von freundlichen bis lästigen begegnungen 🇱🇹🇱🇻

Radfahren in Litauen und Lettland: Eine etwas holprige Angelegenheit

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Tag 431 bis 436 (7.06. bis 12.06.23)
Distanz: 457,4 km (∑ 22.667 km)
Höchster Punkt: 220 m
Tiefster Punkt: 20 m
Rauf: 2.430 m
Runter: 2.610 m

Nun hatten wir bereits in Polen die litauische Gastfreundschaft genießen dürfen und sollten davon auch noch mehr bekommen, doch zunächst begrüßte uns das Land an unserem 431. Reisetag mit einem Stück Schotterpiste kurz nach der Grenze, die wir auf einer kleinen Straße im Wald überquerten. Auf ein Hinweisschild, dass wir uns nun in einem neuen Land befanden, hatte man verzichtet. Schengenraum-Grenzübertritte können schon ziemlich langweilig sein.

In den ersten Dörfern fiel uns auf, dass die Häuser und Gärten nicht besonders gepflegt waren, was im Kontrast zu den ordnungsliebenden Polen besonders ins Auge stach. Als wir gegen Mittag in den etwas größeren Ort Kalvarija kamen, nahmen wir wahr, dass auch eine größer als zufällig erscheinende Anzahl von Passant*innen keinen besonders gepflegten Eindruck machten. Dafür waren sie sehr interessiert an uns, wir wurden wieder mehrfach angesprochen, was wir seit unserer Rückkehr in die EU eigentlich kaum noch erlebt hatten.

Wir hatten wahrscheinlich die denkbar ungünstigste Route gewählt, nämlich auf direktem Weg über Riga nach Tallinn. Wir wollten am 17. Juni die Fähre nach Helsinki nehmen und da blieb uns nicht viel anderes übrig. Doch wir merkten schnell, dass wir damit nicht nur uns quälten, sondern auch dem Baltikum nicht gerecht wurden. Wir strampelten uns entlang der Hauptverkehrsrouten, was aufgrund fehlender Seitenstreifen und rüdem Verhalten besonders durch Schwerlaster äußerst unangenehm war. Der Witz daran ist, dass es sich um einen Teil des Euro-Velo 13 (von Grensen, Finnland nach Rezovo, Bulgarien) handelt, der allen ernstes regelmäßig über die Europastraße 67 führt, die keinen Seitenstreifen aufweist.

Doch einmal auf dieser Route gab es quasi keine Alternative mehr. Sobald man die Hauptstraßen verließ landete man bald auf kaum befahrbaren Schotterpisten mit wahlweise sehr lockerem Schotter oder Waschbrett-Charakteristik. Natürlich kämpften wir auch wieder mit Gegenwind, wie konnte es anders sein.

Besonders schöne Landschaften erblickten wir an unserem ersten Tag in Litauen auch nicht, es ging entlang an langweiliger Feldern, manchmal Kiefernwälder und durch nicht besonders ansehnliche Ortschaften. Der Tag zog sich und unser für den Abend anvisiertes Ziel an einem kleinen See stellte sich als das Brutgebiet einer Mücken-Mega-Metropole heraus, weshalb Tilmann schnell floh und Julia über die Nichteignung dieses Spots informierte. Zusammen hielten wir etwas ratlos zwischen den Feldern, dem Friedhof und dem Kirchhof nach einem anderen Platz Ausschau. Genau genommen waren natürlich überall Mücken, doch erstaunlicherweise konnten schon 5 Meter einen großen Unterschied in der Konzentration machen. Um die Platzsuche nicht unnötig auszudehnen, beschlossen wir bei einem kleinen Bauernhof zu fragen, ob wir dort auf der Wiese zelten könnten.

Die Familie war sehr nett, bejahte gleich unser Anliegen, zeigte uns Wasser und Plumpsklo und ließ uns dann erstmal in Frieden. Der Sohn agierte als Dolmetscher. Nachdem wir nun schon einige unserer Sachen auf der Wiese ausgebreitet hatten, fiel den Dreien ein, dass sie ja noch eine kleine Hütte hatten, die wir nun als Schlafplatz angeboten kamen. Wir nahmen dankend an.

Während Julia am nächsten Tag weiter der geplanten Route folgte, unternahm Tilmann noch einen Ausflug nach Kaunas. Rund um die Memel war die Landschaft nun schöner, hügelig und bewaldet, durchsetzt mit kleinen Seen (Mückenalarm!) und führte lange Zeit am Fluss entlang. Der Verkehr wurde etwas weniger, doch die Laster, die Kies umherfuhren, donnerten ohne auch nur einen Zentimeter Abstand zu nehmen an kleinen Fahrradfahrern vorbei, selbst wenn kein Gegenverkehr kam, also genug Platz gewesen wäre, sodass man den Eindruck gewann, hier wolle jemand sein Revier markieren. Julia fuhr am Südufer der Memel entlang und nahm die Fähre bei Vilkija, wofür sie zunächst die beiden bierbäuchigen und oberkörperfreien Fährmänner in ihrem Kabuff wecken musste. Tilmann hingegen blieb, nachdem er Kaunus erkundet hatte, nichts anderes übrig als die dortige Brücke zu nutzen und die Memel am Nordufer zu befahren, da Julia versäumt hatten ihm das Fährgeld in bar auszuhändigen als ob sie nicht wolle, dass er es Charon aushändigt.

Der Ausflug nach Kaunas hatte sich nicht besonders gelohnt. Sicher, die Altstadt und die St. Peter und St. Paul Kathedrale waren ganz hübsch aber auch nicht weltbewegend. Hinzu kam, dass der Weg in die Stadt ihn endlos in der prallen Sonne an stark befahrenen Hauptstraßen entlang führte und der offizielle Fahrradweg am rechten Ufer der Memel sich bald in eine solcher unkomfortablen Schotterpisten mit Waschbrettmuster verwandelte. Am bemerkenswertesten war somit vielleicht die Begegnung mit einem Österreicher vor der Kathedrale, der unbedingt ein paar Aufnahmen von Tilmann machen wollte. Beim Thema Reisen gab er an, dass er der erste Mensch gewesen sei, der alle Länder der Erde bereist habe. Das eigentliche Highlight in Kaunas ereignete sich allerdings beim überqueren der Neris über die Petras Vileisas Brücke. Diese ist aufgrund ihrer ungewöhnlichen Farbgestaltung mit orangen Pylonen und gelben Geländer schon für sich ein gewisser Hingucker. Nun begab es sich aber zudem, dass die Brücke gerade von einem Fußgänger genutzt wurde, der in oranges Oberkleid und gelber Hose, in der Brückenfärbung exakter Entsprechung, gewandet war. So etwas erlebt man nicht aller Tage.

Am Abend trafen wir uns an einem sehr schönen Zeltplatz am Flussufer der Dubysa, den Julia entdeckt hatte. Kurz vorher war Tilmann von einer Einheimischen angehalten worden, die zuvor das Instagram-Tag auf seinem Fahrrad entdeckt, nach uns gegoogelt und schließlich entschieden hatte, dass sich eine Kontaktaufnahme lohnen würde. Denn sie sprach fließend Deutsch und das sollte schließlich gepflegt werden. Als Tilmann ihr erklärte, dass wir uns über Litauen kaum informiert hatten und quasi auf direktem Weg nach Riga bzw. Tallinn waren, war sie regelrecht erschüttert, wo wir doch so die Schönheit des Landes nicht im mindesten würdigen könnten. So bat sie ihn wenigstens noch am Nahe gelegenen Friedhof vom Rad zu steigen und einen Blick in das fabelhafte Dubysa-Tal zu werfen. Er versprach dieser Bitte nachzukommen und hielt Wort. Da wir von unserem Lagerplatz brav ein Foto auf Instagram posteten, hatten wir unsere neue Followerin hoffentlich einigermaßen besänftigt. Recht hatte sie sicher. Natürlich folgten in alter Tradition ihrem Storypost mit uns und entsprechender Verlinkung unseres Kanals keine über uns hereinbrechenden Neu-Follower-Wellen.

Nach einem erfrischenden Bad im Fluss hätte der Abend eigentlich perfekt ausklingen müssen, hätte nicht noch der Umbau unseres MSR WhisperLite Kochers von Gasbetrieb auf Benzinbetrieb angestanden. Da Campinggas in diesen Breitengraden maßlos überteuert ist und außerdem ja auch noch jede Kartusche eine Portion Abfall extra darstellt, entschieden wir wieder mit Benzin zu kochen, obwohl dies bei diesem Modell viele Nachteile mit sich bringt: 1. Kochen mit Gas ist angenehmer, da die Hitzeregulierung einfacher ist. 2. Nach dem Kochen mit Benzin ist der gesamte Kocher verrußt und muss aufwendig gereinigt werden. 3. Das Transportieren und Hantieren mit Benzin führt häufig dazu, dass doch etwas daneben geht und man Handschuhe braucht oder gründlich Hände waschen muss. 4. Die sich angeblich nach korrektem Vorheizen einstellende blaue, rußfreie Flamme stellt sich nicht ein, sodass auch der Topf erheblich einrußt. Das gilt in dieser starken Ausprägung wie gesagt für unser Model, womit wir hiermit von jenem abraten. Immerhin hatte Tilmann mittlerweile einen Flaschenhalter am Fahrradrahmen, um dort (und nicht in der Tasche) die Benzinflasche zu transportieren, wie es die allermeisten Radfahrer ebenfalls tun.

Doch das mit dem Umbau wollte nicht klappen, genauer gesagt, der Umbau klappte, aber die Pumpe funktionierte nicht. Das letzte Mal hatten wir vermutlich in Georgien mit Benzin gekocht, da lief er noch, im Rahmen der oben genannten Einschränkungen, einwandfrei. Die Pumpe musste also in der Tasche schaden genommen haben. Nach langem Versuchen, gab Tilmann auf. Die Kartoffeln lagen schon geschält und geschnitten im Topf und wären roh leider nicht genießbar gewesen. Was für ein Glück, dass just in dieser Situation ein Mann mit Kind und Hund des Weges kam, der Hilfe anbot. Obwohl wir nur missmutig grummelten, dass unser Kocher kaputt sei, wir aber nicht wüssten, wie man uns helfen könne, wollte er nicht aufgeben und bot uns an, uns zumindest etwas Grillkohle zu bringen, damit wir schnell ein Feuer entfachen konnten. Unser Abendessen war gerettet und wir waren sehr dankbar. Es war natürlich trotzdem spät geworden, doch als wir um halb 12 ins Zelt krabbelten, war immer noch ein Lichtstreifen am Himmel. Uns war klar: Richtige Dunkelheit würden wir nun für eine ganze Weile nicht mehr erleben, wir kamen langsam dem Norden näher.

Auch Tag 433 bescherte uns Gegenwind, der Verkehr war zwar nicht sehr stark auf dieser Strecke, dafür holperten wir über zahlreiche Schlaglöcher und durch Spurrillen. So richtig Spaß machte es nicht und wir gaben auf, bevor wir unser angedachtes Ziel erreicht hatten. Zwischen den Feldern und kleinen Dörfer entdeckten wir auch keinen einladenden Schlafplatz, der uns etwas Windschutz geboten hätte und beschlossen bei Leuten zu fragen, ob wir nicht in einem der hübschen Obstgärten ein Plätzchen einnehmen könnten. Wir bogen also in einen kleinen Seitenweg ein, entdeckten einen hübschen Garten neben einem gepflegten Haus, jedoch keine Menschen. Während wir diskutieren, kam hinter einem Nachbargebäude, dass eher wie eine Scheune aussah, ein glatzköpfiger Mann hervor und schien ganz begeistert, ob unseres Auftauchens. Sogleich bot er uns seinen Garten an, die Scheune war tatsächlich sein Wohnhaus. Der Garten dazu war hübsch angelegt und bot um eine Feuerstelle herum auch einige Sitzplätze. Wir fanden einen etwas windgeschützten Platz und während er und seine Frau (die nur einen Bademantel trug und kaum noch Zähne hatte, obwohl die beiden wahrscheinlich erst Mitte 50 waren) die Nachbarn besuchten, wuschen wir uns in seinem Gewächshaus, in dem es angenehm warm war.

Leider wollte uns der Hausherr nach seiner Rückkehr nicht mehr von der Seite weichen, warf immer mehr Holz ins Feuer, obwohl wir längst gekocht hatten (unser Kocher ging ja weiterhin nicht) und ins Bett wollten, drängte Bier mit ihm zu trinken, wurde immer betrunkener und vergaß darüber einen angenehmen Mindestabstand einzuhalten. Er behauptete zwar er spräche Spanisch, da er in Spanien gearbeitet hatte, doch über drei Wörter kam er nicht hinaus, mithilfe dieser Fremdsprache war also kaum Kommunikation möglich. Russisch zu sprechen lehnte er grimmig ab. Vielleicht konnte er es, aber er wollte sich offenbar in keiner Weise mit dem derzeitigen Machthaber in Russland gemein machen. So blieb uns noch die Zeichensprache, die sich schnell erschöpfte. Irgendwie schüttelten wir ihn dann doch noch ab, indem wir ihm erklärte, am nächsten Morgen früh aufzubrechen, da der Wind am Morgen schwächer sein würde.

Was wir letztendlich auch taten und damit dem Wind etwas entgingen, aber nicht der Kälte. Als Belohnung für unser frühes Aufstehen besuchten wir in Siauliai ein Bäckerei-Café für ein zweites Frühstück und stärkten uns damit für die Weiterfahrt an der E77. Zwischenzeitlich zog Tilmann Julia nun mit einem Strick, da sie wirklich nicht mehr gegen den heftig Wind ankam, wir aber weiter kommen wollten. Trotzdem gönnten wir uns zwei lange Mittagspause, eine mit Mittagsschlaf im Garten eines verlassenen Hauses und eine im Restaurant, um erst am Abend weiterzufahren, sobald der Wind wieder weniger wurde. Lang genug hell war es, wie gesagt, ja. So schafften wir es an diesem Tag noch bis zur Grenze von Lettland und beschlossen auch genau dort, sozusagen neben dem Grenzstein zu zelten. Es war eh schon spät und wir wollten wieder früh los, die Ansprüche an den Zeltplatz waren also nicht besonders hoch. Die dortige Wiese (noch in Litauen) war völlig ausreichend.

Am Nachbarhaus (in Lettland) fragten wir noch nach Wasser. Der verlottert aussehende junge Mann mit schütterem Haar und aknevernarbten Wangen gab uns gerne Wasser und befragte Tilmann ausgiebig zu seinem Bart. Er ließe seinen ja nun auch seit einigen Jahren wachsen, hätte aber immer noch keine Frau gefunden und wollte deshalb wissen, ob Tilmann bereits den Bart hatte, als wir zusammen kamen. Wir sicherten ihm zu, dass es bestimmt noch klappen würde mit den Frauen (ohne daran wirklich zu glauben) und sagten ihm, dass wir nebenan zelten würden. Er meinte noch, dass sei kein Problem, er könne uns leider nicht zu sich einladen, wegen seines Vaters (den wir nicht zu Gesicht bekamen).

Unser Glück, dass aus der Einladung nichts wurde, denn als wir am nächsten Morgen um 5 aufstanden, kam der Mann offensichtlich stark betrunken zu uns herüber und ging uns derart auf die Nerven, dass wir beschlossen zu flüchten und woanders zu Frühstücken. Er kam mit Cola und Jack Daniels, die er abwechselnd zu sich nahm und uns auch davon anbot, während er Kette rauchte. So erfuhren wir noch, dass seine Familie bei der Mafia sei, wobei er uns nicht sagen konnte, ich welchem Geschäftszweig sie tätig waren, sondern uns nur erklärte, es sei wie bei den „Sopranos“, was uns vermuten ließ, dass er die Serie einfach cool fand und deswegen sich einbildete, er sei auch bei der Mafia. Er jammerte uns außerdem etwas vor, dass er seine Wohnung verloren hätte und nun hier im Grenzgebiet in seinem Elternhaus hause. Mittlerweile drängte sich bei uns der Verdacht auf, dass die Eltern schon mumifiziert in ihren Betten lagen und er noch deren Rente einstrich, was auch erklärt hätte, warum wir nicht eingeladen wurden. Er wünsche sich eine Ehefrau, aber es wolle einfach nicht klappen, was sicherlich mehr an seinem Alkoholismus und seiner problembehafteten Vita als an seiner Gesichtsbehaarung lag, die allerdings auch äußerst ungepflegt das Gesamtbild vervollständigte. Endlich hatten wir unsere Sachen verpackt und einige seiner Fragen patzig beantworten und konnte fliehen. Frühstück und Kaffee bekamen wir dann in Lettland und das Fahren am frühen Sonntag lief recht flüssig, sodass wir zuversichtlich waren heute, wie geplant, Riga zu erreichen.

Beim Versuch in Eleja zu containern blieben wir hingegen erfolglos. Nach kurzem Aufenthalt in Jelgava machten wir uns an die letzten 45 Kilometer bis Riga, wo wir uns diesmal ein Hostel „gönnten“, weil wir keinen host über warmshowers oder couchsurfen gefunden hatten. Das war recht ärgerlich, hatten wir doch diesmal besonders früh angefangen mit der Suche und jeden möglichen User kontaktiert. Besonders auf couchsurfing erwarten viele Teilnehmer ja, dass man sich Mühe gibt bei der Anfrage und verabscheuen copy and paste Anfragen. Manche sind sich nicht mal zu blöd irgendwo in ihren Profilen ein Code-Wort unterzubringen, dass dann in der Anfrage zu benennen ist und eben nur bei aufmerksamer Profilstudie entdeckt werden kann. So gaben wir uns diesmal wie gesagt besondere Mühe, jedoch ohne Erfolg. Während man auf couchsurfing meistens zumindest eine Antwort erhält, liegt die Rückmeldungsquote auf warmshowers bei gefühlt nicht mehr als 20%. Aber Moment, wir hatten ja eine Zusage in Riga. Doch als unser potentieller Host es fünf Tage nach erfolgter Zusage endlich schaffte seinen Standort zu schicken, stellten wir verwundert fest, dass er mit Nichten in Riga wohnte, wie sein Profil den Anschein erweckte, sondern 80 km nordwestlich von der Stadt. Als wir daraufhin erklärten, dass sein Wohnort nicht auf unserer Route läge, verstummte er.

Andererseits waren wir nach den letzten Kontakten mit Einheimischen auch froh, mal unsere Ruhe zu haben, hatten aber vergessen, dass in europäischen Hostels immer eine äußerst seltsame Stimmung herrschte. Das Personal dort war so professionell abgewixt, dass sie immer nur den immer gleichen Erklärungstext runterbeteten, keinerlei Small-Talk zuließen, immer mit einem aufgesetzten Lächeln herumliefen und den abgrundtiefen Hass auf ihre Gäste nur dann durchblicken ließen, wenn man eine der ca. 77 Regeln missachtete (beispielsweise Tasse nicht sofort abgespült). Als Tilmann kurz nach der Ankunft den Putzmann, der mit getönter Brille auf der Nase gerade auf unserer Etage die Wäsche abhing, fragte, ob es ok sei hier kurz das Zelt zum trocknen aufzuhängen, raunte der angesprochene nur mit genervt aggressivem Tonfall „Administration“. Trotz zeigen des Zeltes und entsprechender Zeichensprache, was den Sachverhalt ausreichend allgemein verständlich machte, beharrte er mit verdrehten Augen auf der Hinzuziehung der Administration. Diese bestätigte zwar natürlich, dass der Wunsch kein Problem sei, wies ihren unfreundlichen Unterwiesenem trotz Tilmanns Hinweis auf sein Benehmen leider nicht zurecht.

Die Gäste hingegen huschten wie in allen Hostels in europäischen Reisestädten völlig verschreckt durch die Gänge, versuchten bei jedem Gruß die Augen schnell abzuwenden, um ja keine Sozialkontakte mit anderen Reisenden aufzunehmen und die Küche nur möglichst kurz zu nutzen, weshalb Instant-Stinky-Noodle-Soups hoch im Kurs waren. Warum das alles so ist, verstehen wir nicht und versuchen es unserseits mit Freundlichkeit zu überspielen. In Hostels im Iran haben wir ganz andere Sitten erlebt. Dort war zum einen das Personal zumindest etwas freundlicher, was jedoch gravierend anders war: Die Gäste interessierten sich füreinander, man kam ständig ins Gespräch und erfuhr viel über die Reisen der anderen.

Nun gut, wir wollten sowieso unsere nächsten Schritte planen und nicht networken (höchstens online) und fügten uns damit gut in diese unsoziale Hostel-Community ein. Tilmann wollte zudem sein Fahrrad fit machen für die Nordkapp-Eroberung, bevor wir in das skandinavische Preisniveau weiterreisten. Wie schon im letzten Artikel angedeutet, führte das wieder einmal zu viel Augenverdrehen, mehreren Anläufen und nur unvollständig abgearbeiteter Erledigungslisten (ein Grund, weshalb sich Julia nicht daran beteiligte und lieber hoffte, dass alles schon halten würde). Im Endeffekt musste, obwohl wir längst nicht mehr im mittleren Osten waren, Decathlon herhalten, um bestimmte Einzelteile zu beschaffen. So lag am Ende immerhin eine neue Bremsscheibe, der entsprechende Centerlock Schlüssel, eine zweite Luftpumpe, ein Satz Mantelheber (bei den letzten Schlauchwechseln waren einige gebrochen), ein albernes kleines Schloss und ein Paar neue Bremsbeläge vor. Alles weitere wäre dann eben doch noch in Estland zu erledigen. Ok, schildern wir exemplarisch den Beschaffungsvorgang der Bremsbeläge am Tag unseres Aufbruchs aus Riga: Laden 1 und 2 (am Vortag): Fehlanzeige. Laden 3: Verkäufer unmotiviert und endlos arrogant, braucht ewige Telefonate, um den Preis zu ermitteln (12 Euro) und kann dann keine Kreditkartenzahlung akzeptieren, weil das Gerät noch nicht angeschlossen ist. Tilmann gönnt es dem ___ (bitte gewünschte Beleidigung selbst ergänzen) nicht noch einmal wiederzukommen (und Bankgebühren zu verursachen, denn Julia war mit allem Bargeld schon weiter Richtung Norden unterwegs) und fährt zu Laden 4. Dort liegt der Preis bei 14 Euro. Also noch einmal zum benachbarten Laden 5. Nach langer Suche werden die richtigen Beläge gefunden und mit 15 Euro veranschlagt. Also zurück zu Laden 4 und das Geschäft abgewickelt. Später noch zu Decathlon (Laden 6), wo es die Ware für 9 Euro gab.

Erst am Abend unseres zweiten Tages in Riga zogen wir los, die Stadt zu erkunden, die mit allerlei hübschen Bauwerken, doch ohne überzeugendes Stadtleben an diesem Sonntagabend etwas Museumshaftes hatte. Wir entdeckten eine Kulisse, die anscheinend für eine deutsche Filmproduktion auf dem Domplatz aufgebaut war, worauf die deutschen Autokennzeichen der Produktions-Fahrzeuge und Schilder in den Kulissen hinwiesen. Vielleicht wird es ja in nächster Zeit einen historische ZDF-Reihe geben, die in Riga spielt.

Noch immer hatten wir das in Ungarisch verfasste Manuskript unserer Gastgeberin am ersten Morgen in der Slowakei (zum Artikel) bei uns, da uns keine Ungarn über den Weg laufen wollten. Daher ersonnen wir den Gedanken, das Dokument einfach in den Briefkasten der ungarischen Botschaft zu werfen. Diese hatte jedoch gar keinen Briefkasten, aber selbst um 21 Uhr saß noch ein Pförtner im Foyer des Gebäudes, wo auch die kanadische Botschaft residierte. Tilmann trat ein und erklärte er habe ein Dokument für den Briefkasten der ungarischen Botschaft. Der Wachmann war keiner Fremdsprache mächtig, dafür hatte er jedoch offenbar seine Aggressionen schlecht unter Kontrolle und begann direkt zu pöbeln. „One second“ bat Tilmann und ging noch einmal hinaus, um die Adresse der Autorin auf dem Umschlag zu notieren. In dem Moment schloss die Torwache kurzerhand die Tür von innen ab und ignorierte von da an alles was davor passierte, also Klopfen, Winken und „Fuck you!“.

Obwohl einige unserer Begegnungen mit den Litauern etwas skurril bis nervig ausfielen, so konnten sie insgesamt auf jeden Fall mit Sympathie überzeugen (denkt nur an Vito und seine Tante, die wir noch in Polen treffen durften.) Den Letten sollte es nicht wirklich gelingen, uns für sie einzunehmen. Vermutlich juckte sie das aber auch nicht.

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18 Gedanken zu “von freundlichen bis lästigen begegnungen 🇱🇹🇱🇻

  1. Sehr schön in Szene gesetzte Helmhalterung😉 . Landschaft sieht sehr schön nach Sommerurlaub aus👍.

    1. Die Helmhalterung hat es dir angetan. Als Dank für treue Leserinnen wie dich, bieten wir den Bau und Installation deiner ganz eigenen Helmhalterung an deinem Holland-Rad an 😄

      1. 👌mega, aber ich trag meinen Helm ja immer schön auf dem Kopf 🤔

      2. Da ich gerade in Holland bin, könnte ich ein Helmhalterung gebrauchen. Liefert ihr auch? 😂

  2. Der Typ mit den zur Brücke passenden Klamotten ist ja echt der Knüller. Ich meine: Was muss man normalerweise nehmen um so etwas zu sehen!?

    Komisch, so schlimm wie ihr das beschreibt waren mir Hostels in Europa bisher nicht vorgekommen.

    1. Ich hatte ihn drauf angesprochen aber er hat nur ausweichend reagiert.

      Bei uns ging das schon letztes Jahr im April los in Bratislava. Im Iran waren die Hostels viel angenehmer in jeglicher Hinsicht.

      1. Du findest Hostels schlimm? Auf niederländischen Campingplätzen… da machen alle nur ihr eigenes Ding. ☝️

        Bis auf den obligatorischen Gruß bei der ersten Begegnung lassen sich hier alle völlig in Ruhe.

        Ich gewinne langsam den Eindruck, dass auch die Leute hier auch ganz schön spießig sein können und nicht nur die Vorgärten

      2. ja aber man teilt die Sanitäreinrichtungen und man hängt auf dem Zeltplatz direkt nebeneinander ab. Die räumlichen Nähe macht es manchmal echt anstrengend sich gegenseitig zu ignorieren.
        zumal sich ja alle brav freundlich grüßen wenn sie Blickkontakt haben. Also ich finde das weird.

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