Wie wir auf unserer Fahrrad-Reise die Ostkarpaten durchquerten
Tag 397 bis 399 (4.05.23 bis 6.05.23)
Distanz: 174 km (∑20.190 km)
Höchster Punkt: 870 m
Tiefster Punkt: 520 m
Rauf: 2.000 m
Runter: 1.710 m
Für die Überquerung der Karpaten hatten wir uns den denkbar einfachsten Angriffspunkt ausgewählt, durch die sogenannten Moldau-Muntenische Karpaten als Teil der Ostkarpaten. Dies war aber nicht aus den naheliegenden Gründen, wie wenig absolute Höhe und Steigung geschehen. Vielmehr wollten wir ja Strecke machen, ihr erinnert euch an unsere Verabredung am 12. Mai, und wussten um den vielen Verkehr auf der Route über Ploiesti (Munții Iezer), den wir so zu umgehen gedachten. Die weitaus schönere Strecke über die Tranfagarscher-Straße, die die Südkarpaten nahe ihrem höchsten Gipfel, dem Moldoveanu auf über 2.000 Höhenmeter überquert, konnten wir wegen der winterlichen Schließung nicht befahren (was wir nun für immer als willkommene Ausrede verwenden können.) Als wir die Karpaten dann schließlich hinter uns gelassen hatten und das Siebenbürgische Becken erreicht hatten, waren wir fast etwas enttäuscht, was für ein relatives Kinderspiel diese Überquerung doch gewesen war.
Alles begann aber am Morgen des 4. Mai 2023 als wir uns lange nicht aus dem Zelt bequemen wollten, als wir schließlich das wohlbekannte und abgrundtief verabscheute leise Prasseln auf der Außenhaut unserer Behausung vernehmen konnten. Wir hatten den Moment verpasst das Zelt einzupacken als es noch trocken war und jetzt war es zu spät. Genervt warteten wir eine Regenpause ab, die sich nicht recht einstellen wollte und räumten das Lager schließlich im leichten Nieselregen. Zum Frühstück retteten wir uns unter das Vordach der der nebenan gelegenen Gewerbehalle und konnte unsere Sachen sogar einigermaßen trocknen.
Es nieselte weiter vor sich hin, als wir uns auf den Weg machten und waren wieder beeindruckt von der Lebendigkeit der rumänischen Dörfer. An diesem ungemütlichen Tag stellten wir zudem fest, dass die Rumänen keinesfalls aus Zucker sein konnten, denn Regen schien ihnen nicht viel auszumachen, wie wir (leider) auch für den Rest unseres Aufenthaltes immer wieder feststellen konnten (mussten). Ohne Regenschutz liefen sie in aller Seelen Ruhe durch ihre Dörfer, als wäre schönster Sonnenschein.
Julia war an einer Regenjacke interessiert, da sie keine richtige hatte und ihr Tilmanns Cape zu lästig war (ihren eigenen Poncho hatte sie mittlerweile abgestoßen, da dieser zu nervig im Wind flatterte). Tilmann hatte in Israel eine echte Columbia Regenjacke gefunden, das ist die blaue, die ihr seitdem teilweise auf den Bildern sehen könnt und sein Cape daher nicht mehr benötigt. Da die Ausgaben in Bukarest sich nicht nur auf ein neues paar Schuhe und die Unterkunft sondern auch auf ein neues Handy für Julia erstreckt hatten (daher sind die Bilder jetzt teilweise wieder farbenfroher) wollten wir die Reisekasse aber nicht noch stärker strapazieren. Der Einzelhandel ist in Rumänien auch in den kleinen Dörfern extrem gut ausgebaut (überall gibt es diverse Läden, noch der kleinste Ort verfügt über mindestens eine Apotheke) und so fanden wir nach wenigen Kilometern tatsächlich einen Second-Hand-Laden, der eine echte Helly Hansen Jacke für lächerliche 2 Euro anbot. Leider, leider war diese aber an den Armen wenige Zentimeter zu kurz für Julia, sodass uns die Verkäuferin zum Trost noch einen Einweg-Poncho mitgab, den es uns nicht gelang auszuschlagen.
Als wir das Tal der Buzau erreicht hatten, änderten wir unsere Fahrtrichtung von Nordost und nahmen endlich die Karpaten ins Visier. Leider erreichten wir hier auch die Schnellstraße 10, der wir mangels Alternativen ein Stück folgen mussten. Nicht zum ersten mal stellten wir fest, dass Fahrradfahren auf diesen Schnellstraßen weitestgehend indiskutabel ist, da diese extrem stark befahren aber dennoch schmal sind und grundsätzlich nicht über einen Seitenstreifen verfügen dafür am Fahrbahnrand über Spurrillen und Schlaglöcher. Leider herrscht in Rumänien auch ein relativ rücksichtsloser Fahrstil vor, auf den sich, anderes als in anderen Ländern, alle Teilnehmer des motorisierten Verkehrs geeinigt haben, also sowohl Pkws, Lkws, Busse als auch Motorräder. Das erstaunt eigentlich, denn in Rumänien gibt es noch jede Menge Pferdefuhrwerke und Fahrräder auf der Straße, was wir auch in Albanien beobachtet hatten. Dort waren wir ja nach Bosnien, Kroatien und Montenegro angenehm überrascht von der allgemeinen Rücksichtnahme im Verkehr gewesen und hatten uns dies auch mit der hohen Zahl an Drahtesel sowie Pferdekarren erklärt, dass also die Motorristen daran gewöhnt waren, auf schwächere Verkehrsteilnehmer Rücksicht zu nehmen. Mitko hatte uns davor zu Recht schon gewarnt und hatte den Fahrstil der Rumänen mit der günstigen Verfügbarkeit der Dacias erklärt, weshalb es nicht so schlimm sei, wenn das eine oder andere Auto zu Schrott gefahren würde.
Wir jedenfalls wollten nun die Schnellstraßen um jeden Preis meiden und wechselten daher bei der nächsten Gelegenheit auf die linke Flussseite der Buzau und nahmen dafür auch einige schwer befahrbare Schotterpisten-Abschnitte und abenteuerliche Hängebrücken und Gleisüberquerungen in Kauf. „Drum bun!“ – „Gute Fahrt!“ wünschten uns die Straßenschilder dennoch unbeeindruckt. Da die Sonne sich nicht einmal zeigte an diesem Tag, waren wir schon fast gewillt zur Aufheiterung eines der unzähligen Wettbüros aufzusuchen, konnten uns aber gerade noch einmal zügeln.
Als Julia dann am späten Nachmittag einen Platten hatte, diskutierten wir unser Zelt einfach an Ort und Stelle aufzuschlagen, denn der Ort war tatsächlich abseits der Straße einigermaßen geeignet. Dagegen sprach aus unserer Sicht jedoch, dass uns wenige Kurven zuvor ein paar vorwitzige Roma-Kinder auf ihrem Pferdekarren bzw. zu Fuß verfolgt hatten, in der Hoffnung ein paar Lei erbetteln zu können. Wir verspürten wenig Lust auf eine weitere Begegnung in immobilen Zustand und rafften uns noch einmal für ein paar weitere Kilometer auf.
Am Rande des Ortes Cislau wurden wir auf Grundlage einer Empfehlung eines Anwohners schließlich fündig und fanden tatsächlich noch einen schön gelegenen und ungestörten Platz für die Nacht neben einer Kirche. Es sollte nicht mehr regnen.




















Am Vortag waren wir dem Verlauf der Buzau zwar schon eine Weile gefolgt, so richtig an Höhe gewonnen hatten wir dabei aber noch nicht. Bei Wolken und frischen Temperaturen versuchten wir noch immer die Schnellstraße 10 zu meiden, wozu es allerdings kaum noch Möglichkeiten gab als das Tal immer enger wurde und es nun ein wenig ernsthafter bergauf ging. Allerdings hatte der Verkehr sich inzwischen einigermaßen beruhigt. Der einzige richtig steile Anstieg, der allerdings auch von überschaubarer Länge blieb, war jener parallel zur Mauer des Siriu-Stausees hinauf, an die sich Tilmann noch von seinem zehn Jahre zurückliegenden Trip erinnerte. Damals, es war noch seine persönliche prä-Smartphone-Ära gewesen, hatte er eine Karte als Planungsgrundlage gehabt, in der dieser Stausee noch gar nicht verzeichnet gewesen war.
Danach ging es relativ gemächlich bergauf und hin und wieder auch mal wieder ein paar Meter herab. Auf diesem Streckenabschnitt, der zwar landschaftlich immer noch ansprechend war, aber aufgrund des grauen Himmels und der etwas ungemütlichen Temperaturen, nicht wirklich zu Hochgefühlen führte, beobachtete Julia eine belustigende Szene, die immerhin die Stimmung erhellte ohne dass wir in einer Zockerstube einkehren mussten. Wie bereits berichtet, haben wir mittlerweile keinerlei Angst mehr vor Hunden, da wir bei tausendfachen Begegnungen mit ihnen feststellen konnten, dass alle nur bellen, aber niemals beißen, sich durch souveränes Auftreten oder der Andeutung des Aufheben eines Steins leicht in die Flucht schlagen lassen und unterm Strich richtige Hasenfüße sind. Um diese Beobachtung ein weiteres mal zu bestätigen und ihr ein Sahnehäubchen aufzusetzen, berichten wir nun von folgender Szene: Julia nährte sich langsam bergauf fahrend einem Haus, dass mit einem hohen stabilen Metallzaun gesichert war. Zwei Hunde innerhalb des Zauns begannen bereits aggressiv zu bellen und vorzutäuschen, sie würden, wären sie nicht durch diesen Zaun daran gehindert, das herannahende unbekannte Wesen am liebsten in Stücke zerfetzen. Etwas weiter aufwärts an der Straße konnte Julia einen dritten Hund erblicken, der sich außerhalb des Zauns bewegte und als er Julia erblickte ohne einen Mucks in Richtung Haus rannte, in einer beeindruckenden Aktion den Zaun erkletterte, indem er sich mit einem Sprung an dessen Spitze beförderte, um sich dann mit seinem Vorderbeinen darüber zu hieven. Als er schließlich auf der anderen Seite angekommen war, begann auch dieser Hund, der außerhalb des Zauns noch friedlich und ängstlich wirkte, lauthals zu kläffen, die Zähne zu fletschen und Julia so lange es die Umzäunung zuließ zu verfolgen.
Trotz dieser kleinen Aufheiterung war die Luft an diesem Tag relativ früh ein wenig raus. Als wir daher im Städtchen Întorsura Buzăului ein Hinweisschild zu einem Campingplatz entdeckten zögerten wir nicht allzu lange und folgten dem kurzen Weg. Es war kalt und wir waren verschwitzt, eine heiße Dusche war deshalb gerade die größte Verlockung.
Für 8 Euro durften wir auf einem perfekt gepflegten Rasen unser Zelt gleich neben einer überdachten Bank-Tisch-Kombination mit Stromanschluss aufschlagen. Eigentlich war das Etablissement kein Campingplatz sondern ein Restaurant mit großem Eventzelt. Wir lagerten nicht unweit von diesem und beobachteten daher mit gewisser Sorge, wie dort nun Menschen ein- und ausgingen und Dekoartikel, Traversen und Elektrik hineintrugen. Auch das Küchenteam war beunruhigend umtriebig und wir befürchteten schon, dass hier noch diesen Abend die große Sause steigen sollte. Die eifrigen Vorbereitungen wurden jedoch zum Glück für einen späteren Zeitpunkt getätigt, wie wir irgendwann beruhigt feststellten.
Aufgrund der komfortablen Sitzgelegenheit hätten wir gerne noch eine Weile draußen gesessen, stellten aber mit untergehender Sonne einen dramatischen Temperaturabfall einerseits und einen signifikanten Anstieg der Luftfeuchtigkeit andererseits fest. Es zog uns daher nun doch ganz schnell hinter die schützenden Reißverschlüsse unseres Campo compact.










Am nächsten Morgen erwachten wir in einer dichten Wolke und alles war tatsächlich triefend nass. Es kündigte sich jedoch ein nahender Durchbruch der Sonne an und so harrten wir noch eine Weile aus, um ihr die Chance zu geben ein paar unserer Sachen zu trocknen. Dies gelang auch halbwegs aber entsprechend spät war der Aufbruch.
Noch hatten wir den höchsten Punkt unserer Karpaten-Überquerung nicht erreicht, aber wir befanden uns schon nicht mehr in einem wirklichen Tal und es sollte uns auch keine starke Steigung mehr herausfordern. Bald schon folgten wir nicht mehr dem Verlauf der Buzau. Wir nahmen die letzten Höhenmeter und erreichten auf dem Kamm den Judetul/Kreis Brasov/Kronstadt. Es folgte eine angenehme, weil ebenfalls nicht zu steile Abfahrt an deren Ende wir die Giurgeu-Brașov-Senke erreichten. Zwar gehört das Transilvanische/Siebenbürgische Becken, in dem wir uns noch zwei weitere Wochen aufhalten sollten streng genommen auch zu den Karpaten, aber die eigentlichen Karpaten als ernstzunehmendes Gebirge hatten wir nun bereist ohne große Mühe hinter uns gelassen.
Immerhin konnten wir nun einen Blick auf die schneebedeckten Gipfel des südlich von uns gelegenen Bucegi-Gebirge und die Fagaraser-Berge werfen, deren beeindruckenden Anblick wir jedoch mit den minderwertigen Handy-Kameras nicht einzufangen vermochten.
Jetzt begann jedenfalls das Abenteuer Transilvanien/Siebenbürgen mit seinen unzähligen Kirchenburgen, in das wir uns nahtlos stürzen wollten. Allerdings kam zumindest für Tilmann nach kurzer erster Freude die Begegnung mit einem ziemlich gefährlichen Wildtier dazwischen. Und es sollte nicht die letzte bleiben.
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