Pilgerreise mit dem Fahrrad
Tag 266 bis 270 (24.12.22 bis 28.12.22)
Distanz: 432 km
Höchster Punkt: 1.990 m
Tiefster Punkt: 5 m
Rauf: 2.620 m
Runter: 3.630 m
Das wurde aber auch langsam Zeit. Endlich gab es einmal etwas wirklich Schönes und zusätzlich etwas Außergewöhnliches zu sehen. Saudi Arabien hatte uns in den letzten Wochen einiges abverlangt und nun wurden wir für die ganzen Strapazen endlich einigermaßen entlohnt.
Aber der Reihe nach. An Heiligabend kletterten wir mit dem Morgengrauen aus dem Zelt, der Sturm hatte sich gelegt, doch der Sand war nun in jeder erdenklichen Ritze unseres Equipments. Zumindest die Kette wollten wir davon etwas befreien und fuhren dann nach einem Kaffee und einem spartanischen Nüsse-Dattel-Frühstück los. Frisches Brot bekamen wir 20 Kilometer weiter direkt aus dem Holzkohle Ofen eines pakistanischen Imbiss. (In einer beliebten Zubereitungsvariante werden hier die Brotfladen unter Zuhilfenahme eines Eisenstabes an die Wand des Ofen geklebt, der eine etwa hüfthohe 1meterbreite nach oben geöffnete Tonröhre ist.)
Von Weihnachten bemerkten wir hier erwartungsgemäß gar nichts. Im Gegensatz zu anderen arabischen Ländern, wird in Saudi Arabien auch nicht die kommerzielle Seite von Weihnachten ausgenutzt: Es gibt keine Weihnachtsbäume, keine entsprechende Musik, Süßigkeiten oder Dekoartikel. Auch in Riyadh in den Malls konnten wir nichts dergleichen entdecken. Wir dachten auch nicht zu viel über Jesus Geburt nach, sondern waren einfach froh, wieder radeln zu können.
Dieser Tag brachte eine andere (fast vergessene) Herausforderung mit sich: Bisher hatten sich die Saudis als gastfreundlich, aber gleichzeitig sehr höflich und überwiegend zurückhaltend präsentiert. Doch nun wurden wir ständig auf der Straße angehalten, teilweise indem abrupt direkt vor uns gebremst wurde. Wir wurden auf arabisch angesprochen und als wir erklärten, dass wir dies nicht verstehen, wurden wir ausgelacht. Wir wurden ungefragt fotografiert und gefilmt. Wir fühlten uns wieder, wie im Iran und es gefiel uns nicht besonders. Es machte den Eindruck als ob wir auf der Straße mehr Follower hatten als auf unserem Blog und auf Instagram zusammen. Nachdem wir das 5. Mal angehalten wurden, beschlossen wir, bei jedem weiteren Annäherungsversuch freundlich zu winken und weiterzufahren. Schließlich wollten wir fahren und nicht alle paar Meter stehen bleiben.
Als wir in die Stadt Turbah einfuhren und Tilmann kurz auf Julia warten wollte, ließ er sich dann doch auf ein kurzes Interview für Snapchat ein. Die zwei Herren hatten sogar ein externes Mikrophone dabei und wollten vor dem Stadttor mit uns Fotos schießen. Nachdem wir die zwei Fragen, die sie auf Englisch stellen konnten (Where are you from? Where are you going?) beantwortet hatten, durften wir weiter, bemerkten aber nach einer Weile, dass uns einer der beiden weiterhin verfolgte bzw. tauchte er immer wieder in unserer Nähe auf, kam aus Seitenstraßen heraus oder uns unvermittelt wieder entgegen. Schließlich wurden wir erneut von den beiden gestoppt und sie hängten uns zwei Blumenketten (mit echten Blumen!) als Zeichen der Begrüßung in ihrer Stadt um den Hals. Jetzt waren wir doch entzückt, obwohl die hübschen Blumenketten etwas unpraktisch über unseren Querstangen baumelten.
Fast iranische Verhältnisse
Nach einer etwas längeren Suche nach einem offenen Supermarkt (es war gerade Gebetszeit, noch dazu Freitag), ließen wir uns für eine Pause in einem kleinen Park nieder. Wieder wurden wir nicht in Frieden gelassen, als wir uns bei einem Imbiss eine kurze Pause von der ganzen Aufmerksamkeit gönnen wollten. Als wir zwischen Bissen in Gurken und Teigfladen unsere Weiterfahrt eruierten, kam eine Schar Kinder mit gezückten Smartphones zu uns (der Vater wartete in seinem SUV neben dem Park und beobachtete das Treiben), die wir dann reichlich genervt verscheuchten. Sie verschwanden verschüchtert zurück in den Wagen, der daraufhin abrauschte. 10 Minuten später tauchten die drei Jungs jedoch wieder auf und überhäuften uns mit Geschenken (Gurken, Äpfel, Bananen, Wasser – kurze Anmerkung: in Saudi Arabien wurden wir hauptsächlich sehr gesund beschenkt, dabei wünschten wir uns manchmal wieder die Cola-, Kekse- und Energy-Drink-Geschenke zurück). Etwas beschämt und mit schlechtem Gewissen, zu ruppig gewesen zu sein, erklärten wir uns nun natürlich für eine gemeinsame Selfie-Session bereit, doch nun winkten die Kinder ihrerseits ab. Als wir aufbrechen wollten kam das Kindertaxi erneut herangerollt und diesmal lud uns der Vater zu „Arabic Coffee Home“ ein. Wir lehnten dankend ab, konnten mit den Jungs aber immerhin noch ein Versöhnungs-Selfie knipsen.
Auf der Weiterfahrt versuchten wir weiteren erzwungenen Stopp-Versuchen auszuweichen, unsere Gefühle schwankten dabei zwischen schlechtem Gewissen und dem Wunsch unsere eigenen Entscheidungen zu treffen und nun eben fahren zu wollen. Manch ein junger Mann schien uns auch eher von dem Fahrersitz aus zu verhöhnen und einige Kinder kreischten wie am Spieß, als sie uns entdeckten. Auf diese Art von interkultureller Interaktion wollten wir dann lieber auch verzichten.
Wir waren trotz dieser Unterbrechungen gut vorangekommen und wollten gegen Abend nun noch einen Endspurt von 20 km einlegen. Just in diesem Moment nahm der Wind jedoch kräftig zu und wir verhedderten uns zusätzlich in einer Diskussion über die richtige Schlafplatzwahl. Schließlich setzte sich (ausnahmsweise) Julia durch und die Wahl fiel auf einen Platz in einem mit Büschen und Bäumen bestandenen Wadi, dass besonders im Sonnenuntergang äußerst hübsch aussah und der erste (und bisher einzige) wirklich schöne Zeltplatz war, den wir in Saudi Arabien hatten. Ein Busch mit großen grünen Blättern (die Kenner hier, können gerne eine Artbestimmung vornehmen) bot uns Windschatten und wurde sogleich von uns mit den neuen Blumenketten geschmückt, sodass wir tatsächlich noch unter einem etwas exotischen Weihnachtsbaum ein sehr leckeres Abendessen (Linsensuppe) verspeisen konnten. (Die Alternativen zu diesem Zeltplatz wären übrigens a) ein halb vergammelter Wohncontainer, dessen Boden mit Vogelkot überdeckt war und b) im Windschatten eines riesigen Hühnerstalls, gewesen.)











Wir brachen früh auf am ersten Weihnachtsfeiertag und gaben appidappi-Vollgas, da wir wussten, dass der Wind gegen Mittag wieder zunehmen sollte. Die Landschaft war mittlerweile endlich wieder interessanter und abwechslungsreicher geworden: Es war hügelig, große bizarr geformte Felsen standen am Wegesrand, Büsche und Bäume versammelten sich in trockenen Wadis und bald ging es für uns auch wieder bergauf, bergab und um Kurven. Zum Glück war die typische Freitags-Aufgeregtheit bei den Muslimen verfolgen und wir wurden wieder wesentlich seltener angesprochen und angehalten.
Unsere Eile am Morgen zahlte sich aus und so schafften wir die 100 Kilometer bis 15 Uhr zu unserem Domizil für diesen Feiertag. Wir hatten mit Ahmed über couchsurfing Kontakt und er hatte uns angeboten, auf seiner Farm 45 Kilometer vor Taif zu übernachten. Gleichzeitig hatten wir mit zwei anderen Radreisenden Kontakt (Muriel🔗 und Matthias🔗), die gerade ebenfalls in der Gegend waren und da wir dachten, dass eine Farm bestimmt genug Platz für uns alle böte, klärten wir mit Ahmed, dass wir zu viert kommen würden. Alles natürlich „no problem“. Doch als wir an der Farm ankamen, standen wir vor einem verschlossenen Tor, ein herbeischlurfender pakistanischer Feldarbeiter verstand uns kaum und wusste offensichtlich von nichts, sein indischer Kollege lachte sich kaputt über uns und wir kamen uns etwas veräppelt vor, ansonsten war niemand anwesend in dem großen Anwesen. Auch das Vorzeigen von Ahmeds Profilbild bei couchsurfing konnte keine Klärung herbeiführen. Nach komplizierten Verhandlungen mit den beiden, konnten wir schließlich mit dem Bruder von Ahmed per Telefon klären, dass wir Einlass bekämen und wurden in eine Art 2.-Klasse-Gäste-Empfangs-Pavillon gesetzt. Kurz darauf erschienen auch schon die anderen Radfahrer und gesellten sich zu uns in die gemütliche mit Teppichboden und rundherum Polstermöbeln ausgestattete Teestube. Tatsächlich bekamen wir nun auch noch ein echtes Weihnachtsgeschenk von Muriel überreicht: In Geschenkpapier eingeschlagene Nüsse und Knabbereien. Obwohl wir Weihnachten dieses Jahr weitestgehend ignorieren wollten, freuten wir uns dann aber doch sehr, eine Kleinigkeit auspacken zu können.
Dann erschien Mohammed auf der Bildfläche, der Bruder von Ahmed, und trieb uns an, schnell in seinen Geländewagen einzusteigen („no sleep here!“) und fuhr uns zu seiner Kamelherde, wo wir alle einmal auf einem Kamel sitzen durften und ein gerade mal zwei Stunden altes Kamel-Baby🔗 bestaunen konnten. Nachdem wir auch noch Esel und Ziegen besucht hatten, setzte uns Mohammed wieder am Pavillon ab und war im Begriff direkt davon zu düsen, hätte Julia nicht noch nach Duschen gefragt. Mohammed zeigte Julia die Duschen, nicht ohne jede Gelegenheit zu nutzen, sie am Arm zu berühren und am Ende der Führung den Vorschlag zu unterbreiten, sie solle doch mit ihm in Taif leben. Der Vorschlag war natürlich nicht besonders ernst gemeint, fiel aber auch nicht auf fruchtbaren Boden. Sehr verwundert reagierte er jedenfalls auf unseren Wunsch in dem Pavillon zu übernachten, hielt es aber für „no problem!“
Fahrrad-Fachgespräche
Die Fahrradtruppe war also nun im Pavillon alleine. Etwas irritiert, ob dieser Art von couchsurfing, fragten wir uns warum jemand, der so etwas anbietet überhaupt auf couchsurfing aktiv ist. In der muslimischen Welt, in der wir uns alle seit vielen Monaten bewegten, hatten wir wesentlich komfortablere spontane Übernachtungsmöglichkeiten ergattert. Im Endeffekt missbrauchte Ahmed die Plattform wohl, denn in seinem Profil promotete er in erster Linie sein Angebot als Fremdenführer. Unterm Strich gefiel uns diese Unterbringung aber doch ganz gut, denn es war gemütlich und wir konnten ungezwungen unsere Fahrradreise-Fachgespräche führen. Muriel und Matthias waren aus der anderen Richtung gekommen (sie waren aus dem Iran nach Kuwait geflüchtet und von dort nach Saudi Arabien eingereist) und so konnten wir uns gegenseitig Tipps geben. Die beiden hatten sich erst in Saudi Arabien getroffen, waren aber nun seit einer Weile mehr oder weniger gemeinsam unterwegs. Am nächsten Tag sollten sich jedoch auch ihre Wege erst einmal wieder trennen.
















Den nächsten Tag wollten wir gemütlich angehen, frühstückten und quatschten noch in aller Ruhe, fuhren dann nach Taif rein und schlenderten dort ein wenig durch die „Alt“stadt, die kein bisschen alt war, außer man bezeichnet Häuser als alt, die in den 60er Jahren erbaut wurden. Trotzdem war der Aufenthalt ganz gemütlich und wir plauschten mit dem Falafel-Verkäufer, dessen Freundin (Renate) aus Düsseldorf kommt.
Leider verlor Julias Reifen wieder Luft, wenn auch erfreulich langsam. Wir pumpten ihn also nochmal auf und wollten uns hinter Taif einen Zeltplatz suchen. 15 Kilometer hinter Taif bogen wir auf einen Feldweg ab, an dessen Gabelung einige Paviane herum hüpften, aber scheu Reißaus nahmen, als sie uns entdeckten. Der Feldweg war gesäumt von einigen Kieshaufen und ein weiterer Weg führte zu einem Kieswerk, doch etwas weiter hinten, schien es uns ruhig und geeignet zum Zelten. Ein netter Herr machte dort gerade eine Pause und half uns noch mit Wasser aus, brachte uns außerdem Tee und Teigtaschen. Ansonsten sahen wir kein Auto, auch das Kieswerk hörten wir nur leise aus der Entfernung. Wir beschäftigten uns mit dem erneuten Flicken des Schlauches und reinigten zusätzlich den Antriebsstrang (es war im übrigen kein neues Loch aufgetaucht, sondern der Flicken sehr ungünstig angebracht gewesen – Wind, Verkehr, Eile…).
So verging der Nachmittag im Flug und als die Sonne hinter den felsigen Bergen verschwunden war, fiel die Temperatur rapide, da wir inzwischen auf fast 2.000 Metern angelangt waren. Wir verkrochen uns bald ins Zelt, dass wir direkt neben dem Weg aufgeschlagen hatten. Als Julia die Stirnlampe ausknipste und sich zum Schlafen auf ihr Luftkissen bettete, rauschte ein LKW direkt neben dem Zelt vorbei. In einem kurzen Schockmoment sahen wir uns schon zermalmt in unserem Zelt, doch zum Glück war genug Platz und der Fahrer hatte uns wohl gesehen. Allerdings fing seine Schicht nun erst an. Die nächsten Stunden fuhr er im 15-Minuten-Takt vorbei und brachte Kies in das Werk, dass diesen nun auch deutlich lauter verarbeitete. Wir dachten natürlich darüber nach, den Standort noch einmal zu Wechseln, allerdings schreckte uns die Eiseskält ab. Dieser Platz sollte eine Spitzenposition bei den schlechtesten Zeltplätzen unserer Reise einnehmen.










Am Morgen weckte uns die Affen-Familie, die mittlerweile wohl unser Zelt entdeckt hatte und mit entsprechenden Geräuschen hoffte, die Eindringlinge aus ihrem Revier zu vertreiben oder alternativ etwas zu Essen abzustauben (wir fühlten uns an die Türkischen Kangals🔗 erinnert). Besonders Angst einflößend oder herzerweichend war das allerdings nicht. Nach unruhigem Schlaf, entdeckten wir am Morgen dann auch Frost auf unserem Zelt und packten schlotternd zusammen. Immerhin sollte uns ein interessanter Tag bevorstehen: Nach einigen Kilometern angenehmer Bergauf-Fahrt erreichten wir den höchsten Punkt auf dem Weg zwischen Taif und Mekka.
Der Ausblick auf das Tal war bombastisch und wurde gekrönt von den Pavianen, die davor saßen und auf ein paar Snacks lauerten. Wie wir aus einer Dokumentation🔗 wissen, gibt es in dieser Region eine besondere Beziehung zwischen Pavianen und wild lebenden Hunden, sowie Katzen. Scheinbar halten die Paviane die Vierbeiner als Haustiere, füttern sie, streicheln sie, erziehen die Hunde, sie zu beschützen. Dies ist ein wirkliche Besonderheit im Tierreich und wir waren gespannt, uns diesen Zusammenschluss selbst anzuschauen. Leider konnten wir hierzu nicht allzu viel entdecken: Hunde und Katzen waren zwar anwesend, die unterschiedlichen Arten schienen sich allerdings im Wesentlichen zu ignorieren und eher wie Dachs und Fuchs einfach nur den gleichen Lebensraum zu teilen. Als wir uns einer Gruppe Paviane nährten, begannen jedoch vier Hunde sehr aufgeregt zu bellen – vielleicht doch ein Hinweis, dass sie als Wachhund ihre Herrchen schützen.
Interessant zu beobachten war außerdem: Das Essen, das einige Menschen trotz Fütterungsverbot aus dem Fenster ihres Autos warfen, wurde von den Affen, nicht jedoch von den Hunden eingesammelt. Hunde und Katze versuchten nicht mit ihnen in Konkurrenz zu treten, sie bettelten nicht, zankten sich nicht mit ihnen ums Essen, sondern hielten sich im Hintergrund. Über das Fütterungsverbot wird eindeutig auf Schildern informiert und ist auch deshalb von Bedeutung, da die Pavian-Population stark wächst und laut einem Zeitungsartikel🔗 ab und zu „Amok“ läuft und Dörfer in der Gegend überfällt, um dort zu Plündern. Uns gegenüber haben sich die Affen eher etwas scheu verhalten, sind keinesfalls frech geworden und waren mit entsprechenden Gesten leicht zu vertreiben. Sie reihten sich damit ein in eine Vielzahl von Tieren, denen Autos als vertraute Unruhestifter weitestgehend egal waren, während sie sich von den ungewohnten Fahrrädern ein wenig aus der Ruhe bringen ließen. Nur die Ober-Affen hüpften uns auch mal entgegen, wenn wir uns ihrer Familie etwas zu sehr nährten. So hielten wir gebührend Abstand, bestaunten aber die unansehnlichen Hinterteile, die bei einigen Affen solche Gewülste hervorbrachte, dass sie kaum mehr laufen oder sitzen konnten.
Neben den Affen war wie gesagt die Aussicht ein wirkliches Highlight. Wir wollten diese ausgiebig genießen, allerdings auch nicht unser Vesper vor den Pavianen auspacken und sie damit verärgern (wir hielten uns selbstverständlich an das Fütterungsverbot), also ließen wir uns ein Stück die Serpentinen herrunterrollen, während wir Kurve um Kurve staunten. Auf einem Stück alter Straße, wo kein Auto hinkam und deshalb auch keine hungrigen Affen saßen, war der perfekte Platz, um die Aussicht auf das Tal von Mekka zu bestaunen. Endliche, endlich, endlich war es nach wochenlanger Fahrt durch größtenteils öde und leider oftmals vermüllte Wüste einmal wieder wirklich schön.
Mekka wir kommen
Bis nach Mekka rollte es sich dann fast wie von selbst, doch leider hatten wir uns auf diese Stadt nicht gut vorbereitet. Bekanntermaßen ist es Nicht-Muslimen nicht gestattet Mekka zu besuchen. Wir wussten allerdings nicht, wo genau die Kontrolle sein würde und waren überrascht, diese schon weit außerhalb des besiedelten Bereichs zu entdecken. Unsere Strategie war, zu behaupten, wir würden uns für den Islam interessieren und der Kontrolleur würde dann ein Auge zudrücken. Oder wir würden klären können, dass wir nur auf der Ring Road, die Stadt umfahren wollten. Schließlich konnte der Polizist, der uns anhielt, aber kein Englisch und fragte nur immer wieder „Muslim? Muslim?“. Wenig überzeugend nickten wir einfach, und antworteten immer wieder „Yes, we maybe want to become Moslems!“, da wir auch keinen großen Umweg fahren wollten. Ob er uns das wirklich glaubte, bezweifeln wir zwar, er ließ uns aber passieren.
Angeblich sei es bisher nur wenigen Nicht-Muslimen gelungen Mekka zu besuchen, indem sie sich verkleidet oder im Auto versteckt hatten. Diese hasenfüßige Kontrolle bewies aber, dass man mit einer kleinen Lüge, leicht hinein kommt. Als Ungläubige hatten wir zumindest keine Angst, dass uns Allah oder irgendein anderer Gott für unsere Lüge bestraft, allerdings bekamen wir dann doch etwas Muffensausen, ob eine andere Kontrolle uns doch nicht glauben könnte, dass wir Muslime seien.
Eigentlich ist es ganz leicht ein Moslem zu werden, man muss nur das Glaubensbekenntnis (Shahada) vor zwei Zeugen aufsagen: “La ilaha illa Allah, Muhammad rasoolu Allah.” (“There is no true god (deity) but God (Allah), and Muhammad is the Messenger (Prophet) of God.”). Wir lernten dies zumindest auf Englisch, hatten den Arabischen Satz jedoch schnell wieder vergessen. Hätten wir dies aufsagen können, hätten wir die ganzen gutgläubigen Gläubigen in Mekka überzeugen können und wären dann ja ohnehin Moslems gewesen. Zusätzlich sollte man natürlich die wichtigsten Inhalte dieser Religion kennen und so lernten wir noch schnell die fünf Säulen des Islam auswendig: 1. Testimony of Faith (Shahada). 2. Performance of the five daily prayers. 3. Fasting during the month of Ramadan. 4. Giving 2.5% of your savings to the poor 5. Making a pilgrimage to Mecca. Den letzten Punkt erfüllten wir ja nun auch gerade.
Doch so richtig wohl fühlten wir uns nicht bei dieser Unternehmung und nun kam erschwerend hinzu, dass es bereits Nachmittag war und wir auf keinen Fall die Nacht in der Stadt verbringen wollten, das schien uns nun doch zu gewagt, schließlich drohen Nicht-Muslimen, die sich in Mekka aufhalten Geldstrafen und ggf. sogar eine Abschiebung. Also trauten wir uns letztendlich nicht, bis ins Zentrum geschweige denn zur Kaaba vorzudringen, sondern hielten uns nur am Rande der Stadt auf, konnten die riesigen Parkplätze und zahlreichen beschilderten Fußwege für Pilgeranstürme bestaunen, die zur Zeit der Haddsch zu erwarten sind. Die Haddsch (große Pilgerfahrt) kann nur während bestimmter Tage im Jahr stattfinden, die kleine Pilgerfahrt (Umra) kann jedoch zu jeder Zeit gemacht werden. Somit waren wir also auf kleiner Pilgerfahrt.
Wir versuchten auf der Ring Road Land zu gewinnen, um die verbotene Zone noch zu verlassen. Von dort aus konnten wir immerhin ganz deutlich den mächtigen Clock-Tower Abraj Al Bait bestaunen, der auch aus dieser deutlichen Entfernung mit seinen 601 Metern (höchstes Bauwerk Saudi-Arabiens) gewaltig aussah. Ansonsten wirkte der Rand der Stadt recht normal, mit Läden, Restaurants und vielen Autos, wie andere arabische Städte eben auch.
Schließlich begann es zu dunkeln, doch wir hatten die Konfessions-Kontroll-Zone noch nicht hinter uns gelassen. Da wir mittlerweile aber schon wieder in Wüstengebiet radelten, rechneten wir auch nicht damit, dass uns eine Kontrolle Nachts auffinden würde, wenn wir in der Wüste zelteten. Leider war diese äußerst unattraktiv. Im Islam nimmt ja auch die Sauberkeit, Reinlichkeit und Hygiene einen sehr hohen Stellenwert ein. Dies scheint sich allerdings nur auf den eigenen Körper zu beziehen, denn wir haben bereits unzählige schmuddelige Moscheen gesehen und die Umgebung kann damit erst recht nicht gemeint sein, denn selbst in der heiligen Stadt häuft sich auf jeder Fläche unfassbar viel Müll jeder couleur. So auch in der Wüste rund um Mekka. Abgeschreckt von Müll und Verkehrslärm, suchten wir verzweifelt ein Fleckchen, wo wir die Nacht verbringen wollten und entdeckten schließlich einen Weg, der hinter einen Hügel führte. Immerhin war hier der Highway kaum noch zu hören, menschliche Hinterlassenschaften aller Art waren natürlich auch hier zu finden.
Hinzukam, dass es wieder so stark windete, dass wir gern etwas Schutz gehabt hätten. Einziger Windbrecher bot ein Steinhaufen und als wir im Begriff waren, uns dort niederzulassen bemerkten wir in dem Dämmerlicht, dass wir einmal wieder auf einem Schlachtfeld gelandet waren. Überall um uns herum lagen Skelette von verendeten Ziegen, Schafen und kleiner Kamele. Zum Glück waren diese schon so stark verwest, dass nur noch Knochen herumlagen, doch an einem Kadaver recht nah an unserem Platz war auch noch das Fell zu erkennen. Wir wollten trotzdem nicht mehr weitersuchen und gaben uns geschlagen. Immerhin war es ja ruhig hier, dachten wir, und dann…kamen mitten in der Nacht drei Hunde, die unentwegt unser Zelt anbellten. Als Tilmann irgendwann aus dem Zelt sprang und die Störenfriede durch die halbe Wüste hetzte kam immerhin nur noch einer zurück und hielt ein wenig mehr Abstand.





















Am 28. Dezember wollten wir dann einfach nur schnell die 70 Kilometer auf dem Highway nach Jeddah hinter uns bringen, in unser vorab gebuchtes Hotel einchecken und nichts mehr hören und nichts mehr sehen. Und genauso hat es sich auch zugetragen. Wir bekamen es noch einmal mit ein wenig Wind, Sand und Staub, überflüssigen Wassergeschenken und natürlich jeder Menge Verkehr zu tun, aber es geschah nichts außergewöhnliches mehr. Da unser Hotel in einem Hotelcluster ohne weitere Infrastruktur stand, deckten wir uns frühzeitig bei einem Hypermarket mit den notwendigen Besorgungen ein. Notwendig dachten wir, mussten aber, als wir diese in unseren Taschen unterbringen wollten, feststellen, dass wir es vielleicht doch etwas übertrieben hatte und waren in latenter Sorge, ob wir das zulässige Maximalgewicht unser Patria Terra von 160 km nun nicht vielleicht doch langsam ausgereizt hatten. Wir kamen aber ohne Rahmen- oder Felgenbrüche an waren froh als wir unsere Zimmertür hinter uns ins Schloss fallen lassen konnten. Nach 14.273 km hatten wir an Tag 270, dem 28. Dezember unseren 4. Meilenstein erreicht.
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Hier könnt ihr unsere bisher zurück gelegte Route und (meistens) unseren aktuellen Standort sehen.
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Herzlichen Glückwunsch Ihr Beiden!!
Toll, was Sie in den vergangenen Monaten geleistet haben! Ein frohes neues Jahr mit Glück, Gesundheit und Erfolg!!
Die Beiträge sind immer faszinierend. Passt auf Euch gut auf!!
Liebe Grüße
Lieben Dank Frau Walter. Ihnen alles Gute für 2023!
Liebe Julia, lieber Tilmann, seit Wochen lese ich mit Begeisterung euren Block und schaffe es endlich einmal, euch zu eurem Mut zu beglückwünschen (auch wenn ich gelegentlich auch den Kopf schüttle, was ihr euch freiwillig antut). Für das neue Jahr wünsche ich euch weitere tolle Erlebnisse und vor allem, dass ihr gesund wieder nach Hause kommt. Freue mich auf ein Wiedersehen in Waldhilsbach. Liebe Grüße von Friedlinde
Liebe Friedlinde,
auch dir alles Gute für das neue Jahr! Wir freuen uns, dass du dich von unserem Blog unterhalten lässt 🙂 Auf ein Wiedersehen am Hilsbach oder einem anderen schönen Ort auf der Welt!
Lieb Grüße
Julia & Tilmann
Wadi vs. Hühnerkot… ich verstehe überhaupt nicht, warum sich Julia bei der Schlafplatzwahl durchgesetzt hat.
Du lässt unseren ungeliebten steten Begleiter Wind außer Acht!