kontinentenwechsel 🇹🇷

Tag 49 bis 56 (21.05. bis 28.05.23)
Distanz: 423 km (∑ 3.702 km)
Höchster Punkt: 310 m
Tiefster Punkt: 10 m
Rauf: 4.140 m
Runter: 4.180 m

Am 21. Mai 2022 sollten wir nun endlich die EU verlassen. An der Grenzstation in Griechenland hatten sich mehrere lange Schlangen gebildet, die kaum Platz für uns ließen, uns in gewohnter Manier vorzudrängeln. Wir ergaben uns also dem Schicksal des Anstehens und vertrieben uns die Zeit mit einer Partie Backgammon, wobei wir das Brett auf dem Gepäckträger aufbauten. Nachdem uns Griechenland entlassen hatte, radelten wir über den breiten Grenzfluss Mariza (griechisch) bzw. Meric Nehri (türkisch) und gelangten, nachdem wir an mehreren Kompanien schwerbewaffneter Soldaten vorbei gekommen waren, auf der anderen Seite zu der pompösen türkischen Grenzstation, an der wir sogleich mit dem Kontafei von Mustafa Atatürk begrüßt wurden – sein Anblick sollte uns in den nächsten Tagen noch sehr vertraut werden.

Der Eintritt in die Türkei gelang schnell und problemlos, da wir weder Alkohol noch Zigaretten mitführten und wir fuhren zwischen gefluteten Reisfeldern auf einer geraden und leeren Autobahn zur grenznahen Kleinstadt Ipsala (gut 8.000 EW). Dort wollten wir eine türkische Sim-Karte kaufen. Unsere Annahme, diese nun in jedem Laden hinterher geschmissen zu bekommen, bestätige sich leider nicht. Wir fragten eine Passantin, die uns gleich an einen anderen Herr vermittelte, der uns hinter sich her winkte und ein paar Häuser weiter ein Palaver mit einem Ladenbesitzer und seinem Kunden begann. Schließlich einigte man sich und teilte uns mit, dass der Handy-Laden erst um 11 öffnet und plötzlich verteilte sich die Gruppe in alle Himmelsrichtungen und ließ uns etwas verwirrt zurück. Wir füllten die Wartezeit bis 11 Uhr mit dem versprochenen Geburtstagsfrühstück in der Türkei und bekamen schließlich eine Sim-Karte womit das Kostenloseswlangehustle endlich ein Ende hatte.

Allerdings bekamen wir beim Erwerb der Karte gleich zwei wichtige Lektionen für die Türkei mit auf den Weg: 1. Englisch-Kenntnisse sind regelmäßig nicht vorhanden und ohne Google-Translator möchten viele Einheimische keine Konversation wagen. 2. Ein „schön der Reihe nach“ muss man nicht immer erwarten und es werden auch schon einmal Ellenbogen eingesetzt. Anschließend schlugen wir unseren Weg Richtung Norden ein. Wir wollten zum einen die Autobahn vermeiden, zum anderen wollten wir die Bike Academy in Lüleburgaz besuchen. Die zwei belgischen Radreisenden, die wir in Griechenland vor dem Gewitter getroffen hatten, hatten uns den Tipp gegeben, dorthin zu fahren. Wir versprachen uns alles was ein Bikerpaker-Herz begehrt: Unterkunft mit Dusche, Waschmaschine (alles natürlich kostenlos), Tipps für die Weiterreise und Unterstützung bei der Fahrradinspektion.

Auf dem Weg dorthin fuhren wir zunächst weiter durch eine hügelige Landschaft in der sich Reis- und Weizenfelder mit Weiden, auf denen Kühe und Schafe grasten, abwechselten. An einer Tankstelle wollte Tilmann nach kalten Getränken fragen, der eigentlich hilfsbereite Tankwart kam auch sogleich zur Tür, sodass kein Eintreten zur Inspektion des Warenangebotes möglich war. Tilmann deutete daher per Geste das öffnen einer Flasche und eine Trinkbewegung an. Der Tankwart hingegen hielt ihm lediglich sein Telefon mit dem geöffneten Google-Translator hin. Kopfschütteln und Gesten zum „drinnen gucken“ halfen auch nicht. Als dann die Eingabe der Übersetzung misslang schwang sich Tilmann verärgert auf sein Fahrrad und lies den verwirrten Tankwart zurück. So praktisch solcherlei Apps auch sind, solche Situationen zeigen unseres Erachtens eine bedenkliche Entwicklung. Unser Begehren war naheliegend und die Gesten eigentlich wenig missverständlich. Wenn man sich nur noch auf die Maschine verlässt und das Gehirn nun so gar nicht mehr mit Reizen versorgen will…

Wenig später machten wir dann in einem kleinen Dorf namens Tevfikiye halt und kauften in einem winzigen Laden ohne den Einsatz unserer Telefone zwei Dosen Cola. Hier wurde uns zum ersten Mal bewusst, wie dramatisch der Verfall der Lira tatsächlich bereits vorangeschritten war: Wir mussten umgerechnet lediglich 75 ct investieren. Die Ladenbesitzerin und ihr Mann, der gerade des Weges kam, spendierten uns dazu noch einen Tee (unser erster türkischer Cay kam in einem kleinen Plastikbecher mit Teebeutel daher) und ein paar Kräcker und wir versuchten uns mit den beiden so gut es ging auszutauschen. Gegen Nachmittag gelangten wir dann in die Stadt Uzunköprü, die mit ihrem authentischen Charme bestach. Im Hotel handelten wir den Preis immerhin von 18,25 Euro auf 15,63 herunter. Die zwei belebten Straßen der Stadt ähnelten der Wellritzstraße in Wiesbaden oder wahlweise der Keupstraße in Köln, eine Döner-Bude reihte sich an die nächste. Da wir diesen Tag noch ein bisschen feiern wollten, suchten wir nach einem etwas schöneren Restaurant, was kläglich scheiterte. In einem Imbiss versuchten wir mithilfe von Google-Translator und mithilfe von Zeigen auf bestimmte Speisen in der Auslage ein halbwegs veganes Essen zu bekommen, aber der Kellner konnte oder wollte uns einfach nicht verstehen und brachte uns etwas ganz anderes (mit Speck und Jogurt). Auch war in dieser Stadt nirgendwo noch ein Bier aufzutreiben, da die Bevölkerung hier offensichtlich sehr konservativ ist.

Mit dem veganen Essen sollte es nun also schwierig werden. In Griechenland hatten wir bereits Börek ohne Käse bestellt, Salzlakenkäse schien aber nicht als Käse angesehen zu werden, auch konnten wir nie einwandfrei klären, ob der Teig denn Eier oder Milch enthält. Doch jetzt in der Türkei wurde noch eine Schippe drauf gelegt. Den Nescafé bekamen wir nur mit Milchpulver, die bereits erwähnte Bestellung in dem Imbiss ging schief und auch ansonsten wurde uns wenig Verständnis entgegen gebracht, wenn wir kein Fleisch, Käse oder Eier wollten. Doch dann viel es uns wie Schuppen von den Augen: Cigköfte – ursprünglich mit rohem Hackfleisch hergestellt, darf diese Variante seit 2008 in der Türkei aufgrund der gesundheitlichen Risiken nicht mehr verkauft werden, deshalb wird die Masse seitdem aus gewürztem Bulgur hergestellt. Eine vom Staat beschlossene vegane Speise, das kam uns ganz gelegen und wir stellten fest, dass diese uns in der Türkei auch viel besser schmeckte als in Deutschland, was angeblich beim Döner ja andersrum sein soll. Seitdem essen wir fast täglich Ciglöfte im Dürüm. Ein kleiner Snack für nur 10 Lira (etwa 63 ct) und bei größerem Hunger nehmen wir gleich 2 pro Person.

Der europäische Nordwesten der Türkei (Ostthrakien) ist vor allem landwirtschaftlich geprägt. Wir fuhren über einige Hügel und hatten einen weiten Blick in die Ferne über Felder und Weiden. Unser zweiter Tag in der Türkei führte uns nach Lüleburgaz. Bei der Einfahrt in die Stadt winkte uns ein Radfahrer auf der gegenüberliegenden Straßenseite ganz aufgeregt zu, hielt uns an und stellte sich als der Manager der Bike Academy (Bisikelt Akademisi) vor. Er erklärte, dass er heute frei habe, aber wir uns gerne dort einquartieren können. Dort angekommen, wurden wir nach Vorlage unserer Pässe an einen Wachmann von einem katalanisch-französischen Pärchen empfangen, die seit ein paar Tagen dort waren und sich deshalb schon bestens auskannten. Wie sich herausstellte, waren die beiden zwar auch Radreisende, nur mit einem weit aus gemächlicheren Tempo, als wir. Ihre letzte lange Station vor Lüleburgaz war Istanbul, wo sie 7 Monate verbracht hatten (für die Strecke von Istanbul bis Lüleburgaz hatten sie eine Woche gebraucht, wir sollten die Distanz in zwei Tagen zurück legen). Dementsprechend konnten uns die beiden einige Tipps geben. Zu unserem gemeinsamen Abendessen stieß dann noch ein Neuankömmling aus England hinzu, der erst 21 Jahre alt war und obwohl er bereits 1 Jahr alleine unterwegs war, einen etwas hilflosen Eindruck machte und deshalb gleich von allen anderen Bikepackern bemuttert wurde. In der Nacht und am nächsten Tag strandeten noch drei weitere Radreisende in der Akademie und vergrößerten unsere kleine Community, was dazu führte, dass wir die zwei Tage, die wir dort verbrachten hauptsächlich mit Erfahrungsaustausch füllten. Max aus Leipzig half uns beim Wechsel der Bremsbeläge und war ansonsten davon überzeugt, dass unsere Räder super in Schuss sind. Er vermittelte uns glaubhaft, dass eine weitere Inspektion nicht nötig wäre. Leo aus Münster war der einzige der weder aus Istanbul kam noch dorthin wollte und hatte mit der Route Polen, Slowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Türkei auch die außergewöhnlichste Anfahrt gewählt. Der dritte im Bunde, der selbsternannte „Weltbürger“ inszenierte sich als der Individuellste unter den Individualreisenden, denn er führe dorthin, wo sonst keiner fährt.

Die Bike Academy ist eine Einrichtung, die vor allem Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit bietet Fahrradfahren zu lernen. Auf einem großen Gelände inmitten der Stadt können sie Räder bekommen und auf einem Parcour rumdüsen. Ein interessantes Konzept, das jedoch leider nicht ganz zu Ende gedacht ist. Aus unserer Sicht fehlte eine ordentliche Werkstatt mit Betreuung und Räder, die man auch Ausleihen kann, um in der Stadt zu fahren. Ohne dies war es einfach nur ein großer Fahrradspielplatz. Zusätzlich bietet die Akademie 8 Schlafplätze für Radreisende. Uns kam das natürlich gut gelegen, allerdings hätten Küche und Bad eine regelmäßige Reinigung vertragen. Der Manager bot am nächsten Tag sogar eine Stadtführung an. Unser Interesse an dieser mittelgroßen Stadt hielt sich in Grenzen, jedoch hatten wir den Eindruck, dass eine Ablehnung als nicht höflich aufgefasst werden könnte. So „opferte“ sich Julia und fühlte sich während der Tour erstmals wie eine richtige Touristin: Der Manager schleppte die kleine Gruppe zwischen Moschee, Handyladen, Baklava-Bäcker, Basar und Café hin und her, teils wurde man eingeladen, teils dazu aufgefordert etwas zu kaufen, auf dem Basar wurde Julia ermahnt, sich nicht zu weit von der Gruppe zu entfernen. Es war lustig und aufschlussreich mit so vielen Radlern die Erfahrungen zu teilen, doch nach einem Ruhetag dort zog es uns weiter und wir wollten dem Trubel wieder entfliehen um uns endlich in einen ganz anderen Trubel zu stürzen, der uns bei unserem ersten Etappenziel erwarten sollte. Nicht nur wir standen dann am Morgen des 24. Mai pünktlich gestriegelt und Abfahrbereit in den Startlöchern. Auch Max und Leo hatten nicht mehr als einen Nachmittag Ruhe ausgehalten und wollten schon weiter. Die deutsche Community war in geschlossener Formation abfahrbereit während die Vertreter anderer Nationen noch nicht aufgestanden waren, oder sich mit Mühe und Not nur für unsere Verabschiedung aus ihren Schlafsäcken gequält hatten. Mit einem inneren Schmunzeln ob unseres stereotypen Auftritts schwangen wir uns aufs Rad.

Dass Max uns den einwandfreien Zustand unserer Räder attestierte war insofern besonders beruhigend, als dass wir unsere Räder ursprünglich in Istanbul einem Check-Up unterziehen lassen wollten. Als wir von der Bike Academy erfuhren, schien uns diese allerdings als der geeignetere Ort für unser Vorhaben. Daher bauten wir extra diesen kleinen Schlenker ein (der sich in jedem Fall gelohnt hat). Unsere Absicht teilten wir auch dem Manger mit, der uns versprach uns nach der Stadtführung mit einem geeigneten Mechaniker bekannt zu machen. Davon war jedoch nach der Führung keine Rede mehr und eh wir uns versahen war er verschwunden.

Also ging es nun geradewegs nach Istanbul, wobei wir uns für die Strecke durch das Hinterland entschieden hatten. Ob das nun besser oder schlechter war, als am Meer entlang zu fahren, ist schwer zu beurteilen. Egal wer mit dem Rad nach Istanbul reinfuhr sagte hinterher, dass es anstrengend war. Zwischen Lüleburgaz und Istanbul mussten wir noch einmal übernachten. Zwischen Velimese und Cerkezköy mussten wir erstmal ein Stück Autobahn fahren, was sich als weniger dramatisch erwies als gedacht. Der breite Standstreifen ließ genug Platz zu Autos und LKWs und verboten scheint dies in der Türkei auch nicht zu sein. Am späten Nachmittag kamen wir in eine Region mit vielen Steinbrüchen, was sich dadurch ankündigte, dass ab Beyciler alle Straßen mit endlosen LKW-Kolonnen verstopft waren. Die Steinbrüche selbst liegen in einem dichten niedrigstämmigen Eichenwald in den wir schließlich über eine Schotterpiste abbogen. Die Staubentwicklung infolge der Befahrung durch LKWs glich jenen einer Steinbruchsprengung, wenn es der Betreiber der Anlage mit den Werten nach Nr. 4.6.1.1 der TA-Luft nicht so genau nimmt. Immerhin erkannten die Fahrer (augenscheinlich gab es keine *innen) das Problem und drosselten ihr Tempo deutlich sobald sie uns erblickten. Als es dann auch noch anfing zu tröpfeln, zogen wir die Reißleine und stellten unser Zelt einfach ein paar Meter abseits der Piste in den Wald. Gegen Abend und am frühen Morgen fuhren keine LKWs mehr und so stellte sich unser Notplatz als recht geeigneter Schlafplatz heraus, wenngleich wir uns wegen der mit uns verweilenden Mücken erneut dazu entschieden das Abendessen im Zelt einzunehmen.

Am nächsten Tag fuhren wir noch eine ganze Weile durch Dörfer und teilten uns die Straße mit den Lastern, die zwar respektvoll Abstand hielten, aber trotzdem sehr laut und mächtig an uns vorbeirumpelten. Mittlerweile hatten wir entdeckt, dass es in dem Hof jeder Moschee Bänke im Schatten gab und uns bei dem katalanisch-französische Paar mit viel Türkeierfahrung noch einmal vergewissert, dass es völlig in Ordnung ist, wenn wir dort rasten und unsere Brote essen. So hielten wir es auch an diesem Tag bei unserer Rast. Die Männer, die gerade vom Muezzin zum Gebet gerufen wurden, grüßten uns freundlich und einer schauten auch noch in unsere Box, was wir zu Essen dabei hatten (Kartoffeln und Bohnen vom Vortag) und schien positiv überrascht zu sein. Tilmann kaufte zwei Kaltgetränke im nächstgelegenen Laden, hatte dabei aber den Eindruck, übers Ohr gehauen zu werden, da die Cola bisher immer wesentlich günstiger war (in der Regel 6 Lira). So diskutierte er mit der Ladenbesitzerin über den Preis und bekam einen Nachlass. Als wir schon einige Minuten bei unserem Vesper saßen, kam der Sohn der Ladenbesitzerin zur Moschee rüber gelaufen. Wir wunderten uns und Tilmann sagte scherzhaft: „Der wird uns jetzt verprügeln, weil ich nicht den vollen Preis bezahlen wollte“, da holte der junge Mann eine Packung Kekse hinter seinem Rücken hervor und schenkte sie uns. Etwas verdutzt, aber fröhlich, nahmen wir das Geschenk dankend an.

Je näher wir an Istanbul ran kamen, desto deutlicher wurde, wie sehr die Stadt immer weiter wächst. Bereits weit vor der Stadt reihte sich eine Neubausiedlung an die nächste, viele neue Wohnblocks waren gerade im Bau. Die Straßen, die daran vorbeiführten waren noch nicht geteert, aber auch noch nicht befahren und so nährten wir uns der Stadt auf diesen Bauzuwegungen, die über einen Höhenkamm führten und die riesige Stadt in ihrem Ausmaß erahnen ließen: Wir blickten den Horizont entlang und konnten kein Ende erkennen. Am 53. Tag unserer Reise, dem 25. Mai 2022 hatten wir unser erstes Etappenziel erreicht!

Kurz hielten wir inne und stürzten uns dann bergabwärts hinein in das Getümmel: 30 Kilometer ging es jetzt abwechselnd bergauf bergab, auf der Autobahn oder durch schmale Gassen, durch tosenden Verkehr und Gewimmeln von Menschen. Zu allem Überfluss entschieden wir uns kurz vor unserem Ziel noch einem Schild zum nächsten Decathlon zu folgen, um für Tilmann eine neue Luftmatratze ohne Löcher zu besorgen, sahen aber nicht, dass wir dafür nochmal ordentlich den Berg hoch mussten, um bei einer monströsen Mall mit angeschlossenem Vergnügungspark zu landen. Die Fahrräder hatten wir ordnungsgemäß im Parkhaus abzustellen und für den Zutritt zur Verkaufsfläche war die Passage eines Metalldetektors erforderlich (wir sollten später erfahren, dass dies in der Türkei in vielen Einrichtungen üblich ist). Das Gedudel in der Mall gab uns dann den Rest und wir machten uns nach dem erfolgreichen Erwerb der neuen Schlafunterlage schnell auf den Weg zu unserer heutigen Unterkunft, nicht ohne noch ein paar Steigungen und ein paar Abstecher auf der Autobahn mitzunehmen. Sehr ermattet kamen wir kurz vor unserem Ziel an: Wir hatten kurzfristig über warmshowers.org noch einen privaten Host gefunden, der seine Wohnlage als „zentral“ beschrieb. Das Viertel Sütlüce im Stadtteil Beyoğlu ist gemessen an den gigantischen Ausmaßen der Stadt zwar tatsächlich zentral gelegen, von den touristisch interessanten Zentren dennoch noch einige Kilometer entfernt.

Zum Glück wollten wir sowieso nicht gleich losziehen zum Sightseeing und freuten uns stattdessen auf eine Duschen und einen ruhigen Abend; das Ziel war nun laut Karte nur noch zweimal ums Eck. Als wir jedoch an die erste Ecke kamen, fielen uns fast die Augen aus dem Kopf: Wir hatten auf unserer ganzen Reise, ach was im ganzen Leben, noch keine so steile Straße gesehen. Es war – und das ist tatsächlich keine Übertreibung – fast nicht möglich, diese einfach hochzulaufen; an einigen Stellen rutschten die Schuhe auf dem Asphalt wieder ein Stückchen bergab. Wir mussten also jedes Fahrrad jeweils gemeinsam hochschieben, was uns mit letzter Kraft so gerade eben gelang. Auf dem ersten Plateau angekommen ging es gerade so weiter zu dem Haus, wo Ahmet und Edda wohnten. Wir waren fassungslos und jetzt völlig mit den Nerven am Ende. Telefonisch ließen wir uns noch einmal versichern, dass wir auch richtig sind, bevor wir uns weiter an diesen Stadt-Klippen bewegten. Als wir es schließlich geschafft hatten, amüsierte sich Ahmet über unsere Fassungslosigkeit ob der steilen Straße, war aber auch der Meinung, dass es die steilste Straße in ganz Istanbul sei. Das frischvermählte Paar Ahmet und Edda wohnen hier in einer komplett neu eingerichteten Neubauwohnung mit Blick aufs Goldene Horn. So pickobello sauber hatten wir seit langem kein Badezimmer gesehen (in allen Hotels auf unserer Reise haben wir Haare der vorherigen Gäste vorgefunden) und die beiden gaben sich sehr viel Mühe uns ein veganes Abendessen zu kochen, dass ihnen, obwohl sie behaupteten damit Schwierigkeiten zu haben, sehr gut gelang. Wir tauschten uns nur mit Ahmet über türkische und deutsche Gepflogenheiten aus, da Edda leider kein Englisch spricht und unsere bis dahin erlernten Brocken Türkisch natürlich keineswegs eine echte Unterhaltung ermöglichten.

In diesem Viertel, wo sich kein Tourist hin verirrte, bekamen wir einen Einblick in das ganz normale Leben in Istanbul, indem wir am nächsten Tag den Markt besuchten. Neben „Büroarbeit“ bereiteten wir eine Linsensuppe und Pfannkuchen für das Abendessen vor, um unseren Gastgebern so gut es ging auch einen Einblick in die deutsche Küche zu bieten. Das Viertel war ein Paradebeispiel für Gentrifizierung. Aber nicht in dem gleichen Sinne, wie dies häufig in Deutschland diskutiert wird. Hier im inneren Kern von Istanbul waren noch eingeschossige sehr einfache Häuser mit winzigen Gärten mit ein paar Gemüsesorten im Anbau und ein paar Hühnern für den Eigenbedarf. Daneben ragten mehrgeschossige moderne (aber billig zusammengeklebte) Wohnblocks in die Höhe. Gegenüber des Hauses von Ahmet wurde gerade solch eine neue Wohneinheit gebaut. Er erklärte uns, dass die Immobilienfirma auch die benachbarten Grundstücke, auf denen noch die kleinen Häuser standen, bebauen wolle. Man kann sich vorstellen, wie es hier vor ein paar Jahren aussah und wie es hier in ein paar Jahren aussehen wird. Ein Viertel im Wandel, eine Stadt die immer mehr Menschen aufnimmt. Bei den ganzen Bauaktivitäten im Inneren und sich nach Außen ausdehnend werden offensichtlich keinerlei Grünflächen mitgedacht, bekanntlicherweise steht auch die Wasserversorgung kurz vor dem Kollaps. Das Viertel war außerdem sehr konservativ, wie uns Ahmet erklärt und was wir daran bemerkten, dass in der näheren Umgebung kein Bars, oder Restaurants, keine Läden, die Alkohol verkaufen oder Cafés, in denen auch Frauen sitzen, zu finden war. Rund um die dortige Moschee konnte man nur die üblichen Teetrinker entdecken.

Dieses Bild von Istanbul wurde am nächsten Tag, als wir uns in die Innenstadt wagten, komplett auf den Kopf gestellt. Wir bezogen ein Hotel mitten in dem Ausgehviertel Galata rund um den Galata-Turm und hier findet man alles und noch viel mehr, was ein Touristenherz begehrt und für Geld zu haben ist: Essen aller Art, Kneipen, Clubs, Klamotten- und Souvenirgeschäfte, die bis spät in die Nacht geöffnet haben, fliegende Händler mit Süßigkeiten, Rosen oder Plastikschrott. Mit „Hello, my friend“ wird um die Besucher*innen gebuhlt. Die Stadt platzt aus allen Nähten, überall wuseln Touristen und diejenige, die etwas an diese verkaufen wollen durcheinander. Am Vormittag war es noch verhältnismäßig ruhig und so machten wir uns zu Fuß auf den Weg nach Eminönü, um die Hagia Sofia und die Sultan Ahmet Moschee zu bestaunen. Auf dem Rückweg am Nachmittag nach Galata gab es dann kaum noch ein durchkommen mehr und man musste sich an die Geschwindigkeit der Masse anpassen.

Am Abend dreht die Stadt dann erst so richtig auf und wir ließen es uns auch nicht nehmen die Bars und Clubs zu erkunden. Hier trafen wir uns mal wieder mit Kathrin, die, da sie keinen Zwischenstopp in Lüleburgaz eingelegt hatte, bereits einen Tag vor uns in Istanbul angekommen war. Max (aus Leipzig/Lüleburgaz) gesellte sich auch noch zu uns und präsentierte seine am selben Tag frisch gestochenen Tattoos. Lustigerweise bemerkten wir erst am zweiten Abend, dass sich ausgerechnet auf dem Dach unseres Hotels eine beliebte Roof-Top-Bar befand, von der aus wir bei Cocktails auf die Hagia Sophia und die Sultan Ahmet Moschee blicken konnten. Auch der Club der zwei Häuser weiter lag, begeisterte uns gleich mit seinen harten Drum ‚n Base und Neurofunk Bässen, die anscheinend von den sonstigen Touristen nicht bevorzugt wurden, dafür aber ein paar wenige Einheimische anlockte. Jedenfalls hatten wir genug Platz, um zu tanzen und freuten uns über den Freiraum, den wir hier zum herumzappeln hatten. Doch schon nach kurzem Aufenthalt ging die Musik aus und die Lichter an, es begann eine Diskussion zwischen Publikum und dem DJ, die wir nicht verstanden und nach 5 Minuten wurden wir alle rausgeschmissen. Draußen erklärte uns ein Istanbuler Stammgast unter sonderbarem Einsatz seines Unterkiefers, dass die Zivilpolizei die Party beendet habe. So ganz glauben konnten wir das nicht, es blieb uns aber nichts anders übrig, als uns eine andere Bar auszusuchen, von denen es hier wie Sand am Meer gab. Uns überzeugte schließlich eine Kellerkneipe, aus der gerade ein junger Türkei seinen Kopf streckte und uns zu rief: „Come in, Happy Hour“, was gelogen war, aber seine fröhliche Stimmung und die der Feiernden hinter ihm, wirkten sehr einladend. Schnell fühlten wir uns als Teil der kleinen Party-Crowd und wurden erst recht in ihr türkisches Herz aufgenommen, als wir uns von Summer Cem „Tamam, Tamam“ wünschten.

Nach nur wenigen Stunden Schlaf, einem Nescafé und Müsli räumten wir unser geräumiges Hotelzimmer im europäischen Teil von Istanbul. Wir wollten jetzt endlich diesen Kontinent verlassen und begaben uns auf die Suche nach der richtigen Fähre nach Kadiköy. Im Gedränge wurden wir mit unseren Fahrrädern von den anderen Passagieren auf die Fähre gedrückt, wobei wir fast umfielen, dann aber in aller Ruhe, die Überfahrt über den Bosporus genießen, noch einmal vom Wasser aus die bekannten Sehenswürdigkeiten bestaunen konnten und Europa zum Abschied zuwinkten. In Kadiköy setzen wir unsere 4 Füße und 4 Räder auf den asiatischen Kontinent, den wir nun für eine Weile nicht mehr verlassen wollen.

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14 Gedanken zu “kontinentenwechsel 🇹🇷

  1. Kinder esst, ihr werdet ja immer dünner. Und bitte keinen Hund und/oder Katze mitbringen, und wenn sie noch so süß und mitleiderregend hochschauen.

      1. Wenn man sie Kette kaut decken sie etwa 10 % der empfohlenen täglichen Kalorienzufuhr für körperlich inaktive Menschen.

  2. Meine Tochter Janka (7) kommt dazu, als ich mir eure Fotos aus Istanbul anschaue. Ihr Kommentar: „Das ist jedenfalls nicht Langeoog.“
    🙂

  3. Ihr macht ja was mit!
    Bin gespannt, ob die Kurden und Iraner auch schon Smombies geworden sind.
    Übrigens war ich heute bei einem türkischen Friseur. Er ist der beste, der mich je frisierte. Der hat aber erstmal krass über die arabische Konkurrenz abgelästert, hatte damit aber nicht ganz unrecht. Gut, das ist jetzt nicht so interessant wie Euer Reisebericht…

    1. Nun, gar nicht mal so uninteressant. Tilmann muss nämlich schon seit Wochen zum Frisör, kann sich aber nicht durchringen. Deine Geschichte spricht jedenfalls sehr dafür es noch in der Türkei durchzuziehen.

  4. Was für schöne vielseitige Berichte. Neulich habe ich etwas über ein Monster gelernt, jetzt etwas über die TA Luft! 🙂

      1. Habe ich was falsches gesagt? 🥺

        Natürlich lerne ich auch viel über Hunde, Katzen, Menschen in anderen Ländern, über Euch und über die Menschlichkeit aller genannten. Aber das war ja ohnehin schon offensichtlich, oder?

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