dem tod von der schippe gesprungen 🇹🇷

Wir fahren mit vollem Tempo auf dem Fahrrad durch den Westen der Türkei und erleben ein gefährliches Intermezzo

Fast hätten wir diesem Artikel einen wesentlich weniger dramatischen Titel gegeben, wie etwa „Mission accomplished“, der sich auf unsere ziemlich erfolgreiche Vermeidung fremdenverkehrsrelevanter Zwischenstopps oder Umwege auf diesem Teil der Reise bezogen hätte. Er wäre für den gesamten beschriebenen Reiseabschnitt auch repräsentativer gewesen als der gewählte, der sich freilich nur auf ein Einzelereignis innerhalb der zehn wiedergegebenen Reisetage bezieht. Doch auch wenn wir nicht die Hand dafür ins Feuer legen, dass wir oder eine/r von uns dem vorzeitigem Ableben um ein Haar entronnen sind zwischen dem 376. und 386. Tag unserer Unternehmung, so spricht doch einiges dafür. Allerdings spielte sich dieses brandgefährliche Ereignis so unwahrscheinlich nebensächlich ab, dass wir es erst eine Stunde später realisierten, um es dann zwischenzeitlich wieder zu vergessen. Bezeichnenderweise war es dann auch so, dass die Stimmung gerade äußerst unkonzentriert war, als wir die Geschichte Julia und Mark von Team @bikeandfree bei einem Wiedersehen erzählten, dass diese gar nicht richtig zuhörten und von der dramatischen Begebenheiten ebenfalls keine rechte Notiz nahmen.

So planten wir, wie bereits erwähnt, unser unabgelenktes und daher zügiges Vorankommen durch die westliche Türkei zum Aufhänger dieses Beitrages zu machen. Denn wir hatten es tatsächlich geschafft. Bis auf eine winzige Ausnahme, die nun aber wirklich nicht der Rede wert war, ernsthaft, hatten wir ab Pamukkale über 700 km Türkei hinter uns gebracht und hatten keine einzige touristische Sehenswürdigkeit besucht. Fairerweise muss allerdings dazu erwähnt werden, dass dieser Teil des Landes auch wirklich verhältnismäßig arm an Sehenswertem ist und überwiegend agrarisch geprägt ist.

Es ging schon am Abend des Besuchs nach Pamukkale los: Wir hatten zwischen all den Feldern und Äckern nahe der Hauptstraße erhebliche Schwierigkeiten einen geeigneten Schlafplatz zu finden und landeten schließlich in einem gemeinem feuchten Tal an einer Schotterpiste. Aufgrund der herankriechenden feucht-kalten Luft entschieden wir uns entgegen unserer unserem üblichen Habitus (weil es Aufmerksamkeit erregt und sich der Rauch immer mindestens in Tilmanns Bart festsetzt) ein Feuer zu entfachen. Weder das Entzünden noch die Instandhaltung gestaltete sich aufgrund des allgemein humiden Milieus als wirklich einfach, sollte mit etwas Anstrengung letztendlich aber doch gelingen.

Am 14. April krochen wir aus dem klammen Zelt in die feuchte Außenwelt und sahen zu dass wir Land gewannen. Immerhin sollten am Ende des Tages auch 106,6 km auf dem Tacho stehen, ein Wert der sich bezüglich unseres Vollgas-Vorhabens durchaus sehen lassen konnte. Davor erlebten wir allerdings mehrere kleine Dramen, die dem Vorhaben des Streckemachens grundsätzlich nicht zuträglich waren.

Zunächst verloren wir uns im Ort Alasehir Belediyesi, wo der vorausgeeilte Tilmann an einer offenbar ungünstigen Stelle, nämlich im Ortskern, auf Julia warten wollte. Dieser war zur Abwechselung einmal ganz ansehnlich, es gab einige halbwegs charmante Cafes und Restaurants mit Außenbestuhlung und auf dem zentralen Platz wurde irgendeine Parade durch Schulkinder abgehalten. Leider war genau an dieser Stelle der vorgeplante Routenverlauf nicht ganz eindeutig bzw. passten Kartenmaterial und Realität nicht exakt zusammen. So fuhr Julia an Tilmann vorbei und bis dieser merkte, dass etwas nicht stimmen konnte, hatte sie ihn bereits weit hinter sich gelassen.

Unter anderem da wir der Meinung waren, dass wir uns die Fähigkeit bewahren sollten noch teilweise auch offline zurecht zu kommen, hatten wir nur eine türkische Sim-Karte erworben, sodass eine Fernkommunikation nur unter erschwerten Bedingungen möglich war. Tilmann hatte sich schließlich entschieden weiter zu fahren, um ein offenes WiFi zu finden (in Alasehir Belediyesi war das nicht geglückt), was sich für lange Zeit jedoch als unmöglich herausstellte, da die Gegend nun äußerst dünn besiedelt war. So war er zum Versuch übergegangen mehrere Passanten zu befragen, ob diese vor kurzem schon einmal so ein Reiserad gesehen hätten, aber es sollte bei dem Versuch bleiben, da man sich gegenseitig einfach nicht wirklich verstehen konnte.

Nach einer ganzen Weile kam dann aber endlich doch eine Tankstelle und hier konnte Tilmann sein Anliegen wesentlich einfacher bzw. eindeutiger vorbringen. Wenn „WiFi“ nicht verstanden wird, dann aber in jedem Fall „Internet“. Und tatsächlich: Julia lag inzwischen vorn und wir trafen uns schließlich an einem kleinen Bach wieder, wo wir kurz die Füße ins Wasser baumeln ließen, um anschließend wieder gemeinsam weiter zu fahren.

Die Bauern in dieser Gegend widmeten sich übrigens vorwiegend dem Weinanbau, was nicht nur uns als temporären Wahl-Wiesbadenern offenkundig ins Auge sprang. Keinen Reim machen konnten wir uns allerdings auf den Umstand, dass entlang der Rebstöcke nagelneue Edelstahlrohrleitungen verlegt waren und alle paar Kilometer gewaltige Dampfwolken aus Industrieanlagen stiegen, die über die Rohre verbunden waren.

Das zweite kleine Drama spielte sich dann kurz vor dem aufschlagen unseres Nachtlagers ab. Wir hatten gerade einen Wasserhahn neben einem Friedhof gefunden, an dem wir unsere Vorräte aufzufüllen gedachten. Als alle Flaschen schon fast vollständig befüllt waren, bemerkten wir allerdings, dass sich im Wasser doch allerlei grüne Partikel befanden und wir diesem die Trinkwassergüte daher vorsichtshalber nicht zusprechen wollten.

Im nahegelegenen Dorf, das wir zwecks Ersatzbeschaffung ansteuerten, ging uns dann aber eine Horde Kinder so auf die Nerven, dass Tilmann kurzerhand die Flucht ergriff. Das war natürlich sehr kurzsichtig, denn nun wollten wir ja bald die Tagesetappe für beendet erklären, hatten aber so gut wie kein Wasser mehr. Julia rügte ihren Partner daher zu Recht, während dieser ohne selbst wirklich überzeugt zu sein, erklärte wir könnten sicher noch Wasser auftreiben.

Schließlich begannen wir damit Autos anzuhalten und nach Wasser zu fragen, bekamen aber meist nur angebrochene 0,5 l Flaschen. Als wir einen recht netten Zeltplatz an einem verlandeten See aber noch nicht genug Wasser gefunden hatten, hielt Julia noch zwei Männer auf einem Motorrad an, die daraufhin samt Motorrad umfielen, aber zum Glück nicht weiter sauer waren. Wasser hatten sie selbstverständlich nicht. Eine Kurve zuvor hatten wir allerdings einen Schäfer im ehemaligen Seebett linker Hand und eine Hütte auf einem Hügel rechter Hand gesehen. Um nicht umsonst den Hügel hinaufsteigen zu müssen, wollte Tilmann den Schäfer fragen, ob es dort oben Wasser gab. Dieser verstand die Frage nur teilweise und holte eine Flasche Wasser aus seinem Geheimversteck. Unter vielfachen Dankesbekundungen verabschiedete sich Tilmann und wir stellten gemeinsam fest, dass die inzwischen erbeutete Wassermenge schon ausreiche.

Als wir unser Abendessen beendet hatten kam der Schäfer samt seine Herde um die Ecke und lies diese rund um uns herum grasen. Gerne wollte er auch ein wenig mit uns plaudern, aber natürlich gelang das nicht wirklich. Als Geste des Dankes für die edle Wasserspende schenkten wir ihm eine Packung Datteln, die entgegen des weit überwiegenden Teil unserer bisherigen Erfahrungen zum Glück auch angenommen wurde. Daraufhin zog er mit seinen Schafen von dannen.

Als wir später im Zelt lagen und schon im Begriff waren einzuschlafen, hupte plötzlich ein Auto wie wild auf der Straße und wir rechneten schon mit einem Scherzbold der uns ärgern wollte. Doch wir täuschten uns: Es war erneut der Schäfer der sich nun wieder seinerseits dachte revanchieren zu müssen und uns 5 Liter Wasser, einen Leib Brot und ein Stück Käse brachte.

Am darauf folgenden Morgen brauchten wir nur wenige Kilometer bis ins nächste Dorf zu fahren, um direkt an der Straße einen Brunnen mit feinstem Trinkwasser zu finden. Den Katzensprung hätten wir ohne weiteres auch noch selbst machen können, um unser Nachtlager mit ausreichend Wasser zu versorgen, in 15 Minuten wären wir oder einer von uns hin und zurück gewesen. Während wir nun unsere Wasserspeicher füllten, plapperte uns eine ältere Damen lauthals und wild fuchtelnd auf uns ein und je weniger wir verstanden, desto lauter und wilder wurde sie. Wir vermuteten, dass dies wahrscheinlich die Frau des Schäfers sei, die vielleicht den Geschenke-Reigen weiterführen wollte.

Hinter dem Ort ging es leicht bergauf und dort fanden wir den perfekten Lagerplatz auf einer kurz getrimmten Wiese, locker bestanden mit Bäumen in hängemattenfreundlichen Abständen und überdeckt und bewachsen mit wunderschönen Blumen. Den Katzensprung hätten wir ohne weiteres auch noch machen können am Vorabend, aber dann wäre uns natürlich das köstliche Brot entgangen.

Es ging dann recht unspektakulär weiter an dem Tag, wir durchquerten ganz passable Landschaft, einige weniger hübsche Dörfer und Kleinstädte. Und dann kam es zu dem oben bereits angekündigten winzigen Bruch bei unserem „Sehenswürdigkeiten vermeiden Vorhaben“. Wir folgten einem Schild, dass einen „Monument Tree“ auswies, aber nur weil wir auf googlemaps erkennen konnten, dass wir dafür nur etwa 500 m von der Straße abfahren mussten. Dort erwartete uns ein ca. 500 Jahre alter Olivenbaum. Das war es und ganz ehrlich, das zählt nicht.

Kurz hinter der Stadt Soma fanden wir dann endlich mal wieder einen nahezu perfekten Zeltplatz. Zwar war der Tag noch recht jung, andererseits hatten wir bereits über 90 km hinter uns gebracht und der Platz hatte zu viel auf der Haben-Seite: Es gab fließendes Wasser, davor einen gepflasterten Bereich mit tischähnlichen Gebilden und ein kleines Wäldchen, dass ein taufreies Außenzelt versprach. Zudem war der Ort ziemlich abgelegen, nur eine Schotterpiste hatte uns hierher geführt. Wir beschlossen also zu bleiben und nutzten das fließende Wasser für eine ausgiebige Wäsche unserer selbst und einiger Kleidungsstücke, die wir an den zur Weinbändigung gespannten Drähten aufhängen konnten und die in Sonnenschein und leichtem Wind auch noch bis zum Abend trocknete. Ein wahrer Traum. Das dachte sich auch der Krebs, der in dem Wasserbecken lebte bis wir ihn mit einem Stöcklein traktierten, in das er sich sogleich mit aller Kraft festzwickte.

So wie wir den Süßwassergliederfüßer nicht in Frieden ließen, so blieben wir in diesem Idyll auch nicht ganz unbehelligt: Es begab sich an diesem Abend noch die Begegnung mit dem Hirten, der uns zum Cay an seiner Hütte einlud und dann seine Frau sämtliche Arbeit machen ließ, von der wir bereits in unserem letzten Beitrag berichtet hatten. Er lud uns dann auch noch zum Frühstück am nächsten Morgen ein. Wir sagten zwar zu, wollten aber doch lieber schnell weiter fahren und pflückten seiner Gattin daher nur einen Blumenstrauß, um uns für den vorangegangenen Abend zu bedanken und empfahlen uns.

Die folgenden zwei Tage verliefen vollkommen unspektakulär und könnten an dieser Stelle eigentlich übersprungen werden, da es nun nicht zwingend notwendig ist darüber zu berichten, wie uns ein Hund anbettelte, der dazu auf einem Nebentisch Platz genommen hatte, wie wir einen Supermarkt über eine Behelfstreppe aus Paletten betraten (in Deutschland vermutlich strafrechtlich relevant, für den Supermarktbetreiber, nicht für uns) oder wie wir auf dem vermutlich bisher niemals benutzten Balkon einer Moschee übernachteten, weil rundherum alle Wiesen und Felder unter Wasser standen.

Just am ersten dieser beiden überwiegend belanglosen Tage, die wir ansonsten gemäß unserem Vorsatz bewältigten und so über 180 km weiter kamen, begab sich das titelgebende Ereignis, das aufgrund seines eigenen so beiläufigen Passierens sich wohl keinen passenderen Reiseabschnitt hätte aussuchen können.

Wir fuhren gerade auf einer relativ stark befahrenen und dabei schlecht beschaffenen Hauptstraße ohne Seitenstreifen. Tilmann war so weit voraus, dass kein Sichtkontakt bestand. Plötzlich hörte er ein lautes Geräusch dicht hinter sich, dass ihn sofort an ein schleuderndes Auto erinnerte und im Bruchteil einer Sekunde spielte sich in seinem Kopf der Film ab, wie eben jenes Auto nun wohl in ihn rein rasen und ihn aus dem Sattel fegen würde. „Scheiße, das war’s!“ Im nächsten Bruchteil einer Sekunde hörte er dann einen dumpfen Aufprall, aber nichts geschah, er war immer noch auf seinem Rad und hoppelte von Schlagloch zu Schlagloch. Also musste sich ein Unfall ereignet haben, dachte Tilmann blieb wieder einen Bruchteil von Sekunden später stehen und drehte sich um, während ihm ein diffuser Geruch nach Verbranntem in die Nase stieg.

Doch wie er sich umsah sah er nur einen LKW hinter sich, der stoisch ohne zu beschleunigen oder abzubremsen auf ihn zufuhr und sich gerade zum überholen anschickte. Sonst war nichts auszumachen. Verwirrt reimte sich Tilmann also im Kopf zusammen, dass der vermeintliche Unfall den er zu hören geglaubt hatte und dem er nur knapp entkommen war, in Wirklichkeit ein verrutschtes Stück unsachgemäß gesicherter Ladung des LKWs gewesen sein musste und der verbrannte Geruch von dessen überhitzten Bremsen herrühren musste, denn schließlich waren wir vor kurzem eine längere Abfahrt herabgekommen. Er fuhr also, immer noch ein wenig verwundert, weiter.

Nach einigen weiteren Kilometern machte er an einer Bushaltestelle Rast, um auf Julia zu warten. Gemeinsam nahmen wir dann einen Mittagsimbiss ein bis Julia schließlich einfiel zu fragen, ob Tilmann auch den Unfall gesehen habe? Ja, auf der Geraden kurz hinter der Abfahrt, wo die Straße besonders nervig gewesen war, hatte sie ein ziemlich ramponiertes Auto neben der Straße am Fuße der Böschung in den Büschen gesehen und einen jungen Mann, vermutlich der verunglückte Fahrer, der zwar körperlich unversehrt schien, jedoch einen ziemlich verstörten Eindruck machte. Da aber schon Hilfe in Form eines weiteren PKW Fahrers vor Ort war, hatte sie nicht selbst gehalten.

Also doch! Tilmann hatte sich nicht verhört! Tatsächlich war direkt hinter ihm ein Auto in die Büsche gekracht, vermutlich nachdem es den LKW überholt hatte, Tilmann vielleicht zu spät entdeckt hatte und als letzte Möglichkeit im Affekt keinen Ausweg gesehen hatte, als das Auto von der Straße abzubringen anstatt den Fahrradfahrer ins Jenseits zu befördern. Nun hatten wir natürlich nicht zum ersten mal erlebt, dass es ganz schön knapp geworden war gemeinsam mit den Kraftwagen auf der Straße. Erinnert euch: Julia ist schon einmal angefahren worden ganz zu Beginn der Reise. Aber das sich ein schwerer Unfall ereignet hatte, dem einer von uns allem Anschein nach nur um Haaresbreite entkommen war, das war nun zum ersten mal passiert. Was bitte aber war mit dem LKW-Fahrer los gewesen? Der musste den Unfall doch gesehen haben, kein Zweifel! Er war aber in aller Seelenruhe weitergefahren, was Tilmann ja davon überzeugt hatte, dass er sich nur getäuscht haben konnte.

Ja, so begab sich das mit dem Sprung von der Todesschippe. Vollkommen unspektakulär also (und mit einem gewissen Anteil an Spekulation) und daher fast wieder in Vergessenheit geraten…

Nachdem wir nun innerhalb von vier Tagen knapp 390 km gemacht hatten, konnten wir getrost einen halben Ruhetag einlegen. Bei Wind und reichlich ungemütlichen Temperaturen erreichten wir am 18. April die Dardanellen. Wenig später, es war erst Mittag und das Wetter lud nun eigentlich gar nicht zum Verweilen ein, schlugen wir auf der Terrasse eines verlassenen Strandcafés schon unser Lager auf. Der Grund war, dass Team Bike and Free uns entgegen kam, die nachdem wir sie erstmalig in Israel getroffen hatten, durch Griechenland und Bulgarien und nun auf dem Weg nach Istanbul waren. Inzwischen hatten sie Verstärkung durch der David erhalten, der sie von Thessaloniki bis an den Bosporus begleitete.

Während wir auf die drei warteten verspürten wir aufgrund der uncharmanten Außenbedingungen mehrmals den Drang die Verabredung in den um uns tosenden Wind zu blasen und weiter zu fahren, was wir aber glücklicherweise nicht taten. Denn wie nicht anders zu erwarten, lohnte sich das Wiedersehen mit den beiden und auch mit David verstanden wir uns ausgezeichnet und freuten uns über sein Engagement in der Campingküche. Gegen Abend wärmten uns dann doch noch die Sonne, deren Untergang wir gemeinsam mit einer Dose Efes genossen. Sogar Strom konnten wir in dem stillgelegten Etablissement stibitzen, dass wir nicht ganz für uns alleine hatten. Einige Locals kamen vorbei, blieben aber unaufdringlich im Gegensatz zu ein paar hungrigen Hunden. Julia (vom Team Bike and Free) hatte extra Hundefutter besorgt für die vielen armen Streuner im Land. Einer der uns auf unserer Terrasse besuchte konnte dies aber nur unter markerschütterndem Jaulen verschlingen, obwohl er keine sichtbaren Verletzungen hatte. Offenbar hatte er schon Schlimmes erlebt im Leben.

Dann hieß es zum vorerst letzten mal Abschied nehmen von Julia und Mark. Für sie ging es jetzt (wieder) nach Osten, während wir nun kurz davor waren nach Europa zurückzukehren. Dazu fuhren wir an der Küste der Dardanellen noch ein kurzes Stück in Richtung Südwesten bis in das Hafenstädtchen Lapseki. Dort nahmen wir die Fähre nach Gelibolu in Ostthrakien, da wir uns nicht sicher waren, ob wir die imposante und erst im Vorjahr eröffnete Çanakkale-1915-Brücke, die noch ein paar Kilometer weiter gewesen wäre, wirklich befahren durften. Der Preis für die Überfahrt lag bei einem Euro pro Person, oder waren es doch nur 50 Cent? Jedenfalls mussten wir einmal mehr für unsere Fahrzeuge wegen ihres offenbar zu harmlosen Charakters kein Entgelt entrichten.

Ja und dann hieß es (Vorder-)Asien ade! Nach 45 Minuten Überfahrt waren wir zurück in Europa, wo wir nach allen uns bekannten gängigen Definitionen zuletzt am 29. Mai 2022 aufgehalten hatten. Das Wetter meinte es nach wie vor nicht gut mit uns. Gegen 16 Uhr schafften wir es gerade noch uns unter ein mickriges Vordach einer erbärmlichen Hütte zu flüchten, als ein Gewitter über uns hereinbrach, Hagel inklusive. Das Dach hielt den Wasser- und Eismassen allerdings nicht besonders lange stand und so waren wir nach einer halben Stunde einfach nur nicht klatsch nass. Wir sollten uns 2022 und 2023 insgesamt 63 Tage in der Türkei aufgehalten haben. Gefühlt regnete es an 31,5 dieser Tagen und damit doppelt so viel wie in allen anderen Ländern zusammen.

Wenigstens fanden wir noch einen originellen Schlafplatz spät am Abend und zwar im ersten Stock einer offenen Scheune mit ganz netter Aussicht und Dach über dem Kopf für alle Fälle. Kalt war es trotzdem.

Am Tag 383 war es dann schließlich so weit. Wir hatten an diesem Tag einen stolz und aufgeregt herumstolzierenden Truthahn vor einer Türkei Flagge (turkish Turkey, haha) beobachtet und einen letzten Akt türkischer Gastfreundschaft in Form von Süßwarenreichungen erfahren, als wie nach 333 Tagen kurz vor unserem zweiten Besuch in Lüleburgaz wieder unsere eigene Route kreuzten und so den unteren Teil der schiefen 8 auf unserer Europa-Vorderasien-Tour komplettierten. Weniger episch hätte dieser bedeutungsschwangere Ort kaum sein können: Es war eine Kreuzung im Städtchen Durak wo sich ein Bim neben einem A101 einfand. Damit war der Spot immerhin sehr repräsentativ für die Türkei. Zur Feier des Tages kauften wir daher gleich Mal für ca. 5 Euro mehr bei Bim ein und schwangen uns für die letzten Kilometer wieder auf unsere Patrias.

Natürlich setze bald wieder der Regen ein, soweit alles beim Alten, allerdings gab es inzwischen Neuigkeiten auf der Straße. Die von Süden nach Lüleburgaz führende Straße, die wir verkehrstechnisch noch in schlechter Erinnerung hatten, verfügte inzwischen über einen Fahrradweg. Die Freude darüber währte allerdings nicht lange, da dieser ordentlich eingesandet war. Kombiniert mit Regen ergibt sich so leider immer eine besonders explosive Mischung, die sich sofort auf dem Antriebsstrang einnistet, dass es nur so rattert und die Kette auf dem Ritzel Samba tanzte. Tilmann ärgerte sich standesgemäß und fuhr wieder auf die Straße zurück, wo er dann erwartungsgemäß angehubt wurde.

Natürlich hatten wir vor wieder in der Fahrradakademie unterzukommen und dort  noch einmal zwei bis drei Nächte zu bleiben. Wir hatten uns wenige Stunden vorher per Instagram angemeldet, dies aber aufgrund unserer Erfahrungen vom letzten Jahr eigentlich nicht für nötig erachtet und auch keine Antwort erhalten. Dort im strömenden Regen angekommen machten wir allerdings lange Gesichter, denn wir standen vor verschlossenen Türen. Mit uns war eine dreiköpfige junge französische Familie angekommen, die jedoch mit dem Bus unterwegs war und es nur auf eine Dusche, nicht wie wir auch auf ein Nachtlager aus war.

Während Tilmann fluchte, tat Julia das richtige und wurde beim Wachmann um die Ecke vorstellig. Und schon war das Problem gelöst, uns wurde aufgeschlossen und wir hatten nun also die Akademie für uns alleine. Es war der vorletzte Tag des Fastenmonats Ramadan und daher war wohl kein Betrieb. Dass allerdings gerade außer uns auch keine anderen Radreisenden zugegen waren, war dann eher ein Zufall (ehrlich gesagt waren wir froh unsere Ruhe zu haben), denn, wie wir später noch feststellen sollten, herrschte hier grundsätzlich immer noch rege Betriebsamkeit.

Im vergangenen Jahr hatte es jedoch wohl auch eine Reihe unschöner Begebenheiten mit Radreisenden gegeben, sodass es ein paar neue Regeln gab. Der Manager, der über unsere Ankunft zwischenzeitlich informiert worden war, meldete sich dann auch bald per WhatsApp Video-Anruf bei uns als wir bereits geduscht und Wäsche gewaschen hatten (entgegen des angebrachten Hinweisschildes, hatten wir eigenmächtig die Waschmaschine in Betrieb genommen ohne zum Staff Kontakt aufzunehmen) und gerade einen Berg Nudeln abtrugen, um unsere Mägen zu verfüllen. Von unserem Hinweis, dass wir bereits letztes Jahr zu Besuch waren wollte er nichts wissen, im Gegenteil schien ihn das eher in der Ansicht zu bestärken, dass wir ja noch den damaligen liederlichen Vibe gewohnt waren und daher umso intensiver über die neuen Regeln (in erster Linie ging es darum sich anständig zu benehmen) informiert werden mussten.

Aufgrund einiger zweifelhafter architektonischer Entscheidungen hatte es in den Schlafraum kräftig herein geregnet und nachdem wir das Wasser mit einem alten T-Shirt aufgewischt hatten, hatten wir natürlich das Problem nicht lösen können, dass das grelle Licht der Straßenlaterne auf unsere spiegelglatten Schlafpritschen schien, auf denen die Luftmatratzen einfach keinen Halt fanden. Wegen der bereichernden Erfahrungen zwischenmenschlicher Art vor einem Jahr, hatten wir verdrängt, dass die Unterkunft ohne andere Gäste unterm Strich zwar immer noch mehr Vor- als Nachteile bot, wir in unserem Zelt aber tatsächlich angenehmer schlafen konnten.

Auch am zweiten Tag blieben wir lange allein in dem weitläufigen Gebäude und konnten uns so in aller Ruhe um Mal wieder notwendig gewordene Dinge kümmern: Neben Fahrradpflege und Routenplanung ließen wir ein paar nutzlos gewordene Ausrüstungsgenstände im hauseigenen Tauschregal zurück (nahmen allerdings auch wieder neues mit, Julia zumindest ein paar Handschuhe) und missachteten dabei erneut das komplexe Regelwerk indem wir Inac nicht über diese Schritte informierten.

Wir hatten aufgeschnappt, dass am Tag des Zuckerfestes fast alle Geschäfte geschlossen hätten und zögerten daher zur nicht weit entfernten Mall zu fahren, um ein paar Besorgungen zu machen. Inzwischen benötigte auch Julia ein neues Paar Schuhe und wir wollten versuchen, unser Zelt mit Imprägnierung doch wieder ein wenig feuchtigkeitsresistenter zu machen. Da die Gewerbetreibenden im Einkaufszentrum nicht daran dachten feiertagsbedingt auf ihre Umsätze zu verzichten, war die Mall brechend voll und wir konnten tatsächlich Teilerfolge erzielen. Imprägnierspray fanden wir unter dem Namen Sneaker Protector im Schuhladen und auch einen USB-Stick der Generation 3 erwarben wir mühelos (nicht zum ersten Mal, da die Reisefotos und Videos einmal mehr die Speicherkapazität des Laptops ausgereizt hatten) allerdings stellten wir bald fest, dass die Unternehmung ordentliches Schuhwerk (wasserdicht und mit Profil) beschaffen ein Fall für die Rückkehr in die EU werden würde.

Als wir zurück in unserem Quartier waren, war die Zeit der Einsamkeit Geschichte. Lauren und Laurien vom Team lolotandemadventures waren inzwischen mit ihrem Tandem eingetroffen. In England vor einem Jahr in Richtung Osten mit dem Fernziel Weltumrundung (ebenfalls ohne Flugzeug!) gestartet, hatten sie in Zypern fürs erste die Segel gestrichen und waren wie wir nun erst einmal auf dem Rückweg. Allerdings wollen sie nach einem kurzen Zwischenstopp Zuhause bald weiter nach Portugal in der Hoffnung dort ein Schiff für die Atlantiküberquerung zu finden. Sie waren dann auch die ersten Radreisenden die wir trafen, die eine konsequente Nicht-Fliegen-Politik verfolgten. Lauren wurde am Abend zu diesem Reisestil von einer Wissenschaftlerin der Universität Lund interviewt, die dazu forschte. Wir verbrachten jedenfalls einen angenehmen gemeinsamen Abend und grämten uns nicht, dass unsere traute Zweisamkeit nun gestört worden war.

Nach einer zweiten ungemütlichen Nacht entschieden wir aber, dass wir uns genug ausgeruht und außerdem nichts wichtiges mehr zu erledigen hatten. Auf eine dritte Übernachtung wollten wir daher verzichten, als sich in Lüleburgaz langsam wieder das einstellte, was wir im letzten Jahr als Normalität kennengelernt hatten.

Eltern und Kinder nutzten das Angebot Fahrräder zu entleihen und es trudelten weitere Radreisende ein. Als wir gerade aufbrachen ein Slowake (Mal was neues) und als wir schon unterwegs waren und kurz hinter dem Ortsausgang auf einer Wiese gepicknickt hatten, rollte schnaubend und dampfend Peter mit seiner Lokomotive ein.

Ja, technisch betrachtet war Peter auch Radreisender (ebenfalls mit einem Patria unterwegs) aber bei den Massen von Gepäck die er mitschleppte, musste man schon zweimal hinschauen, um sich dessen gewahr zu werden. Nicht nur hatte er 5 prall gefüllte Ortlieb Taschen (wie es noch nicht unbedingt unüblich ist) am Rad, auch zog er einen voll beladenen Anhänger hinter sich her, was wir so gut wie nie sahen, da das wohl die meisten Radfahrer*innen wie wir, sehr unpraktisch finden. Als wäre es damit aber noch nicht genug saß ihm ein 80 Liter Rucksack auf dem Rücken und zur Krönung hatte er noch eine Spiegelreflexkamera um den Hals hängen. Wir fühlten uns sogleich an Frank erinnert, der uns zum Titel unseres Berichts über unser Workaway in Georgien inspiriert hatte.

Nach dieser eindrucksvollen Begegnung, schafften wir es an dem halben Reisetag noch ca. 45 km weiter und verbrachten Abend und Nacht in einem jungen Eichenwald wo wir Besuch von ein paar irritiert dreinblickenden Rindern bekamen.

Von hier aus waren es nur noch etwa 45 km durch mittlerweile landschaftliche attraktivere Hügel bis zur bulgarischen Grenze. Belustigt sahen wir zehn Kilometer vor eben jener das Hinweisschild auf eben jene: „Bulgaristan 10 km“! Es ging bis dahin mal wieder ordentlich bergauf durch frühlingsfrisch grüne Buchenwälder und eigentlich sah es für den Moment schon fast wieder aus wie im Kleinen Odenwald oder im Bergischen Land. An der Grenze angekommen, drängelten wir uns in bewährter Manier einfach vor, was aufgrund der Harmlosigkeit unserer fahrbaren Untergestelle allgemein akzeptiert wurde. Die türkischen Grenzbeamten ließen uns nach einem beiläufigen Durchblättern unserer Pässe ohne weitere Fragen passieren und wir waren im Begriff in die EU zurück zu kehren, die wir an Tilmanns 38tem Geburtstag vor fast einem Jahr verlassen hatten.

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2 Gedanken zu “dem tod von der schippe gesprungen 🇹🇷

    1. Genau so ist es. Und das geht uns ja allen so bei allem was wir tun. Statistisch gesehen mögen wir alle verschiedenen hohen Risiken ausgesetzt sein, aber für das Individuum ist die Statistik letztendlich ohne jede Bedeutung.

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