ketten, hunde 🇬🇪

Tag 101 bis 109
Distanz: 490 km
Höchster Punkt: 2.260 m
Tiefster Punkt: 110 m
Rauf: 4.200 m
Runter: 6.630 m

In Georgien gibt es neben vielen Kühen auch unzählige Hunde, von denen ein großer Teil wild lebt. Im Gegensatz zu ihrer türkischen und griechischen Verwandtschaft sind sie weit überwiegend friedlich, zumindest uns gegenüber. Bellend verfolgt wurden wir nun kaum noch, stattdessen mit viel Hundeliebe überhäuft. Nur mit schwerem Herzen können wir an den treuen Kulleraugen vorbei gehen.

Weil wir immer noch viel Zeit hatten, bevor wir in Tbilisi sein wollten, fuhren wir am 12. Juli nicht auf direktem Weg in die Kaukasus Landenge hinunter, sonder kämpften uns in der Mittagshitze Serpentinen hoch. Julia war stolz, dass sie solche sportliche Herausforderungen mittlerweile souverän meistern konnte, während Tilmann in Sorge über Kette und Kassette verfiel. Alles drehte sich um die Frage, ob wir nach 7.000 km Gesamtfahrleistung die Kette schnell noch austauschen sollten, um die Kassette nicht weiter zu schädigen oder sollten wir nun beides so lange fahren, bis es auseinderfällt. Diese Sorge führte dazu, dass wir viel Zeit mit Recherche und Fernberatung verbrachten (danke an Christoph!) und außerdem erfuhren, dass in Tbilisi generell so gut wie keine Fahrrad-Ersatzteile auffindbar sind (danke an Sonja und Alex!) und deshalb Ersatzteile in Deutschland bestellten wollten, die uns mitgebracht werden würden (danke an das Schätzelein!). An diesem Tag trafen wir das erste mal einen Radfahrer, der bereits auf dem Weg zurück nach Europa (Frankreich) war, nachdem er nun 11 Monate unterwegs gewesen und bis in den Iran gekommen war. Außerdem konnten wir mehrfach Zeuge der aus unserer Sicht bizarren georgischen Friedhofkultur werden, wo die Gräber mit fast lebensgroßen Abbildern der Verstorbenen in einer Art Airbrush-Technik geziert werden und die Hinterbliebenen regelmäßig Softdrinks und Alkohol „opfern“.

Um die Stimmung wieder zu heben, gönnten wir uns eine Abkühlung in einem der unzähligen Wasserfälle Georgiens. Dieser überzeugte mit seinem recht flachen Verlauf in mehreren Stufen, die sich zu Becken entwickelt hatten und das Wasser war gar nicht mal so kalt. Der Wasserfall, neben dem wir auch genächtigt hatten, wurde akribisch von einer jungen weißen Hündin überwacht, die uns nicht mehr von der Seite wich, nachdem wir ihr einen Muffin spendiert hatten. Vor lauter Freude fraß sie in der Nacht unsere Seife auf. Sie half uns auch dabei, die junge Kuh, die am Morgen vorbei kam, davon abzuhalten unseren Müll zu fressen und bewachte unsere Fahrräder, als wir badeten. Als wir weiter fuhren, schaute sie uns traurig hinterher, blieb aber in ihrem Revier rund um den Wasserfall, wo vermutlich immer mal wieder etwas von einem Picknick für sie abfällt.

Leider hatten wir aufgrund der Ketten-Panik die Routenplanung sträflich vernachlässigt, fuhren einfach los und realisierten erst bei der ersten Pause zum Wasser auffüllen nach 10 km, dass sehr hohe Berge sowie Straßen vor uns lagen, die Googlemaps gar nicht kannte. Wir beschlossen wieder umzukehren, um nach Kutaissi, der drittgrößten Stadt Georgiens, zu fahren, in der Annahme eine leichte Route bergab zu wählen (und in der Hoffnung dort noch eine Kette zu ergattern). Zwar führte uns der Weg durch ein weiteres spektakuläres mit Felsen umschlossenes Tal, aber auch 25 km über eine unsägliche Schotterpiste, die wohl einst einmal asphaltiert gewesen war. Das machte sie umso schwerer zu befahren. Zudem ging es mit Nichten entspannt bergab sondern stetig rauf und runter und nach einer Weile ließ zu allem Überfluss auch noch der Reiz der Landschaft nach. Bereits jetzt hatte Tilmann sein Fahrrad gedanklich unzählige Male in den Fluss geworfen und einen Flug von Tbilisi nach Frankfurt gebucht.

Doch noch waren wir nicht in Kutaissi und als wir wieder auf Asphalt fuhren, begann es auch noch leicht aber stetig zu regnen. Als sei dies noch immer nicht genug des Unglücks, bemerkten wir bei einem erneuten steilen Anstieg, dass Tilmann einen Platten hatte und die Hotelbuchung über booking.com wollte nicht gelingen. Es erübrigt sich zu erwähnen, dass wir einmal wieder den ganzen Tag nichts zu essen kaufen konnten, außer Kekse. Völlig entnervt und auf Zucker kamen wir in Kutaissi an.

Kutaissi hat vor allem gastronomisch einiges zu bieten und überzeugte uns mit einem entspannten Flair. Auf der Suche nach einem neuen T-Shirt für Julia, da ihr eines offenbar in Ushguli abhanden gekommen war, stellten wir jedoch fest, dass Kutaissi in Sachen Bekleidungsfachgeschäftsinfrastruktur doch ziemlich anders tickt, als man dies aus Mitteleuropa gewohnt ist. Zwar gab es in den beiden kleineren Malls eine Vielzahl von Klamottenläden. Diese waren allerdings ausschließlich vollgestopft mit Imitaten von Nobelmarken wie Dolce & Gabana und Prada, welche um den Anschein der Echtheit zu erwecken zwar nicht zu einem realistischen Preis für ein Original, jedoch im Anbetracht ihrer eigentlichen Herkunft und Qualität immer noch viel zu teuer angeboten wurden. Schließlich fanden wir ein wenig abseits doch noch einen Laden mit einem zufriedenstellenden Angebot.

Den Besuch des ansässigen Radladens hingegen hätten wir uns sparen können, denn dort bekamen wir eine Kette für umgerechnet 50 Euro angeboten. Nach kurzer Recherche im Internet fanden wir die selbe Kette (KMC) für 15 Euro in einem deutschen Online-Shop, weshalb wir von einem Erwerb im Kutaissi Abstand nahmen und Kette und Kassette nun in Deutschland bestellten und sie ebenfalls zum Schätzelein liefern ließen.

Nach einem Ruhetag in Kutaissi, an dem wir uns u.a. noch einmal mit einem sehr sympathischen radreisenden Paar aus der Schweiz, dass wir bereits in Mestia und Ushguli getroffen hatten, auf einen Kaffee verabredeten, beschlossen wir noch in den kleinen Kaukasus zu fahren. Die Landschaft dort war zwar lieblich, doch kam sie nicht an das spektakulären Swanetien heran. Dafür war der Weg zum Zekari Pass (2.260 m) wesentlich anstrengender als zu dem von uns bereits befahrenen Zagari Pass (2.630 m), weil er 40 Kilometer über losen Schotter führte, was besonders bei der Abfahrt auf die Finger ging, da wir dauerhaft bremsen mussten. Beim Aufstieg fuhren wir hingegen zur Höchstleistung auf und schafften 1.780 Höhenmeter an einem Tag. In Sairme hielten wir nur kurz um die verschiedenen Heilwässer zu probieren, deren Geschmack zwischen Eisen und Schwefel changierte.

Nach der Überquerung des Passes kamen wir von einer typisch europäischen Mittelgebirgslandschaft in die trockene und heiße Ebene des Pozchowiszqali, einem linken Nebenfluss der Kura. Wir kamen nun der Türkei wieder sehr nah und auch die Landschaft erinnerte wieder an diese. Da wir müde verschwitzt und vom Verkehr genervt waren, fiel die Schlafplatzsuche etwas übereilt aus. Tilmann warb für eine Wiese, die zu einem kleinen Sägewerk gehörte, was Julia zwar nicht optimal fand, aufgrund der Umstände aber nicht konsequent insistierte. So fragte Tilmann einen älteren Herren, der auf dem Gelände unterwegs war, ob wir dort zelten könnten. Nach ewigen Erläuterungen und Abwägungen, denen wir nicht folgen konnten ließ er uns endlich allein, sodass wir das Zelt aufbauen und uns waschen konnten.

Später stellte sich heraus, dass der ältere Herr nicht der Besitzer, sondern der Wächter dieses Gelände war und in einem winzigen Zimmer mit Tisch, Bett, Kühlschrank hauste, umringt von hungrigen und humpelnden Hunden. Als wir in Folge seiner Einladung zu einem Kaffee in seiner Behausung, diese betraten, lief gerade eine Sexszene im Röhrenfernseher. Allerdings lief der Fernseher, wie wir es bereits in vielen Haushalten beobachtete hatten einfach so im Hintergrund, ähnlich wie es in Deutschland mit dem Radio nicht unüblich ist. Das Programm schien keine besondere Rolle zu spielen.

Obwohl der Herr offensichtlich nur wenig hatte, lud er uns ein, sein Essen mit ihm zu teilen, das wir nur probierten, aus Sorge ihm etwas wegzuessen. Leider war nur ein sehr oberflächliches Gespräch möglich, dass aufgrund der Zeichensprache auch sicherlich nur zu 20 Prozent von beiden Seiten verstanden wurde. Das Wasser für den Kaffee wurde auf einem, aus einem alten Radiator selbstgebauten Herd gekocht, der direkt an den Sicherungskasten angeschlossen war. Diese behelfsmäßige Konstruktion vermochte das Wasser jedoch nur sehr langsam zu erwärmen und produzierte zudem eine erhebliche Menge an Abwärme, der wir nun wie seinen Erzählungen auf Georgisch und Russisch ausgeliefert waren. Auch über das aktuelle Verhalten von Russland wollte er uns etwas nahelegen, jedoch blieb für uns im Unklaren, auf welcher Seite er nun stand.

In Georgien kann man ein sehr ambivalentes Verhältnis zu Russland beobachten. Wie wir in den nächsten Tagen noch eindrücklich erfahren sollten, sind die Georgier große Fans von Stalin, der in Georgien geboren und aufgewachsen ist. Besonders in seiner Geburtsstadt Gori und in der Umgebung findet man goldene Statuen und Büsten. Das Stalin-Museum in Gori (das ausschließlich für Besucher, die der georgischen oder russischen Sprache mächtig sind Informationen bietet) glorifiziert ihn und versteckt seine Gräueltaten in einem unscheinbaren Raum im Keller, vielleicht ist dieser nach anhaltender Kritik aus Alibi-Gründen nachträglich eingerichtet worden. Der russischen Sprache sind sehr viele Georgier mächtig, die älteren Semester nahezu vollständig. Und obwohl Georgien so viel mit Russland verbindet, wird besonders in Tbilisi deutlich, dass hier eine besonders große Abneigung gegen den russischen Krieg gegen die Ukraine herrscht. Jede mögliche und unmögliche Stelle wird in Gelb und Blau koloriert und an vielen Wänden und Schildern sind unflätige Ausdrücke in Verbindung mit Putin und Russland zu lesen. Die Unterstützung der Ukraine in Georgien überall sehr offenkundig nach außen getragen und auch die russischen Unterstützung der abtrünnigen Regionen Abchasien und Südossetien öffentlich scharf kritisiert.

Nach Tbilisi folgten wir schließlich der Wein-Route durch die Dörfer, einer gut zu fahrenden Straße mit wenig Verkehr und der beste Weg, um die Autobahn zu vermeiden. Eine Nacht verbrachten wir zwischen einer Apfelbaum-Plantage und einem Mais-Feld zu dem eine Brücke über einen kleinen Kanal führte. Bereits als wir dort ankamen, wurden wir von einem schwarz-weißen Welpen erwartet, der etwas verschüchtert und gleichzeitig neugierig zu uns aufschaute und mit dem Schwanz wedelte. Wir gaben ihm trockenes Brot, Wasser und Reis, was ihm nicht besonders mundete, trotzdem blieb er bei uns und rollte sich in der Nacht in unserem Vorzelt unter einem unserer Hocker ein. Am Morgen war uns beiden klar, dass wir dieses kleine Häufchen Elend nicht einfach hier zurücklassen konnten, sondern zumindest eine geeignete Bleibe für ihn suchen mussten. Alles andere wäre kaltherzig gewesen und hätte tiefe Gewissensbisse hinterlassen. Schließlich hatten wir ihn bereits mehr oder weniger in unsere Obhut genommen und Antoine de Saint-Exupéry hatte uns ja gelehrt, dass man für das verantwortlich ist, was man sich vertraut gemacht hat. Wir packten zusammen und überlegten schon, wie wir den Hund transportieren könnten, doch als wir uns umschauten, war er wie von Geisterhand verschwunden. Im Zweifel ob wir fantasiert hatten, schauten wir in unseren Handys nach und entdeckten tatsächlich einige Aufnahmen von dem Kleinen. Vielleicht hatte er es doch vorgezogen seiner Heimat treu zu bleiben.

Lange blieben wir nicht alleine, denn schon am übernächsten Tag bekamen wir wieder eine tierische Begleitung. Da unsere Unterkunft in Gori trotz unserem vorherigen Hinweis, dass wir keine Eier zum Frühstück wollten, diese servierte, packten wir eines für einen armen Straßenhund ein, den wir in jedem Fall zeitnah treffen würden. Bei der Höhlenstadt Uplistsikhe war es dann soweit und Tilmann verfütterte besagtes Ei an einen der dort herumlungernden Hunde, die ihr Glück bei den rastenden Touristen versuchten. Das Ei wurde mit mittelmäßiger Begeisterung gegessen, jedoch musste der blonde Schäferhundmischling anerkennen, dass dieses extra für ihn geschält wurde. „Kojote“, wie wir ihn nun nannten, da er ein bisschen so aussah und es auch zur trocken felsigen Umgebung passte, folgte uns daraufhin für die nächsten 7 Kilometer durch die an den wilden Westen erinnernde Steppe, die an der Kura (1364 km, längster Fluss des Kaukasus) und einer trockenen Felswand entlang führte. Zurück an der Hauptstraße Richtung Tbilisi wollten wir ihn durch einen kleinen Trick abschütteln, um ihn nicht aus seinem angestammten Territorium zu entreißen, in dem es ihm offensichtlich ganz gut ging. Zudem wollten wir ihn nicht der Gefahr ausliefern überfahren zu werden.

Wir warfen ihm also ein Stück von dem leckeren frisch gebackenen georgischen Fladenbrot hin und traten schnell in die Pedale. Doch Kojote wollte nicht das Brot, sondern bei uns bleiben und ging in den Galopp über, als ein anderer Hund auf der Straße trat, der Kojote in seinem Revier begrüßen oder abweisen wollte, was wir nicht mit Sicherheit wissen. Denn uns war klar, dass das nun unsere einzige Chance war Kojote abzuhängen, solange er abgelenkt war. Wir erhöhten deshalb unsere Geschwindigkeit auf hundeunübliche 35 km/h und fuhren zu zweit nach Tbilisi. Wir legten uns also keinen Fahrrad-Hund zu, was selbstverständlich viel Engagement benötigt hätte, aber ebenfalls zur Explosion unsere Follower-Zahlen geführt hätte, uns eine sichere Einnahmequelle und damit unsere Reise von einem finanziellen Minus- hin zu einem Plusgeschäft gewandelt hätte.

Am 20. Juli hatten wir schließlich genug von dem Getrödel und rollten einen Tag früher als geplant in die georgische Hauptstadt ein. Dort trafen wir zunächst Oliver und Kathrin wieder, die bereits in dem von Samira für eine Woche gemieteten Appartement auf uns warteten. Dort nahm dann auch die Geschichte mit der Kette ein Happy End, als unsere beiden Helden, das Schätzelein und Samira, am frühen Morgen des 22. Juli in unserem Apartment auftauchten und wie die Weihnachtsmänner allerlei Geschenke mitbrachten. Doch dazu später mehr…

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4 Gedanken zu “ketten, hunde 🇬🇪

  1. – Das Ganze hier zu lesen macht mich ja schon neidisch…

    – Seife essen vor Freude… mache ich auch immer wieder.

    – Das Blatt mit den Wassertropfen am Rand sieht superschön aus!

    – Ihr werdet scheinbar nach wie vor immer dürrer 😱

  2. – das ist alles nicht so einfach wie es bei euch klingt….

    – Ich habe Mal gehört wer Koriander mag, mag auch Seife…

    – sieht auch fast aus wie bei „in einem Land vor unserer Zeit“.

    – Ja genau das meine ich ja. 😅

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