Aus der Autostadt Trabzon führte eine vielbefahrene Autobahn an der Schwarzmeer-Küste entlang Richtung Nordosten. Der Himmel war grau, die Straße war grau und wir konnten nur ab und an einen Blick auf das Schwarze Meer erlangen, dass heute auch grau war. Zu allem Überfluss hielt uns die meiste Zeit auch die graue Mittelleitplanke davon ab, einmal näher an das Meer heranzukommen. Bereits in Trabzon gab es keine Möglichkeit am Meer zu sein, denn dort waren Flughafen, Autobahn und Hafen. Auch bei der Weiterfahrt gewannen wir zunehmend den Eindruck, dass die Türken ihr nördliches Meer und dessen Strände nicht besonders mögen, denn dieses war zugebaut und nicht zugänglich. So radelten wir stoisch die gerade flache Straße entlang und hoffte auf baldige Besserung, die nicht eintreten wollte.
Zumindest wollten wir schnell vorankommen, um dem Elend bald zu entgehen. Die Orte an der Strecke waren groß und charakterlos, lange Reihen von gleich aussehenden Wohnklötzen. Das Ende von Trabzon und den Beginn der neuen Gemeinde hatten wir nicht wahrnehmen können, denn eine Unterbrechung der Bebauung war kaum einmal gegeben. Irgendwann wurde die Besiedlung jedoch lockerer und man konnte erkennen wie schön die Küste eigentlich war, denn das direkt hinter dem Meer aufragende Kackar-Gebirge ist überwuchert von einem undurchdringlichen Feuchtwald. Als wir Rize näher kamen, wurde die Wildnis immer mehr durch saftig grüne Teeplantagen ersetzt, die sich wie Matten in mehreren Lagen an die steilen Hänge schmiegten.
Dieses Grün wurde nun von einer Teefabrik nach der anderen durchbrochen. Eine Einladung zum Cay konnten wir da natürlich nicht ausschlagen, da wir jetzt direkt an der Quelle waren. In Rize wollten wir dann der Küste noch eine Chance geben uns zu überzeugen. Die touristisch bekannte Stadt würde doch gewiss eine nette Strandpromenade haben, also fuhren wir für eine Pause von der Autobahn ab, quälten uns durch das Gedrängel in der Innenstadt und wurde damit überrascht, dass der „Strand“ einer Müllhalde glich, die man von einer äußert unbequemen Bank von der Promenade aus bewundern konnte. Völlig desillusioniert fuhren wir weiter und waren etwas bange, ob sich in dieser Umgebung wohl ein geeigneter Schlafplatz finden würde. Wir hofften auf einen Fluss, den wir auf der Karte sehen konnten, doch auch an seinen Ufern waren die bereits bekannten Wohnblöcke, auf der anderen Seite einige kleine Industrie- und Gewerbeanlagen.
Alle drei schon leicht entnervt, standen wir am Wegesrand, als ein hilfsbereiter Autofahrer fragte, wie er uns helfen könne. Tilmann schilderte das Anliegen einen Zeltplatz zu finden und der Mann hatte gleich eine Idee. Die beiden Frauen in der Runde waren sehr skeptisch, denn sie wollten, wie ursprünglich abgestimmt, lieber noch ein oder zwei Kilometer dem Flusslauf ins Landesinnere folgen. Der Mann fuhr voraus und nach wenigen Kilometern wurde einmal wieder klar, dass man nicht jedes Hilfsangebot in der Türkei annehmen sollte. Der Herr schlug uns vor auf einer Art Verkehrsinsel zu nächtigen. Klar, dort wuchs schönes weiches Gras und der Boden war eben, aber die Wiese wurde von Autos umkreist und lag inmitten von Restaurants und den üblichen Wohnblocks. Für die Nacht wünschten wir uns zumindest ein bisschen Privatsphäre. Also bedankten wir uns höflich und erklärten, warum der Platz für uns nicht taugte. Kathrin platzte allerdings schon ein wenig die Hutschnur und machte ihrem Ärger (auf Deutsch) Luft. Der Mann erklärte hingegen, dass der Platz doch prima sei, da viele Restaurants in der Nähe wären, wo wir Essen könnten und Wasser hätten. Dass wir es eigentlich immer rechtzeitig schaffen, bei Zeiten unsere Lebensmittel- und Wasservorräte aufzufüllen, kann sich offenbar selten jemand vorstellen.
Der Mann war verständnisvoll und hatte sogleich eine neue Idee. Weiterhin skeptisch, aber mittlerweile auch etwas verzweifelt, folgten wir ihm abermals und er führte uns zu dem wenige Kilometer entfernten Zugang zum Strand von Cayeli. Auch in diesem Ort trennte die Autobahn den Strand von der Stadt und ohne seine Hilfe hätten wir den Zugang eventuell nicht gefunden. Der Strand war hier immerhin nicht ganz so hässlich und wies einen für türkische Verhältnisse eher unterdurchschnittlichen Vermüllungsgrad auf. Ein paar wenige Menschen saßen dort noch im Sand und ansonsten sollten wir wesentlich weniger beobachtet sein, als am Fluss oder auf der Verkehrsinsel. Wir schlugen schnell unser Lager auf, da es schon dämmerte und waren froh einen doch relativ ruhigen Platz gefunden zu haben.
Da kam eine neue Gruppe Strandbesucher des Weges, die eine kleinen Diesel-Generator anschleppten, um damit eine relativ kleine Lampe zu betreiben. Der Generator war übermäßig laut und die Lärmbelästigung stand in keinem Verhältnis zu dem Nutzen, den sie erbrachte. Eigentlich war das Ganze so grotesk, dass man von einem Prank ausgehen musste, aber uns sprach auch nach einer Stunde niemand an, ob er oder sie die Aufnahmen unserer verärgerten Gesichter für seinen oder ihren YouTube-Channel verweden durfte. Uns wurde wieder einmal bewusst, dass Lärm für die Türken keinerlei Problem darstellt. Mit verstopften Ohren konnten wir schlafen und was wäre auch eine Nacht in der Türkei ohne Störung gewesen, ein Ding der Unmöglichkeit.












Am Morgen sattelten wir etwas unmotiviert die Hühner, denn uns stand wieder ein Tag auf der Autobahn bevor. So strampelten wir vor uns hin und mussten nun auch zahlreiche Tunnel durchfahren, was ebenfalls die Laune nicht hob. In Ardesen bogen wir in den Ort ab, um mal eine Verschnaufpause vom Verkehrslärm zu bekommen. Auf einem heruntergekommenen Rastplatz, auf dem alle Bänke kaputt waren, fand Tilmann einen Plastiktüte mit zwei Pailetten verzierten Tüchern, die in dieser Region gerne an Touristen verkauft wurden. Die beiden Mädels banden sie sich gleich um den Kopf und freuten sich über den Farbklecks an diesem grauen Tag. Durch diese kleine Aufheiterung wieder etwas motiviert, fuhren sie weiter und wurden kurze Zeit später von einem Schweizer Namens Oliver eingeholt, der ebenfalls auf dem Fahrrad unterwegs war. Die mittlerweile weniger stark befahrene Straße ermöglichte, dass wir uns während der Fahrt mit ihm über die bisherige Route, Ziele und erlebte Abenteuer austauschten.
Schließlich beschlossen wir, gemeinsam Mittagessen zu gehen und blieben auch danach ein Viererteam. Als Schlafplatz hatten wir uns einen Strand ausgeguckt, von dem wir nicht viel Schönheit erwarteten, aber immerhin einen Platz, um das Zelt aufzustellen. Die georgische Grenze war noch 30 Kilometer entfernt, doch bereits hier parkte ein Lkw nach dem anderen auf dem Seitenstreifen, den wir eigentlich als unseren Fahrradstreifen interpretierten! Die Nummernschilder wirkten wie der leicht geöffnete Spalt in ferne Welten, denn sie wiesen die Herkunft der Lastwagen aus Georgien, Aserbaidschan, Kasachstan, Kirgistan, Usbekistan und Armenien aus. Wie uns zu Ohren kam, warten die Fahrer hier teilweise über eine Woche auf die Freigabe durch den Zoll.
In Hopa kauften wir nochmal ein, tankten Wasser auf und wunderten uns ein bisschen, dass nach dem Ort die Lkw nun auch auf den Fahrspuren standen, wir also durch die Lücken zwischen ihnen kurven mussten. Dann plötzlich war die Schlage vorbei und davor stand ein sehr gestresst wirkender Verkehrspolizist, der auch uns anhielt. Es ging hier also nicht um die Zollfreigabe. Der Polizist nahm sich Zeit, um uns per Google-Translator zu erklären, dass es einen Hangrutsch gegeben hatte und die Straße nun komplett gesperrt sei, mindestens noch für 2 Stunden. Da es bereits Abend war, wurde uns klar, dass wir nun hier in Hopa einen Schlafplatz finden mussten. Tilmann fragte den Pförtner der nächstgelegenen Polizeistation, doch der lehnte entschieden ab. Ein weiterer Mann schlug uns allerdings vor, zum Strand von Hopa zu fahren. Das hört sich vernünftig an. Wir bahnten uns also unseren Weg zurück durch das Verkehrschaos, fanden den zugeparkten Zugang zum Strand und mussten erst einmal lachen: Der Strand war winzig, bestand nur aus großen Steinen und lag neben einem eingezäunten Tanklager. Aber immerhin war es ruhig hier: Obwohl nur wenige Meter von der Straße entfernt, konnten einige Bäume und Büsche das Dröhnen der Motoren und das hupen der Ungeduldigen abschirmen. Nach einem Tag auf der Autobahn, war das fast paradiesisch für uns und wir konnten drei halbwegs geeignete Plätze für unsere drei Zelt identifizieren. Wie wir am Abend noch durch eine Internetrecherche erfuhren, hatte der Hangrutsch auch ein Todesopfer und zwei schwer Verletzte gefordert.













Am nächsten Tag war die Straße frei und nach nur wenigen Metern kamen wir zu besagter Unfallstelle. Nur eine Fahrbahn war geräumt und auf der anderen türmten sich riesige Felsbrocken und Geröll, die einen Lkw zerteilt und begraben hatten. Im Bewusstsein der realen Gefahr, die von diesen Steilhängen ausgeht, wollten wir diese Passage zügig hinter uns bringen. Außerdem waren wir nun nach 42 Tagen bereit der Türkei „Tesekkürler ve Güle Güle“ zu sagen. Doch diese wollte uns noch nicht gehen lassen, denn als wir vier unsere letzten Lira in Kekse investierten, fing ein Regen an, der sich zu einem heftigen Gewitter ausbaute und eine Stunde lange wahnsinnige Wassermassen vom Himmel schüttete. Nachdem wir eine Weile unter dem Vordach des Ladens ausgeharrt hatten, wechselten wir in das Café nebenan und mussten nun unseren Nescafé mit der Kreditkarte bezahlen, da die Lira ja schon weg (und die Kekse verspeist) waren. Kaum war der Kaffee da, hörte der Regen auf und so schwangen wir uns koffeeingestärkt in die Sättel und waren Schwuppdiwupp auch schon an der Grenze.







Sieht ja sehr gemütlich aus dieser Strand mit den Massagesteinen.
😅
habt ihr schon mal gedacht: ich hab keinen Bock mehr?
In schwierigen Stunden durchaus. Aber nie ernsthaft.