wassermassen und radfahrer*innen nicht willkommen 🇸🇦

Radfahren nach und in Riad

Tag 252 bis 258 (10.12.22 bis 16.12.22)
Distanz: 164 km
Höchster Punkt: 820 m
Tiefster Punkt: 510 m
Rauf: 1.090 m
Runter: 790 m

Also das nennt man dann wohl Karma. Jetzt war uns die vergangene Woche nichts besseres eingefallen, als die arme Polizei, die es doch nur gut gemeint hatte, hinfort zu wünschen. Jetzt war sie weg aber was hatte uns das gebracht? Wir schoben unsere Räder über den sandigen und mit allerlei Unrat und Schrottteilen übersäten Mittelstreifen eines stark befahrenen Highways in den Vororten Riyadhs und fragten uns, wo denn nur unsere lieb gewonnene Streife geblieben war.

Es war ein Glück gewesen, dass wir am Abend des 9. Dezember dieses verlassene Haus gefunden hatten, denn es hatte die ganze Nacht unablässig geregnet. Als wir Regenhose und Ponchos aus den Untiefen der längst vergessenen Untergeschossen unserer Ortlieb-Taschen gekramt hatten, hörte der Regen auf und wir hatten uns ganz umsonst in diese unelegante Schale geworfen.

Wir fuhren also los und hatten uns für die Fahrt nach Riyadh, ganz unabhängig von der Polizei, für die Fernstraße 522 entschieden, die südlich des bisher genutzten Highways 80 verlief. Wir rechneten hier mit weniger Verkehr, was uns der indische Verkäufer in dem kleinen Supermarkt vom Vorabend auch bestätigt hatte. Unser Plan ging teilweise auf. Neben der alten Straße, deren Abnutzungsgrad bereits so weit vorangeschritten war, dass ihre Verwendung uns bereits einiges an genervtem Gestöhne abverlangte, wurde gerade eine neue Straße gebaut, deren schwarzes Eis wir Abschnittsweise bereits befahren konnten und zu Beginn fast vollständig für uns hatten.

Nach einer Weile wurde die neue Straße auf einem Damm geführt, was sich wiederum wenig später auch als dringend erforderlich erweisen sollte. Auf der alten Straße hatten sich riesige hüfttiefe Seen gebildet, die selbst von den Lastern nur sehr vorsichtig durchfahren wurden, welche dennoch gewaltige Bugwellen vor sich herschuben. Ohne unseren Damm hätten wir wohl umkehren müssen. Wir konnten nur staunen über die Wassermassen, die sich in nur ein oder zwei Regentagen um uns herum angesammelt hatten.

Der Himmel hing grau und regenschwanger über uns, die nasse Wüste sah trostloser aus, als je zuvor. Der Sand klebte grau am Boden und vermischte sich mit braunem Matsch. Und, man muss es leider erneut betonen, auch Unmengen von Abfällen türmten sich nach wie vor neben der Straße, obwohl wir lange Zeit keine Siedlung durchquerten. Stattdessen begegneten uns einige einheimische Schaulustige, die aus Richtung Riyadh mit ihren SUVs anreisten, um die Wassermassen zu bestaunen. Mit uns fanden sie gleich die zweite Attraktionen vor und so wurden wir einmal mehr des öfteren aus dem Auto heraus angesprochen und zum Kaffee oder Tee eingeladen. Eine Einladung zum Picknick unterhalb des Dammes am matschigen Ufer des temporären Sees lehnten wir ab. Ein spontanes Interview für Snapchat brachen wir in gegenseitigem Einvernehmen irgendwann ab, da wir den Interviewer derart schlecht verstanden, dass wir jede einzelne Frage mit einer Gegenfrage beantworten mussten, bis allen Beteiligten irgendwie die Lust vergangen war.

Erschreckende Lebensbedingungen in einem der reichsten Länder der Welt

Dass wir uns wieder stärker bewohntem Gebiet näherten, merkten wir an einer Zunahme der Abfälle. Etwa 50 Kilometer vor Riyadh begann „Goat City“, eine riesige Fläche bewohnt von Nomaden mit ihren Tieren in Zelten und Blechhütten. Die Behausungen waren erschreckend erbärmlich, es glich einem Slum und war definitiv die schlimmsten Lebensverhältnisse, die wir bis jetzt auf unserer Reise gesehen hatten. Ja, wir befanden uns immer noch in einem der reichsten Länder der Welt. Das Elend erstreckte sich über eine Länge von etwa 10 km und wurde von einem riesigen Kraftwerk abgeschlossen.

Längst hatten wir das schwarze Eis nicht mehr für uns allein gehabt, bis es schließlich abrupt endete. Und dann, als wir den Rand von Riyadh erreichten, bogen wir auf die wohl schlimmste Straße unserer bisherigen Reise: Aufgebrochen, Spurillen, Wasser und Schlamm. Ein Seitenstreifen war nicht mehr erkennbar, Laster und SUVs rasten ohne Rücksichtnahme an uns vorbei. Irgendwann war der Untergrund so löchrig, dass unsere Felgen fast gebrochen wären. Wir wechselten schiebend auf den sandigen und mit Scherben und sonstigen zerborstenen Autoteilen überhäufte Mittelstreifen. Zumindest war es hier definitiv sicherer als am Rand der Fahrbahn.

Nach etwa zwei Kilometern wagten wir uns wieder auf die Straße, als diese zumindest in Punkto Schlaglöcher und Wassermassen wieder ein vertretbares Level angenommen hatte. Immerhin ging es jetzt schneller, doch bis zu unserer Unterkunft bei unserem couchsurfing-host Tarek sollte es noch eine Höllenfahrt werden. Manche Straßen waren noch halb unter Wasser, manche ganz und wir mussten Umwege suchen. Doch besonders übel war der Fahrstil der Städter: Es wurde gedrängelt, gehupt, nicht geblinkt, bei Rot über die Ampel gefahren, Einbahnstraße in verkehrter Richtung durchfahren, kein Sicherheitsabstand gehalten, direkt vor uns rechts abgebogen, Türen geöffnet ohne nach hinten zu schauen, kurzum jeder erdenkliche Alptraum jedes Radfahrers wurde in dieser Stadt zur Wirklichkeit.

Erstaunlicherweise kamen wir wohlbehalten und nur völlig verdreckt bei Tarek an. Dieser hieß uns herzlich willkommen, war aber bereits im Begriff das Haus zu verlassen, um das Viertelfinalspiel zwischen Marokko und Portugal anzuschauen. Tarek war zwar Ägypter, aber in der ganzen arabischen Welt gab es eine gewisse Euphorie um dieses Überraschungsteam, war es doch die erste Mannschaft aus der arabischen Welt, die ein Halbfinale würde erreichen können. Mit Tarek sollte es jedenfalls auch in den nächsten Tagen so bleiben, wir trafen ihn immer nur für 2 Minuten auf der Türschwelle. Wahrscheinlich hatte er sich gedacht, wenn er schon nie in seiner 3-Zimmer-Wohnung ist, sollte diese wenigstens ein paar couchsurfern zu Gute kommen.

Eine Couch hatte er wiederum nicht, denn er war erst vor einem Monat eingezogen und äußert spartanisch eingerichtet. Eigentlich gab es mehr Amazon-Kartons in der Wohnung als Möbel. In unserem Zimmer lag lediglich eine Luftmatratze, während es in der ganzen Wohnung keinen Tisch gab, dafür umso mehr Wollmäuse. Die Kartons nutzten wir, um uns einen kleinen Tisch und ein Sideboard zu bauen. Drei Klappstühle, vielmehr an Ausstattung gab es nicht.

Obwohl wir uns hier eher wie in einem Knast fühlte – wozu auch die winzigen vergitterten Fenster betrugen – blieben wir ganze 5 Nächte. Schuld daran war zum einen eine Erkältung, die auskuriert werden musste und keinen Umzug zuließ und unsere vergeblichen Versuche in der Stadt ein paar Erledigungen nachzugehen.

Riad ist eine Fußgänger und Radfahrer unfreundliche Stadt

Nach 4 Tagen sahen wir jedoch ein, dass nicht nur dieses Zimmer, sondern eigentlich unser Viertel ein Gefängnis war. Riyadh wird durchschnitten von zahlreichen Highways. Auch auf der Karte unscheinbar wirkende Straßen sind 6-spurig und verfügen höchstens alle 5 Kilometer über Übergänge für Fußgänger/Radfahrer. Dies sind dann aber keine Brücken, sondern lediglich Kreuzungen an deren kurzen Grünphasen man sich eilig auf die andere Seite retten muss.

Kein Wunder also, dass alle mit dem Auto unterwegs sind. Doch auch damit macht es keinen Spaß. Davon bekamen wir an unserem zweiten Abend in Riyadh einen Eindruck. Mofiid wollte uns per Auto die Stadt zeigen. Er hatte uns einige Tage zuvor an einer Tankstelle aufgerissen und wir hatten uns nun in Riyadh verabredet. Er holte uns bei Tarek ab und fragte uns, was wir uns anschauen wollten. Unahnend wie wir waren, riefen wir irgendwelche -höhö- Sehenswürdigkeiten -höhö- durcheinander, die wir bei einer unter 5-minütigen Internetrecherche entdeckt hatten und hofften eigentlich auf Insider-Tipps von Mofiid.

Doch dieser hielt sich an unser Gebrabbel und fuhr los Richtung Süden im Stopp and Go auf dem Highway King Fahd um uns zum Souq al Zel (ein angeblich sehenswerter Basar) zu kutschieren. Da wir beide besonders schlechte Autobeifahrer sind, war uns von der ruckeligen Art der Fortbewegung nach kurzer Zeit übel. Die einigermaßen spektakulär illuminierten Wolkenkratzer zogen also an uns vorbei ohne dass wir richtig von ihnen Notiz nahmen während unsere Antworten auf die auf uns einprasselnden Fragen zu unserer Reise immer einsilbiger wurden. Ohne unser Einlenken wäre es noch bestimmt eine Stunde so weiter gegangen, doch schließlich einigten wir uns, auf das Sightseeing zu verzichten und lieber gleich etwas essen zu gehen. Diese Ablenkung kam uns zusätzlich entgegen, da unser Fahrer sich gerade in endlosen Ausführungen über die Eignung von Frauen als Tierärzte im Bereich des schweren Nutzviehs (Kamele und Kühe) ausließ, nachdem wir ihn gefragt hatten, wie er zu den dramatischen Veränderungen seines Landes stünde.

Ja, mit unserer großzügigen neuen Bekanntschaft, die uns in ein schickes indisches Restaurant ausführte, redeten wir viel über seinen Beruf und das sich wandelte Saudi Arabien. Mofiid arbeitet als Tierarzt in den Kuhställen von Almarai, dem größten Milchproduzent in Saudi Arabien und vielleicht sogar der Welt (über 100.000 Kühe produzieren hier über 4.000.000 Liter Milch täglich). Er zeigte uns noch im Auto ein Video, wie er an solch einem nicht endenwollenden Stall vorbeifuhr. Und er lud uns auch ein, einen solchen zu besichtigen. Wir überlegten ernsthaft dieses Angebot anzunehmen. Freilich handelt es sich um eine extreme Form der Massentierhaltung, wir hegten aber eine gewisse Hoffnung, dass es eine vorbildliche Anlagen sein könnte mit ausreichend Platz, stets frischem Einstreu, Beschäftigungsmöglichkeiten für die Tiere und weiteren Innovationen in der Tierhaltung. Einige Recherchen unserseits bestätigen diese Hoffnung jedoch nicht und so befürchteten wir, dass wir einen Besuch im königlichen Betrieb Almarai nur schwerlich hätten ertragen können. Es handelt sich um moderne Ställe in der Wüste, die Unmengen an Wasser benötigen, nicht nur um die Kühe zu tränken sondern auch um sie zu kühlen. Mofiid war natürlich davon überzeugt, dass die Kühe dort gut gehalten werden, denn schließlich ginge es ja um maximale Leistung, die eben nur bei optimaler Fürsorge zu erreichen sei. Er selbst hatte auch schon tausende Kühe auf einem Frachtschiff von den USA nach Saudi Arabien begleitet. Natürlich handelt es sich um hochgezüchtete Holstein Schwarzbunt, die ihre eigenen Euter kaum noch zu tragen vermögen.

Zum Thema Frauen äußerte Mofiid noch, dass er es für richtig hielt, dass diese in den letzten Jahren in Saudi Arabien mehr Mitsprache zugesprochen wurden, unter anderem weil Frauen dafür sorgen, dass alles viel hübscher ist. Vielleicht wäre das Land ja hübscher, wenn Frauen schon früher bessere Möglichkeiten zur Mitsprache gehabt hätten.

Denn auch Riyadh überzeugte keineswegs mit Glanz und Glamour. Der Großteil der Stadt war gesichtslos, grau und schmuddelig, mit Villen, die von hohen Mauern umgeben sind und grauen Mehrfamilienhäusern. Und Leerstand, Leerstand und noch mehr Leerstand. Uns wurde irgendwann klar, warum uns Abdulaziz (in Horfuf) nur Sehenswürdigkeiten außerhalb von Riyadh benannt hatte und Mofiid sich nur an dem orientieren wollte, was wir ihm benennen konnten: Die Stadt selbst hat keinerlei Sehenswertes zu bieten. Dies wurde uns ganz explizit am Ende unseres Aufenthaltes auch von Moh so bestätigt bzw. sprach er es selbst aus.

Immerhin sah man an vielen Ecken aber auch Veränderung: Ein neues Business Viertel mit modernen Hochhäusern, schicke Cafés nach westlichem Vorbild, neue Malls mit an Dubai erinnerndem Schnick-Schnack und Kinos (die bis vor 5 Jahren noch verboten waren), zaghafte erste Ansätze von Fahrradwegen (die sinnlos mitten auf dem Bürgersteig endeten) sowie die Metro-Trasse. Diese Veränderungen, die im Vergleich zu dem aus dem rechtsstaatlichen und demokratisch gemächlichen Deutschland vertrauten Tempo sicher wieder in Lichtgeschwindigkeit vonstatten gehen werden, hängen auch mit der Vision 2030 zusammen. Dies ist ein allumgreifendes Reformprogramm, das von Kronprinz Muhammad Bin Salman aufgesetzt wurde, um Saudi Arbiens einseitige Abhängigkeit vom Öl kurz- bis mittelfristig zu beenden. Dies betrifft natürlich in erster Linie den Wirtschaftssektor und beinhaltet auch die Stärkung des Tourismus- und Unterhaltungssektors.

Apropos ÖPNV: Die nur rudimentäre Abdeckung mit Buslinien führte dazu, dass es für uns keinen Sinn ergab, dieses Fortbewegungsmittel zu nutzen. Der Bau der Metro ist noch im Gange und der Start ist wohl wieder und wieder verschoben worden.

Trotzdem mussten wir uns an Tag 3 unseres Aufenthaltes mal durch die Stadt bewegen und ließen uns schließlich von einem Taxi ins Diplomaten-Viertel fahren, um die sudanesische Botschaft aufzusuchen. Mittlerweile hatte sich die Idee in unseren Köpfen verfestigt, doch noch den afrikanischen Kontinent mit einer Stippvisite zu besuchen. Von Jeddah fährt eine Fähre nach Port Sudan. Von dort könnten wir ins Landesinnere radeln, dann den Nil entlang bis nach Ägypten, ein paar alte Steine besichtigen und wieder zurück übers Rote Meer nach Saudi Arabien, um dann nach Jordanien zu fahren. Am allerwenigsten hatten wir damit gerechnet, dass es schwierig werden würde das Visum für den Sudan zu erhalten.

In der Botschaft wusste man nicht so wirklich etwas mit uns anzufangen. (Fast) Alle waren sehr freundlich, wir bekamen ein Formular auf Arabisch, wurden zunächst in die Wartehalle gesetzt und dann auf ein gemütliches Sofa in dem Büro eines jungen Beamten, der auch Englisch sprach. Er berichtete vor zwei Wochen die deutsche Hauptstadt besucht zu haben, konnte sich an ihren Namen aber nicht mehr erinnern. Immer wieder kamen Leute in sein Büro, um etwas mit ihm zu regeln. In den Pausen widmete er sich unserem außergewöhnlichen Fall, denn allem Anschein nach wurde bisher in dieser Botschaft noch kein Touristen-Visum beantragt. Schließlich wurde uns mitgeteilt, wir könnten für eine Woche in den Sudan und das Visum im Land noch einmal für eine Woche verlängern. Wir baten um mehr Zeit, schließlich benötigten wir mindestens einen Monat, um nur den Norden des Landes auf der kürzesten Route zu durchqueren. So wurde uns erklärt, dies sei nur möglich, wenn wir einen sudanesischen Bürgen vorweisen könnten, am besten ein sudanesisches Unternehmen. Wir beschlossen es in Jeddah noch einmal zu versuchen und bis dahin vielleicht einen Bürgen zu finden.

Von der Botschaft aus fuhren wir erneut mit dem Taxi zum Kingdom Center, dem berühmten Hochhaus mit dem tief eingeschnittenen Bogen, der von einer Brücke überspannt wird. Wir hätten gerne ein paar mehr oder minder wichtige Dinge erledigt, stellten beim Blick auf der Karte aber immer nur wieder erneut fest, dass es unmöglich war, die einzelnen Orte unseres Begehrens ohne Auto in dieser unwahrscheinlich flächengroßen Stadt halbwegs vertretbar zu verbinden.

In der unterhalb des Wolkenkratzers gelegenen Mall gab es von Armani bis Omega nur das allerfeinste, dafür aber keine Kundschaft. Vor dem Schaufenster des Louis Vitton Geschäftes verdrehten wir die Augen angesichts der Infantilisierung der Gesellschaft, die sich hier mit einer Dekoration aus Klemmbausteinen des Marktführers Ausdruck verlieh. Der Rückweg nach Hause von sieben Kilometern zu Fuß trug wesentlich zu unseren oben bereits beschriebenen Eindrücken der Stadt bei.

Nach unserer fünften Nacht brachen wir also wieder auf, um die Stadt bis in ihren südwestlichsten Winkel zu durchqueren. Im Bezirk Tuwaiq hatten wir noch einmal einen warmshowers host ausfindig gemacht, dem wir ebenfalls noch einen Besuch abstatten wollten. Dazu mussten wir uns noch einmal 50 Kilometer durch diesen Verkehrsinfarkt quälen. Wir hatten nun alle vorgesehenen Besorgungen und Besichtigungen für diesen Tag vorgesehen und es klappte erstaunlich gut. So fanden wir einen Copy-Shop der geöffnet war und laminieren konnte, konnten unsere Fahrräder bei Decathlon kostenlos reparieren lassen und konnten dort zudem Flicken für Luftmatratze und Zelt sowie endlich ein paar neue Schuhe für Tilmann besorgen. Das mit den Schuhen war inzwischen wirklich albern geworden und zwar sowohl der Zustand der alten als auch die Suche nach neuen, die bereits in Tibilissi begonnen hatte, also bereits vor gut vier Monaten. Weil wir so cool waren, gewährte uns die engagierte Filialleiterin zudem noch einen Rabatt von 15 % auf unseren Einkauf. Das bei Decathlon nicht gefundene Imprägnierspray konnten wir schließlich noch an einem überraschend am Straßenrand auftauchenden Outdoor-Laden besorgen. Nur die Reparatur unseres Laptops wollte auch beim lizenzierten Lenovo-Reperaturdienst nicht gelingen.

Aber wir schafften noch einen Besuch beim Souq al Zel und wunderten uns trotz geringer Erwartungen dort aber doch über seine ganz und gar nicht vorhandene Sehenswürdigkeit. Immerhin war das Al Masmak Palast Museum, beherbergt in einem Fort aus dem 19. Jahrhundert, einen Besuch wert.

Besuch am Rande der Stadt

Lange nach Einbruch der Dunkelheit kamen wir dann bei Moh an, der uns herzlich willkommen hieß in seinem überdimensionierten Haus, dass er ganz alleine bewohnte. Junggesellen mit viel zu großen Häusern oder Wohnungen waren uns ja bereits aus dem Oman, den Emiraten und auch Saudi Arabien vertraut, aber Moh toppte das ganze noch einmal. Während das Erdgeschoss immerhin noch zur Hälfte eingerichtet war, waren es im ersten Stock nur noch etwa ein Drittel. Den zweiten Stock, so unser Eindruck, hatte er fünf Jahre nach Erwerb der Immobilie noch nie betreten. Vermutlich ist es in den Golf-Staaten gar nicht so leicht eine angemessene Immobilie für Singles zu finden. Immerhin war seine Vorratshaltung vorbildlich, denn neben einer angebrochenen Packung Instantkaffee lagerten noch sechs weitere im Kühlschrank neben einem 5 Liter Kanister Ketchup.

Die gute Laune unseres neuerlichen Gastgebers war ansteckend und so unterhielten wir uns lebhaft über seine und unsere Reisen, als wir ein gemeinsames Abendessen, einen Brei aus Nudeln und gelben Linsen, der ohne die Zugabe von Salz zubereitet worden war, einnahmen. Moh war mit seinen vermutlich Mitte vierzig erst vor drei Jahren aufs Fahrrad gekommen, als er sich spontan mit einem Klapprad in die Schweiz und Frankreich begeben hatte. Auch Deutschland hatte er schon bereist, wobei sein couchsurfing host in Hamburg (vermutlich in der Absicht ihn vor Schaden zu bewahren) davon abgesehen hatte ihm die Reeperbahn zu zeigen. Einen Nachtclub hatte er noch nie im Leben besucht und fragte uns neugierig über den dortigen Habitus und den Zweck solcherlei Institutionen aus.

Am nächsten Tag, wir legten erneut eine Ruhepause ein, fuhr Moh mit uns im Auto zum unweit der Stadt gelegenen Camel-Trail. Sehenswerter als der alte in Serpentinen den Felsen hinaufführende Trampelpfad für Kamele war die umgebende Landschaft: Ein Hochplateu aus Sedimentgestein bricht hier jäh ab und bildet eine etwa 200 Meter senkrecht aufragende Geländekante. Diese gelb-rot eingefärbten Felsformationen waren vor Millionen von Jahren ein Meer, wie auch die von Julia entdeckte Ammoniten-Fossile bezeugte.

Wir genossen den Ausblick und wanderten ein wenig umher. Getrübt wurde die Schönheit des Ortes einmal mehr durch Unmengen wild verstreut herumliegenden Müll, an dem der stets gut gelaunte Moh keinen Anstoß zu nehmen schien. Als wir ihn darauf ansprachen, ob es in der Saudi Arabischen Gesellschaft ein Bewusstsein bzw. eine Diskussion bezüglich der erheblichen Abfallproblematik bestünde, erklärte er, dass vor kurzem eine Strafe für illegale Abfallentsorgung per Gesetz festgelegt wurde. Er erklärte ferner, dass seines Erachtens überwiegend Teenager für die Vermüllung verantwortlich sein müssten. Wir brummten ein „Mmmm“, hielten das aber selbstverständlich für ausgemachten Blödsinn. Es ist offenkundig, dass große Teile der Gesellschaft keinerlei Hemmnisse verspüren alle Arten von Abfällen dort zu entsorgen, wo es gerade einfach erscheint, denn Teenager werden wohl kaum regelmäßig Entsorgungsbedarf für Farbeimer, Autoreifen, Polstermöbel oder Durchlauferhitzer haben.

Am frühen Nachmittag waren wir zurück in Mohs Villa und verbrachten den Rest des Tages mit Müßiggang. Gegen Abend merkten wir, dass es uns wieder auf unsere Patrias zog und sehnten den Morgen herbei, um endlich zurück auf die Straße zu können!

Ihr seid sicherlich traurig, dass die Geschichte schon endet und wollt mehr von uns lesen? Dann können wir nun wärmsten den Artikel über uns empfehlen, der mittlerweile in der Alarabiya erschienen ist: Artikel über unsere Tour auf Englisch

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Hier könnt ihr unsere bisher zurück gelegte Route und (meistens) unseren aktuellen Standort sehen.

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7 Gedanken zu “wassermassen und radfahrer*innen nicht willkommen 🇸🇦

  1. “…endlosen Ausführungen über die Eignung von Frauen als Tierärzte im Bereich des schweren Nutzviehs…” 😀
    “Er berichtete vor zwei Wochen die deutsche Hauptstadt besucht zu haben, konnte sich an ihren Namen aber nicht mehr erinnern.” Das hat er gut gemacht! Bonn wird auch völlig überschätzt.
    “Einen sudanesischen Bürgen (zu) finden.” Frag doch Tarek Ebene, den nubischen Prinzen. Was sind Nationalstaaten doch für lächerliche und anachronistische Schrott-Konzepte?
    Hat der Architekt vom Kingdomcenter eigentlich zuviel Herr der Ringe geschaut oder haust dort tatsächlich der weiße Zauberer?
    Bin ich eigentlich der einzige, der bei warmshower-host an urophile Gastgeber denkt?
    Beschreibt doch mal das Gefühl, das Euch überkommt, wenn man aus einem Moloch aus Schlamm, Kadavern und Müll in eine Klimatisierte-Mall mit deutschen Sportartikeln gelangt: schluffig, endoplasmatisch oder knaperik?
    Bzgl. Klemmbausteinen als Infantiliesierungsindikator sind die größten Kritiker der Elche wohl mal wieder selber welche. 😉

    1. Ich habe nie gesagt tut was ich tue sondern tut was ich sage.
      Das Gefühl beim Betreten einer Mall ist inzwischen überwiegend Langeweile.
      Dort haust tatsächlich der weiße Zauberer. Er ist auch ein großer Fan von Prada, die seinen neuen Umhang designt haben, ganz in schwarz, ist edel.

  2. neue Schuhe:0! ein hoch auf decathlon!ich hatte schon gedacht, dass die Schuhe bis Deutschland noch durchhalten sollten und dass das der geheime Plan war;). bei jedem Bild mit Selfiestange muss ich grinsen.Selfiestange…verrückt;). mit den Straßen und dem Müll ist schlimm. drücke die Daumen, dass sich das noch bessert! und wieder mal viele tolle Fotos:)!!

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