wir hörten die hupen, als wir staub und abgase atmeten 🇮🇷

Tag 157 bis 162 (6.09. bis 11.09.)
Distanz: 425 km
Höchster Punkt: 2.240 m
Tiefster Punkt: 680 m
Rauf: 6.570 m
Runter: 6.880 m

Wie bereits im letzten Beitrag berichtet, werden wir 20 bis 30 mal täglich gefragt “Where are you from?” bzw. in Varianten „Which country?“, „What country city?“ oder auch „How many?“ (wobei die Fragenden hierbei immer unsere Herkunft wissen wollten, mit der Antwort „We are two“ waren sie dementsprechend nicht zufrieden). Häufig war es bei vielen dann auch schon vorbei mit den Englischkenntnissen, sie verstehen die Antwort “Germany” nicht und schauen uns weiter fragend an. Also haben wir uns angewöhnt gleich “Almani” zu sagen. Die Kurden machten daraus “Almanistan”, was uns außerordentlich gut gefiel.

Da wir von anderen Radreisenden hörten, dass die kurdischen Gebiete im Iran besonders schön seien, planten wir unsere Route durch diese bergige Region. Nach mehreren Tagen ätzendem Verkehrs und öder Landschaft waren wir froh, als südlich von Saqqez der Verkehr weniger und die Umgebung etwas interessanter wurde. Trotzdem wollte das Glück noch nicht wieder in unseren Fahrradtaschen einziehen. Wir waren noch immer entnervt von den vergangenen Tagen und mussten am Morgen des 6. September schon wieder den nächsten Platten flicken, diesmal Julias Vorderreifen. Dies erledigten wir mitten in der Sonne neben der Polizei, die an einer Haltebucht eine allgemeine Verkehrskontrolle durchführte. Glücklicherweise hielt sie das davon ab, sich in unsere Angelegenheiten einzumischen. Lediglich gegenüber dem Lkw-Fahrer mussten wir dreimal (so wie es Sitte ist, wenn man etwas wirklich nicht möchte und nicht nur aus Höflichkeit ablehnt) den angeboten Kompressor mit Autoventil ablehnen.

Nach kurzer Zeit stellten wir jedoch fest, dass aufgrund der regelmäßigen Anstiege die Fahrzeuge besonders viel Abgas emittierten. Erneut fielen wir daher auf eine Haupstraßenvermeidung herein, denn die anfänglich noch asphaltierte Straße verwandelte sich kurz hinter einem Dorf erneut in eine staubige Schotterpiste. Das Ergebnis war, dass wir kaum voran kamen.

So schafften wir an diesem Tag lediglich gut 50 km und fanden einen halbwegs passablen Schlafplatz in einem trockenen Flussbett. Peinlich genau achteten wir darauf mit den Reifen bloß nicht durch die überall herumliegenden Dornen zu fahren, was uns glücklicherweise diesmal auch gelang. Trotz dass unser Lager von der Straße aus sehr leicht einsehbar war, blieben wir von Menschen unbehelligt und bekamen lediglich Besuch von einem friedlichen und scheuen Hunderudel. Im Gegensatz zu den Zweibeinern waren die Straßenhunde hier im Land sehr zurückhaltend, bellten kaum und bettelten auch nicht, sondern lugten nur aus sicherer Entfernung aus dem Gestrüpp. Allerdings hörten wir den ganzen Abend einen Schäfer Kommandos brüllen, die unserem Anschein nach bei seinen Schafen auf taube Ohren stießen, denn die Kommandos begleiteten uns bis in den Schlaf, als es bereits finstere Nacht war.

Mit unserer Hygiene sah es inzwischen schlecht aus: Wir hatten uns in den vergangenen Tagen nicht mehr gut waschen können, da wir immer irgendwo nächtigen mussten, wo Beobachter nicht weit waren oder wir unsere Wasservorräte nicht hatten auffüllen können. Die Luft war staubig und trocken, wir hatten viel geschwitzt in der Hitze und kämpften uns inzwischen wieder regelmäßig Berge hinauf. So sehnten wir uns nach einer Duschen und wollten unsere Kleider waschen. Also beschlossen wir seit Langem einmal wieder eine warmshower zu nutzen. Wir fanden ein Angebot in Marivan von einem “cyclist network”, wie sie sich selbst nannten. Auf dem Weg nach Marivan fanden wir mal wieder keinen Rastplatz, der uns etwas Schatten spenden konnte, deshalb hielten wir kurz vor Marivan an einem großen unvollendeten Tankstellenkomplex, um unserem Host mitzuteilen, dass wir bald da wären. Den Standort hatten wir bereits am Vortag per WhatsApp erhalten, es konnte also kaum etwas schief gehen. Des Unterhaltungswertes wegen, hier der Chatverlauf:

Auf dem Parkplatz der im Bau befindlichen Tankstelle wurden wir sogleich von zwei Männern entdeckt, die uns herbeiwinkten. Sie gestikulierten, dass wir in ihr ebenfalls im Bau befindliches Haus kommen sollten, um etwas zu trinken und zu essen. Da uns nach Schatten verlangte und wir Hunger hatten, nahmen wir nach kurzem Zögern dankend an. Die beiden, die dort offenbar eine Art Monteurswohnung teilten, reichten wenig überraschend Tee, Noppenfolie und Fleischspieße.

Als wir das Fleisch ablehnten, ernteten wir eine Menge Unverständnis und bekamen stattdessen Tomaten. Mit den beiden Kurden (deutlich erkennbar durch die traditionellen Pluder-Hosen, die hier jeder Mann trägt, egal welchen Alters) war leider kaum inhaltlicher Austausch möglich, trotzdem fühlten wir uns wohl, lachten viel und einer der beiden sang nach dem Essen noch eine Art Lob-Gesang, der allem Anschein nach eine spontane Improvisation war und uns in die Lobbreisung miteinbezog. Diese Einladung hatte übrigens unseren ersten Aufenthalt in einem iranischen Privathaushalt zur Folge. Schon etwa eine Stunde später betraten wir auch schon den zweiten Haushalt und konnten feststellen, dass die Einrichtung der beiden netten Pluder-Hosen-Träger nicht für einen improvisierten Junggesellen-WG-Haushalt typisch war, sondern tatsächlich den iranischen Durchschnitt abbildete. Es gab quasi keine Möbel, im Bad wurden keine Hygieneartikel aufbewahrt, Stehklos waren Standard, alles war mit Teppichen ausgelegt (auch die Küche) und es wurde auch auf dem Boden gegessen und geschlafen (ohne zusätzliche Matratze o.ä.).

Nach dieser ersten Berührung mit der kurdischen Gastfreundschaft, machten wir uns auf den Weg zu unserer Verabredung für den Abend. Wie ihr oben bereits nachlesen konntet, hatten wir mit unserem Gastgeber vereinbart, dass wir zu ihm nachhause kämen. Am Stadtrand lauerten uns nun zwei Herren mittleren Alters im casual Office-Look mit dem Auto auf und winkten uns heran. Da wir ja regelmäßig versucht wurden auszubremsen, hielten wir schon lange nicht mehr jedes Mal an, fuhren auch diesmal nur winkend weiter und merkten erst später, dass wir nun an unserem Gastgeber vorbei gefahren waren. Nach diesem etwas misslungenen Auftakt (wir fühlten uns an den Brot-Mann erinnert, entschuldigten uns aber diesmal damit, dass wir fantasiert hatten, bei einem Cycling Network vielleicht auf Radfahrer zu treffen) trafen wir uns dann allerdings kurz vor dem vereinbarten Treffpunkt wieder. Die beiden stellten sich als Obaid und Dara vor.

Etwas enttäuscht waren wir schon, dass das Cycling-Network es für nötig befunden hatten uns mit dem Auto abzuholen, obwohl ja ein eindeutiger Standort als Treffpunkt vereinbart war. Andererseits war das ja nichts Neues: Touristen sind grundsätzlich vollkommen hilflos und mit dem Auto geht alles leichter. Trotzdem guter Dinge folgten wir den beiden in Obaids kleines gemütliches Haus in dem wir einigen weiteren weiblichen Familienmitgliedern vorgestellt wurden und erneut auf die möbellose Teppicheinrichtung stießen.

Nun teilte uns Obaid mehrfach mit, dass wir unbedingt das touristisch äußerst interessante Dorf Uraman Takht besuchen sollten, das war ihm wichtiger als uns etwas zu trinken oder die Möglichkeit uns zu waschen anzubieten. Währenddessen tauchte noch ein Onkel auf, der mit gesenktem Kopf ständig nur „sorry“ und „thank you“ von sich gab, uns Kissen zuschob und Wasser reichte, sodass wir bald den Eindruck hatten, dass er an uns seinen Sklaven-Fetisch ausleben wollte. Anschließend wurden wir auch mit einem zweiten Mittagessen versorgt. Da wir wiederum mitteilten, kein Fleisch zu essen, gab es zum zweiten Mal Noppenfolie und rohe, ganze Tomaten, diesmal ergänzt um Reis.

Wir fragten, ob wir duschen und unsere Wäsche waschen könnten. Beides wurde energisch bejaht, dann aber komplizierter als gedacht. Duschen durften wir, allerdings taten wir uns etwas schwer mit den Gegebenheiten: Das Bad bestand nämlich nur aus einem Wasserhahn auf Oberschenkelhöhe sowie eine großen Waschschüssel, die mit (bereits benutztem?) Wasser gefüllt war. Die größere Schwierigkeit stellte die Wäsche dar: Da die Waschmaschine in diesem Haushalt kaputt war, gaben die Frauen an unsere Wäsche selbst waschen zu wollen. Die Kommunikation war wieder nur extrem eingeschränkt möglich, da erneut niemand ernsthaft drei Worte Englisch sprechen konnte und wir auch immer noch nicht Kurdisch oder Farsi gelernt hatten. Wir gingen daher davon aus, die Frauen wollten die Wäsche per Hand machen, was wir entschieden ablehnten und erklärten unsere stark verschmutzten Sachen lieber selber waschen zu wollen. Dies wiederum lehnten unsere Gastgeber ab. Nach einer Weile kam Klarheit in die Angelegenheit: Die Wäsche sollte bei Dara mit der Waschmaschine gewaschen werde. Wir stimmten zu, allerdings passierte dann erst Mal nichts weiter, die Wäsche stand nur vor der Haustür und wir begannen zu zweifeln, ob sie nun auch noch bis morgen trockenen würde.

Da es erst Nachmittag war, ließen wir uns nun noch überreden mit Obaid und Dara zu dem berühmten See nahe der Stadt zu fahren. Unser Interesse hielt sich ehrlich gesagt in Grenzen, aber aufgrund der kaum vorhandenen Englischkenntnisse war auch die Konversation erschöpft und der Google-Translator zu Genüge bemüht, da schien uns eine Sightseeing-Tour doch besser. Wir hatten gehofft ein bisschen Hand an unsere Fahrräder anzulegen, aber auf die Idee wir könnten uns auch alleine beschäftigen, kamen unsere Gastgeber natürlich nicht, ist man hier erst einmal Gast bekommt man das Rund-um-sorglos-Paket und sollte eigene Vorstellungen besser vergessen. Da wir damit gerechnet hatten, stellten wir unsere individualistische Einstellung heute zurück. Etwas irritiert waren wir allerdings, dass wir beim Verlassen des Hauses von den Nichtmitkommenden verabschiedet wurden, als wäre es ein dauerhafter Abschied, hielten das aber zu diesem Zeitpunkt noch für kurdisches Höflichkeitsgebahren.

Der Zeribar See erwies sich dann aber als wirklich sehr hübsch und einen Besuch wert, was man von den meisten Seen im Iran nicht behaupten kann. Der Urimai See, den wir einige Tage vorher gesehen hatten, ist komplett ausgetrocknet. Bei anderen Seen handelt es sich meistens um aufgestaute Flüsse, ihren künstlichen Charakter sieht man ihnen an. Nicht der Zeribar See, der idyllische vor einer Bergkette und mit viel Grün umwuchert am Rande der Stadt liegt. Um es den Seebesuchern angenehm zu machen, gibt es dort eine Promenade mit Geschäften, Cafés, Tretbooten und auf Miniaturgröße geschrumpfte Edelkarossen, die mit einem Tempo von 0,5 kmh von Kindern über den Platz gelenkt wurden. Nach literweise Tee, der uns heute schon gereicht wurde, konnten wir hier in einer Café-Bar einen Kaffee abstauben. Den Aufenthalt in dem Café konnten wir allerdings nicht wirklich genießen.

Die Liegefläche im See-Terrassen-Café lud zwar zur Entspannung ein und da der Wortaustausch mit unseren beiden selbsternannten Fremdenführern langsam zum Erliegen kam, erhofften wir nun einfach in bilateraler Verbundenheit auf den See blicken zu können. Weit gefehlt, denn dieses Land duldet keine Ruhe. Zwei stark geschminkte Frauen, eine parfümiert und die andere Zahnspange tragend, wurden auf uns aufmerksam. Sie hießen uns in ihrem Land, ihrer Stadt und an diesem See willkommen und wollten selbstverständlich auch gemeinsam mit uns abgelichtet werden. Während der Selfie-Session ging die Parfümierte ganz schön auf Tuchfühlung und saß sich trotz der hohen Temperaturen eine Weile fast auf Julias Schoß, was aufgrund der beiderseitigen Schweißausbrüche nicht gerade zum Wohlbefinden betrug.

Da auch die beiden kein Englisch konnten, wurde der Bruder in England angerufen, der nun mit uns telefonieren sollte. Eine beliebte Taktik, die wir bereits kannten und noch häufig erleben sollten. Die jeweiligen Telefon-Joker fanden diesen Vorgang offensichtlich normal, wir hingegen empfinden es immer als etwas befremdlich, umständlich und sinnlos. Durch den Videocall und die Umgebungsgeräusche versteht man sich nicht besonders gut und trotz der besseren Sprachkenntnisse, bleibt das Gespräch oberflächlich. Auch in diesem Fall wurden wir wieder nur gefragt, was wir denn bräuchten (und wir waren ja offensichtlich schon überbetreut) und es wurde uns etwas über den See berichtet, dass uns bereite Dara und Obdai vermittelt hatten, indem sie uns den Wikipedia-Artikel dazu in die Hand gedrückt hatten. Dort hatten wir zumindest auch korrekte Informationen nachlesen können, der Angerufene behauptete nämlich, dass der Zeribar See der zweitgrößte Süßwassersee der Welt sei (tatsächlich ist das der Viktoria See, der 9.185 mal größer ist als der Zeribar See. Der Zeribar See ist etwa so groß wie der Müggel See in Berlin.). Nichtsdestotrotz spielten wir brav mit und hatten (noch) einigermaßen gute Laune.

Unsere Stimmung kippte allerdings, als wir wieder am Haus unseres vermeintlichen Gastgebers Obaid ankamen und nun mitgeteilt bekamen, dass wir dieses nun direkt wieder verlassen sollten. Das konnten wir wiederum nur schlussfolgern, weil uns der Sklaven-Onkel mit gebeugtem Kopf Warnwesten in die Hand drückte, die wir für die Fahrt mit dem Fahrrad anziehen sollten. Onkel Sklave war dabei wohl entgangen, dass wir von Deutschland bis in den Iran ohne Warnwesten gefahren waren (obwohl wir welche dabei haben) und für eine Fahrt durch seine Heimatstadt nun nicht unbedingt damit versorgt werden müssten. Wir ahnten, dass wir woanders übernachten sollten, doch die 4 Männer (es war ein junger finster dreinblickender Mann mit Anglerhut hinzugestoßen) und ein weiterer Telefon-Joker plapperten unter vielfachem entschuldigen so durcheinander, dass wir gar nichts verstanden.

Es dauerte bestimmt 10 Minuten bis die Situation geklärt werden konnte und wir brachen etwas genervt auf zu unserem Nachtlager, zu dem wir nun von dem 4. Mann geleitet wurde, indem er mit seinem Fahrrad – und Warnweste – voraus fuhr. Die Warnweste schien hierbei als Ersatz für eine Fahrradbeleuchtung zu dienen, über die wir natürlich mit unserem Highend-Produkt, dem Son-Nabendynamo verfügen. Der Radfahrer war uns als Cycling-Network-Manager (CNM) (das zur Green Hamrkaban Gruppe (GHG)) gehörte, deren Manager wiederum Obaid war) vorgestellt worden. Ob GHG nun eigentlich das Cycling Network war oder umgekehrt oder das eine jeweils eine Untergruppe des anderen war, konnten wir nicht erschließen. Jedenfalls stellte sich heraus, das GHG eine breit aufgestellte Umwelt-Organisation ist, die neben Fahrradausflügen, Müllsammelaktionen und Baumpflanzungen durchführt sowie Hütten für Straßenhunde baut. Die Unterbringung von Cycling Tourists war ebenfalls ein Standbein der NGO und jedem Radreisenden wird für die Ankunft in Marivan ein persönliches Zertifikat ausgestellt.

CNM ließ es sich zudem nicht nehmen unseren Einkauf, den wir unterwegs noch erledigten, zu zahlen und uns spät am Abend zwei Camping Gasflaschen zu besorgen, obwohl wir nach einem Laden gefragt hatten und nicht darum gebeten hatten, dass uns alles abgenommen wird. Diesen Aspekt der Gastfreundlichkeit oder Gastfreudigkeit fanden wir besonders unangenehm und verstanden den Sinn dahinter auch nicht wirklich. Nicht nur an seinem krude zusammengeschraubten Fahrrad war zu erkennen, dass er über weitaus weniger Geld verfügte als wir und es war ja auch nicht so, dass diese Einkäufe der Versorgung des gemeinsamen Abend dienten sollten, sondern unsere Versorgung für den kommenden Tag auf der Straße sichern sollten.

Während der angeblich 5 Kilometer, tatsächlich aber 8 Kilometer langen Fahrt fragte uns CNM mehrfach, ob wir müde seien und lieber ins Auto wechseln würden. Selbstverständlich schaffen wir 8 Kilometer selbst wenn wir müde sind und fragten uns, wie sich der Vorgang nun entwickelt hätte, hätten wir sein Angebot angenommen. Was wäre wohl mit unsere Rädern geschehen? Selbstverständlich hätten die bemühten Gastgeber eine Lösung gefunden, allerdings so kompliziert, dass wir es uns kaum ausmalen konnten.

In unserem Domizil angekommen, wurden wir von einem Herren mittleren Alters im rosa Poloshirt empfangen. Langsam wurde es unübersichtlich für uns, weshalb ihr hier auch kaum Namen lesen könnt. Im Schlepptau hatten wir immernoch den CNM und die zwei Freunde vom Empfangskomitee. Für unseren Geschmack waren dies genug neue Bekanntschaften für einen Tag, doch als wir das Wohnzimmer des modernen Hauses betraten, erwartete uns eine kurdische Großfamilie von Kind bis Oma. Versteinert lächelnd raunte Julia Tilmann zu: „sowas machen wir nie wieder“ (und ahnte dabei noch nicht wie unrecht sie damit haben sollte).

Die Hoffnung bald schlafen zu können verflog. Wir wurden auf die an der Wand aufgereihten Polstermöbel platziert während die ganzen Herren in der anderen Ecke des Raumes auf dem Boden Platz nahmen. Die Damen waren in der offenen Küche mit Teppichboden damit beschäftigt Essen für die ca. 15 anwesenden Personen zuzubereiten. Als dieses fertig war, wurde ein langes Plastiktuch auf dem Boden ausgebreitet und alle hockten sich mit verschränkten Beinen, um die Decke, bis auf die Frauen, die sich um alles gekümmert hatten, sie mussten in der Küche essen. Dies konnten wir übrigens nur in dieser Familie beobachten und hängt vermutlich damit zusammen, dass die Kurden im Iran sehr religiös und konservativ sind.

Noch bevor alles aufgetischt war begann der Großvater mit dem Essen. Auch wir wurden aufgefordert loszulegen. Obwohl seit mittags bekannt war, dass wir kein Fleisch essen und dies vom CNM auch noch einmal während des Aufenthaltes im Supermarkt telefonisch weitergegeben worden war, gab es mal wieder: Noppenfolie, Reis und Fleisch. Als wir letzteres ablehnten, wurde uns ein Fleisch-Gericht mit Pilzen angeboten. Noch bevor wir unsere Reise antraten, hatten uns einige in Deutschland gefragt, wie wir es bei Einladungen halten würden mit unserer veganen Ernährung. Ist es unhöflich das selbst zubereitete Essen abzulehnen, auch wenn es Fleisch ist? Wir versuchen jedes Mal rechtzeitig mitzuteilen, dass wir kein Fleisch essen, so auch hier. Wir möchten an unseren Idealen festhalten und wüssten auch nicht, weshalb wir unseren Gastgebern unsere Wertvorstellung vorenthalten sollten, schließlich geht es hier ja auch um einen kulturellen Austausch. Uns wurde also wieder eine Schüssel ganzer roher Tomaten hingestellt und auch wenn wir mit einer einfachen Speise zufrieden sind, konnten wir hier unser bisheriges Urteil, dass die iranische Küche nicht viel Abwechslung und nicht viel Raffinesse beinhaltet, nicht revidieren. Es wurde ein langer Abend mit zähen Gesprächen und endlosen Fotoessions.

Als nach dem Essen Tee gereicht wurde, wurden wir hier wie bei allen vorangegangen Einladungen aufgefordert mindestens drei Stücke Würfelzucker zu nehmen und wir hatte stets den Eindruck, dass die Ablehnung als unhöflich aufgefasst wurde. Irgendwann war man fast gewillt zu erwidern: „Guckt euch mal eure Zähne an und dann unsere, dann wisst ihr warum wir es für sinnvoll erachten gelegentlich auf Zucker zu verzichten.“ Bei den Kurden war es sogar üblich einen Würfel in den Mund zwischen die Zähne zu klemmen während man den Tee daran vorbei schlürfte. Völlig auf Zucker und Teein war die Gesellschaft im Gegensatz zu uns nicht müde. Wie wir aber noch häufig beobachten sollten, war es auch völlig normal unter Iranern sehr spät ins Bett zu gehen und früh wieder auf den Beinen zu sein, scheinbar reicht diesem Volk ca. 4 Stunden Schlaf aus.

Der Herr im lachsfarbenen Poloshirt konnte sich (mit Ausnahme eines etwa 12-jährigen Jungen) noch am besten auf Englisch verständlich machen und fungierte als Kommunikationsoffizier. Er erklärte uns, dass wir unbedingt für CNM noch ein Werbevideo aufnehmen müssten, indem wir ihn, GHG, das Cycling-Network und Marivan über den grünen Klee loben sollten. Als Beispiel zeigte er uns ein Video eines vor uns durch Marivan gereisten Radreisenden, der mit selbem Ansinnen vor die Kamera gezerrt worden war. Seinem Gesichtsausdruck nach fühlte er sich dabei ähnlich unwohl, wie der zweite Protagonist in dem berühmten „Sexy Playboy“ TV Total Nippel. Wir nickten und hofften das Anliegen würde im allgemeinen Trubel untergehen.

Als wir es ungefilmt doch wagten, zu sagen, dass wir schlafen wollten, war der Rest der Versammlung noch lange nicht bereit die Feier abzubrechen. Nun trauten sich die Damen aus der Küche und begannen mit einer Vorstellungsrunde und Fragen, was unsere Bettgehzeit noch weiter verzögerte. Unsere Wäsche war übrigens noch nicht wieder aufgetaucht.

Wie angekündigt standen wir am nächsten Morgen um halb 6 Uhr auf und machten uns fertig. Der Sack mit unserer Wäsche wartete auf der Treppe. Einige Familienmitglieder schliefen in ihrer Polyesterdecken gerollt auf dem Boden im Wohnzimmer mit offener Tür zum Flur. Wir wollten niemanden wecken, um uns ein Frühstück zu bereiten und wären eigentlich auch froh gewesen uns nun klammheimlich davonzuschleichen, doch als wir gerade die letzten Handgriffe an unseren Fahrrädern tätigen, kam CNM ganz aufgeregt die Treppe hinunter und fürchtete offensichtlich, seine Gäste könnten ohne Frühstück das Haus verlassen haben.

Beim Frühstück blieb es nicht, denn wir wurden noch mit Proviant versorgt und Julia schließlich noch mit einem gold-glitzernden Armband. Schließlich begleitete uns CNM mit dem Fahrrad bis zum Ortsausgang und kündigte an, auf dem Weg ein Video mit uns drehen zu wollen. Die Kommunikation an diesem Morgen lief ausschließlich mit Mimik, Gestik und natürlich einer Übersetzungssoftware. Unterwegs versuchte CNM uns energisch vor ein paar bellenden aber harmlosen Hunden zu schützen, was für uns, die wir nun mit aller Art von Hundeangriffen vertraut waren, nur mit einem Schmunzeln quittiert wurde. Da wir als CNM uns vermittelte, wir könnten nun alleine weiterfahren, noch immer ungefilmt waren, fragten wir höflichkeitshalber, ob wir nun das Video drehen sollten. CNM schrieb uns auf, was wir alles über ihn sagen sollten und verschwand dann ohne uns gefilmt zu haben. Offenbar war er zu der Überzeugung gelang, dass die erbetenen Lobeshymnen von uns nun per Mund-zu-Mund-Propaganda weitergegeben würden.

Als wir wieder zu zweit waren, fühlten wir uns befreit und radelten euphorisch den vor uns liegenden Bergen entgegen. Der ganze Trubel war uns doch eine Nummer zu groß. Wir hatten im Hostel in Täbris bereits mit einer jungen Iranerin über den Unterschied von Familien in Deutschland und Iran gesprochen. Sie meinte, deutsche Familien seien sich nicht so nah. Wir relativierten das diplomatisch, denn auch wir fühlen uns eng mit unseren Familien verbunden. Aber langsam begriffen wir, dass hier wirklich eine andere Art von Nähe vorherrschte. Den Inhalt der Gespräche zwischen den Familienmitgliedern können wir nicht beurteilen, aber es wurde uns sehr deutlich, dass sich die Menschen körperlich sehr nahe sind und das außerdem die meiste Zeit des Tages. Es wirkt auf uns, als ob innerhalb der Familie kein Wunsch besteht, auch mal alleine sein zu wollen. Die Wohnung bestehen ob klein oder groß aus einem zentralen Raum in dem alles passiert: kochen, essen, schlafen und einfach rumsitzen. Eigene Räume für einzelne Menschen sind auch in offensichtlich wohlhabenderen Haushalten überwiegend nicht vorgesehen. Aber auch gegenüber uns als Fremden gibt es kaum Distanz. In diesem Punkt fällt es uns schwer aus unserer Haut zu kommen, wie brauchen unseren Rückzugsraum und schätzen es allein zu sein, etwas, das man als Radfahrer nicht immer sicherstellen kann, da wir keinen „save space“ mit uns führen, wie beispielsweise Reisende, die mit einem Campingbus oder Expeditionsmobil unterwegs sind. Wie wir von vielen anderen Radreisenden gehört haben, geht es nicht nur uns so: Auch wenn viele die Gastfreundlichkeit/Gastfreudigkeit der Iraner schätzen, gibt es wahrscheinlich ebenso viele, die diese ganz klar ablehnen und sich kaum einladen lassen.

Wir haben diesbezüglich sehr zwiespältige Gefühle: Die unvoreingenommene Offenheit und herzliche Aufnahme in die Familien ist bewundernswert, aber wieso behandelt man uns wie Kinder, lässt uns absichtlich im Unklarer darüber, wo wir schlafen werden, bezahlt Einkäufe, die wir uns selbstverständlich leisten können, warnt und schützt uns vor Gefahren, die nicht existieren? Mit großem Interesse kommen wir in Kontakt mit den Menschen und erfahren etwas über ihre Leben und ihren Alltag, allerdings müssen wir jedes Mal durchsetzen, dass unsere Werte und Grenzen respektiert werden und wir die Ruhe finden, die wir nach einem anstrengenden Tag auf der Straße dringend nötig haben. Übrig bleibt bei uns häufig ein schlechtes Gewissen, da wir das Gefühl haben unsere Gastgeber hätten mehr von uns erwartet – mehr getrunkenen Zucker, mehr verzehrtes Fleisch, mehr gemeinsame Zeit….

Über die Unterschiede der Kulturen grübelnd, drangen wir nun noch tiefer nach Kurdistan vor. Die Landschaft wurde nun wirklich sehenswert (wobei das Niveau niemals wirklich den vor kurzem bereisten Süden Armeniens überbieten konnte), aber auch anstrengender zu durchqueren. Zunächst fuhren wir durch eine Felsenschlucht und dann stetig bergauf. Gegen Nachmittag erreichten wir den touristisch relevanten Ort Uraman. Besonders hier fiel uns auf, dass auch alle Frauen und auch die Mädchen – von denen uns einige ärgerten, während wir Wasser holten – die traditionelle Kleidung aus langen taillierten Kleider, kleinen Westen und verzierten Kopftüchern trugen, ein Outfit das eine Karnevalsbesucherin im weit entfernten Rheinland womöglich als Zigeunerin missinterpretieren würde. Allerdings war Tag 159 unserer Reise auch ein Donnerstag, also bereits Wochenende und uns wurde vermittelt, dass die Mädchen eine Art religiösen Unterricht besuchten, vermutlich vergleichbar mit der Konfirmationsschule.

Die alten Dörfer hier waren todesmutig in den Hang gebaut. Uns stockte der Atem, als uns nach den letzten Kuppe, die wahrscheinlich serpentinenreichste Abfahrt unserer ganzen bisherigen Reise entgegenlachte. Aufgrund der zahlreichen Kurven konnte Tilmann diese nicht in gewohnter halsbrecherischer Marnier herunterbrettern. Etwas schwierig gestaltet sich in dieser Gegend das Finden von geeigneten Rast- und Schlafplätzen, da die steilen Hänge keinen Platz für ein Zelt ließen. Wir entschlossen uns schließlich, noch zum Fluß unten im Tal zu fahren und fanden dort tatsächlich ein hübsches Ufer vor, das allerdings bereits von einigen Iranern bevölkert wurde, die mit ihren Autos ans Ufer gefahren waren, dort Angelten, ein Lagerfeuer entzündeten und ihre typisch iranischen mannshohen Wurfzelte aufgestellt hatten. Wir begannen uns damit abzufinden, dass man in diesem Land nie wirklich alleine ist. Wie uns ein Iraner, den wir bereits in Yerevan kennengelernt hatten via Instagram schrieb, seien die Iraner große Fans von „Outdoor-Activities“, diese beschränken sich aber auf die vorgenannten Aktivitäten. Wandernde oder Radfahrende Iraner hatten wir bei unserem gesamten Aufenthalt im Land kaum erblicken können, weshalb man berichtigend sagen muss, die Iraner sind große Fans von „Auto-Activities“. Die sogenannten Outdoor-Fans bilden an Donnerstagen und Freitagen lange Schlangen aus weißen Autos, fahren 300 km „ins Grüne“, um sich dort neben ihr Auto an den Straßenrand zu setzen uns zu picknicken, sportliche Aktivitäten sind dabei nicht vorgesehen.

Da am nächsten Tag Freitag war eskalierte die Situation auf der Straße nun endgültig. Jedes Auto, und derer gab es heute nun genauso viele wie auf der Autobahn Richtung Täbris, das uns sonderbare Touristen auf dem Fahrrad sah, hupte uns an oder schrie uns irgendetwas zu. Wir ackerten uns die Berge hoch und wurden von den Abgasen vergiften und mit jedem Hupen stieg der Stresspegel. In uns begann sich der Eindruck zu manifestieren, dass nur sehr unempathische Menschen meinen können, es sei angenehm als Radfahrer permanentem Gehupe ausgesetzt zu sein. Natürlich wurden wir auch mehrfach für ein gemeinsames Foto ausgebremst, bekamen aber nicht ein einzige Weintraube, Süßigkeit oder wenigstens eine Flasche Eiswasser als Schmerzensgeld gereicht. Die Kurden schienen am Freitag vollkommen zu überdrehen, was wir an einigen uns besonders eingeprägten Episoden beleuchten möchten:

Während eines weiteren schweißtreibenden Anstiegs hielt ein Auto kurz vor Tilmann, dem eine Gruppe junger Kurdinnen und Kurden entsprang. Sogleich begannen sie auf der Straße mit ineinander gehackten Armen zu tanzen und dabei zu singen und diese Darbietung war offenkundig exklusiv für Tilmann inszeniert worden. Dieser wollte jedoch nicht schon wieder anhalten, die kleine Nummernrevue aber immerhin mit einem High-Five honorieren. Der Adressat, der im Vorbeifahren ausgestreckten Hand zog die Seine aber im entscheidenden Moment weg und so fragten wir uns nicht zum ersten Mal, ob nicht einige der an uns gerichteten Kontaktaufnahmen auch mit einem kleineren oder größeren Anteil Hohn versehen waren.

Auf einem ebenen Abschnitt gestikulierte uns bzw. den vorausfahrenden Tilmann wieder einmal ein junger Mann anzuhalten, was Tilmann nur mit einem Winken erwiderte. Der Stehengelassene sprang daraufhin in sein Auto, holte zu Tilmann auf und sprach ihn durch das geöffnete Beifahrerfenster an. Er versprach wirklich mit allem helfen zu können, aber als er die Frage ob er den Verkehr ausschalten könne verneinte lehnte Tilmann dankend ab, erklärte natürlich nur einen Spaß gemacht zu haben, wirklich nichts zu benötigen, das Angebot sehr zu begrüßen und wünschte einen angenehmen Tag. Es dauerte allerdings sehr lange bis es der verschmähte Prinz auf weißem Schimmel einsah, beleidigt beschleunigte und bald aus dem Blickfeld verschwunden war. Kurz darauf stand er jedoch am Straßenrand und rief Tilmann spottend zu: „You are missing a big think!“, worauf Tilmann mit „OK“ antwortete. Als Julia kurze Zeit später an dem Retter in der nicht existierenden Not vorbei fuhr rief er: „German people are not friendly!“.

An einem erneuten Aufstieg kam uns ein Auto entgegen, dass plötzlich ohne jede Vorwarnung auf unsere Spur wechselte und laut hupend auf uns zuschoss. Erst im letzten Moment drehte er ab und wir kamen mit dem Schrecken davon.

Einige Kinder auf Motorrädern spielten ein sehr originelles Spiel, indem sie immer wieder drehten, um mehrfach laut rufend und etwas zu nah an uns vorbeifuhren. Dies sollten wir allerdings auch jenseits Kurdistans auch unter der Woche immer mal wieder erleben.

Am Nachmittag erreichten wir den Sirwan-Stausee, wo wir irgendwo in Ruhe und im Schatten rasten wollten, aber es war aussichtslos. Auch das aller schäbigste Fleckchen Haltebucht, das vielleicht gerade noch von ein paar Mülltonnen beschattet wurd war besetzt. Die Kurden bzw. alle Iraner sind bei der Wahl ihrer Ruheplätze wirklich nicht zimperlich. Wir sahen sie später noch oft im Straßengraben neben der Autobahn, auf Verkehrsinseln oder anderen unmöglichen Orten picknicken und schlafen. An einem Krämerladen im Örtchen Hajij, das an diesem Freitag offenbar ununterbrochen von Lautsprecherdurchsagen mit vermutlich religiösen Inhalten bedröhnt wurde, füllten wir unseren Wassersack, da wir von Bergen, Hitze, Verkehr und Menschen inzwischen ziemlich erschöpft bald zur Ruhe kommen wollten.

Doch schon nach wenigen Kilometern stellten wir fest, dass wir es selbst am Ufer des Stausees mit unglaublich steilen Hängen und Anstiegen zu tun bekamen. Es ging teilweise durch unbeleuchtete Tunnel in 12 % Steigung den Berg hinauf, ein Schlafplatz war nicht in Sicht. So entschied sich Julia den Wassersack wieder weitestgehend zu leeren bevor es nun weiter am Ufer entlang auf und ab ging und zusätzlich ein heftiger Wind einsetzte. Aus dem Portal eines Tunnels kam uns eine derart heftige Böe entgegen, dass Tilmann unvermittelt rechtwinklig zur Seite in Richtung Straßenmitte abgedrängt wurde. Glücklicherweise waren die hinter uns fahrenden Autos in diesem Moment besonnen unterwegs, sodass nichts weiter passierte, außer dass sich unserem Vorankommen eine weitere Hürde in den Weg stellte.

Nachdem wir den imposanten Daryan Damm passiert hatten fanden wir doch noch ein Fleckchen Schatten am Rande einer Felswand, wo es allerdings merklich nach Urin roch und wir nicht die Nacht verbringen wollten. Aber auch wir waren inzwischen hart im Nehmen, legten unsere Greenscreen aber dennoch möglichst weit weg von der Mauer an den Rande des Schattens. Dies hatte natürlich zur Folge, dass wir nicht lange im Schatten blieben und machten uns daher bald an den nächsten Aufstieg mit der Absicht sobald wir im nächsten Ort Wasser getankt hatten den nächst besten Platz für unser Zelt in einer Serpentine zu nutzen.

Wasser fanden wir, allerdings keinen Platz zum Schlafen und so mussten wir diesen Anstieg von 660 steilen Metern nun auch noch komplett absolvieren. Immerhin schafften wir das auch bis auf eine leichte Stickstoffdioxid-Vergiftung körperlich unversehrt und teilten uns dann einen ganz passablen Zeltplatz mit einigen Outdoor-Activity-Fans. Da das uns nahe lagernde junge Paar zu der ganz schüchternen Sorte gehörte und die anderen Wochenendausflügler zu weit entfernt waren, wurden wir nur ein ganz klein wenig vom Corona-Knistern der über uns verlaufenden Hochspannungsleitung gestört.

Trotz des passablen Schlafplatz am Ende eines Tages, der uns extrem viel abverlangt hatte, waren wir nun wirklich bedient von diesem Land. Offensichtlich hatte es nichts gebracht, von den Highways auf relativ kleine, steile und schwer passierbare Straßen auszuweichen und so hatten wir keine ernsthafte Hoffnung, dass sich an dieser Situation irgendwo anders im Land etwas ändern sollte. So überlegten wir intensiv, wie wir uns schnellstmöglich aus diesem Schlamassel befreien könnten ohne von unserer Prämisse abzuweichen jeden Weg, wo es theoretisch möglich war, mit dem Rad zurückzulegen. Wir erwogen ernsthaft auf dem kürzesten Weg an den nördlichsten Punkt des Persischen Golfs vorzudringen und diesem Albtraum mit einer Fähre nach Kuwait zu entfliehen, auch wenn uns das vorkam wie vor dem Feuer in die Arme eines Wahnsinnigen zu fliehen. Wir vertagten die Entscheidung auf den geplanten nahenden Ruhetag in Kermansha.

Egal wo wir Pause machten in diesen Tagen (und eigentlich blieb das über weite Teile unserer Iran-Passage auch so), kam, auch wenn zunächst keiner in Sicht war, immer irgendwo doch ein Iraner hervor, setzte sich neben uns, erkundigte sich über unsere Herkunft und über unser Befinden. So auch an diesem Tag in der Stadt Paveh, die wir am Vormittag durchfuhren und nach Betrachtung auf der Karte für ein kleines Nest gehalten hatten. Die in einer Kurve eines Tals gelegene Stadt entpuppte sich dann allerdings doch als erstaunlich groß und stellte verkehrstechnisch mal wieder alles in den Schatten, was wir bisher erlebt hatten. Obwohl man durch ihre Kurvenlage viele Orte innerhalb der Stadt auf sehr kurzem Weg zu Fuß hätte erreichen können, wie die Enterprise, die durch den von ihr gefalteten Raum mit Überlichtgeschwindigkeit reist, zog es offenbar jeder Einwohner und jede Einwohnerin vor, sich auf dem 10-fachen Weg mit dem Auto in der zwanzigfachen Zeit um das Tal zu winden und damit den Weg durch die Hölle zu wählen wie die Event Horizon, jedoch ohne durch ein Wurmloch geflogen zu sein. Das Ergebnis war Stau, durch den wir uns mit unseren Rädern im Zick-Zack versuchten durchzuwinden.

Doch zurück zur Ungestörtheit. Am Ende der Stadt picknickten wir in einem Park, als sich mal wieder eine Dame zu uns gesellte, die sich, wie so oft, den unpassendsten Moment ausgesucht hatte, nämlich als Julia versuchte das letzte Drittel ihres Lavash-Dürüms, das in Auflösung begriffen war noch einigermaßen würdevoll zu Ende zu verspeisen und sich Tilmann gerade mit Resten von bereits benutzen Taschentüchern den aus seinem Lavash-Dürüm herausgequollenen Ketchup aus dem Bart zu wischen versuchte. Offenbar hatte die Dame, die bereits Deutschland bereist hatte, keinerlei Bedenken uns in dieser anmutsarmen Situation auszufragen und, wie so oft, trauten sich durch diesen ersten gemachten Schritt nun auch andere interessierte Passanten an uns heran. Meistens mussten wir dann zunächst die Frage unserer Herkunft erneut beantworten.

Nicht nur weil wir sie so oft beantworten mussten, fanden wir diese Frage besonders dämlich weil eigentlich vollkommen irrelevant zumal wir das Konzept der Nationalität für überholt halten. Wenn wir andere Reisende treffen, wird diese Frage regelmäßig erst sehr spät gestellt und teilweise auch überhaupt nicht. Was daran so wichtig sein soll, wo wir herkommen, erschloss sich anfangs uns nicht, war für die Iraner aber offensichtlich von großer Bedeutung, weshalb wir uns hiermit im nächsten Beitrag auch noch einmal befassen werden. Daher probierte es Tilmann zur Abwechselung ein paar mal mit der Antwort: „We are all children from mother earth my friend!“ Das kam allerdings selten gut an, da es entweder nicht verstanden wurde oder wenn doch verstanden (etwa 5 % der Fälle) offenbar als unhöflich aufgefasst wurde. Wie uns erst rückblickend bewusst wurde, kommen wir aus international sehr durchmischten Gesellschaften, was man von dem abgeschotteten Land Iran nicht behaupten kann. Selbstverständlich sind hier auch andere Nationalitäten anzutreffen (z.B. viele Afghanen und Pakistani, die in den Iran flüchten/auswandern), trotzdem fallen andere Hautfarbenen und anderer Kleidungsstil hier viel deutlicher auf, als etwa bei einem Stadtbummel in der Wiesbadener Kirchgasse.

Wir begannen uns nun regelmäßig bei der Frage, wie uns der Iran gefalle über die Menge des Verkehrs zu beklagen, was immer nur mit einem lachend quittiert wurde. Wenn wir dann darauf beharrten, dass der Iran wirklich „challenging“ sei, wurde einfach weggehört und erzählt man habe Verwandtschaft in Nürnberg oder Hildesheim.

Auch beim Besuch einer wenig spektakulären Tropfsteinhöhle an diesem Nachmittag hörten wir hinter jedem Stalagtiten „Hello, where are you from?“ und wurden mehrfach unfreundlich und ruppig in Position gerückt für die obligatorische Selfie-Trophäe. Einmal war es genug und wir mussten einen älteren Herren deutlich in die Schranken weisen, als er uns mit in sein (vermutlich weit entferntes) Haus dirigieren wollte.

Manche geringfügig besser mit dem Englisch vertrauten Fragesteller fragten auch wohin man reise. Wenn wir dann Isfahan antworteten erhielt man so wertvolle Hinweise, dass diese Stadt „beautiful“ und „old“ sei. Wenn wir allerdings mit „Oman“ unsere Ziele nach dem Iran benannten, waren viele vollkommen aus dem Konzept gebracht, da sie offenbar eigentlich nur hören wollten, dass man aktuell die nächst größere Siedlung ansteuerte, um dann darauf hinzuweisen, dass diese ebenfalls „beautiful“ sei, was selten zutraf.

Wir waren heilfroh an diesem Abend mal einen Wildzeltplatz für uns alleine zu haben, doch wie es das Schicksal so wollte, wimmelt es dort von Fliegen und Wespen und Tilmann wurde gleich gestochen. Uns wurde einfach keine Ruhepause gegönnt und so etablierte sich zwischen uns beiden bei jedem kürzeren oder längeren Stopp den wir machten: „Irgendetwas ist immer!“

Ruhe (vor Mensch und Tier) wollten wir uns nun durch die Einmietung in ein Hostel im etwa 100 km entfernten Kermansha erkaufen. Wir waren den Höllenbergen der Kurdengebiete inzwischen entkommen und bretterten der Metropole daher mit appidappi-Vollgas entgegen. Da wir so gut durchkamen und noch nicht wirklich erschöpft waren, entschieden wir uns dann aber kurz vorher eine weitere Fahrt durch eine Großstadt, in der wir eigentlich gar nichts verloren hatten (und die sicherlich nicht „beautiful“ ist, wie behauptet wurde), zu vermeiden und entdeckten auf Googlemaps in dem noch rund 25 Kilometer hinter Kermansha gelegenen Ort Bisotun ein paar Hotels. Zudem entdeckten wir dort eine offenbar sehenswerte Karawanserei.

So fuhren wir spontan weiter und gerieten ein weiteres Mal in die verkehrlich schlimmste Passage unseren Reise, die uns als „Keks-Gegend“ in Erinnerung bleiben sollte, was dem Horrortrip, den wir dort hatten, namentlich keineswegs gerecht wird. Tatsächlich befanden sich dort unzählige Fabrikverkäufe der nahegelegenen Keks-Industrie und bei einem Stopp, um Wasser zu holen, bekamen wir von den netten Verkäufern eines solchen Outlets einige zum probieren. Diese nette Geste half kaum darüber hinweg, dass rußende Lkws Stoßstange an Stoßstange auf drei Spuren plus dreispuriger Gegenfahrbahn sich mit nicht mal armlängebreitem Abstand an uns vorbei drückten, kein Randstreifen vorhanden war und nur ein mit Scherben überhäuftes Kiesbett die Fahrbahn begrenzte.

Zusätzlich brannte die Sonne vom Himmel und trieb ein starker Querwind Staubwolken in unsere Richtung. Völlig entkräftet kamen wir in einem Vorort von Bisotun an, aber das einzige Luxushotel am Ort war „full“. Dieses war dummerweise in der Karawanserei gelegen und die unfreundlichen Pförtner wollten uns unter keinen Umständen auf das Gelände lassen, damit wir uns diese wenigstens noch anschauen konnten.

Auch wenn die iranischen Ausflügler kein Problem damit hatten, direkt neben der Autobahn ihr Zelt aufzustellen, wollten wir uns hier nicht einreihen. Wir fuhren also noch einmal 5 Kilometer weiter in den Ort und fragten dort nach einem Hotel, in der Hoffnung nun einfach von jemandem nachhause eingeladen zu werden, um dem Horror des Highways zu entgehen. Dann doch lieber wieder Selfie-und-Googletranslator-Sessions. Trotz der üblichen Ansammlung, die sich um uns bildete, blieb eine Einladung aus, stattdessen brachten uns ein junger Mann, indem er mit dem Auto warnblinkend auf dem Highway voraus fuhr, wieder zurück in den bereits besuchten Vorort und es wurde uns eine Ferienwohnung präsentiert. Diese war zwar im persischen Stil ohne Bett aber ansonsten ordentlich und mit großem Innenhof, der von einer hohen Mauer umgeben war und trotzdem noch den Blick frei ließ auf die monumentale Bisotun-Felswand. Trotz der zähen Verhandlungen mit dem Vermieter (wir waren uns nicht sicher, ob wir uns ständig missverstanden oder er uns einfach über den Tisch ziehen wollte) entschieden wir hier einen Ruhetag einzulegen. Der geschützte Hof bot uns endlich einmal Ruhe von dem ständigen Glotzen und Angequatscht werden und wir konnten uns ohne Einmischung der Fahrradpflege widmen.

Die Woche in den Kurdengebieten hatte uns zwar in wesentlich schönere Landschaften geführt, die wir aber trotzdem kaum genießen konnten, da der Verkehr mindestens ebenso schlimm war wie in Woche in West-Aserbaidschan dafür aber die persönlichen Belästigungen sich drastisch erhöht hatten. Wir sahen für unseren Aufenthalt in diesem riesigen Land daher kein Licht am Ende des Tunnels. Aber der Ruhetag brachte dann doch die entscheidende Wende. Wir werden darüber berichten, versprochen!

Hier könnt ihr unsere bisher zurück gelegte Route und (meistens) unseren aktuellen Standort sehen.

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7 Gedanken zu “wir hörten die hupen, als wir staub und abgase atmeten 🇮🇷

  1. Ich glaubs ja nicht, was ich hier lese!!. Muss euch ja wohl glauben, die Fotos zeigen ja die karge Landschaft. Hören und riechen kann man leider nichts, aber man ahnt es. Welche Erfahrung!. Übrigens steht das Kopftuch- in dieser Form geschlungen – der Julia ausgesprochen gut. Bleibt nur noch gute Erholung zu wünschen.

  2. So viele geteilte Eindrücke…. so viele Gedanken dazu….

    Ach, mit Nabendynamo von Son fahren die noblen Herrschaften also…. 🧐

    Beim Bild von der Essensrunde auf dem Teppich habe ich mich nur eins gefragt: Wer von denen ist wohl der Onkel mit dem Sklavenfetisch?!? Wer?? 🤔

    Steht auf den Zertifikaten aus Marivan wirklich „good luck.“?

    In meinem Augen sieht es wohl nach übereifrigen Gastgebern aus? Höflichkeit und Aufdringlichkeit… Wo ist da schon die Grenze?
    Und verpeilte Gastgeber dazu?
    Darum werdet ihr wie unselbständige Personen behandelt und erfahrt nichts rechtzeitig und so weiter….?

    Oh, ihr kennt event horizon? Aber die wollten doch auch einfach nur den Raum falten….

    Ich hoffe ihr kommt dennoch gut und heile weiter. Wie lange braucht ihr wohl noch? Wie lange müsst ihr wohl noch das alles aushalten? Wie groß mag der Iran wohl schon sein? Höchstens 20 Mal so groß wie Deutschland?
    Motivieren… kann ich!

    Na ja ihr seid ja zu Glück schon irgendwie weiter gekommen seit dem Blogbeitrag. 🙂

    1. 🤗
      Son… standard!
      Der Sklavenonkel war bei dieser Runde nicht dabei, wir mussten ja noch einmal umziehen und er durfte nicht mit (was ihn bestimmt befriedigt hat)
      Müssten wir noch einmal nachsehen, aber wenn du es sagst wird es schon stimmen.
      Ja, das ist sicher Teil der Wahrheit.
      Event Horizon… standard!
      Ca. 5x
      Ja, wir haben es geschafft 💪 doch dazu bald mehr…

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