389 km 🇫🇮

Höchstleistung auf unserer Fahrradweltreise

Tag 442 bis 443 (18.06. bis 19.06.23)
Distanz: 389 km (∑ 23.533 km)
Höchster Punkt: 220 m
Tiefster Punkt: 40 m
Rauf: 3.180 m
Runter: 3.060 m

Tilmann hatte sich bis zu diesem Augenblick verboten sich die bisher zurückgelegte Strecke auf seiner Navigationsapp anzuschauen. Jetzt, als er um 2 Uhr morgens (Reisetag 443) auf einem Seitenweg mitten im Wald irgendwo in Südfinnland in der einsetzenden Morgendämmerung eine Instant-Nudelsuppe und einen Kaffee kochen wollte, hielt er die Spannung aber nicht mehr aus. Um sich selbst noch ein wenig auf die Folter zu spannen, checkte er jedoch zuerst noch seine Nachrichten. Schon vor fast 6 Stunden hatte Karl gefragt, wie weit er gekommen und ob er gut untergekommen war. Tilmann musste grinsen. Jetzt aber! Na, immerhin! Erstens ein neuer Rekord und zweitens: Schon einen relevanten Teil der Strecke geschafft! Es könnte klappen, lächelte er in sich hinein!

Als Tilmann am Morgen des 442. unserer Reise nach nur 2 Stunden Schlaf die Augen aufschlug, war es taghell und mit 25°C viel zu heiß, aber erst 4 Uhr. Ananas-Gin und Bier-Cola lagen ihm noch schwer im Magen und im Kopf. An weiteren Schlaf war nicht zu denken und so wälzte er sich noch ein paar Stunden in der oberen Etage des Stockbetts von Karls Kindern hin und her. (Als diese ein paar Stunden später kamen und erfuhren, dass ein Mann, der sicherlich gepupst hatte, in ihrem Bett geschlafen hatte, mussten die Betten neu bezogen werden. Bei Julia, die in der unteren Etage genächtigt hatte, wurde übrigens nicht davon ausgegangen, dass sie pupste.)

Völlig unfit raffte sich Tilmann trotzdem gegen Nachmittag auf, wieder das Fahrrad zu besteigen, während Julia mit Karl vereinbart hatte, am nächsten Tag mit ihm im Auto zu unserem nächsten Ziel zu fahren, sofern das Fahrrad in den Kofferraum passte.

Unser gemeinsames Ziel: Neu Planig. So haben Karl und sein Bruder ihr Sommer-Domizil getauft, zu Ehren ihres Heimatdorfs Planig (Stadtteil von Bad Kreuznach) im schönen Rheinland-Pfalz. Am Ende der Straße an einem fast einsamen See irgendwo in den tiefen finnischen Wäldern, der nächste Ort Vesanto ist 20 Kilometer entfernt, haben die beiden ein kleines Hüttendorf errichtet, einen Steg gebaut, Gemüsebeete angelegt und selbstverständlich darf in Finnland die Sauna nicht fehlen.

Per Fahrrad und Auto machten wir uns nun auf den Weg dorthin. 389 Kilometer von Karls Wohnung in Helsinki nach Neu Planig. Tilmann startete wie gesagt an Tag 442, Julia und Karl am Tag 443, wir erwarteten uns am Tag 444. oder 445. wieder zu sehen. Fast 400 Kilometer mit dem Fahrrad, dafür braucht ein normaler Reiseradler 4 Tage und so waren auch wir bisher unterwegs gewesen.

Die Abfahrt in Helsinki verlief ziemlich schleppend. Erst konnte sich Tilmann, verkatert und müde wie er war, ewig nicht aufraffen und als es dann um 16 Uhr endlich los ging, war er zunächst erstaunt und genervt, wie hügelig es in Helsinki doch zu ging. Beim übernächsten Supermarkt holte er sich erst einmal einen halben Liter Energy-Drink und ein Eis und schwang sich widerwillig wieder aufs Rad. Es machte immer noch nicht sonderlich viel Spaß, sodass er nach wenigen weiteren Kilometern, unter dem Vorwand nach einer warmshowers Gelegenheit zu schauen, erneut anhielt. Die nächste befand sich in Lahti, das noch etwa 85 km entfernt war. Nein, lieber nicht! Nachher schafft man es nicht bis dort und dann hat man umsonst die Pferde scheu gemacht. Eigentlich hatte er bereits jetzt keine Lust mehr aber ein wenig sollte schon noch gehen.

Wie er so eine Weile gefahren war, kam er so langsam doch in Schwung und es lief immer besser. Einige zehn Kilometer vor Lahti war dann Zeit für die erste Pause zur Nahrungsaufnahme, die er, weil er nirgendwo eine öffentliche Bank oder etwas ähnliches erspähen konnte, schließlich reichlich uncharmant auf dem Boden einer Parkbucht sitzend verbrachte (es sollte übrigens bis zur Ankunft in Neu-Planig so bleiben mit dem Mangel an öffentlichen Bänken.) Wenigstens lud die Ungemütlichkeit auch nicht zum langen Verweilen ein, sodass er schnell wieder unterwegs war.

Und ehe er sich versah, hatte er schließlich doch schon Lahti erreicht. Das bedeutete, dass er schon fast 100 km weit gekommen sein musste, es war etwa 11. Obwohl es noch immer ziemlich hell war, die Sonne war gerade erst untergegangen, waren die Straßen menschenleer, schließlich war ja auch Sonntagnacht. Es bot sich also theoretisch die Möglichkeit zu containern, aber die Tonnen hinter sämtlichen Supermärkten waren eingeschlossen.

Dann also einfach weiter. Das hügelige Geländeprofil war übrigens kein auf Helsinki beschränktes Phänomen, die gesamte Route blieb erstaunlich hügelig. Wobei das Erstaunen natürlich nur auf mangelnde Vorbereitung zurück zu führen ist. Das Finnland im ganzen einfach nur flach sei ist eine Mär.

Dass die Landschaft dennoch relativ eintönig ist, trifft hingegen zu. Tilmann fuhr, während es bis 12 noch ein wenig dämmeriger wurde und danach schon wieder heller, durch endlose Fichtenwälder, durch deren Geäst hin und wieder mal ein See schimmerte. Auch monoton aber hübsch anzuschauen: Die endlosen pink-lils Lupinien am Straßenrand. Leider eine invasive Neophyte. Am meisten Abwechslung boten da tatsächlich die Steigungen, die einige Male tatsächlich bis zu 10% betrugen. Diese waren jedoch immer kurz genug, um nicht ernsthaft ins Schwitzen zu kommen. 

Eine weitere gelegentliche Zerstreuung boten tierische Begegnungen, die sich gleich mehrfach ergaben. Dies waren jedoch weder Elche noch Wölfe noch Bären sondern Dachse, von denen Tilmann gleich drei oder vier traf. Wir hatten auf unser bisherigen Reise zwei oder drei überfahrene am Straßenrand gesehen und Tilmann wissentlich überhaupt erst einmal im Leben einen lebendigen in freier Wildbahn. Den ersten hatte er noch für einen Vielfraß gehalten, die zwar ebenfalls in Finnland vorkommen, allerdings eher im Norden und sie gelten als äußerst scheu und daher zivilisationsmeidend.

Mehrere Stunden war Tilmann vollkommen alleine auf der Straße. Erstaunlich war dennoch die hohe Anzahl an Häusern und Hütten, wo doch ganz Finnland weniger Einwohner hat als Berlin und Hamburg zusammen. Die Erklärung ist wohl, dass jede*r Finne*in, die*r es sich leisten kann, eine Sommerhütte, auf Finnisch Mökki, besitzt. So kommt vielleicht auf jede*n Einwohner*in eine bewohnbare Baustruktur.

Irgendwann in der tiefsten Einsamkeit, wurden die Beine langsam doch etwas müde und der Magen begann zu knurren. Die zweite Pause war nötig und wir kommen zum Anfang dieser Geschichte zurück, der sich in der Gemeinde Harrola ereignete. Der erste notwendige Schritt beim Einlegen der Pause bestand darin eine Räucherspirale zur Mückenabwehr anzuzünden. Es geht selten anders im Sommer im skandinavischen Inland, leider kein Klischee. Nachdem im Anschluss Instant-Nudelsuppe und Kaffee gekocht war, war der Moment gekommen auf den Kilometerzähler zu schauen. 168, nicht übel. Damit waren schon über 40% der Strecke geschafft. Vielleicht könnte er es tatsächlich an einem Stück durchziehen! Ein Versuch war es wert.

Nach der Pause war es allerdings kühl geworden, was insofern ungünstig war, als dass Tilmann Anteile seines Gepäcks, die er als nicht dringend erforderlich erachtet hatte, bei Karl gelassen hatte, damit dieser sie im Auto mitbringen würde. Darunter Waren auch seine Schuhe, da er seit dem Anstieg der Temperaturen mit Schlappen zu fahren pflegte. Auch ein dickes Paar Socken fehlte.

Was aber zufällig mit an Bord war, waren die schönen Strick-Stulpen seiner Tante Godela, die er seit Mitte April 2022 nicht mehr getragen hatte. Entsprechend waren sie auf dem Boden der Tasche angelangt und entsprechend noch mit dabei. Neben der Kälte begann langsam der Hintern zu schmerzen, sodass es ratsam schien mal wieder die gepolsterte Radlerhose anzuziehen. Weil er sich aber jetzt schon Plastiktüten um die Füße gewickelt hatte, die von den Stulpen zusammengehalten wurden, hatte er keine Lust die Hose noch einmal auszuziehen und zog die Radler(unter)hose deshalb kurzerhand über die Hose.

Um sechs Uhr morgens, nach weiteren ca. 60 km, stapfte er in dieser Montur allen Ernstes in eine Tankstelle, um Wasser aufzufüllen und einen Snack einzunehmen. Der Kalorienbedarf war ins unermessliche gestiegen und der Magen wollte stets frisch gefüllt werden. Da sich die Finnen auf dem Land modisch im Durchschnitt allerdings auch nicht gerade durch ausgesprochene Stilsicherheit auszeichnen, konnte Tilmann keine irritierten Blicke feststellen.

Kurz vor Jyväskylä, es war inzwischen 7:30 Uhr mussten der mangelnde Schlaf der vorangegangenen Nächte und den 250 km in den Knochen aber schließlich der Tribut gezahlt werden. Als die Augen begannen zu zufallen entschied Tilmann, dass das Risiko eines müdigkeitsbedingten Unaufmerksamkeitsunfalls ja nun weiß Gott nicht eingegangen werden müsste, bog von der E75 ab und suchte sich ein gediegenes Plätzchen in Schatten neben einer Mökki am Riihijärvi-See. Das Zelt baute er nicht auf, denn die Mücken hielten sich hier erstaunlich vornehm bedeckt und döste ein paar Stündchen vor sich hin.

Um 11 Uhr war die nötigste Erholung erreicht und nach Brunch und einer kurzen Erfrischung im See konnte es endlich weiter gehen. Zunächst schienen die Batterien erstaunlich gut regeneriert, aber das Leistungsniveau der ersten 170 km wollte sich nicht wieder vollständig einstellen. Hatte er sich vielleicht doch übernommen? Musste er doch ein Platz für das Zelt suchen, um sich richtig zu erholen? Noch lief es erst einmal weiter.

Nach ca. 320 km, es war natürlich längst wieder so warm, dass die etwas alberne Kostümierung hatte abgestreift werden können bzw. hatte es nach dem Bad die Möglichkeit gegeben die Radler(unter)hose unter die Hose zu ziehen, erreichte Tilmann einen mächtigen Strom, der allerdings nur fast so lang wie breit war, wo nämlich das torfig-bräunliche Wasser des Vatianjärvi-Sees in den Saaravesi fließt.

Mit den auditiven Eindrücken dieser Kulisse entschied sich Tilmann eine weitere kleine Rast einzulegen, um die letzten 70 km dann am Stück, also nur noch unterbrochen von Pinkel- und schnellen Kalorienzufuhrpausen zu unterbrechen. Ein versuchtes Nickerchen wollte jedoch nicht gelingen und so machte er sich bald wieder auf den Weg, die Hügel herauf und herab seinem Ziel entgegen.

Zu etwa der selben Zeit brachen nun Julia und Karl in Helsinki mit dem Auto auf. Julia hatte sich am Vormittag noch etwas in der Stadt herumgetrieben, während Karl noch arbeitete. Und tatsächlich passte Julias Fahrrad ins Auto und neben vielem anderen Transportgut, konnten auch die neuen Saunasteine, die in Finnland zum Standardsortiment jedes Supermarktes gehören, noch mitgenommen werden.

Tilmann hatte sich seit seiner letzten Rast wieder eisernes Tachometer-Verbot verordnet, während er sich nun stoisch seinen Weg weiter entlang arbeitete. Was er wusste: Die letzten 12 km würde er sich eine Schotterpiste entlang arbeiten müssen, dann hätte er es fast geschafft! Von diesem Kilometerrestprogrammspickverbot nicht betroffen waren die Angaben für die Distanz zum nächsten Richtungswechsel. Es tat inzwischen ganz schön weh mit anzusehen wie langsam die nächste Kreuzung oder Abfahrt auf einen Fahrradweg näherrückte. Um sich selbst auszutricksen, zählte Tilmann die Kilometer immer ganz besonders pessimistisch im Kopf mit herunter, um dann vom nächsten Blick auf das Navi ganz entzückt zu sein. Das klappte aber nur mäßig, da er einerseits wirklich nicht mehr besonders schnell unterwegs war und sich andererseits der versuchten Selbsttäuschung viel zu bewusst war.

Die Sonne begann sich langsam wieder dem Horizont anzunähern und die Landschaft flog nun weitestgehend unbeobachtet in Tilmanns Augenwinkeln vorbei. Schließlich war die Sonne so tief, dass sie zu blenden begann, was bedeutete, dass es eigentlich so spät sein musste, dass er bald den entscheidenden Abzweig erreicht hatte.

Und tatsächlich, da war er! Fast geschafft! Ein kurzer Check, wo Julia und Karl inzwischen waren ergab: Noch 45 km! Wenn es jetzt gut lief und die Fahrbahnbeschaffenheit keine Spielverderberin sein würde, konnte Tilmann es vielleicht sogar schaffen noch vor seinen Freunden in Neu-Planig einzutreffen.

Julia und Karl ahnten bereits, dass Tilmann bei seiner letzten Statusabfrage dem gemeinsamen Ziel schon recht nah war oder es vielleicht bereits erreicht hatte. Seine knappe und detailarme Ausdrucksweise hatte ihn verraten. Karl hatte bereits die Überwachungskameras in Neu Planig überprüft, doch dort war bis jetzt nur ein Vogel zu entdecken. Und dann das: Nur Kilometer vor dem Ziel am späten Abend des 443. Tages entdeckten die beiden einen Radfahrer auf der Schotterpiste. Ja, es war Tilmann.

Letztlich hatten Kräfte und vor allem Zustand der Straße diesen letzten Triumph nicht mehr zugelassen. Die letzten zwei Kilometer musste er sogar schieben, um nicht so kurz vor dem Ziel noch einen Felgenriss oder ähnliches zu riskieren.

Dennoch war er mit seiner Leistung mehr als zufrieden: 389 Kilometer und über 3.000 Höhenmeter in nur 31,5 Stunden obwohl er bei seinem Aufbruch in Helsinki arg in den Seilen hing und sich schon nach den ersten 15 km über einen adäquaten Schlafplatz gefreut hätte. Einzig, dass er keinen gebührenden Empfang, indem Julia und Karl Tilmann bei seiner Ankunft zujubelten trübte den Triumph ein wenig. Aber Karl war es daran gelegen das Auto schnellstmöglich zu entladen und Julia packte natürlich mit an. 

So waren wir schon viel früher als noch 1,5 Tage zuvor gedacht wieder vereint und freuten uns auf ein paar erholsame Tage, die für Tilmann nun viel länger ausfallen würden können als gedacht. Sonnwend stand vor der Tür und wenn es irgendwo einen perfekteren Ort zum Ausspannen geben sollte, dann kann man sich zu Recht fragen, wo dieser denn sein möge. Und ein bisschen mit anpacken hatten wir Karl schließlich ebenfalls noch zugesagt.

Wir sollten allerdings bald lernen, dass wir eine vollkommen falsche Vorstellungen der uns bevorstehenden Tage gemacht hatten. Karls Verhalten bei unserer Ankunft hätte uns ein warnendes Omen sein müssen. Denn Neu-Planig ist erst am Enstehen. Und seine Gründerväter gehen bei seiner Errichtung, sagen wir nicht zimperlich vor.

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Hier könnt ihr unsere bisher zurück gelegte Route und (meistens) unseren aktuellen Standort sehen.

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6 Gedanken zu “389 km 🇫🇮

  1. Ich weiß auch nicht was Kinder immer haben mit dem Pupsen.
    Mir wurde Mal erlaubt in einem Bett zu schlafen aber nur unter der Maßgabe, dass ich nicht zu viel pupse. Die Eltern wurden verpflichtet mir diese Bedingung auszurichten! ☝️

      1. Was sollte mir denn noch zum Thema fremder-Pups-im-eigenen-Bett-Phobie einfallen? 🤔🤷

      2. Sorry die Texte sind immer so lang und voller Inhalt… ich hingegen bin mit kurzen inhaltslosen SMS augewachsen. 🙈

        Die Leistung ist absolut bewundernswert und ich finde die anderen hätten das mehr huldigen sollen, statt einfach das Auto auszuladen 🙄

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