die hauptstadt des hedonismus liegt am mittelmeer 🇮🇱

Mit dem Fahrrad an der israelischen Mittelmeerküste von Nord nach Süd

Tag 352 bis 358 (20.03.23 bis 26.03.23)
Distanz: 253 km
Höchster Punkt: 550 m
Tiefster Punkt: 3 m
Rauf: 2.430 m
Runter: 2.460 m

Zumindest Julia hatte sich sehr aufs Mittelmeer gefreut: hübsche Strände, den durchs Fahrradfahren und die Sonne erhitzten Körper im Meer erfrischen, in einer Strandbar den Sonnenuntergang genießen! Mittlerweile kann man zu dieser Reise resümieren, dass sich die Dinge selten so entwickeln, wie wir es uns vorher ausgemalt haben. Unser Wiedersehen mit dem Mittelmeer verlief abgekühlt: Grau verhangener Himmel, wilde Gischt und regengeschwängerter Wind. Wer will da schon baden? Wir beeilten uns stattdessen nach Haifa zu fahren, wohin uns im Wesentlichen eine heiße Dusche, ein Dach über dem Kopf und eine Waschmaschine lockte.

Der Großteil der Stadt liegt am steilen nördlichen Abhang des Karmel-Gebirges. Dort lebten ebenfalls unsere Gastgeber Inbel und Shaiv mit ihrer Tochter und dem recht nervigen Hund Chamba, der gerne biss und sich im besten Dominanzverhalten an unseren Beinen festklammerte. Wir mussten in der Stadt auf kleinen steilen Straßen 300 Höhenmeter bergauf strampeln und zum Haus unsere Fahrräder ca. 50 Stufen hinunter tragen, da das Haus nur über diese Treppe erreichbar war. Dafür war die Aussicht von hier oben umwerfend und wir wurden herzlich empfangen. Die beiden lebten ein, wie uns schien, geregeltes und gemütliches Leben in diesem etwas windschiefen Haus am Hang, das Shaivs Großvater ihnen vermacht hatte. Wie uns Inbel erklärte, war es einst von Palästinensern als Hotel erbaut worden, die im Krieg geflohen waren und in Besitz ihrer Familie übergegangen ist. Mit den beiden konnten wir sehr offen über die vielen offenen Wunden reden, die dieses Land plagen. Wir fragten daher auch dieses recht alternativ wirkende Paar wie ihnen ihr Militärdienst gefallen habe und hörten auch von ihnen nur Gutes. Inbel erklärte uns es sei ein Running-Gag, den eine Generation der nächsten erzählt, dass die nächste wohl keine so starke Armee mehr benötigen werde.

Wir gönnten uns eine Pause und liefen einen Tag umher in der Stadt, besuchten den Gemüsemarkt, den Flohmarkt, die Innenstadt, die bedrohliche schwankende Seil-U-Bahn (aber Doppelmayrische Qualitätsarbeit halbierte die Mulmigkeit), den Bahai Garten und genossen einfach die Gemütlichkeit, die diese Stadt und ihre Bewohner ausstrahlten. Wir sahen junge Israelis in hippen Cafés am Vormittag unter der Woche palabern, abgerissene ältere russische Herren, die im Vorbeigehen ein Laib Brot klauten, House-Musik hörende Gemüseverkäufer, ältere Damen, die aus Hafen-Cocktail-Bars schwankten und die schwarz gekleideten orthodoxen Juden, die offenbar stets in Eile durch die Gassen huschen.

Shaiv erklärte uns, dass sich in Haifa jeder eine Wohnung mit einer schönen Aussicht leisten könne. Deshalb blieben die Haifaer gerne zuhause, während in Tel Aviv, die Wohnungen so teuer wären, dass sich viele nur unattraktive Wohnungen leisten könnten und deshalb soviel ausgingen.

Doch als wir einige Tage später die Wohnung unseres ersten Gastgebers in Tel Aviv betraten, die keinesfalls unattraktiv war und einen echten Marc Chagall an der Wand entdeckten, zu dem er uns erklärte, dass die wirklich teuren Kunstwerke in seinem Apartment in Paris hingen, war uns klar, dass dieser junge Mann ebenso gerne zuhause sein, ausgehen oder um die Welt jetten konnte, an Geld schien es jedenfalls nicht zu mangeln. Nichtsdestotrotz: Unser späterer zweiter Gastgeber in Tel Aviv musste schon einräumen, dass Haifa im Schatten von Tel Aviv und Jerusalem ziemlich unterschätzt werde.

Zwischen beiden Städten liegen nicht einmal 100 Kilometer, doch da wir noch etwas Zeit hatten und es uns auch zu langweilig erschien, den direkten Weg zu nehmen, fuhren wir etwas Zick-Zack und von Haifa aus zunächst noch weiter bergauf. Nach nur wenigen Kilometern platzte mal wieder ein Schlauch, diesmal der von Tilmann und unser Geflicke hielt auch nur für noch weniger Kilometer, als wir erneut den Schlauch wechseln mussten. Allerdings stellten wir nach dem Wechsel fest, dass es wohl diesmal am Ventil gelegen hatte. Die Laune war also mal wieder im Keller und mussten mittlerweile feststellen, dass fast überall in Israel reger Verkehr herrscht. Egal, wie klein und unbedeutend die Straße auch erscheint, auch wenn nur winzige Kibbutzim und Dörflein an ihr liegen, ständig düsen Autos an einem vorbei. Weicht man auf ungeteerte Wege aus, ist es schnell vorbei mit dem Radeln, denn die Wege sind meist zu steinig. Diese Erfahrung machten wir an diesem Tag gleich zweimal und auch das sollte unsere Laune nicht steigern. Immerhin entdeckten wir noch einen Fahrradladen, der von einem Beduinen und einem Drusen geführt wurde und wo wir als Ehrengäste Kaffee, ein neues Ventil und eine Hand voll Splinte umsonst bekamen. Die Laune war wieder ein wenig gestiegen.

Als wir gegen Abend wieder das Meer erreichten, wollten wir davon auch nicht mehr viel Wissen, schauten uns nur kurz das beeindruckende Aquedukt am Strand Caesarea an und suchten uns dann schnell ein Lager in dem Wald dahinter. Immerhin war es dort schön und ruhig und wir gönnten uns mal wieder das Aufhängen unserer Hängematte.

Den darauffolgenden Tag radelten wir schnell nach Tel Aviv, wollten uns jetzt von nichts mehr ausbremsen lassen und einfach mal ballern. Trotzdem plauschten wir kurz mit einem anderen Radfahrer und beäugten interessiert die Demonstrationen an mehreren Kreuzungen, die sich gegen die Verfassungsreform richteten. Interessant für uns, war die Tatsache, dass kaum eigens bemalte Schilder in die Höhe gehoben wurden, sondern fast ausschließlich Israel-Flaggen geschwungen wurden, was uns zunächst grübeln ließ, welche Seite denn hier vertreten wurde. Auch in Tel Aviv gingen um die 100.000 Menschen auf die Straße, doch wir hielten uns an die Empfehlung unseres Gastgebers, sich davon fernzuhalten. Stattdessen trafen wir uns mit Yohann an der Mittelmeer-Promenande und er führte uns mit seinem Fahrrad durch die Stadt, vorbei an den Demonstrationen.

Tel Aviv präsentierte sich uns wie ein Pfau, der gerade sein prächtiges buntes Federrad aufschlug. Unsere Vorstellung wurden diesmal nicht enttäuscht: Es war bunt, laut und quirlig. Gleich nachdem wir die erste Häuserecke umrundet hatten, waren zahlreiche Strandbars zu erblicken und es wurde mit veganem Essen geworben. An vielen Straßen gab es Radwege, doch einige waren auch erst im Entstehen. Die Stadt machte insgesamt noch keinen fertigen Eindruck. Wir waren überrascht über die miserable Bausubstanz: Alte Häuser waren dem Verfall Preis gegeben und Häuser aus den 60ern sahen stark renovierungsbedürftig aus, es wurde überall neu gebaut, teilweise indem alte Gebäude aufgestockt wurden.

Unser Gastgeber Yohann führte uns zuerst zu einer Gartenlaube in der uns drei ältere Herrschaften freundlich empfingen. Sie hatten, wie jeden Donnerstag, aus geretteten Lebensmitteln ein leckeres Essen zubereitet, an dem wir uns nun bedienen durften. Wir waren wohl die Nachzügler an diesem Tag und durften die Reste verputzen. Yohanns Wohnung, in die wir anschließend fuhren, war zwar nicht groß, aber hochwertig ausgestattet und mit teuren Erbstücken eingerichtet. Eigens für uns wurde ein Klappbett aus einem Wandschrank heraus geöffnet, diese allseitsbekannte Kuriosität hatten wir noch niemals live gesehen. Yohann hatte uns bei der Ankunft Bier versprochen, dass er bei seinem kürzlich absolvierten München Besuch erworben hatte und tatsächlich: er hatte eine Dose tschechisches Pils, dass wir uns nach der Dusche zu Dritt teilen durften.

Eine fröhliche Stimmung wehte durch die Wohnung, spätestens als der Sonnenschein Marta zu uns stieß. Die Spanerin hatte sich auch über warmshowers bei Yohann gemeldet und kam ebenso wie wir aus Südosten. Kurze Zeit später stellten wir fest, dass wir auch eine gemeinsame Freundin hatten: Kathrin!

Da Yohann an diesem Abend zu einer Hochzeit eingeladen war, verbrachten wir drei Radler den Abend gemeinsam und rafften unsere müden Beine nochmal auf, das Tel Aviver Nachtleben zu erkunden. Die Bars uns Restaurants waren voll und vor den Clubs bildeten sich bereits früh in der Nacht Schlangen. Doch weil Radreisende entweder geizig (Tilmann) oder müde (Julia) oder beides (Marta) sind, mischten wir uns nicht so richtig unters Volk und beobachteten nur die Ausgelassenheit und die lockersitzenden Geldbörsen der anderen.

Yohann ließ es sich nicht nehmen uns am nächsten Tag eine ausführliche Stadtführung zu geben. Formvollendet erklärte er uns die Sehenswürdigkeiten, kulinarischen Besonderheiten und Verhaltensweise der Stadtbürger. Wir mussten feststellen, dass an diesem Freitagmittag (Wochenende in Israel ist Freitag und Samstag) mehr los war auf den Straßen, als am Abend zuvor. Anscheinend wurde hier gerne tagsüber gefeiert. Die Straßen Cafés waren überfüllt, Wein und Bier floss, es wurde gespeist, gesungen, auf den Gehwegen getanzt und mit nacktem Oberkörper gejoggt. Wir fühlten uns wie in der Hauptstadt des Hedonismus! Zwischen all den Menschen, deren Verhalten vor allem auf sinnliche Genüsse ausgerichtet war, hüpften an vielen Ecken orthodoxe Juden entweder uns vor die Füße, um uns anzubieten den Tefillin um unseren Arm zu wickeln, oder zu Technobeats im Takt, um Spenden für Jugendcamps einzuwerben. Die gute Stimmung war ansteckend, doch wir mussten uns auch bald schon wieder beeilen zu unserem nächsten Date zu kommen.

Da Yohann für den Abend seine Familie erwartete, hatten wir noch einen anderen host für die nächsten beiden Nächte ausfindig gemacht. Spontan klärten wir, dass auch Marta uns dorthin begleiten konnte. Unsere Ankunft wurde bereits um 16 Uhr erwartet, damit noch genug Zeit wäre, den Shabat in aller Ruhe zu begehen, denn dies war unserem zweiten Host Akiva sehr wichtig.

Er wohnt etwas abseits, wo das Flimmern der Innstadt bereits nachließ, in einer einfachen aber geräumigen Studentenbude. Für das Wochenende hatten sich dort neben ihm und seinem indischen Mitbewohner noch sein Cousin und ein kanadischer Freund eingefunden. Akiva selbst stammt eigentlich aus den USA, war aber nach Israel emigriert und zum studieren nach Tel Aviv gekommen. Er und sein Kumpel nahmen es offensichtlich auch recht ernst mit der Religion (sein Cousin war da schon deutlich distanzierter), wie wir es von jungen Menschen aus Deutschland nicht kennen und wie wir es bei all unseren vorherigen Einladungen in Israel so nicht erlebt hatten.

Bis es dunkelte sollte sich jeder eingefunden haben, das Essen war bereits vorher gekocht, Handys wurden ausgeschalten und, das war für uns am wenigsten nachvollziehbar, es musste nun entschieden werden, welches Licht an und welches aus bleiben sollte, denn kein Schalter sollte bis Ende des Shabbat (Samstagabend) mehr betätigt werden. Dies ist wohl eine Abwandlung von der eigentlichen Regel, keine Elektrizität am Shabbat zu nutzen. Indem man die Schalter nicht mehr betätigt hat man sich darum wohl herum geschummelt 😉

Vor dem Essen wurde gesungen und gebetet, Brot gereicht und Hände mit Wasser gereinigt. Ganz unbekannt war uns dieser Teil nun nicht mehr, aber Marta schaute erstaunt zu, da sie erst gestern nach Israel eingereist war. Wir verbrachten jedenfalls einen sehr angenehmen Abend in dieser Runde und staunten über das scheinbar unerschöpfliche Wissen der jungen Männer:

Tilmann: „I studied in the Ruhr-Area in the city of Bochum.“
Akiva: „Ah, that’s between Essen and Dortmund, right?“

Da Regen vorhergesagt war, der letztendlich nicht eintrat, blieben wir einen weiteren Tag bei Akiva und brachen erst am Sonntag Richtung Ashdod, unserem 5. Meilenstein auf, wo uns am Montag ein Segelschiff aus Israel raus bringen sollte. Wir hatten uns den hohen Preis für diese Überfahrt (etwa 5 mal so teuer wie ein Flug) damit schön geredet, dass das ja noch einmal ein ganz besonderes Erlebnis werden würde. Das wurde es, aber da es eine so herausragende Erfahrung war, soll von diesem dreißigstündig Albtraum erst nächstes Mal berichtet werden.

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6 Gedanken zu “die hauptstadt des hedonismus liegt am mittelmeer 🇮🇱

      1. Warum trägt Tilmann Krawatte? warum habt ihr überhaupt eine dabei?
        Die Streetartbilder aus Israel gefallen mir wirklich sehr!

      2. Am Shabbat hat man sich gefälligst anständig zu kleiden. Unter den vielen Dingen die man am Straßenrand finden kann zählen auch Krawatten. Tel Aviv ist schon einen Besuch wert, was wir auch sagen können ohne das Nachtleben ausgetestet zu haben.

      3. Warum habt ihr das Nachtleben denn gar nicht ausgetestet? 🤔

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