bikes & bunkers 🇦🇱

Tag 33 bis 38 (5.05. bis 10.05.22)
Distanz: 286 km (∑
2.670 km)
Höchster Punkt: 1.050 m
Tiefster Punkt: 30 m
Rauf: 3.130 m
Runter: 2.550 m

An der Grenze zwischen Montenegro und Albanien hatte sich eine lange Autoschlange gebildet, die hauptsächlich aus schwarzen BMWs und Mercedes mit kosovarischen Kennzeichen, vollbesetzt mit jungen Männern, bestand. Offenbar hatten diese auch alle miteinander zu tun, zumindest wurde sich während des Wartens rege ausgetauscht. Wir drängelten uns vorbei, indem wir uns zu einem geländegängig getunten T3 aus Ravensburger vormogelten und die Solidarität unter Abenteurern ausnutzten. Kurz nach der Grenze steuerten wir die eco-social farm an, die wir über warmshowers entdeckt hatten. Der Besitzer hält Schafe und arbeitet an einem Aufforstungsprojekt gemeinsam mit behinderten Menschen. Zusätzlich bietet er gegen Spende (die keine Spende ist, da sie ja mit einer Gegenleistung verbunden ist) ein paar einfache Zimmer an.

Die Farm ist an einem ruhigen Fleckchen am Hügel gelegen, mehrere Hunde und Katzen dösten in der Sonne, als wir ankamen. Zwei weitere Pärchen aus den Niederladen und aus Frankreich, die sich gerade auf Weltreise befanden, waren ebenfalls dort abgestiegen: Die einen reisen mit ihrem eigenen Bus, die anderen per Anhalter und öffentlichen Verkehrsmitteln (wobei sie am liebsten nach Südamerika segeln würden, warum sie dazu nun gerade in Albanien starteten, wurde uns nicht ganz klar). Martini, der sich um die Gäste der Farm kümmert, kommt aus Argentinien und ist hier vor einen knappen Jahr einfach hängen geblieben.

Am nächsten Morgen fuhren wir nach Shkoder, nachdem wir an der Buna (Grenzfluss zwischen Albanien und Montenegro) den ersten ans Orientalische erinnernden Kitsch bewundert hatten (Hotel im Stile einer alten Burg gegenüber von einem Hotel mit steigenden goldenen Pferden auf dem Dach). Und tatsächlich – wie uns Martini versprochen hatte – präsentierte sich die Stadt als Fahrrad-Paradies. Wir hatten seit langem (vermutlich seit der letzten critical mass in Wiesbaden) nicht mehr so viele Fahrradfahrer*innen auf einmal gesehen und fühlten uns direkt pudelwohl. Obwohl reger Verkehr herrschte und es keine einzige Ampel in der Stadt gibt, kann man hier sehr entspannt fahren. Alle fahren zwar kreuz und quer und beachten keine Regeln, allerdings achten alle aufeinander und so fügt sich der Verkehr geschmeidig ineinander. Von einer rasanten Fahrweise muss man als Auto- und ebenso als Fahrradfahrer*in allerdings Abstand nehmen und sich in das gemütliche Gemeinschaftstempo einfügen. Es scheint so, als ob in der Stadt ein Experiment läuft, das beweisen soll, dass § 1 der deutschen StVO ausreicht (es herrschen also strenggenommen nicht keine, sondern nur die einzig notwendige Regel) . Die Hypothese scheint sich zu bestätigen. Auch als wir Albaniens Fahrradstadt verließen, stellten wir fest, dass Autofahrer*innen in diesem Land viel respektvoller mit Radfahrer*innen umgehen und mit angemessenem Abstand überholen. Außerdem winkten und grüßten uns viele Menschen am Straßenrand. Wir fühlten uns willkommen!

Die Landschaft zwischen Shkoder und Tirana, welche durch die Küstenebene geprägt wird, wurde allerdings etwas langweilig. Interessanter als die Landschaft waren die vielen in die Jahre gekommenen Baustrukturen, die wie Bunker anmuteten, von denen einige aber erstaunlich klein, kaum zwei Meter im Durchmesser waren. Dass es sich tatsächlich um Bunker handelte sollten wir erst am nächsten Tag in Tirana erfahren. Für die Übernachtung steuerten wir noch einmal das Meer an, waren aber überrascht über die Hässlichkeit, die sich uns dort zeigte: Der lange öde Strand mit grauem Sand und ein paar Mülltüten darauf, wurde gesäumt von ein paar verlassenen Strandkneipen (wir waren uns nicht sicher, ob die Saison noch nicht gestartet hatte oder diese vielleicht auch schon ganz aufgegeben waren), von denen wir eine nutzten, um dort zu kochen und unser Zelt aufzustellen. Abermals interessanters al der Strand war eine größere militärische Anlage, die wir als Geschütztürme und ebenfalls Bunker einordneten und in unserer Unwissenheit annahmen, sie würden aus dem zweiten Weltkrieg stammen. Leider wollte auch die Sonne unseren Strandabend nicht aufhübschen und entschied sich nicht im Meer zu versinken, sondern nur hinter einem über dem Horizont hängenden Wolkenband. Trotz der Tristes, die sich uns bot, waren wir guten Mutes, auch weil wir von dem Land bisher insgesamt sehr positiv überrascht waren.

Der nächste Tag sollte uns in die Hauptstadt Tirana führen. Auf dem Weg dorthin – der landschaftlich erneut nicht wirklich interessant war – kreuzten zwei andere Bikepacker unseren Weg und wir schlugen vor einen gemeinsamen Kaffee trinken zu gehen, um uns auszutauschen. Das Paar aus den Niederlanden war in Spanien gestartet und bereits seit drei Monaten unterwegs. Dass die beiden gut gelaunt waren und bisher keine ernsthaften Schäden an ihren Rädern hatten, stimmte uns optimistisch. Als wir dort im Café saßen, kam ein weiterer Radreisender vorbeigefahren, der sich auch noch kurz zu unserer Runde gesellte. Wir sind also nicht mehr die einzigen komischen Vögel auf der Straße, stellten wir fest.

Wir waren gespannt auf Tirana und wollten ein paar Tage hier verbringen, um zu entspannen und die Stadt in aller Ruhe zu erkunden. Für 80 Euro bekamen wir nach einer unterm Strich relativ entspannten Einfahrt in die Stadt (bei der wir eine etwas fadenscheinige Hängebrücke überqueren mussten) ein komfortables Appartement in der Innenstadt für drei Nächte, in das uns der Sohn der Managerin, ein professioneller U-19 Fußballspieler, der demnächst zum FC Basel wechseln soll, Einlass gewährte. Vom Balkon im 9. Stock hatten wir einen schönen Ausblick auf das Zentrale Bergland, das sich an die westliche Flanke der Stadt schmiegt.

Der erste Eindruck von Tirana war eher ernüchternd, zunächst bekamen wir den Charakter der Stadt nicht richtig zu fassen. Bemerkenswert ist, dass es keine wirkliche Altstadt gibt, allerdings sind die schmucklosen Betonklötze aus denen die Stadt hauptsächlich besteht dennoch so wild durcheinander gewürfelt, dass es sich in den engen Gassen zwischen ihnen schon ein bisschen anfühlt wie etwa in Marrakesch.

Unser Versuch in Tirana auszugehen war ebenfalls ernüchternd: Der einzige Club, der anscheinend Corona überlebt hatte, ist eine Art Großraumdisko, in die sehr junge Mädels in Highheels begleitet von jungen Männern mit Kunstlederjacken von drei bulligen Türstehern eingelassen wurden. Wir rechneten uns wenig Erfolg aus, mit unseren Funktionsklamotten Einlass zu bekommen, verspürten aber auch wenig Lust. Wir gesellten uns also auf den Skanderbeg-Platz, der das Herz der Stadt bildet. Dort fand ein zehntägiges Frühlingsfest statt, bei dem auf einer Hauptbühne albanische Pop-Künstler auftraten und auf einer Nebenbühne legte ein DJ auf. Auf beiden Bühnen wurde die Musik viel zu laut abgespielt und überlagerte sich außerdem. Die Stimmung war eher verhalten und das angepriesene Streetfood erwies sich als Bratwurstbuden, die sämtlich die selben, uninspirierte gegrillten Fleischberge aus Wurst und Frikadellen im Angebot hatten.

Die kommenden beiden Tage erkundeten wir die Stadt zu Fuß und mit dem Fahrrad und wurden allmählich mit ihr warm. Das Gassengewusel, in dem in einem schäbigen Hinterhof oder auch in einem Souterrain-Geschoss plötzlich ein gepflegtes Restaurant oder ein gemütliches Café überrascht, haben ihren Charme. Ohnehin reiht sich quer über die ganze Stadt, teilweise bis zu ihren Rändern Café an Bistro an Café an Restaurant. Ihren Espresso trinken die Hauptstädter (ja, es sind hauptsächlich Männer in den Cafés) gerne in Gesellschaft.

(Teilweise) Sehenswert sind auch die beiden in ehemaligen Bunkern eingerichteten Museen Bunkart 1 und 2. Zwar täuscht der Namensteil „art“ etwas, denn es wird hauptsächlich über die Geschichte Albaniens seit seiner Gründung 1913 informiert, aber ein wenig Kunst ist hier und da auch eingestreut. Wirklich bemerkenswert sind aber die gigantischen Bunkeranlagen selbst. Ganz Albanien ist mit Bunkern übersät, die zwischen 1972 und 1984 unter der Herrschaft des Diktators Enver Hoxha im sozialistischen Albanien erbaut wurden. Die Bunker sollten der Verteidigung des Landes im Falle einer Invasion durch ausländische Truppen bzw. einem Atomkrieg dienen. Insgesamt wurden von den geplanten 221.143 Anlagen etwa 173.371 errichtet. Tatsächlich wurden auch Kleinstbunker für einen Soldaten errichtet, beim Bunkart 1 handelt es sich jedoch um eine gigantische Anlage mit mehreren Ebenen, die große Truppenteile und die Führer des Landes hätte beherbergen können.

Der Verkehr in Tirana ist eigentlich ganz angenehm, wenn man sich erst einmal an ihn gewöhnt hat. Zwar nicht ganz so entspannt wie in Shkoder, dass ja ohne eine einzige Ampel auskommt, aber immer noch entspannt genug, dass man sich nicht wirklich aufregen muss. Irgendwann hat man auch verinnerlicht, dass man man nicht auf rechts vor links bestehen braucht, sondern einfach fahren sollte, wenn man meint, dass man nun genug gewartet hat. Man erntet überwiegend Verständnis und Akzeptanz für die eigene Interpretation der Verkehrsordnung. Obwohl die Zebrastreifen hier bunt sind, wird ihnen keine besondere Beachtung geschenkt. Auch hier gilt: Einfach loslaufen, überfahren wird keiner.

Wir erlebten in Tirana einen unverhofften Glücksmoment, als uns nach zweieinhalb Tagen im Land ein Umrechnungsfehler beim Wechselkurs auffiel. 120 Lek sind ca. 1 Euro, also sind 80 ct ca. 100 Lek. Durch nachlässige Recherche waren wir davon ausgegangen, dass 1 Euro (100 ct) 80 Lek sind. So waren wir zunächst sehr verwundert über die Preise im Supermarkt und vollends empört, als wir den Bierpreis von 450 Lek am ersten Abend in Tirana (auch wenn es ein Heinecken in einer Schicki-Micki-Bar war) fälschlicherweise auf 5,60 Euro umrechneten und nicht auf die korrekten 3,70 Euro. Albanien sollte doch das preiswerteste Urlaubsland Europas sein. Der Irrtum war zwar etwas peinlich, bescherte uns dann aber auch etwas Freude. Nach zweieinhalb Tagen hatten wir Tirana doch irgendwie schätzen gelernt und gehen davon aus, dass es sich vielleicht noch ein wenig von seiner Corona-Erkrankung erholen muss. Es braucht aber zweifellos etwas Zeit mit der Stadt warm zu werden.

Am 9. Mai war dann aber dringend ein Ende des Lotterlebens nötig und wir brachen Richtung Zentrales Bergland auf nach Ost-Albanien um von dort nach Nordmazedonien zu gelangen. Uns war zwar klar, dass nun wieder eine ernsthafte Bergetappe anstand, allerdings hatten wir nicht damit gerechnet, was sich dahinter tatsächlich verbergen sollte. Bereits innerhalb von Tirana kam die erste Steigung, dann aber ging es bald ins Tal des Lumi/Ezernit hinab und ab dort dem Flusslauf folgend über etwa 8 km immer wieder gemächlich bergauf und bergab. Uns fiel auf, dass die Menschen östlich von Tirana nicht mehr ganz so zugewandt waren wie in der Küstenebene. Gelegentlich wurden wir trotzdem freundlich gegrüßt, insgesamt aber seltener und nicht mehr so überschwänglich. Bald ragten bewaldete Berge auf, die wie gigantische Wellen anmuteten. In Erinnerung an die bosnischen Pyramiden fragten wir uns, ob vielleicht ein albanisch-arabischer Medienmogul behauptete es handele sich um versteinerte Wellen der Sintflut. In jedem Ort herrschte reges Leben: Überall gab es Café Bars, in der einige Männer bei Espresso beieinander saßen, Kinder gingen von der Schule nachhause und schauten überrascht, als wir vorbei fuhren. Mit Verlassen des Flusstals ging es dann sogleich die ersten etwa 200 Höhenmeter bergauf.

Wir lesen gerade das Buch Nala’s World von Dean Nicholson, das uns Tilmanns Mutter mit auf die Reise gegeben hat, in dem der Autor von seiner Fahrradweltreise berichtet, auf der er an der Grenze zwischen Bosnien und Montenegro ein Kätzchen aufgenommen hat, dass er später Nala taufen sollte. Mit der Katze in Begleitung als Unique Selling Point ging sein Instagram-Account durch die Decke und wahrscheinlich verkauft sich auch sein Buch ziemlich gut. Scherzhaft fragen wir uns daher, wann uns endlich eine streunende Katze oder ein einsamer Welpe zuläuft, einige Male schien es schon fast so weit zu sein. Kaum waren wir die ersten Meter den Anstieg hinaufgeklettert hörten wir ein durchdringendes impulshaftes Quiken, dass erst nach einigen Augenblicken als jämmerliches Winseln eines jungen Hundes identifizierbar war. Tilmann dachte sich „OK, jetzt ist es so weit!“, hielt an und zog aus einer Abwasserrinne neben der Straße einen komplett durchnässten Welpen. Der Kleine war in die Wasserrinne abgestürzt und nicht mehr selbst herausgekommen. Nach einer kurzen Sondierung der Lage erkannten wir jedoch dass der Tollpatsch nicht alleine war und seine Familie nicht weit entfernt in der Sonne döste. Tilmann setzte ihn in der Nähe der Hundemutter und seinen Geschwistern ab und er tapste etwas belämmert aber augenscheinlich unverletzt hinter den anderen Hunden her, die aufgrund der Annäherung des zweibeinigen Störenfrieds bereits Reißaus in den nächsten Hinterhof genommen hatten. Wir freuten uns über die gute Tat für diesen Tag.

Nach einer kurzen Zwischenabfahrt und einer Pause, stand uns der nächste Anstieg bevor. Tilmann hatte heute erstmalig seine klein Bluetooth-Box während der Fahrt am Lenker montiert und wir ließen uns von dem 40-Jahre-Deutschrap-Best-Of, das Tilmanns Bruder vor einigen Monaten zusammengestellt hatte (genau die richtige Mischung aus den objektiven Meilensteinen und einer klaren persönlichen Note) berieseln. Zu den Beats von Sektor-West Büdchengang fühlten wir uns bei strahlendem Sonnenschein zwar wie Sunnyboys wie Icarus, stellten aber dennoch fest, dass das nicht der richtige Sound war um uns einen den Berg hinauf zu pushen und wechselten zu einem Breakbeart-Mix von JJMillion. Der Weg wurde steinig und beschwerlich, dafür wurden wir mit einem letzten Blick auf Tirana aus der Ferne belohnt. Auf halbem Weg nach oben stießen wir dann auf eine andere Radreisende, der die Lust am Strampeln bereits vergangen war und ihr Fahrrad die schwierige Passage hinaufschob. Es stellte sich heraus, dass es auch Deutsche war, die am gleichen Tag wie wir in Deutschland losgefahren war und auch weiterreisen will in den Iran (und noch weiter). Ihre Limburger Herkunft weckte in Tilmann zwar kurzzeitig böse Erinnerungen an schwierige Zeiten im Büro, aber da wir einander sympathisch waren, gab es keinen Grund für diplomatische Verstimmungen. Wir tauschten uns über unsere bisherige Reise aus und so erfuhren wir, dass Kathrin zwar mit zwei anderen aufgebrochen, der erste Mitstreiter aber bereits nach drei Tagen ausgestiegen und sie nun seit Dubrovnik ganz alleine unterwegs war. Anstatt in der brütenden Mittagssonne zu stehen, entschieden wir gemeinsam weiter zu radeln. Zu diesem Zeitpunkt war uns noch nicht klar, dass man das, was uns nun bevor stand, jedoch kaum radeln nennen konnte. Auf dem 650 m hohen Pass angekommen, freuten wir uns auf die Abfahrt, doch erlebten stattdessen die schlimmste Piste und damit strapaziöseste Passage unserer bisherigen Tour. Der Weg bestand aus riesigen Steinen (fast schon Felsen), deren Zwischenräume mit losem Schotter gefüllt waren.

Tilmann bretterte in seiner üblichen Manier ohne Angst (nur um die Abnutzung seiner Bremsen) den Steinweg hinunter, Julia versuchte Schritt zu halten (erfolglos) und unsere neue Bekanntschaft Kathrin war auch bald nicht mehr zu sehen. Jeder auf sich gestellt versuchte diesen Horrorweg hinter sich zu bringen. Tilmann verpasst den von komoot empfohlenen Abzweig, was sein Glück war, denn Julia nahm ihn und fand sich bald vor einem Abhang wieder auf dem kein Weg mehr identifizierbar war. Wieder umzukehren wäre allerdings sehr weit gewesen, deshalb schob sie durch diesen Canyon ihr Patria hinunter. Hier oder etwas früher musste es geschehen sein, dass das Schaltauge auf einem Stein aufsaß, dabei verbogen wurde und nun leicht an den Speichen schleifte. Julia bog es wieder zurück, in der Hoffnung, dass kein schlimmerer Schaden davongetragen wurde. Nach dieser provisorischen Reparatur blickt sie sich um sich. Tilmann war nicht zu sehen, doch oben am Canyon tauchte jetzt Kathrin auf. Gemeinsam fuhren sie weiter, in der Hoffnung, bald Asphalt zu sehen – das sollte aber noch sehr lang dauern.

Derweil hatte Tilmann seinen Irrtum bemerkt, dachte aber auch nicht ans Umkehren und folgte einem Weg, der ihn wieder auf die Originalroute bringen sollte. Als er die Stelle erreicht hatte, an der beide Wege zusammenführten, konnte er sich jedoch nicht sicher sein, ob Julia und Kathrin ihn in der Zwischenzeit, sofern sie den eigentlich vorgesehenen Weg genommen hatten, nicht überholt hatten. Daher entschied er sich bis in das nächste Café mit WiFi weiterzufahren, um dort entweder auf die beiden zu treffen oder ihnen Nachrichten schreiben zu können. Nach einer Weile weiterhin katastrophalen Weges erreichte er eine kleine Siedlung und gleich das erste Haus war tatsächlich (gar nicht mal so überraschend) ein Café. Bei einer Cola schlug er Julia per Signal einen Treffpunkt im ca. 16 km entfernten Elbasan vor und kündigte an in einer halben Stunde weiterzufahren. Da die Nachrichten aber nicht ankamen, erhärtete sich sein Verdacht nicht überholt worden zu sein und so wartete er noch weitere 10 Minuten.

Um ca. 15:20 Uhr erreichte auch Julia die Ortschaft und entdeckte einigermaßen erleichtert Tilmanns Fahrrad vor dem Café. Nach der glücklichen Wiedervereinigung, dem Warten auf die Ankunft von Kathrin (die zu allem Überfluss auch noch gestürzt war) und einer stärkenden Cola ging es weiter – auf sandigen Wegen übersät mit Schlaglöchern. Im Tal des Kushja (die am Ende des Tals in den Shkumbini mündet), durch das wir nun unterwegs waren, gab es nur diesen Holperweg und eine Autobahn – wie wir später erfuhren, nehmen einige Radfahrer*innen auch die Autobahn. Die Navigation wollte uns als nächstes durch ein Flussbett führen. Das Wasser war zwar nicht so tief, wir entschieden uns dann aber doch die paar Meter zurück zur Brücke zu fahren. Wir bewegten uns nur langsam vorwärts und kamen erst am Nachmittag in Elbasan an, das am Shkumbini und damit an einer der wichtigsten antiken Handelsstraßen des Balkans, die Via Egnatia, liegt. Eigentlich hatten wir eingeplant an diesem Tag mehr zu schaffen, aber die Ereignisse des Tages hatten unsere Pläne durchkreuzt. Als ein Regenschauer über uns hereinbrach, entscheiden wir uns zunächst in Elbasan ein kräftigendes Börek im Café zu essen und dann noch im nächstgelegenen Big Market einige Einkäufe zu erledigen.

Kathrin hatte uns gesagt, dass sie den Campingplatz Fridolin als Tagesziel ansteuert und wir entschieden uns nun auch dorthin zu gehen, sofern der Platz uns überzeugen würde. Der Platzwart fing uns bereits an der Einfahrt, gelegen hinter einer Kneipe direkt an der Landstraße ein, indem er lebhaft auf uns einredete. Als er den Gesamtpreis von 5 Euro nannte verloren wir jede Motivation uns noch einmal aus seinen Fängen zu befreien, um auf eigene Faust einen eigenen, wahrscheinlich schöneren Schlafplatz zu finden. Den Platz teilten wir uns neben Kathrin und einigen Caravans mit Hühnern und einer Bienen-Megacity. Der Platzwart hatte an alles gedacht, was Camper so benötigen und wies uns auf jedes Detail hin, damit wir auch nicht übersehen, welche Vorzüge seine Einrichtung trotz kleinem Preis so alles bietet. Da diese erst in die zweite Saison startete, schien er offenbar davon überzeugt zu sein, noch viel Akquise betreiben zu müssen. Schließlich konnten wir an diesem Abend gemeinsam mit Kathrin in der Campingplatz-Küche kochen, gepflegt an einem Tisch speisen und uns (nachdem der Platzwart endlich aufgehört hatte zu erzählen, dass vor kurzem französische Geländewagenfahrer zum Frühstück Croissants gekauft hatten und dass er demnächst noch zwei weitere Wäschetrockner anschaffen werde) weiter über unsere Reisepläne austauschen.

Am nächsten Tag waren wir früh wach und beschlossen dies zu nutzen, um vor dem angekündigten Gewittern den uns bevorstehenden Qafë Thana, einen Gebirgspass der uns nach Nordmazedonien und den Ohrid-See bringen sollte, zu schaffen. Wir arbeiteten uns also das Shkumbini-Tal hoch, rechts und links stiegen die Hügel empor, in der Ferne konnten wir schneebedeckte Gipfel sehen. Wir mussten den ganzen Tag an der Straße mit regem Verkehr fahren. Parallel zu der Straße verläuft eine alte stillgelegte Eisenbahnlinie. Wir wünschten uns, dies wäre der Radweg (es wäre einer der schönsten im östlichen Albanien ;-)) und überlegten der EU zu schreiben, ob sie dieses Tourismusentwicklungsprojekt nicht finanzieren möchte. Je höher wir kamen desto öder und staubiger wurde es und schließlich verließen wir bei einer schmucklosen Häuseransammlung nahe Qukës den Shkumbini um seinem Zufluss Lingjaca zu folgen, der bald zu einem Rinnsal verkümmerte.

Alle 100 Meter wurde jetzt Lavazh (Autowäsche) angeboten, wir fragten uns, wieso ausgerechnet hier so viel Wert auf die Autopflege gelegt wurde. Als Werbung für eben diesen Service wurden in verschwenderisch anmutender Weise einfach laufenden Wasserschläuche an der Straße aufgestellt. Wir gingen davon aus, dass es sich ohnehin um die Berge herabfließendes Flusswasser handelte, wobei die im Flussbett natürlich trotzdem besser aufgehoben gewesen wäre als im Rinnstein. Kurz vor dem letzten steilen Anstieg, nachdem der Qafë Thana rund um die letzte größere Stadt in Albanien, Përrenjas, noch einmal mehrere Meter von einer Hochebene unterbrochen wird, stiegen wir noch in einem Restaurant an der Straße ab. Wir verhandelten, unter mithilfe eines anderen Gastes, mit dem Wirt, dass wir für unsere verbliebenen 500 Lek ein einfaches Essen und zwei Espresso bekämen. Der aufgeschlossene Unterstützer wechselte einige Worte mit uns, wobei er auf die korrupte Regierung des Landes schimpfte und uns auf das sanftmütige Wesen der Nordmazedonier einschwor. Am Ende wollte er sich noch einmal vergewissern, dass uns der Wirt nicht übers Ohr gehauen hatte (wobei wir so etwas in Albanien nicht ansatzweise erlebt hatten, schon Martini hatte uns auf die große Ehrlichkeit der Menschen hingewiesen).

Anschließend meisterten wir den Aufstieg mit Links und bekamen vor den aller letzten Höhenmetern schon einmal einen spektakulären Blick auf den Ohrid-See geboten. Das Gewitter saß uns zwar im Nacken, holte uns aber glücklicherweise nicht ein und blieb dann hinter dem Berg, den wir nun überwunden hatten. Kurz vor der Grenze stellten wir allerdings fest, dass wir doch noch ca. 150 Lek hatten, die wir ein letztes Mal in Espresso eintauschten und überquerten vollkommen unspektakulär und ohne Vordrängeln, aber mit ein wenig Wehmut, die Grenze nach Nordmazedonien.

Hier könnt ihr unsere bisher zurückgelegte Route ansehen.

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5 Gedanken zu “bikes & bunkers 🇦🇱

  1. Ihr macht das großartig. Landschaft schon interessant. Viel Glück, bleibt gesund und keine Schäden an den Rädern!

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