durststrecke – oder wind, sand und ungeziefer 🇴🇲

Es läuft nicht immer rund auf einer Fahrrad-Weltreise

Tag 207 bis 209 (26.10.22 bis 28.10.22)
Distanz: 222 km
Höchster Punkt: 390 m
Tiefster Punkt: 5 m
Rauf: 730 m
Runter: 1.120 m

Wir hatten ja bereits mit allen im Alternativtitel genannten Naturphänomenen ausreichend Bekanntschaft gemacht, aber dies steigerte sich nun, als wir uns im Oman zwischen Wüste und Küste bewegten. Mit mindestens einem dieser lästigen drei Dinge hatten wir zumindest immer zu kämpfen.

Die anfängliche Begeisterung über das wohl schönste Land auf der arabischen Halbinsel wurde deshalb etwas eingetrübt. Zunächst wollten einen kurzen Abstecher machen, um zumindest das nördliche Ende der Rimal al Wahiba Sandwüste zu sehen, die in etwa die selben Ausmaße wie das österreichisch Bundesland Tirol hat. (Nein, der Name hat nichts mit Julias Heimatort Waldhilsbach zu tun, der liebkosend gerne Wahiba genannt wird. Ansonsten waren die Ähnlichkeiten aber frappierend.) Das Angebot eines Fremdenführers der uns umständlich zu sich herübergewinkt hatte uns für 20 Rial mit dem Jeep in die Dünen zu fahren, um dort eine Nacht zu bleiben schlugen wir jedoch aus, da wir ja schließlich mit dem Fahrrad unterwegs waren und bleiben wollten.

Die Sanddünen waren auch sehr beeindruckend, nur wollte sich an deren Rändern leider kein wirklich schöner Zeltplatz finden lassen. Wir hatten eigens das kleine Nest Al Hawiyah angefahren, das rundherum von Dünen umgeben war und somit eine asphaltierte Schneise in die mit Fahrrädern unpassierbare Landschaft geschlagen hatte. Zwischen den einfachen Häusern war allerdings kein gemütliches Fleckchen zu finden und die Einwohner interessierten sich in keinster Weise für uns.

Wir verließen das Dorf daher und fuhren parallel zu den Dünen auf eine Sackgasse zu, denn wir wussten, dass sich die Straße bald in eine Sandpiste verwandeln würde. Wir spekulierten daher darauf, dass sich hier ein geeigneter Ort ergeben sollte, was sich jedoch als falsche Erwartung erweisen sollte. Irgendwann ergaben wir uns unserem Schicksal und schlugen schließlich unser Zelt am Rande dieser verhältnismäßig stark frequentierten Piste auf, um alsbald auf dem Rücken liegend in die Sterne über uns blicken zu können. Eigentlich hätten wir nun doch einigermaßen zufrieden sein können, wenn es nicht plötzlich angefangen hätte zunächst über unsere Greenscreen und schließlich über uns zu krabbeln.

Kleine Karkalaken waren aus ihren Verstecken geschlüpft und machten sich über die krümeligen Reste unseres Abendessens her. Obwohl wir das aus der Körnerstraße gewohnt waren, weckte dies eigentlich keine wohligen Heimatgefühle in uns und angewidert beschlossen wir doch noch einmal den Standort zu wechseln. Wir vermuteten einen Zusammenhang mit den nahegelegenen Treibhäusern und gingen daher von einer nur sehr begrenzt auftretenden Population aus. Der Plan schien aufzugehen, allerdings hatten sich einige Schaben bereits zur Weiterreise mit uns in unsere Taschen eingenistet und sollten erst in den nächsten Tagen nach und nach wieder den Weg hinaus finden. Ein nahe uns angebundenes Kamel grunzte uns nun in den Schlaf.

Dann kehrten wir der Wüste auch schon wieder den Rücken und da wir nun Highway (mit wenig Verkehr) fahren mussten und die Landschaft zunehmend öder wurde, wollten wir uns schnell an die Küste durchschlagen. Als wir durch das Städtchen Al-Kamil wa al-Wafi fuhren wurde nach langer Zeit mal wieder ein Omani auf uns aufmerksam. Nach einem kurzen Gespräch kam ihm kurz, bevor wir uns schon wieder abwenden wollten, die Idee uns auf einen Kaffee einzuladen. Wir sollten allerdings am Tor zu seinem Haus auf ihn warten. Nach wenigen Augenblicken kam er mit zwei Gläsern Saft zurück, Kaffee war wohl aus. Während wir diesen bedächtig ausschlürften, erklärte uns der freundliche Salim, dass die Küstenstadt Al Askarah besonders schön sei, was uns in Träumereien von einer Strandpromenade mit Eiscafe versetzte.

Allerdings waren es bis zum indischen Ozean noch gut 60 km und am Nachmittag setzte ein starker Gegenwind ein. Wir kamen kaum vom Fleck, befanden uns aber ausgerechnet an einer sehr unschönen Passage. Bei diesem Wind hätten wir auf der flachen, uns umgebenden Fläche das Zelt nicht aufbauen können. Wir suchten nach Schutz und hielten an einer neben einer Tankstelle gelegenen Moschee, gerade als viele Gläubige zum Gebet erschienen. Wir schilderte mehreren unsere Lage, in der Türkei und dem Iran wäre nun eine Einladung in die Moschee oder zu jemand nachhause sicher gewesen, doch die Männer erklärten uns einer nach dem anderen, wir könnten nicht im Hof der Moschee nächtigen und eine private Einladung erhielten wir auch nicht.

Wir kämpften uns also weiter durch den Wind, der uns nun auch Sandkörner in die Augen blies, die Julia tagelang nicht mehr heraus bekam. Bei der nächsten Moschee probierten wir erneut unser Glück. Da sie weit abseits des nächsten Dorfes mitten im Nirgendwo an der Straße errichtet worden war und gerade keine Gebetszeit war, war es nicht verwunderlich, dass sie menschenleer war. Dass sie grundsätzlich aber noch in Gebrauch war konnten wir an dem auf einem Teppich im Hof abgestellten Geschirr erkennen, über das sich Myriaden von Fliegen hermachten. Immer wenn der Wind den Teppich umschlug erhob sich der Schwarm in die Luft und waberte bedrohlich über den Speiseresten.

Immerhin konnten wir uns hier halbwegs windgeschützt ausruhen und hofften einfach bald noch eine Menschenseele anzutreffen, die wir Fragen wollten, ob wir innerhalb der Mauern der Moschee unser Zelt aufschlagen könnten. Leider hatten auch die Fliegen bald Wind von unserer Ankunft bekommen und gesellten sich nach und nach zu uns, Gesellschaft auf die wir nun wiederum gut hätten verzichten können. Irgendwann tauchte wie aus dem nichts ein gelassen vor sich hin lächelnder Mann auf, der uns allerdings weitestgehend ignorierte, was uns wiederum ebenfalls von einer Kontaktaufnahme abhielt.

Zur Gebetszeit erschienen dann erstaunlich viele männliche Bewohner des nächstgelegenen Dorfes, die sich als deutlich freundlicher als jene bei der Tankstellen-Moschee erwiesen. Uns wurde geholfen, die Erlaubnis des Imams zu bekommen und der Polizist des Ortes unterhielt sich eine Weile sehr interessiert mit uns, wobei er von unserer Reise ernsthaft fasziniert zu sein schien. Besonders auffällig fragte er uns auch über unsere Ess- und Trinkgewohnheiten aus. Trotzdem überraschend, tauchte er später noch einmal auf, um uns mit Speisen und Getränken zu versorgen, wodurch uns klar wurde, dass er offenbar weniger von dem verstanden hatte, was wir erzählt hatten: Neben Pepsi, Redbull, Wasser, einer kleinen Portion Fritten und Burgerbuns (oder waren es Patties?), entpuppte sich die Hauptattraktion des Tüteninhalts leider als ein Kilo frittierte Hähnchenschenkel. Wir hatten zum Glück ohnehin schon gegessen und konnten die Hühnerteile an einen zum späteren Gebet eilenden Pakistani weiter schenkten.

Am Morgen waren die Scharen an Fliegen zurück, Tilmann wollte sich davon nicht das Frühstück verderben lassen und lieber losfahren, um einen anderen Platz zu wählen. Der Trick hatte ja schon mit den Kakerlaken funktioniert. Aber auch als wir ein Kilometer weiter unsere Oman-Lappen auspackten, waren wir erneut eingehüllt in eine Wolke aus in üblicher Manier nervös herum hampelnden Fliegen.

Immerhin hatte der Wind nachgelassen und wir kamen zügig in das angepriesenen Küstenstädtchen. In den vergangenen Tagen und Wochen hatten wir uns intensiv über unsere Weiterreise den Kopf zerbrochen. Denn offensichtlich war der Oman so gesehen eine ziemliche Sackgasse. Überwiegend von Wasser umringt konnte man auch auf dem Landweg eigentlich nur eine Richtung wählen und zwar zurück in die Emirate. Im südwestlich gelegene Jemen tobt ja schon seit vielen Jahren ein weitestgehend unbeobachteter Bürgerkrieg, während es zu Saudi Arabien keinen Grenzübergang gibt, der mit dem Fahrrad zu empfehlen wäre, wenn man nicht an einem ernstzunehmenden Überlebenstripp interessiert ist.

Wir hatten daher eine Weile die Möglichkeiten eruiert den Oman auf dem Wasserweg zu verlassen. Die von uns dabei präferierte Möglichkeit wäre ein Schiff nach Kenia gewesen. Dazu hatten wir lange darüber nachgedacht in das im Süden gelegene Salalah zu reisen, das den größten Hafen des Landes beherbergt, der sich immerhin auch in den Top 50 der Welt wiederfindet. Nach langer und zäher Internetrecherche, die sogar die gelegentliche Nutzung eines Schiffsradars beinhaltete (um herauszufinden wir regelmäßig Cargo-Schiffe zwischen Salalah und Mombasa verkehren), waren wir jedoch zu dem Schluss gekommen, dass es ziemlich ausgeschlossen ist auf irgendeinem Schiff vom Süden des Omans an die afrikanische Ostküste zu gelangen. Da die Fahrt nach Salalah einen fast 1.000 km langen Ritt durch die Wüste bedeutete hätte, den wir im Anschluss aller Voraussicht nach unverrichteter Dinge auch wieder hätten zurück fahren müssen, hatten wir uns nach langem hin und her dazu entschieden diesen Trip nicht auf uns zu nehmen. Dem ganzen Thema Entscheidungen und Weiterreise werden wir uns in einem späteren Beitrag noch einmal ausführlich widmen. Da wir nun jedoch davon ausgehen mussten, dass wir es ohne zu fliegen gar nicht mehr nach Afrika schaffen würden, es also gar nicht mehr nach Afrika schaffen würden, sah es nun schwer danach aus, dass wir in Al Askarah wohl den südlichsten Punkt unseres gesamten Trips erreichen würden. Eigentlich wollten wir auch nur nach Al Askarah und nicht in das etwas weiter nördlich gelegene Asilah fahren, da ansonsten der südlichste Punkt der Reise auf eine Straßenkreuzung im Nirgendwo 10 km von der Küste entfernt entfallen wäre.

Doch anstelle von beschaulicher maritime Atmosphäre erwarteten uns ärmliche Behausungen, siffige Coffee-Shops und verdeckte Straßen. Wir fuhren schnell weiter Richtung Strand, der südlich des Ortes lag, doch die erhoffte Uferpromenade gab es nur in unseren Träumen. Immerhin bot ein Park mit Toilette und strengem Parkwächter die Möglichkeit sich nach unserem ersten Bad im Indischen Ozean zu waschen. An diesem recht wenig imposanten Strand hatten wir nun also den voraussichtlich südlichsten Punkt unserer Reise erreicht, konnten ihm aber auch nicht böse sein für sein einfaches Erscheinungsbild, denn was ging ihn schon unsere Reise an.

Noch ein wenig von entgangene Abenteuer auf den sieben Weltmeeren träumend, radelten wir nun die Küste nach Norden entlang. Ab Mittags nahm der Gegenwind wieder beträchtlich zu, sodass wir kräftig gegen diesen antreten mussten. In der Folge begann Tilmanns rechter Knöchel zunehmend zu schmerzen, sodass er bald zu reklamieren begann heute nicht mehr sonderlich weit fahren zu können.

Wir brauchten noch Trinkwasser, doch in dieser Gegend gab es nun kaum mehr die praktischen Wasser-Automaten. Verwöhnt davon, wollten wir kein Wasser kaufen und fragten herum, wo es Wasser gäbe. Die Dorfgemeinschaft wollte uns zwar helfen, schien unser Anliegen aber auch nicht wirklich zu verstehen. Sie händigten uns eine Flasche Wasser aus, was natürlich nett war, aber nicht reichte. Zudem wurden uns verschiedene Möglichkeiten zu duschen angeboten und sogar eine kleine österreichische Reisegruppe wollte uns eine Flasche zustecken. Letztendlich entschlossen wir uns auf ungefilterters Hahnwasser zum Waschen und Spülen zurückzugreifen und hofften auf Wasser-Tankstellen am nächsten Tag.

Diese Nacht verbrachten wir in einer Picknick-Hütte am Strand. Salzwasser Dunst und feinster Sand begann in unser Equipment einzuziehen und hatte sich bald überall festgesetzt. Immerhin war jedoch der Knöchelschmerz nicht von großer Nachhaltigkeit und hatte sich nach einem Stützverband und ein wenig Ruhe am nächsten Morgen in Wohlgefallen aufgelöst.

Bedauerlicherweise hatten wir in den vergangenen drei Tagen jedoch nicht nur Ungeziefer, Wassermangel, Wind und öde Landschaften erlebt, auch hatten wir die Omanis, genauer ihre Kinder, von ihrer schlechten Seite kennenlernen müssen. Wie überall auf der Welt waren es auch im Oman die Kinder und Jugendlichen, die sich besonders schlecht benahmen. Wir hatten in der Whatsappgruppe schon von Steinwürfen in der Türkei und versuchten Diebstählen im Iran gelesen und waren froh bisher kaum ernsthaft schlechte Erfahrungen mit Heranwachsenden gemacht zu haben (die Moped-Kids aus dem Iran waren ja in erster Linie lästig gewesen). Im Oman waren wir nun aus dem Schulbus heraus mit Wasser bespritzt worden, vom Straßenrand aus mit „Fuck You“ beschimpft worden und hatten erlebt wie ein Vierjähriger uns entdeckt hatte, mit Höchstgeschwindigkeit barfuß auf einer Schotterpiste, die in unsere Straße mündete hinter uns her gerannt war (wir hatten das zunächst für eine sportliche Herausforderung gehalten), um am Ende seiner Piste angekommen einen Stein aufzuheben und diesen in unsere Richtung (meilenweit an uns vorbei) zu schleudern.

Wir einigten uns darauf, dass wir eine dreitägige Durststrecke natürlich einmal mitmachen konnten, sich der Oman nun aber wieder Mühe geben musste uns zu überzeugen, um nicht am Ende noch einen ähnlichen Verriss wie der Iran über sich ergehen lassen zu müssen.


Wir wollen übrigens den Vorschlag aus dem Kommentar zum Beitrag Hitze aufgreifen und demnächst, so quasi als Zwischenfazit, mal ein Ranking zu den bisher durchreisten Ländern machen. Welche Kategorien würden euch da interessieren? Schreibt es unten in die Kommentare unter unserem Logo!


Hier könnt ihr unsere bisher zurück gelegte Route und (meistens) unseren aktuellen Standort sehen.

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12 Gedanken zu “durststrecke – oder wind, sand und ungeziefer 🇴🇲

  1. Vielen Dank für diesen Blog. Ich lese wirklich sehr gerne Eure Berichte und Geschichten.
    Wie inspirierend, dass ihr euch die ganze Zeit nicht entmutigen lasst!
    Hier meine Vorschläge für rankings:
    – Die schäbigsten Toiletten?
    – Die leckersten Süßspeisen?
    – Das beste Essen!
    – Die besten ruhigen (fast) autofreien Nebenstrecken
    – Die wenigsten Höhenmeter
    – Die beste bzw. einfachste Grundversorgung (Wasser, Nahrung, Fahrradteile, etc.)
    – Die schönste Landschaft.
    – Das billigste bzw. teuerste Land.
    – Die besten Sfogliatelle
    – …

  2. – Die attraktivsten Frauen/Männer
    – Die meisten Magen-Darm-Probleme
    – Die gefährlichsten Situationen (wie oben schon genannt)
    – Die verrücktesten Leute
    – Das leckerste Essen (wie bereits genannt)
    – Der größte Grad an Heimweh
    – Das feierlichste Land

  3. Die größten Zweifel
    Der dickste Muskelkater,
    der schrecklichste Albtraum
    Der glücklichste Traum
    Die heftigste Wut
    Die angenehmste Harmonie
    Der gewaltigste Mut

  4. Die meisten Höhenmeter
    Die anteilig längsten schönen Nebenstrecken
    Das tierfreundlichste Land
    Welche Route/in welchen Ländern würdet ihr am liebsten radeln, wenn ihr nur einen Monat zur Verfügung hättet (noch mit Zug erreichbar)?
    Die häufigste anstrengende Schlafplatzsuche
    Die niedrigste Duschfrequenz
    Die entspannteste und partnerschaftfreundlichste 😄 Zeit

    Vielleicht solltet ihr noch ein Ranking-Quiz für die aufmerksamen Leser machen… wo gab es am meisten Alkohol, wo mussten wir vor dem Kindermachen fliehen… 😂

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