endlos ist die prärie 🇧🇦

Tag 28 bis 28 (30.04. bis 30.04.22)
Distanz: 107 km (∑
2.180 km)
Höchster Punkt: 440 m
Tiefster Punkt: 30 m
Rauf: 1.180 m
Runter: 1.120 m

Am Morgen des 30. April erwachten wir zwischen Olivenbäumen. Zum Frühstück gab es an diesem Morgen kein Brot, sondern Nudelsalat mit Oliven, die wir allerdings im Supermarkt gekauft hatten und die bestimmt aus Griechenland kamen. Immerhin verfeinerten wir den Nudelsalat mit Kräutern, die wir unterwegs gesammelt hatten (Thymian und Rosmarin). Bereits am Vortag waren uns die bosnische Mark ausgegangen, mit unseren Restdevisen hatten wir uns nur noch Nudeln und kein Brot mehr leisten können und wir hatten entschieden auch keine mehr abzuheben, da wir ja bald das Land verlassen würden – dies sollte jedoch noch länger dauern, als wir an diesem Morgen noch dachten.

Wir folgten weiter dem Lokomotiven-Radweg (Ciro) Richtung Trebinje. Er führte uns zunächst an dem Svitavsko-See entlang, dessen Uferbereich mit Schilf zugewuchert war. Die Gegend wurde verlassener, nur noch vereinzelte Höfe, die kleinräumig Landwirtschaft betrieben. Dann ging es wieder steil bergauf, was in uns die Frage aufwarf wie dieser Höhenunterschied einst von Dampflokomotiven bewältigt worden sein könnte. Es war strahlend-blauer Himmel, aber noch nicht zu heiß und die Straße war kaum befahren, wir kamen gut Voran. Unsere Wasserreserven neigten sich jedoch auch dem Ende entgegen und wir trafen nur noch selten auf Häuser. Nachdem wir den Anstieg hinter uns gebracht hatten wichen wir an einer Kreuzung vom Radweg ab (der allerdings an dieser Stelle auch nicht ausgeschildert war) und folgten mal wieder komoot, was sich als Fehler herausstellte: Die Straße wurde an dieser Stelle neu gemacht, bestand aber momentan nur als spitzen groben Steinen, teilweise war diese Schotterpiste durch tiefe Furchen unterbrochen, durch die wir Schieben mussten. Zum Glück kamen wir durch diesen kurze Stück unbeschadet hindurch und fragten anschließen im nächsten Dorf einen grummelig blickenden Familienvater, ob wir etwas Wasser an seinem Außenhahn zapfen könnten. Er ließ uns gewähren, auch wenn er nicht sehr begeistert schien.

Dass wir uns nun mit Wasser versorgt hatten, war allerdings die richtige Entscheidung, denn als wir um die nächste Ecke bogen, verwandelte sich die Landschaft immer mehr in eine Kulisse aus einem Wildwestern: Karge Hänge, vertrocknete Sträucher, zusammengefallene Steinhäuser, kaum noch Besiedelung und natürlich die alten Eisenbahntrasse, der wir nun weiter folgten. Einen Schattenplatz zu finden, war dort nicht einfach, aber wir konnten uns dann irgendwann doch neben einen Strauch setzen und die Reste unseres Nudelsalates verzehren. Die Grenze war nicht mehr weit und wir malten uns aus, dann sogleich Kuna zu besorgen, uns in ein Café zu setzen und uns außerdem wieder ordentlich mit Lebensmitteln zu versorgen, also konnten wir jetzt ja all unseren Proviant aufbrauchen.

Unser Rastplatz lag über einem großen einzementierten Staubecken, dem künstlich angelegten Vrutak-See, der als Speicherbecken für ein Pumpspeicherkraftwerk genutzt wird. Der See bildet den Beginn des weitläufigen Popovo-Karstfeld (übersetzt „Priesterfeld“), das umschlossen wird von den Dinarischen Alpen. Der Fluss Trebisnjica, der den Vrutak-See speist. schlängelt sich anschließend durch das Popovo-Tal. Um das Absinken des Wassers durch die kleineren Senklöcher im Popovo-Tal zu verhindern, wurde das Flussbett auf einer Länge von 67 km betoniert. Der Ciro-Radweg geht an den Hängen dieses Tals entlang, mit traumhaften Blick in die Ebene. Bei den Orten, die nicht mehr alle bewohnt sind, kann man noch die alten Bahnstationen, die größtenteils verfallen sind, anschauen. Abgesehen von der spektakulären Landschaft, waren die Straßenverhältnisse super und uns begegnete in diesem Abschnitt kein Auto mehr. Mit solchen Radwegen hatten wir auf dem Balkan nicht mehr gerechnet.

Ein paar Kilometer nach unserer Rast kam dann jedoch der Abzweig: Der Radweg führte weiter durch Bosnien, wir konnten jetzt aber abbiegen, um über die Grenze nach Kroatien zu kommen (gemäß komoot gibt es einen Grenzübergang bei Dobri Do). Die Entscheidung war also: Lieber sich baldmöglichst Essen besorgen oder lieber auf diesem tollen Radweg weiterfahren (und erst in 50 Kilometern Geld und Lebensmittel bekommen). Wir entschieden uns für den Radweg! Und waren sehr zufrieden mit dieser Entscheidung, zumindest für die nächsten 30 Kilometer. Das weitläufige Tal wollte gar nicht enden und die Landschaft wurde immer schöner. Zunächst war es etwas eintönige Agrarlandschaft, die jedoch nach und nach einem dichten Wald wich, durchbrochen von Hügeln und Felsen. Kühe lugten zwischen den Bäumen hervor und im Gebüsch raschelten Schlangen (An alle professionellen und Hobby-Biologen: Siehe Foto, wir freuen uns über die Artbestimmung), deren Weg auch häufig unseren Weg kreuzte. Da sie aber mehr Angst hatten vor uns, als wir vor ihnen, machten wir uns um ihretwegen keine Sorgen. Etwas furchteinflösender waren die Schilder mit Totenköpfen und der Aufschrift „Paznja! Zabranjen Prolaz!“ – „Beachtung! Verbotener Durchgang! Das Betreten dieses minengefährdeten Gebiets ist eine Straftat.“, die teilweise den Wegesrand säumten. Auch ohne Strafandrohung hätten wir diese Gebiete nicht betreten wollen.

Die alten Gemäuer der kleinen Bauernhöfe, alten Bahnstationen und kleinen Kirchen erinnerten uns wieder an alte Winnetou-Filme, wir ritten auf unseren Drahteseln an ihnen vorbei und langsam aber sicher begann uns der Hunger zu quälen. Ungeachtet dessen, dass wir kein Geld hatten und uns sowieso nur mit Glück per Kreditkarte etwas hätten kaufen konnten, gab es weit und breit auch keinen Laden mehr. Wir kamen nur an zwei sehr feinen Restaurants vorbei (die vollkommen unvermittelt aus dem Nichts in die Landschaft gepflanzt worden zu sein schienen), in denen Kellner mit weißem Hemd und Weste bedienten, was so gar nicht in die Szenerie passen wollte. Wir verzichteten jedoch auf den Versuch dort mit Master-Card einzukehren, sondern zogen es vor, uns selbst einen Kaffee mit viel Zucker zu kochen, davon hatten wir jedenfalls noch genug.

Die Begeisterung über die Landschaft half uns den Hunger zu ignorieren. Als wir jedoch in einem Dorf eine fröhliche Runde vor ihrem Haus sitzend kaffeetrinkend sahen, hielten wir an, um zu fragen, ob sie uns nicht ein Brot verkaufen könnten (für kroatische Kuna, der Grenzübergang in Ivanica war nun, für Autofahrer*innen in greifbarer Nähe). Doch die zwar sehr freundliche Damen ging nicht darauf ein, sondern riet uns zum nächsten Laden in 11 Kilometern aufzusuchen. Wir plauderten trotzdem noch kurz mit ihr, als wir die Schönheit der Landschaft lobten, stimmte sie uns zwar zu, stellte aber klar, dass es in ihrem Dorf nicht mehr so sei, wie vor dem Krieg. Als wir um die nächste Ecke bogen, wurde uns klar, warum sie dies so deutlich betont hatte. Der Ort war Größtenteils noch immer zerstört und nur wenige Häuser bewohnt.

Ein Stück hinter dem Ort legten wir schließlich an einem dieser zerfallenen Häuser noch eine Rast ein, Julia sammelte Brombeerblätter, Salbei, Thymian und Rosmarin und Tilmann kochte daraus (ergänzt mit Margarine, Senf, Chillisoße und Salz) eine aufbauende Kraftbrühe. Nun standen uns wirklich nur noch wenige Kilometer bis zu Grenze bevor. Die Fahrt dorthin unter der brennenden Nachmittagssonne war dennoch anstrengend und der staubige Grenzort überzeugte einzig und allein mit der wahnsinnigen Aussicht auf die Adria.

Nachdem wir dem kroatischen Grenzen erklärt hatten, dass wir keine Zigaretten, Waffen, Wurst, Käse oder 10.000 Euro in Bar dabei hatten, durften wir wieder in die EU einreisen und rasten nun hinunter an die Adria-Küste, vom staubigen, vermüllten und ärmlich wirkenden Grenzort Ivanica spülte es uns plötzlich in den Yacht-Hafen Komolac, wo alles glänzte und glitzerte, nur der Geldautomat kein Geld ausspucken wollte und der einzige Supermarkt bereits geschlossen hatte! Nun gab es keinen Ausweg mehr und wir mussten das tun, was wir eigentlich vermeiden wollten: Ausgehungert, ohne Geld und kurz vorm Einbrechen der Dämmerung nach Dubrovnik fahren. Dort preislich angemessene Speisung und Übernachtung finden erschien uns unmöglich. Um die Lage zu sondieren, gingen wir in den nächstbesten Saloon und bestellten zwei Whisky (ein unschlagbares Mittel gegen Durst, wie Salz-Lakritz gegen Hunger)…ach nein, der Western war nun vorbei…wir gingen in das nächstbeste Café in der Nähe des Hafens und bestellten überteuerte Cola und Pommes. Im W-LAN checkten wir die Preise der Etablissements in dieser Stadt: Wie nicht anders zu erwarten war, entsprach dies nicht unseren Preisvorstellungen.

Nach einem Besuch eines Geldautomaten und eines Supermarktes fuhren wir schließlich den Campingplatz an, der zwar geöffnet war, allerdings kein Erbarmen hatte: Wir sollten mit unserem Zelt den gleichen Preis zahlen wie ein Camper und zwar 40 Euro für die Nacht. Diese Ansage fanden wir so dreist, dass wir auf dem Absatz direkt wieder kehrt machten. Wütend traten wir noch einmal in die Pedale einem Schild zu einem weiteren Campingplatz folgend, und blickten nun über die wunderschöne Bucht, die im Sonnenuntergang funkelte. Der Ausblick bewog uns schließlich den Campingplatz in den Wind zu schlagen, sondern bis auf die Anhöhe „Babin Kuk“ hinaufzufahren, um die tolle Aussicht zu genießen und mit einem kleinen Fünkchen Hoffnung, dort einen versteckten Platz für unser Zelt zu finden. Wer rechnet heutzutage noch damit, in einer touristischen Stadt wie Dubrovnik auch nur einen Flecken zu finden, der nicht mit Bars, Cafés, Hotels, Restaurants und vielen Touristen zugepflastert ist? Wir jedenfalls nicht, wurden dann aber eines besseren belehrt. Auf der Anhöhe befand sich eine Brachfläche, die nur über einen Pfad zugänglich war, ein zerfallenes Gemäuer stand dort im hohen Gras und keine Menschenseele weit und breit. Der perfekte Zeltplatz für uns, mit Blick über das Meer und die vorgelagerten Inseln. Wir konnten es kaum fassen, aßen uns zufrieden satt und schlüpften in unser Zelt.

An dieser Stelle möchten wir noch einmal eine wärmste Empfehlung für diesen Ciro-Radweg aussprechen, ein absoluter Geheimtipp, den alle Radler*innen unter euch nicht verpassen sollten. Uns sind leider keine (oder zum Glück?) anderen Radfahrer*innen begegneten, das sollte sich aus unserer Sicht schleunigst ändern. Aber Achtung, macht es besser als wir: Packt genug Proviant ein 😉


Tilmann hat mal wieder den Dachboden in der Goebenstraße verlassen für einen kurzen Spaziergang. Da die Gefahr des Entdecktwerdens jetzt immer größer wird (aufgrund des anhaltend guten Wetters in Deutschland sind alle Menschen draußen unterwegs), ist nun eine konsequente Tarnung erforderlich. Und dennoch, bei der Analyse des Beweis-Selfies haben wir festgestellt, dass wir wohl erneut fast von Kristina und Matthias entdeckt worden sind!

Tilmann am 2. Mai am Römertor.

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8 Gedanken zu “endlos ist die prärie 🇧🇦

  1. Das ist eine Blindschleiche, würde ich sagen.

    40 € für eine Nacht, das sind ja skandinavische Preise 😦

    Schöne Bilder.

  2. Ich jetzt:
    Et macht echt Spaß, Euer Reisetagebuch zu verfolgen. Sowohl vom technischen Aufbau samt Fotoeinbettung, als auch sprachlich/literarisch und satirisch sehr gelungen, wie ich finde…Chapeau!!!
    Viele Eurer Erlebnisse wecken schöne Erinnerungen wach (Abfahrten, schöne Aussichten und schräge Leute). Aber auch schreckliche, wie Lkw und Reisebusse, die einen beinah den Arm abrasieren und vor Allem Navigation mit Komoot!!! Wieso diese app überall Testsieger ist, bleibt mir ein Rätsel. Allein an guten Alternativen mangelt es. So ist man dann auch mal gezwungen, Flüsse zu durchwaten…
    Ich freue mich schon auf die kommenden Kapitel und wünsche Euch allzeit gute Fahrt!

    1. Ja, an Alternativen zu Komoot mangelt es tatsächlich, das ist der Grund weshalb die App so verbreitet ist. Bei jeder Benutzung denke ich darüber nach wie man sie besser machen könnte.
      Danke für die Blumen 😔

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