nach einem jahr ist das abenteuer vorbei (vorerst?) 🇨🇾

Fahrrad fahren auf Zypern

Tag 360 bis 367( 28.03.23 bis 04.04.23)
Distanz: 554km
Höchster Punkt: 510 m
Tiefster Punkt: 2 m
Rauf: 4.550 m
Runter: 4.550 m

In Zypern verlebten wir eine Woche, in der rein gar nichts Aufregendes passierte und wir genossen es in vollen Zügen. Die Straßen waren oft wenig befahren, die Landschaft wunderschön, es gab günstige Supermärkte (Lidl), wir fanden geeignete Zeltplätze und die Sonne strahlte vom Himmel. Einzig der Wind war mal wieder etwas lästig, weshalb wir manchmal etwas kämpfen mussten, nicht immer direkt am Strand zelten konnten und auch der Sprung ins Wasser nicht sehr verlockend war. Die Menschen interessierten sich größtenteils nicht für uns, was zur Abwechselung auch mal angenehm war. Tatsächlich erinnern wir uns an nur einen Menschen, der sich für uns interessierte und daher ein paar Fragen nach unserer Reise an uns richtete. Es war der Wirt eines Imbiss-Lokals, dass wir aufsuchten um Wifi und Strom (und einen Burger mit Fritten aus frischen Kartoffeln) zu ergattern.

Kurzum kein Vergleich mehr zu den abenteuerlichen Monaten, die hinter uns lagen. Es fühlte sich nun mehr an, wie Urlaub, auch wenn wir natürlich trotzdem viel Fahrrad fuhren und nicht in der Sonne dösten. Denn auch wenn wir zum 1-jährigen Jubiläum unserer Reise also im Urlaub waren, wollten wir doch zumindest noch die 18.000 km voll machen! Dazu mussten wir uns an dem Links-Verkehr-Regime unterordnen, was uns insbesondere bei Wiederauffahrten auf wenig befahrenen Straßen nach Rasten gelegentlich nicht gelang. Einige abrupte Bremsmanöver uns erschrocken entgegen rauschender Kraftwagenfahrer(innen) waren die Folge.

Der Wind allerdings machte uns doch den ein oder anderen Tag ganz schön zu schaffen, weshalb wir ihm mal wieder ein bisschen mehr Text widmen möchten. Eigentlich wollten wir, als wir in Limasol mit Kopfschmerzen vom Boot schwankten in Richtung Westen aufbrechen, dann dem Küstenverlauf nach Norden folgen, die Insel in der Mitte durch Nikosia kreuzen, dann ein Stück der langgezogenen Halbinsel Karpas folgen, um schließlich wieder nach Osten abzubiegen und in Girne/Kyrenia die Fähre in die Türkei zu nehmen. Als wir diesem Plan die ersten 5 Kilometer gegen Gegenwind kämpfend und noch recht weichen Beinen gefolgt waren, stellten wir jedoch fest, dass wir ebenso gut in die andere Richtung fahren könnten. Wir suchten daher kurz die nächst gelegene Mall auf, ließen uns einen Kaffee beim ordnen der Gedanken unterstützen, checkten die Wettervorhersage und drehten dann tatsächlich um in Richtung Osten. Mit Rückenwind schafften wir es dann noch knapp 50 km weit und fanden einen schönen Zeltplatz an einem geschlossenen Strandcafé, dass Windschatten und fließend Wasser zu bieten hatte. Julia stürzte sich von diesen günstigen Bedingungen angespornt tatsächlich sogar einen Moment in die aufgewühlte See, nur um sich dann kalt abzuduschen. Der später noch erscheinende Gärtner hatte nichts gegen unser Verweilen einzuwenden sondern stellte extra noch den Rasen-Sprenger aus.

Am darauffolgenden Tag hatten wir erneut kräftigen Rückenwind, der uns 105 km bis kurz vor die Grenze zu Nord-Zypern vor sich herschob. Für Tilmann wurden es an diesem Tag sogar 121 km und davon 8 mit heftigem Gegenwind, da er Julia mit einem Platten weit hinter sich wähnte, die allerdings in Wirklichkeit einen anderen Weg gewählt hatte und schließlich im Café in Larnaca auf ihn wartete. Wir erreichten danach noch das Kap Greco, den de facto östlichsten Punkt der Republik Zypern, welche den nördlichen Teil der Insel ja bekanntlich nur de jure sich zugehörig nennen kann.

Danach war es vorbei mit Rückenwind. Egal in welche Richtung wir nun fuhren, der Wind drehte sich immer mit, um uns gehörig auszubremsen. In der dritten Nacht, als wir die Halbinsel Karpas entgegen der ursprünglichen Pläne schon fast bis zu ihrem östlichen Ende erkundet hatten, hatte er sich zu einem veritablen Sturm entwickelt, sodass wir froh waren in dem wenig charmanten kleinen Raum einer verlassenen Agrar-Immobilie Unterschlupf zu finden. Kaum vorstellbar, dass unser Campo-Compact diesen Böen hätte trotzen können, schafften wir es schon kaum die Tür am sich Öffnen zu hindern.

Eine Nacht später schliefen wir schon wieder ohne Zelt in einer soliden Baustruktur. Hieran hatte zum einen erneut der Wind Schuld. Wir hatten uns daher entschieden den ersten Spot auf offenem Feld doch wieder aufzugeben. Auf der Weiterfahrt übersah Tilmann Julias Fahrrad am Wegesrand, vermutlich vor lauter Erschöpfung. Drum mussten wir wohl oder übel weiter fahren und ließen uns schließlich in einem bezugsfertigen Neubau nieder.

Langweilig ist Zypern übrigens keinesfalls. Wie gesagt, ist es wunderschön und gut geeigneten zum Radfahren und auch ansonsten gibt es viel zu entdecken. In Nordzypern sahen wir viele kleine nicht mehr genutzte und unterhaltene Kapellen und Klöster, im griechischen Teil genossen wir die europäische Kaffee-Kultur. Albern aber durchaus nicht uninteressant war die Architektur in einigen touristisch überreizten Gebieten, insbesondere im griechischen Teil. Hier reihten sich ägyptische Tempel aus Pappmaché an das Haus der Familie Feuerstein aus Polystyrol. Zwar kamen wir auch durch überwiegend landwirtschaftlich genutzte Flächen, die sicherlich nach der Ernte nicht mehr so ansehnlich daherkommen, aber wir waren wieder einmal zur rechten Zeit am rechten Ort und sahen sie Wellen durch den Weizen Pflügen bevor der Pflug die liebliche Landschaft wieder in eine Wüste verwandelte.

Die sehr breite Puffer-Zone zwischen den beiden Teilen führte uns die schwierige Geschichte eindrücklich vor Augen, jedoch spürten wir, dass die aktuelle Lage hier sehr entspannt ist, insbesondere im Vergleich zu dem von uns zuvor bereisten Land, in dem nachdem wir es verlassen hatten, Bomben flogen. Fast schien es, als ob die intensive Grenzüberwachung bzw. das Vorhandensein der Grenze überhaupt mehr aus Tradition, denn aus ernsthafter Feindseligkeit heraus aufrecht erhalten wird.

Einzig als wir die Fähre Richtung Türkei bestiegen – die aufgrund eines Defektes einen Tag später als geplant den Hafen von Girne/Kyrenia verließ – wurden wir während der Überfahrt Augenzeugen einer Schlägerei zwischen zwei Passagieren. Von Bord ging dabei aber keiner der beiden, da die anderen Männer an Bord ihre Jacketts zur Seite warfen, die Ärmel hochkrempelten und die Streithähne trennten. Auf der doch etwas monotonen Überfahrt von 6 Stunden mit dem alten vor sich hinschnaubenden Seelenfänger – dessen Abfahrt sich nach der ersten Verspätung von 20 Stunden, noch einmal um 3 Stunden verzögert hatte – schien dieser Zwischenfall eher eine willkommene Abwechslung zu dem Action-Film im Salon, dem Cay am Bistro und den Zigaretten an Deck zu sein.

Wir hatten also eine gute Zeit auf Zypern und keine Herausforderungen zu meistern und viel mehr zu berichten gibt es deshalb auch nicht. Es besteht zu befürchten, dass dieser Blog an Relevanz verliert. Nicht etwa weil er aufgrund einer baldigen Beendigung unserer Reise seinen Zweck eben jene zu dokumentieren einbüßen würde, sondern weil die abenteuerlichen Geschichten nun vielleicht vorbei sind. Habt ihr euch für uns gewünscht, dass es entspannter wird oder wünscht ihr euch die Abenteuer (und unsere ausschweifenden Berichte darüber) zurück?

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6 Gedanken zu “nach einem jahr ist das abenteuer vorbei (vorerst?) 🇨🇾

  1. Ja, ich finde die Beiträge sollten wieder länger werden, von mir aus auch langatmiger. Gegenüber unserem nicht-Aussteiger Leben ist eure Reise spannend, auch wenn sie nach euren Maßstäben mal weniger ereignisreich verläuft. Tilmann könnte wieder mehr über die Gesteinsformationen schreiben, die sich am Wegesrand auftun oder Julia über Straßenköter und landestypische Insekten. Auch vergleichende Analysen unterschiedlicher Etappen und Länder wären nett, z.B. welche Produkte es wo und wo nicht im Supermarkt gibt, was der Kaffee kostet, wie die gefühlten Verkehrsregeln lauten, welche Frühlingsmode die Damen der Länder dieses Jahr tragen, etc. etc.

    Die letzten beiden angesparten Beiträge haben mir auf der Zugfahrt leider nicht mal bis Walldorf gereicht. :-/ „Früher“ bin ich bis Heidelberg durchgekommen und hatte danach im Bett noch ein paar Absätze übrig.

    1. “Gegenüber unserem nicht-Aussteiger Leben ist eure Reise spannend, auch wenn sie nach euren Maßstäben mal weniger ereignisreich verläuft.”
      Dem kann ich nur zustimmen. Nach dem T-Rex in Israel hätte ich mir nun – ähnlich wie im Film – alsbald irgend etwas mit Velociraptoren gewünscht.
      Oder seid in Wirklichkeit ihr in dieser Geschichte etwa die Velociraptoren (laut Wikipedia: lat. velox ‚schnell‘, raptor ‚Räuber‘), welche sich mit ihren Velos von der Welt und dem Leben immer wieder neue Abenteuer “erräubern”? 🤔

  2. Ach ja, ich sollte ja auch was kommentieren: ich bin immer sehr gespannt, was ihr beiden erlebt. Irre, wie ihr euch durchschlagt. Beschämend für uns hier in Deutschland, um wieviel mehr die Gastfreundschaft in den bereisten Ländern gepflegt wird, obwohl der Wohlstand so viel geringer ist.
    Spannend sind die Reisebeschreibungen auch deshalb, weil ihr Sachenerlebt die der Normaltourist leider nicht erfährt.
    Deshalb weiter posten,bitte

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