die geschichte vom regen und dem anstrengenden frühstück 🇹🇷

Tag 65 bis 71 (6.06. bis 12.06.23)
Distanz: 509 km (∑ 4.521 km)
Höchster Punkt: 1.440 m
Tiefster Punkt: 520 m
Rauf: 6.020 m
Runter: 6.000 m

Bis Kappadokien sollten es nun noch rund 500 km sein und nach unserem Ruhetag in Mudurnu hatten wir neue Motivation getankt diese trotz unserer Erwartung von landschaftlicher Ödnis, Sand, Staub, Hitze und vieler Höhenmeter, souverän zu meistern. Der erste Tag sollte uns allerdings bereits einige spektakuläre Panoramen bereit halten. Zunächst ging es weiter bergauf über ungeteerte Straßen und durch immer lichter werdende Kiefernwälder. Am höchsten Punkt für diesen Tag (ca. 1.400 m) hatten wir noch einmal eine wunderschöne Aussicht über die Ausläufer der Schwarzmeerregion, die wir nun verlassen sollten, um nach Zentralanatolien zu reisen. Auf der Südflanke des Berges sausten wir dann an felsigen Hängen hinab in ein jetzt schon deutlich trockeneres, aber immer noch recht grünes Tal und hatten mal wieder das Gefühl, dass unserer Räder stilecht durch Quater Horses ersetzt werden müssten.

Bis Nallihan ging es zu unserer Freude bergab, wobei wir das Städtchen in dem wir Rast machten leider in schlechter Erinnerung behalten werden: Ein türkischer Rentner, der 40 Jahre in Deutschland gearbeitete hatte, lotste uns in einer Art in ein Cafè, was uns fälschlicherweise zu der Annahme verleitete es sei seines. Dann setzte er sich zu uns und redete in komplett unverständlichem Deutsch unterbrechungslos auf uns ein und war schließlich sicherlich mitverantwortlich dafür, dass der Wirt einen sehr hohen Preis für den Kaffee einforderte. Da wir in den überwiegenden Fällen Einspruch einlegen, wenn uns die Preise zu hoch erscheinen, hören wir häufiger das Argument: Der Verfall der Lira. Diesen gibt es natürlich und er ist dramatisch, allerdings waren wir ja nun schon seit einigen Wochen in der Türkei unterwegs und kannten die Preise ja schon von anderen gastgewerblichen Einrichtungen. Zu allem Überfluss ließ sich der Ort nur über eine extrem steile Straße verlassen, sodass wir etwas genervt weiterfuhren, dabei aber immerhin von den nächsten spektakulären Aussicht überrascht wurden: Rote Berge, die in rote Felder übergingen, die dann von verschiedenfarbigen Bergen umgeben wurden.

Hier fing es übrigens an, dass wir regelmäßig Türken trafen die eine Verbindung zu Deutschland haben. Rückkehrer nach einem Arbeitsleben in Deutschland, in Deutschland arbeitende Urlauber oder in Deutschland aufgewachsene Deutsch-Türken die ihre Familien besuchen.

Nach etwa 6 km verließen wir das relativ schmale Tal hinter Nallihan und bogen auf die Bundesstraße D-140 in Richtung Ankara ab. Die Landschaft war atemberaubend: unendlich weite hügelige Steppenlandschaft von roter, gelber und brauner Farbe, unterbrochen von kargem Bewuchs flach wachsender Nadelgehölze und reifen Weizenfeldern. Vor lauter Begeisterung posteten wir noch am selben Abend die beeindruckendsten Bilder auf Instagram. Wenig überraschend wurden wir in Reaktion gleich gefragt, ob in dieser Umgebung nicht gleich ein Gefühl von Freiheit aufkäme. Nun, zugegebenermaßen: Eigentlich nein. Wir genießen die Eindrücke unterwegs und freuen uns über jede neue Fassette dieser Erde, die wir für uns neu entdecken dürfen, aber ein Freiheitsgefühl, wie es in Filmen wie „Into the Wild“ oder „Der Ruf der Wildnis“ inszeniert bzw. versucht wird zu transportieren, empfinden wir nicht. Die Reise macht Spaß, wir nehmen viel für uns mit, aber es fühlt sich trotzdem auch alles relativ normal an. Wir müssen uns ja auch jeden Tag um ganz normale alltägliche Aufgaben kümmern. Wir denken nicht nach jeder Kurve um die wir biegen „oh mein Gott ist das alles ein fantastisches Abenteuer!“, aber wir sind jeden Tag überrascht von der Vielseitigkeit, die sich uns bietet.

Nachdem wir nach einer Weile zwischen eng an uns herangerückten grauen Felsen, durch die die Straße getrieben worden war, in eine Ebene vorstießen, lag vor uns ein kleiner See, dessen nördliches Ufer von einem Berg überragt wurde, an dem sich die einzelnen Sedimentschichten, aus denen er aufgebaut in einem unvergleichlichen Farbenspiel voneinander abgrenzten. Den grünlichen Sockel überdeckt eine schmale gelbliche Gesteinsschicht, die wiederum nach oben von einer rötlichen Lage abgelöst wird und der Gipfel schließlich ins bräunliche übergeht. Zugegebenermaßen überraschte uns dieser prächtige Anblick nicht gänzlich, denn auf Google-Maps sind über 2.000 Bilder dieses Naturspektakels hinterlegt, trotzdem machten wir das 2.001. Foto, dass ihr nun bewundern könnt. Auf eindrückliche Weise veranschaulichte uns das Universum hier, dass die Erde gar nicht fertig war und es auch nie sein wird. Wir standen vor einer Momentaufnahme des stetigen Wandlungsprozesses. Was einst ein Meer war ist gerade eine Hochebene und wird in weiteren Millionen Jahren vielleicht wieder ein Meer sein. Der vor dem Berg liegende See ist ein Vogelschutzgebiet und einer der Ranger lud uns ein auf dem Gelände des Besuchergebäudes zu kampieren. Beeindruckt durch dieses Farbenspiel und diesen uns völlig fremde Landschaftsform fuhren wir aber gerne noch weiter in den Abend hinein an der Bundesstraße entlang, obwohl diese nicht besonders breit war und nicht jeder LKW-Fahrer zimperlich. Manch einer überholte trotz Gegenverkehr und dann war kein Corona-Abstand mehr zwischen Radmuttern und Lenkerhörnchen.

Rechtzeitig zum einbrechenden Gewitter kamen wir in Cayirhan an und konnten uns bei unseren Besorgungen in verschiedenen Läden unterstellen. Beim Besuch eines kleinen Baumarktes machten wir Bekanntschaft mit einer Gruppe fahrradfahrender Jungs, die uns begeistert auch noch dabei helfen wollten einen Laden zu finden, der Kerzen verkauft. Wir hatten zunächst versucht sie zu ignorieren, dann aber doch festgestellt, dass es eigentlich lustiger war wenn wir doch ein bisschen auf ihre Aufmerksamkeitshascherei eingingen. Als Tilmann ihnen seine Türkischkenntnisse mit „siktir lan, Pesevenk“ vorführte schrien die Kinder zwar begeistert auf, die Mine des uns eben noch so wohlgesonnenen Baummarktbesitzers verfinsterte sich jedoch und er erweckte den Eindruck, dass es seiner Auffassung nach jetzt schon gar nicht mehr so arg regnete, man also weiterziehen könne.

Schließlich lud uns noch ein Gemüsehändler zum Cay ein und als der Himmel wieder aufriss fuhren wir den Campingplatz des Ortes an. Der Schauer von ca. einer dreiviertel Stunde war sehr ergiebig und in den Senken staute sich das Wasser auf den Straßen. Der Platz lag an einem Stausee des Sakarya, der ebenfalls von farbig gestreiften Hügeln umgeben war und von Osman bewirtschaftet wurde, der perfekt Englisch und Deutsch sprach, da er einige Jahre in Berlin gelebt hatte. Die sanitären Einrichtungen auf dem Platz ließen zwar zu wünschen übrig, aber da Osman uns lediglich 50 Lira (ca. 3,00 Euro) abverlangte gab es nichts zu meckern. Etwas lästig war allerdings die Nerv-Katze auf diesem Platz, die zwar putzig war, aber sich schon länger nicht mehr geputzt hatte und mit ihrem dreckigen zerzausten Schwanz unentwegt um unsere Beine und unsere Habseligkeiten strich, sodass wir fast stolperten.

Zum Frühstück beglückte sie uns damit, dass sie eine gräulich faserige Substanz neben unsere Picknick-Bank kotzte, die sogleich von einem Huhn aufgepickt wurde. Natürlich haben wir Mitleid mit den ganzen Katzen und Hunden, die sich hier ungehindert fortpflanzen und um die sich keiner richtig kümmert, aber keine Sorge, Lupo, wir nehmen kein Tier mit. Gelegenheiten zur Tierrettung gibt es hier jeden Tag, wir müssten mittlerweile einen Arche Noah-Anhänger mit uns führen, wenn wir diese nutzen würden. Die kotzende Nerv-Katze hatte auch Katzenbabies, die wir nicht gesehen aber gehört hatten.

Bei unserer Abfahrt entdeckten wir in einem, nennen wir ihn einmal Geschenkartikel-Laden Katzenbabies, die zum Kauf angeboten wurden. Stilecht waren diese in einem deutlich zu kleinen Käfig eingepfercht, noch mehr Bauchschmerzen bereitete uns allerdings der Umstand, dass es natürlich jede Menge junge Katzen gibt, die fürsorgebedürftig sind. Um dem ganzen die Krone aufzusetzen, hatten die kleinen Fellwuschel im Käfig angelegte Ohren, was wie wir von der hessischen Tierschutzbeauftragten wissen, unter Qualzucht einzustufen ist. Die Kätzchen hatten zwar ausreichend Wasser und Essen, aber sobald man sich dem kleinen Käfig nährte kletterten sie die Gitterstäbe hoch, in der Hoffnung, dass jemand mit ihnen spielt und sie streichelt. Auch hier blieb unsere Katzenrettung aus, auch wenn wir den Laden traurig verließen, darüber wie hier mit Tieren umgegangen wird.

Es ging weiter durch die weite und hügelige Ebene, die leider ihre Farbenpracht etwas eingebußt hatte und sich mittlerweile überwiegend ins Graue entfärbt hatte. Wie bereits im letzten Artikel erwähnt, hatten wir längst damit gerechnet eine Wüste zu durchqueren, doch bis zum Beginn der steilen Berghänge reihte sich Weizenfeld an Weizenfeld. Nur gelegentlich, vielleicht weil dort die künstliche Bewässerung zu aufwendig geworden wäre, durfte das Land sein wahres Gesicht entblößen und zeigte mit seinen sandigen Böden, die nur sporadisch mit trockenem krautigem Bewuchs bestreut waren seine raue Schönheit. Wir folgten fast den ganzen Tag der D-140, diese war aber mittlerweile 4-spurig und mit einem breiten Seitenstreifen, sodass die vorbeifahrenden LKWs erträglich waren und wir trotz einiger Höhenmeter gut vorankamen.

Dennoch freuten wir uns, als wir am Nachmittag auf eine kleinere Straße abbogen. Auch hier war die Gegend noch trocken und sandig, wurde aber hügeliger und wir wussten, dass es bald noch einmal in die Berge hochgehen sollte, die uns auf das Haymana Plateau bringen würden. Leider wurde uns jetzt erst bewusst, dass wir es bisher versäumt hatten hatten Benzin zu kaufen, dass wir ja seit dem Abstecher ans Schwarze Meer zum Kochen verwenden.

Benzin ist trotz der jüngsten Preissteigerung wesentlich billiger als Gas. Beachtet man die unterschiedlichen Brennwerte, so ist der Preis für Gas noch immer um das 4,5-fache höher als für Benzin. Hinzu kommt die wesentlich bessere Verfügbarkeit. Leider boten die drei Tankstellen im Ort Mahkeme jedoch nur Diesel an, offenbar waren sie zur Versorgung der landwirtschaftlichen Nutzmaschinen konzipiert – soviel zum Thema „überall zu haben“. Wir stellten uns auf ein kaltes Abendessen ein. Bei der Ausfahrt aus dem Ort entdeckten wir dann den perfekten Platz für die Nacht: Ein verlassenes Schwimmbad, das durch einen natürlichen Zufluss aus dem Berg gespeist wurde. Das Becken war zwar nur etwa knöcheltief mit Wasser und ansonsten mit Plastikflaschen gefüllt, der Zufluss aber glasklar, es lebten sogar kleine Flußkrebse darin, die über Nacht unser Kochgeschirr vorreinigten.

Die Anlage war blickdicht umwuchert und es gab eine Picknick-Bank unter einem großen Dach, dass uns vor dem herannahenden Gewitter schützen konnte. Einziges Problem: Wir mussten die Fahrräder über einige Stufen runter bringen. Die Taschen abzunehmen und alles einzeln zu tragen, ist überaus lästig. So baute Tilmann kurzerhand aus losen Bodenplatten eine Rampe und wir konnten alles bequem zu unserem Quartier schieben. Auch ein kleines Feuer war trotz Sturm schnell entfacht und die warme Mahlzeit gesichert.

Am nächsten Tag wollten wir früh los, denn wir hatten uns ein bestimmtes Tagesziel gesetzt, eine Jahrtausend alte Kultstätte der Hethiter, die wir gemäß Karte in einer so abgelegenen Ecke vermuteten, dass wir dort eine Pause, vollkommen ungestört in der Natur verbringen konnten. Doch heute sollte so einiges schief gehen, was uns vom rechten Kurs abbrachte. Wie häufig waren wir erst frohen Mutes, nachdem wir es zeitig aufs Rad geschafft hatten, ein wunderschönes grünes Tal umgeben von roten Hügeln umrundet und den ersten Hügel mit seinen 230 Höhenmetern genommen hatten. Es folgte eine Abfahrt durch sandige Hügel im Nirgendwo und endlich kam der Eindruck einer echten Wüste auf. Allerdings waren in diesen reichlich deplatziert wirkend einige ausgestorbene Neubausiedlungen gepflanzt worden. Gegen die Menschenleere hatten wir nichts einzuwenden, denn so hatten wir die Straße für uns. Am Ende der Abfahrt erwarteten uns in der Ebene wieder Weizenfelder.

Dann jedoch sollten wir die erste falsche Entscheidung des Tages treffen: Um eine signifikante Abkürzung zu nehmen, wählten wir die von komoot vorgeschlagene Route geradeaus über einen Feldweg. Erst lief es gut, doch nach etwa zwei Kilometern blieben wir vollkommen unvermittelt aber dafür mit aller Konsequenz stecken. Der lehmige Boden hatte uns vorgetäuscht trocken zu sein, doch unter der oberen angetrockneten Deckschicht war er durchgeweicht vom Regen des Vortags. Wir konnten den Schlamassel gar nicht schnell genug realisieren wie die klebrige Masse sich nach nur wenigen Metern zwischen Reifen und Schutzblech gefressen hatte um sich dann augenblicklich wie Beton zu verhärten. Die Räder blockierten sofort. Die Sonne stand inzwischen schon hoch am Himmel und brannte gnadenlos auf uns herab. Wir wollten nicht verzagen und versuchten den Dreck mit den Händen rauszupuhlen. Das Gröbste schafften wir und machten uns geschlagen auf den Rückweg. Nach nur wenigen Metern war alles wieder dicht und an ein Weiterkommen nicht zu denken.

Der Verzweiflung nahe schnappte sich Tilmann in einem Anflug von Aktionismus die Solardusche und machte sich auf den Weg zum Brunnen, der an der Kreuzung unserer Fehlentscheidung lag. Ein Baum als Landmarke markierte den Standort und schuf die Illusion relativer Nähe. Er bereute seinen Plan schon bald, denn der Baum wollte nicht näher rücken, obwohl Julia als flimmernder Punkt am Horizont verschwand. Aber jetzt war an ein Umkehren nicht mehr zu denken und so schleppte er sich weiter durch das sich langsam in die Unendlichkeit ausdehnende Weizenfeld. Julia mühte sich derweil die Schutzbleche abzuschrauben. Am Brunnen angekommen musste Tilmann auch noch relasieren, dass aus dem Hahn nur ein mickriges Rinnsal floss und das Füllen des 25 Liter Sacks eine weitere Ewigkeit dauerte.

Im Endeffekt erwiesen sich beide Strategien als wenig erfolgreich: Die Schutzbleche am Hinterrad wären nur mit Ausbau desselben gelungen und der Ausbau der Schutzbleche am Vorderrad hatte bereits sehr viel Zeit gekostet, da diese wegen dem verhärteten Matsch kaum herauszuziehen waren. Die Wasserdusche hingegen konnten wir nicht über dem Rad halten und gleichzeitig waschen und drehen, zudem hätte es unendlich mehr Wasser oder hohen Druck bedurft. Immerhin hatten unsere Bemühungen einen Effekt: Sie dauerten so lange, dass der Matsch mittlerweile getrocknet war und sich leichter lösen ließ. Außerdem hatte Tilmann unterwegs ein stabiles Stück Draht gefunden, mit dem wir die Schutzbleche auskratzen konnten. So konnten wir die Räder nach zwei Stunden doch noch befreien. Apropos türkische Hilfsbereitschaft: Während wir offensichtlich verzweifelt auf dem Acker steckten, kam ein einziger Geländewagen vorbei und fuhr einfach weiter, was uns maßlos überraschte. Wir hätten lieber auf einige geschenkte Kekse verzichten und dafür Unterstützung bei der Befreiung aus dem Matsch bekommen. Zugegebenermaßen hätten wir aber auch keine konkrete Idee gehabt wie uns hätte geholfen werden können außer mit einem kraftvoll das Wasser ausspeienden Gartenschlauch.

Leider war damit das Schlamassel noch nicht ganz vorbei: Wir mussten nun einen ordentlichen Umweg mit Berg fahren, um den Landwirtschaftsweg zu umgehen. Insgesamt hatte uns der Zwischenfall fast drei Stunden geraubt. Die Sonne brannte mittlerweile gnadenlos vom Himmel und wir versprachen uns gegenseitig eine Pause mit kulinarischer Belohnung im nächsten Ort. Dieser bestand jedoch aus verfallenen Bauernhöfen, schlammigen Höfen mit abgemagerten Pferden darin und war wenig einladend, einen Laden geschweige denn einen Imbiss gab es hier nicht. Die Gegend wurde nun flacher und bald stießen wir an die Autobahn, die dort von zahlreichen riesigen Gewerbehallen gesäumt wurde. Immerhin gab es hier nun einen Ort mit Versorgung und aus Ermangelung jeglichen Schattenspenders gingen wir in das vermutlich beste Restaurant der Region, das mit seinen ca. 50 Tischen offenbar überwiegend für Geschäftsessen der ansässigen Gewerbetreibenden genutzt wurde. Beim Betreten kamen uns die Insassen des Pickups entgegen, die uns im Feld hatten stehen lassen und blieben im jähen Augenblick der Erkenntnis einen Augenblick wie angewurzelt stehen. Nach unserem Mittagessen und anschließenden endlosen Beratungen mit einem Ladenbesitzer und einem seiner Kunden fanden wir auch eine Tankstelle, 200 m um die Ecke. Diese wurde von fünf jungen Männern um die 25 Jahre geführt, die vollkommen aus dem Häuschen waren, als wir mit unseren Rädern dort auftauchten. Neben einem halben Liter Benzin, den wir ordnungsgemäß bezahlten schenkten sie uns noch fünf Packungen Kekse (offenbar jeder eine) und drei Liter Wasser.

Mangels ihrer Attraktivität und weil wir ein konkretes Ziel hatten, wollten wir diese Gegend trotzdem schnellstmöglich verlassen. Bald ging es wieder bergauf und wurde auch wieder grüner. Doch das nächste Problem zeichnete sich am Himmel ab: Schwarze Wolken zogen den Horizont hinauf in unsere Richtung. Erst wirkte es, als würde es vorbeiziehen, sodass wir leichtsinnigerweise unseren sicheren Unterstand im Ort Ücret aufgaben und weiterfuhren in Richtung Oyaca. Ehe wir uns versahen waren wir dann aber doch mitten drin in einem heftigen Gewitter. Eilig ließen wir die Fahrräder am Straßenrand stehen und flüchteten uns durch das mannshohe Gras einer kleinen Wiese in unseren Ponchos unter einen Baum.

Der mäßige Schutz des Baums schien uns aufgrund unserer Regenbekleidung zunächst vollkommen auszureichen, weshalb wir ein weiteres Angebot der türkischen Hilfsbereitschaft ablehnten: Ein Auto hielt an und der Fahrer rief uns über das inzwischen von Wind und Regen niedergedrückte Gras hinweg immerzu „Dolu, dolu“ zu und erwartete offensichtlich dass wir zu ihm ins Auto stiegen. Wir wussten nicht was das bedeutet und da wir keine Lust hatten durch die nasse Wiese zu stapfen und zudem nicht wussten was mit unseren Rädern geschehen sollte, blieben wir einfach sitzen, bis er aufgab und davon fuhr. 2 Minuten später sollten wir erfahren, was „Dolu“ bedeutet als uns Eiswürfel von handelsüblicher Größe um die Ohren flog: „Hagel“! Jetzt prasselten dieser kübelweise auf uns nieder, da der Baum kaum imstande war uns gegen die gefrorenen Himmelsgeschosse zu verteidigen. Bemüht in Gürteltier ähnlicher Krümmung unsere Oberfläche zu verkleinern harrten wir in dem Unwetter aus und bereuten, dass wir nicht zu diesem netten Herren ins Auto gesprungen waren.

Nach einer gefühlten Ewigkeit war der Spuk dann aber doch vorbei und mit einigen blauen Flecken und leichter Gehirnerschütterung fuhren wir weiter. Aufgrund der vorgerückten Stunde hatten wir es inzwischen aufgegeben die hethitische Kultstätte heute noch zu erreichen und wollten maximal noch bis Oyaca weiterreisen. Doch je näher wir diesem Ziel kamen, desto weniger Möglichkeiten gab es für einen halbwegs geeigneten Wildcamp-Platz. Alles bestand nur noch aus bewuchslosem Acker, der vor kurzem mit Mist gedüngt worden war. In Oyca hofften wir eine Pension zu finden und hielten ein Auto an. Mit Gesten und wenigen Worten schilderten wir unser Anliegen und bekamen zur Antwort, dass nächste Hotel sei 20 km entfernt. Die Dämmerung hatte jedoch bereits eingesetzt und es gelang Julia dem Fahrer zu vermitteln, dass dies zu weit für uns wäre. Der junge gutaussehende und aufgeweckte Mann am Steuer verstand sofort unsere Notlage, bat uns kurz zu warten und führte uns dann zu dem Sommerhaus seiner Familie, dass nur wenige Schritte entfernt war. Dort rödelte er herum, kümmerte sich, dass der Strom und das Wasser angestellt wurde, verschwand wieder und brachte uns Essen, obwohl wir ihm natürlich vorher versichert hatten, dass wir genug für das leibliche Wohl mit uns führten. Er war ganz begeistert von uns und wären wir nicht so müde gewesen, hätten wir uns gerne mehr mit ihm unterhalten, selbstverständlich nur via Google-Translator. Schließlich ließ er uns alleine (nachdem er mindestens 4 Mal wieder aufgetaucht war) und versicherte uns, dass unsere junge Freundschaft sicher ewig halten würde. Wir nickten zustimmend und schliefen kurz darauf wie die Babies auf den gemütlichen Sofas in dem kleinen Häuschen.

Am 9. Juni wollten wir noch einmal zur Ruhe kommen und machten uns so früh wie möglich zu den entlegenen Ruinen des hethitischen Tempels auf. Die Gegend in der wir uns nun befanden weckte in ihrer durch Agrarnutzung geprägten Eintönigkeit zwar keine Begeisterung in uns aus, aber wir setzen trotz der kurzen Distanz, die wir nur noch zurück legen mussten auf die bereits bisher erlebte Wandelbarkeit der türkischen Landschaft. Kurz bevor wir den kleinen Hügel erreichten erwarteten uns wieder unbefestigte Wege. Das war nicht wirklich überraschend und schon fürchteten wir mangels Erreichbarkeit von unserem Plan abrücken zu müssen. Doch aufgrund des ergiebigen Regenschauer des Vortags floss ein kleines Rinnsal in der tiefer gelegenen Fahrspur durch die wir fuhren. Dadurch hatte der Schlamm keine Möglichkeit sich zwischen Rad und Schutzblech einzunisten und wir kamen passabel vorwärts. Auf dem Gipfel des Gavur Kalesi (türkisch für Burg der Ungläubigen) angekommen stellten wir zu unserer Befriedigung fest, dass sich die Landschaft tatsächlich schon wieder ins Positive gewandelt hatte und uns wieder die semiaride raue Schönheit mit kargem Bewuchs und schroffen Felsen umgab. Der Hügel liegt auf einer Höhe von etwa 1150 Metern über dem Meeresspiegel und erhebt sich 60 Meter über die Umgebung. Wir richteten unser Lager in der Ruine des Hethtiter-Tempels ein und erkundeten das nähere Umfeld. Erst nach einer ganzen Weile und nachdem wir bereits mehrmals daran vorbei gelaufen waren entdeckten wir zwei in den Fels gemeißelte menschliche Abbilder die bereits seit über dreitausend Jahren an diesem Ort über die umgebenen Hügel wachten. Informationen über diesen Ort und die Bedeutung der beiden steinernen Krieger gab es leider nicht. Das Reich der Hethiter war bereits vor 3.000 Jahren untergegangen, in dieser Region der Türkei findet man an vielen Stellen Spuren von ihnen, von denen zahlreiche gar nicht erforscht sind, wie wir nach einer kurzen Internetrecherche erfuhren. Mobiles Internet war nämlich auch hier im Nirgendwo vorhanden, allein die dicken Steine des hethitischen Tempels ließen die Mobilfunkwellen nicht hindurch. Wir teilten diesen besonderen Ort nur zwei mal für kurze Zeit mit anderen Besuchern. Nach der Dämmerung legte sich der böige Wind, dafür setzte leichter Nieselregen ein, der uns jedoch nicht weiter in Unruhe versetzte.

Gegen drei Uhr Morgens wurden wir dann jedoch aus dem Schlaf gerissen, da zwischenzeitlich ein heftiges Unwetter aufgezogen war. Da wir auf dem Gipfel des Hügels verweilten war unser Zelt dem heftigen Wind schutzlos ausgeliefert. Während sich der Regen sturzflutartig auf die Außenhülle ergoss wölbten sich die Wände nach Innen und bogen das Gestänge nach Belieben in alle Richtungen. Es dauerte nicht lange bis erste Wasserspritzer in das Innenzelt drangen und sich die ersten Heringe aus dem aufgeweichten Boden lösten. Tilmann stieß Verwünschungen gen Himmel während Julia um ein baldiges Ende dieses Martyriums betete. Wahrscheinlich war es dieses widersinnige Vorgehen, dass die Wettergötter davon absehen ließ dem wilden Treiben der von ihnen entfesselten Naturgewalten Einhalt zu gebieten. Eine halbe Stunde bangen Ausharrens bedurfte es, bis Luft und Wassermassen sich beruhigten und auch das Donnergrollen verstummte. Zwar war es noch mitten in der Nacht, doch wollten wir uns gleich ein Bild vom Ausmaß der Zerstörung machen. Wir erwarteten unsere Habseligkeiten chaotisch über das Areal verstreut vorzufinden und hatten keine Zweifel, dass unsere Fahrräder umgestürzt halb im Morast versunken waren. Ebenfalls waren wir uns sicher, dass einer der Felsblöcke, den die Hethither für ihr Eingangsportal genutzt hatten und der bereits am Tage nur noch an einem seidenen Faden hing, herabgestürzt sein müsste. Erleichtert und sehr verwundert stellten wir jedoch fest, dass sich uns draußen kein Bild der Verwüstung bot und unsere Räder tapfer allen Widrigkeiten getrotzt hatten. Auch sonst war noch alles an seinem Platz und wir betteten uns aufatmend zurück in unsere Schlafsäcke.

Nach dem ergiebigen Regen der Nacht floss auch auf dem Rückweg noch genug Wasser auf dem unbefestigten Weg und eine weitere Reifenblockade konnte verhindert werden. Wir gaben den Rädern dennoch ein ausgiebiges Bad in der nächsten Viehtränke. Anschließend schwangen wir uns aufs Rad und freuten uns zügig und ohne Zwischenfälle voranzukommen. Highlight des Tages war die Passage einer gigantischen Ebene, die wir für 10 Kilometer zwischen den Ortschaften Gölbek und Gökler streiften.

An diesem Tag passierten wir nur vier Dörfer, von denen nur eines einen Laden hatten. Zum Glück hatten wir noch ausreichend Vorräte dabei, denn dieser Laden verkauft ausschließlich Brot und Kekse. Zum Abend erreichten wir die Stadt Kulu (ca. 51.000 EW), wo wir uns zwecks Dusche für 180 Lira (knapp 11 Euro) in ein Hotel einquartierten. An diesem Abend, den wir im Hotel verbrachten sollte es, wie nicht anders zu erwarten war, nicht regnen.

Am darauf folgenden Tag 70 unserer Reise machten wir uns daran den größten Salzsee der Türkei (Tuz Gölü = Salzsee) bzw. den zweitgrößten See überhaupt zu durchqueren. Auf dem Weg dorthin wurden wir mal wieder von einem Deutsch-Türken aus Duisburg im Urlaub angesprochen. Beeindruckt von unserer Reise gab er zu noch nie in Istanbul gewesen zu sein und von der Türkei viel weniger zu kennen als wir. Kein Wunder, schließlich lebte er ja auch in Duisburg. Trotzdem konnte er es sich, wie die meisten, nicht verkneifen uns vor irgendeiner Gefahr zu warnen. Das ist dann wahlweise der Verkehr, die Hunde oder böse Menschen? Mittlerweile sind wir vermutlicher erfahrenen mit dem Verkehr, den Hunden und (bösen) Menschen als ein Duisburger, der für zwei Wochen Urlaub bei seiner türkischen Familie macht 😉 Nach etwa 30 Kilometern erreichten wir eine Anhöhe, von der aus man den nördlichen Teil des ca. 1.500 m² großen Sees überblicken konnte. Mit 32,9 % Salzanteil ist er einer der salzhaltigsten Seen der Welt. Es gibt dort drei Salzabbaufabriken, die zusammen 70 % des konsumierten Salzes der Türkei produzieren.

Kurz bevor wir den Damm erreichten, passierten wir wieder einmal ein Camp von Saisonarbeitern oder Geflüchteten. Wir konnten es nicht richtig zuordnen, vielleicht traf auch beides gleichzeitig zu. Bevor wir die letzte Kurve vor dem Damm nahmen wurden wir noch von einem Ziegenhirten angehalten. Den angebotenen Cay lehnten wir ab, aber er zeigte uns stolz seine Trophäensammlung in Form von Selfies, der vor uns vorbei gekommenen Reisenden. Es waren viele, einige hatten auch auf seinem Esel posiert. Auch wir wurden Teil seiner Sammlung. Außerdem mussten wir nun der Realität ins Auge blicken und feststellen, dass ein anatolischer Ziegenhirt bei Instagram 10mal so viele Follower hat, wie wir. Wir legten jetzt noch Mietwagensound von Celo & Abdi mit der Envaya Mini auf, die Tilmann mit einer in Griechenland auf der Straße gefundenen Klemme im A-Headset unseres Apcon 3000 im Gabelschaft montieren kann. Zugegeben rollten wir zwar nicht mit einem Mietwagen auf den ca. 4 km langen Damm zu, aber immerhin geht es ja darum auf der Straße zu sein und die Line „Steig ein, Kickdown, dreh die Anlage auf“ passte ja auch ganz gut. Und, mal ehrlich: Lieder über das Radfahren sind ja nun wirklich allesamt extrem peinlich und kein Mensch mit einem Mindestmaß an Stilbewusstsein würde so etwas auflegen, wenn er auf dem Fahrrad unterwegs ist.

Ohne oberirdischen Zu- und Abfluss, wird der Tuz Gölü durch Niederschläge (250 mm im Jahr) und Grundwasser gespeist. Mitte Juni war das Wasser allerdings bereits zurückgewichen, sodass wir lange Zeit auf den salzverkrusteten Grund links und rechts des Dammes blickten, der sich in bläulichen, grünlichen, weißen, orangen und rötlichen Farbnuancen präsentierte. In weiter Ferne erhoben sich flache Inseln aus den Luftspiegelungen. Erst gegen Ende der Passage rückte das Wasser auf der Südseite fast bis an die künstliche Landbrücke, über die wir gut fahren konnten, heran, während es auf der Nordseite in relativer Ferne verblieb.

Wir fuhren jetzt geradewegs auf den Salzabbaubetriebe zu. Beim Näherkommen wurden wir von einem Trupp Arbeiter gegrüßt, wobei einer uns eine Geste „Essen“ zuwarf. Da wir heute bereits eine Einladung abgelehnt hatten, willigten wir ein und erwarteten, dass er nun in einem Aufenthaltsraum sein selbst mitgebrachtes Börek mit uns teilen werde. Stattdessen geleitete er uns zur Kantine, wo wir Mercimek (Linsensuppe) und Pide gereicht bekamen, natürlich aufs Haus. Der uns einladende Arbeiter hatte offenbar bereits gegessen und so ließ man uns ungestört unser Mittagessen einnehmen, selbstredend wurde Cola dazu gereicht.

An den schnurgeraden vier Kilometer langen Damm schloss sich dann eine ebenso kurvenlose Straße in die Stadt Sereflikochisar an. Dort mussten wir nach einem Gespräch mit einem Frankreich-Vetran in unbeholfenem rudimentären Rest-Schul-Französisch mehrere Einladungen zum Cay ausschlagen, da wir uns beim Erklimmen des Tozlukale Tepesi (1.442 m) nicht aufhalten lassen wollten.

Nach der Abfahrt erreichten wir Sariyashi während sich zwischenzeitlich wieder unheilverkündende Wolkenberge am Himmel aufgetürmt hatten. Wir trafen zwar wieder einige Deutsch-Türken, ließen uns Kölle und Hamburg grüßen, aber eine nun passende Einladung zum Cay blieb leider aus, bei der wir den Regen geschützt abwarten hätten können. So stellten wir uns, als der Himmel seine Schleusen öffnete in der Markthalle unter. Hier war guter Schutz geboten uns so packten wir unsere Klapphocker aus und nahmen unseren Nachmittagssnack ein. Just als wir damit fertig waren und der Regen nachließ, näherte sich ein älterer Herr, der, wie nicht anders zu erwarten gewesen war, ebenfalls Verbindungen nach Deutschland hatte und uns zu Suppe einladen wollte. Wir lehnten dankend ab, da wir nun weiter wollten und außerdem mittlerweile ein wenig ermüdet waren von Gesprächen mit den besonders kontaktfreudigen älteren Herren. Ebenfalls wenig überraschend wirkte er etwas beleidigt.

Als das Gewitter vorüber gezogen war, fuhren wir weiter und hatten uns im Zick-Zack der Gassen schnell verloren. Nach wenigen hundert Metern merkte Tilmann, dass sich sein Fahrrad merkwürdig schwammig fuhr. Das Problem war schnell erkannt, der erste Platte Reifen auf unserem Trip. Als er fluchend das Fahrrad abstellte klingelte sein Telefon. Julia meldete dass sie ebenfalls einen Platten hatte! Ein Unglück kommt wohl tatsächlich selten allein, denn nun rollte auch schon das nächste Gewitter an. Offenbar waren die Löcher aber sehr klein, denn als wir beide Schläuche wieder aufpumpten hielten diese die Luft lange genug, um zurück nach Sariyashi zu kommen, wo wir bei der Moschee den neuerlichen Schauer abwarteten. Um die Wartezeit aufzuwerten bereiteten wir uns frustriert einen ganzen Liter kalten Instant-Kaffee, den Tilmann fast alleine auf Ex ausleerte. Da die Schläuche im Stande waren die Luft einigermaßen zu halten, entscheiden wir uns dazu zunächst weiter zu fahren und die Reparatur erst bei unserem Nachtlager durchzuführen. Wir wollten in jedem Fall neben einem Brunnen wild kampieren und erhofften uns etwas Ruhe zum Schlauchwechsel.

Wieder auf den Rädern schlug bei Tilmann der Koffein-Flash ein und so raste er schwitzend und die Situation aufgeregt kommentierend am ersten geeigneten Schlafplatz vorbei während Julia feststellte, dass Sie an der Moschee ihre Trinkflasche stehen gelassen hatte. Danach wurde die Gegend schlagartig vollkommen unattraktiv, denn uns umgaben jetzt nur noch brach daliegende Äcker und die wenigen Brunnen, die es noch gab führten allesamt kein Wasser mehr.

Nach zehn Kilometern erreichten wir dann den Ort Bekdik, der sich mit seinen ungepflegten Gärten und vermüllten Spielplätzen gut in die wenig einladende Umgebung einbettete. Da es nun bereits 19 Uhr war und kein anderer geeigneter Schlafplatz zu finden war, beschlossen wir zu fragen, ob wir auf dem Gelände der Moschee zelten durften. Leider war dieses unbegrünt und so nahmen wir für unser Zelt einen benachbarten winzigen Grünstreifen ins Visier. Schnell war ein deutschsprechender Dorfbewohner gefunden der unser Anliegen dem Imam vortrug. Der gutaussehende junge Vorbeter hatte grundsätzlich nichts einzuwenden, wollte jedoch unsere Pässe abfotografieren und klärte mit der nächsten Polizeidienststelle ab, dass nach uns nicht gefahndet wurde. Wir sollten jedoch nicht unser Zelt aufbauen sondern wurden in der Koran-Schule einquartiert, die derzeit nicht in Benutzung war und als Abstellkammer verwendet wurde.

Als uns der Imam uns den Raum zeigte, wo wir uns waschen können, wähnten wir uns im ersten Moment im Anblick der großen Edelstahlflächen in einer Großraumküche, wenngleich wir uns wunderten wieso dort eine Duschschlauch mit Brause installiert war. Dann der Moment der Erkenntnis: Das große Objekt in der Mitte war keine Arbeitsplatte mit Abfluss in der Mitte sondern ein Waschtisch für Leichen. Daher auch der Spender mit blauen Nitril-Einweghandschuhen sowie eine robuste Plastikschürtze, die an einem Haken hing. Wir hatten also mal wieder ein Event für eine „1000 Dinge im Leben Abhakliste“ ergattert: Duschen in einem Raum für die rituelle muslimische Totenwaschung!

Wir machten uns nun daran zunächst Julias Schlauch zu flicken. Wie nicht anders erwartet, wurden wir dabei natürlich umringt und interessiert beobachtet. Da das Loch im Schlauch so klein war, konnten wir dies trotz Wasserbad zunächst nicht ausmachen, was allerdings einem unserer Beobachter gelingen sollte. Im Angesicht der hereinbrechenden Nacht entschieden wir uns die Reparatur von Tilmanns Fahrrad am nächsten Morgen vorzunehmen.

Obwohl wir beteuerten, dass wir genug zu essen hatten, konnte es der Imam selbstverständlich nicht mit seinem Verständnis echter Gastfreundschaft vereinbaren uns lediglich Obdach zu gewähren und brachte uns kurz vor dem Maghrib-Gebet ein sich vor aufgetürmten Köstlichkeiten biegendes Tablett in unsere bescheidene Unterkunft.

Nach dem Gebet wurden wir noch zu Tee in das Empfangszimmer seines Wohnhauses eingeladen, wo wir auch seine Frau und seine beiden Kinder kennenlernten. Zum Tee wurde Poppkorn, Haselnüsse, Sonnenblumenkerne und weitere Knabbereien gereicht. Die Unterhaltung gestaltete sich leider jedoch außerordentlich zäh, denn wieder einmal war die Kommunikation nur über den Google-Translator möglich und ein fließendes Gespräch daher nicht möglich. Irgendwann rief der Imam einen Bekannten an, der lange Zeit in Deutschland verbracht hatte. Er ließ es sich nicht nehmen uns am nächsten Tag zum Frühstück einzuladen. Nach der überstandener Tee-Zeremonie stieg unsere Vorfreude auf das gemeinsame Frühstück ins Unermessliche.

Am nächsten Morgen fuhren wir, nachdem wir auch Tilmanns Platten geflickt hatten, mit der Familie des Imams zum gemeinsamen Frühstück ein paar Straßen weiter. Wir wurden herzlich empfangen, waren aber einigermaßen fassungslos als wir feststellten, dass nur die Gäste, der Hausherr und der Imam gemeinsam auf der Terrasse das Frühstück einnehmen durften – demnach war Julia die einzige Frau auf der Terrasse. Die Ehefrau des Hausherren, seine Mutter, die Gattin des Imams und die Kinder verzogen sich ins Haus nachdem der Tisch gedeckt war. Es folgte ein anstrengendes Frühstück, denn zwar konnte man sich mit dem Hausherren aufgrund seines guten Deutsch ohne Probleme unterhalten, allerdings bestand die Herausforderung darin das Gespräch inhaltlich am Leben zu erhalten. Gelegentlich unterbrach unser Gastgeber die noch gar nicht eingetretenen unangenehmen Gesprächspausen präventiv mit einem „und sonst?“, dass wir nach unserem Dafürhalten stets relativ gut zu kontern wussten und immer etwas halbwegs Interessantes zu berichten wussten. Er ging jedoch in aller Regel überhaupt nicht auf unsere Ausführungen ein, sondern erzählte nur über das was gemäß seiner eigenen Agenda abzuarbeiten war. Auch unsere Fragen zum Dorfleben oder seiner Zeit in Deutschland wurden nur relativ kurz und oberflächlich abgearbeitet. Davon, dass die Integration der türkischen Gemeinschaft in Deutschland nicht vollumfänglich ideal gelungen war wollte er nichts wissen und auch unsere bisherigen Reiseerlebnisse schienen ihn nicht zu interessieren.

Als das Frühstück eingenommen war und wir auch mit Blick auf die Uhr hofften bald verschwinden zu können, wollte er uns zunächst noch seinen Garten, seine Garage, sein Auto, seinen Rasenmäher und seinen Regenwasserspeicher zeigen. Jetzt bemühten wir uns Interesse vorzuheucheln und waren zumindest der Meinung, dies auch geschafft zu haben, trotzdem bleibt festzuhalten, dass bei dieser Begegnung der Funke nicht übersprang und wir uns abermals vornahmen nicht jede Essenseinladung anzunehmen, da wir sonst einfach gar nicht mehr Fahrradfahren würden. Mit einem etwas zwiespältigen Gefühlt verabschiedeten wir uns und wollten uns doch auch erkenntlich zeigen, ob der opulenten Mahlzeiten, die uns zum Abendessen, zum Tee und zum Frühstück serviert wurden und übergaben dem Imam noch eine kleine Geldspende mit dem Hinweis, dass dies für die Gemeinde sei. Der Imam zückte daraufhin sein Telefon, gab schnell etwas in den Google-Translator ein und die weibliche Computerstimme las uns monoton vor: „Du weißt, dass du das nicht tun musst“, was der Imam mit einem dramatischen Blick unterstrich. Tilmann legte in Erwiderung mit geschlossenen Augen die Hand auf die Brust und der Vorhang schloss sich.

Zu allem Überfluss gestaltete sich an diesem Tag auch das Fahrradfahren nicht zu unserer Zufriedenheit. Die Landschaft war maximal öde, dabei ging es auch noch ständig bergauf und bergab. Tilmann hatte nach dem Schlauchwechsel ein Problem mit der Schaltung, dessen Grund wir uns zunächst nicht erklären konnten. Am Mittag machten wir Pause auf einer alten Brücke über den Kizilirmak, dem mit 1355 km längsten Fluss der Türkei, den wir noch einige Mal begegnen und überqueren sollten. Etwas niedergeschlagen von dem anstrengenden Frühstück, der unschönen Passage am Vormittag und dem technischen Problem am Fahrrad sahen wir wohl aus wie zwei traurige Landstreicher, die sich auf der Brücke zusammenkauerten. Ob es nun der klägliche Anblick war oder eben wieder einmal die für uns immer noch überraschende Gastfreundschaft, jedenfalls bekamen wir ungefragt 4 Börek und 2 Mega-Marshmellows von einer Frau in die Hand gedrückt, die gerade vorbeikam und mit ihrer Familie die Brücke besichtigte. Wir fragten uns, ob sie immer mehr Börek dabei hat, als benötigt, um auch noch arm aussehende Fahrradreisende zu versorgen.

Mit vollem Bauch und vollen Taschen (bei den ganzen Einladungen schafften wir es gar nicht mehr unsere Einkäufe aufzubrauchen) fuhren wir weiter am Fluss entlang. Wahrscheinlich wegen der übermäßigen Zufuhr von Fett und Zucker kam Tilmann dann auch der Geistesblitz bezüglich seiner Schaltung. Beim Einbau des Hinterrades nach dem Schlauchwechsel, hatte er den Schnellspanner so platziert, dass dieser das Schaltauge blockierte, beim schalten auf die kleineren Ritzel. Bei einem Vergleich unserer Fahrräder stellten wir fest, dass der Schnellspanner sowieso auf die andere Seite gehörte und Tilmanns Fahrrad von vorneherein falsch zusammengebaut war, er hatte nämlich penibel darauf geachtet, es wieder so zusammenzubauen, wie vorher. Trotz etwas Ärger über den Fahrradhändler waren wir froh, dass das Problem damit behoben war. Jetzt wollten wir es endlich noch ins gelobte Land Kappadokien schaffen.

Doch wieder kam uns etwas dazwischen. Diesmal war es eine Regenwand auf die wir sehenden Auges zufuhren. Julia dachte kurz noch, durch diese könnte man schnell hindurchradeln, doch nachdem sie nach 5 Metern bereits komplett durchnässt war und der Donnern direkt über ihrem Kopf wütend schepperte, hielt sie den Lieferwagen eines Feldarbeiters an und bat um Einlass. Auch Tilmann sprang in den Wagen und der Bauer holte noch drei Frauen ab, die ebenfalls aufgrund des Gewitters die Arbeit auf dem Feld unterbrachen. So verharrten wir in dem Transporter, bis der Regen aufhörte und die wenig gesprächige Familie uns verdeutlichte, dass sie nun weiter müssten. Uns war klar, dass dies nur eine kurze Regenpause war und radelten schnell weiter, in der Hoffnung einen Unterschlupf zu finden, wenn es wieder los geht. Tatsächlich erreichten wir genau im richtigen Augenblick einen Unterstand, wo wir abermals die heftigen Regengüsse abwarten mussten, bevor es weiter ging.

Auf diese Weise bewegten wir uns nur langsam vorwärts, aus Langweile nahmen wir aber abermals Fett und Zucker in Form von Keksen zu uns (auch diese hatten wir geschenkt bekommen). Immerhin schafften wir es an diesem Abend tatsächlich in die Region von Kappadokien! Wie es uns im Land der versteinerten Riesenpilze und Feen-Kamine erging erfahrt ihr in der nächsten Episode von Appi Dappi (Vollgas!).

4 Gedanken zu “die geschichte vom regen und dem anstrengenden frühstück 🇹🇷

  1. Wie kommt es, dass noch nie einer über den Himmel von Anatolien geschrieben hat? Das ist ja absolut grandios.
    Schade, dass bei uns keiner vorbei kommt, an dem wir unsere Gastfreundschaft ausprobieren könnten. Was ihr da erlebt, ist schier unglaublich, allerdings auch nachvollziehbar anstrengend für Menschen von hier

  2. Krasse Felsenmuschi da bei den ersten Bildern.

    Jenand hatte doch mal kommentiert, dass ihr so abgemagert wärt, das scheint sich ja dann in der Türkei wieder verbessert zu haben, auch wenn ihr nicht kugelrund seid. 😀

    So, so, einer eurer Gastgeber hat gerödelt? Also das hier: https://de.m.wikipedia.org/wiki/R%C3%B6deln

    😀

    Krass, dass ihr erst jetzt einen bzw. zwei Platten hattet, nach so vielen Kilometern. Ansonsten wieder tolle Bilder und spannende Geschichten (demnächst auch als Buch?).

    Viel Spaß und gute Weiterfahrt.

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