Wir bereisen mit dem Fahrrad die türkische Südküste zwischen Mersin und Antalya
Tag 367 bis 376 (4.04.23 bis 13.04.23)
Distanz: 686 km
Höchster Punkt: 1.550 m
Tiefster Punkt: 3 m
Rauf: 7.160 m
Runter: 6.640 m
Immerhin waren wir im letzten Jahr bereits 42 Tage in der Türkei gewesen und obgleich uns das Land auf unserer Hinreise schon etwas exotisch vorkam, wir zumindest die ein oder andere Skurrilität feststellten, war uns das nun zum einen bereits vertraut und zum anderen kein Vergleich zum Iran, den arabischen Ländern oder Israel.
Hier lief alles für uns doch recht vorhersehbar ab: Einkaufen bei BIM oder Sok oder A101, die praktisch in jedem Ort und in größeren gleich mehrfach zu finden sind (in ganz kleinen Orten gibt es außerdem noch inhabergeführte Läden, die das nötigste verkaufen.) Wasser holen an Quellen, die fast überall zu finden sind, Zelten an hübschen Plätzen, die fast überall zu finden sind, Pause machen an Picnic Alanis, die fast überall zu finden sind. Unser Leben war plötzlich so einfach, zumindest in dieser Hinsicht. Um die Grundbedürfnisse mussten wir uns keine Gedanken und Sorgen mehr machen.
Der Langatmigkeit zu Liebe gehen wir noch etwas auf das türkische Einkaufserlebnis ein: in den von uns 2022 ans Herz gewachsenen Filialen der Supermarktketten BIM und Sok fanden wir sogleich wieder unsere Lieblingsprodukte: Ekmek = das typische Brot (Preissteigerung zu unserem letzten Türkei-Aufenthalt von 3 TLR (19 ct) auf 5 Lira (25 ct)), Tomaten Mezze, Veganer russischer Salat, eingelegte Weinblätter, günstige Nüsse und viele köstliche Keksspezialitäten. Leider war nun aber die Zeit des Humus vorerst vorbei, da die Türken damit nichts am Hut haben, was man irrtümlicherweise meinen könnte, wenn man in Deutschland im Döner-Imbiss Falafel-Humus bestellt. (Das geht aber unserer Kenntnis nach auch nur in deutschen Großstädten, die Kebab-Zentralen der Provinz machen unseres, um ein Jahr gealterten, Wissensstands bei diesem modernen Blödsinn nach wie vor nicht mit.) Stattdessen verspeisten wir gerne (auch im Supermarkt erhältliche) Cig-Köfte-Masse.
Wir fuhren auf größtenteils gut ausgebaute Straßen, mit wenig bis ertragbarem Verkehrsaufkommen, so wie wir es auch in Erinnerung hatten. Als die Küstenstraße sich die Berge hoch und runter wand, wurde es jedoch etwas eng auf der Straße. Die türkischen LKW-Fahrer verhalten sich aber überwiegend rücksichtsvoll gegenüber uns Zwergen auf unseren fragilen Vehikeln. Nur die Reisebusfahrer präsentierten ihre gewohnte Rücksichtslosigkeit auf der Straße.
Unserem zügigen Vorankommen konnte also nichts im Wege stehen. Wir wollten jetzt einfach mal drauf losradeln und richtig schön Strecke machen, denn der Sommer in Europa ist bekanntlich kurz. Das hieß also keine Sehenswürdigkeiten, keine Verabredungen, keine Termine (ganz geklappt hat das natürlich nicht). Womit wir nicht rechneten: Dass uns in den ersten Tagen Wind und Regen um die Ohren peitschten und unseren Motivationsschub drosselten.
Nun aber (zumindest teilweise) der Reihe nach: Als wir am 5. April in Tasucu angekommen unsere Räder von der Fähre schoben war es fast Mitternacht und auf Anhieb sollte sich kein geeigneter Zeltplatz in der Stadt finden, zumal ein kräftiger Wind blies und wir entsprechenden Windschatten ersehnten. Wir erwogen daher kurzzeitig in eines der unzähligen einfachen Hotels abzusteigen. Beim erstbesten wurden wir jedoch abgewiesen, vom jungen Portier (der selbstverständlich kein Wort Englisch sprach, wie wir es aus der Türkei noch gewohnt waren) um die Ecke ins nächste Etablissement geführt. Dort wurde uns ein Preis von 600.000 Lira genannt, was etwa 30.000 Euro entsprochen hätte. Nun waren wir uns doch recht sicher, dass wir nicht irrtümlich mit der Fähre durch den Suezkanal ins Rote Meer gefahren waren, dann die Arabische Halbinsel umschifft hatten, um in den Perischen Golf einzuschwenken, uns nun in Dubai wieder fanden und im Begriff waren in die Präsidentensuite im Burj al Arab einzuchecken und gingen daher von einem sprachlichen Missgriff aus, das Beherbergungsentgeld also wohl bei 600 Lira (30 Euro) liegen solle. Das war uns aber dennoch zu viel für eine ja bereits angebrochene Nacht und wir waren schon im Begriff kehrt zu machen, als der Wirt nach den Schlüsseln eilte. Von seinem jungen Kollegen auf unser Missfallen über das Angebot hingewiesen sagte der Wirt plötzlich „hundred thousand“, woraufhin wir uns wieder drei Nullen wegdachten, dennoch glaubten wir nicht an einen spontanen Nachlass von über 80 %. Wir wiederholten also ungläubig „hundred“ und wiesen dabei auf uns beide (vielleicht 100 pro Person?), woraufhin der Wirt kurz lachte, abwinkte und uns beleidigt mit „güle güle“ verabschiedete.
„Sei es drum“ dachten wir, denn schließlich war der Wind nicht so schlimm, als dass ein Hotelbesuch wirklich unabdingbar gewesen wäre. Nach ein wenig suchen fanden wir dann auch ein geeignetes Plätzchen in einem kleinen Olivenhain und konnten gut geschützt vor frechen Blicken und fiesen kalten Luftströmen einmal mehr unser eigenes Hotel errichten.
Übrigens hatten wir bis kurz vor der Ankunft in der Türkei noch mit dem Gedanken gespielt uns nicht in den Nordwesten in Richtung Europa aufzumachen, sondern nach Nordosten, um über Georgien und Aserbaidschan noch einmal einen Versuch zu starten nach Zentralasien vorzudringen. Natürlich reizte es auch uns einmal mit dem Rad den berühmten Pamir-Highway in Angriff zu nehmen, den letztes Jahr z.B. Katrin und Olli bereist hatten. Da aber Aserbaidschan noch immer seine Landesgrenzen geschlossen hielt, nahmen wir schweren Herzens von diesem Projekt nun endgültig Abstand.



Nachts kam dann eine Katze auf die Idee die neue Struktur in ihrer Hood mit ausgefahrenen Krallen zu erkunden, weshalb wir uns am nächsten Morgen erst einmal mit Außenzelt-Instandsetzungsmaßnahmen beschäftigen mussten. Auch sonst hieß uns die Türkei zunächst nicht wirklich willkommen. Der Wind hatte sich nämlich keines Wegs gelegt sondern blies uns nun mit voller Wucht entgegen, so dass wir auf der Küstenstraße kaum vorwärts kamen.
Bei unserer Frühstückspause kurz hinter der Stadt setzte dann der erste kurze Regen ein und wenige Kilometer weiter setzte uns schließlich ein kräftiger Schauer in kurzer Zeit völlig unter Wasser. Wir konnten uns zwar unter ein Vordach eines kleinen Krämerladens retten, um unser erstes Ekmek zu genießen, aber da waren wir wie gesagt schon vollkommen durchnässt. Spaß machte das ganze nicht und so landeten wir schon zur Mittagszeit und nach nicht einmal 30 Kilometern in einem Hotel, wo wir mit der Gesamtsituation bei einem ausgehandelten Preis von 1.000 Lira nicht so recht zufrieden waren. Regnen sollte es den Rest des Tages dann auch nicht mehr, aber der Sturm tobte unvermindert bis in die Nacht fort und rüttelte an Fenstern und Türen.




Auch am darauf folgenden Tag war der Gegenwind gnadenlos. Kurz nach der Abfahrt trafen wir an einem bewaldeten Strand einen Radreisenden, der die Nacht dort im Zelt verbracht und offenbar gut überstanden hatte. Wir stellten fest, dass wir wohl etwas verweichlicht seien und nahmen uns vor ab sofort nicht mehr schon bei der kleinsten witterungsbedingten Widrigkeit gleich in Hotel abzusteigen. Ja es windete uns kräftig entgegen und dennoch war die Küstenstraße und die Ausblicke, die sie beim ständigen Auf und Ab bot wunderschön. Es war jedoch der Wind der uns am Vorankommen hinderte, nicht etwa ständige Stopps, um den Blick schweifen zu lassen. Dieser war dann doch überwiegend auf die Straße vor uns fokussiert, wie man es halt macht wenn man sich durchbeißen muss. Nach einer längeren Abfahrt entdeckten wir in Aydıncık dann endlich den ersehnten ersten Cig Köfte Imbiss und stellten mit Beruhigung fest, dass der Preis für das Mega Rollo noch immer bei 20 Lira lag, sich mit dem Wertverlust der türkischen Währung für uns also vergünstigt hatte. Ja, die Lira ist offenbar nach wie vor im Fall begriffen und hat sich innerhalb des knappen Jahres von 16 auf 20 zu 1 verbilligt.
Trotz dieser Stärkung machten wir auch an diesem Tag wieder früher Schluss, als wir in einer traumhaft gelegenen Bauruine einen hübschen Wind- und Regenschutz ausgemacht hatten. Zwar war dieser Shelter direkt neben einer informellen Mülldeponie gelegen, war aber aufgrund ihrer Lage hoch über den Klippen mit Meerblick vermutlich dennoch einer unserer schönsten Zeltplätze überhaupt. Außerdem handelte es sich zum Glück um Elektro- und Plastikschrott, sodass eine olfaktorische Einwirkung daher immerhin nicht gegeben war. Hingegen konnten wir die dort zu findenden Dinge zum Upcycling nutzen und bastelten endlich eine Halterung für die GoPro an Julias Lenker, eine Verlängerung des Frontscheinwerfer-Halters (wie damals bei auf der Farm an Tilmanns Fahrrad aus einer alten Zahnbürste) und zudem bekam Julias Fahrrad endlich wieder eine Galionsfigur in Form eines Tierschädels.












Ja, die Küstenregion zwischen Tasucu bis kurz vor Alanya ist wunderschön. Natürlich finden sich hier auch Hotels, aber nur in geringer Anzahl. Wenn hier etwas das Landschaftsbild trügt sind es vor allem Gewächshäuser und nicht Hotelburgen. In diesen wachsen, wie schon in Israel und erneut zu unserer Überraschung, überwiegend Bananen. Die etwas älteren Modelle der Gewächshäuser waren noch komplett aus Glas und hatten doch einen gewissen Charme, die neueren Modelle aus Plastik glichen jedoch riesigen Skihallen, die sich die Hänge hochwanden.
An Tag 3 bzw. 4 unserer Rückkehr in die Türkei hatte sich dann schließlich auch der Wind gelegt und zudem hatte sich die erwartete Notwendigkeit eines Regenschutzes für die Nacht als unbegründet erwiesen. Die D-100 führte uns durch eher kleinere Orten bei weiterem munteren auf und ab an der Steilküste entlang. Dank der relativen Windstille schafften wir so trotz 1.400 zu erklimmender Höhenmeter endlich eine uns würdige Distanz von knapp 88 km.
Unterwegs stellte sich dann allerdings doch wieder etwas Regen ein und als wir in Anamur vor dem Niederschlag geschützt in einem kleinen Pavillon neben einem Möbelhaus einen Mittagssnack einnahmen, kam nach einer Weile die Besitzerin heraus, die ein paar Worte Deutsch sprach und versorgte uns zunächst mit einem heißen Cay. Ja, die türkische Gastfreundschaft hatten wir anders in Erinnerung gehabt, denn es war nun doch bereits einige Zeit ins Land gegangen bis zu dieser ersten Einladung.
Da der Möbelhausbesitzerin ein Tee nach drei Tagen der sprichwörtlichen türkischen Gastfreundschaft offenbar zu unwürdig erschien, kramte sie zur Verabschiedung zusammen, was sie noch finden konnte, um es uns mit auf die Weiterreise zu geben. Neben etwas Obst waren dabei zwei frische Spüllappen zusammengekommen, die wir nach dem nächsten Regenguss zum Trockenreiben benutzen sollte, wie sie uns pantomimisch darlegte. Natürlich erwischte uns der Regen, aber wir führen selbstverständlich Regenkleidung mit uns und ebenfalls Handtücher. Die Lappen benutzten wir fortan also zum Spülen. Im Bananen-Ort Yakacik verbrachten wir schließlich eine Nacht an einem wunderschönen einsamen Strand, den wir nur mit ein paar Krebsen teilten.


















Ab Alanya bis Antalya kamen wir dann aus dem Staunen nicht mehr heraus: Woher sollen all die Menschen kommen, um die bereits vorhandenen und noch im Bau befindlichen Hotels zu bewohnen? Der Andrang schien zu diesem Zeitpunkt eher gering, obwohl in Deutschland gerade die Osterferien begonnen hatten. Leider wurde nun auch der Verkehr für etwa 100 Kilometer nur schwer erträglich und dabei waren die Fahrrad-Signale an den Tunneln auch nicht gerade hilfreich. Als Radfahrer kann man vor einigen Tunneln einen Knopf drücken, der (meistens) ein Signal in Form eines Blinklichts rund um ein statisches Hinweisschild auslöst. Den Kraftfahrern soll hiermit signalisiert werden, dass einer oder mehrere Radfahrer:innen im Tunnel sind. Der erste Knopf funktionierte, der zweite löste kein Signal aus und am dritten Tunnel blinkte das Signal einfach dauerhaft. Wir gingen also davon aus, dass diesem Hinweis wenig Beachtung geschenkt wird (im besten Fall) oder die falschen Schlüsse daraus gezogen würden.
Eine weitere Einladung sollte uns erst einmal nicht mehr gemacht werden. Vielleicht fielen die Einladung rar aus, weil wir uns in einer touristischen Region befanden oder daran, dass wir uns im Ramadan befanden. Davon bekamen wir allerdings ehrlich gesagt kaum etwas mit, ganz so wie auch schon in Nordzypern. Für uns schien alles seinen normalen Gang zu gehen. Läden hatten normal geöffnet, die Menschen schienen nicht alle streng mitzumachen und gingen ansonsten ihren Tätigkeiten nach. Erst nach einer Weile entdeckten wir eine wiederkehrende Besonderheit, die mit Ramadan zusammenhängen musste: In aller Herrgottsfrüh wurde getrommelt. Wie wir später lernten, wird damit darauf hingewiesen, dass es Zeit ist für die letzte erlaubte Mahlzeit. Im übrigen wurde nicht besonders melodisch getrommelt, sondern hauptsächlich Lärm erzeugt. Das gleiche Prädikat gaben wir auch dem Gesang des Muezzin in der Türkei. In anderen muslimischen Ländern empfanden wir den Ruf zum Gebet durchaus angenehm und schön, insbesondere in Dubai, doch in der Türkei war es kaum zu ertragen, dafür eben besonders laut.
Vielleicht wurden wir aber auch nicht mehr so oft eingeladen, weil wir es kein bisschen darauf anlegten. Wie gesagt, wir wollten Fahrrad fahren und unsere interkulturelle Erfahrungen der letzten Monate waren ja auch noch nicht abschließend aufgearbeitet, wir lechzten also nicht unbedingt danach, noch einmal in die türkische Kultur und Gesellschaft einzutauchen.
Ganz entziehen kann man sich natürlich trotzdem nicht. Wer es ungerecht von uns findet, dass wir uns dem interkulturellen Austausch nicht mehr hingaben, sei berichtet, dass wir uns eines Tages, als wir uns an einer sprudelten Quelle niederließen, um darin unsere Radlerhosen zu waschen und unserer Kaffee-Sucht zu frönen, ein Hirte des Weges kam, der ein paar Brocken deutsch sprach und zu einem Cay in sein Haus am Ende der Wiese einlud. Wir folgten gegen Abend der Einladung und mussten wieder einmal mit ansehen, wie dieser nette türkische Opi seine Frau schickte, den Tee zu servieren (dazu muss mindestens 10 Mal aufgesprungen werden, da die kleinen Tässlein ja ständig aufgefüllt werden müssen), seine Jacke zu holen als ihm fröstelte, sein Handy zu holen, als er uns Bilder zeigen wollte usw. usw. Selbstverständlich spricht man das patriarchale Verhältnis in türkischen Familien bei solch einer Begegnung nicht an, wir wollten es aber auch nicht mit ansehen und lehnten somit die Einladung zum Frühstück ab (diese Episode spielte sich erst einige Tage nach dem hier geschilderten Reiseabschnitt ab).













Von den unzähligen Hotelburgen mit Wasserpark und Einkaufszentren rund um Alanya und Side in Angst und Schrecken versetzt (einzig genossen wir die vielen anerkennenden wohlwollenden Blicke, die uns nun Touristen und nicht mehr Einheimische zuwarfen), verzichteten wir darauf auch noch in Antalya einzurollen. Gut, das war uns ohnehin schon im Vorhinein klar gewesen und so bogen wir vor der acht größten türkischen Stadt ins Landesinnere ab.
Der Abend näherte sich und wir fanden nach einer Weile des Umherirrens durch historische Ausgrabungsstätten und Bauerndörfer ein vermeintlich friedliches Plätzchen in einem Kiefernwald. Wir hatten in den vergangenen drei Tagen fast 310 Kilometer und 2.740 Höhenmeter (wie gesagt lange Zeit bei unerträglichem Verkehr) gemacht und lechzten nach Ruhe.
Nach kurzer Zeit stellten wir aber drei Dinge fest, die diesem Bedürfnis im Wege zu stehen schienen. Zunächst flogen in kurzen Abständen einige Urlaubsflieger über unsere Köpfe hinweg, offenbar zelteten wir in der Einflugschneise des Flughafen Antalya. Dann gesellten sich einige streunende Hunde zu uns, die auf Fütterung spekulierten. Schließlich rollte ein weißer Transporter an, dem unweit unseres Zeltplatzes eine Horde junger Männer entsprang, die dem Fahrzeug sogleich Tische, Stühle und einen Grill entluden, sich also offenbar auf eine fröhliche Nacht vorbereiteten.
Doch am Ende wurde es nicht so schlimm wie zwischenzeitlich befürchtet. Der Strom der Flugzeuge ließ bald nach, die Hunde trotteten nach einer Weile unverrichteter Dinge und ohne wirklich aufdringlich geworden zu sein von Dannen und die Grillfreunde beließen es bei einem Abendessen und vielleicht vier angeskippten Liedern aus dem Lautsprecher ihres Wagens. Kurz nach Einbruch der Dunkelheit rollten sie wieder davon.












Die Suche nach einem Schlafplatz am Vortag hatte uns in die Nähe eines Naturparks mit sehenswertem Wasserfall getrieben. Wir brachen an diesem Tag daher erstmals unseren Vorsatz keine touristischen Sehenswürdigkeiten zu besuchen und schauten uns für einen Eintrittspreis von nicht einmal 1,50 € den Kurşunlu Wasserfall und den darum gelegenen Park an. Nachts hatte es geregnet und nach einer Pause setzte der Regen wieder ein als wir unsere Räder aus dem Wald geschoben hatten. Während wir uns in Poncho und Regenhose kämpften, schenkte uns ein Gärtner Chili-Schoten, die er gerade im angrenzenden Treibhaus geerntet hatte und die sich als nur mäßig spicy erwiesen.
Der Wasserfall war durchaus sehenswert und als erste Besucher an diesem Morgen konnten wir die Regenpause für einen entspannten Spaziergang über die angelegten Wege über Brücken, zwischen Felsen hindurch und unter einem dichten grünen Blätterdach hinweg tatsächlich genießen.
Dann war es jedoch vorbei mit dem Genuss, denn die darauffolgende Fahrt ins Inland in Richtung Berge fiel total ins Wasser. War das die Strafe, dass wir von unserem Vorsatz auf Sightseeing zu verzichten abgewichen waren? Denn trotz solider Regenkleidung war es uns nach gut 30 km genug und wir wollten in Dösemealti schon wieder in ein Hotel einchecken, um dem Elend zu entgehen und zu trocknen. Wir fanden ein öğretmen oteli, ein sogenanntes Lehrer-Hotel, die es überall in der Türkei gibt und in denen, trotz der eigentlichen Bestimmung zur Unterbringung für Lehrkräfte, jedermann (auch Paare wenn sie glaubhaft versichern verheiratet zu sein) sehr günstig unterkommen kann. Triefend nass begehrten wir während es draußen noch immer aus Kübeln schüttete um ein Zimmer für die Nacht in dem riesigen Komplex, woraufhin uns jedoch erklärt wurde (der Rezeptionist hatte zu unserer Verwunderung einen jungen Assistenten, der erstaunlicherweise perfekt Englisch sprach) alle Zimmer seien belegt. In übertriebener Theatralik hämmerte Tilmann seine Faust auf den Tresen und schmetterte ein markerschütterndes „Oh fuck!“ durch die turmhohe und meilenweite Lobby. Der junge Assistent erläuterte dann sogleich, dass in dem Hotel Opfer des Erdbebens untergebracht seien, daher die vollständige Belegung. Kleinlaut entschuldigte sich Tilmann für seine vor diesem Hintergrund noch unangemessenere Reaktion und wir trollten uns.
Weiter ging es im strömenden Regen zu einem regulären Hotel, dass uns seitens des hilfsbereiten Dolmetschers empfohlen wurde. So wie wir dort eingecheckt hatten (600 Lira) hörte der Regen auf. War das nun die Strafe, dass wir von unserem Vorsatz nicht bei jeder witterungsbedingten Widrigkeit gleich wieder ins Hotel zu gehen abgewichen waren? Nun war es wie es war und wir verbrachten noch den halben Tag in dem kleinen aber feinen Hotelzimmer, in dem wir uns aufgrund all der zum Trocknen herumhängenden Zelt- und Bekleidungselemente kaum noch bewegen konnten.











Das Frühstücksbuffet war unbewacht und so schlugen wir uns derart die Bäuche voll, dass es einem schon vom Zusehen hätte schlecht werden können. Doch es lohnte sich, denn so fuhren wir an diesem Tag fast ohne Pause 70 Kilometer und ca. 1.600 Höhenmeter hinauf und entkamen dabei mehrfach dem immer wieder einsetzenden Regen. Tilmann war angestachelt durch die gesamte Audiografie von Rammstein Julia meilenweit voraus und Julia knabberte zwischendurch nur ein paar Sesamstangen, die sie schwesterlich mit ein paar Straßenhunden teilte, sprang dann schnell wieder aufs Rad, denn hinter ihr türmten sich Gewitterwolken auf und sie wollte vor dem Regen den Gipfel überwunden haben. Was sie schaffte und tatsächlich zog das Gewitter weiter, doch es war bitter kalt dort oben in den Bergen.
Auf dem zweiten Pass hinterließ Tilmann Julia eine Nachricht am Straßenschild, das dessen Höhe mit 1.550 m auswies. Erst beim weiterfahren wurde er sich bewusst, dass er sich gerade auf einer Straße befand, die nicht der vorher geplanten Route entsprach und Julia die Nachricht daher wohl gar nicht würde finden können, da wir vereinbart hatten uns nun im Falle von einer entsprechenden räumlichen Distanz zwischen uns beiden, stets penibel an die abgestimmte Route zu halten, um Situationen wie auf Zypern zu vermeiden.
So entschied er sich bei der darauffolgenden Abfahrt sich an einer Tankstelle in ein WiFi einzuschnorren und stellte dabei fest, dass Julia nur knapp 15 Minuten hinter ihm lag. Wiedervereint nahmen wir dann noch den dritten Pass, denn es schien uns ratsam die Nacht nicht oben im West Taurusgebirge zu verbringen sondern wieder ein paar hundert Meter nach unten zu gelangen.
Nach fast 100 km wählten wir deshalb den Vorraum der Örtlichkeiten eines verlassen wirkenden rustikalen Ausflugslokals als Nachtlager. Klingt etwas uncharmant, ist aber besser, als bei unter 0 Grad und Feuchtigkeit draußen zu zelten. Allerdings kam dann doch noch der Nachtwächter, der uns ebenfalls mitteilte, dass das Restaurant morgen früh wieder geöffnet würde, wir durften aber trotzdem bleiben. Er lud uns schließlich noch zu Cay in dem gigantischen geheizten Speisesaal ein, wo er sich über Nacht aufhielt und schlug uns auch vor dort auf der Couch zu schlafen. Da der Fernseher dröhnte, die Halle taghell erleuchtet war und er selbst dort eben nicht zu schlafen sondern zu wachen gedachte, lehnten wir dankend ab.














Auch am nächsten Tag hingen drohende Wolken über uns nachdem sich der Nebel gelichtet hatte und wir freuten uns eine warmshowers-Bleibe für die Nacht zu haben. Auf dem Weg dorthin (erneut über 100 km) kamen wir aber dennoch immer wieder in den Regen, der sich aber ständig mit strahlendem Sonnenschein abwechselte. Das bedeutete für uns ein ewiges Abwechseln von frieren und schwitzen und Regenklamotten abstreifen und anziehen. Kaum waren wir bei unseren Gastgebern für die Nacht angekommen, rollte ein kräftiges Gewitter über die Stadt. Immerhin diesem waren wir also noch entkommen.
Neben all dem Komfort den wir bei unseren Gastgebern erfuhren, war die Begegnung mit dem Paar aus Denizli wirklich befruchtend. Wir unterhielten uns intensiv über ihre Einschätzung des türkischen Bildungssystems (beide sind Lehrer) und beide hofften inständig, bald eine neue Regierung zu haben. Nachdem die Türkei vielerorts sehr konservativ auf uns wirkt, war diese Erfahrung wichtig für uns, damit unser Eindruck der Menschen hier, nicht zu einseitig wurde. Die beiden sind regelmäßig in Deutschland und wir hoffen sie dort eines Tages wieder zu treffen. Ihre beiden Katzen hinterließen auch ihre Spuren. So zernagten sie unsere in Israel gefundene Picknick-Falt-Decke und überzogen einen relevanten Anteil unserer Kleidung mit einem dünnen Film ihres nicht mehr benötigten Pelzes.









Unserem Vorsatz keinem Sightseeing nachzugehen genehmigten wir dann schließlich eine weitere Ausnahme. Wir wollten nun noch Pamukkale besuchen, wie bekannt eines der touristischen Top-Highlights der Türkei. Bis dort waren es von Denizli noch knapp 30 km. Leider muss man jedoch abschließend festhalten, dass wir unserem Vorsatz hätten treu bleiben sollen. Mal ganz davon abgesehen, dass der Eintritt zu den Kalksinterterassen und der Ausgrabungsstätte Hierapolis in den letzten Monaten einer ca. 300 %ige Preissteigerung erfahren hat (nun 400 Lira) und wir dabei auch noch einer unhöflich Falschinformation aufgesessen waren und noch mehr bezahlten (wir zahlten 500 Lira und damit den Eintritt zu einer weiteren historischen Stätte, an der wir schon vorbeigefahren waren) und die Terrassen von Touristenmassen bevölkert sind, ist der Ort keineswegs so atemberaubend, wie erwartet. Er ist aber auch wohl nur noch ein Schatten seiner selbst, denn die größten Teile der mit der annähernd schneeweißen Kalkschicht überzogenen Felsen werden nicht mehr mit Wasser überströmt, wachsen also nicht mehr und grauen langsam ein.
Vielleicht sind wir aber auch nach einem Jahr reisen derart abgestumpft, dass uns weiße Hängen mit blauen Wasserbecken vor schneebedeckten Gipfeln neben gut erhaltenen 2.000 Jahre alten Amphitheatern nicht mehr beeindrucken können. Bei unserer Ankunft hatte uns der Wirt eines nahe gelegenen Restaurants versichert auf unsere Räder aufzupassen und uns Flyer von seinem Etablissement überreicht, die einen 10 prozentigen Preisnachlass versprachen und uns als kostenlose Karten der zu besichtigenden Anlagen untergejubelt wurden (tatsächlich war eine grob verpixelter und nicht maßstabsgetreue Übersichtsskizze auf die Rückseite gedruckt.) Bei unserer Abfahrt (wir waren gerade noch richtig in Wallung, da unsere Bitte uns das irrtümlich zu viel gezahlte Eintrittsgeld zurückzuerstatten nicht nachgegangen wurde) rief er uns zu, dass wir doch nicht weiter fahren könnten ohne etwas zu essen. Tilmann rief ihm zurück zu, dass wir gerne noch bei ihm eingekehrt wären, aber der horrende Eintrittspreis unser Tagesbudget bereits gesprengt hätte. Er stimmte uns kleinlaut zu und wünschte uns eine gute Weiterfahrt. Wir sprangen also wieder aufs Rad und freuten uns über den Sonnenschein während wir dachten: „Das haben wir nun davon, dass wir ein weiteres mal unseren Vorsatz gebrochen hatten und uns auf Sightseeing eingelassen hatten!“ Wir traten für den Rest des Tages noch kräftig in die Pedale und nahmen uns vor jetzt aber wirklich einfach appi dappi Vollgas! zu geben und jede weitere etwaige touristische Ablenkung links oder rechts liegen zu lassen.
PS: Ein Urteil zu den Kaffeepreisen können wir uns nicht erlauben, da wir auf dieser Etappe nur unseren eigenen Kaffee tranken, die Frühlingsmode der Damen war hierzulande bieder: Kopftuch und lange Mäntel; und Zusammentreffen mit Insekten blieb uns vermutlich aufgrund der noch sehr frischen Temperaturen erspart.
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