transitstaaten 🇭🇺🇸🇰🇵🇱

Ungarn und die Slowakei haben wir auf unserer Langzeit-Fahrradreise flux hinter uns gelassen, nicht jedoch ohne wieder auf wundervolle Gastfreundschaft zu stoßen

Tag 411 bis 414 (18.05.23 bis 21.05.23)
Distanz: 259 km (∑
21.317 km)
Höchster Punkt: 677 m
Tiefster Punkt: 130 m
Rauf: 1.530 m
Runter: 1.230 m

Gut, ihr habt es so gewollt, wir haben das Abstimmungsergebnis wunschgemäß umgesetzt: Tilmann sah uns beide schon beim Verhör die ganze Nacht auf der Wache verbringen und am Ende wegen einer schweren staatsgefährdenden Straftat ein Strafgeld von jeweils mindestens 1.000 Euro zahlen müssen. Wir hatten die lächerlichen Grenzsicherungsmaßnahmen zwischen Rumänien und Ungarn überwunden, die etwas irritiert dreinblickenden Einwohner*innen des Grenzortes Gabloc hinter uns gelassen und waren kurz hinter dem Dorf dem Grenzschutz ins Netz gegangen. Welch eine Torheit! Wo hatten wir uns überall rumgetrieben im vergangenen Jahr, welche Grenzen hatten wir ohne Probleme überwunden und nun das, mitten in Europa.

Die zwei ungarischen Grenzsicherungsbeamten zogen so eine Art Good-Cop-Bad-Cop-Nummer ab, sprachen zu unserem Erstaunen aber überhaupt kein Englisch. Wir taten so, als ob wir gar nichts verstünden und uns keiner Schuld bewusst wären. Beides war gelogen und sicher wussten das auch alle Beteiligten. Aber auf ihre per Googletranslator vorgetragene Frage hin, wann wir über die Grenze gekommen seien (dabei waren wir angeblich von einer Kamera beobachtet worden) antworteten wir trotzdem nur: „Wir waren uns keiner Illegalität bewusst!“. Auch räumten wir nicht ein, überhaupt in Rumänien gewesen zu sein und taten zudem so, als ob wir große Schwierigkeiten beim Bedienen des Übersetzungsprogramms hätten. Natürlich kamen wir uns in jeder Hinsicht reichlich dämlich vor und hatten tatsächlich große Angst zumindest vor einer empfindlichen Geldstrafe.

Es dauerte und dauerte, da die beiden Beamten das weitere Vorgehen mit ihren Vorgesetzten absprechen mussten. So hatten wir genug Zeit uns die schlimmsten Horrorszenarien auszudenken. Und dann war es so weit: Die Staatsmacht hatte ein Urteil gefällt und der jüngere Good Cop teilte uns dieses per digitalem Unterstützer mit: „Sie bekommen vor Ort ein Bußgeld und können Ihre Reise nach Deutschland fortsetzen!“ Das Bußgeld betrug 10.000 !!! Forint und damit etwas unter 30 Euro! Hatten wir uns kurz vorher noch zugeraunt, dass wir diese Episode niemandem erzählen könnten, konnten wir uns nun ein Grinsen nicht verkneifen und Tilmann feigste Julia zu: „Das müssen wir jedem erzählen!“ Ein illegaler Grenzübertritt zwischen Rumänien und Ungarn kostet also so viel, wie in Deutschland innerorts bis zu 10 km/h zu schnell mit dem PKW zu fahren. Wir waren erleichtert und schworen uns im selben Moment, nie wieder eine solche Dummheit zu begehen. Zum Ausfüllen des Knöllchens wurden noch die Namen unserer Mütter abgefragt. Wir kannten ja aus islamischen Ländern die Notwendigkeit zur Angabe des Namen des Vaters (im Iran z.B. zum Erwerb einer Sim-Karte). In Ungarn wird offensichtlich Wert darauf gelegt, zu wissen wer einem Übeltäter das Licht der Welt geschenkt hat. Jedenfalls sorry, Muttis: Ihr seid bei Orban jetzt aktenkundig als Mütter von illegalen Grenzübergängern.

Uns war eigentlich klar, dass Ungarn dieses Geld nie bei uns eintreiben würde können, denn schließlich waren wir ja nicht mehr in Deutschland gemeldet und hatten entsprechend auch wahrheitsgemäß keine Adresse angegeben. Das war den Grenzschützern übrigens ziemlich egal, da sie dieses alberne Intermezzo offenbar ebenfalls so schnell wie möglich beenden wollten. Wir entschieden uns dann aber die Zahlung trotzdem vorzunehmen, denn das hatten wir uns nun wirklich verdient.

Für den Tag hatten wir nun so oder so genug Kontakt mit der Staatsgewalt gehabt, und wollten daher kein weiteres Risiko eingehen. Da Wildcampen in Ungarn offiziell nicht erlaubt ist, wollten wir uns irgendwo die Erlaubnis holen, auf privatem Grund zu nächtigen. Das klappte erstaunlich gut: Im nächsten Ort hatte im Gemeindezentrum eine Tanzveranstaltung aufgehört und so konnten wir beim Ortsvorsteher vorsprechen. Der fackelte nicht lange und wies uns an, seinem weißen Kleinwagen zu folgen, dabei aber bitte unbedingt auf dem Fahrradweg zu bleiben, um uns in wenigen hundert Metern auf das Grundstück eines Bauernhofes, der offenbar auch die Funktion des Bauhofes inne hatte, zu führen. Dort war nicht nur eine schöne Wiese an einem Teich gelegen, sondern auch ein kleines Häuschen mit Nasszelle und Küche. Der Tag hatte doch noch ein gutes Ende gefunden!

Warum es dem Dorfvorsteher so wichtig gewesen war, dass wir in diesem, entschuldigt unser Deutsch, Kaff unbedingt den Radweg benutzten? Als wir nun durch den östlichsten Komitat Ungarns Szabolcs-Szatmár-Bereg in Richtung Slowakei fuhren, war unser Entzücken groß, über die Vielzahl an Radwegen. Es reichte den ungarischen Straßenverkehrsbehörden jedoch nicht das Schild „benutzungspflichtiger Fahrradweg“ (entsp. Zeichen 237 Anlage 2 StVO) aufzustellen. Parallel dazu wurde auf der „Auto“-Straße zudem das „Fahrräder verboten“-Zeichen aufgestellt. In Ungarn ging es also offensichtlich sehr gesittet zu.

Und ordentlich. Offenbar hatten wir an diesem Freitag einen „Die Bürger packen an“-Tag erwischt, denn in jedem Dorf sahen wir eifrige Menschen in Gruppen gemeinsam sauber machen oder Grünpflege betreiben. Einige hatten sich eigens Mottoshirts angezogen.

Trotz dem misslungen Start am Vorabend, gefiel es uns vorzüglich in Nordostungarn. Das Wetter war sonnig, windarm und nicht zu heiß, die Landschaft war lieblich und lag im satten Grün dar und durch diese ganze Wonne schlängelte sich die Theiß und einige ihrer Zuflüsse, denen wir immer wieder begegneten.

Da es nun regelmäßig vorkam bzw. der Regelfall geworden war, dass Tilmann weit voraus fuhr, wir aber trotzdem wegen Entscheidung bezüglich Weg und Pausen miteinander kommunizieren wollten, hatte Tilmann den scheinbar genialen Plan ersonnen, Julia mit Straßenkreide Hinweise zu hinterlassen. Die Kommunikation war auf diese Weise zwar grundsätzlich sehr einseitig, allerdings hatte auch Julia ein Stück Kreide, da es auch schon ein paar mal vorgekommen war, dass sie sich plötzlich, etwa aufgrund eines Verfahrers, Einkaufs oder Entdeckungsausflugs, vor Tilmann wiedergefunden hatte. Falls dieser Plan überhaupt gut geklungen hatte, so bestand er den Praxistest überhaupt nicht. Direkt die erste Marke, die Tilmann platzierte, als er im Städtchen Fehergyarmat geradeaus fuhr für einen Einkauf, übersah Julia. Als er sie dann wiederum hinter der Stadt nur im Augenwinkel am äußersten Rand eines kleinen Parks entdeckte (fast hätte er sie übersehen) war sein Erstaunen groß, wieso sie ihm keinen Hinweis hinterlassen hatte.

Wir versuchten das System in den kommenden Tagen noch eine ganze Weile, aber wir beide übersahen regelmäßig die Zinken des anderen und konnten es jeweils kaum fassen, war die Markierung doch eigentlich unübersehbar gewesen. Inzwischen haben wir das Projekt längst wieder eingestellt und haben uns irgendwie immer wieder gefunden bzw. die Vorzüge der genialen Erfindung des Internets genutzt.

Am 413. Tag unserer Reise hatten wir uns schließlich am Ufer der Theiß wiedergefunden und waren der Grenze zur Slowakei jetzt schon ganz nah. Dort nahmen wir die kleine Fähre für die wir extra an einer Apotheke 5 Euro in Ungarische Forint gewechselt hatten, wobei von diesen nach der Fährfahrt noch 4,40 Euro übrig blieben. Die restlichen Münzen hauten wir daher in der nächsten Dorfkneipe auf den Kopf und strampelten noch die letzten wenigen Kilometer bis zur Grenze. Wir waren jetzt im Schengen-Raum und so war die Grenze hier nur mit einem kleinen Schild markiert an dem wir einfach und ohne schlechtes Gewissen vorbeifahren konnten.

Da sich den Tag über gut 90 km in unseren Oberschenkeln angesammelt hatten, wollten wir nun aber nicht mehr viel weiter und stellten unser Zelt im Grenzörtchen Malé Trakany hinter dem Deich auf. Was so einfach klingt war ein relativ mühseliger Prozess, denn eigentlich hätten wir lieber in jemandes Vorgarten gezeltet, konnten uns aber mit den angetroffenen Einheimischen nicht verständigen. Dann überlegten wir eine Weile das Zelt auf einem abgesperrten Weg am Dorfrand aufzustellen, sahen aber das Restrisiko, dort des nachts über den Haufen gefahren zu werden noch als zu groß. Mit dem letztendlich gewählten Platz waren wir eher unzufrieden.

Da der Deich einen gewaltigen Schatten warf, erklommen wir ihn am nächsten Morgen um uns in die Sonne zu retten und die über Nacht in alles eingesickerte Feuchtigkeit loszuwerden. Dort wurden wir bald von zwei Spaziergängerinnen entdeckt, von denen uns Dora im flüssigen Englisch gleich in ein munteres Gespräch verwickelte. Warum wir denn nicht in eine der sehr günstigen Gästewohnungen im Ort gegangen seien? Wie schade, dass wir uns gestern nicht über den Weg gelaufen waren.

Schließlich lud die Krankenschwester, die 25 Jahre in Katar gearbeitet hatte noch in ihr Haus, in dem sie mit ihrer Mutter lebte, zum Frühstück ein. Es war eine schöne Überraschung. Mutter und Tochter, die wie die meisten Einwohner*innen des slowakischen Dorfes ungarischer Abstammung waren, waren freundlich und interessiert und durch ihre jahrzehntelange Katar-Erfahrung, konnten wir uns mit der Tochter ausführlich über unsere Erfahrungen in der arabischen Welt austauschen. Wir bekamen ein reichhaltiges Frühstück serviert und schließlich wollte sich noch ein fünfter Gast zu uns gesellen: das neugierige Huhn durfte zwar auf der Veranda auf dem Arm der Mutter sitzen, nicht jedoch wurde ihm Zutritt zum Haus gewährt. Zur Verabschiedung überreichte uns die Mutter noch eine von ihr geschriebene Interpretation der letzten in der Bibel geschilderten Ereignisse (wir hatten angegeben katholisch zu sein), doch natürlich war das Schriftstück in ungarischer Sprache verfasst. Sie bat uns, es an einen Gläubigen weiter zu reichen, der des Ungarischen mächtig wäre und da wir einen solchen Menschen auch über 2.000 km später noch nicht angetroffen hatten, wollten wir das Dokument schließlich an den Briefkasten der ungarischen Botschaft in Tallinn übergeben. Die hatte jedoch keinen Briefkasten und so reiste das Manuskript bis auf weiteres weiter.

Auch die Slowakei wollten wir auf schnellstem Wege durchqueren und hielten unbeirrt Kurs auf Norden. Am Fuße der Waldkarpaten beschlossen wir unser Nachtlager oberhalb eines kleinen Baches neben einer Bank-Tisch-Kombination aufzuschlagen. Nebenan befand sich irgendein Gewerbebetrieb, der aber zum Glück keine Nachtschichten fuhr. Auf der anderen Seite des Baches jedoch, so merkten wir bald, war eine Tierheim bzw. ein Hundeheim untergebracht.

Nachdem die erste Jaul-und-Bell-Tirade über uns hinweggerollt war, überlegten wir noch einmal ernsthaft einen Ortswechsel, sahen aufgrund voran gerückter Stunde und faktischer Alternativlosigkeit davon ab. Nachts nahm sich die Bande um Rex, Struppi, Balto und co. dann auch zum Glück zusammen. Am nächsten Morgen war die Ruhe aber vorbei und wir suchten schnell das Weite.

Wir schrieben den 21. Mai 2023 und damit Tilmanns 39. Geburtstag und damit den zweiten Geburtstag auf der Reise. Es gab sogar ein echtes Geschenk: Julia hatte keine Kosten und Mühen gescheut und nun bereits seit Mediasch ein Paar neue Pedale mitgeschleppt. Es sollte allerdings noch eine Weile dauern bis wir diese auch montiert bekamen.

In der nahegelegenen Tankstelle, die wir überwiegend für eine schnelle Körper- und Fahrradpflege aufsuchten, gab es jedenfalls keinen Maulschlüssel. Stattdessen bat der junge Tankwart Tilmann zu seiner eigenen Sicherheit die Fahrradpflege außerhalb des Rangierbereichs der Pkws durchzuführen. Da wir uns ansonsten ja Ewigkeiten in den Örtlichkeiten aufgehalten hatten und keine zahlenden Kunden waren, gingen wir schon davon aus, dem Tankwart schwerstens auf die Nerven zu gehen. Dem war aber offenbar nicht so, denn nach einer Weile kam er zu uns heraus, als wir noch mit dem Kette putzen beschäftigt waren und spendierte uns zwei Dosen Energy-Drink. Natürlich erkundigte er sich nach unserer Reise unseren nächsten Zielen und gab uns Tipps für die Route nach Polen.

Wir waren ja nun, wie schon gesagt im Ellenbogen der Karpaten angekommen und machten uns an den letzten ernsthaften Aufstieg bis voraussichtlich Lappland. Zum Glück sind die Waldkarpaten nahe des Dreiländerecks Slowakei, Ukraine, Polen weder besonders steil noch besonders hoch. Den Pass „Laboreky Priesmyk“ hatten wir also am frühen Nachmittag erreicht und damit auch die Slowakei nach nur anderthalb Tagen hinter uns gelassen.

In aller Seelenruhe rollend Boden in Polen gut zu machen war allerdings nun auch nicht ohne weiteres möglich. Die Karpaten sind nämlich auch von der anderen Seite nicht besonders steil und so mussten wir bei nur geringem Neigungswinkel bald wieder gegen den Gegenwind anstrampeln, der uns schon seit einigen Tagen immer wieder mal das Leben schwer machte.

Zur Feier des Tages wollten wir uns mal wieder eine Übernachtung in einer Pension oder einem Hotel gönnen, waren aber über die Preise auf booking.com einigermaßen entsetzt und konnten uns für kein Etablissement wirklich erwärmen. Schließlich rollten wir an einem Agrotourismo vorbei. Da der Handyempfang unsagbar schlecht war, bestanden wir zumindest auf einer sorgenfreien W-LAN-Versorgung. Damit konnte das Haus jedoch nicht aufwarten, wie uns ehrlicherweise mitgeteilt wurde. So fuhren wir noch eine Weile weiter bis wir an einem gigantischen Komplex, eine Art Schullandheim vielleicht, ankamen der zweifelsohne noch aus sozialistischen Zeiten stammen musste.

Bis auf eine Tauffeier war das Haus leer und so konnten wir tatsächlich ein Zimmer ergattern. Da wir keine Zlotty hatten, gelang es uns sogar eine der über die leeren Flure huschenden Damen von der Solidität harter Euros zu überzeugen, wenngleich wir der Meinung waren, dass es 20 Euro anstatt 26 auch getan hätten. Beim W-LAN gab es zumindest in der Lobby aber nichts zu beanstanden und so konnte Tilmann noch einige Geburtstagsanrufe empfangen. Als Julia von den Leftovers der Taufe sogar noch ein Stück Geburtstagskuchen ergaunern konnte, war trotz der turbulenten Ereignisse zu Beginn des Berichts am Ende wieder Friede, Freude, Eierkuchen mit Sahne.

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Ein Gedanke zu “transitstaaten 🇭🇺🇸🇰🇵🇱

  1. Hab ichs doch gewusst, also zumindest geahnt. Mit den Ungarn ist nicht gut Kirschen essen, mit der Staatsgewalt zumindest. Gut, dass es so glimpflich abglaufen ist.
    Schön, dass ihr immer anders fahrt, als ich die Länder kennengelernt habe, somit bekomme ich noch einen anderen Eindruck von dem Land, z.B. Nordostungarn ist wohl attraktiver als die viel besungene Puzsta.

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