Tag 116 bis 125
Distanz: 37,2 km
Höchster Punkt: 790 m
Tiefster Punkt: 390 m
Rauf: 690 m
Runter: 360 m
(alle Namen (außer unsere eignen) im Folgenden geändert)
Unsere Titel seien zu negativ, ermahnte einst Tilmann. Diesmal sicher nicht. Den Ausruf “Best Life!” hörten wir 10 Tage lang dreimal täglich, immer dann wenn im Gipsy Village das Essen an die workers und volunteers ausgegeben wurde. Der Ausruf kam von Franz, ebenfalls einem Radreisenden, der sich über die drei warmen Mahlzeiten besonders freute. Doch nicht nur Frank, (nahezu) jede und jeder hier war mit dem leckeren Essen aus selbst angebautem Bio-Gemüse zufrieden (wobei die Russen gerne mehr Fleisch gegessen hätten).
Am 27. Juli 2022, Tag 116 unserer Reise, fuhren wir von Tbilissi aus lediglich 37,2 km in Richtung Süden. Aufgrund der relativ langen Zeit der Sattel-Abstinenz, der inzwischen deutlich angestiegenen Temperaturen und der merklichen Steigung machte uns die ziemlich kurze Distanz trotzdem ungewöhnlich stark zu schaffen und wir mussten im Schatten eines Baumes eine kurze Verschnaufpause gegen das aufkommende Schwindel-Gefühl einlegen.
Dennoch unterm Strich entspannt erreichten wir am frühen Nachmittag das Dörfchen Assureti, das einst von Deutschen als Elisabethtal gegründet worden war. In stalinistischer Zeit wurden die deutschstämmigen Bewohner allesamt nach Kasachstan zwangsumgesiedelt, sodass die Siedlung nun georgisch ist. Die Schwabenstraße, in die wir kurz vor unserer Ankunft im Gipsy Village einbogen, die alten Fachwerkhäuser und die Namen auf den Grabsteinen des örtlichen Friedhofs zeugen noch heute von diesen vergangenen Zeiten.
Bei dem Gipsy Village, gelegen in einem pittoresken Tal ein Stück vom Ort entfernt, handelte es sich um ein im Aufbau befindliches Ferien-Camp in russischer Hand. Vitali hatte uns für eine Woche willkommen geheißen und wir waren der Einladung gefolgt, um unsere Ankunft im Iran aus hitzetechnischen Erwägungen noch etwas heraus zu zögern. Da Vitali just im Moment unserer Ankunft nach Tbilissi aufbrechen musste, führte uns die Amerikanerin Erika, selbst seit zwei Wochen als volunteer im Camp nach der Begrüßung herum. Arbeiten mussten wir am ersten Tag noch nicht und konnten so in aller Ruhe unser Zelt unter ein paar Bäumen etwas abseits von Gästehaus, Küche und Aufenthalts-Pavillon aber unweit der Farm aufstellen.












Für Kost und Logie arbeiteten wir 5 Stunden täglich in Garten und Einmach-Küche des Gipsy Village mit und halfen auch bei der ein oder anderen Konstruktionsaufgabe. Die Wochenenden (bzw. für uns das eine Wochenende) waren frei. Gut ernährt wurden wir aber auch Samstag und Sonntag. Nur als am Sonntagabend der Strom ausfiel, blieb die Küche kalt. Die Strom- und Wasserversorgung war ein Problem in dem Camp, das eigentlich bald als ein Glamping-Platz eröffnet werden sollte. Die zukünftigen Gäste können in Tipis wohnen und im Restaurant das durch die eigene Farm versorgt wird speisen. Der Eröffnungstermin stand kurz bevor und die Arbeiten am Restaurant sollten nun zügig fertiggestellt werden. Das war die Aufgabe der workers, die wie die Bosse größtenteils aus Russland kamen. In der russischen Community gab es während unseres Aufenthalts einige Streitigkeiten, die wir nicht gänzlich verstanden. Das fehlende Fleisch spielte dabei eine Rolle, wir konnten aber auch erleben wie ein neuer Manager, der keinen guten Stand unter den workern hatte u.a. weil er den Zugang zur Sauna limitieren wollte, nach kurzem Aufenthalt wieder gefeuert wurde.
Unter den volunteers ging es da friedlicher zu. Diese Gruppe aus Reisenden aus Deutschland, Österreich, den USA und Kasachstan half bei der Ernte von Auberginen, Zucchini, Basilikum, Pflaumen, Gurken, beim Ausgeizen von Tomaten und Unkraut Ausrupfen. Einiges davon verarbeiteten wir danach in der Outdoor-Küche zu Marmelade, Sider, getrockneten Gewürzen oder schnibbelten es auch gleich für unser eigenes Abendessen.
Auf uns wirkte das Ganze wie ein sich selbst erhaltendes System und die Vorstellung bald könnten Gäste das etablierte Worker-Volunteer-Camp stören, schien keinem so recht zu gefallen. Doch irgendwann wollten die Inhaber sicherlich auch Geld damit verdienen.
Für uns bot sich mit dem Aufenthalt im nahe Tbilisi gelegenen Camp die Möglichkeit die heißen Tagen nicht auf der Straße zu verbringen. Wir arbeiteten morgens von 7 bis 11 mit Frühstückspause und abends noch einmal von 5 bis 7. Mittags lagen wir in der Hängematte oder planschten im Pool. Natürlich musste aber auch am Fahrrad gefrickelt werden und so wurde das Seesack Joint Venture zwischen Ortlieb und Vaude weiter optimiert und den Hörnern an Tilmanns Lenker ein neuer Überzug aus alten Fahrrad-Schläuchen verpasst. Original werden die Grifferweiterungen von ergotec idiotischerweise mit einem Schaumstoffüberzug ausgeliefert, der wenig überraschend, bereits in Auflösung begriffen war.
















Die Abende verbrachten wir oft gemeinsam am Lagerfeuer oder im Pavillon beim Werwolf, Spy oder Cobble spielen. Das man mit den meisten Russen im Camp nur langsam warm wurde, lag sicher überwiegend an den bestehenden Sprachbarrieren, aber auch an der aus unserer Sicht oft etwas unterkühlt daherkommenden russischen Seele.
Alkohol floss auch an den gemeinsamen Abenden erstaunlich wenig. Wodka sahen wir gar nicht und eine der wenigen Ausnahmen bildete der 2. August, Julias Geburtstag, für den sie zusammen mit Robert aus Berlin sechs Liter Wein im Dorf besorgt hatte. Den beiden war bekannt, dass dort hinter einem blauen Tor Wein gekauft werden konnte. Im Dorf angekommen stellten sie fest, dass jedes zweite Tor blau war und klopften auf gut Glück einfach irgendwo. Dort wurden sie herzlich empfangen, aber auch nach mehreren zeichensprachlichen Nachbohren konnten sie nicht mehr als eine drei Liter Flasche Rotwein ergattern.
Da das für die 30 Campbewohner etwas zu wenig war, fragten die beiden auf der Straße einen Dorfbewohner, wo sie noch mehr Wein bekommen könnten (in den Ländern des Kaukasus tippt man dafür mit Mittel- und Zeigefinger an seine Halsschlagader, das eindeutige Zeichen für Alkohol) und wurden an das nächste blau Tor verwiesen. Dort winkte ein freundliches Ehepaar in einen gemütlichen Weinkeller, schenkte gleich einige Probiergläser ein und füllt schließlich in eine schlecht ausgespülte 3-Liter-Plastik-Bierflasche den Weißwein al la Casa ab. Auch von dem georgischen Schnaps Chacha nahmen die beiden noch ein Fläschlein mit. Als diese Ergatterung am Abend vernichtet war, verwandelte sich der Pavillon für eine knappe Stunde in einen Club und während wir beide mit Erika, Franz, Robert und seiner Freundin Katharina tanzten, schauten uns einige der russischen works belustigt (und filmend) zu. Der anschließende Sauna-Aufenthalt ließ den georgischen Wein seine Wirkung vollends entfalten und das mürrische russische Gemüt schmelzen.
Die von schroffen Felsen eingerahmte Insel der Glückseligkeit gefiel uns schließlich so gut, dass wir die eine Woche noch auf insgesamt 10 Tage verlängerten. Wer unseren Blog bisher aufmerksam verfolgt hat weiß, dass das für uns eine enorme Leistung des Stillstandes darstellt. Aber verglichen mit den anderen war das natürlich nur eine Stippvisite. Nanita und Raffael, zwei Radreisende aus Kolumbien waren bereits seit sechs Monaten im Camp. Franz arbeitete bei unserer Ankunft dort schon einen Monat und wollte noch einen weiteren Monat bleiben. Er ist 2020 mit dem Fahrrad in Sachsen aufgebrochen und auf dem Weg nach Hiroshima, wo er am 6. August 2025, 80 Jahre nach dem Atomwaffenangriff ankommen möchte. Er fährt im Zeichen des Weltfriedens offensichtlich mit einer deutlich anderen Geschwindigkeit als wir. Das mag auch daran liegen, dass er mit einem Gesamtgewicht von 80 kg (Fahrrad und Gepäck) gestartet ist (inzwischen hat er sich ein wenig reduziert) und somit nur 20 bis 30 km am Tag vorankommt.
Anja aus Österreich war wie wir mit einem Patria Terra unterwegs, war allerdings zunächst bis Kappadokien geflogen. Nach ihrer eigenen Aussage war sie bei ihrer Reise per Rad aber noch immer nicht so richtig in Flow gekommen und verbrachte daher mehr Zeit mit Wandern als auf dem Rad. Es war bereits ihr zweiter Ausstieg aus dem „normalen Leben“, nachdem sie nach einer komplizierten Trennung bereits vor fünf Jahren ihr Leben in der Wiener High Society aufgegeben hatte und sich auf Weltreise (damals noch ohne Fahrrad) begeben hatte.
Richard aus den USA hatte von einem interessanten Background zu berichten. Er war als Sohn einer Farmer Familie in Pennsylvania aufgewachsen. Seine Familie gehörte einer Glaubensrichtung ähnlich der Armish an. Die Fortschrittsverweigerung geht in dieser Community nicht soweit, dass vollständig auf Motor betriebene Gerätschaft verzichtet wird, aber die eingesetzten Landmaschinen dürfen beispielsweise nicht mit Gummibereifung ausgestattet sein, sondern müssen mit Stahlrädern bestückt werden. Damit soll verhindert werden, dass diese Fahrzeuge für etwas anderes als die Feldarbeit, etwa für eine Fahrt in den Supermarkt verwendet werden. Der Handwerksberuf des Stahlradherstellers ist dort daher ein sehr lukrativer. Richard hatte mit seiner Gemeinschaft zwar nicht gebrochen, allerdings auch keine aktive Verbindung mehr. Einmal erwähnte er in einem Gespräch das Gipsy Village als sein (aktuelles) „Home“ zu verstehen. Sein großes Interesse galt den Krypto-Währungen und wir konnten ihn regelmäßig beim Studium der aktuellen Kurse beobachten.
Dieses Interesse stieß wiederum bei Alex aus Kasachstan auf Interesse. Er blieb uns die ganze Zeit hinüber etwas rätselhaft. Einen Tag vor uns als volunteer angekommen war er aufgrund seiner Sprachkenntnisse direkt den workers zugewiesen worden. Er musste daher mehr arbeiten als wir, wurde jedoch wie wir nur mit Kost- und Logie vergütet. Ein wenig hatte man den Eindruck, dass er nicht wusste, welcher Gruppe er sich nun eher anschließen sollte. Seine Kontaktaufnahmen zu uns kamen regelmäßig vollkommen unvermittelten und wirkten dabei oft gleichermaßen wirr wie barsch. Zudem kommentierte er das von allen insgesamt sehr geschätzte Essen regelmäßig mit unwirschem Grummeln und gab auf Nachfrage zum Besten keinerlei Gemüse zu mögen, noch nicht einmal Kartoffeln, und sich seit fünf Jahren ausschließlich von Fleisch zu ernähren.
Katharina und Robert waren mit ihrem Bully von Berlin zuerst nach Portugal und dann nach Georgien gefahren. Auch sie waren also schon eine Weile auf Reisen. Katharina konnte dabei allerdings einer äußerst interessanten Arbeit nachgehen: Sie hörte im Auftrag eines Studios Hörbücher Korrektur. Natürlich kam ihr dabei auch Schund unter; das schlimmste Machwerk, dem sie sich bisher hatte widmen müssen war nach ihrer Einschätzung ein Teeny-Love-Mistery-Adventure. Da Robert im engen Kontakt mit der Berliner Party-Szene stand, war die gemeinsame Wellenlänge zu den beiden implizit gegeben. Georgien stellte für sie den Wendepunkt ihrer Reise dar und wir brachen am selben Tag aus dem Camp auf. Während sie die Rückreise nach Westen aufnahmen, brachen wir am 6. August Richtung Armenien auf. Für uns wurde es Zeit, denn auch wenn Franz das Leben im Camp als das best denkbare erachtete, ist für uns Best Life noch immer im Sattel etwa einen Meter über der Straße.







Hier könnt ihr unsere bisher zurück gelegte Route und (meistens) unseren aktuellen Standort sehen.
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Spass habt ihr ja 🙂
Und das obwohl wir arbeiten mussten 😉
Hallo Julia, viel Glück in diesem aufregendem Lebensjahr. Deinen Geburtstag kannte ich nicht, somit verspätete Gratulation
Lieben Dank. Das neue Lebensjahr ist aber recht profan gestartet. Ich habe gearbeitet und bin, als ich damit fertig war, Fahrrad gefahren.
“Gearbeitet und dann Rad gefahren…” hört sich ja fast nach einem normalen Tag in irgend einer profanen Stadt an…
Trotzdem von mir nachträglich noch alles Gute!
PS: Ich bin nur noch einen Monat in der Zeit zurück versetzt, yeah! 😎
Jetzt hast du Zeit aufzuholen
Also ich kann den kasachischen Bruder durchaus verstehen. Essen ohne Fleisch ist kein richtiges Essen sondern nur Beilage. 😉😝
Du hast natürlich in allem Recht was du sagst!