rekorde 🇹🇷

Tag 76 bis 81 (17.06. bis 22.06.23)
Distanz: 534 km (∑ 5.085 km)
Höchster Punkt: 2.040 m
Tiefster Punkt: 900 m
Rauf: 6.310 m
Runter: 6.020 m

Nach vier Nächten war es Zeit Kappadokien zu verlassen. Nun wollten wir auf mehr oder weniger direktem Weg zurück ans Schwarze Meer, da wir uns in Trabzon, wo es ein Konsulat des Iran gibt, um unsere Visa kümmern wollten. Wir haben bereits Visa für den Iran, die wir vom Konsulat in Frankfurt ausgestellt bekommen haben. Diese laufen allerdings bereits Anfang August ab, was uns zwar ohne weiteres für eine Einreise reichen würde, allerdings wollen wir das nun nicht mehr, da der August nach dem Juli der zweitheißeste Monat im Iran ist (große Überraschung). Der Plan ist nun den Sommer in Georgien, Armenien und ggf. Aserbaidschan zu verbringen und erst im Herbst in den Iran einzureisen. Wir hatten bereits per E-Mail das Konsulat in Frankfurt mit der Bitte einfach das Datum im digitalen Visum zu ändern kontaktiert, von dort aber, wenig überraschend, bisher keine Reaktion erhalten. Um auf Nummer sicher zu gehen, wollten wir unser Glück also im ca. 680 km entfernten Trabzon versuchen.

Von Göreme ging es zunächst gut zehn Kilometer bergab bis Avanos, das am nördlichen Rand des „Nationalpark Göreme und die Felsbauten von Kappadokien“ liegt. Dort überquerten wir (mal wieder) den Kızılırmak und wechselten damit vom Nevesehir Plateau auf das Kirsehir Plateau. Wir warfen noch einen letzten Blick hinter uns, aber die bizarren Felsformationen Kappadokiens waren bereits kaum noch zu erahnen. Wir fuhren nun Richtung Nordosten und waren bald wieder von endlosen Weizenfeldern umgeben. Dennoch blieb die Landschaft reizvoll und trotz der späten Abreise, brütender Hitze und einigen extremen Steigungen kamen wir gut voran und schafften es Trabzon über 80 km näher zu rücken. Dabei hatten wir mehrfach einen atemberaubenden Ausblick auf den Erciyes (3916 m), einem der der höchsten Berge der Türkei. Der Vulkan ist mit seinen Ausbrüchen hauptverantwortlich für die Bildung der Tuffsteinlandschaften von Göreme und im weiteren Kappadokien.

Kurz vor Ende des Tages wurden wir eine Weile von einem älteren Herren auf einem Elektro-Trike begleitet. Natürlich hatte er in Deutschland gelebt und war vernarrt auf einen Plausch mit uns. Schließlich wurde es ihm an einem Brunnen zu bunt und er bremste uns aus, um uns mit Rosinen und Datteln zu versorgen, die er in einer Plastiktüte in der Klappe unter seinem Sitz zusammen mit einigen Würsten gelagert hatte. Auch die getrockneten Früchte wiesen daher ein kräftiges Raucharoma auf.

Schließlich trafen wir noch auf einen Schäfer, der uns zunächst um Wasser bat und dann darum einige zurückgebliebene Schafe in seine Richtung zu treiben. Tilmann willigte ein und begann die Zippe mit einem Jungen vor seinem Fahrrad herzutreiben. Er bereute dies jedoch sofort als er merkte, dass diese erheblich lahmte und war erleichtert als sie geistesgegenwärtig auf den Acker auswich, wo Tilmann ihr mit dem Fahrrad nicht folgen konnte.

Unser Nachtlager schlugen wir an einer Viehtränke vor den Toren der kleinen Ortschaft Yazicepni auf. Dort konnten wir freilich nicht erwarten unbehelligt zu bleiben und so bekamen wir reichlich Besuch. Zunächst signalisierte uns ein Landwirt auf einem Traktor, dass er mit unserem Vorhaben für eine Nacht zu bleiben einverstanden sei. Es folgten mehrere jugendliche Ziegen- und Schafhirten, die die in ihre Obhut gegebenen Tiere an der Wasserstelle tränkten. Später schaute noch eine Familie mit Traktor, offenbar auf dem Weg von der gemeinsamen Feldarbeit nach Hause vorbei und sammelte Brennholz von den abgestorbenen Bäumen auf bevor sich schließlich noch der Schäfer mit der lahmende Zippe einfand, wobei das arme Tier nun noch größere Schwierigkeiten hatte zu folgen.

Kurz nachdem wir eingeschlafen waren wurden wir gegen viertel vor Elf von kindlichen und jugendlichen Stimmen rund um unser Zelt geweckt. Allem Anschein nach handelte es sich um die Hirten und ihre Freunde, die sich nun einen Spaß daraus machen wollten, die Vagabunden, die in ihr Hoheitsgebiet eingedrungen waren zu ärgern. Neben „Party“ und „Hello“, das sie noch selbst hervorbrachten, schepperten Wortfetzen, die der Google-Translator aus den Lautsprechern ihrer Mobiltelefone ausspuckte an unser Ohr. Als Tilmann das Zelt einen Spalt öffnete blickte er nur in etwa acht auf ihn gerichtete Handy-Lichter. Da keine Kommunikation möglich war oder sinnvoll erschien, verschloss er das Zelt wieder und wartete ab. Gelangweilt begannen sich die ersten Störenfriede zu entfernen, auf Julias Seite des Zeltes konnten wir aber noch immer geflüsterte Worte wahrnehmen. Als Julia nun den Reißverschluss zu ihrer Zeltöffnung betätigte, nahmen auch die letzten Verbliebenen Unruhestifter Reißaus und zum Glück kehrte auch niemand zurück.

Erst am frühen Morgen gegen vier Uhr fühlte sich eine Gruppe von Hunden offenbar vom Anblick unseres Zeltes gestört und bellte dieses sinnlos an. Julia hörte wenige Augenblicke später ein verräterisches Rascheln und fürchtete um den Kocher, der noch draußen stand. Als sie aus dem Zelt lugte, sah sie einen der Kangals mit der Mülltüte im Maul entfliehen. Mit Oropax schafften wir es noch ein wenig zu schlafen. Am 18. Juni fuhren wir zunächst durch endlose unbewohnte aber landwirtschaftlich genutzte Gegenden. Gegen Mittag erreichten wir den Ort Felanhiye, in dem besonders viele Deutschtürken zu wohnen oder Verwandtenbesuche zu machen schienen. Wir wurden selbst im Supermarkt mehrfach angesprochen, sodass wir von unseren geplanten Einkäufen die Hälfte vergaßen. Dafür lud uns ein älterer Herr jedoch zum Essen in ein Restaurant ein, machte sich aber nach der Bestellung und der beglichenen Rechnung schon wieder aus dem Staub. Eine zweite Einladung zum Mittagessen schlugen wir aus.

Am Nachmittag erreichten wir das Ak Gebirge, welches im Süden vom Kızılırmak begrenzt wird. Wir folgten aber grob weiter dem Flussverlauf und drangen nicht tiefer in die Berge vor. Stattdessen erreichten wir nach einem heftigen Anstieg, den wir mit einer Pause unterbrachen und diese nutzen, um Julias Bremsbeläge am Hinterrad auszutauschen, hinter der Ortschaft Özvatan eine Geländekante, die uns abermals eine beeindruckende Aussicht und eine etwas holprige und rasante Abfahrt bescherte.

Danach fuhren wir etwa 15 km Kilometer parallel zu eben jener Geländekante auf einer gut ausgebauten aber vollkommen ungenutzten Straße, was uns wieder einmal traumhafte Naturerlebnisse einerseits und entspanntes und zügiges Vorwärtskommen andererseits bescherte. Julia radelte mittlerweile mit den neu erworbenen Klick-Schuhe, was zwar gut gelang und etwas mehr Power gab, aber doch nicht zu einer 30-prozentigen! Leistungssteigerung führte, wie der Fahrradhändler behauptet hatte.

Da das Radfahren vor diesem Hintergrund gerade einmal wieder besonders viel Spaß machte, verzichteten wir auf einen nahezu perfekten Zeltplatz an einem Brunnen etwas abseits der Straße und machten noch ein paar Kilometer bis in den kleinen Ort Karaözü gut. Dort zelteten wir direkt neben einer offenbar in die Jahre gekommenen Brücke (denn sie war nur noch für den Fußverkehr freigegeben) über den Kızılırmak. Offenbar befanden wir uns überraschenderweise in einem Ort mit sehr modernen Einwohnern, denn alle Damen egal welchen Alters, die wir auf der Straße trafen, waren ohne Kopftuch unterwegs. Leider war der Weg in die Moderne jedoch noch nicht so weit vorangeschritten, dass auch das Umweltbewusstsein bereits gereift wäre. So leistete Julia erst einmal ein bisschen Gemeindearbeit bevor wir es uns gemütlich machen konnten und sammelte Bierdosen und Plastikflaschen ein.

Der nächste Tag begann, was die Qualität der Straße anbetraf, mit einer mittelschweren Katastrophe. Nachdem wir erst einen Weg fahren wollten, der nicht befahrbar war und dann auf einen 15 km Feldweg in katastrophalem Zustand (der eigentlich ein Flussbett war) auswichen, waren wir sicher, dass wir unser von vorne herein als unrealistisch eingestuftes Tagesziel Sivas (Gesamtdistanz ca. 130 km) wohl nicht mehr erreichen würden. Hätten wir die Einladung auf Kaffee und Elektrizität von dem uns längere Zeit verfolgenden Renault-12-Kombi-Fahrers mit Verbindungen nach Mannheim angenommen, wäre diese Vermutung zur Sicherheit geworden. Als er jedoch, uns den Weg weisend nach links abbog, nahmen wir den rechten Abzweig nach Yenicuhuk, winkten nur freundlich zum Abschied und lenkten die auf D-260 ein. Dort kamen wir in rasantem Tempo vorwärts, was neben dem guten Ausbauzustand und dem moderaten Höhenprofil auch daran lag, dass es keinen Rastplatz und keine Ortschaft gab, wo wir hätten eine Pause einlegen können.

Auch die drei Tankstellen, die wir nach 95 km passiert hatten, hatten allesamt in der Gegenrichtung gelegen, sodass aufgrund der baulichen Fahrtrichtungstrennung auch hier keine Mußestunde eingelegt werden konnte. Am Horizont der schnurgeraden Straße, die nach links mit Weizenfeldern und nach rechts mit der immer gleich aussehenden Hügelkette gesäumt war, meinte Julia zwar manchmal Tankstellen zu erahnen und träumte von Kola Coca Cola, doch beim langsamen Näherkommen waren es nur verlassene Häuser, in denen nur noch Vögel lebten.

Nachdem wir in einem kleinen Wäldchen am Rande der Fahrbahn dann doch noch einen Rastplatz fanden und dort von einer picknickenden Familie mit Grillgut und Softdrinks versorgt worden waren, gleichzeitig jedoch die Hoffnung aufgegeben hatten, dass wir ein adäquates Nachtlager finden würden, war genug Kraft gesammelt und die Motivation wiedererstarkt, dass wir die letzten gut 30 km bis Sivas nun doch noch schaffen konnten. Als wir auf die D-860 nach Norden abbogen, schlug uns zwar kräftiger Gegenwind ins Gesicht, aber die Landschaft wurde noch einmal attraktiver und so strampelten wir fasziniert durch das schroffe felsige Tal, in dem gerade die Sonne unterging, rollten die letzten Meter bergab in die Stadt hinein und nach 134 km auf den Hof eines modernen Hotels.

Ein neuer Rekord im Punkto Tagesdistanz war am 78. Tag aufgestellt, nachdem dieser bisher bei 127 km am Tag 10 auf dem Donauradweg gelegen hatte. Das Hotel servierter ein üppiges Frühstücksbuffet mit 10 verschiedenen Olivensorten, nur den Kaffee (natürlich Instant) hatten sie nicht zum heißen Wasser gestellt, sondern im Schrank versteckt.

Den Vormittag verbrachten wir mit einer kurzen Sightseeing-Tour zu den drei alten Gebäuden der Stadt (Moschee, Karawansarei und Basar) und kauften uns einen kleinen handgeschnitzten Kangal, einen handgemachtes Portemonnaie und zwei Eheringe, die wir uns gegenseitig in unseren Eisbecher steckten. Die Eheringe sollten als zukünftiger Beweis dienen, sollten wir einmal wieder bei einer Unterkunft nach unserem Familienstand gefragt werden. Die Erklärung, dass es in Deutschland mögliche ist unterschiedliche Nachnamen zu haben, wurde bisher akzeptiert, doch um keinen Misstrauen zu wecken, wollten wir zumindest mit Ringen den Anschein erwecken, dass unsere Verbindung ordnungsgemäß ist und uns deshalb auch ein Doppelzimmer zusteht.

Während wir darüber stritten, ob wir bei dem gekochten Maiskolben, den wir gerade an einem Straßenstand erworben hatten, zu viel gezahlt hatten (erster Ehestreit), fuhren wir weiter und verließen die Stadt, um weiter auf der D-200 bzw. der Europastraße 88 entlang zu fahren, die wir an diesem Tag nicht mehr verlassen sollten. Die Fahrt auf der neuen Straßen zog sich wie frischer Teer und selbst die Fahrradpflege an einer Tankstelle war eine willkommene Abwechslung. Unser Nachtlager schlugen wir auf einem verlassenen Picknick-Platz nahe der Autobahn am Ufer des Kızılırmak.

Als wir gerade mit unserer üblichen Katzenwäsche fertig waren, kam ein Herr aus dem nächstgelegenen Ort Canova auf seinem Drahtesel (und hier passt die Bezeichnung wirklich) angefahren, stellte sich neben uns und sagte kein Wort. Als wir versuchten die Konversation aufzunehmen, stellte sich schnell heraus, dass die Sprachbarriere zu groß war. Wir hatten keine Muße den Google-Translator auszupacken, schließlich hatten wir auch kein Anliegen. Das Anliegen des Herren konnte aber auch nicht geklärt werden, da er nach dem kläglichen Versuch mit ihm zu Sprechen auch nichts weiter sagte, sondern für die nächsten 20 Minuten einfach neben uns stehen blieb, während wir unsere Habseligkeiten für die Nacht verstauten. Diese gehört sicherlich zu einer der seltsamsten Begegnungen in der Türkei und wir machten ihm mit Gesten klar, dass wir nun schlafen wollten, was ihn zum Glück zum Davonfahren bewegte. Unsere nächtliche Ruhe wurde diesmal von den Moped-Rennen der Dorf-Jugend auf der Brücke gestört.

Am nächsten Tag wurde die Umgebung etwas hügeliger und von Seen durchbrochen, war aber insgesamt noch sehr kahl und wie mit Pinsel in Pastelltönen gemalt. Erst als wir bei Zara Richtung Norden (D-865) abbogen, wurden die endlosen Weiten wieder gegen richtige Berge ersetzt und wir erklommen langsam den Geminbeli Pass, was uns unseren nächsten Rekord bescherte: Das erste Mal mit dem Fahrrad auf einer Höhe von 2.010 Metern! Die Landschaft hatte sich wieder komplett gewandelt: grüne Wiesen, vielfarbige Blumen, Laubbäumen und weiter oben Nadelgehölze. Die Abfahrt war etwas hoppelig und führte uns wieder durch kantige Felsen, in denen wir auch einen gigantischen Überhang entdeckten, der im Begriff war sich in eine Höhle zu verwandeln. Bei aller Bewunderung bemerkten wir erst spät, dass sich wieder einmal Gewitterwolken hinter uns auftürmten. Wir bogen bald ins Tal des Degirmen ab und blieben damit den autobahnähnlich ausgebauten Schnellstraßen treu.

Das Gewitter schien nun nicht so recht zu wissen ob oder wo es es heute noch so richtig krachen lassen sollte, dennoch wollten wir es diesmal nicht drauf ankommen lassen. Daher erschien uns ein seltsames verlassenes Gelände bei Esenyaka mit offenen Garagen ein geeigneter Unterschlupf für die Nacht, obwohl gerade erst kurz nach 16 Uhr war. Wir grübelten eine Weile, was dieser Ort einst für einen Zweck erfüllt hatte und vermuteten, dass es sich um feste Marktstände handelte. Offensichtlich war die Anlage erst in den letzten Jahren errichtet, aber anscheinend nie genutzt worden. Zwar sah alles noch recht neu aus, aber der begrünte Zentralbereich in dessen Richtung die Stände geöffnet waren, hatte sich inzwischen in ein undurchdringliches Dickicht verwandelt. Die Gebäude waren dort wo sie eine informelle Nachnutzung erfahren hatten verdreckt.

Wir richteten uns in einem der Marktstände ein, als jedoch der Regen einsetzte merkten wir, dass uns dieser nicht genug Schutz bot und zogen um in eine Art Büro der Anlage, das aufgebrochen worden war. Dort war allerlei Gerümpel zu entdecken: Holzgestelle zum Sticken, Nähnadeln, Schürzen, Schlüsseringe, Schürzen, Scheren und auch eine Nähmaschine, alles noch neu und verpackt. Für uns leider alles untauglich, aber immerhin gab es auch Stühle.

Tilmann inspizierte alles genau, räumte auf, putzte den Boden mit den vorhandenen Putzmitteln und Lappen und so konnten wir unser Lager in diesem Häuschen einrichten und mussten nicht einmal das Zelt aufstellen. Das befürchtete Gewitter fiel dann allerdings doch sehr milde aus und war nach einem 20-minütigen Nieselregen und einem Donnerschlag erledigt. Trotz unserer Bemühungen war es auch nicht wirklich wohnlich in dieser Unterkunft (es roch seltsam nach frischer Wandfarbe und altem Fett) und so legten wir uns früh schlafen, damit wir am nächsten Morgen auch schnell wieder diesen Ort verlassen würden können.

So sprangen wir tagsdrauf sehr früh aus den Synthetikgebinden und schafften den frühesten Aufbruch der Reise um 7:15 Uhr was in dieser Disziplin erneut einen Rekord bedeutete (bisherige Bestmarke 7:25 Uhr an Tag 38, Albaninen). Wir kamen wieder zügig voran, da es nun weiter ging auf der D-100 bis wir bei Gölova auf die Landstraße wechselten. Auf dieser Strecke knackten wir die 5.000 Kilometer-Marke! Hinter Gölova ging es weiter in ein sehr dünnbesiedeltes Gebiet und schließlich bogen wir links ab in ein wunderschönes Tal, das den Fluss Cobanli beidseitig mit felsigen Hängen umschloss. Trotz des einsetzen leichten Regens war es eine Freude dieses Tal zu durchfahren und obwohl man hätte alle 5 Meter stehenbleiben können, um ein Foto zu schießen, schafften wir bis 12 Uhr bereits 60 Kilometer, schon wieder eine Bestmarke!

Gut gelaunt wollten wir dann im nächsten Ort den uns winkend angebotenen Cay nicht ablehnen. Als wir uns jedoch in die Tee-Stube setzen, war der Einladende verschwunden und der Wirt wollte bezahlt werden, was uns natürlich nicht in Unkosten stürzte (ein Cay kostet maximal 3 Lira = weniger als 20 Cent). Allerdings ist es schon ziemlicher Unsinn in der Türkei für einen Cay zu bezahlen, da wir spätestens im nächsten Dorf einen für Lau bekommen hätten. Man fragt sich auch ob ernsthaft einer der Stammgäste in den unzähligen Teestuben für seinen Tee bezahlt bzw. wovon die Wirte eigentlich leben.

Das wunderschöne Tal schlängelte sich noch eine ganze Weile durch die Landschaft und gegen Ende mussten wir nochmal ordentlich Höhenmeter kloppen, bis wir schließlich auf einer Hochebene landeten, die in Wiesen und Nadelhölzern darlag. Mittlerweile hatten wir 90 Kilometer auf dem Buckel und die letzten 10 auf gerader Straße nach Siran waren ermüdend, sodass wir beschlossen kurz nach der Stadt ein Lager für die Nacht zu suchen.

Inzwischen waren wir wieder in intensivem Austausch mit Kathrin, die zwei Tage vor uns aus Kappadokien aufgebrochen war, allerdings noch einen Abstecher in die Kemaliye-Schlucht gemacht hatte. Wen interessiert was sie dort erlebt hat, kann dies auf ihrem Blog nachlesen. Nun war sie einige Kilometer hinter uns und wollte zu uns stoßen. Schnell hatten wir ein schönes Plätzchen zwischen Erdbeerfeldern, Acker und einem kleinen Fluss gefunden und als wir nach ca. einer dreiviertel Stunde in der Nähe einen Lkw hupen hörten, wussten wir das Kathrin in wenigen Augenblicken ankommen würde.

Auf die freudige Wiedervereinigung folgte ein gemeinsames Abendessen und anschließend eine Dusche unter einer lecken Wasserleitung zur Feldbewässerung. Als wir uns aufgrund nachlassender Temperaturen und zunehmender Feuchtigkeit gerade dazu entschieden hatten ins Bett zu gehen, hielt ein Auto dem zwei Männer entstiegen. Während die beiden Damen Ärger vermuteten, erwartete Tilmann nur eine weiter Störung unseres Friedens. Zweiteres traf zu. Es handelte sich um zwei Landwirte, die die angrenzenden Felder bewirtschafteten und die uns unbedingt ein Feuer anzünden wollten. Wir lehnten dankend ab und verwiesen auf unseren Wunsch bald zur Nachtruhe überzugehen. Die beiden jedoch deuteten mit Händen und Füßen und dem Google-Translator an, dass sie Feuerholz mit dem Auto besorgen würden und fuhren wieder davon.

Wir hofften, dass unsere wiederholte Ablehnung dazu führen würde, dass sie nicht wieder kämen, doch da hatten wir uns getäuscht und schon wenige Minuten später kehrten sie tatsächlich mit Brennholz zurück.

Als sie dann begannen ein Feuer direkt neben unserem Zelt zu entfachen intervenierte Tilmann energisch, was allerdings nur dazu führte, dass sie das Feuer fünf Meter weiter entfachten. Schließlich gaben wir auf, uns weiter zu widersetzen und nachdem wir uns um die lodernden Flammen versammelt hatten und ein Fladenbrot wie ein Joint die Runde machte, gestanden wir drei uns ein, dass es eigentlich doch ganz nett war mit den beiden.

Selbstverständlich war es damit aber noch nicht getan in Sachen Gastfreundschaft. Unsere Gäste, deren Gäste wir eigentlich waren, kündigten am nächsten Morgen zum Frühstück wieder zu kommen, was sogar deutlich vor der vereinbarten Zeit in die Tat umgesetzt wurde. Neben dem obligatorischen Cay wurden gekochte Eier, getrocknete Maulbeeren, Ekmek und Traubenmelasse gereicht, wir steuerten Gurken, Tomaten und unser eigenes Ekmek bei. Schließlich durfte Tilmann noch mit einem der beiden sein Erdbeerfeld besuchen und sich reichlich bedienen. Für ein Kilo Erdbeeren, so der Landwirt, bekommt er auf dem Markt 30 Lira (ca. 1,80 Eur).

Derweil musste Julia den anderen Bauern davon überzeugen, dass dieser die entstandenen Abfälle nicht im Fluss entsorgen solle, was nach zähen Verhandlungen gelang, wenngleich Julias Beharrlichkeit auf Unverständnis stieß. Schließlich konnten wir unserer Dankbarkeit wenigstens ein wenig Ausdruck verleihen, indem wir den beiden jeweils eine Schürze für ihre Ehefrauen überreichten, die Tilmann, warum auch immer, irgendwie doch aus dem merkwürdigen Marktplatzbüro hatte mitgenommen. Die beiden hielten das vermutlich für einen skurrilen Deutschen Brauch und bedankten sich höflich.

Nachdem dieses wenig anstrengende, sondern sehr angenehme Frühstück abgefrühstückt war, machten wir uns zu dritt auf den Weg zum Kloster Sümela, wovon wir uns ein weiteres touristisches Highlight versprachen.

9 Gedanken zu “rekorde 🇹🇷

  1. Habe euren Reisebericht mal wieder gerne gelesen. Was für ein Durchhaltevermögen ihr doch auf den Rädern habt! Und diese Abenteuer und kontaktfreudigen Menschen. Wünsche euch viel Glück und weiterhin schöne Erlebnisse. Liebe Grüße Hilde

  2. So tolle Bilder und ein fantastischer Schreibstil. Lese eure Berichte sehr gerne und freue mich schon auf die Fortsetzung. Weiterhin gute Fahrt und liebe Grüße aus der alten Heimat!

  3. Uiuiu das immer viele Kollega. Für Kola-Coca-Cola hättet Ihr einen Ausflug in das CentrO machen können. Ist ja nicht weit von Eurem Wiesbadener Dachboden. Die Raupe ist vom Kemalesischen Ekmek-Schwärmer, wo habt ihr die denn geklaut?

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