auf der suche nach neuen zielen 🇹🇷

Tag 57 bis 62 (29.05. bis 3.06.23)
Distanz: 205 km (∑ 3.908 km)
Höchster Punkt: 330 m
Tiefster Punkt: 5 m
Rauf: 3.180 m
Runter: 3.220 m

Im asiatischen Teil von Istanbul geht es eigentlich etwas europäischer zu. Es ist weniger überfüllt, alles etwas entspannter, einige Parks, moderne Hipster-Cafés mit Kaffeevollautomaten und sogar Fahrradwege! Unsere Mission für die nächsten Tage war folgende: Wir blickten mit Respekt und diffusem Unbehagen auf das Höhenprofil, dass uns noch in der Türkei, Georgien, Armenien und dem Iran bevorstehen sollte und nahmen den Rat anderer Radfahrer*innen ernst, dass für Bergtouren SPD-Pedale ein effizientes Mittel zur Leistungssteigerung seien. So radelten wir nach einer kurzen Internet-Recherche nacheinander alle auffindbaren Fahrradläden in Istanbul ab (der asiatische Teil hat hier wesentlich mehr zu bieten), aber Pedale und Schuhe waren schwer zu finden. Schließlich ließen wir uns zumindest die neuen Pedale (Shimano SPD PD-M324) montieren, in der Hoffnung, in einem anderen Laden noch Schuhe zu bekommen.

Für das Abklappern der ganzen Radläden benötigten wir länger als einen Tag und so beschlossen wir eine Nacht im Moda Park im Szeneviertel Kadiköy zu übernachten, um am nächsten Tag die Suche nach den Schuhen vorzusetzen. Der Park war voll mit jungen Menschen, die am Sonntagabend bei Efes und Miesmuscheln zusammen saßen. Wir mischten uns unters Volk, als wir jedoch gegen 12 Uhr müde wurden, sich die Wiesen aber kaum gelehrt hatten, laut gesungen und ein Volleyballmatch begonnen wurde, suchten wir uns einen vermeintlich ruhigeres Plätzchen in dem Park und legten uns einfach in unsere Schlafsäcke auf die Wiese. Dort wurden wir zwar grundsätzlich in Ruhe gelassen, Ruhe hatten wir aber keine. Istanbul ist wohl auch die Stadt die niemals schläft, das Party- und Sportprogramm ging bis in den Morgengrauen weiter und wurde dann nahtlos von ausgeschlafenen Istanbuler*innen wieder aufgenommen. Zwischendurch wurden wir auch noch ausgiebig von einem Straßenhund angejault, der aber der einzige sein sollte, der an unserem Verhalten Anstoß nahm. Obwohl wir mit unseren prächtigen Reiserädern schon an sich eine stattliche Erscheinung waren, und uns zudem mit aufwendigsten Speisezubereitungen und Taschenreperaturmaßnahmen beschäftigten, schien niemand von uns ernsthaft Notiz zu nehmen. Istanbul hat so viele Facetten der menschlichen Lebensgestaltung zu bieten, dass wir keinerlei Aufmerksamkeit erregten. Lediglich ein junger Brite hatte uns ein paar Stunden vorher angesprochen, da er selbst nach einer Radtour in Istanbul hängen geblieben war und hatte uns bestätigt, dass eine Übernachtung unter freiem Himmel sicher sei und niemanden stören würde.

Auch der nächste Tag sollte uns keine passenden Fahrradschuhe finden lassen, aber immerhin konnten wir auf dem Weg zu einem Fahrradladen über 10 km auf dem herrlich ausgebauten Küstenradweg von Kadiköy nach Bostancı folgen. Als es dann gegen Mittag aber schon sehr heiß war und wir nach der Nacht im Park nicht wirklich ausgeruht waren, beschlossen wir einem Tipp zu folgen, den wir über einen Kontakt über warmshowers bekommen hatten: Auf einer Istanbuler Insel könne man in einer schönen Bucht wild campen. Wir versprachen uns dort auch ein bisschen Erholung bevor wir die anstrengende Fahrt aus der Stadt heraus antreten wollten. Mittlerweile waren wir schon länger in der Stadt, als geplant, sie hielt uns fest wie ein babbiges Guzel oder klebriger Baklava. Durch zahllose Einbahnstraßen bahnten wir uns mehr schlecht als recht den Weg zur nächsten Fähre und setzen über nach Burgazada. Dort ging es schon sehr viel gemütlicher zu, keine Autos und viel weniger Menschen. Wir radelten am Marmarameer entlang Richtung dem versprochenen inoffiziellen Zeltplatz. Dort angekommen entdeckte Julia einen kleinen Pfad der zu einem Platz unter Bäumen und über der Bucht führte, schön schattig und leicht mit den Rädern erreichbar war. Bei der anschließenden Begehung des Strandes entdeckten wir noch einige zerstreut herumstehende Zelte; die Szenerie mutete wie eine Hippie-Kommune an. Mangels Schatten spendender Bäume am kiesigen Ufer beschlossen wir aber auf der Anhöhe zu bleiben. Dies sollte sich nachher noch als fragwürdige Entscheidung herausstellen. Zunächst aber legten wir einen Mittagsschlaf in der Hängematte ein und installierten unsere Solardusche (zum zweiten mal auf unserm Trip).

Unser Friede wurde jäh unterbrochen als ein Mann herbei eilte, der Kette rauchend aufgeregt auf uns einredete. Die einzigen uns verständlichen Worte „Camping – Problem – Police“ waren wir nicht gewillt ernst zu nehmen. Schließlich hatten wir von einem Einheimischen den Tipp bekommen, dass hier Camping gar kein Problem sei und wir glaubten keine Sekunde daran, dass die türkische Polizei sich um solche Angelegenheiten kümmerte. So blieben wir wo wir waren, in der Annahme dieser Herr sei nur genervt von den herumlungernden Taugenichtsen und versuche durch unfreundliches Auftreten diese zu vertreiben. Wir kochten einen Linseneintopf und genossen anschließend den Sonnenuntergang über der Millionen-Metropole. Kurz bevor wir in unser Zelt krabbeln wollten, zerriss der Strahl einer Taschenlampe die nächtliche Dunkelheit und der nun ernsthaft erboste Mann stand wieder vor uns, offensichtlich wollte er diesmal nicht so schnell aufgeben. Die Vermittlung mithilfe des Google-Translators verlief äußerst schleppen, da der Störenfried offensichtlich auch kaum des Lesens und Schreibens mächtig war und so beschlossen wir unseren Kontakt, der uns diesen Ort zum Zelten empfohlen hatte, anzurufen und um Vermittlung zu bitten. Es war nun bereits stockdunkel und jetzt noch einmal alles einzupacken und einen anderen Platz zu finden, erschien als ein Ding der Unmöglichkeit. Erneut sahen wir ein schlaflose Nacht auf uns zukommen. Unser Telefon-Joker zog dann aber alle Register: Nach einem ca. 20-minütigen Telefonat (wir hatten dem ungebetenen Gast zwischenzeitlich einen unserer Klapp-Hocker angeboten) lachte der eben noch unfreundliche Herr, spendierte uns sogar eine Zigarette und wir durften bleiben, solange wir kein Licht machten und uns ruhig verhielten. Da wir sowieso schlafen wollten, waren diese Voraussetzungen kein Problem für uns.

Am nächsten Morgen packten wir auch früh zusammen und wollten nun endlich wieder mit Vollgas zurück auf die Straße. Zunächst war freilich eine weitere Fährfahrt zurück aufs Festland erforderlich, die uns durch das Geleit einer Delfinherde versüßt wurde. Istanbul auf dem Landweg zu verlassen konnten wir nicht ohne noch einmal bei einem Decathlon in einer weiteren monströsen und diesmal menschenleeren Mall erfolglos nach Fahrradschuhen zu fragen. Stattdessen kauften wir eine schlecht funktionierende Power-Bank bei Media-Markt und wollten noch in Ruhe ein Mittagessen im Food Court einnehmen, als mehrere Kaufhaus-Cops mit Cityrollern auf uns zukamen und uns als diejenigen in dieser kilometerlangen Mall mit 3 Stockwerken identifiziert hatten, die ihre Fahrräder verbotenerweise einfach im Gang neben den Aufzügen abgestellt hatten. So schlangen wir unseren Bulgur und gekochtes Gemüse hinunter, um das etwas nervös wirkende Personal von dieser Last zu befreien.

Die restliche Ausfahrt aus Istanbul gestaltete sich deutlich angenehmer als die Einfahrt, die Passagen auf der Autobahn waren nur sehr kurz (dabei wurden wir von einem Motorradfahrer ermahnt, dass dies in der Türkei sehr gefährlich sein, aus unserer Sicht ist es aber in Deutschland gefährlicher auf der Autobahn zu fahren und deshalb auch zurecht verboten), wir konnten immer wieder durch ruhigere Straßen fahren und es war nicht mehr so bergig wie im europäischen Teil. Die Stadt schien zwar kein Ende zu nehmen – wenn man gerade dachte, jetzt ist es aber gleich vorbei, kam nochmal eine weitere Stadt mit eigenem Zentrum, Fußgängerzone, Moschee und Cafés – doch dann war es auch irgendwann vorbei und wir fuhren wieder durch grüne Wälder und die Natur hatte uns zurück. Wir waren nun auf direktem Wege an die Schwarzmeerküste, die wir bei Sahilköy/Side erreichen wollten. Quer über die Kocaeli-Halbinsel gab es einige Hügel und kleinere Berge zu überwinden, was diese Tagesetappe trotz der maximalen Höhe von 270 m nicht anspruchslos machte.

In Sahilköy angekommen waren wir jedoch ein wenig enttäuscht, denn der erste Strand, auf dem wir zelten wollten, stellte sich als nicht besonders einladende Wüstenlandschaft heraus und da die Sonne noch eine Weile brauchen würde um nahe des Horizonts an Strahlungsenergie zu verlieren, entschieden wir uns doch lieber den nächstgelegenen baumbestandenen Campingplatz im nahegelegenen Dogancili aufzusuchen. Nach etwas Gefeilsche mit dem Campingplatzbetreiber (bei dem wir unsere Entschlossenheit mit einer angetäuschten Weiterfahrt untermauerten) erschien uns der Preis von 100 TL (gut 6 Euro) vertretbar, wenn auch der Platz einen ungepflegten und lieblos gestalteten Eindruck erweckte und er ebenso wie die umgebende Natur leider nicht frei von Müll war. Von unserem Zeltnachbar wurden wir sogleich zum Cay eingeladen, er hatte durchgehend ein kleines Feuer brennen und darauf die typische türkische Teekanne „Çaydanlık“, bestehend aus dem unteren Wasserkocher und dem darauf sitzenden Teebehälter, stehen. Als es um unsere Weiterreise ging, übersetzte der Google-Translator einen Satz von Turan vermutlich fälschlicherweise mit „Ihr müsst euer Ziel im Blick behalten“. Wir waren etwas verdutzt über diese Ermahnung, aber mussten zugeben, dass er damit einen wunden Punkt traf. Das sehr bruchstückhafte Englisch erschwerte ein ausführliches Gespräch, trotzdem freuten wir uns einmal mehr über die besondere Gastfreundschaft der Türken.

Auch der Nachtwächter des Campingplatzes suchte gleich Kontakt zu uns und nachdem er uns darauf hingewiesen hatte, dass wir nicht auf unserem Kocher (den Tilmann gerade im Begriff war von Gas- auf Benzinbetrieb umzubauen), sondern auch in der platzeigenen Küche kochen könnten, luden wir die beiden zum Essen ein. Der Nachtwächter stimmte zu und obwohl dieser kein Wort Deutsch oder Englisch und wir nur drei bis fünf Wörter Türkisch konnten, bestand er darauf ohne Google-Translator auszukommen, was wir sehr sympathisch fanden und versuchten mit Zeichensprache zu sprechen. Bei anschließendem Fanta, Wein, Bier, Raki, Sagalm (Steckrübensaft) und Zigaretten wurde über Familie, Wirtschaft und Politik gesprochen, doch wahrscheinlich verstanden wir nur ca. 10 Prozent von dem richtig, was er uns sagen wollte, obwohl er jede seiner Aussagen mit der Frage „Anliyor musun?“ („Verstehst du?“) abschloss. Ein Wort das häufig viel, hört sich für uns an wie „Kreissparkasse“, aber wahrscheinlich wollte ein türkischer Campingplatzaufseher nicht mit uns über das deutsche Bankenwesen sprechen. Anscheinend schloss er Tilmann irgendwie dennoch tief in sein Herz, schenkte ihm zwei Misbahas (Gebetsketten) und umarmte und küsste ihn mehrfach. Es ist jedoch nicht auszuschließen, dass hierbei aber auch der Raki seine Finger im Spiel hatte.

Die Schwarzmeerküste sollte uns leider auch am nächsten Tag nicht überzeugen. Wir hatten uns nicht genug Zeit genommen, um uns die Route im Detail anzuschauen und mussten jetzt feststellen, dass die Straße an der Küste aus einem ständigen Auf- und Ab bestand, jeweils sehr steil, sodass man sich hoch extrem abmühte, nur um sich nicht auf die Abfahrt freuen zu können, da man den Bremshebel bis zum Anschlag ziehen musste. An einem besonders steilen Abhang auf losem Untergrund legte Tilmann schließlich noch einem filmreifen Stunt hin, indem er gekonnt vom Fahrrad sprang bevor dieses umstürzte. Julias Fahrrad schoben wir anschließend gemeinsam hinunter. Bei diesem Abschnitt des Weges handelte es sich um eine Ausprägung „avoiding-the-mainroad-Phänomes“ von komoot, das in diesem Fall nicht nur eigentlich überflüssig sondern ganz und gar unsinnig war. Wir können diese inzwischen zwar regelmäßig treffsicher erkennen und korrigieren, diesmal war sie uns jedoch bei der Prüfung der Route durch die Lappen gegangen.

Zu diesen Ärgernissen hinzu kam der Umstand, dass das Meer eigentlich kaum zu sehen war, weil man nicht direkt an der Küste fuhr. Stattdessen kreuzten wir immer wieder ein nicht vollendetes Autobahnprojekt, dessen Vollendung uns sicher dazu bewegt hätte dessen Trassenführung zu folgen, um entspannter vorwärts zu kommen. So weit war es mit uns schon gekommen, denn nach einem erneuten mörderischen Anstieg in der prallen Sonne nach Sile fühlten wir uns nicht mehr nur leicht blümerant sondern ernsthaft mitgenommen und auch zwei eiskalte Cola schafften kaum Abhilfe. Nun befanden wir uns auf den Klippen etwa 60 Meter über dem Meer und konnten dennoch die Aussicht nicht genießen, da diese den Terrassenrestaurants vorbehalten war, deren Baustruktur zwischen uns und dem Fernblick auf die See lag. Beim Verlassen der Stadt erhaschten wir zwar noch einen Blick auf die vorgelagerte Burg auf den Klippen, der uns aber auch nicht vom Hocker riss.

Nach nur 50 Kilometern an diesem Tag waren wir von dem ewig sich wiederholenden Anstiegen ziemlich geschlaucht und schlugen unser Zelt an einem Strand auf einem verlassenen Campingplatz auf. Wie überall ärgerten wir uns über den Müll, der hier hinterlassen wurde und bekamen schnell Besuch von wilden Strandhunden, die mit freundlichen und traurigen Blicken versuchten unsere Herzen zu erweichen, um etwas zu Essen zu bekommen. Obwohl sie nichts von uns bekamen, beschlossen sie über Nacht unsere Wachhunde zu werden, versammelten sich um unser Zelt und bellten und jaulten bei jedem noch so leisen Geräusch wie die Irren los. Abwechselnd kletterten wir beide aus dem Zelt brüllten die Köter an, spritzen sie mit Wasser an, aber sie waren nur freudig darüber uns zu sehen, wedelten mit dem Schwanz und liefen einmal um Zelt, um sich dort wieder niederzulassen und sich auf die nächste Jaul-Arie vorzubereiten. Wir gaben auf und verstöpselten unsere Ohren, um noch etwas Schlaf zu finden.

Als wir gegen halb sechs am Morgen erwachten und unsere Gehörgänge vom Oropax befreiten, glaubten wir unseren Ohren nicht zu trauen: Anscheinend fand gerade auf diesem verlassenen Strand ein Fußballspiel statt. Bisher waren wir daran gewöhnt, dass in der Türkei alles etwa 2 Stunden später stattfindet, als in Deutschland: Wochenmärkte und Supermärkte öffnen zum Beispiel frühestens um 9. Auf dem Strand hatten sich irgendwann in der Nacht von uns unbemerkt 10 junge Männer eingefunden, die ihre beiden Zwei-Mann-Zelte aufgeschlagen hatten. Die Schlafplatz-Rechnung ging offenkundig nicht auf, was wohl der Grund dafür war dass sie sich nun mit Fußball und lauter Partymusik wach zu halten gedachten. Das Unterfangen wurde durch die Aufnahme von Koffein in kurzen Teezeremonie unterstützt.

Im Übrigen kann man festhalten, dass hier in der Türkei alles etwas lauter zugeht und sich niemand wegen musikhörenden und feiernden Menschen oder auch Hupen zum Gruße beschwert. Ob das nun eine Eigenschaft ist, von der sich die Deutschen eine Scheibe abschneiden sollten oder die Einforderung von Ruhe ein berechtigtes Anliegen ist, mag jeder für sich selbst entscheiden. Unser Host in Istanbul hatte uns sehr ungläubig gefragt, ob es stimmen würde, dass in Deutschland die Menschen gleich die Polizei anrufen, wenn ein Nachbar laut Musik hört, was wir relativierten aber einräumten, dass dies sicher häufiger vorkäme als in der Türkei.

Die mäßig berauschenden Erfahrungen der letzten beiden Tage veranlassten uns dazu nach Verlassen des Strandes ein Café im nahe gelegenen Agva aufzusuchen, wo wir in aller Ruhe den weiteren Verlauf unserer Reise planen wollten. Wir wollten erst weiter fahren, wenn wir uns über unsere nächsten Ziele im klaren waren. Nach eingehenden Studien der Karten und des Höhenprofils stand für uns fest, dass ein „weiter so“, also ein Türkei-Transfer entlang der Schwarzmeer-Küste, keine adäquate Vorgehensweise sei. Die Route zu unserem ersten Etappenziel Istanbul hatten wir bereits in Deutschland recht ausführlich geplant und nur im Detail vor Ort noch einmal angepasst, mit der Weiterfahrt ab Istanbul hatten wir uns ergriffen vom Trubel der Stadt jedoch keine 5 Minuten befasst. Wir waren uns auch noch nicht im Klaren, ob wir noch nach Georgien und Armenien und vielleicht auch noch in die ominösen zentralasiatischen Stan-Länder reisen wollten oder vielleicht eine Möglichkeit finden wollten, nach Afrika weiterzureisen. Mittlerweile haben wir unseren Plan nach Vietnam zu kommen faktisch aufgegeben, da es mehr als ungewiss ist, dass wir auf dem Landweg dorthin gelangen und wir auch keine große Lust verspüren durch Pakistan und Indien zu radeln.

Etwas kurzsichtig gedacht, wollten wir an diesem Donnerstagmorgen des 2. Juni vor allem der Schwarzmeerküste mit ihrem Höhenprofil entrinnen. Einen weiteren Grund für einen Kurswechsel zu finden, war nicht so schwer, denn aufgrund verheißungsvoller Bilddokumente und Reiseberichte lockte uns beide der Besuch von Kappadokien. Wir entschieden, dass es töricht wäre die Türkei zu bereisen ohne diese einzigartige Region besucht zu haben, da nicht feststand, dass wir auf einem wie auch immer gearteten Rückweg erneut Anatolien durchqueren würden. Andererseits bedeutete auch diese Route viele Höhenmeter und tagelange Fahrten durch karge Ödnis. Wir entschieden uns letztendlich doch dafür und bogen sogleich ab ins Landesinnere, wurden mit mäßigen Steigungen und lieblichen Landschaften belohnt. Dabei durchquerten wir sowohl endlose Haselnussplantagen, denn der Großteil der weltweit verarbeiteten und konsumierten Haselnüsse wird in der türkischen Schwarzmeerregion angebaut, als auch Mischwälder, die uns an deutsche Mittelgebirge erinnerten.

Um noch einen Versuch in Sachen Klick-Schuhe zu starten, steuerten wir für diesen Abend die rund 280.000 Einwohner*innen große Stadt Sakarya (oder heißt sie doch Adapazari, das ließ sich nicht einwandfrei feststellen) an, die wieder einmal nicht besonders schön oder interessant war. Offenbar hatte es hier immerhin vor nicht allzu langer Zeit Bestrebungen gegeben die Fahrradinfrastruktur zu verbessern, jedoch endeten die mit viel Bohei angekündigten Fahrradwege bei der Einfahrt in die Stadt mehrere Male in Sackgassen unterhalb von Zubringerstraßen. Das hatte natürlich auch Komoot nicht kommen sehen. Sehr überraschend hatten wir sehr kurzfristig innerhalb weniger Stunden wieder einmal einen Host über warmshowers gefunden. Der sehr hilfsbereite und freundliche Mehmet hatte eine großes Apartment, in dem wir ein eigenes Zimmer bekamen und die Waschmaschine nutzen konnten. Er war zwar nicht so begeistert uns seine Küche zu überlassen, versorgt uns dafür aber mit Cigköfte, Efes und türkischem Kaffee. Anschließend gingen wir mit ihm und seinem Arbeitskollegen Baris in den Park und bekamen von Baris noch einen riesigen Eisbecher ausgegeben. Baris sprach zwar kaum Englisch, legte beim durchqueren des Parks aber doch sehr viel Wert auf den an uns gerichteten Hinweis, dass es sich bei der um 22:30 Uhr zu lauter Musik tanzenden Familie um Roma handelte.

Mehmet selbst war ebenso wie wir von seiner Heimatstadt nicht sonderlich überzeugt, dies ließ er uns durch eine kleine ironische Stadtführung wissen. Die Stadt ist geprägt durch die vielen Arbeitsplätze in der Region, ursprünglich war hier besonders die Textilindustrie führend, mittlerweile sind viele große Unternehmen aus verschiedenen Industrie- und Dienstleistungsbereichen ansässig. Mehmet und Baris arbeiten beispielsweise als Elektroingenieure beim staatlichen Energieversorger. Am nächsten Tag verließ Mehmet das Haus früh und wir fühlten uns fast ein bisschen schlecht, so als ob wir seine Gastfreundschaft ein wenig überstrapaziert hätten (andererseits schien couchsurfing und warmshowers eine Art Hobby von ihm zu sein und er hatte uns seine vielen positiven Rückmeldungen stolz wie eine Trophäensammlung präsentiert). Zur Aufheiterung unseres latent schlechten Gewissens begrüßte uns beim Verlassen des Anwesens der Hofhund schwanzwedelnd neben einem offenkundig von ihm eigens erlegten Kaninchen. „Ich hab’s nicht gefressen, nur tot gebissen! Gut, oder?“ schien er uns sagen zu wollen.

Um den Stadtkern von Adapazari/Sakarya reihen sich zahllose Neubausiedlungen ohne Charakter aneinander, die Innenstadt ist geprägt von endlosen Ladenreihen. In einem dieser Läden fanden wir tatsächlich Klick-Schuhe, nachdem wir uns den ganzen Vormittag von Fahrradgeschäft zu Fahrradgeschäft durchgefragt hatten. Die Shimano-Schuhe musste der Inhaber des winzigen Radladens aus irgendeinem vergessen Kellerabteil gezogen haben, so staubig und vergilbt wie nicht nur die Kartons sondern auch die Schuhe schon aussahen. So handelte es sich natürlich um alte Modelle, trotzdem ließ sich der Händler auf keinen Handel ein – wir waren eigentlich davon ausgegangen, dass dies in der Türkei Gang und Gäbe wäre. Auf dem Karton stand 100,00 Euro und genau das wollte er haben. Da uns obendrein die Schuhe nicht perfekt passten und es sich auch um MTB und nicht Touring-Modelle handelte, waren wir nicht bereit diesen Preis zu zahlen. Ohne „neue“ Schuhe zogen wir also wieder von Dannen und mussten akzeptieren, dass wir die Berge auch ohne dieses Hilfsmittel schaffen werden müssen. Das Ausstattungsziel (SPD-Schuhe) hatten wir aufgegeben und uns dafür wenigstens räumlich ein neues Ziel (Kappadokien) gesteckt.

8 Gedanken zu “auf der suche nach neuen zielen 🇹🇷

  1. Tillmann kannst du nun endlich in die Bearbeiterrunde zurückkehren und wir machen dann so eine lustige Party, wie ihr mit dem Nachtwächter? 🙂
    Welch ein Spaß, von Euren Abenteuern zu lesen. Und ganz herzlichen Dank für Eure Karte. Liebe Grüße Katja

  2. Hatte sehr viel Spaß beim Lesen. Bin froh daß sich die Berge nicht hoch und runter musste.

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