letzte worte zum kaukasus 🇬🇪🇦🇲

Tag 91 bis 149 (2.07. bis 29.08.)
Distanz: 1979 km
Höchster Punkt: 3.150 m (3.597 m)
Tiefster Punkt: 10 m
Rauf: 29.690 m
Runter: 29.290 m

Diesen Beitrag hatten wir bereits am Ende unseres Aufenthalts in Georgien geplant, um noch über ein paar Dinge zu berichten, die ansonsten in keinem Bericht untergekommen sind. Nicht geplant hatten wir jedoch diesen Einstieg, denn natürlich hatten wir gehofft, dass der Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan nicht erneut weiter eskaliert. Wie ihr aber wohl alle den Medien in den vergangenen Wochen entnehmen konntet, ist es ein weiteres mal zu schweren Gefechten in der Grenzregion gekommen, nachdem wir Armenien bereits zwei Wochen verlassen hatten.

Andere Radreisende, die sich noch im Land befanden, berichteten über die entsprechenden Kommunikationskanäle, dass sie die Gefechtsgeräusche hören konnten und saßen überwiegend in Yerevan fest, denn eine Weiterreise in den Süden, wo man sich stets in Grenznähe befindet, war natürlich unverantwortlich. Wenig verwunderlich, dass es jetzt wieder zu Kämpfen kommt, denn die Schutzmacht Russland ist ja bedauerlicherweise anderweitig „beschäftigt“. Immerhin konnte nach nicht allzu langen gewaltsamen Auseinandersetzungen inzwischen eine Waffenruhe vereinbart werden, doch natürlich ist der Konflikt damit nicht aus der Welt, denn die Feindschaft zwischen beiden Staaten besteht bereits seit Jahrzehnten. Ein Aserbaidschaner, den wir in einem iranischen Hostel kennengelernt hatten, berichtete uns auch von der massiven Hassrede gegen den Nachbarstaat seitens Regierung und Medien, sodass die Abscheu auch tief in Teilen der Bevölkerung verankert ist. In Armenien haben wir die alltägliche Präsenz des Militärs im ganzen Land selbst erlebt. Täglich kamen wir an mehreren Kasernen und Militärtransporten vorbei.

Es ist schon traurig, denn Armenien ist ein fantastisches Land. Ebenso Georgien, dass insbesondere aufgrund seiner landschaftlichen Vielfalt einen großen Reiz versprüht. Während Georgien aber allgemein als lohnenswertes Reiseziel bekannt ist, hat uns Armenien in dieser Hinsicht doch ziemlich überrascht. Beide Länder sind auch erheblich unterschiedlich, sowohl was die Landschaft betrifft, als auch ihre Bewohner*innen.

Wie bereits berichtet, haben wir die Georgier*innen als eher verschlossen und fast ein wenig unfreundlich erlebt. Wir sind dort auch kein einziges mal eingeladen worden, wobei uns andere Reisende hier auch von abweichenden Erfahrungen berichten. In Armenien haben wir es wiederum ganz anders erlebt. Hier wurden wir meist herzlich empfangen, auf der Straße gegrüßt, unterwegs beschenkt und mehrfach eingeladen. Die armenische Gastfreundschaft hat uns bisher auch am meisten zugesagt, die iranischen Erfahrungen mitberücksichtigt. Einzig die regelmäßigen Nötigungen Hochprozentiges zu trinken, trüben den Blick auf unsere diesbezüglichen Erinnerungen ein wenig.

Vor diesem Hintergrund können wir die von einigen anderen Reisenden ausgedrückte Erleichterung, dass in Armenien ja glücklicherweise weniger getrunken würde als im nördlichen Nachbarn nicht bestätigten. Dies würde sich auch im Verkehr bemerkbar machen. Diese Erfahrung teilen wir ausdrücklich nicht. In beiden Ländern sind die Supermarktregale zu etwa einem Drittel jeweils mit Schnaps gefüllt (ein weiteres Drittel beansprucht Süßgebäck), das Verhalten im Verkehr ist hüben wie drüben risikofreudig.

Bei der Zusammensetzung des Verkehrs hören die Gemeinsamkeiten schon wieder auf. Während die Armenier nach wie vor große Stücke auf Lada setzen, dominieren in Georgien japanische Fabrikate, die regelmäßig sogar mit Rechtssteuerung aber ohne Stoßstange ausgerüstet sind.

Vielleicht wollen die Georgier bei der Wahl ihrer Fahrzeuge auch bereits ihre Haltung zum großen Nachbarn im Norden ausdrücken. Das diametrale Verhältnis beider Länder zum Sowjetnachfolgestaat Russland ist offenkundig. In Georgien wird die Ablehnung allerorts offenkundig zur Show getragen. Damit ist nicht nur die umfangreiche Unterstützung der Ukraine gemeint (wir haben in Georgien weitaus mehr Ukraineflaggen als heimische Fahnen gesehen), sondern die direkt gegen Russland gerichtete Kommunikation im öffentlichen Raum. So trugen die Kellner in einem Restaurant in Mestia T-Shirts mit dem Aufdruck „20 % of my country is occupied by Russia“, während auf dem Rücken eine Georgienkarte abgebildet war, auf der die beiden abtrünnigen Regionen Abchasien und Südossetien rot markiert waren. Diese offen ablehnende Haltung ist besonders bemerkenswert, da es im Land nur so von Russen wimmelt. Dies hat einerseits natürlich Tradition, hat sich andererseits aber auch seit Kriegsbeginn noch wesentlich gesteigert, da viele Russen ihr Heimatland nun verlassen.

Natürlich wird in beiden Ländern neben der jeweiligen Muttersprache Russisch wie eine zweite Muttersprache gesprochen. Umso mehr haben wir uns geärgert, dass wir nicht ein wenig mehr Russisch zur Vorbereitung gelernt haben. Konnte man den Türken noch guten Gewissens vorwerfen, dass sie überwiegend keine einzige weitere Sprache und schon gar keine international gebräuchliche Sprache lernten, mussten wir uns in den beiden Kaukasusstaaten selbst vorwerfen nur Englisch als internationale Sprache zu beherrschen. Wobei sowohl viele Georgier als auch viele Armenier, insbesondere jüngere, relativ flüssiges Englisch beherrschen. Es ist bemerkenswert, dass die Menschen in dieser Region gleich drei Alphabete, nämlich ihr eigenes, das kyrillische und das lateinische kennen.

In Georgien werden, offenbar auch um die ablehnende Haltung zu Russland und die Orientierung hin zur westlichen Welt zu bezeugen, fast alle öffentlichen Beschilderungen in Georgisch und Englisch verfasst, darunter selbst Einrichtungen wie Kindergärten, die eigentlich kaum auf Interesse internationalen Publikums stoßen sollten. Auch Polizeiwagen tragen neben der georgischen Beschriftung auch den Aufdruck „Police“. In Armenien ist dieses Phänomen zwar auch zu beobachten, allerdings weitaus weniger stark ausgeprägt.

Die Russen, mit denen wir im Gipsy-Camp gesprochen haben, berichteten von der sprichwörtlich schlechten Arbeitsmoral der Georgier, wobei das die Georgier auch von sich selbst behaupten würden. So würde beispielsweise die Erlaubnis für Ausländer sich ohne Visum für ein Jahr im Land aufzuhalten auch daher rühren, dass strengere Regelungen mehr Arbeit nach sich ziehen würde, etwa durch Ahndung etwaiger Verstöße. Uns selbst war aufgefallen, dass man vor zehn Uhr morgens kaum einen geöffneten Landen vorfinden konnte und auch der Verkehr erst ab dieser Uhrzeit merklich zunahm. Unsere Gastwirtin in Ushguli lehnte unseren Wunsch nach einem Frühstück um 7:30 Uhr barsch ab, das sei zu früh. Wir konnten uns dann auf 8:00 Uhr einigen. Am nächsten Tag versuchte sie uns zu einem Frühstück um 8:30 Uhr zu überreden. Ähnliche Beobachtungen konnten wir in Armenien nicht machen.

Beide Länder haben uns außerordentlich gut gefallen, wie aus diesem und den vorangegangenen Beiträgen hoffentlich ersichtlich wurde. In Georgien begeisterte uns die Natur und in Armenien die Menschen. Auch die Küche in Georgien war erstaunlich gut und hatte einige traditionelle vegane Speisen aufzuwarten. Da wir in Armenien fast ausschließlich selbst gekocht haben können wir uns hierzu kein Urteil erlauben (Übrigens, falls es jemanden interessiert: Wir haben in Armenien trotz drei Übernachtungen n der Hauptstadt im Schnitt lediglich 8 Euro pro Person und Tag ausgegeben). Trotz unserer Begeisterung möchten wir an dieser Stelle nur eine sehr eingeschränkte Reiseempfehlung aussprechen. Denn da unsere Leserinnen und Leser ja (leider) ausschließlich aus dem deutschen Sprachraum kommen, bedeutet eine Reise in den Kaukasus in aller Regel die Notwendigkeit eines Fluges. Hierzu wollen wir an dieser Stelle niemanden motivieren. Viel besser erreichbar aus Deutschland ist der Balkan, wo wir insbesondere die Herzegowina, Albanien und Nordmazedonien empfehlen.

Nach diesem kurzen Intermezzo könnt ihr euch nun aber auf den wahrscheinlich heiß ersehnten ersten Bericht zum Iran freuen. Keine Sorge, der folgt bald!

Hier könnt ihr unsere bisher zurück gelegte Route und (meistens) unseren aktuellen Standort sehen.


2 Gedanken zu “letzte worte zum kaukasus 🇬🇪🇦🇲

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