Polizei-Eskorte in Saudi Arabien
Tag 245 bis 251 (3.12.22 bis 9.12.22)
Distanz: 521 km
Höchster Punkt: 690 m
Tiefster Punkt: 10 m
Rauf: 2.490 m
Runter: 1.960 m
Da hatten wir nun also den saudischen Stempel im Pass. Unsere Bitte diesen nur auf dem ausgedruckten E-Visum zu platzieren und den Pass „unbelastet“ zu lassen (wie im Iran) hatte nichts bewirkt. Nun machten wir uns latente Sorgen, dass wir bei einer zukünftigen Israel Einreise Probleme bekommen könnten. Wir ahnten nicht, dass uns der Stempel noch an diesem Tag Probleme bereiten sollte. Diese Probleme wiederum, soviel sei schon einmal verraten, hatten nichts mit dem typischen Urheber des titelgebenden Signallichts zu tun. Mit der Polizei sollten wir wenig später Probleme ganz anderer Natur bekommen.
Der Grenzübergang war einmal mehr sehr nüchtern von statten gegangen, allerdings bekamen wir bereits früh den Eindruck, dass sich die saudischen Sicherheitsbeamten schwer taten in dem Umgang mit Radreisenden. Ein erster mit Soldaten besetzter Posten nach der Ausreise aus den Emiraten, der ansonsten alles und jeden passieren ließ, hielt uns an und musste telefonisch zunächst mit seinen Vorgesetzten Rücksprache halten. Auch bei der zweiten und dritten Kontrolle schien uns eine besondere Behandlung zuteil werden, doch letztlich durften wir die kilometerlange Grenzanlage alleine verlassen.
Die hinter der Grenze gelegenen Siedlung Al Batha wirkte ziemlich heruntergekommen, was natürlich für Grenzorte eher die Regel als eine Ausnahme darstellt. Immerhin konnten wir Geld tauschen und etwas einkaufen. Das Angebot hatte aber leider keine großen Abweichungen gegenüber den beiden vorangegangenen Golf-Staaten zu bieten, allerdings entdeckten wir (endlich) eine Packung la vache qui rit, die wir zwar nicht erwünscht aber schon lange erwartet hatten, ist diese Marke doch fast so verbreitet wie Coca-Cola. Zu unserem Bedauern gab es aber nun auch keine liebgewonnenen Libanon-Lappen mehr und wir mussten zu Toastbrot greifen.
Unser letzter Gastgeber in den VAE hatte uns noch den Tipp gegeben wir sollten noch in den Emiraten auf Toilette gehen, da die öffentlichen WCs in Saudi Arabien viel schäbiger seien. Wir hatten uns daher ganz fest vorgenommen es uns bis zur Ausreise zu verkneifen, hatten aber nun schon kurz nach der Einreise aufgeben müssen. Jedenfalls erwiesen sich die Örtlichkeiten als zwar weniger gepflegt als im zuvor bereisten Land, allerdings auch als weniger schlimm als aufgrund einer solch weitreichenden Warnung befürchtet.
Sim-Karten-Desaster mit Happy End
Zum Kauf einer Sim-Karte wurden wir einen Kilometer weiter geschickt. Was im Nachfolgenden skizziert wird, kann man auch unser Sim-Karten-Gate nennen. Bereits im Iran war das etwas umständlich vonstatten gegangen, was uns nun passierte legte aber noch eine Schippe drauf. Natürlich ist auch unsere unsympathische Sparsamkeit daran Schuld. Hatten wir doch gerade noch erfahren, dass ein anderer Radfahrer nur 18 Euro für 10 GB bezahlen musste, wollten wir nun nicht 27 dafür bezahlen, was uns im ersten Laden angeboten wurde. Im Laden im nächsten Ort war das Angebot dann allerdings noch schlechter und im Laden der dritten Häuseransammlung steigerte sich der Preis abermals. Doch dann bot uns dieser Inhaber 3 GB für 6,5 Rial an (ca. 1,5 Euro). Das waren zwar zu wenig Daten, aber ja auch ein Schnäppchen. Außerdem spielten wir zu diesem Zeitpunkt noch mit dem Gedanken zur Fußballweltmeisterschaft nach Katar zu fahren, sodass ein so kleines Datenpaket für den ersten kurzen Aufenthalt in Saudi Arabien sicher ausreichen sollte.
Wir konnten den Preis von 6,5 SR gar nicht glauben, fragten 3 mal nach, tippte die Zahl 6 Komma 5 auch nochmal auf dem Handy, zeigten es ihm und er nickte. Ok, wir wollten das. Aber erst wurden andere Kunden versorgt, eine aus unserer Sicht Unart, an die wir uns mittlerweile gewöhnt hatten: Vordrängeln und dazwischen Drängeln, wenn unser Fall noch gar nicht abgehandelt ist, ist spätestens seit der Türkei (mit Unterbrechung im Kaukasus) normal.
Es kam nun zum Problem mit dem Stempel: Der saudische Stempel kam so blass und unscheinbar daher und zur Registrierung der Sim-Karte war angeblich eine Nummer nötig, die dort fehlte. Es wurde mehrfach auf den omanischen Stempel verwiesen, der selbstbewusst großflächig in unserem Pass prangte und mit allerlei handschriftlich ergänzten Nummern eine echte Informationsbombe. Nach vergeblichen Versuchen eine anderweitige Lösung herbei zu führen, schlug der Handyladenbesitzer vor, dass wir zurück zur Grenze führen, um den Zoll um die Nummer zu bitten. Nebenbei bemerkt, lag die Grenze bereits über 20 Kilometer hinter uns und wir wollten diesem Vorschlag auf keinen Fall folgen. Genervt verließen wir nach ca. 2 Stunden den Laden erfolglos.
Während wir auf der Straße, es war bereits dunkel geworden, über unsere nächsten Schritte diskutierten, wurde eine Polizeistreife auf uns aufmerksam. Sie gingen davon aus, dass wir nach Katar reisen wollten und wollten daher unsere Hayya-Karte sehen, der während der Weltmeisterschaft gültige Ersatz für ein Visum. Wir hatten aber inzwischen herausfinden können, dass diese auch 130 Euro kostete und wir außerdem nicht über die naheliegende Katar-UAE-Road hätten einreisen können, sondern einen erheblichen Umweg über Salwa hätten fahren müssen. Wir hatten uns daher gegen diesen Exkurs entschieden. Nachdem wir diesen Umstand der Polizei mühselig hatten erklären können, wollten die drei Beamten nur noch wissen, wo wir heute noch hinwollten (in den nahe gelegenen Park) und wann wir morgen weiter reisen würden.
Als das erledigt war, kam der Handyladen-Besitzer noch einmal aus seiner Stube und winkte uns wieder herein. Anscheinend hatte er nun doch eine Möglichkeit gefunden, auch ohne die Zoll-Nummer, unsere Sim-Karten zu aktivieren. Bei Julia klappte es dann auch auf Anhieb, allerdings zickte Tilmanns Handy, nicht zum ersten mal. Wir erhofften uns natürlich Hilfe, doch der Ladenbesitzer war plötzlich verschwunden, denn es war Gebetszeit. Däumchen drehen ist ja nicht unsere Stärke, also beschlossen wir uns im Park schon einmal häuslich einzurichten und Tilmann wollte dann noch einmal zurück zum Laden kehren, um das Problem zu lösen und auch die Rechnung zu begleichen.
Während Julia sich also um Kochen und Zeltaufbau kümmerte – wir beide waren froh, dass wir in Parks nun wieder als Übernachtungsgäste freudig empfangen und nicht, wie in dem Emiraten, unsanft verscheucht wurden – radelte Tilmann den Kilometer zurück zum Laden. Doch das Problem ließ sich nicht beheben, also gab Tilmann seine Sim Karte wieder zurück und wollte nun eine Sim Karte, also 6,5 SR bezahlen. Nun stellte sich heraus, dass in Wirklichkeit doch 65 SR gemeint waren, die Herren im Laden also nicht nur des Englisch kaum mächtig, auch nichts von Kommasetzung wussten. So fuhr Tilmann noch einmal zurück zum Park, holte Julias Sim und brachte auch diese zurück zum Laden. Zu unserer Überraschung wurde auch Julias Sim-Karte wieder zurück genommen.





Wir beschlossen es am nächsten Tag noch einmal im nächsten Ort versuchen.
Der nächste „Ort“ war ein Tankstellen-Ladenlokale-Moschee-Complex und der dort ansässige Handyladen überstieg die bisherigen Angebote. Wir bissen uns in das Polster unserer Radlerhosen und verfluchten unseren Geiz.
Es ging also ohne Sim-Karte weiter, dafür hatten wir nun seit einigen Kilometern Begleitung durch die Polizei, die mit etwas Abstand auf dem Seitenstreifen hinter uns her zuckelte. An besagtem Tankstellen-Ladenlokale-Moschee-Complex sprachen wir unsere neuen Begleiter an, wünschten einen guten Tag, bedankten uns höflich, versuchten aber mitzuteilen, dass wir keinen Schutz auf dieser gut ausgebauten, mit breitem Seitenstreifen versehenen und wenig befahrenen Straße bräuchten. Die beiden Polizisten, die vorsorglich schon im Auto Warnwesten trugen und an deren Gürteln 6-Kammer-Revolver hängen hatten, verstanden nichts, nur arabisch. Die Polizeipräsenz war auf dem Highway ohnehin enorm hoch. Nicht nur stand alle 5 km ein Wagen mit eingeschaltetem Blaulicht am Straßenrand, auch wurden wir mehrfach von Einsatzfahrzeugen überholt, während uns solche gleichzeitig auf der Gegenfahrbahn regelmäßig entgegen kamen. Wir wären also auch ohne direkte Begleitung gut geschützt gewesen.
Just in diesem Moment kamen zwei Autofahrer aus dem Oman auf ihrem Weg nach Qatar hinzu. Die armen Kerle, die sich eigentlich für unsere Radreise interessierten und zügig weiter musst, um rechtzeitig zu ihrem WM-Spiel zu gelangen, wurden von uns direkt als Übersetzer vereinnahmt. Wir erklärten unser Anliegen, dieses wurde an die Polizei vermittelt, ein Polizist telefonierte mit seinem Chef und die Patrouille ließ uns tatsächlich alleine fahren, womit wir kaum gerechnet hatten.
Freiheit oder Sicherheit
Wir hatten unsere Freiheit zurück und radelten fröhlich weiter. Viele Worte über die Landschaft kann man nicht verlieren, wir waren nun mal in der Wüste. Doch erstaunlicherweise wechselte auch diese ab und an die Farbe: manchmal waren es helle Sanddünen, dann wieder gräuliche Flächen und ab und an auch ein paar Büsche. Für die nächsten 70 Kilometer war kein Ort auf der Karte, bei einer Tankstelle, wollten wir nochmal Wasser auffüllen, doch diese war geschlossen und dem Verfall Preis gegeben, ein Anblick an den wir uns noch gewöhnen sollten.
Nach nur 30 Minuten Fahrt war auch wieder ein Polizei-Auto hinter uns aufgetaucht, dass uns nun folgte. Unsere Intervention hatte offenbar nicht zu einem landesweiten Funkspruch geführt, der eine Überwachung von uns generell unterband. An der verwaisten Tankstelle machten wir trotzdem Rast und versuchten auch diesem Polizist zu erklären, dass wir keines Schutzes bedurften. Die Antwort fiel ungefähr so aus: „Road dangerous!“
Wir waren Weißgott auf gefährlichen Straßen unterwegs gewesen, denke man nur an die 1.000de Kilometer auf Irans Straßen mit LKW-Tuchfühlung oder die Straße in Georgien von Ushguli aus dem Kaukasus raus, die überall von Steinschlägen durchlöchert war. Doch die hiesige Polizei war davon überzeugt, ihr Arbeitsort sei der gefährlichste der Welt, besonders für Radfahrer. Wir resignierten und fuhren mit der Polizei im Schlepptau bis Salwa. Damit diese polizeiliche Anwesenheit uns auch irgendwie zu Nutze kam, fragten wir nach Wasser – und bekamen 2 mal 0,25 l Wasserfläschchen, die natürlich in 3 Schlucken ausgetrunken waren.
Der Tag verlangte uns noch einiges ab, da wir gegen den Wind 114 Kilometer absolvierten, bis wir mit unserem blau-blinkenden Anhängsel schließlich in Salwa einliefen. Inzwischen war die Dunkelheit hereingebrochen und die Signallichter des Streifenwagens erhellten die Umgebung. Diese Aufmerksamkeit war uns zugegebenermaßen reichlich unangenehm. Bevor wir uns in dem nahe der Stadt gelegenen Park niederlassen wollten, wollten wir uns nochmal unserem Sim-Karten-Problem widmen. An einem Areal mit mehreren Shops fragten wir uns nach einem Handyladen durch und hatten bald eine ganze Meute an der Hand, die mit uns den Laden betrat, später gesellte sich auch der uns aktuell bewachende Polizist hinzu. Wenigstens einer unter ihnen konnte Englisch und war nun vollumfänglich damit ausgelastet, uns die Handy-Tarife runterzubeten und gleichzeitig dem Polizist unsere Meinung zu der Eskorte zu vermitteln.
Das ganze Zahlendurcheinander der mobilen Daten, SMS, Telefonminuten (zunächst gingen alle Beteiligten davon aus wir würden uns für eine katarische Sim interessieren, konnte sich doch niemand vorstellen wir wären nicht in Salwa gelandet, um nun zur WM weiter zu reisen) und das permanente Fragen des Polizisten, was wir nun als nächstes tun würden, wo wir gedenken zu schlafen und wann wir morgen weiterführen, war nach einem 114-Kilometer-Tag zu viel. Irgendwann sagten wir zu dem Polizist, dass wir im Park schlafen und um 8 morgen weiter wollten (eigentlich war uns das etwas zuwieder, da wir fürchteten auch nachts bewacht zu werden und uns außerdem zeitlich nicht festlegen wollten) und gegenüber dem Handyladen-Betreiber sagten wir ja zum 40 GB Vertrag.
Jetzt löste sich die Stimmung und es wurde noch ein Weilchen nett geplaudert. Der Polizist wies uns darauf hin, dass es im Park „rooms for free“ zum übernachten gebe und als wir die Sim-Karte bezahlen wollten, wurde dies vehement abgelehnt. Als Zeichen der arabischen Gastfreundschaft bekamen wir die Karte inklusive Datenguthaben geschenkt. Da hatte sich unser Geiz in den letzten Tagen also doch ausgezahlt.
Als wir uns beim Aufbrechen anschickten unsere Flaschen an dem nahegelegenen Spender aufzufüllen, schien das den Einheimischen zu missfallen und sie versuchten uns mit dem Hinweis „maybe it is not working“ vom Erwerb von abgefülltem Trinkwasser im Supermarkt zu überzeugen. Wir konnten uns allerdings durchsetzen und grübelten über die Motive unserer lokalen Berater. Diesmal vorausfahrend führte uns der Polizist in den Park und verabschiedete sich dann zum Glück. Der Park lag direkt am Strand, er war gigantisch, sehr akkurat angelegt und menschenleer. Über das Meer blickend konnten wir Qatar sehen und der Sound vom nahegelegenen Fußball-Fest wiegte uns schließlich in den Schlaf. Die „rooms for free“ waren übrigens ausladende Picknick-Häuschen, von denen wir eines für uns vereinnahmten.
Während wir unsere Schlafsäcke und Luftmatratzen einrollten, entschieden wir am nächsten Tag spontan in dem „room for free“ zu bleiben und einen Ruhetag einzulegen. Dieser verlief äußerst angenehm, mit Delphin-Sichtung zum Frühstück und keinerlei unangenehmer Besuche. Die Gärtner und wenigen Spaziergängen schienen sich keinesfalls an den europäischen Vagabunden zu stören oder sich auch nur ansatzweise für diese zu interessieren. Auch kreuzte kurz nach 8 keine Polizeieskorte auf, die nun mit uns weiterfahren wollte.
Etwas traurig blickten wir Richtung Qatar, da wir schon gerne um ein WM-Stadion geradelt wären. Aber da nun die deutsche Mannschaft bereits ausgeschieden war, das Visum viel zu teuer und sich unsere Wüstenfahrt um weitere 400 km verlängert hätte, entschieden wir nun endgültig keinen Versuch an der Grenze zu unternehmen, um spontanen Einlass zu bitten.












Nicht absichtlich hatten wir die Polizei nun ausgetrickst, denn am Nikolausmorgen waren wir erst einmal wieder eine Weile alleine unterwegs. Wie bereits erwähnt, findet sich etwa alle 5 Kilometer eine Streife am Rand des Highways im Sand und weitere Polizeiautos auf der Straße; wir blieben also nicht lange unentdeckt. Trotzdem konnten wir den Vormittag noch ohne Blaulicht im Rücken verbringen, doch nach ca. 30 km waren sie wieder da und schlichen hinter uns her. Wir hatten übrigens kurz nach der Abfahrt seit langer Zeit erstmalig wieder Wasser kaufen müssen, denn die liebgewonnen Wasserspender waren in Saudi Arabien zwar nicht gänzlich verschwunden, aber nun deutlich rarer gesät.
Unser Weg durch die Wüste führte uns immer wieder an Bulldozern vorbei, die in einer Sisyphosarbeit immerzu damit beschäftigt waren die Wüste am Zurückerobern der ihr aufwendig entrungenen Verkehrsfläche zu hindern. Schließlich fuhren wir in die Siedlung Tammania ein, die größtenteils aus verfallenen Häusern bestand, und hielten an einer noch bewirtschaften Ladenzeile, die jedoch auffallend schmuddelig und vermüllt war. Selten hatten wir so schlecht gepflegte Orte gesehen. Viele Ladenbesitzer und Kunden lungerten auf der Straße herum, manche lümmelten in alten Sesseln und Kunden in SUVs kamen angefahren und hupten, um ihre Bestellungen vom Fahrersitz aus abgeben zu können. Der uns verfolgende Polizist stellte sich mitten in dieses Getümmel, versperrte vielen den Weg, sodass das Gehupe noch zunahm. Wir versuchten per Telefonjoker noch einmal zu erklären, dass wir keine Begleitung bräuchten und dies auch nicht wünschten. Abermals ohne Erfolg. Also besorgten wir uns Wasser, das wir erneut kaufen mussten, und sahen zu, dass wir diesen Ort schnell verließen.
Verlassene Tankstellen
Am Nachmittag hielten wir an einer besonders skurrilen Tankstelle: Wie so viele, war auch dieser Komplex aus Läden, Restaurants und Moschee rund um die Zapfsäulen am Verfallen und bereits zur Hälfte mit Sand (und Müll) bedeckt. Doch vor diese aufgegebene Tankstelle waren neue Baucontainer-Elemente gestellt, die nun die neue Tankstelle bildeten, ebenfalls mit Toiletten und Gebetsraum. Wir wollten eine Pause einlegen, der uns gerade verfolgende Staatsbeamte kam mit seinem Jeep angefahren und wollte wissen, wie lange wir nun Pause machen würden. Egal, wo wir uns nun in diesen Tagen hinsetzten, kam ein Polizeiauto um eine Ecke oder eine Düne gefahren und wollte wissen, was wir nun vor hätten. Auffallend dabei war, dass die Polizisten nie aus dem Auto stiegen, als wären sie zentaurengleich mit dem Fahrzeug verbunden. Wir waren leicht genervt, dass wir nun ständig unsere Pläne benennen sollten, da wir ja eigentlich keine haben und eben weiterfahren, wenn uns danach ist. Also antworteten wir meist etwas patzig, dass wir dies nicht wüssten und riefen uns erst später wieder zur Besinnung, dass die Polizei es ja nur gut mit uns meinte und der einzelne Polizist ja nun einfach nur den Auftrag ausführte, den er von seinem Vorgesetzten bekam.
Also sagten wir fortan immer, dass wir eine Stunde Pause machen würden und hielten uns nicht daran. An diesem Tag beschlossen wir beispielsweise spontan gar nicht mehr weiter zu fahren, sondern an der seltsamen Tankstelle zu zelten. Es war kein besserer Platz in Aussicht und zwischen den im Verfall begriffenen Gebäuden konnten wir uns gut zurückziehen. Der Polizist hatte nichts dagegen, als wir ihm dies mitteilten und düste davon, wahrscheinlich selbst froh, nicht mehr unser Babysitter sein zu müssen.













Am 7. Dezember wartete ein neuer Polizist schon auf uns, als wir starten wollten, versorgte uns mit 2 Fläschlein Wasser und der gemächliche Trab durch die Wüste konnte von Neuem beginnen. Unterwegs wurde dieser abgelöst und als wir unser Tagesziel, die Stadt Hofuf erreichten, war die Polizei plötzlich verschwunden, ohne Tschüss zu sagen. Ironischerweise waren wir nun genau dort, wo der Verkehr deutlich zunahm, ohne Begleitung.
In Hofuf wollten wir wieder einen Park zum übernachten ansteuern. Der von uns auserwählte King Abdullah Environmental Park wurde allerdings nachts geschlossen, deshalb war eine Übernachtung ausgeschlossen. Wir entdeckten unweit noch einen weiteren kleineren Park und beschlossen dort zu bleiben. Gerade als wir uns setzten sprach uns Abdulaziz an und lud uns zu sich ein. Er hatte eine etwas seltsame Art, sprach gestelzt und verzog dabei leicht affektiert wirkend das Gesicht, weshalb wir zunächst zurückhaltend blieben, tauschten aber Kontakte aus. Wenig später beschlossen wir, als er uns per Messanger vor drohendem Regen warnte, dann doch zu ihm zu fahren. Zwischenzeitlich hatte uns ein älterer Herr, der mit seiner vollverschleierten Frau ebenfalls Gast in dem kleinen Park war mit Kurkuma-Kaffee, Schwarztee und Keksen versorgt.
Unsere anfängliche Skepsis gegenüber Abdulaziz bestätigte sich nicht, sondern wir traten in eine sehr ordentliche Wohnung von einem sehr freundlichen und schlauen jungen Mann ein, der beim (auf den Gewinn bezogen) weltgrößten Unternehmen (Saudi Aramco) als Ingenieur arbeitete. Er war verheiratet, aber seine Frau und sein Kind leben tausende von Kilometer entfernt an der Grenze zum Jemen. Er bestätigte uns zwar, dass es schwer sei in Saudi Arabien Frauen kennenzulernen, wollte aber nicht verraten, wie er seine Frau kennengelernt hatte, nur dass er sich zunächst mit ihr heimlich getroffen hatte.
Es regnete nicht in der Nacht, aber dafür verbrachten wir einen netten Abend mit unserer neuen Bekanntschaft uns einmal mehr vor, uns nicht von unserem ersten Eindruck täuschen zu lassen.













Die polizeiliche Begleitung begann am nächsten Tag auch erst wieder gegen Mittag. Inzwischen waren dichte Wolken aufgezogen und wir schwitzten bei weitem nicht mehr so, wie in den vergangenen Tagen, Wochen und Monaten. Wir arbeiteten uns durch die Wüste, sahen wieder verfallene Tankstellen und verlassene Häuser und Unmengen Unrat, außerdem aber schöne Dünen, die mittlerweile eine rötliche Farbe angenommen hatten. Ebenfalls konnte man die umzäunten Produktionsstätten von Saudi Aramco bestaunen und sich fragen, wo dieses ganze erwirtschaftete Ölgeld denn hinflösse, denn von Reichtum Geprägtes hatten wir in diesem Land bisher noch nicht entdecken können. Im Gegenteil. Es ist in diesem Bericht bereits mehrfach angeklungen: Wir waren einigermaßen fassungslos in welch schlechtem Zustand sich eines der reichsten Länder der Welt präsentierte. Zwar hatten wir nicht damit gerechnet auf Straßen aus Gold zu rollen, wo kandierte Früchte am Straßenrand wuchsen und gesüßter Safran Tee aus den Zapfhähnen sprudelte, aber dieser bedauernswerte Zustand der Baustrukturen, die Vielzahl an aufgegebenen Tankstellen, Wohnhäusern und Ladenlokale und die Vermüllung selbst innerhalb der Ortschaften erstaunte uns nach wie vor.
An Tag 250 unserer Reise trieb uns Rückenwind zwischenzeitlich schnell voran, doch insgesamt arbeitete der Wind in der gesamten Wüsten-Episode eher gegen uns. Die Nacht verbrachten wir diesmal in der Wüste, gegenüber einer Tankstelle. An der klebrigen Tankstelle selbst war uns zu viel Trubel und irgendwelche Generatoren brummten lautstark.









Und dann begann der Regen. Nachts trommelte er zaghaft an unser Zelt und wir waren froh, dass wir uns am Abend nach langer Zeit (armenischer Südkaukasus) dazu durchgerungen hatten, dass Außenzelt wieder aufzubauen. Eigentlich hatten wir dies aber nicht wegen befürchtetem Regen gemacht, das wollten wir trotz dicker Wolkendecke einfach nicht glauben, sondern weil in den vergangenen Nächten die Luftfeuchtigkeit derart zugenommen hatte, dass das Innenzelt (das ja in dieser Konstellation ja gleich Außenzelt war) des Morgens stets erheblich mit Kondenswasser benetzt war.
Gegen 7 Uhr am Morgen ließ der Regen nach und wir konnten regenfrei frühstücken. Als der kalte Wind das Zelt fast trocken gepustete hatte, setzte der Regen wieder ein, nun kräftiger als zuvor. Wir hatten drei Monate lang keinen Regen erlebt (ausgenommen in Dubai, aber da waren wir im Haus), uns schon ein bisschen danach gesehnt und als es dann so weit war, war es genauso ätzend wie zuvor: Alles war nass und klebte von Sand und wir froren. Ja, es war kalt!
An der Tankstelle versuchten wir den gröbsten Dreck zu entfernen und uns noch etwas zu sortieren. Dies war gar nicht so einfach, denn wir sorgten, wie schon am Vorabend, für mächtig Aufsehen und wurden immer wieder für Selfies unterbrochen und mussten Rede und Antwort stehen. Unser Polizeizentaure scharrte schon etwas ungeduldig mit den Hufen, als wir endlich den Absprung schafften.
Immerhin fuhren wir den Tag über regenfrei, aber mit Blaulicht. Nch etwa 20 km wartete am Straßenrand ein gigantischer Expeditionstruck auf uns, den ein holländisches Ehepaar dorthin manövriert hatte. Sie luden uns zum Kaffee ein und waren ganz begeistert von unserer Courage. Nach etwa der Hälfte der ca. 95 Kilometer dieses Tages kamen wir durch das einzige Dorf, das wir heute passieren sollten. Khurais erwies sich als weitestgehend abgerissen. Man konnte erahnen, dass hier einmal Häuser gestanden hatten, nun lagen nur noch Bauschutt und Müll herum. Etwas abseits des Highways standen noch 4 intakte Häuser, eines davon mit der Flagge des Roten Halbmondes. Wir wollten dort zumindest Wasser auffüllen, hatten aber wenig Hoffnung, etwas zu essen zu finden.
Wir hielten und versuchten unserem Polizist mitzuteilen, dass wir nun abbögen um „Water“ und „Market“ zu suchen. Er schien zunächst nichts zu verstehen, bestätigte unseres Erachtens aber schließlich das Wort „Market“ und wies in die von uns anvisierte Richtung. Also fuhren wir los, doch das gefiel ihm nicht und er fuhr wild hupend hinter uns her. Noch einmal versuchten wir mit Gesten zu erläutern, was wir wollten. Diesmal akzeptierte er, dass er uns wohl nicht aufhalten konnte, überholte uns aber und fuhr schnell voraus. Wir dachten, er würde uns nun zum Wasser oder einem Laden führen, allerdings hielt er vor einer Polizeistation. Also fragte Julia dort nach Wasser und Tilmann hängte das Zelt am gegenüberliegenden Zaun zum Trocknen auf.
Überforderung der Staatsmacht
Unser Verhalten schien die dort stationierten Polizisten derartig zu irritieren, dass sie kaum eine Begrüßung herausbrachten und zunächst diskutieren mussten, bis sie uns einige 0,25 l Fläschchen Wasser übergaben. Wir bedankten uns und fragten, ob wir uns auf eine Stufe vor dem Revier setzen könnten, um zu Rasten. Dies wurde verneint. Also setzen wir uns genervt ein paar Meter weiter auf einen geschotterten Parkplatz. Mittlerweile hatte sich eine ganze Gruppe von Männern eingefunden, die nun verzweifelt dreinblickend zusammenstanden, teilweise telefonierten und beratschlagten. Nachdem wir unser Vesper bereits halb verzehrt hatten, wurden wir schließlich doch noch von einem Abgesandten eingeladen, uns in den Innenhof der Polizeistation zu setzen, worauf wir nun keine Lust mehr hatten. Dieses doch sehr unsouveräne Gebaren der Polizei steht im deutlichen Kontrast zu der Gastfreundlichkeit, die wir ansonsten erlebt hatten. Die ganze Szene spielte sich zudem in einer Kulisse ab, die jeder Beschreibung spottet: Die Überreste des Dorfes, das aussah als hätten dort Bomben eingeschlagen, waren mit Unmengen von Müll aufgefüllt, zwischen denen zerzauste und halb verhungerte Hunde und Katzen dösten und umherstreunten. Die 17 Polizisten, die nicht sehr beschäftigt wirkten, sowie die Mitarbeiter des Roten Halbmondes schienen es nicht für nötig zu erachten, ihre Umgebung reinlich zu halten.
Auch bei dieser Abfahrt versuchten wir noch einmal zu vermitteln, dass wir gerne auf die Eskorte verzichten würden, doch wir behielten sie bis zum Abend, als wir das nächste Dorf Sa’ad erreichten. Dieses war zwar nicht ganz so furchtbar anzusehen, wie das letzte, machte aber ebenfalls einen eher trostlosen Eindruck. Bei der Abfahrt vom Highway, die wir durchführten, indem wir für einige 100 Meter auf der Gegenfahrbahn auf dem Seitenstreifen fuhren, um einen Umweg von 16 Kilometern zu vermeiden, den der korrekte U-Turn bedeutet hätte, wurden wir zwar von der Polizei beobachtet und nicht für unser offensichtliches verkehrswidrige Verhalten gemaßregelt, konnten unseren Verfolger aber so auch abschütteln. In Sa’ad wurden wir dann allerdings gleich wieder gesichtet und befragt, was wir nun vor hätten. Glücklicherweise wurde uns ein Polizist geschickt, der Englisch sprach und als wir erklärten, einkaufen zu gehen und dann unser Zelt irgendwo in der Nähe aufzustellen, war er zufrieden und galoppierte wieherend davon.
In dem kleinen Supermarkt deckten wir uns ein und konnten uns hinter dem Laden sogar bei den Toiletten der Angestellten duschen. Eine kleine verspielte Katze nutze die Gelegenheit auf unsere Fahrräder zu klettern und mit den Schnallen unserer Fahrradtaschen zu spielen. Einmal wieder mussten wir uns zurückhalten, sie nicht mitzunehmen. Bis auf eine Wunde, an ihrem Rücken, schien es ihr hier aber bei den nepalesischen Bewohnern des Containers gut zu gehen.
Gegenüber des Ladens und der wenigen Häuser des Dorfes, lag eine heruntergekommene Parkanlage, die nicht mehr für Besucher geöffnet war. Der Park war umzäunt, aber das, was wahrscheinlich einmal dazugehörige Eingangsgebäude waren, waren noch zugänglich. Die Gebäude waren leer und in relativ sauberem Zustand und da wieder dunkle Wolken am Himmel hingen, beschlossen wir darin zu zelten.
Es ist natürlich lächerlich sich in einem Land wie Saudi Arabien über die Einschränkung unserer Freiheit zu beschweren, die, wenn wir ehrlich sind, nicht wirklich eingeschränkt war. Wir wurden zwar ständig beobachten und befragt, aber letztlich konnten wir ja schalten und walten, wie wir wollten. Dies gilt selbstverständlich nicht auf gleiche Weise für Menschen, die in diesem Land leben. Hier wird immer noch die Totenstrafe an politischen Kritikern vollstreckt, die Meinungsfreiheit unterdrückt und Journalisten werden verfolgt. Trotzdem hat sich dieses Land auch sehr gewandelt in den letzten Jahren: Frauen müssen sich nicht verschleiern und dürfen selbst ihren Beruf wählen, Kinos und Theater wurden geöffnet, niemand wird mehr gezwungen zum Gebet erscheinen. Noch vor einigen Jahren wurden Menschen in die Moschee geprügelt. Die Gesellschaft ist aber immer noch sehr konservativ: Wir sehen beispielsweise nur wenig Frauen, die nicht vollverschleiert sind.
Wir hoffen natürlich trotzdem, dass wir nicht im ganzen Land vor dem Verkehr beschützt werden. Wir bevorzugen die Freiheit vor der Sicherheit, die aus unserer Sicht sowieso nicht wirklich gefährdet war. Neben den kleinen lästigen Auseinandersetzungen mit den Polizisten, störte uns aber am meisten, dass uns nun dauerhaft eine Auto hinterher fuhr und damit unseren CO2-Fußabdruck deutlich austrat. Wir gehen davon aus, dass dieser durch unsere Reise tatsächlich kleiner geworden ist, als wenn wir in Wiesbaden in unserer schlecht isolierten Altbauwohnung geblieben wären. Doch zurück zur Polizeieskorte: Wenn Saudi-Arabien sich auch gegenüber der eher exotischen Sparte des Fahrradtourismus öffnen möchte, sollten andere Lösungen gefunden werden, denn nicht jeder Radreisende kann auf diese Weise geschützt werden, mal abgesehen davon, dass es keiner schätzt und der Schutzbedarf doch reichlich überbewertet wird.
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Was heißt: “als wenn wir in Wiesbaden in unserer schlecht isolierten Altbauwohnung geblieben wären”? Ich dachte ihr hängt dort rum und fantasiert euch die Reise zusammen und photoshopt fleißig eure gefakte Fotodokumentation. Seid ihr jetzt wirklich unterwegs oder hab ich was verpasst? Zurück zu Photoshop. Ich finde eure eingenommenen Foto-Posen recht außergewöhnlich. Warum macht ihr nicht wie normale Menschen ein Duckface oder Fishgape bzw. die x-plod’sche Vaskuumfresse? One Love, Don
Natürlich sind wir in Wiesbaden auf unserem Dachboden, aber den haben wir besser isoliert als es die Wohnung in der Körnerstraße gewesen ist. Außerdem kommen wir total durcheinander mit dem Blog und Instagram. Du hast Recht. Um glaubwürdiger rüberzukommen sollten wir mehr Duckfaces machen…
Leidet ihr ab sofort unter Verfolgungswahn? Ich hätte Furcht, dass die was im Schilde führten. Haben die sonst nichts zu tun? Müsst denen mal nen Joint anbieten, dann zeigen sie ihr wahres Gesicht…
Ansonsten wüst und leer, wie hält man das aus?
Haram! Ja mal richtig einen mit den Cops ballern.
In Mekka ist heut‘ Teilemarkt, weil ich so geren Teile mag. Mekka: Teilemarkt. Da klink ich mir ein Teil, Hey!
Denen ist ja schon Kaffee zu krass. Daher wird er sehr sehr dünn gebraut und dann mit allerlei intensiv vom Kaffeearoma ablenkenden Gewürzen und Milch gepanscht.
Verfolgungswahn wäre es ja nur wenn wir uns die Verfolgung nur einbilden würden, aber wir werden ja wirklich verfolgt. OK strenggenommen leiden wir also unter Verfolgungswahn, da wir uns ja die ganze Geschichte nur ausdenken. Aber intime wird hier also eine wahrhaftige Verfolgung beschrieben.
Nein, sie haben sonst nichts zu tun, da es zu viele Polizisten gibt in diesem Land wo jeder ein Pöstchen beim Staat bekommt damit er oder sie nicht auf dumme Gedanken kommt. Joint ist harram.
Tilmann hat jetzt angefangen Harry Potter zu hören…
Hey Tilly,
wo ist eigentlich Julia geblieben und wer ist dieser Junge mit dem du unterwegs bist?
😅
Das ist gemein. Immerhin ist Julia vor ein paar Tagen nun auch mal für meine Tochter gehalten worden.