insomnia 🇫🇮

Fahrradfahren in den Norden von Finnland: Hell, Fichten, Mücken – #tilmannontour

Tag 449 bis 455 (25.06. bis 01.07.23)
Distanz: 925 km (∑ 24.458 km)
Höchster Punkt: 390 m
Tiefster Punkt: 20 m
Rauf: 6.000 m
Runter: 5.980 m

Der Tag des Abschieds war gekommen. Karl hatte die geniale Idee Tilmann tatsächlich, so wie in Kristinas Hypnose-Nummer simuliert, über den See überzusetzen, damit Tilmann relativ schnell den nächsten Supermarkt in Keitele erreichen konnte. Denn ein Start auf der Westseite des Sees hätte dazu geführt, dass der nächste Supermarkt erst im 100 km entfernten Pihtipudas zu erreichen gewesen wäre. Tilmann hatte dies für eine Schnapsidee gehalten, da das Fahrrad sicher nicht in das kleine Ruder-Boot passen würde und sowieso weil Karl zwar kreativ ist, dennoch nicht jede seiner Idee ein Volltreffer. Doch beides sollte sich als Fehleinschätzung herausstellen und Karl Recht behalten.

Die Überfahrt gelang jedenfalls, mit dem Fahrrad stehend im Boot und gut vertäut, passten auch noch die Taschen und drei Insassen daneben. Jetzt galt es nur noch eine geeignete Anlegestelle zu finden. Auch auf der Ostseite des Sees gibt es natürlich Mökkis mit Anlegesteg und dabei handelt es sich um Privatbesitz und streng genommen darf man entsprechende Einrichtungen eigentlich nicht nutzen, ohne die Erlaubnis des Eigentümers einzuholen. Da wir den Sonntag des Mittsommerwochenendes schrieben, war die Wahrscheinlichkeit zudem groß, dass die Hütten besucht waren.

Am ausgesuchten Steg entdeckten wir dann tatsächlich einen Mann mit nacktem Oberkörper und Karl war schon im Begriff wieder abzudrehen und sich auf die Suche nach einem natürlichen Hafen zu machen. Jetzt muss dazu erwähnt werden, dass man bei Karls Äußerungen zu Finnen immer den Eindruck hat, als hielte er sie für ein ganz und gar griesgrämiges Volk, das ohne jegliche Hilfsbereitschaft und Empathie ausgestattet sei (trotzdem hatte er uns die ganze vergangene Woche Mal wieder versucht zu überreden nach Finnland zu ziehen.) Zum Glück ging er mit dem Herr, der auserkorenen Anlegestelle in Rufkontakt über, sodass dieser uns bald heranwinkte. Sehr freundlich empfingen er und seine Frau uns, halfen uns beim Entladen des Seelenfängers und waren sehr an unserer Radreise interessiert. Offensichtlich freuten sie sich über die ungeahnte Abwechslung und später sollte der Mann Tilmann noch über Instagram kontaktieren, sich für den unerwarteten Besuch bedanken, davon berichten auch seit Jahren eine lange Radreise zu planen, sich für die ausgebliebene Einladung zum Kaffee entschuldigen und uns für einen zukünftigen Besuch in Finnland schon einmal einladen. Soviel zu abweisenden Finnen.

Nach einer innigen Verabschiedung, für die wir uns noch einmal von den dreien zurückzogen, die nun Mökki-Verbesserungs- und Angler-Tipps austauschten, schwang sich Tilmann dann endlich wieder auf den Sattel, um das 7. Etappenziel, das Nordkapp in Angriff zu nehmen, zu dem es noch ca. 1.200 km waren und das er bis zum 7. Juli erreicht haben wollte. Es ging dann tatsächlich noch schneller, sei an dieser Stelle schon einmal verraten.

Am nächsten Tag ging es die meiste Zeit an der E75 entlang nach Oulu, was überwiegend monoton ausfiel und eine Recht nervig große Menge an Verkehr mit sich brachte. Parallel verlaufende Straßen erwiesen sich teilweise als nicht als Alternative geeignete Schotterpisten. Auf der E75 verdoppelte sich die Zahl der Wohnmobile, hier noch fast ausschließlich mit finnischen Kennzeichen, gefühlt jede halbe Stunde. Einigermaßen verwundert fiel Tilmann auf, dass gar nicht mal wenige leerstehende bis verfallende Gewerbeimmobilien die Straße säumten. Es ist halt auch nicht alles Gold in Skandinavien.

Für Oulu hatte sich Tilmann spontan noch eine warmshowers-Unterkunft organisiert. U. hatte er als Host gestern noch ausgeschlossen, da „nur“ Zelten im Garten in Aussicht gestellt wurde, aber da sich sonst niemand zurück gemeldet hatte bzw. es ansonsten nur Absagen gegeben hatte, hieß es jetzt natürlich besser als nichts.

Wegen Gegenwind und einsetzenden Knieschmerzen waren die 140 km zwar eigentlich ein bisschen zu weit, aber jetzt stand die Verabredung. Zu allem Überfluss verlor mal wieder der Hinterreifen Luft, allerdings so langsam, dass Tilmann sich mit zweimaligem Aufpumpen bis zu seinem Tagesziel retten konnte. 

Wie alle größeren finnischen Kommunen besitzt auch Oulu eine ausgezeichnete Fahrradinfrastruktur bzw. ist diese in Oulu vielleicht sogar besonders gut ausgebaut. In der 211.000-Einwohner Stadt (nördlichste Großstadt der EU) gibt es z.B. ca. 600 Unterführungen für Fahrradwege.

Bei U. angekommen bereitete dieser schnell ein einfaches Abendessen und wir kamen sogleich in einen angenehmen Plausch. Seine Frau saß derweil anscheinend ohne Interesse an dem Gast auf dem Sofa und strickte während im Hintergrund der Fernseher lief. Dann wollte U. Tilmann unbedingt das geräumige Haus zeigen, was zunächst einigermaßen verwunderte, da diese Roomtour auch offenbarte, dass es jede Menge Platz und vor allem ein freies Schlafzimmer gab. Wieso dann bloß lediglich Zelten im Garten? Beide ließen das zunächst unkommentiert, bis schließlich auch die zur Nutzung bereitstehende Sauna und schließlich noch der Heizkeller präsentiert worden waren. Zum guten Schluss wurde dann aber immerhin auch noch eine Alternative zum Zelt angeboten und zwar ein nur von außen zugänglicher Hobbyraum. Na immerhin. Dann folgte auch die Erklärung für die bis hierher etwas befremdliche Unterbringungspolitik: Us Frau litt an einem fürchterlich schwachem Schlaf, der durch Anwesenheit Fremder im Haus noch mehr gestört wurde. So ergab nun natürlich endlich alles Sinn und war vollkommen okay. Das einzige Problem bestand nun lediglich darin, dass Tilmann so nachts auch keinen Zugang zur Toilette hatte und ihm als er um 3 Uhr morgens pinkeln musste keine andere Wahl blieb, als dies am Busch im Vorgarten zu erledigen. Kann man ja mal machen, aber wenn man sich mitten im Wohngebiet befindet und es schon wieder taghell ist, kommt es einem doch irgendwie nicht ganz anständig vor.

Nach dem gemeinsamen Frühstück gab U. Tilmann noch eine alternative Routenempfehlung bis in die nächste größere Stadt Rovaniemi, die eine kleine Verschnaufpause von der E75 bot und nicht an der Küste entlang, sondern gleich ins Landesinnere führte. Eigentlich hatten wir nie so richtig gute Erfahrungen mit Empfehlungen gemacht auf der Reise, aber da die Route sogar ein paar Kilometer kürzer war, entschloss Tilmann sich schließlich doch ihr zu folgen.

Jetzt musste allerdings zunächst noch der Schlauch repariert werden. Wie schon beim letzten platten Hinterreifen in Polen, konnte Tilmann auch diesmal wieder keinen Übeltäter im Mantel entdecken und vermutete im Zusammenhang mit der geringen Größe des Lochs daher, dass im Mantel irgendwo ein winziger Splitter stecken müsse, der sich nur ganz allmählich durcharbeitet. Da der Schwalbe Antiplatt, der seit unserem ersten Dubai-Aufenthalt rotierte ohnehin nicht mehr taufrisch war, entschied sich Tilmann diesen aufzugeben und wieder den noch immer mitgeführten Allmotion Evolution aufzuziehen. Der sah trotz seiner rund 11.000 km immer noch unglaublich gut aus; Wahnsinns Reifen!

Wegen des ausgiebigen Frühstücks mit anschließender Beratung, dem Reifenwechsel und einem unnötig langen Aufenthalt in dem absurd großen Hypermarket „Prisma“ kam Tilmann erst am frühen Nachmittag los, als es prompt zu regnen begann. Zwar hörte dieser bald auf, aber jedes Mal sobald sich Tilmann wieder in Bewegung setzte, setze auch der Regen wieder ein. Er fuhr diesem also hinterher. Ein Blick auf den Regenradar bestätigte dies und zudem, dass über der E75-Route kein Regen hinwegzog. Sollte es sich etwa schon wieder bewahrheiten, dass man besser ohne gut gemeinte Ratschläge fuhr? Es kam schon der Gedanke auf, auf die andere Route umzukehren, was allerdings nun insgesamt 40 km mehr bis Rovaniemi bedeutet hätte. Außerdem verriet ein Blick aufs Radar, dass der Regen einfach nach Osten weiter zog, die Route aber in Kiiminki scharf nach Norden abbog. Es sollte also passen. Nun, schließlich begab es sich, dass Tilmann nördlich von Kiiminki ca. 20 km genau entlang der Regenkante fuhr, allerdings auf der nassen Seite.

So ganz furchtbar viel bekam er aber zum Glück nicht ab und schließlich war der Regen vorbei und ein Schild, dass Nordfinnland als Rentierzuchtgebiet auswies erschien am Straßenrand. Und tatsächlich stand nur einen Kilometer weiter ein Rentier mit seinem Jungen auf der Straße. Es sollte nicht die letzte Begegnung dieser Art bleiben und bald war klar, dass Rentiere für Nordskandinavien das sind, was Kamele für den Orient sind.

Auch hier, schon nah am Polarkreis waren noch überall kleine Dörfer und einzelne Hütten zu finden. Das hatte Tilmann so nun wirklich nicht erwartet. Allerdings traf er trotzdem niemanden an und musste so noch viel länger als eigentlich gewollt weiterfahren, um vor der Schlafplatzsuche noch Wasser aufzutreiben. Schließlich sah er in einem Haus endlich doch jemanden am Fenster und klopfte kurzerhand. Es handelte sich um ein altes Ehepaar und der Herr öffnete in Unterwäsche die Tür. Seine Unterhose bedeckte sein Gesäß nur zur Hälfte, aber seiner Frau, die das im Gegensatz zu ihm in jedem Fall hätte wahrnehmen müssen, schien daran nichts zu finden.

Wenig später, es war sicher schon 10 Uhr, entdeckte Tilmann eine momentan unbesuchte Hütte, die ein Stück abseits der Straße an einem Fluss lag. Da der Schuppen offen stand, entschied sich Tilmann nicht das Zelt aufzubauen, sondern es sich in eben jenem bequem zu machen. Ein Fehler! Denn nach und nach drangen immer mehr Moskitos durch Ritzen und Spalten ein und als Tilmann infolge dessen bis 1 Uhr keinen rechten Schlaf gefunden hatte, stand er wieder auf und baute auf der Veranda nun doch das Zelt auf, da die Wiese inzwischen schon reichlich feucht vom Tau war. Daher ging es wiederum nur mit dem Innenzelt, was nicht wirklich optimal war. Denn da er bereits ein Stück weiter nördlich war, war es auch schon wieder ein Stück heller, was nach der Aufregung der Tiefe des Schlafs nicht wirklich zuträglich war.

Am nächsten Vormittag war bald Lappland erreicht, während die Straße nach Rovaniemi angenehmerweise fast verkehrslos da lag. Erst die letzten Kilometer vor der Stadt, die traumhaft an der seegroß ausgedehnten Mündung des Ounasjoki in den Kemijoki gelegen ist, musste Tilmann auf die Schnellstraße 20 abbiegen, auf der sich nun auch mehr und mehr deutsche und vereinzelt norwegische Wohnmobile nach Norden arbeiteten. Bis dahin hatte er kaum einmal länger angehalten, denn erstens blieb die Landschaft in gewohnter Monotonie, es gab also so gut wie nichts anzugucken, 2. gab es nach wie vor keinerlei Bänke, auf denen man eine kurze Verschnaufpause hätte einlegen können und 3. begannen die Schnarken und Mücken, die eine inzwischen fortwährend umschwirrten, umgehend auf einen einzuhacken, sobald man es wagte, auch nur kurz inne zu halten.

Die drei warmshower-Hosts in Rovaniemi hatten nicht auf die Übernachtungsanfrage reagiert und so musste Tilmann die Stadt erst noch hinter sich bringen, obwohl er mit 120 km schon einigermaßen bedient war. Am nördlichen Ende der Stadt war es dann so weit: Der Nordpolarkreis war erreicht und damit gemäß heute aus der Mode gekommenen Definitionen die Arktis. Die Polarkreise sind auf beiden Hemisphären jeweils jene Breitengerade, an denen die Sonne im Sommer (21. Juni) genau einen Tag nicht hinter dem Horizont verschwindet bzw. im Winter (21. Dezember) genau einen Tag nicht den Horizont überschreitet. Je weiter man sich am nördlichen weiter nach Norden bewegt, desto mehr Tage ist dieses Phänomen zu erleben.

Direkt auf dem Polarkreise, wurde hier in Rovaniemi ein Weihnatsmanndorf als Touristenattraktion errichtet, welches das ganze Jahr über geöffnet ist. Zum Glück war es aber bereits 20 Uhr und damit der Ladenschluss schon eingetreten. Es war also nicht mehr viel los außer rangierenden Wohnmobilen unter denen nun überwiegend deutsche auszumachen waren.

Auf der Komoot-Karte war in etwa 15 km Entfernung eine Campingmöglichkeit an einem See eingezeichnet und so schwang sich Tilmann schnell wieder auf sein Reisestahl. Dort angekommen entpuppte sich die Campinggelegenheit als eine Ansammlung von Holzhütten, die entweder durch zugeschraubte Türen stillgelegte Toilettenhäuschen oder ungemütlich düster-schmuddelige Grillhütten waren. Es waren zudem noch einige andere Bade- oder Angelgäste anwesend und die E75, der inzwischen wieder gefolgt werden musste, dröhnte im Hintergrund.

Dennoch, es war spät und Tilmann müde, es sollte schon passen. Nach Baden, Umziehen, Ketteputzen und Kochen war es also an der Zeit das Zelt aufzubauen, aber die Mücken nervten schon wieder gewaltig und der Platz hatte zunehmend an Charme verloren. Zwar war es inzwischen nach 12, aber die Lust hier den Rest der Nacht zu verbringen hatte sich nun vollständig in Luft aufgelöst.

Daher entschied sich Tilmann doch noch einmal weiter zu ziehen und ggf. einfach noch einmal die Nacht durchzufahren. Nach wenigen Kilometern stellte er jedoch fest, dass dies auch keine Option sein konnte und bog in einen Waldweg ab, der zu einem Wanderparkplatz wies. Vielleicht gab es dort ja eine geeignete Hütte als Shelter. So weit musste er dann aber gar nicht mehr fahren, denn bald erschien rechter Hand eine Art Parkplatz, vermutlich für einen Forstarbeitsgerät, der jedoch verlassen da lag. Mücken gab es hier zwar auch, aber unser treues Zelt Edwin ist ja zum Glück schnell errichtet. Die relative Ruhe hier ließ wenigstens noch ein bisschen Schlaf zu.

„Wie spät ist es? Ach egal, ist ja eh die ganze Zeit hell. Wo bin ich? Ach egal, sieht ja eh überall gleich aus! Und weit ist es ja sowieso immer noch bis zum Nordkapp.“ Weiter und weiter immer gen Norden war die Devise. Die Landschaft änderte sich kaum, dafür tauchte versteckt hinter einem Restaurant Parkplatz nach einer halben Tagesetappe zumindest mal eine Bank mit Tisch auf. Lange Verweilen wollte man jedoch nicht, denn von Süden rollte ein Gewitter heran. Dafür kam aus Norden ein kräftiger Gegenwind entgegen. Es gelang Tilmann dennoch dem Gewitter unbeschadet zu entkommen. Während des nahezu pausenlosen Strampelns, hatte er sich auch endlich erschlossen, was es mit den roten Plastikrohren auf sich hatte, die links und rechts der Straße senkrecht aus dem Boden wuchsen. Ihre anfängliche relative Seltenheit hatte ihn vor ein paar Tagen noch glauben lassen, es könnte sich um Kabelkanäle handeln. Natürlich handelt es sich in Wahrheit um Markierungen für den schneereichen Winter, und die teilweise Recht großen Abstände zwischen ihnen rühren lediglich daher, dass sie ständig abbrechen und ihre Überreste sich wohl Stück für Stück im Mikroplastikkreislauf einfinden. Alles andere also, als eine nachhaltige Art der Fahrbahnmarkierung, die dennoch leider in ganz Skandinavien verbreitet ist. Ein Schmunzeln vermögen hingehen die Schneemobilweg-Schilder zu erzeugen, wenn man sich bei 27°C und strahlender Sonne durch die immergrünen Wälder bewegt.

Über derlei Dinge nachgrübelnd war der 453. Tag der Reise schon längst zur Nacht geworden, wovon aufgrund des Sonnenstandes freilich nicht viel zu merken war, als ein Schild den Weg zu einem Aussichtsturm in einem Naturschutzgebiet im Moor wies. Vielleicht konnte man ja dort auch zelten. Konnte man nicht und das Fahrrad hätte man ohnehin kaum über die morschen Planken des 500 m langen Zugangs durch das Moor wuchten können. Der kurze Spaziergang hatte sich aufgrund des Abwechslung bietenden Landschaftserlebnis dennoch gelohnt.

Danach dauerte es auch nicht mehr lange bis ein geeigneter Zeltplatz am See gefunden war und aufgrund der vorangeschrittenen Zeit und dem fast wolkenlosen Himmel, konnte Tilmann auch die erste Mitternachtssonne genießen, die ein munteres Glitzern auf der vom Wind aufgewühlte Wasserfläche tanzen ließ.

Nicht nur Finnland ist groß, ganz Skandinavien ist es. Da man ja weiß, dass aufgrund der noch immer viel verwendeten Merkator-Projektion alles viel größer wirkt, als es tatsächlich ist, je weiter es sich auf einer derart projezierten Karte im Norden befindet, kann man der Vorstellung verfallen, dass Skandinavien in Wirklichkeit ja viel kleiner sei. Zwar ist es wirklich nicht so gewaltig, wie es den Anschein macht, groß ist es aber dennoch. Das merkte Tilmann nun, als er sich weiter und weiter in Richtung Norden bewegte und noch immer so viel Weg bis zum Nordkapp übrig war.

Es kamen ihm nun immer mehr Radfahrer entgegen, mit ihm schien jedoch niemand dem Nordwind entgegen zu strampeln. Die Erklärung hierfür ist leicht, denn bestimmt 90% der Radreisenden in Skandinavien sind Deutsche, von denen wiederum 90% auch zum Nordkapp wollen. Da sie entsprechend in Deutschland starten, reisen sie durch Schweden hoch und durch Finnland wieder zurück. Sie waren also alle schon oben gewesen und zudem oftmals gar nicht mehr so austauschbedürftig, da es in Norwegen unzählige Tourenradler gibt, wie Tilmann bald selbst feststellen sollte, es also bereits genug Möglichkeiten zum Austausch gegeben hatte.

Kam es doch zu Gesprächen, dann fluchten die meisten darüber wie eintönig Finnlands Norden doch sei und Tilmann konnte ihnen nur mitteilen, dass dies die nächsten 1.200 km noch so weitergehen würde.

Zwischendrin wurde der Baumbestand jedoch plötzlich wesentlich karger und es stellte sich für ein paar Kilometer eine echte Fernsicht ein. Schon nahm Tilmann an, dass er nun nördlich genug war, um endlich einen nachhaltigen Landschaftswechsel zu erleben, was das Radfahrergemecker noch weniger angemessen hätte erscheinen lassen. Dann stellte sich jedoch schnell heraus, dass es lediglich an der Anhöhe gelegen hatte und bald war Tilmann zurück im ewigen dichten Fichtenwald.

Aufgrund der Helligkeit war es eigentlich egal zu welcher Uhrzeit man jetzt fuhr und so ergab es mehr Sinn sich nach Wind und körperlichen Ups und Downs zu richten. Oder man fuhr halt einfach durch. Nachts im Städtchen Ivalo angekommen, gelang dann endlich noch einmal ein Clue in Sachen Containern. Die Beute war reichlich und abwechslungsreich und wären die Ladekapazitäten ausreichend, so hätte Tilmann sich für eine ganze Woche eindecken können. Das Hinweisschild 303 km bis Murmansk (RU) ließ Tilmann mit dem Gedanken „vielleicht beim nächsten Mal“ links liegen.

In Inari an einem Supermarkt, wo wegen des erfolgreichen vornächtlichen Besuchs der Hinterrampe eines Lebensmittelgeschäfts lediglich die Wasservorräte an dem in Finnland üblichen Waschbecken neben dem Pfandrückgabeautomaten aufgefüllt werden musste, beschwerte sich doch tatsächlich ein Radfahrer, der vom Nordkapp kam über die mangelnde Rücksichtnahme der finnischen Verkehrsteilnehmer. Jetzt reichte es aber! Der sollte mal von Rumänien über Serbien nach Bosnien fahren!

Abgesehen von dieser Begegnung traf Tilmann an diesem Vormittag erstmals einen Radfahrer, der ebenfalls nach Norden unterwegs war und sich in seinen Windschatten hing. Da er auch nach 20 km die Führungsarbeit nicht übernehmen wollte, hielt Tilmann an um ihn anzusprechen. Dieser sprach jedoch kein Englisch, tat so als ob er nicht verstünde und fuhr auch nicht weiter. Bei der nächsten Gelegenheit legte Tilmann daher eine unnötige Pause ein, um die Nervensäge loszuwerden.

Es war inzwischen kalt geworden, Regenwolken hatten sich zusammen gebraut und der Gegenwind hatte noch einmal an Intensität zugelegt. Abwechselndes Windschattenfahren hätte also durchaus Sinn ergeben. Schließlich setzen auch erste Regenschauer ein, die gelegentliche kurze Stopps erforderlich machten, allerdings gab es auch nicht wirklich etwas zum Unterstellen. Immerhin war die Landschaft kurzzeitig mal wieder etwas interessanter geworden, wo sich der riesige Inari-See mit allerlei Inselchen und aus ihm ragenden Granitfelsen schmückte.

Dort, wo man die E75 schließlich nach Westen verlassen muss, steht auch das erste Hinweisschild zum Nordkapp (343 km), und justament klärte der Himmel unvermittelt wieder auf. Ein gutes Omen? Es blieb jedenfalls nicht lange dabei und bald tröpfelte und windete es wieder vor sich hin. Dafür wurde es auf dem Weg zur norwegischen Grenze nun reichlich hügelig.

Mal wieder mitten in der Nacht erreichte Tilmann dann das Grenzörtchen Karigasniemi, wo er noch eine Nacht auf der finnischen Seite verbringen wollte, um am nächsten Morgen noch einmal im Vergleich zu Norwegen verhältnismäßig günstig einkaufen zu können. Um nicht lange suchen zu müssen schlug er sein treues Edwin direkt neben einem ungenutzt wirkendem Weg auf, musste dafür allerdings noch einige junge Kiefernbäumchen ausrupfen. Na ja. Kurz bevor er ins Zelt kroch sah er zwar keine Mitternachtssonne, dafür aber einen Regenbogen. „Sicher ein gutes Omen, aber ich muss jetzt echt mal pennen“, dachte Tilmann.

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