auf dem highway ist die ödnis los 🇦🇪

Mit dem Fahrrad durch die Wüste in den Vereinigten Arabischen Emiraten

Tag 238 bis 244 (26.11.22 bis 2.12.22)
Distanz: 592 km
Höchster Punkt: 60 m
Tiefster Punkt: 2 m
Rauf: 2.390 m
Runter: 2.410 m

Am Samstagmorgen, ein Tag vor dem 1. Advent brachen wir bei 28 Grad und strahlendem Sonnenschein wieder auf. Wir verließen das gemütliche Nest in Dubai und wollten wieder fliegen lernen. Das Handgelenk wurde jetzt von einer Bandage gehalten, tat aber immer noch ein wenig weh.

Trotzdem radelten wir frohgemut mit der Sonne im Rücken los durch die Ausläufer der Stadt, passierten einige ruhige Wohnviertel und ließen gerade noch die Dragon Mall hinter uns, als Tilmann das Ünmögliche verkündete: „Ich habe einen Platten!“ Da wir mittlerweile mit Schwalbe Marathon Plus fahren, hätte das eigentlich nicht mehr passieren dürfen. Wir waren nicht einmal 10 Kilometer weit gekommen. Anstelle von uns flog nun unsere Motivation davon. Beim Ausbau des Reifens wurde schnell klar, das Problem kam von Innen nicht von Außen. Es sah so aus, als ob das Felgenband in den Schlauch geschnitten hätte. Tilmann begann mit den Flick-Arbeiten, während Julia einen pakistanischen Fahrradladen nach dem anderen abklapperte um die werten Herrschaften um den Austausch des Felgenbandes zu ersuchen. Die Blicke verrieten eindeutig, dass so etwas wie ein Felgenband von diesen Fahrradschraubern als komplett überflüssig betrachtet wurde.

Wir fuhren also mit dem geflickten Schlauch weiter und siehe da: Nach kurzer Zeit war die Luft wieder raus. In der Mitte eines Autobahnkreuzes zogen wir nun einen neuen Schlauch auf und hofften, dass nur der Flicken undicht war. So schafften wir es tatsächlich noch zu unserem Ziel: Den Al Quadra Lakes. Rund um diese künstlich angelegten (teilweise herzförmigen) Seen, die Wasservögel anlocken, wurde auch ein Radweg mitten in die Wüste gebaut, der sich besonders am Wochenende großer Beliebtheit bei topausgestatteten Rennradfahrern erfreut.

Immerhin ist dieser Radweg nicht nur eine Rundtour in der Wüste, sondern hat eine Anbindung nach Dubai. Allerdings nur eine und da wir aus anderer Richtung kamen, gab es lange keine Chance für uns, auf dem Radweg zu fahren, da dieser auch an Kreuzungen mit hohen Betonbegrenzungen abgesperrt ist. Wir blieben also vorerst auf dem Highway. Hier wird deutlich, dass beim Radwegeausbau derzeit vor allem noch an Freizeit und sportliche Aktivität am Wochenende gedacht wird, das Fahrrad aber bisher nicht als Verkehrsmittel für den Alltag der Oberschicht ernst genommen wird. Lediglich bei südasiatischen und afrikanischen Arbeitsmigranten scheint es ein alltägliches Verkehrsmittel zu sein, wie wir bereits bei unserem ersten Besuch in Dubai festgestellt hatten. Für diese Bevölkerungsgruppe scheint bisher jedoch keine Investition in die Infrastruktur als notwendig erachtet zu werden.

Nach der doppelten Verzögerung durch die Platten sowie einem erfolglosen Besuch der Outlet Mall (Tilmann läuft immer noch mit seinen in Auflösung befindlichen Turnschuhen herum, die er eigentlich schon in Tibilisi austauschen wollte), kamen wir erst im Dunkeln bei dem kleinen Ausflugszentrum an den Al Quadra Lakes an. Dort befinden sich einige Food Trucks sowie ein Laden, Duschen sowie ein Fahrrad-Verleih mit Werkstatt. Julia besorgte Pizza und Tilmann wurde beim Radladen vorstellig. Der nette Fahrradschrauber aus Nepal hatte zwar auch keinen Ersatz für das scharfkantige Felgenband, klebte dieses aber in der Felge fest und wir prüften außerdem noch einmal den Reifendruck an allen Rädern. Wir erklärten uns die Pannenserie damit, dass das Felgenband durch Rumrutschen aufgrund mangelnden Luftdrucks zwischen Dubai und Muscat die Schnitte verursacht hatte. Bis heute müssen wir jedenfalls keine weiteren Verluste beklagen.

Die Hilfe am Fahrrad war also zufriedenstellen, hingegen nicht die Empfehlung für einen Zeltplatz. Der Nepalese führte uns zu einem Schleichweg zeigte in die dunkle Wüste und meinte dort gebe es eine See, wo wir zelten könnten. Wir sahen nur Dunkelheit, doch ein paar Autos holperten einen staubigen Weg entlang und wir folgten. So fanden wir den See zwischen Bäumen gelegen und bereits gut besucht an diesem Freitagabend. Alle anderen waren natürlich per SUV angereist, hatten ihre persönlichen mobilen taghellen Straßenlaternen bereits aufgestellt (hat sich dieser Trend in Deutschland auch schon durchgesetzt?), Tische und Stühle sowie riesige Grills bogen sich mit Gekühltem, Beleibtem und Halbverkohltem. Wir suchten uns ein Plätzchen zwischen einer ruhigen Familie und einer kleinen Party-Gruppe, die bei angenehmer Lautstärke zu allseitsbekannten Pop-Klassikern den Kreistanz vollzog.

Mit verstopften Ohren gelang es uns dann auch einzuschlafen, was nach einem anstrengenden Tag nie schwierig ist und auch damit zusammenhängt, dass sich unsere Lärmakzeptanz mittlerweile an unsere Umgebung angepasst hat. Julia erwachten um 0 Uhr in der Nacht, was sie daraus schloss, dass draußen „Happy Birthday“ gesungen wurde. Sie setze sich auf und erblickte direkt neben dem Zelt eine Art hell erleuchteten Weihnachtsbaum. Dieser musste wohl aufgestellt worden sein, während wir schliefen, kein Meter trennten das Zelt und dieses seltsame Konstrukt, in dem jetzt anscheinend das Geburtstagskind saß und besungen wurde. Eine 10-köpfige Gruppe hatte sich um den Geburtstags-Baum und unser Zelt versammelt, sang und klatschte freudig lachend in die Hände.

Immerhin hatte uns der Fahrrad-Mechaniker versprochen, dass der See besonders schön am Morgen sei. Als wir im Morgengrauen aus dem Zelt krabbelten war immerhin der Geburtstags-Baum verschwunden, dafür grölten auf der anderen Seite des Sees noch einige Standhafte, während Arbeiter aus Bangladesh begannen die Unmengen an Müll einzusammeln, die trotz zahlreicher Mülltonnen überall hinterlassen wurden. Der Fahrer des Müllwagens wartete bei laufendem Motor direkt neben unserem Zelt. Wir wollten schleunigst weiter.

Fahrradwege rund um Dubai

Vor uns lagen nun 40 Kilometer auf dem Al Quadra Cycling Track, die sich angenehm radelten während wir endlich einmal wieder zahlreiche andere Radfahrer sahen. Unter Unseresgleichen fühlten wir uns allerdings nicht wirklich. Während wir in unseren ausgebleichten Schlabber-Klamotten unsere zentnerschweren Fahrräder schiffsgleich auf der Straße manövrierten, flitzten federleichte in hautenge Onesys gequetschte und nach Weichspüler riechende Sportler und solche die es gerne wären, an uns vorbei.

Gerade als wir den Fahrradweg verlassen wollten, begegnete uns dann aber noch ein Radreisender, leider in sehr unpässlicher Verfassung. Er saß niedergeschlagen auf einer Bank unter einem Sonnenschutz und konnte sich aufgrund von Durchfall und Übelkeit nicht von dort wegbewegen. Alle unsere Angebote konnten ihm nicht weiterhelfen, wir hoffen, der arme Kerl hat es noch bis zu dem Al Quadra-Zentrum geschafft und konnte dort unterkommen.

Wir fuhren jetzt auf der Straße, die Straße wurde zur Autobahn, der Wind nahm jede Stunde zu, die Wüste um uns rum war hässlich, kein Ort in Sicht. Bis zu den Ausläufern von Abu Dhabi schafften wir es noch und ruhten uns zunächst im Schatten einer Moschee aus. Da wurde uns zum ersten Mal die Frage gestellt, die sich nun mehrfach wiederholen sollte: Ob wir denn „father and son“ wären? Julia war empört und beleidigt, Tilmann nahm es auf die humoröse Schulter. Doch in den nächsten Tagen sollte sich nicht nur diese Frage wiederholen, sondern Julia wurde auch mehrfach aus der Damentoilette vertrieben.

Natürlich sind die kurzen Haare, die kurze Hose und das gestreifte Hemd nicht besonders weiblich. Und wenn wir verschwitzt, errötet und verdreckt vom Fahrrad steigen, würde uns sicher keiner als schön bezeichnen. So sieht man eben aus, wenn man 80 Kilometer gegen den Wind kämpft und LKWs an einem vorbei donnern. Trotzdem war es seltsam, dass ausgerechnet jetzt so viele Julia für einen kleinen Jungen (?!) hielten.

Zerknirscht fuhren wir also noch ein Stück weiter und wollten in einem Park nächtigen, den wir auf der Karte entdeckt hatten. Doch der Park-Wächter war nicht einverstanden. Wir schlichen uns also hinter den Park, doch dort entdeckte er uns auch und wollte uns verjagen, er behauptete, die Polizei würde kommen und es würde „problem“ geben. Wir erklärtem ihm, dass wir nun seit 8 Monaten in 15 Ländern uns selbstverständlich auch in den Emiraten wildgezeltet hatten, auch in einem anderen Park, aber er ließ nicht locker. Wir trollten uns und fanden dann tatsächlich noch einen anderen (viel besseren!) Platz in einem offenen Dattel-Palmen-Hain. Das war bisher das einzige Mal, dass wir unser Zelt noch einmal abbauen und den Standort wechseln mussten.

Die Serie unguter Ereignisse sollte noch nicht abreißen: Am nächsten Tag wollten wir die Autobahn umgehen, doch es war unmöglich! Abu Dhabi ist dort, wo es den Inseln ins Hinterland entwachsen ist, folgendermaßen aufgebaut: 3 parallele Highways an denen Wohnviertel wie Trauben hängen, die nur über die Zufahrt der Highways in ihrer Mitte erreichbar sind. Miteinander sind die Viertel nicht verbunden. Wir versuchten erst auf Nebenstraßen vorwärts zu kommen, gaben uns dann geschlagen und fuhren mit dem tosenden Verkehr. Um uns etwas Gutes zu tun, wollten wir noch einen Salzsee hinter der Stadt besuchen und dort zelten. Der Weg dorthin war bizarr: Wir kamen vorbei an der Kamel-Rennbahn, sahen zahlreiche Kamele im Training und gelangten schließlich zu ihren Stallungen. Die Szenerie dort erinnerte an einen besonders schlimmen dystopischen Endzeit-Film, wie Mad Max, sodass wir mit unseren schädelverzierten Schutzblechen gut ins Bild passten. Inmitten der graubraunen Wüste waren die Kamele in baufälligen Gehegen eingepfercht, dazwischen waren Unterschläge in denen Menschen herumlungerten, zwischen Bergen von Müll, Exkrementen und halbtoten Tieren. Direkt daneben kippten Laster Ladungen von Schutt in die Wüste und Düsenjäger schossen über den Himmel zur nahegelegenen Air Base. Ein Mann kam uns wild gestikulierend, laut und unverständlich brabbelnd entgegen. Wir blieben im Sand stecken. Wir kehrten um und unser Unwohlsein trieb uns (teils schiebend) zur nächsten Straße.

Auch die nächste Möglichkeit zum Salzsee zu gelangen war sandig und wir gaben auf. Letztendlich fanden wir dann noch ein lauschiges Plätzchen hinter einem vielleicht 7 Kilometer lang geschwungenen mit Bäumen bepflanzten und künstlich bewässerten Wall, der augenscheinlich dazu dient, die Ausbreitung der Wüste Richtung Stadt zu verhindern. Er bot uns jedenfalls Schatten, Sicht- und Lärmschutz. Die unweit unseres Schlafplatzes gelegene kleine Müllkippe entpuppte sich als wahre Fundgrube und versorgte uns unter Einsatz von ein wenig tilmannschischer Kreativität mit einem Tisch, Parkettboden und einem Selfie-Stick-Halter.

Von Abu Dhabi hatten wir also nur die Highways und die Randbezirke gesehen. Diese waren keineswegs glamourös. Um uns noch einmal mit Lebensmitteln einzudecken, verschlug es uns auch noch in die „Workers City II“. Dieser Stadtteil ist so weit von der eigentlichen Stadt entfernt, dass die dortlebenden Workers entweder dort bleiben müssen oder mit dafür vorgesehenen Bussen zu ihrem Arbeitsplatz gefahren werden. Wir ahnten schon, dass wir nun ein anderes Bild von den Emiraten sehen sollten: Einfach Wohnblocks, direkt neben Fabrikgebäuden, zwischen denen ausschließlich Männer in ihren Latschen umherschlurften. Die Straßen klebten. Doch wir wurden mit offenen Armen empfangen: Eine lustige Gruppe Pakistaner war hellauf begeistert, als sie uns erblickten, umringten uns und fragten uns aus, so gut es ging.

Nach Abu Dhabi radelten wir nur noch auf dem Highway

Weiter ging es auf dem Highway, denn es gab keine anderen Straßen mehr. Wenn ihr denkt, das Schlimmste am Radfahren auf dem Highway sei der Verkehr, täuscht ihr euch. Natürlich macht das ständige Rauschen keinen Spaß, aber die Highways verfügen über breite komfortable Seitenstreifen, auf denen wir gut und sicher fahren können. Die LKW-Fahrer sind uns größtenteils wohlgesonnen und versorgen uns an Parkplätzen mit Wasser und laden uns zu Tee ein. Nein, das Schlimmste an Highways sind die Fahrbahnbegrenzung: Leitplanken und Betonklötze rechts und links und in der Mitte. Sie bilden unser Gefängnis, sperren uns ein und lassen uns Kilometer nicht mehr entfliehen, eine Tankstelle auf der anderen Seite ist eine Fatamorgana: Sie scheint da zu sein, aber sie ist nicht erreichbar. Eine Abfahrt zu Häusern am Rande der Autobahn kann uns 5 Kilometer Umweg kosten.

Wir arbeiteten uns von einer Adnoc-Tankstelle zur nächsten Adnoc-Tankstelle, im Emirat Abu Dhabi die emiratseigene Ölgesellschaft. Die jeweiligen Shops dazu heißen Adnoc-Oasis, was unter den vielen Werbe-Euphemismen dieser Welt sicher derjenige mit dem größten Wahrheitsgehalt ist. Ihre kalten Cola-Dosen, Eis-Truhen, sauberen Toiletten und Sitzgelegenheiten im klimatisierten Shop könnten nicht treffender beschrieben werden. An der Adnoc Abu Al Abye, die erste Tankstelle nach Abu Dhabi verbrachten wir dann auch die Nacht, hinter der kleinen Moschee zeltend, die zu dem Komplex gehörte. Bei dem ganzen Trubel der dort herrschte, hatten wir nur einen Putzmann fragen können, ob dies in Ordnung sei, was dieser lachend bejahte.

Die Monotonie der Landschaft war nun auf den Gipfel getrieben. Hörbuch um Hörbuch wurde angeworfen. Die Hinterteile und Handgelenke schmerzten, da wir immerzu in gleicher Haltung durch das flache Land auf der geraden Straße gegen den Wind fuhren. Bei Al Mirfa fuhren wir ab, um uns mal etwas Abwechslung zu gönnen. Die Bäume und Palmen, die den Weg in die Stadt säumten, waren Balsam auf unseren Netzhäuten und dann fanden wir einen wunderschönen und komplett einsamen Strand (nicht unberührt sondern voll erschlossen, aber menschenleer) mitten im Ort. Wir badeten im Meer und waren kurz davor, einfach dort zu bleiben. Doch es wäre nur aufgeschoben und nicht aufgehoben gewesen, irgendwann mussten wir zurück auf den Highway.

Zelten an Tankstellen klappt nicht immer

Also beschlossen wir zur nächsten Adnoc-Oasis zu fahren und dort zu zelten. Doch diesmal wurden wir zum Manager geschickt, der unser Anliegen abwies. Immerhin wurden wir dort von einem Saudi zum Essen eingeladen. Leider wies diese Tankstelle anders als ihre Schwester des Vortages jedoch an gastronomischen Einrichtungen lediglich einen KFC auf, sodass wir uns mit Cola, Salat und zwei Familienportionen Pommes Fritten zufrieden geben mussten. Anschließend fuhren wir noch etwas weiter und campten ganz uncharmant an einer unbefestigten Straße, die sich als Zufahrt zu einem Elektrizitätswerks herausstellte und deshalb stärker frequentiert war, als wir vermutet hatten.

Alle bereits im Detail beschriebenen unschönen Gegebenheiten wurden aber von dem bisher nur kurz erwähnten Gegenwind in den nur im übertragenen Sinne vorhandenen Schatten gestellt. Wie wir mittlerweile durch Zeitmessung und komplizierten Einsatz der Grundrechenarten ermittelt hatten, schafften wir auf diese Weise nur 75 Prozent der Strecke bei Windstille und selbem Krafteinsatz. Gleichzeitig bedeutete das freilich eine 25 prozentige Verlängerung der Reisezeit. Bei Al Ruways wollten wir den idyllischen Strand-Ausflug von Al Mirfa wiederholen, doch es klappte nicht. Hier war alles sehr industriell, eine große Raffinerie stand am Strand. Immerhin war die Adnoc hier so wenig besucht, dass unsere Ankunft freudig wahrgenommen wurde und wir bei unserer Fahrradpflege schalten und walten konnten, wie uns lustig war (auch unter Einsatz des mit Pistole bewaffneten Luftdruckschlauchs, was wir besonders schätzen.)

Homestay in Al Dhannah

Einige Kilometer hinter der Raffinerie liegt der Wohnort für die Arbeiter, Al Dhannah, der deutliche Anzeichen einer auf dem Reißbrett entstandenen Stadt aufweist. Die identisch aussehenden Wohnhäuser waren verbunden durch hübsch begrünte Straßen, die Quartiersmitte war im nächsten Quartier gespiegelt (oder waren wir hier schon einmal?). Es wäre zum Verirren gewesen, wären wir nicht von Haitham durchgelotst worden. Er sammelte uns ein, als wir gerade an einer Kreuzung standen und etwas sehnsüchtig in Richtung eines Hotels blickten und uns fragten, ob es nicht mal wieder an der Zeit wäre uns etwas zu gönnen. Haitham hielt in seinem SUV-Pickup neben uns und fragte, ob er helfen können. Als sich herausstellte, dass das Hotel wirklich unser Budget überstieg, lud er uns zu sich nachhause zum Übernachten ein und außerdem zu einer Pizza im nahe gelegenen Lavazza-Restaurant.

Wie wahrscheinlich alle Einwohner dieser Planstadt arbeitete Haitham für die Raffinerie (natürlich von Adnoc). Seine Wohnung war eine klassische Junggesellen-Bude: schlecht geputzt und spartanisch möbliert. In den meisten Zimmern gab es gar keine Möbel, nur ein paar Kartons und Bedienungsanleitungen von Elektrogeräten die inzwischen sicher drei weitere Recycling-Zyklen durchlebt haben. Es stellte sich heraus, dass er erst frisch geschieden war und von der 7-Zimmer-Wohnung eigentlich nur eines bewohnte. Auch die 4 Badezimmer brauchte er nicht, die Küche wurde nur zum Kaffee kochen benutzt und der Kühlschrank war ausschließlich mit Softdrinks bestückt. Er arbeite 6 Tage am Stück jeweils 12 Stunden, meistens nachts. Dann habe er 6 Tage frei und führe zu seiner Mutter. Er war ein großer Autofan, hatte in einem der leeren Zimmer aber auch ein Fahrrad geparkt dessen Ritzel allerdings bereits Rost ansetzten.

Doch am Morgen packte uns wieder die Sehnsucht nach dem Highway bzw. wollten wir diese Episode auch nicht unnötig in die Länge ziehen. 110 Kilometer gegen den Wind, in absoluter Ödnis und in geistiger Apathie brachten wir an diesem Tag hinter uns. Doch an jedem Tag unserer Reise passiert etwas besonderes: Kurz vorm körperlichen und geistigen Zusammenbruch und immer noch 15 Kilometer vom Ziel entfernt (wir wollten nicht am Highway sondern etwas abseits am Strand zelten), hielt ein Auto neben Julia und der Fahrer stellte sich als Journalist vor, der ein Interview mit uns führen wollte. Plötzlich aus der Tröge des Tages gerissen, waren wir begeistert und träumten schon von großer Berühmtheit. Natürlich fielen uns die besten Antworten erst nach dem geführten Gespräch ein und zudem fragten wir uns ob wir anstatt des Iran-Bashings nicht mehr über unsere Motivation hätten fantasieren sollen. Nun, da der junge Journalist britischer Herkunft, der aber in Schardscha aufgewachsen war, für ein saudisches Magazin schrieb, könnte dieser Gesprächsschwerpunkt unter Umständen doch genau der richtige gewesen sein. Falls das Interview tatsächlich veröffentlicht wird, geben wir natürlich an dieser Stelle Bescheid!

Wir schafften es dann noch zum Strand von Al Sila mit Picknick-Häuschen und wie so oft schien alles friedlich als wir ankamen und als wir ins Bett krabbelten kam eine Gruppe Rabauken, schmiss am Nachbar-Picknick-Haus den Grill und unerträgliche arabische Musik an und die Ohren mussten mal wieder verstöpselt werden.

Nun waren es nur noch 20 Kilometer bis zur Grenze. Doch wir wollten noch der Adnoc Tschüss sagen und wuschen uns am Morgen ein letztes Mal in dem immer sehr sauberen Tankstellen-Klo. Unsere letzten Dirham investierten wir im bangladeschischen Imbiss in ein zweites Frühstück und nahmen 9 Samosas mit auf den Weg. Und dann hieß es: Rein ins nächste Abenteuer für appi dappi (vollgas)!

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Hier könnt ihr unsere bisher zurück gelegte Route und (meistens) unseren aktuellen Standort sehen.

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14 Gedanken zu “auf dem highway ist die ödnis los 🇦🇪

    1. Nein, nicht aus einer chinesischen Fabrik. Wir lassen sie jeden Morgen von einem äthiopischen Gärtner aus Kenia herüber radeln. Fliegen können wir ja leider niemandem durchgehen lassen.

      1. Aber das kostet ja ein Vermögen, oder beteiligt ihr euch an der allgemeinen gegenseitigen Ausbeutung?

  1. Auf die Frage nach einer Zigarette, schenkte ich einem Amazonfahrer eine Stange polnischer Light-Zigaretten aus dem Nachlass meines Vaters. Er überhäufte mich mit arabischen Segnungen und erzählte mir zum Dank eine Anekdote über sein letztes Dienstfahrzeug. Ich stand dabei im bergischen Graupelschauer auf dem Hof meines Elternhauses und dachte an meinen Bruder und seine Erfahrungen mit arabisch-almanischen Beschenkungsszenen.
    Wallah, ich wünsche Euch Kraft und Seelenfrieden für den Wüstentransit, inschallah sehen wir uns bald wieder, wallah!
    Grüße an Euch auch von Lindzky, Lodzky und Porcellino, Marshallah!

    1. Hast du die Anekdote dann gar nicht mitbekommen, weil du an mich gedacht hast oder war sie zu unanständig um sie hier wieder zu geben?
      Liebe Grüße an alle lieben Menschen im bergischen Graupelschauer

  2. Huhu ihr tapferen Wüstendurchquerenden!
    Wegen zu viel Trubel und hoher Virenlast im Dezember hatte ich kurz den Anschluss verloren was Appi Dappi angeht. Daher habe ich erst gestern bei einem langen Abend am Kaminfeuer von euren Felgenbandproblemen gelesen.
    Ich kann euch berichten, dass wir in der Fahrradwerkstatt herkömmliche Felgenbänder haben, ich bisher aber nicht erlebt habe, dass die zum Einsatz kamen. Wir nehmen stattdessen ein Gewebeklebeband. Das kleben wir einmal rundherum ins Felgenbett. Das Ende ein paar Zentimeter überlappend über den Anfang kleben, mit einer Schere bei der Bohrung für das Ventil durchpiksen. Fertig.
    Was wir nehmen kommt von der Firma Schwalbe und ist 19 mm breit (und wird in der Wüste – genau wie beispielsweise im Sudan – wahrscheinlich nicht zu kriegen sein). Vielleicht tut’s aber auch Isolierband mit Gewebe??
    Schöne Grüße, ich drück euch die Daumen für Rückenwind!

    1. Hey Gesa,
      der nette Mitarbeiter vom Trekstore hatte das Felgenband mit PVC-Klebeband fixiert. Wir haben Schwalbe Felgenband in den Felgen, seit dieser Reperatur hatten wir keine Probleme mehr.
      Leider haben wir inzwischen ernstzunehmendere Probleme. Bei der Abfahrt von unserem ersten Host in Riyadh hat Tilmanns Hinterradnabe komische Geräusche gemacht. Wir waren dann bei Decathlon wo festgestellt wurde, dass das Kugellager verrostet war. Da wurden die Kugeln getauscht und das war’s. 1-2 Tage später habe ich dann festgestellt, dass das Rad sehr schwergängig war und habe irgendwie versucht die Nabe einzustellen. Jetzt war ich beim Fahrradladen und der meinte, dass beim letzten Mal die Nabe falschrum zusammengesetzt worden ist. Jetzt sei die Lagerschale beschädigt aber er hat keinen Ersatz. Wir müssen nun wohl zurück nach Jeddah um es reparieren zu lassen…

  3. Oh no!
    Was für ein Scheiß!
    Klassischer Fall von zerrepariert 😦
    Ich hoffe sehr, dass euch in Jeddah geholfen werden kann!

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