser gelernt, mit dieser vielen Aufmerksamkeit umzugehen. Wir wurden nun mit Bergen von Obst überhäuft, sodass unsere Räder bald aussahen, wie Traubapfelsich-Bäume. Kaum hatten wir einen Granatapfel verspeist und uns darüber gefreut, dieses Gewicht los zu sein, wurden uns 5 neue in die Hände gedrückt. Neben kiloweise Obst und Walnüssen bekamen wir auch ein Glas Honig geschenkt. Da dem Schenkenden offensichtlich nicht das englische Wort für „Imker“ einfiel, erklärte er uns, dass dies sein eigener Honig und er der „Bee-Boss“ sei.

Wenn uns nun jemand zu einem längeren Verweilen einladen wollte, behaupteten wir immer eine feste Verabredung in Isfahan zu haben. Wir hatten vollkommen den Überblick über die Wochentage verloren und gingen davon aus, am Freitag in Isfahan sein zu können, bis wohin es aber am Vormittag des 166ten Tags unserer Reise noch rund 270 km waren.

Daher wurden wir wohl auch überraschend schnell wieder freigelassen, als wir aus Mangel an Alternativen an einem dieser temporären Stände mit religiösem Hintergrund nach Wasser fragten. Wir hatten diese aufgrund der dortigen Menschenansammlungen und des religiösen Charakters meiden wollen und bereuten es zunächst auch fast, als wir nun gegen die uns selbst auferlegte Regel verstoßen hatten. Aus allen Ecken strömten nun Männer allen Alters zusammen, zerrten uns mal in die eine, mal in die andere Richtung, drückten uns Süßgetränke und Tee in die Hand und wiesen uns mal in diese und mal in jene Smartphonelinse zu lächeln. Uns wurde auch sogleich Essen und ein Schlafplatz angeboten (es war etwa 11 Uhr), aber wir lehnten mit eben jener Begründung ab, dass wir am Freitag in Isfahan verabredet seien. Nun haben Iraner offenkundig keinerlei Vorstellung, wie viele Kilometer man als europäischer Radreisender so am Tag fahren kann, allerdings erschienen ihnen die innerhalb von anderthalb Tagen zu leistenden 270 km doch wohl als wirklich ambitioniert. So entließen sie uns nach kurzer aber intensiver Belagerung.

Bei einer weiteren Highway-Vermeidung hatten wir später am Tag weniger Glück und fuhren fast zwölf Kilometer auf einer Staubpiste, die irgendwann einmal der neue Highway werden sollte. Keine Lust uns um unser Abendessen selbst zu kümmern und nach einer Dusche sehnend, einigten wir uns darauf, dass wir uns trotz der anstrengenden Erfahrungen in Marivan heute doch mal wieder für eine Übernachtung abschleppen lassen wollten. Waren wir in Chaman Soltan noch glücklos und wurden (jetzt wo wir es wollten) überraschenderweise von niemand eingeladen, klappte es in Dare Sari ohne große Bemühungen unsererseits. Wir hatten dieses Dorf ohnehin vorgezogen, da es gemäß Luftbild einiges an grünen Flächen versprach, sodass sich im Zweifel doch ein passabler Platz zum Zelten finden sollte.

Tatsächlich war das Dorf wunderschön in einem engen Tal, an einem Fluss gelegen, die alten teilweise verfallenen Lehmhäuser zeugten von einer langen Vergangenheit und die Einwohner begrüßten uns mit offenen Armen. Als wir Dare Sari zu zwei Drittel durchquert hatten, entdeckten wir am Friedhof eine größere Menschenansammlung und waren uns bereits ziemlich siegessicher. Wir rollten heran und fragten den ersten uns begrüßenden älteren Herren mit Schnurrbart (wie sich später herausstellte der Ortsvorsteher) scheinheilig, ob es im Dorf einen Platz gäbe, wo wir unser Zelt aufstellen könnten. Während dieser unsere Frage freudig bejahte, gleichzeitig aber schon klarstellte, dass wir in der Moschee schlafen könnten, bekamen wir von einer artigen Kinderschar gesüßten Tee und kandierte Gebäckspezialitäten gereicht.

Nach einer Dusche und der Einrichtung unseres Schlafplatzes auf dem Teppichboden des Gebetsraums, gingen wir ein paar Meter weiter die Straße herauf zum Ortsvorsteher, der uns zum Abendessen in seine bescheidene Wohnung in einem Mehrparteienhaus (das auch ein Erstlingswerk von Le Corbusier hätte sein könnte) eingeladen hatte. Unseren Hinweis kein Fleisch, Fisch oder Huhn zu verzehren, hatte dieser mit einer gewissen Fassungslosigkeit aufgefasst, die er aber immerhin mit charmantem Lachen verarbeitet hatte. Ergebnis dieses Austauschs war, dass wir zu Reis und Lavash Bohnen mit Pilzen aus der Dose bekamen, was hier zum Standardsortiment jedes Krämerladens gehört. Der Inhalt der Dose war dabei lediglich erwärmt worden und nicht wenigstens mit ein paar angeschwitzten Zwiebeln verfeinert worden. Natürlich darf man als Gast, der sich quasi selbst eingeladen hat keine Ansprüche stellen und das wollten wir auch nicht, lediglich waren wir ein weiteres mal über die mangelnde Kreativität in der Küche enttäuscht, nachdem diese ja allgemein so hoch gelobt wird. Denn auch das den anderen zahlreichen Gästen gereichte Fleischgericht bestand allem Anschein nach einfach aus angebratenen Fleischwürfeln und schien daher ebenfalls einmal mehr nicht sehr ausgefallen.

Zum Standardsortiment jedes Krämerladen gehört interessanterweise auch Soja-Hack/texturiertes Soja/Soja-Granulat, was uns seit unserer Ankunft immer wieder in Erstaunen versetzte, hatten wir dieses Produkt doch seit Ungarn schmerzlich vermisst. Im Gipsy-Village war es zwar auch oft gekocht worden, selbst hatten wir es jedoch in Georgien nicht erwerben können.

Komischerweise war diese praktische und schmackhafte Proteinquelle zwar überall zu haben, in der iranischen Küche jedoch offensichtlich nicht in Gebrauch und weitestgehend unbekannt. Auch dem für uns zum Dolmetschen eingeladene Flugzeugingenieur war diese Speise nicht geläufig, als wir während dem Abendmahl seine Frage beantworteten, wovon wir uns denn ernährten. Im fiel dazu lediglich ein, dass seiner Information nach Soja die Manneskraft beeinträchtigte. Tilmann begann daraufhin umständlich zu erklären, dass die im Soja enthaltenen Isoflavone keine angeblichen Potenzprobleme auslösen sollten, sondern gemäß einer Studie die Fruchtbarkeit beeinträchtigen könnten, da Isoflavone Östrogen enthielten. Der Haken an dieser Studie sei jedoch, dass sie von einer absolut unrealistisch hohen Dosis ausgegangen sei, weshalb ihre Seriosität stark anzuzweifeln sei. Ihre Aussage hielte sich aber hartnäckig, wie die Mär des hohen Eisengehalts von Spinat, weil in einmal irgendwo in einer Publikation eine Kommastelle verrutsch sei.

Nachdem Tilmanns Gesprächspartner offenbar nicht wirklich zugehört hatte, zumal im Iran zu Tisch bzw. zu Teppich immer sehr viel durcheinander geredet, immer wieder aufgestanden und der Platz gewechselt wird, fand er Gefallen am Thema Spinat und wollte nun über Popey reden.

Zu unseren Ehren war einmal wieder die gesamte Verwandtschaft, also das halbe Dorf eingeladen worden. Wie immer erkundigte man sich über unser Verhältnis zueinander und ob wir den Kinder hätten. Wir behaupten ja stets, dass wir verheiratet sind, da uns dann vieles leichter erscheint. Hierzu hatten wir in Sivas eigens Ringe erworben. Jedenfalls wurden wir nun gefragt, wie wir uns denn kennengelernt hätten und ob wir auch aus der selben Familie stammten, also beispielsweise Cousine und Cousin seien. Äußerst verwirrt über diese Frage, wurden wir anschließend aufgeklärt, dass solche Verbindungen im Iran sehr üblich seien. Wir blickten in die Gesichter und stellten fest, dass sich nicht nur Geschwister in dieser Runde sondern auch Eheleute sehr ähnlich sahen. Tatsächlich sollten wir noch in einigen Familien zu Gast sein, in denen Cousin und Cousine verheiratet waren und erklärten noch einige Male, dass dies in Deutschland zwar nicht verboten, aber sehr unüblich sei.

Der Rest des Abends wurde gefüllt mit Fotosessions und der Präsentation von Fotos des Dorfes zu allen Jahreszeiten und Babyvideos. Als wir auf die Idee kamen, Fotos von unserem Trip und eine Karte mit unserer Route zu zeigen, war das allgemeine Interesse eher bescheiden. Lediglich unser Dolmetscher zeigte ein gewisses Interesse an unserer Route, da er offenbar ein gewisses Faible für Geografie hatte. Wir fragten uns einmal mehr, warum die Iraner eigentlich ein so großes Interesse an uns Touristen hatten, denn wir bekamen das Gefühl nicht los, dass wir zwar mit Informationen zu ihrem Leben gefüttert wurden, andersherum aber wenig gefragt wurde bzw. uns nicht zugehört wurde. Da fiel uns wider ein, dass uns auf die Frage hin, was dieses ganze Gehupe und gemeinsam Fotos schießen eigentlich solle, mal jemand gesagt hatte, die Iraner wollen unbedingt ein anderes Bild von sich und ihrem Land zeichnen, als wir es vermeintlich über die westlichen Medien erhielten. Es ging also vielleicht darum, sich selbst zu präsentieren wozu auch passte, dass wir an diesem Abend so viele Fotos präsentiert bekamen und sich der Ortsvorsteher einige Tage später bei uns beschwerte, dass wir in unserem letzten Istagram-Post kein Bild von Dare Sari verwendet hatten.

Der Abend endete schließlich mit Überredungsversuchen, doch im Haus des Ortsvorstehers zu schlafen, was natürlich neben vielen weiteren Gründen auch deshalb keinen Sinn ergab, weil wir unsere Schlafsäcke ja bereits im Gebetsraum ausgerollt hatten. Wir wurden (selbstverständlich) noch zurück in unser Domizil gebracht und lösten wohl eine gewisse Verwunderung aus, als wir fragten, wie die ganzen brennenden Lichter zu löschen seien. (Üblicherweise werden Lichter im Flur und/oder Bad die ganze Nacht brennen gelassen). Dies ging wiederum zu unserer Verwunderung nur über den Sicherungskasten.

Der nächste Tag sollte uns weiter mit Obst überhäufen und uns so ein wenig bei unserer Weiterfahrt nach Isfahan ausbremsen. Dennoch schafften wir wieder 120 km, während denen wir feststellten, dass die uns umgebende Natur irgendwie doch sehenswerter war, als es uns in den letzten Tagen erschienen war. Vermutlich waren wir ein Stück weit abgestumpft, was schroffe, trockene, felsige Landschaft betraf konnten nun aber auch den besonderen Reiz darin entdecken.

Zum Abend hin war uns der zunehmende Verkehr wieder etwas stärker auf die Nerven gegangen und so wollten wir noch schnell einen halbwegs passablen Platz ein paar hundert Meter abseits der Straße suchen. Wir bogen also im Dorf Khormenan von der Hauptstraße ab, um eine parallele Sandpiste anzusteuern, als neben uns ein weißer Saipa hielt. Nicht besonders überraschend sprach der Fahrer der weißen Limousine eine Einladung zu Übernachtung bei ihm aus. Eigentlich wollten wir an diesem Abend lieber alleine sein, wurden aber in einem Moment der Schwäche erwischt und willigten nach kurzer Beratung ein. In diesem Moment hatte uns der Gedanke übermannt, sich nun nicht mehr um Wasser, Essen und Zeltaufbau kümmern zu müssen und wir hatten kurz vergessen, dass ein Abend mit einer iranischen Familie anstrengender sein kann. Diese Amnesie sollte sich nun rächen.

Diesmal betraten wir einen offenbar recht wohlhabenden Haushalt, das Wohnzimmer war großzügig geschnitten und mit beeindruckenden Teppichen sowie gewebten Wandbildern ausgestattet. Auf einem gefliesten Bereich etwa ein Meter erhöht, standen einige Pflanzen, sodass fast der Eindruck entstand sich in einem Lichthof zu befinden. Die moderne offene Küchen war in bordeauxroter Klavierlackoptik gehalten.

Alles was wir bisher in Sachen „heute führen wir der Verwandtschaft, also dem halben Dorf einmal unsere frisch gefangenen Touristen vor“ erlebt hatten, wurde an diesem Abend in den Schatten gestellt. Während wir Obst (dass uns als ausgewiesene Obst-eigentlich-nicht-so-toll-Finder schon längst zum Hals rauswuchs), Gemüse, Lavash und Käse gereicht bekamen, war der Hausherr pausenlos am telefonieren und wir verstanden immer nur „Tourist, Alman“ woraufhin sich kurze Zeit später die Tür öffnete und weitere Cousins, Tanten und Schwager allen Alters in das Wohnzimmer ergossen. Die Frauen in dieser Familie beließen es nicht nur bei langen figurlosen Kleidern und Kopftüchern, sondern wickelten zusätzlich noch eine Art Decke um ihren Körper. Dies schien nicht nur äußerst unpraktisch zu sein, sondern muss für die Trägerinnen auch eine zusätzliche Wärmequelle darstellen, was bei Temperaturen um die 30 Grad aus unserer Sicht wirklich zu weit geht.

Niemand, auch nicht das am aufgewecktesten dreinblickende Schulkind sprach auch nur ein Wort Englisch und so wurde uns ein Onkel und Schwager und wahrscheinlich auch Bruder und Cousin in Personalunion an die Seite gesetzt, der uns mit Fragen per Übersetzungsmaschine fütterte. Lange Zeit wurden keine Fotos geknipst, aber nachdem wir die Frage ob Fotos OK seinen bejaht hatten, brachen alle Dämme. Die nächste Stunde waren wir nur damit beschäftigt von einem Handy in das nächste zu grinsen, als immer wieder neue Schwestern, Großväter und angeheiratete Stiefschippschwager neben uns Platz nahmen. Ähnlich wie bei einer Hochzeit wurden dabei verschiedene Gruppierungen mit uns abgelichtet. Doch mehr als Frischvermählte fühlten wir wie Schafe in einem Streichelzoo. Eine kurze Unterbrechung bot ein kleiner Ausflug nach nebenan, wo wir eine Darbietung im Teppichweben erhielten, denn einige Frauen der Familie waren professionelle Perserteppichweberinnen, die ihre Arbeit sozusagen im Home-Office ausführten. Wir staunten, als für den in Arbeit befindliche relativ kleinen Teppich von vielleicht 1,5 m auf 2,5 m eine Bearbeitungszeit von einem halben Jahr genannt wurde.

Irgendwann saß ein untersetzter Mittvierziger mit stahlblauen Augen neben Tilmann, der ihm schließlich die Worte: „Mister, Germany, Hitler“ zuraunte. Tilmann tippte genervt eilig die Worte: „Das ist zum Glück lange vorbei“ in den Übersetzer, woraufhin sein Sitznachbar eine Kopfbewegung machte die wohl andeuten sollte „och, wieso, war doch gar nicht so übel?“. An dieser Stelle müssen wir leider ein weiteres unliebsames Kapitel über den Iran aufschlagen. Zunächst einmal haben wir sehr früh festgestellt, dass die Iraner offenbar in relevantem Umfang große Deutschlandfans sind. An vielen Lkws finden sich aufgeklebte Deutschlandfahnen, einige Garagentore sind schwarz-rot-gelb gestrichen und auch in Supermärkten findet man das ein oder andere vermeintlich deutsche Produkt. Leider machten wir davon viel zu wenige Aufnahmen, sodass die Dokumentation hier leider große Lücken aufweist. Neben der Deutschlandflagge sieht man eigentlich überhaupt keine anderen ausländischen Flaggen, außer vielleicht in oder über den Lobbys großer Hotels, doch auch das ist sehr selten.

Früh wurden wir, nachdem unsere Herkunft geklärt war, auch darüber aufgeklärt, dass Deutsche und Iraner ja ganz eng seien, denn beide Völker seien ja „Arier“. Ja und das Hitler-Ding hörten wir an diesem Abend auch nicht zum ersten mal und wir sollten es auch noch einige weitere Male zu hören kriegen, teilweise auch mit entsprechender Geste und vorangestelltem „Heil“! Da man mit den Menschen, die so etwas äußerten ohnehin nie eine gemeinsame Sprache sprach, guckten wir regelmäßig entweder kopfschüttelnd oder weg.

Ja und einmal sahen wir auch einen Lkw, der sich mit der Flagge der BRD und des Dritten Reichs „schmückte“ und erinnerten uns auch an einen iranischen Lkw mit der Aufschrift „Hitler“ und dass wir damals gehofft hatten, dass das ja auch etwas anderes bedeuten könnte. Während wir uns trotzdem sechs Wochen lang noch einbilden wollten, dass es sich, wenn wir auf unsere Herkunftsangabe gelegentlich hin mit „Heil Hitler“ gegrüßt wurden, um einen dummen Spaß handeln könnte, sprach an unserem allerletzten Abend im Iran ein Soldat in Bandar Abbas Klartext, indem er klarstellte: „Adolf Hitler is very good!“.

Ebenfalls sahen wir uns mehrmals genötigt zu erklären, dass wir keine Arier seien und von diesem Konzept auch nichts hielten, durchaus verwirrt, warum die Iraner diese angebliche rassische Verbindung immer wieder zur Sprache brachten. Auch hier war ein klärendes Gespräch niemals möglich und auch eine entsprechende Internetrecherche lässt einige Fragen offen. Einigen bekannt dürfte sein, dass der Begriff „Arier“ ursprünglich für Menschen iranischer Herkunft verwendet wurde und beispielsweise auch in der Inschrift des Grabmals von Darius, dem ersten König von Persien zu finden ist. Von den Nationalsozialisten wurde der Begriff quasi für die eigene Ideologie zweckentfremdet. Wie im nationalsozialistischen Denken wird auch im iranischen Gebrauch des Wortes damit eine besondere „Herrenrasse“ gemeinsamen Ursprungs bezeichnet, die wissenschaftlich niemals nachgewiesen werden konnte. Eine Verbindung zwischen den eingebildeten iranischen Ariern und den eingebildeten deutschen Ariern gibt es selbst laut den jeweiligen Ideologien nicht. Wir nehmen also leider traurig zur Kenntnis, dass viele Iraner, die wir trafen, auf solch einer Ideologie hängengeblieben sind.

Irgendwann, nach unzähligen Liebesschwüren und nachdem wir bereits unzählige Male bedauert hatten, wegen (fingierter) terminlicher Verpflichtungen nicht noch einen weiteren Tag bleiben zu können, stahlen wir uns davon in eine kleines Zimmer neben dem Wohnzimmer, dass wir als Schlafzimmer nutzen durften. Das Schlafen gestaltete sich jedoch trotz deutlicher Erschöpfung recht schwierig, da von außen das grelle Licht des sinnlos beschienen Innenhofs und vom Fenster über der Tür das Licht des Wohnzimmers hereindrang. Zudem hatte sich die Versammlung noch lange nicht aufgelöst und so drang zusätzlich der Lärm der fortgeführten Unterhaltungen zu uns herein. Als wir nachts einmal die Toilette aufsuchten, schlief der Hausherr auf dem Teppich im hell erleuchteten Wohnzimmer vor dem laufenden Fernseher.

Wir erwachten an dem Morgen mit der Erkenntnis, dass sich eigentlich bei diesen Einladung für uns nur die Dusche lohnte und unsere Gastgeber regelmäßig aus diesem Akt der Gastfreundlichkeit mehr herausschöpfen konnten als wir, nämlich einen Abend prächtiger Unterhaltung für die ganze Sippe und einige Milliarden Pixel auf dem Telefon als Trophäen (zum Angeben?).

Wir hatten nun noch 75 km bis ins Zentrum von Isfahan vor uns und diese zum Glück an einem Feiertag abzureißen. Es war nämlich das Ende der Feierlichkeiten zum Märtyrertod von Imam Hussein erreicht, die der Grund für die vielen schwarz eingehüllten Stände waren, an denen wir so zahlreich in den vergangenen Tagen vorbei gefahren waren. Daher hatten wir ziemlich freie Fahrt und wurden nur einmal kurz von einer Prozession ausgebremst. Ein netter Moped-Fahrer wies uns darauf hin, dass wir heute überall Tee umsonst bekämen und wir stellten lachend fest, dass dies ja jeden Tag für uns so sei.

So erreichten wir an Tag 168 und insgesamt 8.865 km am 17. September unser zweites Etappenziel Isfahan. Die Stadt war verglichen mit den meisten iranischen Agglomerationen wirklich schön und extrem grün. Nicht nur in den Parks sprossen Büsche und Bäume in verschwenderischer Menge in den Himmel, fast jede Straße war als Allee angelegt. Leider wurden wir jedoch auf den sporadisch vorhandenen Fahrradwegen (Fahrradstraßen gab es sogar auch) das ein oder andere mal ausgebremst, da wir mit unseren Taschen nicht durch die zur Motorroller-Abwehr typisch eng gesetzten Poller passten. Auch auf den zentralen Imam Ali Platz kamen wir mit den Rädern nicht, da dieser mit Personenvereinzelungsanlagen abgesperrt war.

Also fuhren wir gleich zu dem vorgemerkten Hostel Heritage, das zwar nicht besonders günstig, dafür aber wirklich gemütlich war. Es gab komfortable Aufenthaltsräume, eine sehr gut ausgestattete Küche einen großen Innenhof mit Bar, an der man den ganzen Tag Kaffee und Tee trinken konnte. Hier trafen wir mal wieder auf andere Radreisende, was uns bisher auf der Straße nicht gelungen war. Dieser Austausch war in diesem Fall auch eine Art Geprächstheraphie, um die kleine Depression zu verarbeiten, die wir alle durch den Aufenthalt im Iran erlitten hatten. Hatten wir vor der Einreise in das Land noch viele Fans getroffen, trafen wir nun viele Reisende, die nicht so sehr begeistert waren und auch mit der sepziellen Form der Gastfreundschaft ihr Schwierigkeiten hatten. Wir verbrachten viel Zeit mit Lars aus Berlin, den wir auch auf unserer weiteren Reise noch mehrmals treffen sollten und der sich im gesamten Iran niemals zu einer Übernachtung hat einladen lassen. Wir stellten fest, dass wir so radikal nicht sein wollten, denn auch wenn die Abende meistens nicht erholsam für uns waren (was wir nach einem Tag voller hupender Automassen dringend nötig hatten), bekamen wir doch auch immer spannende Einblicke, die wir hier mit euch teilen können.

Von Isfahan hatten wir etwas mehr erwartet. Bis auf die vielen Bäume und den großen zentralen Imam Ali Platz mit angeschlossenem Basar, fanden wir wenig Beeindruckendes. Der Großteil der Stadt war zu jeder anderen iranischen Stadt identisch: Ein Laden mit billigem Krempel reihte sich an den nächsten. Auch wenn es sich hierbei um eine sehr alte Stadt handelt, ist davon nur sehr wenig zu sehen. Die Wohnhäuser sind überwiegend die gängigen charakterlosen zusammengeklebten Apartmentblocks. Es gibt keine Viertel, mit eigenen Charakteren, wie man es von europäischen Großstädten gewohnt ist. Zwar gab es zwei Museen (die wir nicht besuchten), eine kulturelle Szene konnten wir aber leider nicht entdecken.

Deshalb blieben wir die meiste Zeit der dreieinhalb Tage und vier Nächte im Hostel und widmeten uns neben dem Kaffee trinken der Bestellung von Ersatzteilen für unsere Fahrräder. Wie bereits erwähnt, ist es ein Ding der Unmöglichkeit außerhalb von Mitteleuropa passende Teile fürs Fahrrad oder vernünftiges Outdoor-Equipment zu erwerben. Wir möchten hier nicht als Deutschland-Fans abgestempelt werden, aber es ist wie es ist: zuhause ist vieles besser. So bestellten wir neue Zahnräder, Tretlager, Mäntel (sowie Schläuche) und einen Wasserfilter zu Kristina, diese packte alles in ein Paket zusammen und schickte es zu unserem Kontaktmann nach Dubai, den wir über warmshower aufgetan hatten (in Wirklichkeit gestaltete sich das alles viel komplizierter, aber dazu mehr im nächsten Beitrag).

Als wir nach Isfahan kamen, war das Schicksal von Masha Jina Amini bereits durch die Medien gegangen und wir wussten, dass es im Iran deshalb einige Demonstrationen gab. Als wir an einem Nachmittag durch die Stadt streiften, trafen wir zufällig auf eine solche. Wir konnten aus einiger Entfernung eine Gruppe wütend rufender Menschen sehen, die ihre Fäuste immer wieder im gemeinsamen Rhythmus dem Himmel entgegen schleuderten. Im direkten Umfeld dieser Demonstration flanierten die Passanten unbeirrt weiter. Die Anwesenheit der Polizei konnten wir nur aufgrund von Sirenen wahrnehmen. Etwas interessiert, aber gleichzeitig vorsichtig, wollten wir das ganze kurz beobachten, wurden davon aber abgehalten, als uns gleichzeitig eine junge Frau nach unserer Herkunft befragte und drei Kinder uns anbettelten und schließlich auch etwas an den Kopf warfen, als wir ihre Wünsche nicht erfüllten.

Wir suchten schnell Reißaus, allerdings hauptsächlich um dem „normalen“ Treiben in einer iranischen Großstadt zu entrinnen, weniger weil wir den Eindruck hatten, die Demonstration bzw. die Polizei wäre gewalttätig. Erst in den nächsten Tagen sollte uns bewusst werden, dass die Stimmung an vielen Orten im Land während Protesten kippte und zahlreiche Menschen zu Tode kamen. Das iranische Regime reagierte mit einer weitestgehenden Internetblockade, die uns bis zu unserer Ausreise überwiegend von der Außenwelt abschneiden sollte. Um schon etwas zu spoilen, bekamen wir ansonsten von den politischen Unruhen nichts mit. Allerdings sollten wir nun doch noch eine unangenehme Begegnung mit der Staatsmacht haben.

Hier könnt ihr unsere bisher zurück gelegte Route und (meistens) unseren aktuellen Standort sehen.

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9 Gedanken zu “akklimatisierung 🇮🇷

    1. Puh, also der Sommer war übel, heiß halt. Teilweise ist das Thermometer auch nachts nicht unter 33 Grad gesunken. Wir hatten sogar zeitweise Probleme mit der Wasserversorgung, weil wir es so schnell gesoffen haben, dass wir den Nachschub gar nicht schnell genug unbeobachtet die Treppe hoch schleppen konnten. Inzwischen ist die Luftfeuchtigkeit etwas hoch und wir frösteln ein wenig. Insgesamt hat es aber doch Spaß gemacht sich die ganzen absurden Geschichten auszudenken 🤭
      Netflix:
      Mo
      Blood of Zeus
      Katla

  1. Na endlich mal schöne Bilder , wie man sich Persien vorstellt.
    Kaum zu glauben, wie eure Erfahrungen von unseren (provinziellen) Vorstellungen abweichen…

  2. Das war ja sehr aufschlussreich und erstaunlich – insbesondere diese Arier- Obsession (obszönität). Tolle Bilder. Die Anstrengungen können wir gut nachfühlen und das Bedürfnis nach Ruhe und Abgeschiedenheit, wenn man den ganzen Tag auf der Straße und in der Öffentlichkeit ist. Mapa

  3. Wieder mal interessante Bilder. Krass, wie diese blauen Pickups beladen sind. Jetzt weiß ich auch, wo derartige Memes herkommen.
    Auch wenn es ja anstrengend zu sein scheint, habt ihr ja durch die ganzen Einladungen bzw. Besuche ja sicher einen besseren Einblick in die iranische Kultur/Gesellschaft bekommen als ohne, oder?

    1. Wie, nur interessante Bilder? Und der Text?
      Die blauen Pickups waren regelmäßig echt 1 Hingucker.
      Ja, gewiss haben wir so mehr mitgekriegt als wenn wir alle ausgeschlagen hâtten.

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