Wir verlassen das polnische Karpatenvorland auf unseren Patria-Rädern und erreichen bald die pulsierende Stadt Lublin
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Tag 415 bis 421 (22.05.23 bis 28.05.23)
Distanz: 259 km (∑ 21.317 km)
Höchster Punkt: 640 m
Tiefster Punkt: 200 m
Rauf: 2.280 m
Runter: 2.540 m
Radfahren in Südostpolen war ein Traum. Von euren Steuergeldern frisch geteerte Straßen mit wenig Verkehr. Die Auto- und LKW-Fahrer*innen verhielten sich äußerst respektvoll uns gegenüber, manchmal fast ein bisschen übervorsichtig. Wir wurden zwar nicht mit Geschenken überhäuft, aber immer Mal wieder mit kleinen Aufmerksamkeiten bedacht. Gelegenheiten dazu boten sich, wenn wir nach Trinkwasser fragten. Das war der einzige Wehrmutstropfen am Radreisen in Polen: Mit den öffentlichen Trinkwasserzapfstellen war es nun endgültig vorbei. So mussten wir fast immer Privatpersonen nach dem köstlichen polnischen Leitungswasser fragen. Ergänzend bekamen wir da schon Mal ein Stück Kuchen oder 2 Bier. In den Genuss unseren Oooaahh Lappen mal ordentlich auszuwaschen oder Obst und Gemüse zu putzen kamen wir auf diese Weise allerdings nicht mehr.
Ohne es zu wissen, stießen wir auf den Green Velo, einen über 2.000 km langen Fahrradweg durch den Osten und Nordosten Polens (Woiwodschaften Karpatenvorland, Lublin, Podlachien, Ermland-Masuren), und blieben diesem eine Weile treu. Er führt nicht nur durch sehr hübsche Landschaften, sondern wartet auch alle 10 bis 20 Kilometer mit einem von der EU-geförderten Rastplatz, wo an alles gedacht wurde außer an Wasserversorgung. Und dies obwohl manche direkt neben Häusern liegen und die Installation eines Wasserhahns sicherlich im Bereich des Möglichen wäre. Wie so häufig nahmen wir uns vor, an die entsprechenden Entitäten diese Anregungen zu senden, was wir allerdings doch nie umsetzten. Die Rastplätze waren trotzdem für uns angenehm, nicht nur zum Rasten, sondern auch zum Übernachten. Am 22. Mai zelteten wir dann auch an einem dieser Rastplätze, wogegen niemand etwas einzuwenden hatte. Wir hatten an diesem 415. Tag der Reise allerdings feststellen müssen, dass wir uns im Hinblick auf die Bezwingung des „Laboreky Priesmyk“-Passes als von uns angenommene letzte ernstzunehmende Steigung bis Lappland getäuscht hatten. Das polnische Karpaten-Vorland hatte uns auch noch einmal einiges abverlangt. Außerdem wurden wir wieder einmal ermahnt uns vor dem europäischen Braunbären in Acht zu nehmen, wenn auch nur per Warn-Schild.







Auch die Wälder boten schöne versteckte Plätze zum Zelten. Versteckt vor Menschen, aber nicht versteckt vor Mücken. Das in unserer Unterkunft in Sighisoara geklaute Autan war bald leergesprüht und es blieb uns nichts anders übrig, als zügig ins Zelt zu kriechen, um nicht aufgefressen zu werden.
Wenn wir nicht an gigantischen Johannisbeerfeldern vorbei fuhren, aus denen das beliebte Sirup gewonnen wird, dass bei keinem polnischen Frühstück fehlen darf, staunten wir über die akribische Ordentlichkeit der polnischen Gärten. Nicht, dass uns die Mischung aus Geradlinigkeit und Gartenzwergarmeen besonders gefiel, aber in Sachen Akkurates konnte den Polen niemand etwas vormachen. Niemals vorher hatten wir so saubere und gepflegte Gärten gesehen. Da saß jede Rasenkante, jeder Topf stand im genau gleichen Abstand zum nächsten, jeder Busch und Baum war wie Spritzgebäck in die vorgesehene Form gegossen. Schön, naturnah oder insektenfreundlich war das freilich nicht, allerdings sahen wir immerhin keine Schottergärten. Wohl aber gelegentlich außerordentlich bedauerliche Roundup-Massaker.










Grundsätzlich überzeugt von der handwerklichen Tüchtigkeit der Polen, waren wir jedoch etwas verwundert, als wir bei einer Autowerkstatt Hilfe bei der Demontage von Tilmanns Pedalen ersehnten, der zum Geburtstag mit neuen versorgt worden war. Die beiden Kfz-Schlosser legten nur kurz Hand an, als es aber auf Anhieb nicht gelang, die verbackenen Gewinde zu lösen, ließen sie schnell davon ab und verschwanden wieder in ihrer Werkstatt. Das nervte in doppelter Hinsicht, denn Tilmann hatte sich eigentlich nur den passenden Schlüssel leihen wollen und damit selber Hand angelegt.
Bleibt schließlich noch von der wenig überraschenden Beobachtung zu berichten, dass es in Polen von Kirchen, Wegekreuzen und Papst Johannes-Paul II Staturen nur so wimmelt. Ja die Polen sind nun einmal sehr katholisch und offenkundig noch immer mächtig stolz auf ihren Papst, der sich mit 26 Jahren und 5 Monaten am zweitlängsten in diesem Amt behaupten konnte. Die jüngsten Enthüllungen, dass er als Erzbischof den sexuellen Kindesmissbrauch seiner Priester gedeckt hat, tun seiner Popularität offenbar keinen Abbruch. Die PiS-Partei hat es sich im Wahlkampf für die anstehenden Parlamentswahlen in Polen im Herbst zur Aufgabe gemacht sein Ansehen zu schützen, um daraus eigenes Kapital zu schlagen.














Weil wir fließendes Wasser vermissten und eine Pause von den Mücken ersehnten (immerhin gab es noch genug Stiche, an denen wir zu kratzen hatten), freuten wir uns auf unseren bevorstehenden Stadt-Aufenthalt in Lublin, der jedoch als kleines Fahrrad-Gepäck-Desaster in Erinnerung bleiben wird, da wir für die 4 Tage bei zwei verschiedenen Gastgebern unterkamen. Diese wohnten an diametral gegenüberliegenden Stadtteilen, dennoch jeweils im Wohnblock im 5. Stock, der entweder nur übers Treppenhaus, oder über einen winzigen Aufzug zu erreichen war. Beim ersten Gastgeber mussten wir neben den Taschen auch unsere Räder über den Aufzug hochkant in den 5. Stock befördern. Beim zweiten wuchteten wir sie die Kellertreppe hinab, um sie dann in Tetris-Manier im winzigen Kellerabteil zu verstauen. Erst als wir feststellten, dass unser Gastgeber Nr. 2 sein Tout-Terrain-Reiserad am Handlauf vor dem Häuserblock angeschlossen hatte, ging uns auf, dass unser Untergrund-Verbergen wohl gar nicht unbedingt nötig gewesen war. Abgesehen von diesem Schlep, dass uns fast den letzten Nerv raubte, waren beide Gastgeber sehr warmherzige Menschen, die uns liebevoll in ihren wirklich kleinen Wohnungen aufnahmen und mit durchfütterten.
Zunächst waren wir bei einer 5-köpfigen Familie, die in 3 kleinen Zimmern wohnt und trotzdem eines für uns frei räumte. Auch das Paar, bei dem wir anschließend unterkamen, wohnte in 2 kleinen Zimmern und stellte trotzdem eines gerne für Gäste zur Verfügung. Etwas beengt war das ehrlich gesagt schon, vor allem sobald wir noch unser ganzes Gerümpel dazu stellten, doch mehr überzeugte uns die Großzügigkeit und Solidarität, die wir so nicht aus Deutschland kennen.
Der Samstag in Lublin fühlte sich an, wie ein ganz normaler Samstag aus unserem früheren Leben. Julia ging mit Magda und Michal zum Markt, sie kauften Kartoffel, Erdbeeren und frisches Brot, anschließend wurde ein Mittagessen zubereitet. Nachmittags ging Julia zusammen mit Magda zu einem Filmfestival und sie sahen einen Film über junge Frauen, die verzweifelt versuchten sich in der syrischen Gesellschaft zu emanzipieren. Abends wurde dann nochmal gekocht und wir redeten ausführlich mit unseren Gastgebern.
Michal hatte auch einiges zu berichten, denn er ist im Auftrag der Organisation Fundacja Ocalenie tätig, als einzig festangestellter und damit bezahlter Beschäftigter. Ansonsten arbeiten dort viele Ehrenamtliche, die in den Wäldern an der belarussischen Grenze nach Flüchtlingen suchen, um ihnen zu helfen. Sie bringen ihnen Essen, Wasser, Medikamente, Kleidung und im Jahr 2023 natürlich auch Power Banks. In den Wäldern verstecken sich viele Menschen aus arabischen und afrikanischen Ländern. Um sich nicht des Menschenhandels schuldig zu machen, bleibt es bei dieser Form der Unterstützung; Michal und seine Kollegen helfen den Waldmenschen nicht bei der Weiterreise.
Nicht nur die Helfer suchen nach ihnen sondern auch der Grenzschutz. Obwohl Push-Backs in der EU verboten sind, bringen die Grenzpolizisten die Menschen dann einfach zurück nach Belarus. Polen hat zuletzt ein Gesetz erlassen, dass Push-Backs erlaubt. Obwohl dies eindeutig dem EU-Recht widerspricht, schreitet Ober-Ursel mit ihren 26 Kommissaren nicht ein, sondern lässt das alles wissentlich aber stillschweigend geschehen. Insgeheim freuen sich die Brüsseler-Bürokraten wohl darüber, dass im fernen Osten jemand den Drecksjob übernimmt.
Auch zivile Grenzpatrouillen werden bei der Suche nach Geflüchteten mit einbezogen. Deshalb verstecken sich die Menschen tief in den dichten Wäldern, bis sie eine Möglichkeit bekommen, mit einem Fahrer aus dem Grenzgebiet gebracht zu werden. Laut Michal trinken einige aus Mangel an Bezugsquellen für sauberes Trinkwasser aus den dortigen Oberflächengewässern und erkranken so teils schwer. Die Grenze ist an vielen Stellen mit einem massiven Zaun absichert und mittlerweile auch fast durchgehend mit Videofallen ausgestattet.
Michal berichtete uns, dass die Geflüchteten wiederum ihm von teils massiver Gewalt durch belarussische und polnische Beamte und auch die zivilen polnischen Grenzpatrouillen berichten. Die Verletzungen, die einige Menschen tragen scheinen diese Erzählungen zu belegen. Gewalt und Mangelversorgung haben auch nach offiziellen Angaben schon zu 37 Todesfällen in den Grenzwäldern geführt. Die polnische Oppositionelle Janina Ochojska und Europaparlamentarierin hat allerdings die Vermutung geäußert, dass die Zahl der Toten und vor allem Getöteten weitaus höher liegt und sogar ein Massengrab für 300 Tote ausgehoben worden sein könnte. Die polnische Bevölkerung ignoriert die Problematik weitestgehend oder befürwortet das Regime der Grenzsicherung stillschweigend. Für die meisten Bewohner der Grenzregion scheint das Problem so fern wie in der 1.300 Kilometer westlich gelegenen Hauptstadt Europas. Ein interessanter Radiobeitrag zu dem Thema wurde aktuell im Deutschlandfunk ausgestrahlt.
Auch wir sollten einige Tage später auf unserem Weg nach Litauen einen Flüchtling aus Kamerun treffen, wahrscheinlich hatten ihn Hunger und Durst zur Straße getrieben, wo er versuchte Autos anzuhalten. Da viele Polen in der Grenzregion sehr skeptisch gegenüber den Geflüchteten sind, war es vermutlich nicht verwunderlich, dass wir anhielten und nicht eines der vorbeifahrenden Autos. Der Mann war in offensichtlich schlechtem Zustand und trank gleich das Wasser, das wir ihm gaben und aß die Erdnüsse. Er fragte uns auch nach einer Power Bank. Wir konnten sowieso eine entbehren. Er verschwand dann mit Wasser, Erdnüssen, Bananen und Brot schnell wieder im Gebüsch und einmal mehr ärgerten wir uns später, dass wir ihm nicht noch mehr gegeben hatten. Die Geflüchteten an der Polnisch-Belarussischen-Grenze kann man allerdings auch aus der Ferne unterstützen, indem man für die Organisation Fundacja Ocalenie, für die Michal arbeitet, spendet. Zum Spendenaufruf gelangt ihr hier.
Nachdem wir nun bereits 3 Tage in Lublin waren und die hübsche Innenstadt nur im Vorbeifahren gesehen hatten, trauten wir uns am Sonntag endlich zu den touristischen Highlights und stellten fest, dass es eine sehr sehenswerte Stadt ist. Noch dazu bekamen wir eine individuelle Stadtführung von Dominik, den wir im November in Muscat kennengelernt hatten, als wir alle beim gleichen Couchsurfing Host Luke übernachteten. Das Wiedersehen war lustig und Dominik zeigte uns Besonderheiten, an denen wir sonst sicherlich vorbei gefahren wären. Dabei betonte er die außerordentliche Bedeutung der Stadt und einiger Bauwerke, die nach seinen Angaben allein und ausschließlich in dieser und jener speziellen Ausführung nur in Lublin zu finden seien. Eine Welteinmaligkeit jagte die nächste: beispielsweise, dass Treppen abwärts in eine Kirche führten und eine andere Kirche durch die spezielle Kombination von westlichem Baustil des Gebäudeäußeren (Gothik) und östlichem Kunststil im Innenraum (byzantinischer Stil) geprägt ist.
Auch ein weltweit einmaliges Galgenhäuschen sei am Stadtrand zu finden, denn normalerweise waren Galgenplätze nicht eingehaust. Zudem wurde in Lublin mit der Union von Lublin der Vorläufer der EU begründet, was Tilmann dann doch etwas zu weit der Behauptungen der Bedeutung dieser Stadt ging, aber wir nickten brav und sagten zu passenden Momenten „aaahhh“ und „ooohh“. Nach zwei Stunden Informationszufuhr eilte Dominik, der zwei Jobs hat und seine Großmutter pflegt, überraschenderweise schon wieder davon und wir waren froh, dass er uns ein bisschen seiner knappen Zeit geschenkt hatte. Ein weiteres Highlight der Moderne entdeckten wir dann bei unserer eigenständigen Erkundung der Innenstadt: Ein virtuelles „Portal“ von Lublin nach Vilnius, durch dass die beiden Städte mittels Kameras und Monitore miteinander verbunden werden. Ein Symbol der Einigkeit des vernetzten Planeten und zur Überwindung der Grenzen in den Köpfen.
Am Montag war dann wieder Zeit aufzubrechen, auch wenn Lublin mit seinen vielen Parks und Grünanlagen eine Stadt ist, in der man es auch gut und gerne länger aushalten kann. Aber appidappi muss immer in Bewegung bleiben und so war die eingelegte Pause uns eigentlich schon wieder mindestens einen Tag zu lang.
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Und immer das gesamte Sammelsurium an diesen Koniferen. Erinnert mich an die Zustände, die in „Grün kaputt“ angeprangert werden. Armes Land…