road to sarajevo 🇭🇷🇧🇦

Tag 20 bis 24 (22.04. bis 26.04.22)
Distanz: 255 km (∑
1.872 km)
Höchster Punkt: 1.330 m
Tiefster Punkt: 200 m
Rauf: 3.750 m
Runter: 3.660 m

Der zweite Tag in Kroatien brachte uns weiter auf mehr oder weniger direktem Weg nach Süden. Wir durchquerten das kleine Gebirge „Moslavačka Gora“ an der Grenze der Gespanschaften Bjelovar-Bilogora und Sisak-Moslavina. Dabei verließen wir einige Male auch geteerte Wege, was aufgrund der vorangegangenen regenreichen Tage nicht ganz unproblematisch war.

Hinter der kleinen Ortschaft Stara Plošćica bestand der unbefestigte Weg hauptsächlich aus Pfützen und Abschnitten von zähem, mörtelhaften Matsch vom Charakter schluffigem Geschiebelehms. Tilmann fuhr wie so häufig vor und schaffte es einigermaßen schadenlos um die schwierigsten Passagen herumzumanövrieren. Nach ca. drei Kilometern hatte er wieder Asphalt unter den Reifen. Als er sich nach Julia umsah, lag sie ca. 500 Meter zurück. In der Hoffnung bald auf Pfützen zu treffen, die beim Durchfahren den gröbsten Dreck vor seiner weiteren Anhaftung wieder abspülen würden, fuhr er daher weiter.

Kurz darauf ging es bergauf, ohne das sich geeignete Pfützen offenbart hätten. Auf der Anhöhe wartete er daher auf Julia. Nachdem sie nach 10 Minuten noch immer nicht aufgetaucht war, kehrte er um und traf sie am Ende des letzten Anstieges. Sie hatte sich auf dem vorangegangen Straßenabschnitt tief im Morast festgefahren, sodass die Reifen blockierten und die Kettenschaltung außer Gefecht gesetzt worden war. Mit schlechtem Gewissen schlug Tilmann daher vor bei einem der Häuser nach einem Schlauch zu fragen, um Julias Fahrrad wieder einsatzbereit zu kriegen. Dies gelang relativ schnell, ein älterer Herr bat uns auf seinen Hof nachdem er uns aufgrund unserer mangelnden Fremdsprachenkenntnisse zunächst ein Flasche Trinkwasser („Aqua“, „Voda“) und anschließend eine Luftpumpe (lautmalerisch: „tschtschtsch“) angeboten hatte. Er sprach noch ein paar Brocken Deutsch aus der Schulzeit. Der freundliche Opa war eigentlich vollkommen entspannt, Tilmann aber in seiner ihm typischen Art unruhig und um Eile bedacht. Da der Hausherr die ganze Zeit den Wasserhahn in der Hand behielt während Julia Kette und Schutzbleche reinigte, drängte Tilmann in der Annahme hier würde erwartet, dass wir möglichst wenig kostbares Wasser verschwendeten, unnötigerweise auf Eile. Er reinigte auch sein Fahrrad noch bevor es (nachdem der freundliche Helfer eine monetäre Gegenleistung entscheiden abgelehnt hatte) weiter ging. Die ungerechtfertigte Eile erwies sich als große Torheit, denn Julias Fahrrad war noch gar nicht richtig sauber, Tilmann hatte die Menge und Hartnäckigkeit der Verkrustungen (die Masse erinnerte tatsächlich an Beton) vollkommen unterschätzt.

Julia genervt und Tilmann zähneknirschend, fuhren wir also weiter, um wenige Kilometer später erneut um einen Gartenschlauch zu ersuchen. Hier legte der Hausherr nun selber Hand an und ließ nicht locker bevor das Fahrrad blitzblank war. Wir dankten und konnten die Fahrt nun beide erleichtert fortführen. Die Freude war jedoch nicht von langer Dauer, denn der nächste Abstecher auf Feldwege folgte bereits kurze Zeit später. Diesmal war es zwar nicht so schlimm, aber in der nächsten größeren Stadt, Garešnica, mussten wir den zur Verfügung gestellten Kühlwasserspender und Druckluftkompressor erneut zur Reinigung der Ketten einsetzen.

Danach nahmen wir Kurs auf den Naturpark Lonjsko Polje, der entlang der Sawe/Sava (rechter und größter Nebenfluss der Donau) und damit an der Grenze zu Bosnien zwischen den Städten Sisak und Nova Gradiška liegt. Unterwegs fuhren wir am Natura2000-Gebiet Poilovlje s ribnjacima vorbei, dass offenbar insbesondere für die Entsorgung alter Kühlschränke genutzt wird. An einem Übersichtsschild zu Beginn der Peripherie des Parks trafen wir ein französisches Pärchen, die gerade mit ihrem Landrover von Georgien aus zurück in die Heimat waren und, wie wir, nach einem Übernachtungsplatz Ausschau hielten und tauschten uns ein wenig über unsere jeweiligen „Projekte“ aus. Wir hatten uns eigentlich einen Campingplatz im Naturpark herausgesucht, uns aber die Adresse nicht notiert.

Nun hatten wir, da Julias Handyvertrag ausgelaufen war, keine mobilen Daten mehr und konnten den Platz daher nicht finden. Auf der Karte war er jedenfalls nicht verzeichnet. Schließlich konnten wir ihn über die Offline-Karten-App MapsME doch noch ausfindig machen, nur um festzustellen, dass er ohnehin weit jenseits der Route lag und entschieden uns einfach in den Naturpark zu fahren und nach einer geeigneten Möglichkeit Ausschau zu halten. Das bereits 18 km vorher ausgeschilderte Ethno-Eko-Village entpuppte sich erwartungsgemäß nicht als Hippie-Kommune sondern als Hütten-Hotel-Komplex, in welchem auch Enten-Jagd angeboten wurde und dessen Personal an keinem Geschäft mit uns interessiert war (die Waschräume für Camper waren noch nicht aufgeschlossen). Schließlich zelteten wir auf dem Gelände der Naturpark-Verwaltung, nachdem uns eine Anwohnerin des Dörfchens Krapje versichert hatte, dass dies kein Problem sei.

Am nächsten Morgen war auf unserem Zelt und unseren Rädern eine dicke Frostschicht und die hinter uns liegende Nacht entsprechend mäßig erholsam gewesen. Eine Mitarbeiterin des Naturparks, die um 7:00 Uhr ihren Dienst antrat, verstand unsere Frage nicht, ob es OK war, dass wir dort gezeltet hatten, wollte uns aber sehr gerne Eintrittskarten für den Park verkaufen. Da dieser nun jedoch hinter uns lag und wir noch die KZ-Gedenkstätte im Grenzort Jasenovac besuchen wollten, lehnten wir dankend ab und schwangen uns dick eingepackt auf unsere Räder. In Jasenovac entdeckten wir zum ersten Mal auch Häuser, die in ihren durchlöcherten Fassaden noch offensichtliche Spuren des Bosnien-Kriegs trugen, ein Bild dass uns in den kommenden Tagen noch häufiger begegnen sollte.

Nach einem bedrückenden Besuch der Gedenkstätte und einem Lebensmittel-Großeinkauf, um uns unserer Kuna-Restbestände zu entledigen, überquerten wir Sawe/Sava und Una und verließen fürs erste die EU, um nach Bosnien und Herzegowina zu gelangen. Der Grenzbeamte war mit unseren Covid-Impfungen einverstanden, wunderte sich aber über unsere Tollwut-Vorsorge. Zum Glück kein Grund uns nicht ins Land zu lassen und so hatten wir die ersten Stempel in unseren Pässen. Zur Begrüßung erwartete uns hinter der Grenze neben dem obligatorischen Willkommen-Schild eine klassische Tricolor in den Pan-Slawischen Farben, allerdings ohne ein Wappen, sodass wir im ersten Schreck schon befürchteten hier würde entgegen den blau-gelben Fahnen, die uns durch die EU begleitet hatten im wahrsten Sinne Flagge für die andere Seite gezeigt. Unsere Befürchtungen wurden jedoch schnell zerstreut, da es sich um die Flagge der Republik Srpska handelte, in die wir soeben eingereist waren. Die ersten Kilometer in Bosnien waren landschaftlich recht unspektakulär, der Norden gehört noch immer zu pannonischen Tiefebene, die wir nun fast durchquert hatten. Vor uns zeichneten sich jedoch bereits der Vlašić als unser Eingang in die der Bosnischen Dinariden ab. Einzige bemerkenswert war der Anblick der ersten Moschee, die wir in Bosanka Dubica entdeckten. Die gut 20 km zwischen Draksenić und Gradiška führten uns über eine Landstraße, die zwecks Fahrbahnerneuerung längs zur Fahrtrichtung aufgefräst worden war. Es fuhr sich also teilweise wie entlang Straßenbahnschienen und zudem bekamen wir einen ersten Eindruck von der bosnischen Fahrweise (trotz schmaler Fahrbahn und Gegenverkehr durch LKWs, wurden wir stetig überholt). Fahrradwege waren erwartungsgemäß Fehlanzeige.

Dann konnten wir glücklicherweise jedoch auf das Nebenstraßennetz ausweichen. Am ersten augenscheinlich verlassenen Gebäude, das unseren Bedürfnissen entsprach, machten wir Rast (Bänke oder Picknick-Plätze gab es nun keine mehr). Die Säulen an der Veranda eigneten sich hervorragend, um unser Zelt zu trocknen, das nun nicht mehr vereist, sondern nass war. Dieses Unterfangen blieb nicht lange ohne Reaktion; nachdem wir gepicknickt hatten bog ein roter Mercedes 180 in die Einfahrt ein, dem zwei Männer und eine Frau entstiegen, scheinbar die Bewohner oder Eigentümer. Deeskalierend versuchten wir zu erklären, wir seien davon ausgegangen, dass das Haus verlassen sei und wir nun verschwinden würden. Darauf bestanden sie jedoch nicht, auch wenn es sich anscheinend um das Haus des Bruders der Frau handelte, der in Ulm wohnte. Eigentlich waren sie nur an unseren Rädern interessiert, die sie für tauglich befanden und uns eine gute Reise zu unserem Tagesziel Banja Luka am Vrbas wünschten.

Wir brachen bald auf und machten uns eben dorthin auf den Weg, wo wir die Übernachtung im Hostel Hertz geplant hatten. Die letzten 20 km stellten eine halsbrecherische Fahrt entlang der Hauptstraße, hinein in Bosniens zweitgrößte Stadt dar. Diese Fahrt hätte eigentlich dringend per Video dokumentiert werden müssen, was wir uns vor lauter Aufregung aber nicht trauten. Nahe des Zentrums gab es zwar auch einige Fahrradwege; diese waren aber überwiegend in katastrophalem Zustand, sodass wir eben doch auf der Straße bleiben mussten. Die gesamte Stadt besteht, bis auf wenige Häuser im Zentrum, ausschließlich aus Betonblöcken und ist wahrlich nicht hübsch, aufgrund ihrer Scheußlichkeit aber doch irgendwie sehenswert.

Die sehr freundliche rauchende Dame an der Rezeption, die dort mit ihren drei Kindern abhing, ließ sich sogleich auf unseren Einwand ein, dass der Preis auf booking.com bei nur 30 Mark für die Nacht (und nicht 44) lag und wir bezogen unser Zimmer im ersten Stock. Beim Versuch die Balkontür zu öffnen kam Julia der Griff entgegen und so entschieden wir uns, nach einer Dusche (die war aufgrund der nervenaufreibenden Einfahrt dringend nötig) und einem schellen Imbiss in der Hostel-Küche ohne Spülbecken, ins Nachleben der Universitätsstadt zu stürzen, von dem wir uns an einem Donnerstag zu recht einiges versprachen. Die Bars und Pubs waren überwiegend rappelvoll und mit einem halben Liter Bier war man für 3 Mark dabei. Während die jungen Menschen, wie überall auf der Welt, inzwischen leider keinen Sinn mehr für anständige Kleidung haben, fiel uns auf, dass die älteren Herren auffällig gut, typischerweise in Anzug und legeren Sneakern, gekleidet waren.

Am nächsten Tag sollte nun endlich Schluss sein mit der Radtour auf Niveau eines Sonntags-Ausflugs: Der Plan war auf dem Weg Richtung Süden das Vbras-Tal schnell zu verlassen und in die Berge des Vlašić aufzusteigen. Allerdings war für den Freitag durchwachsenes Wetter vorausgesagt und wir haderten noch, ob wir wirklich uns bei vorhergesagtem Gewitter wirklich in die Höhe vorwagen sollten.

Da das Wetter dann am nächsten Morgen jedoch besser war als vorausgesagt, sagten wir der de facto Hauptstadt der Republik Srpska schnell Lebewohl. Der Anstieg hatte es tatsächlich in sich und Tilmann ärgerte sich darüber, am Vorabend den Verlockungen der günstigen Bierpreise erlegen zu sein. In wenigen Kilometern schraubten wir uns von einer Höhe von ca. 200 auf ca. 580 Meter und kamen entsprechend nur langsam voran. Zu unserer Überraschung waren die Berge relativ dicht besiedelt und zudem waren die Häuser in weit überwiegender Zahl recht neu, wenn auch viele von ihnen vor dem Einzug nicht mehr verputzt worden waren und auch einige nie bezogen worden waren. Das war unser Glück. Als das vorausgesagte Gewitter hereinbrach parkten wir unsere Räder schnell in der Garage eines unvollendeten dreistöckigen Bauwerks, dessen Fertigstellung offenbar noch nicht allzu lange aufgegeben worden war und beobachteten das Naturschauspiel vom höchstgelegenen Balkon auf der windabgewandten Seite.

Es ging anschließend abwechselnd auf geteerten und geschotterten Straßen bergauf und bergab von Dorf zu Dorf. Uns boten sich einige spektakuläre Ausblicke auf die bewaldeten Berge und Hochebenen, die vom bewölkten Himmel stimmungsvoll in Szene gesetzt wurden. Die ungewohnte Anstrengung durch das anspruchsvolle Profil der Etappe führte dazu, dass wir gegen 18:00 Uhr erst 50 km weit vorangekommen waren, zumal wir uns zwischendrin weitere Male vor teils heftigen von Wind begleiteten Niederschlägen in Sicherheit bringen und eine Weile ausharren mussten.

Da sich das Wetter am frühen Abend gebessert hatte, erwogen wir an geeigneter Stelle das Zelt aufzustellen, fürchteten aber andererseits einen rasanten Temperaturabsturz in der Nacht. So entscheiden wir uns beim nächsten Dorf zu fragen, ob wir irgendwo in einer Scheune schlafen könnten. Direkt beim ersten Haus in Gustovara hatten wir Erfolg. Zwar schlug uns die Tochter des serbischen Hausherren Mladen, die sehr gutes Englisch sprach, zunächst vor in ein Hotel in die nicht weit entfernte Stadt Mrkonjić Grad zu fahren. Das wollten wir jedoch nicht, da wir weder Lust hatten weiter zu fahren, noch dazu Geld für ein Hotel auszugeben. Außerdem lag die Stadt nicht auf der von uns vorgesehenen Route. Nachdem wir uns auf eine Einquartierung in der Scheune geeinigt hatten und der Vater bereits den Durchbruch zum benachbarten Schafstall mit einer Plastikfolie vernagelt hatte, zog wieder ein heftiger Sturm auf, der in Tilmann beim herrichten eines Schlafplatzes mit der Heugabel ein mulmiges Gefühl aufwarf, ob die offene Scheune sich wirklich für eine erholsame Nacht eignete. Der Gedanke schien auch in der Familie zu reifen und so boten sie uns schließlich doch eine Übernachtung im Haus an. Dankbar gingen wir gemeinsam in die Stube, wo wir sogleich selbst gebrannten Pflaumenschnaps, Bier und selbst bereitetes Caramel-Wasser gereicht bekamen.

Das Foto von Serbenführer und Kriegsverbrecher Karadžić neben der serbischen Flagge an der Wand begeisterte uns zwar nicht, aber wir hatten nicht den Eindruck, dass es Zeit für politische Diskussionen war, zumal unser Wissen über den Bosnien-Krieg und die damit verbundenen Gräueltaten mehr als lückenhaft ist. Da der Vater kein Englisch sprach und der Sohn nur wenig, unterhielten wir uns überwiegend mit der sehr freundlichen Tochter über unverfängliches wie unsere Reise und ihr Leben zusammen mit ihrem Bruder in Serbien (sie hatten ihren Vater in den Osterferien in der Heimat besucht), während der Vater fortwährend seinen gelungenen Selbstgebrannten nachschenkte. Zum Abendessen bereitete die Tochter uns Brennnesselspinat mit Champignons und Bratkartoffeln, was wir noch durch Nudeln ergänzten. Nach einer kurzen Demonstration des Vaters seines Könnens auf dem serbischen Nationalinstrument (Gusle) und unseren kläglichen Versuchen auf der Šargija, fielen wir von den Strapazen des Tages erschöpft in einen tiefen Schlaf in einem Haus, das zwar solide gebaut und ordentlich geheizt, aber offenbar niemals richtig eingerichtet worden war.

Bei Frühstück zeigte sich Mladen erstaunt, dass wir auf seinen Selbstgebrannten verzichteten, während er sich zwei genehmigte. Dann brachen wir auf Empfehlung unserer Gastgeber nun doch zunächst nach Mrkonjić Grad auf, um dann ins Tal der Pliva vorzustoßen, an deren unteren Verlauf wir uns die Wassermühlen und schließlich ihre Mündung per Wasserfall in den Vrbas im Städtchen Jajce ansehen wollten. Wir hatten uns für Bosnien insgesamt entschieden nicht wie durch Deutschland, Österreich, Ungarn und Kroatien auf dem schnellsten Weg hindurch zu reisen, sondern, da wir beide hier noch nie gewesen waren, das ein oder andere Sehenswerte links und rechts mitzunehmen.

Die Pliva ist nur 33 km lang, dafür aber erstaunlich wasserreich. Bevor sie sich ins Tal des Vrbas ergießt staut sie sich zunächst in den großen und dann den kleinen Pliva-See. Dazwischen liegen die bereits angesprochenen Wassermühlen, zwanzig Stück und winzig klein, die wir bereits in der Vorbereitung der Reise entdeckt hatte, ohne uns weiter damit beschäftigt zu haben. Wir erblickten sie plötzlich unvermittelt, als wir um eine Ecke bogen. Sie sehen ganz hübsch aus, allerdings erschließt sich ihre (ehemalige) Funktion nicht und entgegen aller Gepflogenheiten betreffend Sehenswürdigkeiten konnten wir weder eine erläuternde Hinweistafel entdecken, noch klärte uns das Internet auf.

Nachdem die Pliva vor Jajce noch einige kleinere Wasserfälle überwindet, stürzt sie dort tatsächlich sehenswert etwa 20 Meter in die Tiefe. Natürlich wird dieses Highlight entsprechend touristisch vermarktet, aber uns reichte der Anblick von oben, sodass wir uns den Eintrittspreis für die auf Vrbas-Höhe gelegene Aussichtsplattform sparten. Bis hierhin war es an diesem Samstag nun überwiegend bergab gegangen. Auf unserem Weg nach Sarajevo stand uns nun allerdings der Vitorog (1478 m) bzw. die Passstraße mit 1333 m im Wege. Um möglichst auf Nebenstraßen reisen zu können, hatten wir ursprünglich geplant durch das offenbar weitgehend unbesiedelte und entsprechend hoffentlich wild-romantische Rika-Tal zu fahren. Allerdings erinnerte sich Tilmann jetzt, dass komoot sich bei der Planung der Route strikt geweigert hatte diese Strecke zu akzeptieren und auch das nun zu Rate gezogene MapsME lehnte diese grundsätzlich ab. Daher fragten wir vorsichtshalber noch einmal einen Kellner, der sogleich mit „No, take the normal way to Sarajevo! It’s dangerous“ ebenfalls ablehnte. Da der Kellner auf Tilmanns Nachfrage hin, warum das Rika-Tal gefährlich sei nach Worten suchte, schlug Tilmann „because auf falling rocks?“ vor, was der Kellner sogleich dankend mit „Yes!“ beantwortete. Wir hatten zwar den Eindruck, dass er auf die Vorschläge „because there is your hidden weed-field“ oder „because there are gypsies hiding out there“ identisch reagiert hätte, sahen dies jedoch als ausreichende Warnung, wenngleich wir das vermeintlich entgangene Abenteuer auch ein wenig bedauerten.

Nun half es nicht mehr, wir hatten jetzt die 900 Höhenmeter zu überwinden und machten uns an den Aufstieg. Trotz dass die Straße breit und gut ausgebaut war, war sie erfreulich gering befahren. Zwischen den Orten Divicani und Kupresani kamen wir offenkundig mal wieder durch eine Sinti-und-Roma-Siedlung. Das Szenario zu unserer Linken mutete fast apokalyptisch an: Berge von ausgeschlachteten LKWs, Elektrogeräten und Plastikabfällen jeglicher Art, zwischen denen einige junge Männer Fußball spielten. Rechts neben der Straße saßen drei vollkommen überdrehte heranwachsende Mädchen auf einem Balkon, rauchten Shisha und hörten osteuropäisch klingende Popmusik, wobei sie die Titel alle 30 Sekunden skippten und dabei aufgeregt herumschrien. Leider traut man sich in solchen Momenten nie ein Foto zu machen. Die erste Hälfte des Aufstiegs verlief erstaunlich flüssig, dann jedoch frustrierte es zunehmend, dass sich der kleine Punkt im Höhenprofil in der Navigations-App scheinbar nicht mehr weiter bewegen wollte.

Angekommen am höchsten Punkt war Zeit für eine kleine Verschnaufpause, allerdings war die Zeit vorangeschritten und uns war klar dass wir dringend wieder deutlich an Höhe verlieren mussten, falls wir eine Nacht im Zelt verbringen würden. Schon bald verließen wir die Hauptstraße und kamen über immer schmalere und verlassenere Nebenstraßen unserem noch unbekannten Nachtlager. Wieder führte uns der Weg an einer unglaublich großen Zahl an aufgegebenen Bauruinen vorbei und wir begannen bald zu erwägen, uns in einer von ihnen für die Nacht einzuquartieren. Schnell verwarfen wir den Plan jedoch wieder, da sich bereits abzeichnete, dass wir noch nicht weit genug von der Anhöhe herabgekommen waren und dies auch nicht mehr schaffen würden, da noch ein Zwischenanstieg bevorstand.

Also hieß es den Plan der letzten Nacht erneut anzugehen. Als wir den Ort Vitovlje durchquerten entdeckten wir zwar eine geeignete Scheune, da aber kein Mensch in der Nähe zu sehen war, beschlossen wir zunächst weiter zu fahren, um nicht unnötig Zeit zu verlieren. Fast am Ende des Ortes blieben wir vor einer Café-Imbiss-Stube stehen und wurden sowohl von den Gästen des Lokals, als auch den Menschen, die in der daneben liegenden Sammelstelle ihre randvollen und per Bollerwagen den Berg heruntergekarrten Milchkannen entleeren ließen, in Augenschein genommen. Wir warteten zunächst ab ob uns jemand ansprechen würde, was nicht lange dauerte. Ein älterer Herr trat aus dem Lokal und holte rasch seinen Sohn (wie sich später herausstellte) zu Hilfe, als die Sprachbarriere offenbar wurde.

Nach kurzer Erläuterung der Situation hatten wir wieder Glück mit wirklich gastfreundlichen Menschen. Die bosnische Familie lud uns in ihr Haus ein, in dem der Großvater samt Sohn, dessen Ehegattin und den beiden Enkeln lebte. Wir folgten dem Großvater ein kurzes Stück zurück den Berg hinauf, stellten unsere Räder in der Garage ab, passierten den bärgroßen Hund im Zwinger, der mit unserer Anwesenheit nicht einverstanden schien und wurden von der freundlichen Hausherrin, seiner Schwiegertochter, in Empfang genommen. Sie war die einzige, die relativ fließend Englisch sprach und zeigte uns Betten, Badezimmer und Küche bevor wir gemeinsam im Wohnzimmer platznahmen. In der Zwischenzeit kam der Enkel hinzu, der extra für uns Eistee und Cola eingekauft hatte, schließlich auch die Enkelin, die uns stolz die von ihr gemalten Bilder präsentierte. Da die Familie bereits für diesen Tag das Ramadan-Fasten gebrochen und zu Abend gegessen hatte, begnügten wir uns mit Brot aus unseren Vorräten.

Um kurz nach acht stieß auch der Sohn hinzu, nachdem er sein Lokal geschlossen hatte. An diesem Abend wurden wir logischerweise nicht zum Alkohol trinken genötigt, dafür aber zum Kaffeetrinken und Rauchen. Da wir schon Wurst und Käse abgelehnt hatten, willigten wir ein, rauchten und boten unsererseits Erdnüsse und Cracker an. Der Sohn berichtete von seinen Arbeitseinsätzen in Deutschland, die ihm wegen der Trennung von seiner Familie nicht gefallen hatten. Als er von den Lohnabzügen für die Unterbringung berichtete, gingen wir zwar davon aus, dass wir etwas nicht richtig verstanden hatten, hatten aber gleichzeitig den üblen Verdacht, dass er sich von ausbeuterischen Sub-Sub-Subunternehmern hat beschäftigen lassen und verspürten ein latent schlechtes Gewissen, da sich Deutschland in dieser Hinsicht unserer Kenntnis nach im Vergleich zu anderen EU-Staaten regelmäßig besonders unrühmlich zeigt.

Die Schwiegertochter erklärte uns, dass das Dorf hauptsächlich aus im Auftrag der Regierung nach dem Krieg errichteten Gebäuden bestünde, um die Dorfbewohner zentraler im Tal und damit einfacher mit einer adäquaten Infrastruktur versorgen zu können. Das erklärte einerseits das identische Aussehen der Häuser und andererseits die überaus hohe Zahl an leerstehenden Gebäuden weiter oben in den Bergen. Nachdem sich Sohn und Schwiegertochter relativ früh verabschiedeten, da sie am nächsten Morgen wieder arbeiten mussten, waren wir mit dem Großvater und Sohn alleine. Da nun keine Unterhaltung mehr möglich war, kam zum ersten mal unser extra für diese Zwecke mitgeführtes Fotoalbum mit Bildern von Familie, Freunden und der Heimat zum Einsatz.

Am Morgen darauf besuchten wir unseren Gastgeber noch einmal für einen Kaffee (der natürlich aufs Haus ging) in seinem Lokal, bevor wir uns nach einem kurzen Zwischenanstieg von ca. 300 Metern mit Vollgas auf ins Tal der Lasva stürzten, in der auch das hübsche Städtchen Travnik liegt. Der Vater hatte uns zum Abschied noch zwei Kilo Äpfel geschenkt, die wir nicht ablehnen wollten, aber einen guten Teil an geeigneter Stelle zur Weitergabe platzierten. Auf der Abfahrt nach Travnik kam uns zum ersten mal der Gegenwind gelegen, da er unsere Abfahrt fast ohne zu bremsen auf eine angenehme Geschwindigkeit regulierte.

Travnik gefiel uns gleich in mehrerer Hinsicht, da sich die Stadtverantwortlichen die Mühe gemacht hatten sowohl auf der westlichen Zufahrt, als auch im Zentrum der Stadt Fahrradwege anzulegen, die auch in tadellosem Zustand waren (jedoch trotzdem nur von uns genutzt wurden). Im Cáfe warteten wir einen Regenschauer ab, bis die zweite, überwiegend unerfreuliche Tageshälfte begann.

Zunächst schloss sich östlich an Travnik ein endloses Gewerbegebiet an, das aufgrund des fehlenden Verbotes von sonntäglichen Ladenöffnungen entsprechende Verkehrsmengen generierte. Mangels Fahrradwegen fühlten wir uns entsprechend wieder wie bei der Einfahrt nach Banja Luka zwei Tage zuvor. Aufgrund des nervigen Begleitverkehrs verpasste Tilmann auch noch die Abfahrt von der Landstraße, die uns eine Weile eine etwas entspanntere Fahrt ermöglicht hätte. Um auf unsere Route zurück zukommen mussten wir einen absurd steilen Bergrücken überwinden, wonach uns erst einmal nach einer Pause verlangte.

Unser Tagesziel waren die angeblichen bosnischen Pyramiden, die sich rund um das Städtchen Visoko an der Bosna befinden. Dahin kamen wir durch ein eigentlich ganz hübsches und relativ verkehrsarmes Tal, das vom leider unfassbar vermüllten Fluss Foinicka rijeka durchflossen wird. Den Tiefpunkt des unerfreulichen Nachmittags bildete unser erster Unfall, als Julia von einem ihre Vorfahrt missachtenden Auto touchiert wurde. Glücklicherweise war dies mit einer so geringen Geschwindigkeit unterwegs, dass Julia zwar kippte, aber weder ihr noch dem Fahrrad irgendein Schaden entstand. Alle kamen mit dem Schrecken davon, obwohl sich Tilmann ärgerte, dass er nur die Handynummer notiert hatte und weder den Ausweis noch das Nummernschild abfotografiert hatte. Auf so eine Situation hätte man sich eigentlich vorbereiten können, um souveräner zu reagieren.

Von den bosnischen Pyramiden (die in Wirklichkeit freilich nur einigermaßen gleichmäßig geformte Hügel sind) hatten wir nur in ein oder zwei Dokumentationen auf Youtube erfahren. Ein bosnisch-amerikanischer Unternehmer hatte sich den Unsinn mit angeblich 12.000 bis 30.000 Jahre alten Pyramiden (die die große Pyramide von Gizeh um einiges überragen) ausgedacht und dort auf eigene Faust einige Grabungen durchgeführt. Wir hatten uns vorgestellt, vielleicht einige verrückte Esoteriker*innen anzutreffen, für wahrscheinlicher hielten wir es aber, dass uns vermutlich nur einige weitere bewaldete Hügel erwarten würden.

Worüber wir nicht weiter nachgedacht hatten war, dass diese Dokumentationen schon einige Jahre alt waren und nicht mehr den aktuellen Sachstand abbildeten. Inzwischen war der Staat Bosnien selbst bereits in das Thema eingestiegen und unterstützt die Pyramiden-Hypothese. Das ganze Areal um die Pyramide der Sonne ist inzwischen vollständig touristisch erschlossen und eine Vielzahl von Straßenschildern weisen den Weg zu der Attraktion, die wie eine krude Mischung aus Märchenwald, Just Love Festival und Kittenberger Erlebnisgärten wirkt. Ziemlich irritiert schlugen wir unser Zelt in einer Art Park oberhalb der „Souvenir Alley“ auf, mussten auf unsere wohlverdiente Ruhe aber noch warten, bis die vier gelangweilten, vermutlich von ihren Eltern mitgeschleppten Heranwachsenden am Umkreisen des Parks mit ihrem geliehenen Quad die Lust verloren hatten.

Trotz gegen drei Uhr einsetzendem Regen war die Nacht friedlich und der Himmel war am Morgen wieder aufgeklart. Wir ließen fast unser gesamtes Gepäck zunächst bei unserem Nachtquartier stehen und machten uns mit den Rädern zum Gipfel der Sonnen-Pyramide auf.

Auch ohne Gepäck war dieses Unterfangen aufgrund des Steigung nicht ohne, zumal unsere Beine dringend nach einem Ruhetag in Sarajevo verlangten (unser letzter Ruhetag in Bratislava lag nun bereits über eine Woche zurück). Die letzten Meter zum Gipfel mussten wir zu Fuß zurücklegen. Dabei wurden wir von einer Gruppe von vier Hunden begleitet, die uns abwechselnd vor die Füße liefen, sich aggressiv balgten und kopulierten. Wenigstens hatten wir eine schöne Aussicht, die reinigende Energie der Sonnenpyramide wollte jedoch uns jedoch nicht durchdringen.

Nach einer kurzen Erkundung der weiteren Attraktionen am Fuß der „Pyramide“ machten wir uns schließlich auf die letzten 40 km nach Sarajevo. Hier hatten wir eigentlich mal wieder mit einer privaten Unterkunft über warmshowers gerechnet, allerdings erst im letzten Moment festgestellt, dass unser potentieller Host weit außerhalb des Stadtzentrums lebte. Da wir uns in aller Ruhe die Stadt anschauen wollten, entscheiden wir uns daher lieber doch im Hostel Franz Ferdinand abzusteigen. Die Einfahrt in die Stadt war erwartungsgemäß erneut aufregend, immerhin konnten wir diesmal jedoch den Autos eins auswischen und auf dem Bürgersteig an den endlosen Staus vorbei ziehen. Bereits um ca. 13 Uhr waren wir in unserem Zimmer und stellten uns auf anderthalb Tage nicht im Sattel ein. Sarajevo gefiel uns übrigens sehr gut, auch wenn sich seine Einwohner vielleicht ein bisschen viel auf die Stadt einbilden. Aber das tun die Einwohner von New York, Barcelona und Köln schließlich auch. Ach ja, die von Mainz ja ohnehin.


Wie versprochen kommt abschließend noch ein neuerlicher Einblick in unsere Fälscherwerkstatt. Unser Handwerk haben wir offenbar perfektioniert, da niemanden aufgefallen zu sein scheint, dass wir für die Videos unserer Instagram-Beiträge am 13. und 20. April das identische Greenscreen-Video verwendet haben. Die folgenden Videos beweisen jedoch, dass wir alle getäuscht haben:

Julia vor der Greenscreen
Irgendein Mitschnitt einer Radfahrt entlang der Donau
Dank modernster Videotechnik radelt Julia an der Donau entlang
Irgendein Mitschnitt einer durch den Naturpark Lonjsko Polje
Dank modernster Videotechnik radelt Julia durch den Naturpark Lonjsko Polje

7 Gedanken zu “road to sarajevo 🇭🇷🇧🇦

  1. Himmel, wann habt ihr denn noch Zeit so lange Berichte zu schreiben, die können ja tatsächlich nur auf dem Dachboden abgefasst worden sein…
    was für Eindrücke, wie anders als unser tägliches Einerlei hier .

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